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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 2

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 2

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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 2

Johann Wolfgang von Goethe




Zweites Buch

Erstes Kapitel

Jeder, der mit lebhaften Kraeften vor unsern Augen eine Absicht zu
erreichen strebt, kann, wir moegen seinen Zweck loben oder tadeln,
sich unsre Teilnahme versprechen; sobald aber die Sache entschieden
ist, wenden wir unser Auge sogleich von ihm weg; alles, was geendigt,
was abgetan daliegt, kann unsre Aufmerksamkeit keineswegs fesseln,
besonders wenn wir schon fruehe der Unternehmung einen uebeln Ausgang
prophezeit haben.

Deswegen sollen unsre Leser nicht umstaendlich mit dem Jammer und der
Not unsers verunglueckten Freundes, in die er geriet, als er seine
Hoffnungen und Wuensche auf eine so unerwartete Weise zerstoert sah,
unterhalten werden. Wir ueberspringen vielmehr einige Jahre und
suchen ihn erst da wieder auf, wo wir ihn in einer Art von Taetigkeit
und Genuss zu finden hoffen, wenn wir vorher nur kuerzlich so viel,
als zum Zusammenhang der Geschichte noetig ist, vorgetragen haben.

Die Pest oder ein boeses Fieber rasen in einem gesunden, vollsaftigen
Koerper, den sie anfallen, schneller und heftiger, und so ward der
arme Wilhelm unvermutet von einem ungluecklichen Schicksale
ueberwaeltigt, dass in einem Augenblicke sein ganzes Wesen zerruettet
war. Wie wenn von ungefaehr unter der Zuruestung ein Feuerwerk in
Brand geraet und die kuenstlich gebohrten und gefuellten Huelsen, die,
nach einem gewissen Plane geordnet und abgebrannt, praechtig
abwechselnde Feuerbilder in die Luft zeichnen sollten, nunmehr
unordentlich und gefaehrlich durcheinander zischen und sausen: so
gingen auch jetzt in seinem Busen Glueck und Hoffnung, Wollust und
Freuden, Wirkliches und Getraeumtes auf einmal scheiternd
durcheinander. In solchen wuesten Augenblicken erstarrt der Freund,
der zur Rettung hinzueilt, und dem, den es trifft, ist es eine Wohltat,
dass ihn die Sinne verlassen.

Tage des lauten, ewig wiederkehrenden und mit Vorsatz erneuerten
Schmerzens folgten darauf; doch sind auch diese fuer eine Gnade der
Natur zu achten. In solchen Stunden hatte Wilhelm seine Geliebte noch
nicht ganz verloren; seine Schmerzen waren unermuedet erneuerte
Versuche, das Glueck, das ihm aus der Seele entfloh, noch festzuhalten,
die Moeglichkeit desselben in der Vorstellung wieder zu erhaschen,
seinen auf immer abgeschiedenen Freuden ein kurzes Nachleben zu
verschaffen. Wie man einen Koerper, solange die Verwesung dauert,
nicht ganz tot nennen kann, solange die Kraefte, die vergebens nach
ihren alten Bestimmungen zu wirken suchen, an der Zerstoerung der
Teile, die sie sonst belebten, sich abarbeiten; nur dann, wenn sich
alles aneinander aufgerieben hat, wenn wir das Ganze in
gleichgueltigen Staub zerlegt sehen, dann entsteht das erbaermliche,
leere Gefuehl des Todes in uns, nur durch den Atem des Ewiglebenden zu
erquicken.

In einem so neuen, ganzen, lieblichen Gemuete war viel zu zerreissen,
zu zerstoeren, zu ertoeten, und die schnellheilende Kraft der Jugend
gab selbst der Gewalt des Schmerzens neue Nahrung und Heftigkeit. Der
Streich hatte sein ganzes Dasein an der Wurzel getroffen. Werner, aus
Not sein Vertrauter, griff voll Eifer zu Feuer und Schwert, um einer
verhassten Leidenschaft, dem Ungeheuer, ins innerste Leben zu dringen.
Die Gelegenheit war so gluecklich, das Zeugnis so bei der Hand, und
wieviel Geschichten und Erzaehlungen wusst er nicht zu nutzen. Er
trieb's mit solcher Heftigkeit und Grausamkeit Schritt vor Schritt,
liess dem Freunde nicht das Labsal des mindesten augenblicklichen
Betruges, vertrat ihm jeden Schlupfwinkel, in welchen er sich vor der
Verzweiflung haette retten koennen, dass die Natur, die ihren Liebling
nicht wollte zugrunde gehen lassen, ihn mit Krankheit anfiel, um ihm
von der andern Seite Luft zu machen.

Ein lebhaftes Fieber mit seinem Gefolge, den Arzeneien, der
ueberspannung und der Mattigkeit; dabei die Bemuehungen der Familie,
die Liebe der Mitgebornen, die durch Mangel und Beduerfnisse sich erst
recht fuehlbar macht, waren so viele Zerstreuungen eines veraenderten
Zustandes und eine kuemmerliche Unterhaltung. Erst als er wieder
besser wurde, das heisst, als seine Kraefte erschoepft waren, sah
Wilhelm mit Entsetzen in den qualvollen Abgrund eines duerren Elendes
hinab, wie man in den ausgebrannten, hohlen Becher eines Vulkans
hinunterblickt.

Nunmehr machte er sich selbst die bittersten Vorwuerfe, dass er nach
so grossem Verlust noch einen schmerzenlosen, ruhigen, gleichgueltigen
Augenblick haben koenne. Er verachtete sein eigen Herz und sehnte
sich nach dem Labsal des Jammers und der Traenen.

Um diese wieder in sich zu erwecken, brachte er vor sein Andenken alle
Szenen des vergangenen Gluecks. Mit der groessten Lebhaftigkeit malte
er sie sich aus, strebte wieder in sie hinein, und wenn er sich zur
moeglichsten Hoehe hinaufgearbeitet hatte, wenn ihm der Sonnenschein
voriger Tage wieder die Glieder zu beleben, den Busen zu heben schien,
sah er rueckwaerts auf den schrecklichen Abgrund, labte sein Auge an
der zerschmetternden Tiefe, warf sich hinunter und erzwang von der
Natur die bittersten Schmerzen. Mit so wiederholter Grausamkeit
zerriss er sich selbst; denn die Jugend, die so reich an eingehuellten
Kraeften ist, weiss nicht, was sie verschleudert, wenn sie dem Schmerz,
den ein Verlust erregt, noch so viele erzwungene Leiden zugesellt,
als wollte sie dem Verlornen dadurch noch erst einen rechten Wert
geben. Auch war er so ueberzeugt, dass dieser Verlust der einzige,
der erste und letzte sei, den er in seinem Leben empfinden koenne,
dass er jeden Trost verabscheute, der ihm diese Leiden als endlich
vorzustellen unternahm.




II. Buch, 2. Kapitel




Zweites Kapitel

Gewoehnt, auf diese Weise sich selbst zu quaelen, griff er nun auch
das uebrige, was ihm nach der Liebe und mit der Liebe die groessten
Freuden und Hoffnungen gegeben hatte, sein Talent als Dichter und
Schauspieler, mit haemischer Kritik von allen Seiten an. Er sah in
seinen Arbeiten nichts als eine geistlose Nachahmung einiger
hergebrachten Formen, ohne innern Wert; er wollte darin nur steife
Schulexerzitien erkennen, denen es an jedem Funken von Naturell,
Wahrheit und Begeisterung fehle. In seinen Gedichten fand er nur ein
monotones Silbenmass, in welchem, durch einen armseligen Reim
zusammengehalten, ganz gemeine Gedanken und Empfindungen sich
hinschleppten; und so benahm er sich auch jede Aussicht, jede Lust,
die ihn von dieser Seite noch allenfalls haette wieder aufrichten
koennen.

Seinem Schauspielertalente ging es nicht besser. Er schalt sich, dass
er nicht frueher die Eitelkeit entdeckt, die allein dieser Anmassung
zum Grunde gelegen. Seine Figur, sein Gang, seine Bewegung und
Deklamation mussten herhalten; er sprach sich jede Art von Vorzug,
jedes Verdienst, das ihn ueber das Gemeine emporgehoben haette,
entscheidend ab und vermehrte seine stumme Verzweiflung dadurch auf
den hoechsten Grad. Denn wenn es hart ist, der Liebe eines Weibes zu
entsagen, so ist die Empfindung nicht weniger schmerzlich, von dem
Umgange der Musen sich loszureissen, sich ihrer Gemeinschaft auf immer
unwuerdig zu erklaeren und auf den schoensten und naechsten Beifall,
der unsrer Person, unserm Betragen, unsrer Stimme oeffentlich gegeben
wird, Verzicht zu tun.

So hatte sich denn unser Freund voellig resigniert und sich zugleich
mit grossem Eifer den Handelsgeschaeften gewidmet. Zum Erstaunen
seines Freundes und zur groessten Zufriedenheit seines Vaters war
niemand auf dem Comptoir und der Boerse, im Laden und Gewoelbe
taetiger als er; Korrespondenz und Rechnungen, und was ihm aufgetragen
wurde, besorgte und verrichtete er mit groesstem Fleiss und Eifer.
Freilich nicht mit dem heitern Fleisse, der zugleich dem Geschaeftigen
Belohnung ist, wenn wir dasjenige, wozu wir geboren sind, mit Ordnung
und Folge verrichten, sondern mit dem stillen Fleisse der Pflicht, der
den besten Vorsatz zum Grunde hat, der durch ueberzeugung genaehrt und
durch ein innres Selbstgefuehl belohnt wird; der aber doch oft, selbst
dann, wenn ihm das schoenste Bewusstsein die Krone reicht, einen
vordringenden Seufzer kaum zu ersticken vermag.

Auf diese Weise hatte Wilhelm eine Zeitlang sehr emsig fortgelebt und
sich ueberzeugt, dass jene harte Pruefung vom Schicksale zu seinem
Besten veranstaltet worden. Er war froh, auf dem Wege des Lebens sich
beizeiten, obgleich unfreundlich genug, gewarnt zu sehen, anstatt dass
andere spaeter und schwerer die Missgriffe buessen, wozu sie ein
jugendlicher Duenkel verleitet hat. Denn gewoehnlich wehrt sich der
Mensch so lange, als er kann, den Toren, den er im Busen hegt, zu
verabschieden, einen Hauptirrtum zu bekennen und eine Wahrheit
einzugestehen, die ihn zur Verzweiflung bringt.

So entschlossen er war, seinen liebsten Vorstellungen zu entsagen, so
war doch einige Zeit noetig, um ihn von seinem Ungluecke voellig zu
ueberzeugen. Endlich aber hatte er jede Hoffnung der Liebe, des
poetischen Hervorbringens und der persoenlichen Darstellung mit
triftigen Gruenden so ganz in sich vernichtet, dass er Mut fasste,
alle Spuren seiner Torheit, alles, was ihn irgend noch daran erinnern
koennte, voellig auszuloeschen. Er hatte daher an einem kuehlen
Abende ein Kaminfeuer angezuendet und holte ein Reliquienkaestchen
hervor, in welchem sich hunderterlei Kleinigkeiten fanden, die er in
bedeutenden Augenblicken von Marianen erhalten oder derselben geraubt
hatte. Jede vertrocknete Blume erinnerte ihn an die Zeit, da sie noch
frisch in ihren Haaren bluehte; jedes Zettelchen an die glueckliche
Stunde, wozu sie ihn dadurch einlud; jede Schleife an den lieblichen
Ruheplatz seines Hauptes, ihren schoenen Busen. Musste nicht auf
diese Weise jede Empfindung, die er schon lange getoetet glaubte, sich
wieder zu bewegen anfangen? Musste nicht die Leidenschaft, ueber die
er, abgeschieden von seiner Geliebten, Herr geworden war, in der
Gegenwart dieser Kleinigkeiten wieder maechtig werden? Denn wir
merken erst, wie traurig und unangenehm ein trueber Tag ist, wenn ein
einziger durchdringender Sonnenblick uns den aufmunternden Glanz einer
heitern Stunde darstellt.

Nicht ohne Bewegung sah er daher diese so lange bewahrten Heiligtuemer
nacheinander in Rauch und Flamme vor sich aufgehen. Einigemal hielt
er zaudernd inne und hatte noch eine Perlenschnur und ein flornes
Halstuch uebrig, als er sich entschloss, mit den dichterischen
Versuchen seiner Jugend das abnehmende Feuer wieder aufzufrischen.

Bis jetzt hatte er alles sorgfaeltig aufgehoben, was ihm, von der
fruehsten Entwicklung seines Geistes an, aus der Feder geflossen war.
Noch lagen seine Schriften in Buendel gebunden auf dem Boden des
Koffers, wohin er sie gepackt hatte, als er sie auf seiner Flucht
mitzunehmen hoffte. Wie ganz anders eroeffnete er sie jetzt, als er
sie damals zusammenband!

Wenn wir einen Brief, den wir unter gewissen Umstaenden geschrieben
und gesiegelt haben, der aber den Freund, an den er gerichtet war,
nicht antrifft, sondern wieder zu uns zurueckgebracht wird, nach
einiger Zeit eroeffnen, ueberfaellt uns eine sonderbare Empfindung,
indem wir unser eignes Siegel erbrechen und uns mit unserm
veraenderten Selbst wie mit einer dritten Person unterhalten. Ein
aehnliches Gefuehl ergriff mit Heftigkeit unsern Freund, als er das
erste Paket eroeffnete und die zerteilten Hefte ins Feuer warf, die
eben gewaltsam aufloderten, als Werner hereintrat, sich ueber die
lebhafte Flamme verwunderte und fragte, was hier vorgehe.

"Ich gebe einen Beweis", sagte Wilhelm, "dass es mir Ernst sei, ein
Handwerk aufzugeben, wozu ich nicht geboren ward"; und mit diesen
Worten warf er das zweite Paket in das Feuer. Werner wollte ihn
abhalten, allein es war geschehen.

"Ich sehe nicht ein, wie du zu diesem Extrem kommst", sagte dieser.
"Warum sollen denn nun diese Arbeiten, wenn sie nicht vortrefflich
sind, gar vernichtet werden?"

"Weil ein Gedicht entweder vortrefflich sein oder gar nicht existieren
soll; weil jeder, der keine Anlage hat, das Beste zu leisten, sich der
Kunst enthalten und sich vor jeder Verfuehrung dazu ernstlich in acht
nehmen sollte. Denn freilich regt sich in jedem Menschen ein gewisses
unbestimmtes Verlangen, dasjenige, was er sieht, nachzuahmen; aber
dieses Verlangen beweist gar nicht, dass auch die Kraft in uns wohne,
mit dem, was wir unternehmen, zustande zu kommen. Sieh nur die Knaben
an, wie sie jedesmal, sooft Seiltaenzer in der Stadt gewesen, auf
allen Planken und Balken hin und wider gehen und balancieren, bis ein
anderer Reiz sie wieder zu einem aehnlichen Spiele hinzieht. Hast du
es nicht in dem Zirkel unsrer Freunde bemerkt? Sooft sich ein
Virtuose hoeren laesst, finden sich immer einige, die sogleich
dasselbe Instrument zu lernen anfangen. Wie viele irren auf diesem
Wege herum! Gluecklich, wer den Fehlschluss von seinen Wuenschen auf
seine Kraefte bald gewahr wird!"

Werner widersprach; die Unterredung ward lebhaft, und Wilhelm konnte
nicht ohne Bewegung die Argumente, mit denen er sich selbst so oft
gequaelt hatte, gegen seinen Freund wiederholen. Werner behauptete,
es sei nicht vernuenftig, ein Talent, zu dem man nur einigermassen
Neigung und Geschick habe, deswegen, weil man es niemals in der
groessten Vollkommenheit ausueben werde, ganz aufzugeben. Es finde
sich ja so manche leere Zeit, die man dadurch ausfuellen und nach und
nach etwas hervorbringen koenne, wodurch wir uns und andern ein
Vergnuegen bereiten.

Unser Freund, der hierin ganz anderer Meinung war, fiel ihm sogleich
ein und sagte mit grosser Lebhaftigkeit:

"Wie sehr irrst du, lieber Freund, wenn du glaubst, dass ein Werk,
dessen erste Vorstellung die ganze Seele fuellen muss, in
unterbrochenen, zusammengegeizten Stunden koenne hervorgebracht werden.
Nein, der Dichter muss ganz sich, ganz in seinen geliebten
Gegenstaenden leben. Er, der vom Himmel innerlich auf das
koestlichste begabt ist, der einen sich immer selbst vermehrenden
Schatz im Busen bewahrt, er muss auch von aussen ungestoert mit seinen
Schaetzen in der stillen Glueckseligkeit leben, die ein Reicher
vergebens mit aufgehaeuften Guetern um sich hervorzubringen sucht.
Sieh die Menschen an, wie sie nach Glueck und Vergnuegen rennen! Ihre
Wuensche, ihre Muehe, ihr Geld jagen rastlos, und wonach? Nach dem,
was der Dichter von der Natur erhalten hat, nach dem Genuss der Welt,
nach dem Mitgefuehl seiner selbst in andern, nach einem harmonischen
Zusammensein mit vielen oft unvereinbaren Dingen.

Was beunruhiget die Menschen, als dass sie ihre Begriffe nicht mit den
Sachen verbinden koennen, dass der Genuss sich ihnen unter den Haenden
wegstiehlt, dass das Gewuenschte zu spaet kommt und dass alles
Erreichte und Erlangte auf ihr Herz nicht die Wirkung tut, welche die
Begierde uns in der Ferne ahnen laesst. Gleichsam wie einen Gott hat
das Schicksal den Dichter ueber dieses alles hinuebergesetzt. Er
sieht das Gewirre der Leidenschaften, Familien und Reiche sich
zwecklos bewegen, er sieht die unaufloeslichen Raetsel der
Missverstaendnisse, denen oft nur ein einsilbiges Wort zur Entwicklung
fehlt, unsaeglich verderbliche Verwirrungen verursachen. Er fuehlt
das Traurige und das Freudige jedes Menschenschicksals mit. Wenn der
Weltmensch in einer abzehrenden Melancholie ueber grossen Verlust
seine Tage hinschleicht oder in ausgelassener Freude seinem Schicksale
entgegengeht, so schreitet die empfaengliche, leichtbewegliche Seele
des Dichters wie die wandelnde Sonne von Nacht zu Tag fort, und mit
leisen uebergaengen stimmt seine Harfe zu Freude und Leid. Eingeboren
auf dem Grund seines Herzens waechst die schoene Blume der Weisheit
hervor, und wenn die andern wachend traeumen und von ungeheuren
Vorstellungen aus allen ihren Sinnen geaengstiget werden, so lebt er
den Traum des Lebens als ein Wachender, und das Seltenste, was
geschieht, ist ihm zugleich Vergangenheit und Zukunft. Und so ist der
Dichter zugleich Lehrer Wahrsager, Freund der Goetter und der Menschen.
Wie! willst du, dass er zu einem kuemmerlichen Gewerbe
heruntersteige? Er, der wie ein Vogel gebaut ist, um die Welt zu
ueberschweben, auf hohen Gipfeln zu nisten und seine Nahrung von
Knospen und Fruechten, einen Zweig mit dem andern leicht verwechselnd,
zu nehmen, er sollte zugleich wie der Stier am Pfluge ziehen, wie der
Hund sich auf eine Faehrte gewoehnen oder vielleicht gar, an die Kette
geschlossen, einen Meierhof durch sein Bellen sichern?"

Werner hatte, wie man sich denken kann, mit Verwunderung zugehoert.
"Wenn nur auch die Menschen", fiel er ihm ein, "wie die Voegel gemacht
waeren und, ohne dass sie spinnen und weben, holdselige Tage in
bestaendigem Genuss zubringen koennten! Wenn sie nur auch bei Ankunft
des Winters sich so leicht in ferne Gegenden begaeben, dem Mangel
auszuweichen und sich vor dem Froste zu sichern!"

"So haben die Dichter in Zeiten gelebt, wo das Ehrwuerdige mehr
erkannt ward", rief Wilhelm aus, "und so sollten sie immer leben.
Genugsam in ihrem Innersten ausgestattet, bedurften sie wenig von
aussen; die Gabe, schoene Empfindungen, herrliche Bilder den Menschen
in suessen, sich an jeden Gegenstand anschmiegenden Worten und
Melodien mitzuteilen, bezauberte von jeher die Welt und war fuer den
Begabten ein reichliches Erbteil. An der Koenige Hoefen, an den
Tischen der Reichen, vor den Tueren der Verliebten horchte man auf sie,
indem sich das Ohr und die Seele fuer alles andere verschloss, wie
man sich seligpreist und entzueckt stillesteht, wenn aus den
Gebueschen, durch die man wandelt, die Stimme der Nachtigall gewaltig
ruehrend hervordringt! Sie fanden eine gastfreie Welt, und ihr
niedrig scheinender Stand erhoehte sie nur desto mehr. Der Held
lauschte ihren Gesaengen, und der ueberwinder der Welt huldigte einem
Dichter, weil er fuehlte, dass ohne diesen sein ungeheures Dasein nur
wie ein Sturmwind vorueberfahren wuerde; der Liebende wuenschte sein
Verlangen und seinen Genuss so tausendfach und so harmonisch zu
fuehlen, als ihn die beseelte Lippe zu schildern verstand; und selbst
der Reiche konnte seine Besitztuemer, seine Abgoetter, nicht mit
eigenen Augen so kostbar sehen, als sie ihm vom Glanz des allen Wert
fuehlenden und erhoehenden Geistes beleuchtet erschienen. Ja, wer hat,
wenn du willst, Goetter gebildet, uns zu ihnen erhoben, sie zu uns
herniedergebracht, als der Dichter?"

"Mein Freund", versetzte Werner nach einigem Nachdenken, "ich habe
schon oft bedauert, dass du das, was du so lebhaft fuehlst, mit Gewalt
aus deiner Seele zu verbannen strebst. Ich muesste mich sehr irren,
wenn du nicht besser taetest, dir selbst einigermassen nachzugeben,
als dich durch die Widersprueche eines so harten Entsagens aufzureiben
und dir mit der einen unschuldigen Freude den Genuss aller uebrigen zu
entziehen."

"Darf ich dir's gestehen, mein Freund",versetzte der andre, "und wirst
du mich nicht laecherlich finden, wenn ich dir bekenne, dass jene
Bilder mich noch immer verfolgen, sosehr ich sie fliehe, und dass,
wenn ich mein Herz untersuche, alle fruehen Wuensche fest, ja noch
fester als sonst darin haften? Doch was bleibt mir Ungluecklichem
gegenwaertig uebrig? Ach, wer mir vorausgesagt haette, dass die Arme
meines Geistes so bald zerschmettert werden sollten, mit denen ich ins
Unendliche griff und mit denen ich doch gewiss ein Grosses zu umfassen
hoffte, wer mir das vorausgesagt haette, wuerde mich zur Verzweiflung
gebracht haben. Und noch jetzt, da das Gericht ueber mich ergangen
ist, jetzt, da ich die verloren habe, die anstatt einer Gottheit mich
zu meinen Wuenschen hinueberfuehren sollte, was bleibt mir uebrig, als
mich den bittersten Schmerzen zu ueberlassen? O mein Bruder", fuhr er
fort, "ich leugne nicht, sie war mir bei meinen heimlichen Anschlaegen
der Kloben, an den eine Strickleiter befestigt ist; gefaehrlich
hoffend schwebt der Abenteurer in der Luft, das Eisen bricht, und er
liegt zerschmettert am Fusse seiner Wuensche. Es ist auch nun fuer
mich kein Trost, keine Hoffnung mehr! Ich werde", rief er aus, indem
er aufsprang, "von diesen unglueckseligen Papieren keines uebriglassen."
Er fasste abermals ein paar Hefte an, riss sie auf und warf sie ins
Feuer. Werner wollte ihn abhalten, aber vergebens. "Lass mich!" rief
Wilhelm, "was sollen diese elenden Blaetter? Fuer mich sind sie weder
Stufe noch Aufmunterung mehr. Sollen sie uebrigbleiben, um mich bis
ans Ende meines Lebens zu peinigen? Sollen sie vielleicht einmal der
Welt zum Gespoette dienen, anstatt Mitleiden und Schauer zu erregen?
Weh ueber mich und ueber mein Schicksal! Nun verstehe ich erst die
Klagen der Dichter, der aus Not weise gewordnen Traurigen. Wie lange
hielt ich mich fuer unzerstoerbar, fuer unverwundlich, und ach! nun
seh ich, dass ein tiefer frueher Schade nicht wieder auswachsen, sich
nicht wieder herstellen kann; ich fuehle, dass ich ihn mit ins Grab
nehmen muss. Nein! keinen Tag des Lebens soll der Schmerz von mir
weichen, der mich noch zuletzt umbringt, und auch ihr Andenken soll
bei mir bleiben, mit mir leben und sterben, das Andenken der
Unwuerdigen--ach, mein Freund! wenn ich von Herzen reden soll--der
gewiss nicht ganz Unwuerdigen! Ihr Stand, ihre Schicksale haben sie
tausendmal bei mir entschuldigt. Ich bin zu grausam gewesen, du hast
mich in deine Kaelte, in deine Haerte unbarmherzig eingeweiht, meine
zerruetteten Sinne gefangengehalten und mich verhindert, das fuer sie
und fuer mich zu tun, was ich uns beiden schuldig war. Wer weiss, in
welchen Zustand ich sie versetzt habe, und erst nach und nach faellt
mir's aufs Gewissen, in welcher Verzweiflung, in welcher
Huelflosigkeit ich sie verliess! War's nicht moeglich, dass sie sich
entschuldigen konnte? War's nicht moeglich? Wieviel
Missverstaendnisse koennen die Welt verwirren, wieviel Umstaende
koennen dem groessten Fehler Vergebung erflehen!--Wie oft denke ich
mir sie, in der Stille fuer sich sitzend, auf ihren Ellenbogen
gestuetzt.--"Das ist", sagt sie, "die Treue, die Liebe, die er mir
zuschwur! Mit diesem unsanften Schlag das schoene Leben zu endigen,
das uns verband!""--Er brach in einen Strom von Traenen aus, indem er
sich mit dem Gesichte auf den Tisch warf und die uebergebliebenen
Papiere benetzte.

Werner stand in der groessten Verlegenheit dabei. Er hatte sich
dieses rasche Auflodern der Leidenschaft nicht vermutet. Etlichemal
wollte er seinem Freunde in die Rede fallen, etlichemal das Gespraech
woandershin lenken, vergebens! er widerstand dem Strome nicht. Auch
hier uebernahm die ausdauernde Freundschaft wieder ihr Amt. Er liess
den heftigsten Anfall des Schmerzens vorueber, indem er durch seine
stille Gegenwart eine aufrichtige, reine Teilnehmung am besten sehen
liess, und so blieben sie diesen Abend; Wilhelm ins stille Nachgefuehl
des Schmerzens versenkt und der andere erschreckt durch den neuen
Ausbruch einer Leidenschaft, die er lange bemeistert und durch guten
Rat und eifriges Zureden ueberwaeltigt zu haben glaubte.




II. Buch, 3. Kapitel




Drittes Kapitel

Nach solchen Rueckfaellen pflegte Wilhelm meist nur desto eifriger
sich den Geschaeften und der Taetigkeit zu widmen, und es war der
beste Weg, dem Labyrinthe, das ihn wieder anzulocken suchte, zu
entfliehen. Seine gute Art, sich gegen Fremde zu betragen, seine
Leichtigkeit, fast in allen lebenden Sprachen Korrespondenz zu fuehren,
gaben seinem Vater und dessen Handelsfreunde immer mehr Hoffnung und
troesteten sie ueber die Krankheit, deren Ursache ihnen nicht bekannt
geworden war, und ueber die Pause, die ihren Plan unterbrochen hatte.
Man beschloss Wilhelms Abreise zum zweitenmal, und wir finden ihn auf
seinem Pferde, den Mantelsack hinter sich, erheitert durch freie Luft
und Bewegung, dem Gebirge sich naehern, wo er einige Auftraege
ausrichten sollte.

Er durchstrich langsam Taeler und Berge mit der Empfindung des
groessten Vergnuegens. ueberhangende Felsen, rauschende Wasserbaeche,
bewachsene Waende, tiefe Gruende sah er hier zum erstenmal, und doch
hatten seine fruehsten Jugendtraeume schon in solchen Gegenden
geschwebt. Er fuehlte sich bei diesem Anblicke wieder verjuengt; alle
erduldeten Schmerzen waren aus seiner Seele weggewaschen, und mit
voelliger Heiterkeit sagte er sich Stellen aus verschiedenen Gedichten,
besonders aus dem "Pastor fido" vor, die an diesen einsamen Plaetzen
scharenweis seinem Gedaechtnisse zuflossen. Auch erinnerte er sich
mancher Stellen aus seinen eigenen Liedern, die er mit einer besondern
Zufriedenheit rezitierte. Er belebte die Welt, die vor ihm lag, mit
allen Gestalten der Vergangenheit, und jeder Schritt in die Zukunft
war ihm voll Ahnung wichtiger Handlungen und merkwuerdiger
Begebenheiten.

Mehrere Menschen, die aufeinanderfolgend hinter ihm herkamen, an ihm
mit einem Grusse vorbeigingen und den Weg ins Gebirge, durch steile
Fusspfade, eilig fortsetzten, unterbrachen einigemal seine stille
Unterhaltung, ohne dass er jedoch aufmerksam auf sie geworden waere.
Endlich gesellte sich ein gespraechiger Gefaehrte zu ihm und erzaehlte
die Ursache der starken Pilgerschaft.

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