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Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten

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Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten

Johann Wolfgang von Goethe




Inhalt:

Bassompierres Geschichte von der schoenen Kraemerin
Ferdinands Schuld und Wandlung
Der Prokurator




Bassompierres Geschichte von der schoenen Kraemerin

Erzaehlung aus Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten

(1795)




"Der Marschall von Bassompierre", sagte er, "erzaehlt sie in seinen
Memoiren; es sei mir erlaubt, in seinem Namen zu reden:

Seit fuenf oder sechs Monaten hatte ich bemerkt, so oft ich ueber die
kleine Bruecke ging--denn zu der Zeit war der Pont neuf noch nicht
erbauet--, dass eine schoene Kraemerin, deren Laden an einem Schilde mit
zwei Engeln kenntlich war, sich tief und wiederholt vor mir neigte und
mir so weit nachsah, als sie nur konnte. Ihr Betragen fiel mir auf,
ich sah sie gleichfalls an und dankte ihr sorgfaeltig. Einst ritt ich
von Fontainebleau nach Paris, und als ich wieder die kleine Bruecke
heraufkam, trat sie an ihre Ladentuere und sagte zu mir, indem ich
vorbeiritt: "Mein Herr, Ihre Dienerin!" Ich erwiderte ihren Gruss, und
indem ich mich von Zeit zu Zeit umsah, hatte sie sich weiter
vorgelehnt, um mir so weit als moeglich nachzusehen.

Ein Bedienter nebst einem Postillon folgten mir, die ich noch diesen
Abend mit Briefen an einige Damen nach Fontainebleau zurueckschicken
wollte. Auf meinen Befehl stieg der Bediente ab und ging zu der
jungen Frau, ihr in meinem Namen zu sagen, dass ich ihre Neigung, mich
zu sehen und zu gruessen, bemerkt haette; ich wollte, wenn sie wuenschte,
mich naeher kennenzulernen, sie aufsuchen, wo sie verlangte.

Sie antwortete dem Bedienten, er haette ihr keine bessere Neuigkeit
bringen koennen, sie wollte kommen, wohin ich sie bestellte, nur mit
der Bedingung, dass sie eine Nacht mit mir unter einer Decke zubringen
duerfte.

Ich nahm den Vorschlag an und fragte den Bedienten, ob er nicht etwa
einen Ort kenne, wo wir zusammenkommen koennten. Er antwortete, dass er
sie zu einer gewissen Kupplerin fuehren wollte, rate mir aber, weil die
Pest sich hier und da zeige, Matratzen, Decken und Leintuecher aus
meinem Hause hinbringen zu lassen. Ich nahm den Vorschlag an, und er
versprach, mir ein gutes Bett zu bereiten.

Des Abends ging ich hin und fand eine sehr schoene Frau von ungefaehr
zwanzig Jahren mit einer zierlichen Nachtmuetze, einem sehr feinen
Hemde, einem kurzen Unterrocke von gruenwollenem Zeuge. Sie hatte
Pantoffeln an den Fuessen und eine Art von Pudermantel uebergeworfen.
Sie gefiel mir ausserordentlich, und da ich mir einige Freiheiten
herausnehmen wollte, lehnte sie meine Liebkosungen mit sehr guter Art
ab und verlangte, mit mir zwischen zwei Leintuechern zu sein. Ich
erfuellte ihr Begehren und kann sagen, dass ich niemals ein zierlicheres
Weib gekannt habe noch von irgendeiner mehr Vergnuegen genossen haette.
Den andern Morgen fragte ich sie, ob ich sie nicht noch einmal sehen
koennte, ich verreise erst Sonntag; und wir hatten die Nacht vom
Donnerstag auf den Freitag miteinander zugebracht.

Sie antwortete mir, dass sie es gewiss lebhafter wuensche als ich; wenn
ich aber nicht den ganzen Sonntag bliebe, sei es ihr unmoeglich, denn
nur in der Nacht vom Sonntag auf den Montag koenne sie mich wiedersehen.
Als ich einige Schwierigkeiten machte, sagte sie: "Ihr seid wohl
meiner in diesem Augenblicke schon ueberdruessig und wollt nun Sonntags
verreisen; aber Ihr werdet bald wieder an mich denken und gewiss noch
einen Tag zugeben, um eine Nacht mit mir zuzubringen."

Ich war leicht zu ueberreden, versprach ihr, den Sonntag zu bleiben und
die Nacht auf den Montag mich wieder an dem naemlichen Orte einzufinden.
Darauf antwortete sie mir: "Ich weiss recht gut, mein Herr, dass ich
in ein schaendliches Haus um Ihrentwillen gekommen bin; aber ich habe
es freiwillig getan, und ich hatte ein so unueberwindliches Verlangen,
mit Ihnen zu sein, dass ich jede Bedingung eingegangen waere. Aus
Leidenschaft bin ich an diesen abscheulichen Ort gekommen, aber ich
wuerde mich fuer eine feile Dirne halten, wenn ich zum zweitenmal dahin
zurueckkehren koennte. Moege ich eines elenden Todes sterben, wenn ich
ausser meinem Mann und Euch irgend jemand zu Willen gewesen bin und
nach irgendeinem andern verlange! Aber was taete man nicht fuer eine
Person, die man liebt, und fuer einen Bassompierre? Um seinetwillen
bin ich in das Haus gekommen, um eines Mannes willen, der durch seine
Gegenwart diesen Ort ehrbar gemacht hat. Wollt Ihr mich noch einmal
sehen, so will ich Euch bei meiner Tante einlassen."

Sie beschrieb mir das Haus aufs genaueste und fuhr fort: "Ich will
Euch von zehn Uhr bis Mitternacht erwarten, ja noch spaeter, die Tuere
soll offen sein. Erst findet Ihr einen kleinen Gang, in dem haltet
Euch nicht auf, denn die Tuere meiner Tante geht da heraus. Dann stoesst
Euch eine Treppe sogleich entgegen, die Euch ins erste Geschoss fuehrt,
wo ich Euch mit offnen Armen empfangen werde."

Ich machte meine Einrichtung, liess meine Leute und meine Sachen
vorausgehen und erwartete mit Ungeduld die Sonntagsnacht, in der ich
das schoene Weibchen wiedersehen sollte. Um zehn Uhr war ich schon am
bestimmten Orte. Ich fand die Tuere, die sie mir bezeichnet hatte,
sogleich, aber verschlossen und im ganzen Hause Licht, das sogar von
Zeit zu Zeit wie eine Flamme aufzulodern schien. Ungeduldig fing ich
an zu klopfen, um meine Ankunft zu melden; aber ich hoerte eine
Mannsstimme, die mich fragte, wer draussen sei.

Ich ging zurueck und einige Strassen auf und ab. Endlich zog mich das
Verlangen wieder nach der Tuere. Ich fand sie offen und eilte durch
den Gang die Treppe hinauf. Aber wie erstaunt war ich, als ich in dem
Zimmer ein paar Leute fand, welche Bettstroh verbrannten, und bei der
Flamme, die das ganze Zimmer erleuchtete, zwei nackte Koerper auf dem
Tische ausgestreckt sah. Ich zog mich eilig zurueck und stiess im
Hinausgehen auf ein paar Totengraeber, die mich fragten, was ich suchte.
Ich zog den Degen, um sie mir vom Leibe zu halten, und kam nicht
unbewegt von diesem seltsamen Anblick nach Hause. Ich trank sogleich
drei bis vier Glaeser Wein, ein Mittel gegen die pestilenzialischen
Einfluesse, das man in Deutschland sehr bewaehrt haelt, und trat, nachdem
ich ausgeruhet, den andern Tag meine Reise nach Lothringen an.

Alle Muehe, die ich mir nach meiner Rueckkunft gegeben, irgend etwas von
dieser Frau zu erfahren, war vergeblich. Ich ging sogar nach dem
Laden der zwei Engel; allein die Mietleute wussten nicht, wer vor ihnen
darin gesessen hatte.

Dieses Abenteuer begegnete mir mit einer Person vom geringen Stande,
aber ich versichere, dass ohne den unangenehmen Ausgang es eins der
reizendsten gewesen waere, deren ich mich erinnere, und dass ich niemals
ohne Sehnsucht an das schoene Weibchen habe denken koennen."




Ferdinands Schuld und Wandlung

Erzaehlung aus Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten

(1795)


Man kann in Familien oft die Bemerkung machen, dass Kinder sowohl der
Gestalt als dem Geiste nach bald vom Vater, bald von der Mutter
Eigenschaften an sich tragen, und so kommt auch manchmal der Fall vor,
dass ein Kind die Naturen beider Eltern auf eine besondere und
verwundernswuerdige Weise verbindet.

Hievon war ein junger Mensch, den ich Ferdinand nennen will, ein
auffallender Beweis. Seine Bildung erinnerte an beide Eltern, und
ihre Gemuetsart konnte man in der seinigen genau unterscheiden. Er
hatte den leichten und frohen Sinn des Vaters, so auch den Trieb, den
Augenblick zu geniessen, und eine gewisse leidenschaftliche Art, bei
manchen Gelegenheiten nur sich selbst in Anschlag zu bringen. Von der
Mutter aber hatte er, so schien es, ruhige ueberlegung, ein Gefuehl von
Recht und Billigkeit und eine Anlage zur Kraft, sich fuer andere
aufzuopfern. Man sieht hieraus leicht, dass diejenigen, die mit ihm
umgingen, oft, um seine Handlungen zu erklaeren, zu der Hypothese ihre
Zuflucht nehmen mussten, dass der junge Mann wohl zwei Seelen haben
moechte.

Ich uebergehe mancherlei Szenen, die in seiner Jugend vorfielen, und
erzaehle nur eine Begebenheit, die seinen ganzen Charakter ins Licht
setzt und in seinem Leben eine entschiedene Epoche machte.

Er hatte von Jugend auf eine reichliche Lebensart genossen, denn seine
Eltern waren wohlhabend, lebten und erzogen ihre Kinder, wie es
solchen Leuten geziemt, und wenn der Vater in Gesellschaften, beim
Spiel und durch zierliche Kleidung mehr, als billig war, ausgab, so
wusste die Mutter als eine gute Haushaelterin dem gewoehnlichen Aufwande
solche Grenzen zu setzen, dass im Ganzen ein Gleichgewicht blieb und
niemals ein Mangel zum Vorschein kommen konnte. Dabei war der Vater
als Handelsmann gluecklich; es gerieten ihm manche Spekulationen, die
er sehr kuehn unternommen hatte, und weil er gern mit Menschen lebte,
hatte er sich in Geschaeften auch vieler Verbindungen und mancher
Beihuelfe zu erfreuen.

Die Kinder, als strebende Naturen, waehlen sich gewoehnlich im Hause das
Beispiel dessen, der am meisten zu leben und zu geniessen scheint. Sie
sehen in einem Vater, der sichs wohl sein laesst, die entschiedene Regel,
wornach sie ihre Lebensart einzurichten haben, und weil sie schon
frueh zu dieser Einsicht gelangen, so schreiten meistenteils ihre
Begierden und Wuensche in grosser Disproportion der Kraefte ihres Hauses
fort. Sie finden sich bald ueberall gehindert, um so mehr, als jede
neue Generation neue und fruehere Anforderungen macht und die Eltern
den Kindern dagegen meistenteils nur gewaehren moechten, was sie selbst
in frueherer Zeit genossen, da noch jedermann maessiger und einfacher zu
leben sich bequemte.

Ferdinand wuchs mit der unangenehmen Empfindung heran, dass ihm oft
dasjenige fehle, was er an seinen Gespielen sah. Er wollte in
Kleidung, in einer gewissen Liberalitaet des Lebens und Betragens
hinter niemanden zurueckbleiben, er wollte seinem Vater aehnlich werden,
dessen Beispiel er taeglich vor Augen sah und der ihm doppelt als
Musterbild erschien: einmal als Vater, fuer den der Sohn gewoehnlich ein
guenstiges Vorurteil hegt, und dann wieder, weil der Knabe sah, dass der
Mann auf diesem Wege ein vergnuegliches und genussreiches Leben fuehrte
und dabei von jedermann geschaetzt und geliebt wurde. Ferdinand hatte
hierueber, wie man sich leicht denken kann, manchen Streit mit der
Mutter, da er dem Vater die abgelegten Roecke nicht nachtragen, sondern
selbst immer in der Mode sein wollte. So wuchs er heran, und seine
Forderungen wuchsen immer vor ihm her, so dass er zuletzt, da er
achtzehn Jahre alt war, ganz ausser Verhaeltnis mit seinem Zustande sich
fuehlen musste.

Schulden hatte er bisher nicht gemacht, denn seine Mutter hatte ihm
davor den groessten Abscheu eingefloesst, sein Vertrauen zu erhalten
gesucht und in mehreren Faellen das aeusserste getan, um seine Wuensche zu
erfuellen oder ihn aus kleinen Verlegenheiten zu reissen.
Ungluecklicherweise musste sie in eben dem Zeitpunkte, wo er nun als
Juengling noch mehr aufs aeussere sah, wo er durch die Neigung zu einem
sehr schoenen Maedchen, verflochten in groessere Gesellschaft, sich andern
nicht allein gleichzustellen, sondern vor andern sich hervorzutun und
zu gefallen wuenschte, in ihrer Haushaltung gedraengter sein als jemals;
anstatt also seine Forderungen wie sonst zu befriedigen, fing sie an,
seine Vernunft, sein gutes Herz, seine Liebe zu ihr in Anspruch zu
nehmen, und setzte ihn, indem sie ihn zwar ueberzeugte, aber nicht
veraenderte, wirklich in Verzweiflung.

Er konnte, ohne alles zu verlieren, was ihm so lieb als sein Leben war,
die Verhaeltnisse nicht veraendern, in denen er sich befand. Von der
ersten Jugend an war er diesem Zustande entgegen; er war mit allem,
was ihn umgab, zusammengewachsen; er konnte keine Faser seiner
Verbindungen, Gesellschaften, Spaziergaenge und Lustpartien zerreissen,
ohne zugleich einen alten Schulfreund, einen Gespielen, eine neue,
ehrenvolle Bekanntschaft und, was das Schlimmste war, seine Liebe zu
verletzen.

Wie hoch und wert er seine Neigung hielt, begreift man leicht, wenn
man erfaehrt, dass sie zugleich seiner Sinnlichkeit, seinem Geiste,
seiner Eitelkeit und seinen lebhaften Hoffnungen schmeichelte. Eins
der schoensten, angenehmsten und reichsten Maedchen der Stadt gab ihm,
wenigstens fuer den Augenblick, den Vorzug vor seinen vielen Mitwerbern.
Sie erlaubte ihm, mit dem Dienst, den er ihr widmete, gleichsam zu
prahlen, und sie schienen wechselsweise auf die Ketten stolz zu sein,
die sie einander angelegt hatten. Nun war es ihm Pflicht, ihr ueberall
zu folgen, Zeit und Geld in ihrem Dienste zu verwenden und auf jede
Weise zu zeigen, wie wert ihm ihre Neigung und wie unentbehrlich ihm
ihr Besitz sei.

Dieser Umgang und dieses Bestreben machte Ferdinanden mehr Aufwand,
als es unter andern Umstaenden natuerlich gewesen waere. Sie war
eigentlich von ihren abwesenden Eltern einer sehr wunderlichen Tante
anvertraut worden, und es erforderte mancherlei Kuenste und seltsame
Anstalten, um Ottilien, diese Zierde der Gesellschaft, in Gesellschaft
zu bringen. Ferdinand erschoepfte sich in Erfindungen, um ihr die
Vergnuegungen zu verschaffen, die sie so gern genoss und die sie jedem,
der um sie war, zu erhoehen wusste.

Und in eben diesem Augenblicke von einer geliebten und verehrten
Mutter zu ganz andern Pflichten aufgefordert zu werden, von dieser
Seite keine Huelfe zu sehen, einen so lebhaften Abscheu vor Schulden zu
fuehlen, die auch seinen Zustand nicht lange wuerden gefristet haben,
dabei von jedermann fuer wohlhabend und freigebig angesehen zu werden
und das taegliche und dringende Beduerfnis des Geldes zu empfinden, war
gewiss eine der peinlichsten Lagen, in der sich ein junges, durch
Leidenschaften bewegtes Gemuet befinden kann.

Gewisse Vorstellungen, die ihm frueher nur leicht vor der Seele
voruebergingen, hielt er nun fester; gewisse Gedanken, die ihn sonst
nur Augenblicke beunruhigten, schwebten laenger vor seinem Geiste, und
gewisse verdriessliche Empfindungen wurden dauernder und bitterer.
Hatte er sonst seinen Vater als sein Muster angesehen, so beneidete er
ihn nun als seinen Nebenbuhler. Von allem, was der Sohn wuenschte, war
jener im Besitz; alles, worueber dieser sich aengstigte, ward jenem
leicht. Und es war nicht etwa von dem Notwendigen die Rede, sondern
von dem, was jeder haette entbehren koennen. Da glaubte denn der Sohn,
dass der Vater wohl auch manchmal entbehren sollte, um ihn geniessen zu
lassen. Der Vater dagegen war ganz anderer Gesinnung; er war von
denen Menschen, die sich viel erlauben und die deswegen in den Fall
kommen, denen, die von ihnen abhaengen, viel zu versagen. Er hatte dem
Sohne etwas Gewisses ausgesetzt und verlangte genaue Rechenschaft, ja
eine regelmaessige Rechnung von ihm darueber.

Nichts schaerft das Auge des Menschen mehr, als wenn man ihn
einschraenkt. Darum sind die Frauen durchaus klueger als die Maenner,
und auf niemand sind Untergebene aufmerksamer als auf den, der
befiehlt, ohne zugleich durch sein Beispiel vorauszugehen. So ward
der Sohn auf alle Handlungen seines Vaters aufmerksam, besonders auf
solche, die Geldausgaben betrafen. Er horchte genauer auf, wenn er
hoerte, der Vater habe im Spiel verloren oder gewonnen, er beurteilte
ihn strenger, wenn jener sich willkuerlich etwas Kostspieliges erlaubte.


"Ist es nicht sonderbar", sagte er zu sich selbst, "dass Eltern,
waehrend sie sich mit Genuss aller Art ueberfuellen, indem sie bloss nach
Willkuer ein Vermoegen, das ihnen der Zufall gegeben hat, benutzen, ihre
Kinder gerade zu der Zeit von jedem billigen Genusse ausschliessen, da
die Jugend am empfaenglichsten dafuer ist! Und mit welchem Rechte tun
sie es? Und wie sind sie zu diesem Rechte gelangt? Soll der Zufall
allein entscheiden, und kann das ein Recht werden, wo der Zufall
wirkt? Lebte der Grossvater noch, der seine Enkel wie seine Kinder
hielt, es wuerde mir viel besser ergehen; er wuerde es mir nicht am
Notwendigen fehlen lassen; denn ist uns das nicht notwendig, was wir
in Verhaeltnissen brauchen, zu denen wir erzogen und geboren sind? Der
Grossvater wuerde mich nicht darben lassen, so wenig er des Vaters
Verschwendung zugeben wuerde. Haette er laenger gelebt, haette er klar
eingesehen, dass sein Enkel auch wert ist zu geniessen, so haette er
vielleicht in dem Testament mein frueheres Glueck entschieden. Sogar
habe ich gehoert, dass der Grossvater eben vom Tode uebereilt worden, da
er seinen letzten Willen aufzusetzen gedachte, und so hat vielleicht
bloss der Zufall mir meinen fruehern Anteil an einem Vermoegen entzogen,
den ich, wenn mein Vater so zu wirtschaften fortfaehrt, wohl gar auf
immer verlieren kann."

Mit diesen und anderen Sophistereien ueber Besitz und Recht, ueber die
Frage, ob man ein Gesetz oder eine Einrichtung, zu denen man seine
Stimme nicht gegeben, zu befolgen brauche, und inwiefern es dem
Menschen erlaubt sei, im stillen von den buergerlichen Gesetzen
abzuweichen, beschaeftigte er sich oft in seinen einsamen,
verdriesslichsten Stunden, wenn er irgend aus Mangel des baren Geldes
eine Lustpartie oder eine andere angenehme Gesellschaft ausschlagen
musste. Denn schon hatte er kleine Sachen von Wert, die er besass,
vertroedelt, und sein gewoehnliches Taschengeld wollte keinesweges
hinreichen.

Sein Gemuet verschloss sich, und man kann sagen, dass er in diesen
Augenblicken seine Mutter nicht achtete, die ihm nicht helfen konnte,
und seinen Vater hasste, der ihm nach seiner Meinung ueberall im Wege
stand.

Zu eben der Zeit machte er eine Entdeckung, die seinen Unwillen noch
mehr erregte. Er bemerkte, dass sein Vater nicht allein kein guter,
sondern auch ein unordentlicher Haushaelter war. Denn er nahm oft aus
seinem Schreibtische in der Geschwindigkeit Geld, ohne es
aufzuzeichnen, und fing nachher manchmal wieder an zu zaehlen und zu
rechnen und schien verdriesslich, dass die Summen mit der Kasse nicht
uebereinstimmen wollten. Der Sohn machte diese Bemerkung mehrmals, und
um so empfindlicher ward es ihm, wenn er zu eben der Zeit, da der
Vater nur geradezu in das Geld hineingriff, einen entschiedenen Mangel
spuerte.

Zu dieser Gemuetsstimmung traf ein sonderbarer Zufall, der ihm eine
reizende Gelegenheit gab, dasjenige zu tun, wozu er nur einen dunkeln
und unentschiedenen Trieb gefuehlt hatte.

Sein Vater gab ihm den Auftrag, einen Kasten alter Briefe durchzusehen
und zu ordnen. Eines Sonntags, da er allein war, trug er ihn durch
das Zimmer, wo der Schreibtisch stand, der des Vaters Kasse enthielt.
Der Kasten war schwer; er hatte ihn unrecht gefasst und wollte ihn
einen Augenblick absetzen oder vielmehr nur anlehnen. Unvermoegend,
ihn zu halten, stiess er gewaltsam an die Ecke des Schreibtisches, und
der Deckel desselben flog auf. Er sah nun alle die Rollen vor sich
liegen, zu denen er manchmal nur hineingeschielt hatte, setzte seinen
Kasten nieder und nahm, ohne zu denken und zu ueberlegen, eine Rolle
von der Seite weg, wo der Vater gewoehnlich sein Geld zu willkuerlichen
Ausgaben herzunehmen schien. Er drueckte den Schreibtisch wieder zu
und versuchte den Seitenstoss: der Deckel flog jedesmal auf, und es war
so gut, als wenn er den Schluessel zum Pulte gehabt haette.

Mit Heftigkeit suchte er nunmehr jede Vergnuegung wieder, die er bisher
hatte entbehren muessen. Er war fleissiger um seine Schoene; alles, was
er tat und vornahm, war leidenschaftlicher; seine Lebhaftigkeit und
Anmut hatten sich in ein heftiges, ja beinahe wildes Wesen verwandelt,
das ihm zwar nicht uebel liess, doch niemanden wohltaetig war.

Was der Feuerfunke auf ein geladnes Gewehr, das ist die Gelegenheit
zur Neigung, und jede Neigung, die wir gegen unser Gewissen
befriedigen, zwingt uns, ein uebermass von physischer Staerke anzuwenden;
wir handeln wieder als wilde Menschen, und es wird schwer, aeusserlich
diese Anstrengung zu verbergen.

Je mehr ihm seine innere Empfindung widersprach, desto mehr haeufte
Ferdinand kuenstliche Argumente aufeinander, und desto mutiger und
freier schien er zu handeln, je mehr er sich selbst von einer Seite
gebunden fuehlte.

Zu derselbigen Zeit waren allerlei Kostbarkeiten ohne Wert Mode
geworden. Ottilie liebte sich zu schmuecken; er suchte einen Weg, sie
ihr zu verschaffen, ohne dass Ottilie selbst eigentlich wusste, woher
die Geschenke kamen. Die Vermutung ward auf einen alten Oheim
geworfen, und Ferdinand war doppelt vergnuegt, indem ihm seine Schoene
ihre Zufriedenheit ueber die Geschenke und ihren Verdacht auf den Oheim
zugleich zu erkennen gab.

Aber um sich und ihr dieses Vergnuegen zu machen, musste er noch
einigemal den Schreibtisch seines Vaters eroeffnen, und er tat es mit
desto weniger Sorge, als der Vater zu verschiedenen Zeiten Geld
hineingelegt und herausgenommen hatte, ohne es aufzuschreiben.

Bald darauf sollte Ottilie zu ihren Eltern auf einige Monate verreisen.
Die jungen Leute betruebten sich aeusserst, da sie scheiden sollten,
und ein Umstand machte ihre Trennung noch bedeutender. Ottilie erfuhr
durch einen Zufall, dass die Geschenke von Ferdinanden kamen; sie
setzte ihn darueber zu Rede, und als er es gestand, schien sie sehr
verdriesslich zu werden. Sie bestand darauf, dass er sie zuruecknehmen
sollte, und diese Zumutung machte ihm die bittersten Schmerzen. Er
erklaerte ihr, dass er ohne sie nicht leben koenne noch wolle; er bat sie,
ihm ihre Neigung zu erhalten, und beschwor sie, ihm ihre Hand nicht
zu versagen, sobald er versorgt und haeuslich eingerichtet sein wuerde.
Sie liebte ihn, sie war geruehrt, sie sagte ihm zu, was er wuenschte,
und in diesem gluecklichen Augenblicke versiegelten sie ihr Versprechen
mit den lebhaftesten Umarmungen und mit tausend herzlichen Kuessen.

Nach ihrer Abreise schien Ferdinand sich sehr allein. Die
Gesellschaften, in welchen er sie zu sehen pflegte, reizten ihn nicht
mehr, indem sie fehlte. Er besuchte nur noch aus Gewohnheit sowohl
Freunde als Lustoerter, und nur mit Widerwillen griff er noch einigemal
in die Kasse des Vaters, um Ausgaben zu bestreiten, zu denen ihn keine
Leidenschaft noetigte. Er war oft allein, und die gute Seele schien
die Oberhand zu gewinnen. Er erstaunte ueber sich selbst bei ruhigem
Nachdenken, wie er jene Sophistereien ueber Recht und Besitz, ueber
Ansprueche an fremdes Gut, und wie die Rubriken alle heissen mochten,
bei sich auf eine so kalte und schiefe Weise habe durchfuehren und
dadurch eine unerlaubte Handlung beschoenigen koennen. Es ward ihm nach
und nach deutlich, dass nur Treue und Glauben die Menschen
schaetzenswert mache, dass der Gute eigentlich leben muesse, um alle
Gesetze zu beschaemen, indem ein anderer sie entweder umgehen oder zu
seinem Vorteil gebrauchen mag.

Inzwischen, ehe diese wahren und guten Begriffe bei ihm ganz klar
wurden und zu herrschenden Entschluessen fuehrten, unterlag er doch noch
einigemal der Versuchung, aus der verbotenen Quelle in dringenden
Faellen zu schoepfen. Niemals tat er es aber ohne Widerwillen, und nur
wie von einem boesen Geiste an den Haaren hingezogen.

Endlich ermannte er sich und fasste den Entschluss, vor allen Dingen die
Handlung sich unmoeglich zu machen und seinen Vater von dem Zustande
des Schlosses zu unterrichten. Er fing es klug an und trug den Kasten
mit den nunmehr geordneten Briefen in Gegenwart seines Vaters durch
das Zimmer, beging mit Vorsatz die Ungeschicklichkeit, mit dem Kasten
wider den Schreibtisch zu stossen, und wie erstaunte der Vater, als er
den Deckel auffahren sah! Sie untersuchten beide das Schloss und
fanden, dass die Schliesshaken durch die Zeit abgenutzt und die Baender
wandelbar waren. Sogleich ward alles repariert, und Ferdinand hatte
seit langer Zeit keinen vergnuegtern Augenblick, als da er das Geld in
so guter Verwahrung sah.

Aber dies war ihm nicht genug. Er nahm sich sogleich vor, die Summe,
die er seinem Vater entwendet hatte und die er noch wohl wusste, wieder
zu sammeln und sie ihm auf eine oder die andere Weise zuzustellen. Er
fing nun an, aufs genaueste zu leben und von seinem Taschengelde, was
nur moeglich war, zu sparen. Freilich war das nur wenig, was er hier
zurueckhalten konnte, gegen das, was er sonst verschwendet hatte;
indessen schien die Summe schon gross, da sie ein Anfang war, sein
Unrecht wiedergutzumachen. Und gewiss ist ein ungeheurer Unterschied
zwischen dem letzten Taler, den man borgt, und zwischen dem ersten,
den man abbezahlt.

Nicht lange war er auf diesem guten Wege, als der Vater sich entschloss,
ihn in Handelsgeschaeften zu verschicken. Er sollte sich mit einer
entfernten Fabrikanstalt bekannt machen. Man hatte die Absicht, in
einer Gegend, wo die ersten Beduerfnisse und die Handarbeit sehr
wohlfeil waren, selbst ein Comptoir zu errichten, einen Kompagnon
dorthin zu setzen, den Vorteil, den man gegenwaertig andern goennen
musste, selbst zu gewinnen und durch Geld und Kredit die Anstalt ins
Grosse zu treiben. Ferdinand sollte die Sache in der Naehe untersuchen
und davon einen umstaendlichen Bericht abstatten. Der Vater hatte ihm
ein Reisegeld ausgesetzt und ihm vorgeschrieben, damit auszukommen; es
war reichlich, und er hatte sich nicht darueber zu beklagen.

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