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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
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Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 1

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 1

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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 1

Johann Wolfgang von Goethe




Erstes Kapitel

Das Schauspiel dauerte sehr lange. Die alte Barbara trat einigemal
ans Fenster und horchte, ob die Kutschen nicht rasseln wollten. Sie
erwartete Marianen, ihre schoene Gebieterin, die heute im Nachspiele,
als junger Offizier gekleidet, das Publikum entzueckte, mit groesserer
Ungeduld als sonst, wenn sie ihr nur ein maessiges Abendessen
vorzusetzen hatte; diesmal sollte sie mit einem Paket ueberrascht
werden, das Norberg, ein junger, reicher Kaufmann, mit der Post
geschickt hatte, um zu zeigen, dass er auch in der Entfernung seiner
Geliebten gedenke.

Barbara war als alte Dienerin, Vertraute, Ratgeberin, Unterhaendlerin
und Haushaelterin in Besitz des Rechtes, die Siegel zu eroeffnen, und
auch diesen Abend konnte sie ihrer Neugierde um so weniger widerstehen,
als ihr die Gunst des freigebigen Liebhabers mehr als selbst Marianen
am Herzen lag. Zu ihrer groessten Freude hatte sie in dem Paket ein
feines Stueck Nesseltuch und die neuesten Baender fuer Marianen, fuer sich
aber ein Stueck Kattun, Halstuecher und ein Roellchen Geld gefunden. Mit
welcher Neigung, welcher Dankbarkeit erinnerte sie sich des abwesenden
Norbergs! Wie lebhaft nahm sie sich vor, auch bei Marianen seiner im
besten zu gedenken, sie zu erinnern, was sie ihm schuldig sei und was
er von ihrer Treue hoffen und erwarten muesse.

Das Nesseltuch, durch die Farbe der halbaufgerollten Baender belebt,
lag wie ein Christgeschenk auf dem Tischchen; die Stellung der Lichter
erhoehte den Glanz der Gabe, alles war in Ordnung, als die Alte den
Tritt Marianens auf der Treppe vernahm und ihr entgegeneilte. Aber
wie sehr verwundert trat sie zurueck, als das weibliche Offizierchen,
ohne auf die Liebkosungen zu achten, sich an ihr vorbeidraengte, mit
ungewoehnlicher Hast und Bewegung in das Zimmer trat, Federhut und
Degen auf den Tisch warf, unruhig auf und nieder ging und den
feierlich angezuendeten Lichtern keinen Blick goennte.

"Was hast du, Liebchen?" rief die Alte verwundert aus. "Um 's Himmels
willen, Toechterchen, was gibt's? Sieh hier diese Geschenke! Von wem
koennen sie sein, als von deinem zaertlichsten Freunde? Norberg schickt
dir das Stueck Musselin zum Nachtkleide; bald ist er selbst da; er
scheint mir eifriger und freigebiger als jemals."

Die Alte kehrte sich um und wollte die Gaben, womit er auch sie
bedacht, vorweisen, als Mariane, sich von den Geschenken wegwendend,
mit Leidenschaft ausrief: "Fort! Fort! heute will ich nichts von
allem diesen hoeren; ich habe dir gehorcht, du hast es gewollt, es sei
so! Wenn Norberg zurueckkehrt, bin ich wieder sein, bin ich dein,
mache mit mir, was du willst, aber bis dahin will ich mein sein, und
haettest du tausend Zungen, du solltest mir meinen Vorsatz nicht
ausreden. Dieses ganze Mein will ich dem geben, der mich liebt und
den ich liebe. Keine Gesichter! Ich will mich dieser Leidenschaft
ueberlassen, als wenn sie ewig dauern sollte."

Der Alten fehlte es nicht an Gegenvorstellungen und Gruenden; doch da
sie in fernerem Wortwechsel heftig und bitter ward, sprang Mariane auf
sie los und fasste sie bei der Brust. Die Alte lachte ueberlaut. "Ich
werde sorgen muessen", rief sie aus, "dass sie wieder bald in lange
Kleider kommt, wenn ich meines Lebens sicher sein will. Fort, zieht
Euch aus! Ich hoffe, das Maedchen wird mir abbitten, was mir der
fluechtige Junker Leids zugefuegt hat; herunter mit dem Rock und immer
so fort alles herunter! Es ist eine unbequeme Tracht, und fuer Euch
gefaehrlich, wie ich merke. Die Achselbaender begeistern Euch."

Die Alte hatte Hand an sie gelegt, Mariane riss sich los. "Nicht so
geschwind!" rief sie aus, "ich habe noch heute Besuch zu erwarten."

"Das ist nicht gut", versetzte die Alte. "Doch nicht den jungen,
zaertlichen, unbefiederten Kaufmannssohn?"--"Eben den", versetzte
Mariane.

"Es scheint, als wenn die Grossmut Eure herrschende Leidenschaft werden
wollte", erwiderte die Alte spottend; "Ihr nehmt Euch der Unmuendigen,
der Unvermoegenden mit grossem Eifer an. Es muss reizend sein, als
uneigennuetzige Geberin angebetet zu werden."

"Spotte, wie du willst. Ich lieb ihn! ich lieb ihn! Mit welchem
Entzuecken sprech ich zum erstenmal diese Worte aus! Das ist diese
Leidenschaft, die ich so oft vorgestellt habe, von der ich keinen
Begriff hatte. Ja, ich will mich ihm um den Hals werfen! ich will ihn
fassen, als wenn ich ihn ewig halten wollte. Ich will ihm meine ganze
Liebe zeigen, seine Liebe in ihrem ganzen Umfang geniessen."

"Maessigt Euch", sagte die Alte gelassen, "maessigt Euch! Ich muss Eure
Freude durch ein Wort unterbrechen: Norberg kommt! in vierzehn Tagen
kommt er! Hier ist sein Brief, der die Geschenke begleitet hat."

"Und wenn mir die Morgensonne meinen Freund rauben sollte, will ich
mir's verbergen. Vierzehn Tage! Welche Ewigkeit! In vierzehn Tagen,
was kann da nicht vorfallen, was kann sich da nicht veraendern!"

Wilhelm trat herein. Mit welcher Lebhaftigkeit flog sie ihm entgegen!
mit welchem Entzuecken umschlang er die rote Uniform! drueckte er das
weisse Atlaswestchen an seine Brust! Wer wagte hier zu beschreiben,
wem geziemt es, die Seligkeit zweier Liebenden auszusprechen! Die
Alte ging murrend beiseite, wir entfernen uns mit ihr und lassen die
Gluecklichen allein.




I. Buch, 2. Kapitel




Zweites Kapitel

Als Wilhelm seine Mutter des andern Morgens begruesste, eroeffnete sie
ihm, dass der Vater sehr verdriesslich sei und ihm den taeglichen Besuch
des Schauspiels naechstens untersagen werde. "Wenn ich gleich selbst",
fuhr sie fort, "manchmal gern ins Theater gehe, so moechte ich es doch
oft verwuenschen, da meine haeusliche Ruhe durch deine unmaessige
Leidenschaft zu diesem Vergnuegen gestoert wird. Der Vater wiederholt
immer wozu es nur nuetze sei? Wie man seine Zeit nur so verderben
koenne?"

"Ich habe es auch schon von ihm hoeren muessen", versetzte Wilhelm, "und
habe ihm vielleicht zu hastig geantwortet; aber um 's Himmels willen,
Mutter! ist denn alles unnuetz, was uns nicht unmittelbar Geld in den
Beutel bringt, was uns nicht den allernaechsten Besitz verschafft?
Hatten wir in dem alten Hause nicht Raum genug? und war es noetig, ein
neues zu bauen? Verwendet der Vater nicht jaehrlich einen ansehnlichen
Teil seines Handelsgewinnes zur Verschoenerung der Zimmer? Diese
seidenen Tapeten, diese englischen Mobilien, sind sie nicht auch
unnuetz? Koennten wir uns nicht mit geringeren begnuegen? Wenigstens
bekenne ich, dass mir diese gestreiften Waende, diese hundertmal
wiederholten Blumen, Schnoerkel, Koerbchen und Figuren einen durchaus
unangenehmen Eindruck machen. Sie kommen mir hoechstens vor wie unser
Theatervorhang. Aber wie anders ist's, vor diesem zu sitzen! Wenn
man noch so lange warten muss, so weiss man doch, er wird in die Hoehe
gehen, und wir werden die mannigfaltigsten Gegenstaende sehen, die uns
unterhalten, aufklaeren und erheben."

"Mach es nur maessig", sagte die Mutter, "der Vater will auch abends
unterhalten sein; und dann glaubt er, es zerstreue dich, und am Ende
trag ich, wenn er verdriesslich wird, die Schuld. Wie oft musste ich
mir das verwuenschte Puppenspiel vorwerfen lassen, das ich euch vor
zwoelf Jahren zum Heiligen Christ gab und das euch zuerst Geschmack am
Schauspiele beibrachte!"

"Schelten Sie das Puppenspiel nicht, lassen Sie sich Ihre Liebe und
Vorsorge nicht gereuen! Es waren die ersten vergnuegten Augenblicke,
die ich in dem neuen, leeren Hause genoss; ich sehe es diesen
Augenblick noch vor mir, ich weiss, wie sonderbar es mir vorkam, als
man uns, nach Empfang der gewoehnlichen Christgeschenke, vor einer Tuere
niedersetzen hiess, die aus einem andern Zimmer hereinging. Sie
eroeffnete sich; allein nicht wie sonst zum Hin- und Widerlaufen, der
Eingang war durch eine unerwartete Festlichkeit ausgefuellt. Es baute
sich ein Portal in die Hoehe, das von einem mystischen Vorhang verdeckt
war. Erst standen wir alle von ferne, und wie unsere Neugierde groesser
ward, um zu sehen, was wohl Blinkendes und Rasselndes sich hinter der
halb durchsichtigen Huelle verbergen moechte, wies man jedem sein
Stuehlchen an und gebot uns, in Geduld zu warten.

So sass nun alles und war still; eine Pfeife gab das Signal, der
Vorhang rollte in die Hoehe und zeigte eine hochrot gemalte Aussicht in
den Tempel. Der Hohepriester Samuel erschien mit Jonathan, und ihre
wechselnden wunderlichen Stimmen kamen mir hoechst ehrwuerdig vor. Kurz
darauf betrat Saul die Szene, in grosser Verlegenheit ueber die
Impertinenz des schwerloetigen Kriegers, der ihn und die Seinigen
herausgefordert hatte. Wie wohl ward es mir daher, als der
zwerggestaltete Sohn Isai mit Schaeferstab, Hirtentasche und Schleuder
hervorhuepfte und sprach: "Grossmaechtigster Koenig und Herr! es
entfalle keinem der Mut um deswillen; wenn Ihro Majestaet mir erlauben
wollen, so will ich hingehen und mit dem gewaltigen Riesen in den
Streit treten."--Der erste Akt war geendet und die Zuschauer hoechst
begierig zu sehen, was nun weiter vorgehen sollte; jedes wuenschte, die
Musik moechte nur bald aufhoeren. Endlich ging der Vorhang wieder in
die Hoehe. David weihte das Fleisch des Ungeheuers den Voegeln unter
dem Himmel und den Tieren auf dem Felde; der Philister sprach Hohn,
stampfte viel mit beiden Fuessen, fiel endlich wie ein Klotz und gab der
ganzen Sache einen herrlichen Ausschlag. Wie dann nachher die
Jungfrauen sangen: "Saul hat tausend geschlagen, David aber
zehntausend!", der Kopf des Riesen vor dem kleinen Ueberwinder
hergetragen wurde und er die schoene Koenigstochter zur Gemahlin erhielt,
verdross es mich doch bei aller Freude, dass der Gluecksprinz so
zwergmaessig gebildet sei. Denn nach der Idee vom grossen Goliath und
kleinen David hatte man nicht verfehlt, beide recht charakteristisch
zu machen. Ich bitte Sie, wo sind die Puppen hingekommen? Ich habe
versprochen, sie einem Freunde zu zeigen, dem ich viel Vergnuegen
machte, indem ich ihn neulich von diesem Kinderspiel unterhielt."

"Es wundert mich nicht, dass du dich dieser Dinge so lebhaft erinnerst:
denn du nahmst gleich den groessten Anteil daran. Ich weiss, wie du mir
das Buechlein entwendetest und das ganze Stueck auswendig lerntest; ich
wurde es erst gewahr, als du eines Abends dir einen Goliath und David
von Wachs machtest, sie beide gegeneinander perorieren liessest, dem
Riesen endlich einen Stoss gabst und sein unfoermliches Haupt auf einer
grossen Stecknadel mit waechsernem Griff dem kleinen David in die Hand
klebtest. Ich hatte damals so eine herzliche muetterliche Freude ueber
dein gutes Gedaechtnis und deine pathetische Rede, dass ich mir sogleich
vornahm, dir die hoelzerne Truppe nun selbst zu uebergeben. Ich dachte
damals nicht, dass es mir so manche verdriessliche Stunde machen sollte."

"Lassen Sie sich's nicht gereuen", versetzte Wilhelm; "denn es haben
uns diese Scherze manche vergnuegte Stunde gemacht."

Und mit diesem erbat er sich die Schluessel, eilte, fand die Puppen und
war einen Augenblick in jene Zeiten versetzt, wo sie ihm noch belebt
schienen, wo er sie durch die Lebhaftigkeit seiner Stimme, durch die
Bewegung seiner Haende zu beleben glaubte. Er nahm sie mit auf seine
Stube und verwahrte sie sorgfaeltig.




I. Buch, 3. Kapitel




Drittes Kapitel

Wenn die erste Liebe, wie ich allgemein behaupten hoere, das Schoenste
ist, was ein Herz frueher oder spaeter empfinden kann, so muessen wir
unsern Helden dreifach gluecklich preisen, dass ihm gegoennt ward, die
Wonne dieser einzigen Augenblicke in ihrem ganzen Umfange zu geniessen.
Nur wenig Menschen werden so vorzueglich beguenstigt, indes die meisten
von ihren fruehern Empfindungen nur durch eine harte Schule gefuehrt
werden, in welcher sie, nach einem kuemmerlichen Genuss, gezwungen sind,
ihren besten Wuenschen entsagen und das, was ihnen als hoechste
Glueckseligkeit vorschwebte, fuer immer entbehren zu lernen.

Auf den Fluegeln der Einbildungskraft hatte sich Wilhelms Begierde zu
dem reizenden Maedchen erhoben; nach einem kurzen Umgange hatte er ihre
Neigung gewonnen, er fand sich im Besitz einer Person, die er so sehr
liebte, ja verehrte: denn sie war ihm zuerst in dem guenstigen Lichte
theatralischer Vorstellung erschienen, und seine Leidenschaft zur
Buehne verband sich mit der ersten Liebe zu einem weiblichen Geschoepfe.
Seine Jugend liess ihn reiche Freuden geniessen, die von einer
lebhaften Dichtung erhoeht und erhalten wurden. Auch der Zustand
seiner Geliebten gab ihrem Betragen eine Stimmung, welche seinen
Empfindungen sehr zu Huelfe kam; die Furcht, ihr Geliebter moechte ihre
uebrigen Verhaeltnisse vor der Zeit entdecken, verbreitete ueber sie
einen liebenswuerdigen Anschein von Sorge und Scham, ihre Leidenschaft
fuer ihn war lebhaft, selbst ihre Unruhe schien ihre Zaertlichkeit zu
vermehren; sie war das lieblichste Geschoepf in seinen Armen.

Als er aus dem ersten Taumel der Freude erwachte und auf sein Leben
und seine Verhaeltnisse zurueckblickte, erschien ihm alles neu, seine
Pflichten heiliger, seine Liebhabereien lebhafter, seine Kenntnisse
deutlicher, seine Talente kraeftiger, seine Vorsaetze entschiedener. Es
ward ihm daher leicht, eine Einrichtung zu treffen, um den Vorwuerfen
seines Vaters zu entgehen, seine Mutter zu beruhigen und Marianens
Liebe ungestoert zu geniessen. Er verrichtete des Tags seine Geschaefte
puenktlich, entsagte gewoehnlich dem Schauspiel, war abends bei Tische
unterhaltend und schlich, wenn alles zu Bette war, in seinen Mantel
gehuellt, sachte zu dem Garten hinaus und eilte, alle Lindors und
Leanders im Busen, unaufhaltsam zu seiner Geliebten.

"Was bringen Sie?" fragte Mariane, als er eines Abends ein Buendel
hervorwies, das die Alte in Hoffnung angenehmer Geschenke sehr
aufmerksam betrachtete. "Sie werden es nicht erraten", versetzte
Wilhelm.

Wie verwunderte sich Mariane, wie entsetzte sich Barbara, als die
aufgebundene Serviette einen verworrenen Haufen spannenlanger Puppen
sehen liess. Mariane lachte laut, als Wilhelm die verworrenen Draehte
auseinanderzuwickeln und jede Figur einzeln vorzuzeigen bemueht war.
Die Alte schlich verdriesslich beiseite.

Es bedarf nur einer Kleinigkeit, um zwei Liebende zu unterhalten, und
so vergnuegten sich unsre Freunde diesen Abend aufs beste. Die kleine
Truppe wurde gemustert, jede Figur genau betrachtet und belacht.
Koenig Saul im schwarzen Samtrocke mit der goldenen Krone wollte
Marianen gar nicht gefallen; er sehe ihr, sagte sie, zu steif und
pedantisch aus. Desto besser behagte ihr Jonathan, sein glattes Kinn,
sein gelb und rotes Kleid und der Turban. Auch wusste sie ihn gar
artig am Drahte hin und her zu drehen, liess ihn Reverenzen machen und
Liebeserklaerungen hersagen. Dagegen wollte sie dem Propheten Samuel
nicht die mindeste Aufmerksamkeit schenken, wenn ihr gleich Wilhelm
das Brustschildchen anpries und erzaehlte, dass der Schillertaft des
Leibrocks von einem alten Kleide der Grossmutter genommen sei. David
war ihr zu klein und Goliath zu gross; sie hielt sich an ihren Jonathan.
Sie wusste ihm so artig zu tun und zuletzt ihre Liebkosungen von der
Puppe auf unsern Freund herueberzutragen, dass auch diesmal wieder ein
geringes Spiel die Einleitung gluecklicher Stunden ward.

Aus der Suessigkeit ihrer zaertlichen Traeume wurden sie durch einen Laerm
geweckt, welcher auf der Strasse entstand. Mariane rief der Alten, die,
nach ihrer Gewohnheit noch fleissig, die veraenderlichen Materialien
der Theatergarderobe zum Gebrauch des naechsten Stueckes anzupassen
beschaeftigt war. Sie gab die Auskunft, dass eben eine Gesellschaft
lustiger Gesellen aus dem Italienerkeller nebenan heraustaumle, wo sie
bei frischen Austern, die eben angekommen, des Champagners nicht
geschont haetten.

"Schade", sagte Mariane, "dass es uns nicht frueher eingefallen ist, wir
haetten uns auch was zugute tun sollen."

"Es ist wohl noch Zeit", versetzte Wilhelm und reichte der Alten einen
Louisdor hin. "Verschafft Sie uns, was wir wuenschen, so soll Sie's
mit geniessen. "

Die Alte war behend, und in kurzer Zeit stand ein artig bestellter
Tisch mit einer wohlgeordneten Kollation vor den Liebenden. Die Alte
musste sich dazusetzen; man ass, trank und liess sich's wohl sein.

In solchen Faellen fehlt es nie an Unterhaltung. Mariane nahm ihren
Jonathan wieder vor, und die Alte wusste das Gespraech auf Wilhelms
Lieblingsmaterie zu wenden. "Sie haben uns schon einmal", sagte sie,
"von der ersten Auffuehrung eines Puppenspiels am Weihnachtsabend
unterhalten; es war lustig zu hoeren. Sie wurden eben unterbrochen,
als das Ballett angehen sollte. Nun kennen wir das herrliche Personal,
das jene grossen Wirkungen hervorbrachte."

"Ja", sagte Mariane, "erzaehle uns weiter, wie war dir's zumute?"

"Es ist eine schoene Empfindung, liebe Mariane", versetzte Wilhelm,
"wenn wir uns alter Zeiten und alter unschaedlicher Irrtuemer erinnern,
besonders wenn es in einem Augenblick geschieht, da wir eine Hoehe
gluecklich erreicht haben, von welcher wir uns umsehen und den
zurueckgelegten Weg ueberschauen koennen. Es ist so angenehm,
selbstzufrieden sich mancher Hindernisse zu erinnern, die wir oft mit
einem peinlichen Gefuehle fuer unueberwindlich hielten, und dasjenige,
was wir jetzt entwickelt sind, mit dem zu vergleichen, was wir damals
unentwickelt waren. Aber unaussprechlich gluecklich fuehl ich mich
jetzt, da ich in diesem Augenblicke mit dir von dem Vergangnen rede,
weil ich zugleich vorwaerts in das reizende Land schaue, das wir
zusammen Hand in Hand durchwandern koennen."

"Wie war es mit dem Ballett?" fiel die Alte ihm ein. "Ich fuerchte, es
ist nicht alles abgelaufen, wie es sollte."

"O ja", versetzte Wilhelm, "sehr gut! Von jenen wunderlichen Spruengen
der Mohren und Mohrinnen, Schaefer und Schaeferinnen, Zwerge und
Zwerginnen ist mir eine dunkle Erinnerung auf mein ganzes Leben
geblieben. Nun fiel der Vorhang, die Tuere schloss sich, und die ganze
kleine Gesellschaft eilte wie betrunken und taumelnd zu Bette; ich
weiss aber wohl, dass ich nicht einschlafen konnte, dass ich noch etwas
erzaehlt haben wollte, dass ich noch viele Fragen tat und dass ich nur
ungern die Waerterin entliess, die uns zur Ruhe gebracht hatte.

Den andern Morgen war leider das magische Gerueste wieder verschwunden,
der mystische Schleier weggehoben, man ging durch jene Tuere wieder
frei aus einer Stube in die andere, und so viel Abenteuer hatten keine
Spur zurueckgelassen. Meine Geschwister liefen mit ihren Spielsachen
auf und ab, ich allein schlich hin und her, es schien mir unmoeglich,
dass da nur zwo Tuerpfosten sein sollten, wo gestern so viel Zauberei
gewesen war. Ach, wer eine verlorne Liebe sucht, kann nicht
ungluecklicher sein, als ich mir damals schien!"

Ein freudetrunkner Blick, den er auf Marianen warf, ueberzeugte sie,
dass er nicht fuerchtete, jemals in diesen Fall kommen zu koennen.




I. Buch, 4. Kapitel




Viertes Kapitel

"Mein einziger Wunsch war nunmehr", fuhr Wilhelm fort, "eine zweite
Auffuehrung des Stuecks zu sehen. Ich lag der Mutter an, und diese
suchte zu einer gelegenen Stunde den Vater zu bereden; allein ihre
Muehe war vergebens. Er behauptete, nur ein seltenes Vergnuegen koenne
bei den Menschen einen Wert haben, Kinder und Alte wuessten nicht zu
schaetzen, was ihnen Gutes taeglich begegnete.

Wir haetten auch noch lange, vielleicht bis wieder Weihnachten, warten
muessen, haette nicht der Erbauer und heimliche Direktor des Schauspiels
selbst Lust gefuehlt, die Vorstellung zu wiederholen und dabei in einem
Nachspiele einen ganz frisch fertig gewordenen Hanswurst zu
produzieren.

Ein junger Mann von der Artillerie, mit vielen Talenten begabt,
besonders in mechanischen Arbeiten geschickt, der dem Vater waehrend
des Bauens viele wesentliche Dienste geleistet hatte und von ihm
reichlich beschenkt worden war, wollte sich am Christfeste der kleinen
Familie dankbar erzeigen und machte dem Hause seines Goenners ein
Geschenk mit diesem ganz eingerichteten Theater, das er ehmals in
muessigen Stunden zusammengebaut, geschnitzt und gemalt hatte. Er war
es, der mit Huelfe eines Bedienten selbst die Puppen regierte und mit
verstellter Stimme die verschiedenen Rollen hersagte. Ihm ward nicht
schwer, den Vater zu bereden, der einem Freunde aus Gefaelligkeit
zugestand, was er seinen Kindern aus Ueberzeugung abgeschlagen hatte.
Genug, das Theater ward wieder aufgestellt, einige Nachbarskinder
gebeten und das Stueck wiederholt.

Hatte ich das erstemal die Freude der Ueberraschung und des Staunens,
so war zum zweiten Male die Wollust des Aufmerkens und Forschens gross.
Wie das zugehe, war jetzt mein Anliegen. Dass die Puppen nicht selbst
redeten, hatte ich mir schon das erstemal gesagt; dass sie sich nicht
von selbst bewegten, vermutete ich auch; aber warum das alles doch so
huebsch war und es doch so aussah, als wenn sie selbst redeten und sich
bewegten, und wo die Lichter und die Leute sein moechten, diese Raetsel
beunruhigten mich um desto mehr, je mehr ich wuenschte, zugleich unter
den Bezauberten und Zauberern zu sein, zugleich meine Haende verdeckt
im Spiel zu haben und als Zuschauer die Freude der Illusion zu
geniessen.

Das Stueck war zu Ende, man machte Vorbereitungen zum Nachspiel, die
Zuschauer waren aufgestanden und schwatzten durcheinander. Ich
draengte mich naeher an die Tuere und hoerte inwendig am Klappern, dass man
mit Aufraeumen beschaeftigt sei. Ich hub den untern Teppich auf und
guckte zwischen dem Gestelle durch. Meine Mutter bemerkte es und zog
mich zurueck; allein ich hatte doch soviel gesehen, dass man Freunde und
Feinde, Saul und Goliath und wie sie alle heissen mochten, in einen
Schiebkasten packte, und so erhielt meine halbbefriedigte Neugierde
frische Nahrung. Dabei hatte ich zu meinem groessten Erstaunen den
Lieutenant im Heiligtume sehr geschaeftig erblickt. Nunmehr konnte
mich der Hanswurst, sosehr er mit seinen Absaetzen klapperte, nicht
unterhalten. Ich verlor mich in tiefes Nachdenken und war nach dieser
Entdeckung ruhiger und unruhiger als vorher. Nachdem ich etwas
erfahren hatte, kam es mir erst vor, als ob ich gar nichts wisse, und
ich hatte recht: denn es fehlte mir der Zusammenhang, und darauf kommt
doch eigentlich alles an."




I. Buch, 5. Kapitel




Fuenftes Kapitel

"Die Kinder haben", fuhr Wilhelm fort, "in wohleingerichteten und
geordneten Haeusern eine Empfindung, wie ungefaehr Ratten und Maeuse
haben moegen: sie sind aufmerksam auf alle Ritzen und Loecher, wo sie zu
einem verbotenen Naschwerk gelangen koennen; sie geniessen es mit einer
solchen verstohlnen, wolluestigen Furcht, die einen grossen Teil des
kindischen Gluecks ausmacht.

Ich war vor allen meinen Geschwistern aufmerksam, wenn irgend ein
Schluessel steckenblieb. Je groesser die Ehrfurcht war, die ich fuer die
verschlossenen Tueren in meinem Herzen herumtrug, an denen ich wochen-
und monatelang vorbeigehen musste und in die ich nur manchmal, wenn die
Mutter das Heiligtum oeffnete, um etwas herauszuholen, einen
verstohlnen Blick tat, desto schneller war ich, einen Augenblick zu
benutzen, den mich die Nachlaessigkeit der Wirtschafterinnen manchmal
treffen liess.

Unter allen Tueren war, wie man leicht erachten kann, die Tuere der
Speisekammer diejenige, auf die meine Sinne am schaerfsten gerichtet
waren. Wenig ahnungsvolle Freuden des Lebens glichen der Empfindung,
wenn mich meine Mutter manchmal hineinrief, um ihr etwas heraustragen
zu helfen, und ich dann einige gedoerrte Pflaumen entweder ihrer Guete
oder meiner List zu danken hatte. Die aufgehaeuften Schaetze
uebereinander umfingen meine Einbildungskraft mit ihrer Fuelle, und
selbst der wunderliche Geruch, den so mancherlei Spezereien
durcheinander aushauchten, hatte so eine leckere Wirkung auf mich, dass
ich niemals versaeumte, sooft ich in der Naehe war, mich wenigstens an
der eroeffneten Atmosphaere zu weiden. Dieser merkwuerdige Schluessel
blieb eines Sonntagmorgens, da die Mutter von dem Gelaeute uebereilt
ward und das ganze Haus in einer tiefen Sabbatstille lag, stecken.
Kaum hatte ich es bemerkt, als ich etlichemal sachte an der Wand hin-
und herging, mich endlich still und fein andraengte, die Tuere oeffnete
und mich mit einem Schritt in der Naehe so vieler langgewuenschter
Glueckseligkeit fuehlte. Ich besah Kaesten, Saecke, Schachteln, Buechsen,
Glaeser mit einem schnellen, zweifelnden Blicke, was ich waehlen und
nehmen sollte, griff endlich nach den vielgeliebten gewelkten Pflaumen,
versah mich mit einigen getrockneten Aepfeln und nahm genuegsam noch
eine eingemachte Pomeranzenschale dazu: mit welcher Beute ich meinen
Weg wieder rueckwaertsglitschen wollte, als mir ein paar nebeneinander
stehende Kasten in die Augen fielen, aus deren einem Draehte, oben mit
Haekchen versehen, durch den Uebel verschlossenen Schieber heraushingen.
Ahnungsvoll fiel ich darueber her; und mit welcher ueberirdischen
Empfindung entdeckte ich, dass darin meine Helden- und Freudenwelt
aufeinandergepackt sei! Ich wollte die obersten aufheben, betrachten,
die untersten hervorziehen; allein gar bald verwirrte ich die leichten
Draehte, kam darueber in Unruhe und Bangigkeit, besonders da die Koechin
in der benachbarten Kueche einige Bewegungen machte, dass ich alles, so
gut ich konnte, zusammendrueckte, den Kasten zuschob, nur ein
geschriebenes Buechelchen, worin die Komoedie von David und Goliath
aufgezeichnet war, das obenauf gelegen hatte, zu mir steckte und mich
mit dieser Beute leise die Treppe hinauf in eine Dachkammer rettete.

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