Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 4
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Die Gesellschaft nahm diese Apostrophe gut auf, indem jeder ueberzeugt
war, dass nicht von ihm die Rede sein koenne, da er sich noch vor
kurzem nebst den uebrigen so gut gehalten. Man kam vielmehr ueberein,
dass man in dem Sinne, wie man angefangen, auf dieser Reise und
kuenftig, wenn man zusammen bliebe, eine gesellige Bearbeitung wolle
obwalten lassen. Man fand nur, dass, weil dieses eine Sache der guten
Laune und des freien Willens sei, so muesse sich eigentlich kein
Direktor dareinmischen. Man nahm als ausgemacht an, dass unter guten
Menschen die republikanische Form die beste sei; man behauptete, das
Amt eines Direktors muesse herumgehen; er muesse von allen gewaehlt
werden und eine Art von kleinem Senat ihm jederzeit beigesetzt bleiben.
Sie waren so von diesem Gedanken eingenommen, dass sie wuenschten,
ihn gleich ins Werk zu richten.
"Ich habe nichts dagegen", sagte Melina, "wenn ihr auf der Reise einen
solchen Versuch machen wollt; ich suspendiere meine Direktorschaft
gern, bis wir wieder an Ort und Stelle kommen." Er hoffte dabei zu
sparen und manche Ausgaben der kleinen Republik oder dem
Interimsdirektor aufzuwaelzen. Nun ging man sehr lebhaft zu Rate, wie
man die Form des neuen Staates aufs beste einrichten wolle.
"Es ist ein wanderndes Reich", sagte Laertes; "wir werden wenigstens
keine Grenzstreitigkeiten haben."
Man schritt sogleich zur Sache und erwaehlte Wilhelmen zum ersten
Direktor. Der Senat ward bestellt, die Frauen erhielten Sitz und
Stimme, man schlug Gesetze vor, man verwarf, man genehmigte. Die Zeit
ging unvermerkt unter diesem Spiele vorueber, und weil man sie
angenehm zubrachte, glaubte man auch wirklich etwas Nuetzliches getan
und durch die neue Form eine neue Aussicht fuer die vaterlaendische
Buehne eroeffnet zu haben.
IV. Buch, 3. Kapitel
Drittes Kapitel
Wilhelm hoffte nunmehr, da er die Gesellschaft in so guter Disposition
sah, sich auch mit ihr ueber das dichterische Verdienst der Stuecke
unterhalten zu koennen. "Es ist nicht genug", sagte er zu ihnen, als
sie des andern Tages wieder zusammenkamen, "dass der Schauspieler ein
Stueck nur so obenhin ansehe, dasselbe nach dem ersten Eindruck
beurteile und ohne Pruefung sein Gefallen oder Missfallen daran zu
erkennen gebe. Dies ist dem Zuschauer wohl erlaubt, der geruehrt und
unterhalten sein, aber eigentlich nicht urteilen will. Der
Schauspieler dagegen soll von dem Stuecke und von den Ursachen seines
Lobes und Tadels Rechenschaft geben koennen: und wie will er das, wenn
er nicht in den Sinn seines Autors, wenn er nicht in die Absichten
desselben einzudringen versteht? Ich habe den Fehler, ein Stueck aus
einer Rolle zu beurteilen, eine Rolle nur an sich und nicht im
Zusammenhange mit dem Stueck zu betrachten, an mir selbst in diesen
Tagen so lebhaft bemerkt, dass ich euch das Beispiel erzaehlen will,
wenn ihr mir ein geneigtes Gehoer goennen wollt.
Ihr kennt Shakespeares unvergleichlichen "Hamlet" aus einer Vorlesung,
die euch schon auf dem Schlosse das groesste Vergnuegen machte. Wir
setzten uns vor, das Stueck zu spielen, und ich hatte, ohne zu wissen,
was ich tat, die Rolle des Prinzen uebernommen; ich glaubte sie zu
studieren, indem ich anfing, die staerksten Stellen, die
Selbstgespraeche und jene Auftritte zu memorieren, in denen Kraft der
Seele, Erhebung des Geistes und Lebhaftigkeit freien Spielraum haben,
wo das bewegte Gemuet sich in einem gefuehlvollen Ausdrucke zeigen
kann.
Auch glaubte ich recht in den Geist der Rolle einzudringen, wenn ich
die Last der tiefen Schwermut gleichsam selbst auf mich naehme und
unter diesem Druck meinem Vorbilde durch das seltsame Labyrinth so
mancher Launen und Sonderbarkeiten zu folgen suchte. So memorierte
ich, und so uebte ich mich und glaubte nach und nach mit meinem Helden
zu einer Person zu werden.
Allein je weiter ich kam, desto schwerer ward mir die Vorstellung des
Ganzen, und mir schien zuletzt fast unmoeglich, zu einer uebersicht zu
gelangen. Nun ging ich das Stueck in einer ununterbrochenen Folge
durch, und auch da wollte mir leider manches nicht passen. Bald
schienen sich die Charaktere, bald der Ausdruck zu widersprechen, und
ich verzweifelte fast, einen Ton zu finden, in welchem ich meine ganze
Rolle mit allen Abweichungen und Schattierungen vortragen koennte. In
diesen Irrgaengen bemuehte ich mich lange vergebens, bis ich mich
endlich auf einem ganz besondern Wege meinem Ziele zu naehern hoffte.
Ich suchte jede Spur auf, die sich von dem Charakter Hamlets in
frueher Zeit vor dem Tode seines Vaters zeigte; ich bemerkte, was
unabhaengig von dieser traurigen Begebenheit, unabhaengig von den
nachfolgenden schrecklichen Ereignissen dieser interessante Juengling
gewesen war und was er ohne sie vielleicht geworden waere.
Zart und edel entsprossen, wuchs die koenigliche Blume unter den
unmittelbaren Einfluessen der Majestaet hervor; der Begriff des Rechts
und der fuerstlichen Wuerde, das Gefuehl des Guten und Anstaendigen
mit dem Bewusstsein der Hoehe seiner Geburt entwickelten sich zugleich
in ihm. Er war ein Fuerst, ein geborner Fuerst, und wuenschte zu
regieren, nur damit der Gute ungehindert gut sein moechte. Angenehm
von Gestalt, gesittet von Natur, gefaellig von Herzen aus, sollte er
das Muster der Jugend sein und die Freude der Welt werden.
Ohne irgendeine hervorstechende Leidenschaft war seine Liebe zu
Ophelien ein stilles Vorgefuehl suesser Beduerfnisse; sein Eifer zu
ritterlichen uebungen war nicht ganz original; vielmehr musste diese
Lust durch das Lob, das man dem Dritten beilegte, geschaerft und
erhoeht werden; rein fuehlend, kannte er die Redlichen und wusste die
Ruhe zu schaetzen, die ein aufrichtiges Gemuet an dem offnen Busen
eines Freundes geniesst. Bis auf einen gewissen Grad hatte er in
Kuensten und Wissenschaften das Gute und Schoene erkennen und
wuerdigen gelernt; das Abgeschmackte war ihm zuwider, und wenn in
seiner zarten Seele der Hass aufkeimen konnte, so war es nur ebenso
viel, als noetig ist, um bewegliche und falsche Hoeflinge zu verachten
und spoettisch mit ihnen zu spielen. Er war gelassen in seinem Wesen,
in seinem Betragen einfach, weder im Muessiggange behaglich noch allzu
begierig nach Beschaeftigung. Ein akademisches Hinschlendern schien
er auch bei Hofe fortzusetzen. Er besass mehr Froehlichkeit der Laune
als des Herzens, war ein guter Gesellschafter, nachgiebig, bescheiden,
besorgt, und konnte eine Beleidigung vergeben und vergessen; aber
niemals konnte er sich mit dem vereinigen, der die Grenzen des Rechten,
des Guten, des Anstaendigen ueberschritt.
Wenn wir das Stueck wieder zusammen lesen werden, koennt ihr
beurteilen, ob ich auf dem rechten Wege bin. Wenigstens hoffe ich
meine Meinung durchaus mit Stellen belegen zu koennen."
Man gab der Schilderung lauten Beifall; man glaubte vorauszusehen,
dass sich nun die Handelsweise Hamlets gar gut werde erklaeren lassen;
man freute sich ueber diese Art, in den Geist des Schriftstellers
einzudringen. Jeder nahm sich vor, auch irgendein Stueck auf diese
Art zu studieren und den Sinn des Verfassers zu entwickeln.
IV. Buch, 4. Kapitel
Viertes Kapitel
Nur einige Tage musste die Gesellschaft an dem Orte liegenbleiben, und
sogleich zeigten sich fuer verschiedene Glieder derselben nicht
unangenehme Abenteuer, besonders aber ward Laertes von einer Dame
angereizt, die in der Nachbarschaft ein Gut hatte, gegen die er sich
aber aeusserst kalt, ja unartig betrug und darueber von Philinen viele
Spoettereien erdulden musste. Sie ergriff die Gelegenheit, unserm
Freund die unglueckliche Liebesgeschichte zu erzaehlen, ueber die der
arme Juengling dem ganzen weiblichen Geschlechte feind geworden war.
"Wer wird ihm uebelnehmen", rief sie aus, "dass er ein Geschlecht
hasst, das ihm so uebel mitgespielt hat und ihm alle uebel, die sonst
Maenner von Weibern zu befuerchten haben, in einem sehr konzentrierten
Tranke zu verschlucken gab? Stellen Sie sich vor: binnen
vierundzwanzig Stunden war er Liebhaber, Braeutigam, Ehmann, Hahnrei,
Patient und Witwer! Ich wuesste nicht, wie man's einem aerger machen
wollte."
Laertes lief halb lachend, halb verdriesslich zur Stube hinaus, und
Philine fing in ihrer allerliebsten Art die Geschichte zu erzaehlen an,
wie Laertes als ein junger Mensch von achtzehn Jahren, eben als er
bei einer Theatergesellschaft eingetroffen, ein schoenes
vierzehnjaehriges Maedchen gefunden, die eben mit ihrem Vater, der
sich mit dem Direktor entzweiet, abzureisen willens gewesen. Er habe
sich aus dem Stegreife sterblich verliebt, dem Vater alle moeglichen
Vorstellungen getan zu bleiben und endlich versprochen, das Maedchen
zu heiraten. Nach einigen angenehmen Stunden des Brautstandes sei er
getraut worden, habe eine glueckliche Nacht als Ehmann zugebracht,
darauf habe ihn seine Frau des andern Morgens, als er in der Probe
gewesen, nach Standesgebuehr mit einem Hoernerschmuck beehrt; weil er
aber aus allzugrosser Zaertlichkeit viel zu frueh nach Hause geeilt,
habe er leider einen aeltern Liebhaber an seiner Stelle gefunden, habe
mit unsinniger Leidenschaft dreingeschlagen, Liebhaber und Vater
herausgefordert und sei mit einer leidlichen Wunde davongekommen.
Vater und Tochter seien darauf noch in der Nacht abgereist, und er sei
leider auf eine doppelte Weise verwundet zurueckgeblieben. Sein
Unglueck habe ihn zu dem schlechtesten Feldscher von der Welt gefuehrt,
und der Arme sei leider mit schwarzen Zaehnen und triefenden Augen
aus diesem Abenteuer geschieden. Er sei zu bedauern, weil er
uebrigens der bravste Junge sei, den Gottes Erdboden truege.
"Besonders", sagte sie, "tut es mir leid, dass der arme Narr nun die
Weiber hasst: denn wer die Weiber hasst, wie kann der leben?"
Melina unterbrach sie mit der Nachricht, dass alles zum Transport
voellig bereit sei und dass sie morgen frueh abfahren koennten. Er
ueberreichte ihnen eine Disposition, wie sie fahren sollten.
"Wenn mich ein guter Freund auf den Schoss nimmt", sagte Philine, "so
bin ich zufrieden, dass wir eng und erbaermlich sitzen; uebrigens ist
mir alles einerlei."
"Es tut nichts", sagte Laertes, der auch herbeikam.
"Es ist verdriesslich!" sagte Wilhelm und eilte weg. Er fand fuer sein
Geld noch einen gar bequemen Wagen, den Melina verleugnet hatte. Eine
andere Einteilung ward gemacht, und man freute sich, bequem abreisen
zu koennen, als die bedenkliche Nachricht einlief: dass auf dem Wege,
den sie nehmen wollten, sich ein Freikorps sehen lasse, von dem man
nicht viel Gutes erwartete.
An dem Orte selbst war man sehr auf diese Zeitung aufmerksam, wenn sie
gleich nur schwankend und zweideutig war. Nach der Stellung der
Armeen schien es unmoeglich, dass ein feindliches Korps sich habe
durchschleichen oder dass ein freundliches so weit habe zurueckbleiben
koennen. Jedermann war eifrig, unsrer Gesellschaft die Gefahr, die
auf sie wartete, recht gefaehrlich zu beschreiben und ihr einen andern
Weg anzuraten.
Die meisten waren darueber in Unruhe und Furcht gesetzt, und als nach
der neuen republikanischen Form die saemtlichen Glieder des Staats
zusammengerufen wurden, um ueber diesen ausserordentlichen Fall zu
beratschlagen, waren sie fast einstimmig der Meinung, dass man das
uebel vermeiden und am Orte bleiben oder ihm ausweichen und einen
andern Weg erwaehlen muesse.
Nur Wilhelm, von Furcht nicht eingenommen, hielt fuer schimpflich,
einen Plan, in den man mit so viel ueberlegung eingegangen war,
nunmehr auf ein blosses Geruecht aufzugeben. Er sprach ihnen Mut ein,
und seine Gruende waren maennlich und ueberzeugend.
"Noch", sagte er, "ist es nichts als ein Geruecht, und wie viele
dergleichen entstehen im Kriege! Verstaendige Leute sagen, dass der
Fall hoechst unwahrscheinlich, ja beinah unmoeglich sei. Sollten wir
uns in einer so wichtigen Sache bloss durch ein so ungewisses Gerede
bestimmen lassen? Die Route, welche uns der Herr Graf angegeben hat,
auf die unser Pass lautet, ist die kuerzeste, und wir finden auf
selbiger den besten Weg. Sie fuehrt uns nach der Stadt, wo ihr
Bekanntschaften, Freunde vor euch seht und eine gute Aufnahme zu
hoffen habt. Der Umweg bringt uns auch dahin, aber in welche
schlimmen Wege verwickelt er uns, wie weit fuehrt er uns ab! Koennen
wir Hoffnung haben, uns in der spaeten Jahrszeit wieder herauszufinden,
und was fuer Zeit und Geld werden wir indessen versplittern!" Er
sagte noch viel und trug die Sache von so mancherlei vorteilhaften
Seiten vor, dass ihre Furcht sich verringerte und ihr Mut zunahm. Er
wusste ihnen so viel von der Mannszucht der regelmaessigen Truppen
vorzusagen und ihnen die Marodeurs und das hergelaufene Gesindel so
nichtswuerdig zu schildern und selbst die Gefahr so lieblich und
lustig darzustellen, dass alle Gemueter aufgeheitert wurden.
Laertes war vom ersten Moment an auf seiner Seite und versicherte,
dass er nicht wanken noch weichen wolle. Der alte Polterer fand
wenigstens einige uebereinstimmende Ausdruecke in seiner Manier,
Philine lachte sie alle zusammen aus, und da Madame Melina, die, ihrer
hohen Schwangerschaft ungeachtet, ihre natuerliche Herzhaftigkeit
nicht verloren hatte, den Vorschlag heroisch fand, so konnte Melina,
der denn freilich auf dem naechsten Wege, auf den er akkordiert hatte,
viel zu sparen hoffte, nicht widerstehen, und man willigte in den
Vorschlag von ganzem Herzen.
Nun fing man an, sich auf alle Faelle zur Verteidigung einzurichten.
Man kaufte grosse Hirschfaenger und hing sie an wohlgestickten Riemen
ueber die Schultern. Wilhelm steckte noch ueberdies ein Paar
Terzerole in den Guertel; Laertes hatte ohnedem eine gute Flinte bei
sich, und man machte sich mit einer hohen Freudigkeit auf den Weg.
Den zweiten Tag schlugen die Fuhrleute, die der Gegend wohl kundig
waren, vor: sie wollten auf einem waldigen Bergplatze Mittagsruhe
halten, weil das Dorf weit abgelegen sei und man bei guten Tagen gern
diesen Weg naehme.
Die Witterung war schoen, und jedermann stimmte leicht in den
Vorschlag ein. Wilhelm eilte zu Fuss durch das Gebirge voraus, und
ueber seine sonderbare Gestalt musste jeder, der ihm begegnete,
stutzig werden. Er eilte mit schnellen und zufriedenen Schritten den
Wald hinauf, Laertes pfiff hinter ihm drein, nur die Frauen liessen
sich in den Wagen fortschleppen. Mignon lief gleichfalls nebenher,
stolz auf den Hirschfaenger, den man ihr, als die Gesellschaft sich
bewaffnete, nicht abschlagen konnte. Um ihren Hut hatte sie die
Perlenschnur gewunden, die Wilhelm von Marianens Reliquien
uebrigbehalten hatte. Friedrich der Blonde trug die Flinte des
Laertes, der Harfner hatte das friedlichste Ansehen. Sein langes
Kleid war in den Guertel gesteckt, und so ging er freier. Er stuetzte
sich auf einen knotigen Stab, sein Instrument war bei den Wagen
zurueckgeblieben.
Nachdem sie nicht ganz ohne Beschwerlichkeit die Hoehe erstiegen,
erkannten sie sogleich den angezeigten Platz an den schoenen Buchen,
die ihn umgaben und bedeckten. Eine grosse, sanft abhaengige
Waldwiese lud zum Bleiben ein; eine eingefasste Quelle bot die
lieblichste Erquickung dar, und es zeigte sich an der andern Seite
durch Schluchten und Waldruecken eine ferne, schoene und
hoffnungsvolle Aussicht. Da lagen Doerfer und Muehlen in den Gruenden,
Staedtchen in der Ebene, und neue, in der Ferne eintretende Berge
machten die Aussicht noch hoffnungsvoller, indem sie nur wie eine
sanfte Beschraenkung hereintraten.
Die ersten Ankommenden nahmen Besitz von der Gegend, ruhten im
Schatten aus, machten ein Feuer an und erwarteten geschaeftig, singend
die uebrige Gesellschaft, welche nach und nach herbeikam und den Platz,
das schoene Wetter, die unaussprechlich schoene Gegend mit einem
Munde begruesste.
IV. Buch, 5. Kapitel
Fuenftes Kapitel
Hatte man oft zwischen vier Waenden gute und froehliche Stunden
zusammen genossen, so war man natuerlich noch viel aufgeweckter hier,
wo die Freiheit des Himmels und die Schoenheit der Gegend jedes Gemuet
zu reinigen schien. Alle fuehlten sich einander naeher, alle
wuenschten in einem so angenehmen Aufenthalt ihr ganzes Leben
hinzubringen. Man beneidete die Jaeger, Koehler und Holzhauer, Leute,
die ihr Beruf in diesen gluecklichen Wohnplaetzen festhaelt; ueber
alles aber pries man die reizende Wirtschaft eines Zigeunerhaufens.
Man beneidete die wunderlichen Gesellen, die in seligem Muessiggange
alle abenteuerlichen Reize der Natur zu geniessen berechtigt sind; man
freute sich, ihnen einigermassen aehnlich zu sein.
Indessen hatten die Frauen angefangen, Erdaepfel zu sieden und die
mitgebrachten Speisen auszupacken und zu bereiten. Einige Toepfe
standen beim Feuer, gruppenweise lagerte sich die Gesellschaft unter
den Baeumen und Bueschen. Ihre seltsamen Kleidungen und die
mancherlei Waffen gaben ihr ein fremdes Ansehen. Die Pferde wurden
beiseite gefuettert, und wenn man die Kutschen haette verstecken
wollen, so waere der Anblick dieser kleinen Horde bis zur Illusion
romantisch gewesen.
Wilhelm genoss ein nie gefuehltes Vergnuegen. Er konnte hier eine
wandernde Kolonie und sich als Anfuehrer derselben denken. In diesem
Sinne unterhielt er sich mit einem jeden und bildete den Wahn des
Moments so poetisch als moeglich aus. Die Gefuehle der Gesellschaft
erhoehten sich; man ass, trank und jubilierte und bekannte wiederholt,
niemals schoenere Augenblicke erlebt zu haben.
Nicht lange hatte das Vergnuegen zugenommen, als bei den jungen Leuten
die Taetigkeit erwachte. Wilhelm und Laertes griffen zu den Rapieren
und fingen diesmal in theatralischer Absicht ihre uebungen an. Sie
wollten den Zweikampf darstellen, in welchem Hamlet und sein Gegner
ein so tragisches Ende nehmen. Beide Freunde waren ueberzeugt, dass
man in dieser wichtigen Szene nicht, wie es wohl auf Theatern zu
geschehen pflegt, nur ungeschickt hin und wider stossen duerfe: sie
hofften ein Muster darzustellen, wie man bei der Auffuehrung auch dem
Kenner der Fechtkunst ein wuerdiges Schauspiel zu geben habe. Man
schloss einen Kreis um sie her; beide fochten mit Eifer und Einsicht,
das Interesse der Zuschauer wuchs mit jedem Gange.
Auf einmal aber fiel im naechsten Busche ein Schuss und gleich darauf
noch einer, und die Gesellschaft fuhr erschreckt auseinander. Bald
erblickte man bewaffnete Leute, die auf den Ort zudrangen, wo die
Pferde nicht weit von den bepackten Kutschen ihr Futter einnahmen.
Ein allgemeiner Schrei entfuhr dem weiblichen Geschlechte, unsre
Helden warfen die Rapiere weg, griffen nach den Pistolen, eilten den
Raeubern entgegen und forderten unter lebhaften Drohungen Rechenschaft
des Unternehmens.
Als man ihnen lakonisch mit ein paar Musketenschuessen antwortete,
drueckte Wilhelm seine Pistole auf einen Krauskopf ab, der den Wagen
erstiegen hatte und die Stricke des Gepaeckes auseinanderschnitt.
Wohlgetroffen stuerzte er sogleich herunter; Laertes hatte auch nicht
fehlgeschossen, und beide Freunde zogen beherzt ihre Seitengewehre,
als ein Teil der raeuberischen Bande mit Fluchen und Gebruell auf sie
losbrach, einige Schuesse auf sie tat und sich mit blinkenden Saebeln
ihrer Kuehnheit entgegensetzte. Unsre jungen Helden hielten sich
tapfer; sie riefen ihren uebrigen Gesellen zu und munterten sie zu
einer allgemeinen Verteidigung auf. Bald aber verlor Wilhelm den
Anblick des Lichtes und das Bewusstsein dessen, was vorging. Von
einem Schuss, der ihn zwischen der Brust und dem linken Arm verwundete,
von einem Hiebe, der ihm den Hut spaltete und fast bis auf die
Hirnschale durchdrang, betaeubt, fiel er nieder und musste das
unglueckliche Ende des ueberfalls nur erst in der Folge aus der
Erzaehlung vernehmen.
Als er die Augen wieder aufschlug, befand er sich in der wunderbarsten
Lage. Das erste, was ihm durch die Daemmerung, die noch vor seinen
Augen lag, entgegenblickte, war das Gesicht Philinens, das sich ueber
das seine herueberneigte. Er fuehlte sich schwach, und da er, um sich
emporzurichten, eine Bewegung machte, fand er sich in Philinens Schoss,
in den er auch wieder zuruecksank. Sie sass auf dem Rasen, hatte den
Kopf des vor ihr ausgestreckten Juenglings leise an sich gedrueckt und
ihm in ihren Armen, soviel sie konnte, ein sanftes Lager bereitet.
Mignon kniete mit zerstreuten, blutigen Haaren an seinen Fuessen und
umfasste sie mit vielen Traenen.
Als Wilhelm seine blutigen Kleider ansah, fragte er mit gebrochener
Stimme, wo er sich befinde, was ihm und den andern begegnet sei.
Philine bat ihn, ruhigzubleiben; die uebrigen, sagte sie, seien alle
in Sicherheit und niemand als er und Laertes verwundet. Weiter wollte
sie nichts erzaehlen und bat ihn instaendig, er moechte sich
ruhighalten, weil seine Wunden nur schlecht und in der Eile verbunden
seien. Er reichte Mignon die Hand und erkundigte sich nach der
Ursache der blutigen Locken des Kindes, das er auch verwundet glaubte.
Um ihn zu beruhigen, erzaehlte Philine: dieses gutherzige Geschoepf,
da es seinen Freund verwundet gesehen, habe sich in der
Geschwindigkeit auf nichts besonnen, um das Blut zu stillen, es habe
seine eigenen Haare, die um den Kopf geflogen, genommen, um die Wunden
zu stopfen, habe aber bald von dem vergeblichen Unternehmen abstehen
muessen. Nachher verband man ihn mit Schwamm und Moos, Philine hatte
dazu ihr Halstuch hergegeben.
Wilhelm bemerkte, dass Philine mit dem Ruecken gegen ihren Koffer sass,
der noch ganz wohl verschlossen und unbeschaedigt aussah. Er fragte,
ob die andern auch so gluecklich gewesen, ihre Habseligkeiten zu
retten. Sie antwortete mit Achselzucken und einem Blick auf die Wiese,
wo zerbrochene Kasten, zerschlagene Koffer, zerschnittene
Mantelsaecke und eine Menge kleiner Geraetschaften zerstreut hin und
wieder lagen. Kein Mensch war auf dem Platze zu sehen, und die
wunderliche Gruppe fand sich in dieser Einsamkeit allein.
Wilhelm erfuhr nun immer mehr, als er wissen wollte: die uebrigen
Maenner, die allenfalls noch Widerstand haetten tun koennen, waren
gleich in Schrecken gesetzt und bald ueberwaeltigt; ein Teil floh, ein
Teil sah mit Entsetzen dem Unfalle zu. Die Fuhrleute, die sich noch
wegen ihrer Pferde am hartnaeckigsten gehalten hatten, wurden
niedergeworfen und gebunden, und in kurzem war alles rein
ausgepluendert und weggeschleppt. Die beaengstigten Reisenden fingen,
sobald die Sorge fuer ihr Leben vorueber war, ihren Verlust zu
bejammern an, eilten mit moeglichstes Geschwindigkeit dem benachbarten
Dorfe zu, fuehrten den leicht verwundeten Laertes mit sich und
brachten nur wenige Truemmer ihrer Besitztuemer davon. Der Harfner
hatte sein beschaedigtes Instrument an einen Baum gelehnt und war mit
nach dem Orte geeilt, einen Wundarzt aufzusuchen und seinem fuer tot
zurueckgelassenen Wohltaeter nach Moeglichkeit beizuspringen.
IV. Buch, 6. Kapitel
Sechstes Kapitel
Unsre drei verunglueckten Abenteurer blieben indes noch eine Zeitlang
in ihrer seltsamen Lage, niemand eilte ihnen zu Huelfe. Der Abend kam
herbei, die Nacht drohte hereinzubrechen; Philinens Gleichgueltigkeit
fing an, in Unruhe ueberzugehen, Mignon lief hin und wider, und die
Ungeduld des Kindes nahm mit jedem Augenblicke zu. Endlich, da ihnen
ihr Wunsch gewaehrt ward und Menschen sich ihnen naeherten, ueberfiel
sie ein neuer Schrecken. Sie hoerten ganz deutlich einen Trupp Pferde
in dem Wege heraufkommen, den auch sie zurueckgelegt hatten, und
fuerchteten, dass abermals eine Gesellschaft ungebetener Gaeste diesen
Waldplatz besuchen moechte, um Nachlese zu halten.
Wie angenehm wurden sie dagegen ueberrascht, als ihnen aus den
Bueschen, auf einem Schimmel reitend, ein Frauenzimmer zu Gesichte kam,
die von einem aeltlichen Herrn und einigen Kavalieren begleitet wurde;
Reitknechte, Bedienten und ein Trupp Husaren folgten nach.
Philine, die zu dieser Erscheinung grosse Augen machte, war eben im
Begriff zu rufen und die schoene Amazone um Huelfe anzuflehen, als
diese schon erstaunt ihre Augen nach der wunderbaren Gruppe wendete,
sogleich ihr Pferd lenkte, herzuritt und stillehielt. Sie erkundigte
sich eifrig nach dem Verwundeten, dessen Lage, in dem Schosse der
leichtfertigen Samariterin, ihr hoechst sonderbar vorzukommen schien.
"Ist es Ihr Mann?" fragte sie Philinen. "Es ist nur ein guter Freund",
versetzte diese mit einem Ton, der Wilhelmen hoechst zuwider war. Er
hatte seine Augen auf die sanften, hohen, stillen, teilnehmenden
Gesichtszuege der Ankommenden geheftet; er glaubte nie etwas Edleres
noch Liebenswuerdigeres gesehen zu haben. Ein weiter Mannsueberrock
verbarg ihm ihre Gestalt; sie hatte ihn, wie es schien, gegen die
Einfluesse der kuehlen Abendluft, von einem ihrer Gesellschafter
geborgt.
Die Ritter waren indes auch naeher gekommen; einige stiegen ab, die
Dame tat ein Gleiches und fragte mit menschenfreundlicher Teilnehmung
nach allen Umstaenden des Unfalls, der die Reisenden betroffen hatte,
besonders aber nach den Wunden des hingestreckten Juenglings. Darauf
wandte sie sich schnell um und ging mit einem alten Herrn seitwaerts
nach den Wagen, welche langsam den Berg heraufkamen und auf dem
Waldplatze stillehielten.
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