A>>B >>C >> D >>E
F>> G >>H>> I>> J
K >>L>> M>> N>> O
P>> R >>S>> T>> U
V >> W >> X >> Z

New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

Looking for Child to be on Cover of a New Book, 'The Model Child'
PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Iphigenie auf Tauris

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Iphigenie auf Tauris

Pages:
1 | 2 | 3 | 4


This is the 7 bit version, without accents.
Please see file iphgn10.zip or .txt for the accented version.





Iphigenie auf Tauris.
Ein Schauspiel.

Johann Wolfgang von Goethe

Personen:

Iphigenie.
Thoas, Koenig der Taurier.
Orest.
Pylades.
Arkas.
--
Schauplatz: Hain vor Dianens Tempel



Erster Aufzug.


Erster Auftritt.

Iphigenie.
Heraus in eure Schatten, rege Wipfel
Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines,
Wie in der Goettin stilles Heiligthum
Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefuehl,
Als wenn ich sie zum erstenmal betraete,
Und es gewoehnt sich nicht mein Geist hierher.
So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen
Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;
Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.
Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten,
Und an dem Ufer steh' ich lange Tage
Das Land der Griechen mit der Seele suchend;
Und gegen meine Seufzer bringt die Welle
Nur dumpfe Toene brausend mir herueber.
Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern
Ein einsam Leben fuehrt! Ihm zehrt der Gram
Das naechste Glueck vor seinen Lippen weg,
Ihm schwaermen abwaerts immer die Gedanken
Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne
Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo
Sich Mitgeborne spielend fest und fester
Mit sanften Banden an einander knuepften,
Ich rechte mit den Goettern nicht; allein
Der Frauen Zustand ist beklagenswerth.
Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann
Und in der Fremde weiss er sich zu helfen.
Ihn freuet der Besitz; ihn kroent der Sieg!
Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet.
Wie eng-gebunden ist des Weibes Glueck!
Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen,
Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie gar
Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt!
So haelt mich Thoas hier, ein edler Mann,
In ernsten, heil'gen Sklavenbanden fest.
O wie beschaemt gesteh' ich, dass ich dir
Mit stillem Widerwillen diene, Goettin,
Dir meiner Retterin! Mein Leben sollte
Zu freiem Dienste dir gewidmet sein.
Auch hab' ich stets auf dich gehofft und hoffe
Noch jetzt auf dich, Diana, die du mich,
Des groessten Koeniges verstossne Tochter,
In deinen heil'gen sanften Arm genommen.
Ja, Tochter Zeus, wenn du den hohen Mann,
Den du, die Tochter fordernd, aengstigtest,
Wenn du den goettergleichen Agamemnon,
Der dir sein Liebstes zum Altare brachte,
Von Troja's umgewandten Mauern ruehmlich
Nach seinem Vaterland zurueck begleitet,
Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn,
Die schoenen Schaetze, wohl erhalten hast;
So gib auch mich den Meinen endlich wieder,
Und rette mich, die du vom Tod errettet,
Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode!


Zweiter Auftritt.

Iphigenie. Arkas.


Arkas.
Der Koenig sendet mich hierher und beut
Der Priesterin Dianens Gruss und Heil.
Diess ist der Tag, da Tauris seiner Goettin
Fuer wunderbare neue Siege dankt.
Ich eile vor dem Koenig und dem Heer,
Zu melden, dass er kommt und dass es naht.

Iphigenie.
Wir sind bereit sie wuerdig zu empfangen,
Und unsre Goettin sieht willkommnem Opfer
Von Thoas Hand mit Gnadenblick entgegen.

Arkas.
O faend' ich auch den Blick der Priesterin,
Der werthen, vielgeehrten, deinen Blick,
O, heil'ge Jungfrau, heller, leuchtender,
Uns allen gutes Zeichen! Noch bedeckt
Der Gram geheimnisvoll dein Innerstes;
Vergebens harren wir schon Jahre lang
Auf ein vertraulich Wort aus deiner Brust.
So lang ich dich an dieser Staette kenne,
Ist diess der Blick, vor dem ich immer schaudre;
Und wie mit Eisenbanden bleibt die Seele
In's Innerste des Busens dir geschmiedet.

Iphigenie.
Wie's der Vertriebnen, der Verwais'ten ziemt.

Arkas.
Scheinst du dir hier vertrieben und verwais't?

Iphigenie.
Kann uns zum Vaterland die Fremde werden?

Arkas.
Und dir ist fremd das Vaterland geworden.

Iphigenie.
Das ist's, warum mein blutend Herz nicht heilt
In erster Jugend, da sich kaum die Seele
An Vater, Mutter und Geschwister band;
Die neuen Schoesslinge, gesellt und lieblich,
Vom Fuss der alten Staemme himmelwaerts
Zu dringen strebten; leider fasste da
Ein fremder Fluch mich an und trennte mich
Von den Geliebten, riss das schoene Band
Mit ehrner Faust entzwei. Sie war dahin,
Der Jugend beste Freude, das Gedeihn
Der ersten Jahre. Selbst gerettet, war
Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust
Des Lebens blueht in mir nicht wieder auf.

Arkas.
Wenn du dich so ungluecklich nennen willst,
So darf ich dich auch wohl undankbar nennen.

Iphigenie.
Dank habt ihr stets.

Arkas.
Doch nicht den reinen Dank,
Um dessentwillen man die Wohlthat thut;
Den frohen Blick, der ein zufriednes Leben
Und ein geneigtes Herz dem Wirthe zeigt.
Als dich ein tief geheimnissvolles Schicksal
Vor so viel Jahren diesem Tempel brachte,
Kam Thoas dir, als einer Gottgegebnen,
Mit Ehrfurcht und mit Neigung zu begegnen,
Und dieses Ufer ward dir hold und freundlich,
Das jedem Fremden sonst voll Grausens war,
Weil niemand unser Reich vor dir betrat,
Der an Dianens heil'gen Stufen nicht,
Nach altem Brauch, ein blutig Opfer, fiel.

Iphigenie.
Frei athmen macht das Leben nicht allein.
Welch Leben ist's das an der heil'gen Staette,
Gleich einem Schatten um sein eigen Grab,
Ich nur vertrauern muss? Und nenn' ich das
Ein froehlich selbstbewusstes Leben, wenn
Uns jeder Tag, vergebens hingetraeumt,
Zu jenen grauen Tagen vorbereitet,
Die an dem Ufer Lethe's selbstvergessend,
Die Trauerschaar der Abgeschiednen feiert?
Ein unnuetz Leben ist ein frueher Tod;
Diess Frauenschicksal ist vor allen meines.

Arkas.
Den edeln Stolz dass du dir selbst nicht g'nuegest,
Verzeih' ich dir, so sehr ich dich bedaure;
Er raubet den Genuss des Lebens dir.
Du hast hier nichts gethan seit deiner Ankunft?
Wer hat des Koenig trueben Sinn erheitert?
Wer hat den alten grausamen Gebrauch,
Dass am Altar Dianens jeder Fremde
Sein Leben blutend laesst, von Jahr zu Jahr,
Mit sanfter ueberredung aufgehalten,
Und die Gefangnen vom gewissen Tod
In's Vaterland so oft zurueckgeschickt?
Hat nicht Diane, statt erzuernt zu sein,
Dass sie der blut'gen alten Opfer mangelt,
Dein sanft Gebet in reichem Mass erhoert?
Umschwebt mit frohem Fluge nicht der Sieg
Das Heer? und eilt er nicht sogar voraus?
Und fuehlt nicht jeglicher ein besser Loos,
Seitdem der Koenig, der uns weis' und tapfer
So lang gefuehret, nun sich auch der Milde
In deiner Gegenwart erfreut und uns
Des schweigenden Gehorsams Pflicht erleichtert?
Das nennst du unnuetz, wenn von deinem Wesen
Auf Tausende herab ein Balsam traeufelt?
Wenn du dem Volke, dem ein Gott dich brachte,
Des neuen Glueckes ew'ge Quelle wirst,
Und an dem unwirthbaren Todes-Ufer
Dem Fremden Heil und Rueckkehr zubereitest?

Iphigenie.
Das Wenige verschwindet leicht dem Blick,
Der vorwaerts sieht, wie viel noch uebrig bleibt.

Arkas.
Doch lobst du den, der was er thut nicht schaetzt?

Iphigenie.
Man tadelt den, der seine Thaten waegt.

Arkas.
Auch den, der wahren Werth zu stolz nicht achtet,
Wie den, der falschen Werth zu eitel hebt.
Glaub' mir und hoer' auf eines Mannes Wort,
Der Treu und redlich dir ergeben ist:
Wenn heut der Koenig mit dir redet, so
Erleichtr' ihm was er dir zu sagen denkt.

Iphigenie.
Du aengstest mich mit jedem guten Worte;
Oft wich ich seinem Antrag muehsam aus.

Arkas.
Bedenke was du thust und was dir nuetzt.
Seitdem der Koenig seinen Sohn verloren,
Vertraut er wenigen der Seinen mehr,
Und diesen wenigen nicht mehr wie sonst.
Missguenstig sieht er jedes Edeln Sohn
Als seines Reiches Folger an, er fuerchtet
Ein einsam huelflos Alter, ja vielleicht
Verwegnen Aufstand und fruehzeit'gen Tod.
Der Scythe setzt in's Reden keinen Vorzug,
Am wenigsten der Koenig. Er, der nur
Gewohnt ist zu befehlen und zu thun,
Kennt nicht die Kunst, von weitem ein Gespraech
Nach seiner Absicht langsam fein zu lenken.
Erschwer's ihm nicht durch ein rueckhaltend Weigern,
Durch ein vorsetzlich Missverstehen. Geh
Gefaellig ihm den halben Weg entgegen.

Iphigenie.
Soll ich beschleunigen was mich bedroht?

Arkas.
Willst du sein Werben eine Drohung nennen?

Iphigenie.
Es ist die schrecklichste von allen mir.

Arkas.
Gib ihm fuer seine Neigung nur Vertraun.

Iphigenie.
Wenn er von Furcht erst meine Seele loes't.

Arkas.
Warum verschweigst du deine Herkunft ihm?

Iphigenie.
Weil einer Priesterin Geheimniss ziemt.

Arkas.
Dem Koenig sollte nichts Geheimniss sein;
Und ob er's gleich nicht fordert, fuehlt er's doch
Und fuehlt es tief in seiner grossen Seele,
Dass du sorgfaeltig dich vor ihm verwahrst.

Iphigenie.
Naehrt er Verdruss und Unmuth gegen mich?

Arkas.
So scheint es fast. Zwar schweigt er auch von dir;
Doch haben hingeworfne Worte mich
Belehrt, dass seine Seele fest den Wunsch
Ergriffen hat dich zu besitzen. Lass,
O ueberlass ihn nicht sich selbst! damit
In seinem Busen nicht der Unmuth reife
Und dir Entsetzen bringe, du zu spaet
An meinen treuen Rath mit Reue denkest.

Iphigenie.
Wie? Sinnt der Koenig, was kein edler Mann,
Der seinen Namen liebt und dem Verehrung
Der Himmlischen den Busen Baendiget,
Je denken sollte? Sinnt er vom Altar
Mich in sein Bette mit Gewalt zu ziehn?
So ruf' ich alle Goetter und vor allen
Dianen, die entschloss'ne Goettin, an,
Die ihren Schutz der Priesterin gewiss
Und Jungfrau einer Jungfrau gern gewaehrt.

Arkas.
Sei ruhig! Ein gewaltsam neues Blut
Treibt nicht den Koenig, solche Juenglingsthat
Verwegen auszuueben. Wie er sinnt,
Befuercht' ich andern harten Schluss von ihm,
Den unaufhaltbar er vollenden wird:
Denn seine Seel' ist fest und unbeweglich.
Drum bitt' ich dich, vertrau' ihm, sei ihm dankbar,
Wenn du ihm weiter nichts gewaehren kannst.

Iphigenie.
O sage was dir weiter noch bekannt ist.

Arkas.
Erfahr's von ihm. Ich seh' den Koenig kommen;
Du ehrst ihn, und dich heisst dein eigen Herz,
Ihm freundlich und vertraulich zu begegnen.
Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort
Der Frauen weit gefuehrt.

Iphigenie (allein).
Zwar seh' ich nicht,
Wie ich dem Rath des Treuen folgen soll;
Doch folg' ich gern der Pflicht, dem Koenige
Fuer seine Wohlthat gutes Wort zu geben,
Und wuensche mir, dass ich dem Maechtigen,
Was ihm gefaellt, mit Wahrheit sagen moege.


Dritter Auftritt.

Iphigenie. Thoas.

Iphigenie.
Mit koeniglichen Guetern segne dich
Die Goettin! Sie gewaehre Sieg und Ruhm
Und Reichthum und das Wohl der Deinigen
Und jedes frommen Wunsches Fuelle dir!
Dass, der du ueber viele sorgend herrschest,
Du auch vor vielen seltnes Glueck geniessest.

Thoas.
Zufrieden waer' ich wenn mein Volk mich ruehmte:
Was ich erwarb, geniessen andre mehr
Als ich. Der ist am gluecklichsten, er sei
Ein Koenig oder ein Geringer, dem
In seinem Hause Wohl bereitet ist.
Du nahmest Theil an meinen tiefen Schmerzen,
Als mir das Schwert der Feinde meinen Sohn,
Den letzten, besten, von der Seite riss.
So lang die Rache meinen Geist besass,
Empfand ich nicht die oede meiner Wohnung;
Doch jetzt, da ich befriedigt wiederkehre,
Ihr Reich zerstoert, mein Sohn gerochen ist,
Bleibt mir zu Hause nichts das mich ergetze.
Der froehliche Gehorsam, den ich sonst
Aus einem jeden Auge blicken sah,
Ist nun von Sorg' und Unmuth still gedaempft.
Ein jeder sinnt was kuenftig werden wird,
Und folgt dem Kinderlosen, weil er muss.
Nun komm' ich heut in diesen Tempel, den
Ich oft betrat, um Sieg zu bitten und
Fuer Sieg zu danken. Einen alten Wunsch
Trag' ich im Busen, der auch dir nicht fremd
Noch unerwartet ist: ich hoffe, dich,
Zum Segen meines Volks und mir zum Segen,
Als Braut in meine Wohnung einzufuehren.

Iphigenie.
Der Unbekannten bietest du zu viel,
O Koenig, an. Es steht die Fluechtige
Beschaemt vor dir, die nichts an diesem Ufer
Als Schutz und Ruhe sucht, die du ihr gabst.

Thoas.
Dass du in das Geheimniss deiner Ankunft
Vor mir wie vor dem Letzten stets dich huellest,
Waer' unter keinem Volke recht und gut.
Diess Ufer schreckt die Fremden: das Gesetz
Gebietet's und die Noth. Allein von dir,
Die jedes frommen Rechts geniesst, ein wohl
Von uns empfangner Gast, nach eignem Sinn
Und Willen ihres Tages sich erfreut,
Von dir hofft' ich Vertrauen, das der Wirth
Fuer seine Treue wohl erwarten darf.

Iphigenie.
Verbarg ich meiner Eltern Namen und
Mein Haus, o Koenig, war's Verlegenheit,
Nicht Misstraun. Den vielleicht, ach wuesstest du
Wer vor dir steht, und welch verwuenschtes Haupt
Du naehrst und schuetzest, ein Entsetzen fasste
Dein grosses Herz mit seltnem Schauer an,
Und statt die Seite deines Thrones mir
Zu bieten, triebest du mich vor der Zeit
Aus deinem Reiche; stiessest mich vielleicht,
Eh' zu den Meinen frohe Rueckkehr mir
Und meiner Wandrung Ende zugedacht ist,
Dem Elend zu, das jeden Schweifenden,
Von seinem Haus Vertriebnen ueberall
Mit kalter fremder Schreckenshand erwartet.

Thoas.
Was auch der Rath der Goetter mit dir sei,
Und was sie deinem Haus und dir gedenken;
So fehlt es doch, seitdem du bei uns wohnst
Und eines frommen Gastes Recht geniessest,
An Segen nicht, der mir von oben kommt.
Ich moechte schwer zu ueberreden sein,
Dass ich an dir ein schuldvoll Haupt beschuetze.

Iphigenie.
Dir bringt die Wohlthat Segen, nicht der Gast.

Thoas.
Was man Verruchten thut wird nicht gesegnet.
Drum endige dein Schweigen und dein Weigern;
Es fordert diess kein ungerechter Mann.
Die Goettin uebergab dich meinen Haenden;
Wie du ihr heilig warst, so warst du's mir.
Auch sei ihr Wink noch kuenftig mein Gesetz:
Wenn du nach Hause Rueckkehr hoffen kannst,
So sprech' ich dich von aller Fordrung los.
Doch ist der Weg auf ewig dir versperrt,
Und ist dein Stamm vertrieben, oder durch
Ein ungeheures Unheil ausgeloescht,
So bist du mein durch mehr als Ein Gesetz.
Sprich offen! und du weisst, ich halte Wort.

Iphigenie.
Vom alten Bande loeset ungern sich
Die Zunge los, ein lang verschwiegenes
Geheimniss endlich zu entdecken; denn
Einmal vertraut, verlaesst es ohne Rueckkehr
Des tiefen Herzens sichre Wohnung, schadet,
Wie es die Goetter wollen, oder nuetzt.
Vernimm! ich bin aus Tantalus Geschlecht.

Thoas.
Du sprichst ein grosses Wort gelassen aus.
Nennst du Den deinen Ahnherrn, den die Welt
Als einen ehmals Hochbegnadigten
Der Goetter kennt? Ist's jener Tantalus,
Den Jupiter zu Rath und Tafel zog,
An dessen alterfahrnen, vielen Sinn
Verknuepfenden Gespraechen Goetter selbst,
Wie an Orakelspruechen, sich ergetzten?

Iphigenie.
Er ist es; aber Goetter sollten nicht
Mit Menschen, wie mit ihres Gleichen, wandeln;
Das sterbliche Geschlecht ist viel zu schwach
In ungewohnter Hoehe nicht zu schwindeln.
Unedel war er nicht und kein Verraether;
Allein zum Knecht zu gross, und zum Gesellen
Des grossen Donnrers nur ein Mensch. So war
Auch sein Vergehen menschlich; ihr Gericht
War streng, und Dichter singen: uebermuth
Und Untreu' stuerzten ihn von Jovis Tisch
Zur Schmach des alten Tartarus hinab.
Ach und sein ganz Geschlecht trug ihren Hass!

Thoas.
Trug es die Schuld des Ahnherrn oder eigne?

Iphigenie.
Zwar die gewalt'ge Brust und der Titanen
Kraftvolles Mark war seiner Soehn' und Enkel
Gewisses Erbtheil; doch es schmiedete
Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band.
Rath, Maessigung und Weisheit und Geduld
Verbarg er ihrem scheuen duestern Blick;
Zur Wuth ward ihnen jegliche Begier,
Und graenzenlos drang ihre Wuth umher.
Schon Pelops, der Gewaltig-wollende,
Des Tantalus geliebter Sohn, erwarb
Sich durch Verrath und Mord das schoenste Weib,
oenomaus Erzeugte, Hippodamien.
Sie bringt den Wuenschen des Gemahls zwei Soehne,
Thyest und Atreus. Neidisch sehen sie
Des Vaters Liebe zu dem ersten Sohn
Aus einem andern Bette wachsend an.
Der Hass verbindet sie, und heimlich wagt
Das Paar im Brudermord die erste That.
Der Vater waehnet Hippodamien
Die Moerderin, und grimmig fordert er
Von ihr den Sohn zurueck, und sie entleibt
Sich selbst--

Thoas.
Du schweigest? Fahre fort zu reden!
Lass dein Vertraun dich nicht gereuen! Sprich!

Iphigenie.
Wohl dem, der seiner Vaeter gern gedenkt,
Der froh von ihren Thaten, ihrer Groesse
Den Hoerer unterhaelt, und still sich freuend
An's Ende dieser schoenen Reihe sich
Geschlossen sieht! Denn es erzeugt nicht gleich
Ein Haus den Halbgott noch das Ungeheuer;
Erst eine Reihe Boeser oder Guter
Bringt endlich das Entsetzen, bringt die Freude
Der Welt hervor.--Nach ihres Vaters Tode
Gebieten Atreus und Thyest der Stadt,
Gemeinsam-herrschend. Lange konnte nicht
Die Eintracht dauern. Bald entehrt Thyest
Des Bruders Bette. Raechend treibet Atreus
Ihn aus dem Reiche. Tueckisch hatte schon
Thyest, auf schwere Thaten sinnend, lange
Dem Bruder einen Sohn entwandt und heimlich
Ihn als den seinen schmeichelnd auferzogen.
Dem fuellet er die Brust mit Wuth und Rache
Und sendet ihn zur Koenigsstadt, dass er
Im Oheim seinen eignen Vater morde.
Des Juenglings Vorsatz wird entdeckt: der Koenig
Straft grausam den gesandten Moerder, waehnend,
Er toedte seines Bruders Sohn. Zu spaet
Erfaehrt er, wer vor seinen trunknen Augen
Gemartert stirbt; und die Begier der Rache
Aus seiner Brust zu tilgen, sinnt er still
Auf unerhoerte That. Er scheint gelassen
Gleichgueltig und versoehnt, und lockt den Bruder
Mit seinen beiden Soehnen in das Reich
Zurueck, ergreift die Knaben, schlachtet sie,
Und setzt die ekle schaudervolle Speise
Dem Vater bei dem ersten Mahle vor.
Und da Thyest an seinem Fleische sich
Gesaettigt, eine Wehmuth ihn ergreift,
Er nach den Kindern fragt, den Tritt, die Stimme
Der Knaben an des Saales Thuere schon
Zu hoeren glaubt, wirft Atreus grinsend
Ihm Haupt und Fuesse der Erschlagnen hin.--
Du wendest schaudernd dein Gesicht, o Koenig:
So wendete die Sonn' ihr Antlitz weg
Und ihren Wagen aus dem ewg'en Gleise.
Diess sind die Ahnherrn deiner Priesterin;
Und viel unseliges Geschick der Maenner,
Viel Thaten des verworrnen Sinnes deckt
Die Nacht mit schweren Fittigen und laesst
Uns nur die grauenvolle Daemmrung sehn.

Thoas.
Verbirg sie schweigend auch. Es sei genug
Der Graeuel! Sage nun, durch welch ein Wunder
Von diesem wilden Stamme du entsprangst.

Iphigenie.
Des Altreus aelt'ster Sohn war Agamemnon:
Er ist mein Vater. Doch ich darf es sagen,
In ihm hab' ich seit meiner ersten Zeit
Ein Muster des vollkommnen Manns gesehn.
Ihm brachte Klytaemnestra mich, den Erstling
Der Liebe, dann Elektren. Ruhig herrschte
Der Koenig, und es war dem Hause Tantals
Die lang entbehrte Rast gewaehrt. Allein
Es mangelte dem Glueck der Eltern noch
Ein Sohn, und kaum war dieser Wunsch erfuellt,
Dass zwischen beiden Schwestern nun Orest
Der Liebling wuchs, als neues uebel schon
Dem sichern Hause zubereitet war.
Der Ruf des Krieges ist zu euch gekommen,
Der, um den Raub der schoensten Frau zu raechen,
Die ganze Macht der Fuersten Griechenlands
Um Trojens Mauern lagerte. Ob sie
Die Stadt gewonnen, ihrer Rache Ziel
Erreicht, vernahm ich nicht. Mein Vater fuehrte
Der Griechen Heer. In Aulis harrten sie
Auf guenst'gen Wind vergebens: denn Diane,
Erzuernt auf ihren grossen Fuehrer, hielt
Die Eilenden zurueck und forderte
Durch Kalchas Mund des Koenigs aelt'ste Tochter.
Sie lockten mit der Mutter mich in's Lager;
Sie rissen mich vor den Altar und weihten
Der Goettin dieses Haupt. Sie war versoehnt:
Sie wollte nicht mein Blut und huellte rettend
In eine Wolke mich; in diesem Tempel
Erkannt ich mich zuerst vom Tode wieder.
Ich bin es selbst, bin Iphigenie,
Des Altreus Enkel, Agamemnons Tochter,
Der Goettin Eigenthum, die mit dir spricht.

Thoas.
Mehr Vorzug und Vertrauen geb' ich nicht
Der Koenigstochter als der Unbekannten.
Ich wiederhole meinen ersten Antrag:
Komm, folge mir, und theile was ich habe.

Iphigenie.
Wie darf ich solchen Schritt, o Koenig, wagen?
Hat nicht die Goettin, die mich rettete,
Allein das Recht auf mein geweihtes Leben?
Sie hat fuer mich den Schutzort ausgesucht,
Und sie bewahrt mich einem Vater, den
Sie durch den Schein genug gestraft, vielleicht
Zur schoensten Freude seines Alters hier.
Vielleicht ist mir die frohe Rueckkehr nah;
Und ich, auf ihren Weg nicht achtend, haette
Mich wider ihren Willen hier gefesselt?
Ein Zeichen bat ich, wenn ich bleiben sollte.

Thoas.
Das Zeichen ist, dass du noch hier verweilst.
Such' Ausflucht solcher Art nicht aengstlich auf.
Man spricht vergebens viel, um zu versagen;
Der andre hoert von allem nur das Nein.

Iphigenie.
Nicht Worte sind es, die nur blenden sollen;
Ich habe dir mein tiefstes Herz entdeckt.
Und sagst du dir nicht selbst, wie ich dem Vater,
Der Mutter, den Geschwistern mich entgegen
Mit aengstlichen Gefuehlen sehnen muss?
Dass in den alten Hallen, wo die Trauer
Noch manchmal stille meinen Namen lispelt,
Die Freude, wie um eine Neugeborne,
Den schoensten Kranz von Saeul an Saeulen schlinge.
O sendetest du mich auf Schiffen hin!
Du gaebest mir und allen neues Leben.

Thoas.
So kehr' zurueck! Thu' was dein Herz dich heisst,
Und hoere nicht die Stimme guten Raths
Und der Vernunft. Sei ganz ein Weib und gib
Dich hin dem Triebe, der dich zuegellos
Ergreift und dahin oder dorthin reisst.
Wenn ihnen eine Lust im Busen brennt,
Haelt vom Verraether sie kein heilig Band,
Der sie dem Vater oder dem Gemahl
Aus langbewaehrten, treuen Armen lockt;
Und schweigt in ihrer Brust die rasche Gluth,
So dringt auf sie vergebens treu und maechtig
Der ueberredung goldne Zunge los.

Iphigenie.
Gedenk', o Koenig, deines edeln Wortes!
Willst du mein Zutraun so erwiedern? Du
Schienst vorbereitet alles zu vernehmen.

Thoas.
Auf's Ungehoffte war ich nicht bereitet;
Doch sollt' ich's auch erwarten: wusst' ich nicht,
Dass ich mit einem Weibe handeln ging?

Iphigenie.
Schilt nicht, o Koenig, unser arm Geschlecht.
Nicht herrlich wie die euern, aber nicht
Unedel sind die Waffen eines Weibes.
Glaub' es, darin bin ich dir vorzuziehn,
Dass ich dein Glueck mehr als du selber kenne.
Du waehnest, unbekannt mit dir und mir,
Ein naeher Band werd' uns zum Glueck vereinen.
Voll guten Muthes wie voll guten Willens
Dringst du in mich, dass ich mich fuegen soll;
Und hier dank' ich den Goettern, dass sie mir
Die Festigkeit gegeben, dieses Buendniss
Nicht einzugehen, das sie nicht gebilligt.

Thoas.
Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz.

Iphigenie.
Sie reden nur durch unser Herz zu uns.

Thoas.
Und hab' Ich, sie zu hoeren, nicht das Recht?

Iphigenie.
Es ueberbraust der Sturm die zarte Stimme.

Thoas.
Die Priesterin vernimmt sie wohl allein?

Iphigenie.
Vor allen andern merke sie der Fuerst.

Thoas.
Dein heilig Amt und dein geerbtes Recht
An Jovis Tisch bringt dich den Goettern naeher,
Als einen erdgebornen Wilden.

Iphigenie.
So
Buess' ich nun das Vertraun, das du erzwangst.

Thoas.
Ich bin ein Mensch; und besser ist's, wir enden.
So bleibe denn mein Wort: Sei Priesterin
Der Goettin, wie sie dich erkoren hat;
Doch mir verzeih' Diane, dass ich ihr,
Bisher mit Unrecht und mit innerm Vorwurf,
Die alten Opfer vorenthalten habe.
Kein Fremder nahet gluecklich unserm Ufer;
Von Alters her ist ihm der Tod gewiss.
Nur du hast mich mit einer Freundlichkeit,
In der ich bald der zarten Tochter Liebe,
Bald stille Neigung einer Braut zu sehn
Mich tief erfreute, wie mit Zauberbanden
Gefesselt, dass ich meiner Pflicht vergass.
Du hattest mir die Sinnen eingewiegt,
Das Murren meines Volks vernahm ich nicht;
Nun rufen sie die Schuld von meines Sohnes
Fruehzeit'gem Tode lauter ueber mich.
Um deinetwillen halt' ich laenger nicht
Die Menge, die das Opfer dringend fordert.

Iphigenie.
Um meinetwillen hab ich's nie begehrt.
Der missversteht die Himmlischen, der sie
Blutgierig waehnt; er dichtet ihnen nur
Dir eignen grausamen Begierden an.
Entzog die Goettin mich nicht selbst dem Priester?
Ihr war mein Dienst willkommner, als mein Tod.

Thoas.
Es ziemt sich nicht fuer uns, den heiligen
Gebrauch mit leicht beweglicher Vernunft
Nach unserm Sinn zu deuten und zu lenken.
Thu' deine Pflicht, ich werde meine thun.
Zwei Fremde, die wir in des Ufers Hoehlen
Versteckt gefunden, und die meinem Lande
Nichts Gutes bringen, sind in meiner Hand.
Mit diesen nehme deine Goettin wieder
Ihr erstes, rechtes, lang entbehrtes Opfer!
Ich sende sie hierher; du weisst den Dienst.


Vierter Auftritt.

Iphigenie (allein).
Du hast Wolken, gnaedige Retterin,
Einzuhuellen unschuldig Verfolgte,
Und auf Winden dem ehrnen Geschick sie
Aus den Armen, ueber das Meer,
ueber der Erde weiteste Strecken
Und wohin es dir gut duenkt zu tragen.
Weise bist du und siehest das Kuenftige;
Nicht vorueber ist dir das Vergangne,
Und dein Blick ruht ueber den Deinen
Wie dein Licht, das Leben der Naechte,
ueber der Erde ruhet und waltet.
O enthalte vom Blut meine Haende!
Nimmer bringt es Segen und Ruhe;
Und die Gestalt des zufaellig Ermordeten
Wird auf des traurig-unwilligen Moerders
Boese Stunden lauern und schrecken.
Denn die Unsterblichen lieben der Menschen
Weit verbreitete gute Geschlechter,
Und sie fristen das fluechtige Leben
Gerne dem Sterblichen, wollen ihm gerne
Ihres eigenen, ewigen Himmels
Mitgeniessendes froehliches Anschaun
Eine Weile goennen und lassen.



Zweiter Aufzug.


Erster Auftritt.

Orest. Pylades.

Orest.
Es ist der Weg des Todes, den wir treten:
Mit jedem Schritt wird meine Seele stiller.
Als ich Apollen bat, das graessliche
Geleit der Rachegeister von der Seite
Mir abzunehmen, schien er Huelf' und Rettung
Im Tempel seiner vielgeliebten Schwester,
Die ueber Tauris herrscht, mit hoffnungsreichen
Gewissen Goetterworten zu versprechen;
Und nun erfuellet sich's, dass alle Noth
Mit meinem Leben voellig enden soll.
Wie leicht wird's mir, dem eine Goetterhand
Das Herz zusammendrueckt, den Sinn betaeubt,
Dem schoenen Licht der Sonne zu entsagen.
Und sollen Atreus Enkel in der Schlacht
Ein siegbekroentes Ende nicht gewinnen;
Soll ich wie meine Ahnen, wie mein Vater,
Als Opferthier im Jammertode bluten:
So sei es! Besser hier vor dem Altar,
Als im verworfnen Winkel, wo die Netze
Der nahverwandte Meuchelmoerder stellt.
Lasst mir so lange Ruh, ihr Unterird'schen,
Die nach dem Blut ihr, das von meinen Tritten
Hernieder traeufelnd meinen Pfad bezeichnet,
Wie losgelass'ne Hunde spuerend hetzt.
Lasst mich, ich komme bald zu euch hinab;
Das Licht des Tags soll euch nicht sehn, noch mich.
Der Erde schoener gruener Teppich soll
Kein Tummelplatz fuer Larven sein. Dort unten
Such' ich euch auf: dort bindet alle dann
Ein gleich Geschick in ew'ge matte Nacht.
Nur dich, mein Pylades, dich, meiner Schuld
Und meines Banns unschuldigen Genossen,
Wie ungern nehm' ich dich in jenes Trauerland
Fruehzeitig mit! Dein Leben oder Tod
Gibt mir allein noch Hoffnung oder Furcht.

Pages:
1 | 2 | 3 | 4
Copyright (c) 2007. fullstories.net. All rights reserved.