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Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 1

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 1

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"Es tut mir leid, dass dieser Ort eine solche Zierde verloren hat, als
das Kabinett Ihres Grossvaters war. Ich sah es noch kurz vorher, ehe
es verkauft wurde, und ich darf wohl sagen, ich war Ursache, dass der
Kauf zustande kam. Ein reicher Edelmann, ein grosser Liebhaber, der
aber bei so einem wichtigen Handel sich nicht allein auf sein eigen
Urteil verliess, hatte mich hierher geschickt und verlangte meinen Rat.
Sechs Tage besah ich das Kabinett, und am siebenten riet ich meinem
Freunde, die ganze geforderte Summe ohne Anstand zu bezahlen. Sie
waren als ein munterer Knabe oft um mich herum; Sie erklaerten mir die
Gegenstaende der Gemaelde und wussten ueberhaupt das Kabinett recht gut
auszulegen."

"Ich erinnere mich einer solchen Person, aber in Ihnen haette ich sie
nicht wiedererkannt."

"Es ist auch schon eine geraume Zeit, und wir veraendern uns doch mehr
oder weniger. Sie hatten, wenn ich mich recht erinnere, ein
Lieblingsbild darunter, von dem Sie mich gar nicht weglassen wollten."

"Ganz richtig! es stellte die Geschichte vor, wie der kranke
Koenigssohn sich ueber die Braut seines Vaters in Liebe verzehrt."

"Es war eben nicht das beste Gemaelde, nicht gut zusammengesetzt, von
keiner sonderlichen Farbe, und die Ausfuehrung durchaus manieriert."

"Das verstand ich nicht und versteh es noch nicht; der Gegenstand ist
es, der mich an einem Gemaelde reizt, nicht die Kunst."

"Da schien Ihr Grossvater anders zu denken; denn der groesste Teil seiner
Sammlung bestand aus trefflichen Sachen, in denen man immer das
Verdienst ihres Meisters bewunderte, sie mochten vorstellen, was sie
wollten; auch hing dieses Bild in dem aeussersten Vorsaale, zum Zeichen,
dass er es wenig schaetzte."

"Da war es eben, wo wir Kinder immer spielen durften und wo dieses
Bild einen unausloeschlichen Eindruck auf mich machte, den mir selbst
Ihre Kritik, die ich uebrigens verehre, nicht ausloeschen koennte, wenn
wir auch jetzt vor dem Bilde stuenden. Wie jammerte mich, wie jammert
mich noch ein Juengling, der die suessen Triebe, das schoenste Erbteil,
das uns die Natur gab, in sich verschliessen und das Feuer, das ihn und
andere erwaermen und beleben sollte, in seinem Busen verbergen muss, so
dass sein Innerstes unter ungeheuren Schmerzen verzehrt wird! Wie
bedaure ich die Unglueckliche, die sich einem andern widmen soll, wenn
ihr Herz schon den wuerdigen Gegenstand eines wahren und reinen
Verlangens gefunden hat!"

"Diese Gefuehle sind freilich sehr weit von jenen Betrachtungen
entfernt, unter denen ein Kunstliebhaber die Werke grosser Meister
anzusehen pflegt; wahrscheinlich wuerde Ihnen aber, wenn das Kabinett
ein Eigentum Ihres Hauses geblieben waere, nach und nach der Sinn fuer
die Werke selbst aufgegangen sein, so dass Sie nicht immer nur sich
selbst und Ihre Neigung in den Kunstwerken gesehen haetten."

"Gewiss tat mir der Verkauf des Kabinetts gleich sehr leid, und ich
habe es auch in reifern Jahren oefters vermisst; wenn ich aber bedenke,
dass es gleichsam so sein musste, um eine Liebhaberei, um ein Talent in
mir zu entwickeln, die weit mehr auf mein Leben wirken sollten, als
jene leblosen Bilder je getan haetten, so bescheide ich mich dann gern
und verehre das Schicksal, das mein Bestes und eines jeden Bestes
einzuleiten weiss."

"Leider hoere ich schon wieder das Wort Schicksal von einem jungen
Manne aussprechen, der sich eben in einem Alter befindet, wo man
gewoehnlich seinen lebhaften Neigungen den Willen hoeherer Wesen
unterzuschieben pflegt."

"So glauben Sie kein Schicksal? Keine Macht, die ueber uns waltet und
alles zu unserm Besten lenkt?"

"Es ist hier die Rede nicht von meinem Glauben, noch der Ort,
auszulegen, wie ich mir Dinge, die uns allen unbegreiflich sind,
einigermassen denkbar zu machen suche; hier ist nur die Frage, welche
Vorstellungsart zu unserm Besten gereicht. Das Gewebe dieser Welt ist
aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen
stellt sich zwischen beide und weiss sie zu beherrschen; sie behandelt
das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufaellige weiss sie zu
lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur, indem sie fest und
unerschuetterlich steht, verdient der Mensch, ein Gott der Erde genannt
zu werden. Wehe dem, der sich von Jugend auf gewoehnt, in dem
Notwendigen etwas Willkuerliches finden zu wollen, der dem Zufaelligen
eine Art von Vernunft zuschreiben moechte, welcher zu folgen sogar eine
Religion sei. Heisst das etwas weiter, als seinem eignen Verstande
entsagen und seinen Neigungen unbedingten Raum geben? Wir bilden uns
ein, fromm zu sein, indem wir ohne Ueberlegung hinschlendern, uns durch
angenehme Zufaelle determinieren lassen und endlich dem Resultate eines
solchen schwankenden Lebens den Namen einer goettlichen Fuehrung geben."

"Waren Sie niemals in dem Falle, dass ein kleiner Umstand Sie
veranlasste, einen gewissen Weg einzuschlagen, auf welchem bald eine
gefaellige Gelegenheit Ihnen entgegenkam und eine Reihe von
unerwarteten Vorfaellen Sie endlich ans Ziel brachte, das Sie selbst
noch kaum ins Auge gefasst hatten? Sollte das nicht Ergebenheit in das
Schicksal, Zutrauen zu einer solchen Leitung einfloessen?"

"Mit diesen Gesinnungen koennte kein Maedchen ihre Tugend, niemand sein
Geld im Beutel behalten; denn es gibt Anlaesse genug, beides
loszuwerden. Ich kann mich nur ueber den Menschen freuen, der weiss,
was ihm und andern nuetze ist, und seine Willkuer zu beschraenken
arbeitet. Jeder hat sein eigen Glueck unter den Haenden, wie der
Kuenstler eine rohe Materie, die er zu einer Gestalt umbilden will.
Aber es ist mit dieser Kunst wie mit allen; nur die Faehigkeit dazu
wird uns angeboren, sie will gelernt und sorgfaeltig ausgeuebt sein."

Dieses und mehreres wurde noch unter ihnen abgehandelt; endlich
trennten sie sich, ohne dass sie einander sonderlich ueberzeugt zu haben
schienen, doch bestimmten sie auf den folgenden Tag einen Ort der
Zusammenkunft.

Wilhelm ging noch einige Strassen auf und nieder; er hoerte Klarinetten,
Waldhoerner und Fagotte, es schwoll sein Busen. Durchreisende
Spielleute machten eine angenehme Nachtmusik. Er sprach mit ihnen,
und um ein Stueck Geld folgten sie ihm zu Marianens Wohnung. Hohe
Baeume zierten den Platz vor ihrem Hause, darunter stellte er seine
Saenger; er selbst ruhte auf einer Bank in einiger Entfernung und
ueberliess sich ganz den schwebenden Toenen, die in der rasenden Nacht um
ihn saeuselten. Unter den holden Sternen hingestreckt, war ihm sein
Dasein wie ein goldner Traum. "Sie hoert auch diese Floeten", sagte er
in seinem Herzen; "sie fuehlt, wessen Andenken, wessen Liebe die Nacht
wohlklingend macht; auch in der Entfernung sind wir durch diese
Melodien zusammengebunden, wie in jeder Entfernung durch die feinste
Stimmung der Liebe. Ach! zwei liebende Herzen, sie sind wie zwei
Magnetuhren; was in der einen sich regt, muss auch die andere mit
bewegen, denn es ist nur eins, was in beiden wirkt, eine Kraft, die
sie durchgeht. Kann ich in ihren Armen eine Moeglichkeit fuehlen, mich
von ihr zu trennen? Und doch, ich werde fern von ihr sein, werde
einen Heilort fuer unsere Liebe suchen und werde sie immer mit mir
haben.

Wie oft ist mir's geschehen, dass ich, abwesend von ihr, in Gedanken an
sie verloren, ein Buch, ein Kleid oder sonst etwas beruehrte und
glaubte, ihre Hand zu fuehlen, so ganz war ich mit ihrer Gegenwart
umkleidet. Und jener Augenblicke mich zu erinnern, die das Licht des
Tages wie das Auge des kalten Zuschauers fliehen, die zu geniessen
Goetter den schmerzlosen Zustand der reinen Seligkeit zu verlassen sich
entschliessen duerften!--Mich zu erinnern?--Als wenn man den Rausch des
Taumelkelchs in der Erinnerung erneuern koennte, der unsere Sinne, von
himmlischen Banden umstrickt, aus aller ihrer Fassung reisst.--Und ihre
Gestalt--" Er verlor sich im Andenken an sie, seine Ruhe ging in
Verlangen ueber, er umfasste einen Baum, kuehlte seine heisse Wange an der
Rinde, und die Winde der Nacht saugten begierig den Hauch auf, der aus
dem reinen Busen bewegt hervordrang. Er fuehlte nach dem Halstuch, das
er von ihr mitgenommen hatte, es war vergessen, es steckte im vorigen
Kleide. Seine Lippen lechzten, seine Glieder zitterten vor Verlangen.

Die Musik hoerte auf, und es war ihm, als waer er aus dem Elemente
gefallen, in dem seine Empfindungen bisher emporgetragen wurden.
Seine Unruhe vermehrte sie, da seine Gefuehle nicht mehr von den
sanften Toenen genaehrt und gelindert wurden. Er setzte sich auf ihre
Schwelle nieder und war schon mehr beruhigt. Er kuesste den messingenen
Ring, womit man an ihre Tuere pochte, er kuesste die Schwelle, ueber die
ihre Fuesse aus- und eingingen, und erwaermte sie durch das Feuer seiner
Brust. Dann sass er wieder eine Weile stille und dachte sie hinter
ihren Vorhaengen, im weissen Nachtkleide mit dem roten Band um den Kopf,
in suesser Ruhe und dachte sich selbst so nahe zu ihr hin, dass ihm
vorkam, sie muesste nun von ihm traeumen. Seine Gedanken waren lieblich
wie die Geister der Daemmerung; Ruhe und Verlangen wechselten in ihm;
die Liebe lief mit schaudernder Hand tausendfaeltig ueber alle Saiten
seiner Seele; es war, als wenn der Gesang der Sphaeren ueber ihm stille
stuende, um die leisen Melodien seines Herzens zu belauschen.

Haette er den Hauptschluessel bei sich gehabt, der ihm sonst Marianens
Tuere oeffnete, er wuerde sich nicht gehalten haben, wuerde ins Heiligtum
der Liebe eingedrungen sein. Doch er entfernte sich langsam,
schwankte halb traeumend unter den Baeumen hin, wollte nach Hause und
ward immer wieder umgewendet; endlich, als er's ueber sich vermochte,
ging und an der Ecke noch einmal zuruecksah, kam es ihm vor, als wenn
Marianens Tuere sich oeffnete und eine dunkle Gestalt sich herausbewegte.
Er war zu weit, um deutlich zu sehen, und eh er sich fasste und recht
aufsah, hatte sich die Erscheinung schon in der Nacht verloren; nur
ganz weit glaubte er sie wieder an einem weissen Hause vorbeistreifen
zu sehen. Er stund und blinzte, und ehe er sich ermannte und
nacheilte, war das Phantom verschwunden. Wohin sollt er ihm folgen?
Welche Strasse hatte den Menschen aufgenommen, wenn es einer war?

Wie einer, dem der Blitz die Gegend in einem Winkel erhellte, gleich
darauf mit geblendeten Augen die vorigen Gestalten, den Zusammenhang
der Pfade in der Finsternis vergebens sucht, so war's vor seinen Augen,
so war's in seinem Herzen. Und wie ein Gespenst der Mitternacht, das
ungeheure Schrecken erzeugt, in folgenden Augenblicken der Fassung fuer
ein Kind des Schreckens gehalten wird und die fuerchterliche
Erscheinung Zweifel ohne Ende in der Seele zuruecklaesst, so war auch
Wilhelm in der groessten Unruhe, als er, an einen Eckstein gelehnt, die
Helle des Morgens und das Geschrei der Haehne nicht achtete, bis die
fruehen Gewerbe lebendig zu werden anfingen und ihn nach Hause trieben.

Er hatte, wie er zurueckkam, das unerwartete Blendwerk mit den
triftigsten Gruenden beinahe aus der Seele vertrieben; doch die schoene
Stimmung der Nacht, an die er jetzt auch nur wie an eine Erscheinung
zurueckdachte, war auch dahin. Sein Herz zu letzen, ein Siegel seinem
wiederkehrenden Glauben aufzudruecken, nahm er das Halstuch aus der
vorigen Tasche. Das Rauschen eines Zettels, der herausfiel, zog ihm
das Tuch von den Lippen; er hob auf und las:

"So hab ich dich lieb, kleiner Narre! Was war dir auch gestern?
Heute nacht komm ich zu dir. Ich glaube wohl, dass dir's leid tut, von
hier wegzugehen; aber habe Geduld; auf die Messe komm ich dir nach.
Hoere, tu mir nicht wieder die schwarzgruenbraune Jacke an, du siehst
drin aus wie die Hexe von Endor. Hab ich dir nicht das weisse
Neglige darum geschickt, dass ich ein weisses Schaefchen in meinen
Armen haben will? Schick mir deine Zettel immer durch die alte
Sibylle; die hat der Teufel selbst zur Iris bestellt."


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