Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 4
J >>
Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 4
Pages:
1 |
2 | 3 |
4 |
5 |
6 |
7
Nachdem die junge Dame eine kurze Zeit am Schlage der einen Kutsche
gestanden und sich mit den Ankommenden unterhalten hatte, stieg ein
Mann von untersetzter Gestalt heraus, den sie zu unserm verwundeten
Helden fuehrte. An dem Kaestchen, das er in der Hand hatte, und an
der ledernen Tasche mit Instrumenten erkannte man ihn bald fuer einen
Wundarzt. Seine Manieren waren mehr rauh als einnehmend, doch seine
Hand leicht und seine Huelfe willkommen.
Er untersuchte genau, erklaerte, keine Wunde sei gefaehrlich, er wolle
sie auf der Stelle verbinden, alsdann koenne man den Kranken in das
naechste Dorf bringen.
Die Besorgnisse der jungen Dame schienen sich zu vermehren. "Sehen
Sie nur," sagte sie, nachdem sie einigemal hin und her gegangen war
und den alten Herrn wieder herbeifuehrte, "sehen Sie, wie man ihn
zugerichtet hat! Und leidet er nicht um unsertwillen?" Wilhelm
hoerte diese Worte und verstand sie nicht. Sie ging unruhig hin und
wider; es schien, als koennte sie sich nicht von dem Anblick des
Verwundeten losreissen und als fuerchtete sie zugleich den Wohlstand
zu verletzen, wenn sie stehenbliebe zu der Zeit, da man ihn, wiewohl
mit Muehe, zu entkleiden anfing. Der Chirurgus schnitt eben den
linken aermel auf, als der alte Herr hinzutrat und ihr mit einem
ernsthaften Tone die Notwendigkeit, ihre Reise fortzusetzen,
vorstellte. Wilhelm hatte seine Augen auf sie gerichtet und war von
ihren Blicken so eingenommen, dass er kaum fuehlte, was mit ihm
vorging.
Philine war indessen aufgestanden, um der gnaedigen Dame die Hand zu
kuessen. Als sie nebeneinander standen, glaubte unser Freund nie
einen solchen Abstand gesehn zu haben. Philine war ihm noch nie in
einem so unguenstigen Lichte erschienen. Sie sollte, wie es ihm
vorkam, sich jener edlen Natur nicht nahen, noch weniger sie beruehren.
Die Dame fragte Philinen Verschiedenes, aber leise. Endlich kehrte
sie sich zu dem alten Herrn, der noch immer trocken dabeistand, und
sagte: "Lieber Oheim, darf ich auf Ihre Kosten freigebig sein?" Sie
zog sogleich den ueberrock aus, und ihre Absicht, ihn dem Verwundeten
und Unbekleideten hinzugeben, war nicht zu verkennen.
Wilhelm, den der heilsame Blick ihrer Augen bisher festgehalten hatte,
war nun, als der ueberrock fiel, von ihrer schoenen Gestalt
ueberrascht. Sie trat naeher herzu und legte den Rock sanft ueber ihn.
In diesem Augenblicke, da er den Mund oeffnen und einige Worte des
Dankes stammeln wollte, wirkte der lebhafte Eindruck ihrer Gegenwart
so sonderbar auf seine schon angegriffenen Sinne, dass es ihm auf
einmal vorkam, als sei ihr Haupt mit Strahlen umgeben und ueber ihr
ganzes Bild verbreite sich nach und nach ein glaenzendes Licht. Der
Chirurgus beruehrte ihn eben unsanfter, indem er die Kugel, welche in
der Wunde stak, herauszuziehen Anstalt machte. Die Heilige verschwand
vor den Augen des Hinsinkenden; er verlor alles Bewusstsein, und als
er wieder zu sich kam, waren Reiter und Wagen, die Schoene samt ihren
Begleitern verschwunden.
IV. Buch, 7. Kapitel
Siebentes Kapitel
Nachdem unser Freund verbunden und angekleidet war, eilte der
Chirurgus weg, eben als der Harfenspieler mit einer Anzahl Bauern
heraufkam. Sie bereiteten eilig aus abgehauenen aesten und
eingeflochtenem Reisig eine Trage, luden den Verwundeten darauf und
brachten ihn unter Anfuehrung eines reitenden Jaegers, den die
Herrschaft zurueckgelassen hatte, sachte den Berg hinunter. Der
Harfner, still und in sich gekehrt, trug sein beschaedigtes Instrument,
einige Leute schleppten Philinens Koffer, sie schlenderte mit einem
Buendel nach, Mignon sprang bald voraus, bald zur Seite durch Busch
und Wald und blickte sehnlich nach ihrem kranken Beschuetzer hinueber.
Dieser lag, in seinen warmen ueberrock gehuellt, ruhig auf der Bahre.
Eine elektrische Waerme schien aus der feinen Wolle in seinen Koerper
ueberzugehen; genug, er fuehlte sich in die behaglichste Empfindung
versetzt. Die schoene Besitzerin des Kleides hatte maechtig auf ihn
gewirkt. Er sah noch den Rock von ihren Schultern fallen, die edelste
Gestalt, von Strahlen umgeben, vor sich stehen, und seine Seele eilte
der Verschwundenen durch Felsen und Waelder auf dem Fusse nach.
Nur mit sinkender Nacht kam der Zug im Dorfe vor dem Wirtshause an, in
welchem sich die uebrige Gesellschaft befand und verzweiflungsvoll den
unersetzlichen Verlust beklagte. Die einzige, kleine Stube des Hauses
war von Menschen vollgepfropft: einige lagen auf der Streue, andere
hatten die Baenke eingenommen, einige sich hinter den Ofen gedrueckt,
und Frau Melina erwartete in einer benachbarten Kammer aengstlich ihre
Niederkunft. Der Schrecken hatte sie beschleunigt, und unter dem
Beistande der Wirtin, einer jungen, unerfahrnen Frau, konnte man wenig
Gutes erwarten.
Als die neuen Ankoemmlinge hereingelassen zu werden verlangten,
entstand ein allgemeines Murren. Man behauptete nun, dass man allein
auf Wilhelms Rat, unter seiner besondern Anfuehrung diesen
gefaehrlichen Weg unternommen und sich diesem Unfall ausgesetzt habe.
Man warf die Schuld des uebeln Ausgangs auf ihn, widersetzte sich an
der Tuere seinem Eintritt und behauptete: er muesse anderswo
unterzukommen suchen. Philinen begegnete man noch schnoeder; der
Harfenspieler und Mignon mussten auch das Ihrige leiden.
Nicht lange hoerte der Jaeger, dem die Vorsorge fuer die Verlassenen
von seiner schoenen Herrschaft ernstlich anbefohlen war, dem Streite
mit Geduld zu; er fuhr mit Fluchen und Drohen auf die Gesellschaft los,
gebot ihnen zusammenzuruecken und den Ankommenden Platz zu machen.
Man fing an, sich zu bequemen. Er bereitete Wilhelmen einen Platz auf
einem Tische, den er in eine Ecke schob; Philine liess ihren Koffer
danebenstellen und setzte sich drauf. Jeder drueckte sich, so gut er
konnte, und der Jaeger begab sich weg, um zu sehen, ob er nicht ein
bequemeres Quartier fuer das Ehepaar ausmachen koenne.
Kaum war er fort, als der Unwille wieder laut zu werden anfing und ein
Vorwurf den andern draengte. Jedermann erzaehlte und erhoehte seinen
Verlust, man schalt die Verwegenheit, durch die man so vieles
eingebuesst, man verhehlte sogar die Schadenfreude nicht, die man
ueber die Wunden unseres Freundes empfand, man verhoehnte Philinen und
wollte ihr die Art und Weise, wie sie ihren Koffer gerettet, zum
Verbrechen machen. Aus allerlei Anzueglichkeiten und Stichelreden
haette man schliessen sollen, sie habe sich waehrend der Pluenderung
und Niederlage um die Gunst des Anfuehrers der Bande bemueht und habe
ihn, wer weiss durch welche Kuenste und Gefaelligkeiten, vermocht,
ihren Koffer freizugeben. Man wollte sie eine ganze Weile vermisst
haben. Sie antwortete nichts und klapperte nur mit den grossen
Schloessern ihres Koffers, um ihre Neider recht von seiner Gegenwart
zu ueberzeugen und die Verzweiflung des Haufens durch ihr eigenes
Glueck zu vermehren.
IV. Buch, 8. Kapitel
Achtes Kapitel
Wilhelm, ob er gleich durch den starken Verlust des Blutes schwach und
nach der Erscheinung jenes huelfreichen Engels mild und sanft geworden
war, konnte sich doch zuletzt des Verdrusses ueber die harten und
ungerechten Reden nicht enthalten, welche bei seinem Stillschweigen
von der unzufriednen Gesellschaft immer erneuert wurden. Endlich
fuehlte er sich gestaerkt genug, um sich aufzurichten und ihnen die
Unart vorzustellen, mit der sie ihren Freund und Fuehrer beunruhigten.
Er hob sein verbundenes Haupt in die Hoehe und fing, indem er sich
mit einiger Muehe stuetzte und gegen die Wand lehnte, folgendergestalt
zu reden an:
"Ich vergebe dem Schmerze, den jeder ueber seinen Verlust empfindet,
dass ihr mich in einem Augenblicke beleidigt, wo ihr mich beklagen
solltet, dass ihr mir widersteht und mich von euch stosst, das
erstemal, da ich Huelfe von euch erwarten koennte. Fuer die Dienste,
die ich euch erzeigte, fuer die Gefaelligkeiten, die ich euch erwies,
habe ich mich durch euren Dank, durch euer freundschaftliches Betragen
bisher genugsam belohnt gefunden; verleitet mich nicht, zwingt mein
Gemuet nicht, zurueckzugehen und zu ueberdenken, was ich fuer euch
getan habe; diese Berechnung wuerde mir nur peinlich werden. Der
Zufall hat mich zu euch gefuehrt, Umstaende und eine heimliche Neigung
haben mich bei euch gehalten. Ich nahm an euren Arbeiten, an euren
Vergnuegungen teil; meine wenigen Kenntnisse waren zu eurem Dienste.
Gebt ihr mir jetzt auf eine bittre Weise den Unfall schuld, der uns
betroffen hat, so erinnert ihr euch nicht, dass der erste Vorschlag,
diesen Weg zu nehmen, von fremden Leuten kam, von euch allen geprueft
und so gut von jedem als von mir gebilligt worden ist. Waere unsre
Reise gluecklich vollbracht, so wuerde sich jeder wegen des guten
Einfalls loben, dass er diesen Weg angeraten, dass er ihn vorgezogen;
er wuerde sich unsrer ueberlegungen und seines ausgeuebten Stimmrechts
mit Freuden erinnern; jetzo macht ihr mich allein verantwortlich, ihr
zwingt mir eine Schuld auf, die ich willig uebernehmen wollte, wenn
mich das reinste Bewusstsein nicht freispraeche, ja wenn ich mich
nicht auf euch selbst berufen koennte. Habt ihr gegen mich etwas zu
sagen, so bringt es ordentlich vor, und ich werde mich zu verteidigen
wissen; habt ihr nichts Gegruendetes anzugeben, so schweigt, und
quaelt mich nicht, jetzt, da ich der Ruhe so aeusserst beduerftig bin."
Statt aller Antwort fingen die Maedchen an, abermals zu weinen und
ihren Verlust umstaendlich zu erzaehlen; Melina war ganz ausser
Fassung: denn er hatte freilich am meisten, und mehr, als wir denken
koennen, eingebuesst. Wie ein Rasender stolperte er in dem engen
Raume hin und her, stiess den Kopf wider die Wand, fluchte und schalt
auf das unziemlichste; und da nun gar zu gleicher Zeit die Wirtin aus
der Kammer trat mit der Nachricht, dass seine Frau mit einem toten
Kinde niedergekommen, erlaubte er sich die heftigsten Ausbrueche, und
einstimmig mit ihm heulte, schrie, brummte und laermte alles
durcheinander.
Wilhelm, der zugleich von mitleidiger Teilnehmung an ihrem Zustande
und von Verdruss ueber ihre niedrige Gesinnung bis in sein Innerstes
bewegt war, fuehlte unerachtet der Schwaeche seines Koerpers die ganze
Kraft seiner Seele lebendig. "Fast", rief er aus, "muss ich euch
verachten, so beklagenswert ihr auch sein moegt. Kein Unglueck
berechtigt uns, einen Unschuldigen mit Vorwuerfen zu beladen; habe ich
teil an diesem falschen Schritte, so buesse ich auch mein Teil. Ich
liege verwundet hier, und wenn die Gesellschaft verloren hat, so
verliere ich das meiste. Was an Garderobe geraubt worden, was an
Dekorationen zugrunde gegangen, war mein: denn Sie, Herr Melina, haben
mich noch nicht bezahlt, und ich spreche Sie von dieser Forderung
hiemit voellig frei."
"Sie haben gut schenken", rief Melina, "was niemand wiedersehen wird.
Ihr Geld lag in meiner Frau Koffer, und es ist Ihre Schuld, dass es
Ihnen verlorengeht. Aber oh! wenn das alles waere!" Er fing aufs
neue zu stampfen, zu schimpfen und zu schreien an. Jedermann
erinnerte sich der schoenen Kleider aus der Garderobe des Grafen, der
Schnallen, Uhren, Dosen, Huete, welche Melina von dem Kammerdiener so
gluecklich gehandelt hatte. Jedem fielen seine eigenen, obgleich viel
geringeren Schaetze dabei wieder ins Gedaechtnis; man blickte mit
Verdruss auf Philinens Koffer, man gab Wilhelmen zu verstehen, er habe
wahrlich nicht uebelgetan, sich mit dieser Schoenen zu assoziieren und
durch ihr Glueck auch seine Habseligkeiten zu retten.
"Glaubt ihr denn", rief er endlich aus, "dass ich etwas Eignes haben
werde, solange ihr darbt, und ist es wohl das erste Mal, dass ich in
der Not mit euch redlich teile? Man oeffne den Koffer, und was mein
ist, will ich zum oeffentlichen Beduerfnis niederlegen."
,Es ist mein Koffer", sagte Philine, "und ich werde ihn nicht eher
aufmachen, bis es mir beliebt. Ihre paar Fittiche, die ich Ihnen
aufgehoben, koennen wenig betragen, und wenn sie an die redlichsten
Juden verkauft werden. Denken Sie an sich, was Ihre Heilung kosten,
was Ihnen in einem fremden Lande begegnen kann."
"Sie werden mir, Philine", versetzte Wilhelm, "nichts vorenthalten,
was mein ist, und das wenige wird uns aus der ersten Verlegenheit
retten. Allein der Mensch besitzt noch manches, womit er seinen
Freunden beistehen kann, das eben nicht klingende Muenze zu sein
braucht. Alles, was in mir ist, soll diesen Ungluecklichen gewidmet
sein, die gewiss, wenn sie wieder zu sich selbst kommen, ihr
gegenwaertiges Betragen bereuen werden. Ja", fuhr er fort, "ich
fuehle, dass ihr beduerft, und was ich vermag, will ich euch leisten;
schenkt mir euer Vertrauen aufs neue, beruhigt euch fuer diesen
Augenblick, nehmet an, was ich euch verspreche! Wer will die Zusage
im Namen aller von mir empfangen?"
Hier streckte er seine Hand aus und rief: "Ich verspreche, dass ich
nicht eher von euch weichen, euch nicht eher verlassen will, als bis
ein jeder seinen Verlust doppelt und dreifach ersetzt sieht, bis ihr
den Zustand, in dem ihr euch, durch wessen Schuld es wolle, befindet,
voellig vergessen und mit einem gluecklichern vertauscht habt."
Er hielt seine Hand noch immer ausgestreckt, und niemand wollte sie
fassen. "Ich versprach es noch einmal", rief er aus, indem er auf
sein Kissen zuruecksank. Alle blieben stille; sie waren beschaemt,
aber nicht getroestet, und Philine, auf ihrem Koffer sitzend, knackte
Nuesse auf, die sie in ihrer Tasche gefunden hatte.
IV. Buch, 9. Kapitel
Neuntes Kapitel
Der Jaeger kam mit einigen Leuten zurueck und machte Anstalt, den
Verwundeten wegzuschaffen. Er hatte den Pfarrer des Orts beredet, das
Ehepaar aufzunehmen; Philinens Koffer ward fortgetragen, und sie
folgte mit natuerlichem Anstand. Mignon lief voraus, und da der
Kranke im Pfarrhaus ankam, ward ihm ein weites Ehebette, das schon
lange Zeit als Gast- und Ehrenbette bereitstand, eingegeben. Hier
bemerkte man erst, dass die Wunde aufgegangen war und stark geblutet
hatte. Man musste fuer einen neuen Verband sorgen. Der Kranke
verfiel in ein Fieber, Philine wartete ihn treulich, und als die
Muedigkeit sie uebermeisterte, loeste sie der Harfenspieler ab; Mignon
war mit dem festen Vorsatz zu wachen in einer Ecke eingeschlafen.
Des Morgens, als Wilhelm sich ein wenig erholt hatte, erfuhr er von
dem Jaeger, dass die Herrschaft, die ihnen gestern zu Huelfe gekommen
sei, vor kurzem ihre Gueter verlassen habe, um den Kriegsbewegungen
auszuweichen und sich bis zum Frieden in einer ruhigern Gegend
aufzuhalten. Er nannte den aeltlichen Herrn und seine Nichte, zeigte
den Ort an, wohin sie sich zuerst begeben, erklaerte Wilhelmen, wie
das Fraeulein ihm eingebunden, fuer die Verlassenen Sorge zu tragen.
Der hereintretende Wundarzt unterbrach die lebhaften Danksagungen, in
welche sich Wilhelm gegen den Jaeger ergoss, machte eine umstaendliche
Beschreibung der Wunden, versicherte, dass sie leicht heilen wuerden,
wenn der Patient sich ruhighielte und sich abwartete.
Nachdem der Jaeger weggeritten war, erzaehlte Philine, dass er ihr
einen Beutel mit zwanzig Louisdorn zurueckgelassen, dass er dem
Geistlichen ein Douceur fuer die Wohnung gegeben und die Kurkosten
fuer den Chirurgus bei ihm niedergelegt habe. Sie gelte durchaus fuer
Wilhelms Frau, introduziere sich ein fuer allemal bei ihm in dieser
Qualitaet und werde nicht zugeben, dass er sich nach einer andern
Wartung umsehe.
"Philine", sagte Wilhelm, "ich bin Ihnen bei dem Unfall, der uns
begegnet ist, schon manchen Dank schuldig geworden, und ich wuenschte
nicht, meine Verbindlichkeiten gegen Sie vermehrt zu sehen. Ich bin
unruhig, solange Sie um mich sind: denn ich weiss nichts, womit ich
Ihnen die Muehe vergelten kann. Geben Sie mir meine Sachen, die Sie
in Ihrem Koffer gerettet haben, heraus, schliessen Sie sich an die
uebrige Gesellschaft an, suchen Sie ein ander Quartier, nehmen Sie
meinen Dank, und die goldne Uhr als eine kleine Erkenntlichkeit; nur
verlassen Sie mich; Ihre Gegenwart beunruhigt mich mehr, als Sie
glauben."
Sie lachte ihm ins Gesicht, als er geendigt hatte. "Du bist ein Tor",
sagte sie, "du wirst nicht klug werden. Ich weiss besser, was dir gut
ist; ich werde bleiben, ich werde mich nicht von der Stelle ruehren.
Auf den Dank der Maenner habe ich niemals gerechnet, also auch auf
deinen nicht; und wenn ich dich liebhabe, was geht's dich an?"
Sie blieb und hatte sich bald bei dem Pfarrer und seiner Familie
eingeschmeichelt, indem sie immer lustig war, jedem etwas zu schenken,
jedem nach dem Sinne zu reden wusste und dabei immer tat, was sie
wollte. Wilhelm befand sich nicht uebel; der Chirurgus, ein
unwissender, aber nicht ungeschickter Mensch, liess die Natur walten,
und so war der Patient bald auf dem Wege der Besserung. Sehnlich
wuenschte dieser sich wiederhergestellt zu sehen, um seine Plane,
seine Wuensche eifrig verfolgen zu koennen.
Unaufhoerlich rief er sich jene Begebenheit zurueck, welche einen
unausloeschlichen Eindruck auf sein Gemuet gemacht hatte. Er sah die
schoene Amazone reitend aus den Bueschen hervorkommen, sie naeherte
sich ihm, stieg ab, ging hin und wider und bemuehte sich um
seinetwillen. Er sah das umhuellende Kleid von ihren Schultern fallen;
ihr Gesicht, ihre Gestalt glaenzend verschwinden. Alle seine
Jugendtraeume knuepften sich an dieses Bild. Er glaubte nunmehr die
edle, heldenmuetige Chlorinde mit eignen Augen gesehen zu haben: ihm
fiel der kranke Koenigssohn wieder ein, an dessen Lager die schoene,
teilnehmende Prinzessin mit stiller Bescheidenheit herantritt.
"Sollten nicht", sagte er manchmal im stillen zu sich selbst, "uns in
der Jugend, wie im Schlafe, sie Bilder zukuenftiger Schicksale
umschweben und unserm unbefangenen Auge ahnungsvoll sichtbar werden?
Sollten die Keime dessen, was uns begegnen wird, nicht schon von der
Hand des Schicksals ausgestreut, sollte nicht ein Vorgenuss der
Fruechte, die wir einst zu brechen hoffen, moeglich sein?"
Sein Krankenlager gab ihm Zeit, jene Szene tausendmal zu wiederholen.
Tausendmal rief er den Klang jener suessen Stimme zurueck, und wie
beneidete er Philinen, die jene huelfreiche Hand gekuesst hatte. Oft
kam ihm die Geschichte wie ein Traum vor, und er wuerde sie fuer ein
Maerchen gehalten haben, wenn nicht das Kleid zurueckgeblieben waere,
das ihm die Gewissheit der Erscheinung versicherte.
Mit der groessten Sorgfalt fuer dieses Gewand war das lebhafteste
Verlangen verbunden, sich damit zu bekleiden. Sobald er aufstand,
warf er es ueber und befuerchtete den ganzen Tag, es moechte durch
einen Flecken oder auf sonst eine Weise beschaedigt werden.
IV. Buch, 10. Kapitel
Zehntes Kapitel
Laertes besuchte seinen Freund. Er war bei jener lebhaften Szene im
Wirtshause nicht gegenwaertig gewesen, denn er lag in einer obern
Kammer. ueber seinen Verlust war er sehr getroestet und half sich mit
seinem gewoehnlichen: "Was tut's?" Er erzaehlte verschiedene
laecherliche Zuege von der Gesellschaft, besonders gab er Frau Melina
schuld: sie beweine den Verlust ihrer Tochter nur deswegen, weil sie
nicht das altdeutsche Vergnuegen haben koenne, eine Mechtilde taufen
zu lassen. Was ihren Mann betreffe, so offenbare sich's nun, dass er
viel Geld bei sich gehabt und auch schon damals des Vorschusses, den
er Wilhelmen abgelockt, keineswegs bedurft habe. Melina wolle nunmehr
mit dem naechsten Postwagen abgehn und werde von Wilhelmen ein
Empfehlungsschreiben an seinen Freund, den Direktor Serlo, verlangen,
bei dessen Gesellschaft er, weil die eigne Unternehmung gescheitert,
nun unterzukommen hoffe.
Mignon war einige Tage sehr still gewesen, und als man in sie drang,
gestand sie endlich, dass ihr rechter Arm verrenkt sei. "Das hast du
deiner Verwegenheit zu danken", sagte Philine und erzaehlte, wie das
Kind im Gefechte seinen Hirschfaenger gezogen und, als es seinen
Freund in Gefahr gesehen, wacker auf die Freibeuter zugehauen habe.
Endlich sei es beim Arme ergriffen und auf die Seite geschleudert
worden. Man schalt auf sie, dass sie das uebel nicht eher entdeckt
habe, doch merkte man wohl, dass sie sich vor dem Chirurgus gescheut,
der sie bisher immer fuer einen Knaben gehalten hatte. Man suchte das
uebel zu heben, und sie musste den Arm in der Binde tragen. Hierueber
war sie aufs neue empfindlich, weil sie den besten Teil der Pflege und
Wartung ihres Freundes Philinen ueberlassen musste, und die angenehme
Suenderin zeigte sich nur um desto taetiger und aufmerksamer.
Eines Morgens, als Wilhelm erwachte, fand er sich mit ihr in einer
sonderbaren Naehe. Er war auf seinem weiten Lager in der Unruhe des
Schlafs ganz an die hintere Seite gerutscht. Philine lag quer ueber
den vordern Teil hingestreckt; sie schien auf dem Bette sitzend und
lesend eingeschlafen zu sein. Ein Buch war ihr aus der Hand gefallen;
sie war zurueck und mit dem Kopf nah an seine Brust gesunken, ueber
die sich ihre blonden, aufgeloesten Haare in Wellen ausbreiteten. Die
Unordnung des Schlafs erhoehte mehr als Kunst und Vorsatz ihre Reize;
eine kindische laechelnde Ruhe schwebte ueber ihrem Gesichte. Er sah
sie eine Zeitlang an und schien sich selbst ueber das Vergnuegen zu
tadeln, womit er sie ansah, und wir wissen nicht, ob er seinen Zustand
segnete oder tadelte, der ihm Ruhe und Maessigung zur Pflicht machte.
Er hatte sie eine Zeitlang aufmerksam betrachtet, als sie sich zu
regen anfing. Er schloss die Augen sachte zu, doch konnte er nicht
unterlassen zu blinzen und nach ihr zu sehen, als sie sich wieder
zurechtputzte und wegging, nach dem Fruehstueck zu fragen.
Nach und nach hatten sich nun die saemtlichen Schauspieler bei
Wilhelmen gemeldet, hatten Empfehlungsschreiben und Reisegeld mehr
oder weniger unartig und ungestuem gefordert und immer mit Widerwillen
Philinens erhalten. Vergebens stellte sie ihrem Freunde vor, dass der
Jaeger auch diesen Leuten eine ansehnliche Summe zurueckgelassen, dass
man ihn nur zum besten habe. Vielmehr kamen sie darueber in einen
lebhaften Zwist, und Wilhelm behauptete nunmehr ein fuer allemal, dass
sie sich gleichfalls an die uebrige Gesellschaft anschliessen und ihr
Glueck bei Serlo versuchen sollte.
Nur einige Augenblicke verliess sie ihr Gleichmut, dann erholte sie
sich schnell wieder und rief: "Wenn ich nur meinen Blonden wieder
haette, so wollt ich mich um euch alle nichts kuemmern." Sie meinte
Friedrichen, der sich vom Waldplatze verloren und nicht wieder gezeigt
hatte.
Des andern Morgens brachte Mignon die Nachricht ans Bette, dass
Philine in der Nacht abgereist sei; im Nebenzimmer habe sie alles, was
ihm gehoere, sehr ordentlich zusammengelegt. Er empfand ihre
Abwesenheit; er hatte an ihr eine treue Waerterin, eine muntere
Gesellschafterin verloren; er war nicht mehr gewohnt, allein zu sein.
Allein Mignon fuellte die Luecke bald wieder aus.
Seitdem jene leichtfertige Schoene in ihren freundlichen Bemuehungen
den Verwundeten umgab, hatte sich die Kleine nach und nach
zurueckgezogen und war stille fuer sich geblieben; nun aber, da sie
wieder freies Feld gewann, trat sie mit Aufmerksamkeit und Liebe
hervor, war eifrig, ihm zu dienen, und munter, ihn zu unterhalten.
IV. Buch, 11. Kapitel
Eilftes Kapitel
Mit lebhaften Schritten nahete er sich der Besserung; er hoffte nun,
in wenig Tagen seine Reise antreten zu koennen. Er wollte nicht etwa
planlos ein schlenderndes Leben fortsetzen, sondern zweckmaessige
Schritte sollten kuenftig seine Bahn bezeichnen. Zuerst wollte er die
huelfreiche Herrschaft aufsuchen, um seine Dankbarkeit an den Tag zu
legen, alsdann zu seinem Freunde, dem Direktor, eilen, um fuer die
verunglueckte Gesellschaft auf das beste zu sorgen, und zugleich die
Handelsfreunde, an die er mit Adressen versehen war, besuchen und die
ihm aufgetragnen Geschaefte verrichten. Er machte sich Hoffnung, dass
ihm das Glueck wie vorher auch kuenftig beistehen und ihm Gelegenheit
verschaffen werde, durch eine glueckliche Spekulation den Verlust zu
ersetzen und die Luecke seiner Kasse wieder auszufuellen.
Das Verlangen, seine Retterin wiederzusehen, wuchs mit jedem Tage. Um
seine Reiseroute zu bestimmen, ging er mit dem Geistlichen zu Rate,
der schoene geographische und statistische Kenntnisse hatte und eine
artige Buecher- und Kartensammlung besass. Man suchte nach dem Orte,
den die edle Familie waehrend des Kriegs zu ihrem Sitz erwaehlt hatte,
man suchte Nachrichten von ihr selbst auf; allein der Ort war in
keiner Geographie, auf keiner Karte zu finden, und die genealogischen
Handbuecher sagten nichts von einer solchen Familie.
Wilhelm wurde unruhig, und als er seine Bekuemmernis laut werden liess,
entdeckte ihm der Harfenspieler: er habe Ursache zu glauben, dass der
Jaeger, es sei aus welcher Ursache es wolle, den wahren Namen
verschwiegen habe.
Wilhelm, der nun einmal sich in der Naehe der Schoenen glaubte, hoffte
einige Nachricht von ihr zu erhalten, wenn er den Harfenspieler
abschickte; aber auch diese Hoffnung ward getaeuscht. Sosehr der Alte
sich auch erkundigte, konnte er doch auf keine Spur kommen. In jenen
Tagen waren verschiedene lebhafte Bewegungen und unvorhergesehene
Durchmaersche in diesen Gegenden vorgefallen; niemand hatte auf die
reisende Gesellschaft besonders achtgegeben, so dass der ausgesendete
Bote, um nicht fuer einen juedischen Spion angesehn zu werden, wieder
zurueckgehen und ohne oelblatt vor seinem Herrn und Freund erscheinen
musste. Er legte strenge Rechenschaft ab, wie er den Auftrag
auszurichten gesucht, und war bemueht, allen Verdacht einer
Nachlaessigkeit von sich zu entfernen. Er suchte auf alle Weise
Wilhelms Betruebnis zu lindern, besann sich auf alles, was er von dem
Jaeger erfahren hatte, und brachte mancherlei Mutmassungen vor, wobei
denn endlich ein Umstand vorkam, woraus Wilhelm einige raetselhafte
Worte der schoenen Verschwundenen deuten konnte.
Pages:
1 |
2 | 3 |
4 |
5 |
6 |
7