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Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten

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"Sie sind noch nicht lange in Ihrer Vaterstadt wiederangekommen, mein
Herr, und schon sind Sie allenthalben fuer einen talentreichen und
zuverlaessigen Mann bekannt. Auch ich setze mein Vertrauen auf Sie in
einer wichtigen und sonderbaren Angelegenheit, die, wenn ich es recht
bedenke, eher fuer den Beichtvater als fuer den Sachwalter gehoert. Seit
einem Jahre bin ich an einen wuerdigen und reichen Mann verheiratet,
der, solange wir zusammenlebten, die groesste Aufmerksamkeit fuer mich
hatte und ueber den ich mich nicht beklagen wuerde, wenn nicht ein
unruhiges Verlangen zu reisen und zu handeln ihn seit einiger Zeit aus
meinen Armen gerissen haette.

Als ein verstaendiger und gerechter Mann fuehlte er wohl das Unrecht,
das er mir durch seine Entfernung antat. Er begriff, dass ein junges
Weib nicht wie Juwelen und Perlen verwahrt werden koenne; er wusste, dass
sie vielmehr einem Garten voll schoener Fruechte gleicht, die fuer
jedermann so wie fuer den Herrn verloren waeren, wenn er eigensinnig die
Tuere auf einige Jahre verschliessen wollte. Er sprach mir daher vor
seiner Abreise sehr ernstlich zu, er versicherte mir, dass ich ohne
Freund nicht wuerde leben koennen, er gab mir dazu nicht allein die
Erlaubnis, sondern er drang in mich und noetigte mir gleichsam das
Versprechen ab, dass ich der Neigung, die sich in meinem Herzen finden
wuerde, frei und ohne Anstand folgen wollte."

Sie hielt einen Augenblick inne, aber bald gab ihr ein
vielversprechender Blick des jungen Mannes Mut genug, in ihrem
Bekenntnis fortzufahren.

"Eine einzige Bedingung fuegte mein Gemahl zu seiner uebrigens so
nachsichtigen Erlaubnis. Er empfahl mir die aeusserste Vorsicht und
verlangte ausdruecklich, dass ich mir einen gesetzten, zuverlaessigen,
klugen und verschwiegenen Freund waehlen sollte. Ersparen Sie mir, das
uebrige zu sagen, mein Herr, ersparen Sie mir die Verwirrung, mit der
ich Ihnen bekennen wuerde, wie sehr ich fuer Sie eingenommen bin, und
erraten Sie aus diesem Zutrauen meine Hoffnungen und meine Wuensche."

Nach einer kurzen Pause versetzte der junge, liebenswuerdige Mann mit
gutem Bedachte: "Wie sehr bin ich Ihnen fuer das Vertrauen verbunden,
durch welches Sie mich in einem so hohen Grade ehren und gluecklich
machen! Ich wuensche nur lebhaft, Sie zu ueberzeugen, dass Sie sich an
keinen Unwuerdigen gewendet haben. Lassen Sie mich Ihnen zuerst als
Rechtsgelehrter antworten; und als ein solcher gesteh ich Ihnen, dass
ich Ihren Gemahl bewundere, der sein Unrecht so deutlich gefuehlt und
eingesehen hat, denn es ist gewiss, dass einer, der ein junges Weib
zuruecklaesst, um ferne Weltgegenden zu besuchen, als ein solcher
anzusehen ist, der irgendein anderes Besitztum voellig derelinquiert
und durch die deutlichste Handlung auf alles Recht daran Verzicht tut.
Wie es nun dem ersten besten erlaubt ist, eine solche voellig ins
Freie gefallene Sache wieder zu ergreifen, so muss ich es um so mehr
fuer natuerlich und billig halten, dass eine junge Frau, die sich in
diesem Zustande befindet, ihre Neigung abermals verschenke und sich
einem Freunde, der ihr angenehm und zuverlaessig scheint, ohne Bedenken
ueberlasse.

Tritt nun aber gar wie hier der Fall ein, dass der Ehemann selbst,
seines Unrechts sich bewusst, mit ausdruecklichen Worten seiner
hinterlassenen Frau dasjenige erlaubt, was er ihr nicht verbieten kann,
so bleibt gar kein Zweifel uebrig, um so mehr, da demjenigen kein
Unrecht geschieht, der es willig zu ertragen erklaert hat.

Wenn Sie mich nun", fuhr der junge Mann mit ganz andern Blicken und
dem lebhaftesten Ausdrucke fort, indem er die schoene Freundin bei der
Hand nahm, "wenn Sie mich zu Ihrem Diener erwaehlen, so machen Sie mich
mit einer Glueckseligkeit bekannt, von der ich bisher keinen Begriff
hatte. Sein Sie versichert", rief er aus, indem er die Hand kuesste,
"dass Sie keinen ergebnern, zaertlichern, treuern und verschwiegenern
Diener haetten finden koennen!"

Wie beruhigt fuehlte sich nach dieser Erklaerung die schoene Frau. Sie
scheute sich nicht, ihm ihre Zaertlichkeit aufs lebhafteste zu zeigen;
sie drueckte seine Haende, draengte sich naeher an ihn und legte ihr Haupt
auf seine Schulter. Nicht lange blieben sie in dieser Lage, als er
sich auf eine sanfte Weise von ihr zu entfernen suchte und nicht ohne
Betruebnis zu reden begann: "Kann sich wohl ein Mensch in einem
seltsamern Verhaeltnisse befinden? Ich bin gezwungen, mich von Ihnen
zu entfernen und mir die groesste Gewalt anzutun in einem Augenblicke,
da ich mich den suessesten Gefuehlen ueberlassen sollte. Ich darf mir das
Glueck, das mich in Ihren Armen erwartet, gegenwaertig nicht zueignen.
Ach! wenn nur der Aufschub mich nicht um meine schoensten Hoffnungen
betriegt!"

Die Schoene fragte aengstlich nach der Ursache dieser sonderbaren
aeusserung.

"Eben als ich in Bologna", versetzte er, "am Ende meiner Studien war
und mich aufs aeusserste angriff, mich zu meiner kuenftigen Bestimmung
geschickt zu machen, verfiel ich in eine schwere Krankheit, die, wo
nicht mein Leben zu zerstoeren, doch meine koerperlichen und
Geisteskraefte zu zerruetten drohte. In der groessten Not und unter den
heftigsten Schmerzen tat ich der Mutter Gottes ein Geluebde, dass ich,
wenn sie mich genesen liesse, ein Jahr lang in strengem Fasten
zubringen und mich alles Genusses, von welcher Art er auch sei,
enthalten wolle. Schon zehn Monate habe ich mein Geluebde auf das
treulichste erfuellt, und sie sind mir in Betrachtung der grossen
Wohltat, die ich erhalten, keinesweges lang geworden, da es mir nicht
beschwerlich ward, manches gewohnte und bekannte Gute zu entbehren.
Aber zu welcher Ewigkeit werden mir nun zwei Monate, die noch uebrig
sind, da mir erst nach Verlauf derselben ein Glueck zuteil werden kann,
welches alle Begriffe uebersteigt! Lassen Sie sich die Zeit nicht lang
werden und entziehen Sie mir Ihre Gunst nicht, die Sie mir so
freiwillig zugedacht haben!"

Die Schoene, mit dieser Erklaerung nicht sonderlich zufrieden, fasste
doch wieder bessern Mut, als der Freund nach einigem Nachdenken zu
reden fortfuhr: "Ich wagte kaum, Ihnen einen Vorschlag zu tun und das
Mittel anzuzeigen, wodurch ich frueher von meinem Geluebde entbunden
werden kann. Wenn ich jemand faende, der so streng und sicher wie ich
das Geluebde zu halten uebernaehme und die Haelfte der noch uebrigen Zeit
mit mir teilte, so wuerde ich um so geschwinder frei sein, und nichts
wuerde sich unsern Wuenschen entgegenstellen. Sollten Sie nicht, meine
suesse Freundin, um unser Glueck zu beschleunigen, willig sein, einen
Teil des Hindernisses, das uns entgegensieht, hinwegzuraeumen? Nur der
zuverlaessigsten Person kann ich einen Anteil an meinem Geluebde
uebertragen; es ist streng, denn ich darf des Tages nur zweimal Brot
und Wasser geniessen, darf des Nachts nur wenige Stunden auf einem
harten Lager zubringen und muss ungeachtet meiner vielen Geschaefte eine
grosse Anzahl Gebete verrichten. Kann ich, wie es mir heute geschehen
ist, nicht vermeiden, bei einem Gastmahl zu erscheinen, so darf ich
deswegen doch nicht meine Pflicht hintansetzen, vielmehr muss ich den
Reizungen aller Leckerbissen, die an mir voruebergehen, zu widerstehen
suchen. Koennen Sie sich entschliessen, einen Monat lang gleichfalls
alle diese Gesetze zu befolgen, so werden Sie alsdann sich selbst in
dem Besitz eines Freundes desto mehr erfreuen, als Sie ihn durch ein
so lobenswuerdiges Unternehmen gewissermassen selbst erworben haben."

Die schoene Dame vernahm ungern die Hindernisse, die sich ihrer Neigung
entgegensetzten; doch war ihre Liebe zu dem jungen Manne durch seine
Gegenwart dergestalt vermehrt worden, dass ihr keine Pruefung zu streng
schien, wenn ihr nur dadurch der Besitz eines so werten Gutes
versichert werden konnte. Sie sagte ihm daher mit den gefaelligsten
Ausdruecken: "Mein suesser Freund! das Wunder, wodurch Sie Ihre
Gesundheit wiedererlangt haben, ist mir selbst so wert und
verehrungswuerdig, dass ich es mir zur Freude und Pflicht mache, an dem
Geluebde teilzunehmen, das Sie dagegen zu erfuellen schuldig sind. Ich
freue mich, Ihnen einen so sichern Beweis meiner Neigung zu geben; ich
will mich auf das genaueste nach Ihrer Vorschrift richten, und ehe Sie
mich lossprechen, soll mich nichts von dem Wege entfernen, auf den Sie
mich einleiten."

Nachdem der junge Mann mit ihr aufs genaueste diejenigen Bedingungen
abgeredet, unter welchen sie ihm die Haelfte seines Geluebdes ersparen
konnte, entfernte er sich mit der Versicherung, dass er sie bald wieder
besuchen und nach der gluecklichen Beharrlichkeit in ihrem Vorsatze
fragen wuerde, und so musste sie ihn gehen lassen, als er ohne
Haendedruck, ohne Kuss, mit einem kaum bedeutenden Blicke von ihr schied.
Ein Glueck fuer sie war die Beschaeftigung, die ihr der seltsame
Vorsatz gab, denn sie hatte manches zu tun, um ihre Lebensart voellig
zu veraendern. Zuerst wurden die schoenen Blaetter und Blumen
hinausgekehrt, die sie zu seinem Empfang hatte streuen lassen; dann
kam an die Stelle des wohlgepolsterten Ruhebettes ein hartes Lager,
auf das sie sich, zum erstenmal in ihrem Leben nur von Wasser und Brot
kaum gesaettigt, des Abends niederlegte. Des andern Tages war sie
beschaeftigt, Hemden zuzuschneiden und zu naehen, deren sie eine
bestimmte Zahl fuer ein Armen--und Krankenhaus fertig zu machen
versprochen hatte. Bei dieser neuen und unbequemen Beschaeftigung
unterhielt sie ihre Einbildungskraft immer mit dem Bilde ihres suessen
Freundes und mit der Hoffnung kuenftiger Glueckseligkeit, und bei
ebendiesen Vorstellungen schien ihre schmale Kost ihr eine
herzstaerkende Nahrung zu gewaehren.

So verging eine Woche, und schon am Ende derselben fingen die Rosen
ihrer Wangen an, einigermassen zu verbleichen. Kleider, die ihr sonst
wohl passten, waren zu weit und ihre sonst so raschen und muntern
Glieder matt und schwach geworden, als der Freund wieder erschien und
ihr durch seinen Besuch neue Staerke und Leben gab. Er ermahnte sie,
in ihrem Vorsatze zu beharren, munterte sie durch sein Beispiel auf
und liess von weitem die Hoffnung eines ungestoerten Genusses
durchblicken. Nur kurze Zeit hielt er sich auf und versprach, bald
wiederzukommen.

Die wohltaetige Arbeit ging aufs neue muntrer fort, und von der
strengen Diaet liess man keineswegs nach. Aber auch, leider! haette sie
durch eine grosse Krankheit nicht mehr erschoepft werden koennen. Ihr
Freund, der sie am Ende der Woche abermals besuchte, sah sie mit dem
groessten Mitleiden an und staerkte sie durch den Gedanken, dass die
Haelfte der Pruefung nun schon vorueber sei.

Nun ward ihr das ungewohnte Fasten, Beten und Arbeiten mit jedem Tage
laestiger, und die uebertriebene Enthaltsamkeit schien den gesunden
Zustand eines an Ruhe und reichliche Nahrung gewoehnten Koerpers
gaenzlich zu zerruetten. Die Schoene konnte sich zuletzt nicht mehr auf
den Fuessen halten und war genoetigt, ungeachtet der warmen Jahrszeit
sich in doppelte und dreifache Kleider zu huellen, um die beinah voellig
verschwindende innerliche Waerme einigermassen zusammenzuhalten. Ja sie
war nicht laenger imstande, aufrecht zu bleiben, und sogar gezwungen,
in der letzten Zeit das Bett zu hueten.

Welche Betrachtungen musste sie da ueber ihren Zustand machen! Wie oft
ging diese seltsame Begebenheit vor ihrer Seele vorbei, und wie
schmerzlich fiel es ihr, als zehn Tage vergingen, ohne dass der Freund
erschienen waere, der sie diese aeussersten Aufopferungen kostete!
Dagegen aber bereitete sich in diesen trueben Stunden ihre voellige
Genesung vor, ja sie ward entschieden. Denn als bald darauf ihr
Freund erschien und sich an ihr Bette auf eben dasselbe Taburett
setzte, auf dem er ihre erste Erklaerung vernommen hatte, und ihr
freundlich, ja gewissermassen zaertlich zusprach, die kurze Zeit noch
standhaft auszudauern, unterbrach sie ihn mit Laecheln und sagte: "Es
bedarf weiter keines Zuredens, mein werter Freund, und ich werde mein
Geluebde diese wenigen Tage mit Geduld und mit der ueberzeugung
ausdauern, dass Sie es mir zu meinem Besten auferlegt haben. Ich bin
jetzt zu schwach, als dass ich Ihnen meinen Dank ausdruecken koennte, wie
ich ihn empfinde. Sie haben mich mir selbst erhalten; Sie haben mich
mir selbst gegeben, und ich erkenne, dass ich mein ganzes Dasein von
nun an Ihnen schuldig bin.

Wahrlich! mein Mann war verstaendig und klug und kannte das Herz einer
Frau; er war billig genug, sie ueber eine Neigung nicht zu schelten,
die durch seine Schuld in ihrem Busen entstehen konnte, ja er war
grossmuetig genug, seine Rechte der Forderung der Natur hintanzusetzen.
Aber Sie, mein Herr, Sie sind vernuenftig und gut; Sie haben mich
fuehlen lassen, dass ausser der Neigung noch etwas in uns ist, das ihr
das Gleichgewicht halten kann, dass wir faehig sind, jedem gewohnten Gut
zu entsagen und selbst unsere heissesten Wuensche von uns zu entfernen.
Sie haben mich in diese Schule durch Irrtum und Hoffnung gefuehrt; aber
beide sind nicht mehr noetig, wenn wir uns erst mit dem guten und
maechtigen Ich bekannt gemacht haben, das so still und ruhig in uns
wohnt und so lange, bis es die Herrschaft im Hause gewinnt, wenigstens
durch zarte Erinnerungen seine Gegenwart unaufhoerlich merken laesst.
Leben Sie wohl! Ihre Freundin wird Sie kuenftig mit Vergnuegen sehen;
wirken Sie auf Ihre Mitbuerger wie auf mich; entwickeln Sie nicht
allein die Verwirrungen, die nur zu leicht ueber Besitztuemer entstehen,
sondern zeigen Sie ihnen auch durch sanfte Anleitung und durch
Beispiel, dass in jedem Menschen die Kraft der Tugend im Verborgenen
keimt; die allgemeine Achtung wird Ihr Lohn sein, und Sie werden mehr
als der erste Staatsmann und der groesste Held den Namen Vater des
Vaterlandes verdienen."



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