Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 4
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Die raeuberische Bande naemlich hatte nicht der wandernden Truppe,
sondern jener Herrschaft aufgepasst, bei der sie mit Recht vieles Geld
und Kostbarkeiten vermutete und von deren Zug sie genaue Nachricht
musste gehabt haben. Man wusste nicht, ob man die Tat einem Freikorps,
ob man sie Marodeurs oder Raeubern zuschreiben sollte. Genug, zum
Gluecke der vornehmen und reichen Karawane waren die Geringen und
Armen zuerst auf den Platz gekommen und hatten das Schicksal erduldet,
das jenen zubereitet war. Darauf bezogen sich die Worte der jungen
Dame, deren sich Wilhelm noch gar wohl erinnerte. Wenn er nun
vergnuegt und gluecklich sein konnte, dass ein vorsichtiger Genius ihn
zum Opfer bestimmt hatte, eine vollkommene Sterbliche zu retten, so
war er dagegen nahe an der Verzweiflung, da ihm, sie wiederzufinden,
sie wiederzusehen wenigstens fuer den Augenblick alle Hoffnung
verschwunden war.
Was diese sonderbare Bewegung in ihm vermehrte, war die aehnlichkeit,
die er zwischen der Graefin und der schoenen Unbekannten entdeckt zu
haben glaubte. Sie glichen sich, wie sich Schwestern gleichen moegen,
deren keine die juengere noch die aeltere genannt werden darf, denn
sie scheinen Zwillinge zu sein.
Die Erinnerung an die liebenswuerdige Graefin war ihm unendlich suess.
Er rief sich ihr Bild nur allzugern wieder ins Gedaechtnis. Aber nun
trat die Gestalt der edlen Amazone gleich dazwischen, eine Erscheinung
verwandelte sich in die andere, ohne dass er imstande gewesen waere,
diese oder jene festzuhalten.
Wie wunderbar musste ihm daher die aehnlichkeit ihrer Handschriften
sein! denn er verwahrte ein reizendes Lied von der Hand der Graefin in
seiner Schreibtafel, und in dem ueberrock hatte er ein Zettelchen
gefunden, worin man sich mit viel zaertlicher Sorgfalt nach dem
Befinden eines Oheims erkundigte.
Wilhelm war ueberzeugt, dass seine Retterin dieses Billett geschrieben,
dass es auf der Reise in einem Wirtshause aus einem Zimmer in das
andere geschickt und von dem Oheim in die Tasche gesteckt worden sei.
Er hielt beide Handschriften gegeneinander, und wenn die zierlich
gestellten Buchstaben der Graefin ihm sonst so sehr gefallen hatten,
so fand er in den aehnlichen, aber freieren Zuegen der Unbekannten
eine unaussprechlich fliessende Harmonie. Das Billett enthielt nichts,
und schon die Zuege schienen ihn, so wie ehemals die Gegenwart der
Schoenen, zu erheben.
Er verfiel in eine traeumende Sehnsucht, und wie einstimmend mit
seinen Empfindungen war das Lied, das eben in dieser Stunde Mignon und
der Harfner als ein unregelmaessiges Duett mit dem herzlichsten
Ausdrucke sangen:
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiss, was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh ich ans Firmament
Nach jener Seite.
Ach! der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide.
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiss, was ich leide!
IV. Buch, 12. Kapitel
Zwoelftes Kapitel
Die sanften Lockungen des lieben Schutzgeistes, anstatt unsern Freund
auf irgendeinen Weg zu fuehren, naehrten und vermehrten die Unruhe,
die er vorher empfunden hatte. Eine heimliche Glut schlich in seinen
Adern; bestimmte und unbestimmte Gegenstaende wechselten in seiner
Seele und erregten ein endloses Verlangen. Bald wuenschte er sich ein
Ross, bald Fluegel, und indem es ihm unmoeglich schien, bleiben zu
koennen, sah er sich erst um, wohin er denn eigentlich begehre.
Der Faden seines Schicksals hatte sich so sonderbar verworren; er
wuenschte die seltsamen Knoten aufgeloest oder zerschnitten zu sehen.
Oft, wenn er ein Pferd traben oder einen Wagen rollen hoerte, schaute
er eilig zum Fenster hinaus, in der Hoffnung, es wuerde jemand sein,
der ihn aufsuchte und, waere es auch nur durch Zufall, ihm Nachricht,
Gewissheit und Freude braechte. Er erzaehlte sich Geschichten vor,
wie sein Freund Werner in diese Gegend kommen und ihn ueberraschen
koennte, dass Mariane vielleicht erscheinen duerfte. Der Ton eines
jeden Posthorns setzte ihn in Bewegung. Melina sollte von seinem
Schicksale Nachricht geben, vorzueglich aber sollte der Jaeger
wiederkommen und ihn zu jener angebeteten Schoenheit einladen.
Von allem diesen geschah leider nichts, und er musste zuletzt wieder
mit sich allein bleiben, und indem er das Vergangene wieder durchnahm,
ward ihm ein Umstand, je mehr er ihn betrachtete und beleuchtete,
immer widriger und unertraeglicher. Es war seine verunglueckte
Heerfuehrerschaft, an die er ohne Verdruss nicht denken konnte. Denn
ob er gleich am Abend jenes boesen Tages sich vor der Gesellschaft so
ziemlich herausgeredet hatte, so konnte er sich doch selbst seine
Schuld nicht verleugnen. Er schrieb sich vielmehr in hypochondrischen
Augenblicken den ganzen Vorfall allein zu.
Die Eigenliebe laesst uns sowohl unsre Tugenden als unsre Fehler viel
bedeutender, als sie sind, erscheinen. Er hatte das Vertrauen auf
sich rege gemacht, den Willen der uebrigen gelenkt und war, von
Unerfahrenheit und Kuehnheit geleitet, vorangegangen; es ergriff sie
eine Gefahr, der sie nicht gewachsen waren. Laute und stille
Vorwuerfe verfolgten ihn, und wenn er der irregefuehrten Gesellschaft
nach dem empfindlichen Verluste zugesagt hatte, sie nicht zu verlassen,
bis er ihnen das Verlorne mit Wucher ersetzt haette, so hatte er sich
ueber eine neue Verwegenheit zu schelten, womit er ein allgemein
ausgeteiltes uebel auf seine Schultern zu nehmen sich vermass. Bald
verwies er sich, dass er durch Aufspannung und Drang des Augenblicks
ein solches Versprechen getan hatte; bald fuehlte er wieder, dass
jenes gutmuetige Hinreichen seiner Hand, die niemand anzunehmen
wuerdigte, nur eine leichte Foermlichkeit sei gegen das Geluebde, das
sein Herz getan hatte. Er sann auf Mittel, ihnen wohltaetig und
nuetzlich zu sein, und fand alle Ursache, seine Reise zu Serlo zu
beschleunigen. Er packte nunmehr seine Sachen zusammen und eilte,
ohne seine voellige Genesung abzuwarten, ohne auf den Rat des Pastors
und Wundarztes zu hoeren, in der wunderbaren Gesellschaft Mignons und
des Alten, der Untaetigkeit zu entfliehen, in der ihn sein Schicksal
abermals nur zu lange gehalten hatte.
IV. Buch, 13. Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Serlo empfing ihn mit offenen Armen und rief ihm entgegen: "Seh ich
Sie? Erkenn ich Sie wieder? Sie haben sich wenig oder nicht
geaendert. Ist Ihre Liebe zur edelsten Kunst noch immer so stark und
lebendig? So sehr erfreu ich mich ueber Ihre Ankunft, dass ich selbst
das Misstrauen nicht mehr fuehle, das Ihre letzten Briefe bei mir
erregt haben."
Wilhelm bat betroffen um eine naehere Erklaerung.
"Sie haben sich", versetzte Serlo, "gegen mich nicht wie ein alter
Freund betragen; Sie haben mich wie einen grossen Herrn behandelt, dem
man mit gutem Gewissen unbrauchbare Leute empfehlen darf. Unser
Schicksal haengt von der Meinung des Publikums ab, und ich fuerchte,
dass Ihr Herr Melina mit den Seinigen schwerlich bei uns wohl
aufgenommen werden duerfte."
Wilhelm wollte etwas zu ihren Gunsten sprechen, aber Serlo fing an,
eine so unbarmherzige Schilderung von ihnen zu machen, dass unser
Freund sehr zufrieden war, als ein Frauenzimmer in das Zimmer trat,
das Gespraech unterbrach und ihm sogleich als Schwester Aurelia von
seinem Freunde vorgestellt ward. Sie empfing ihn auf das
freundschaftlichste, und ihre Unterhaltung war so angenehm, dass er
nicht einmal einen entschiedenen Zug des Kummers gewahr wurde, der
ihrem geistreichen Gesicht noch ein besonderes Interesse gab.
Zum erstenmal seit langer Zeit fand sich Wilhelm wieder in seinem
Elemente. Bei seinen Gespraechen hatte er sonst nur notduerftig
gefaellige Zuhoerer gefunden, da er gegenwaertig mit Kuenstlern und
Kennern zu sprechen das Glueck hatte, die ihn nicht allein vollkommen
verstanden, sondern die auch sein Gespraech belehrend erwiderten. Mit
welcher Geschwindigkeit ging man die neusten Stuecke durch! Mit
welcher Sicherheit beurteilte man sie! Wie wusste man das Urteil des
Publikums zu pruefen und zu schaetzen! In welcher Geschwindigkeit
klaerte man einander auf!
Nun musste sich bei Wilhelms Vorliebe fuer Shakespearen das Gespraech
notwendig auf diesen Schriftsteller lenken. Er zeigte die lebhafteste
Hoffnung auf die Epoche, welche diese vortrefflichen Stuecke in
Deutschland machen muessten, und bald brachte er seinen "Hamlet" vor,
der ihn so sehr beschaeftigt hatte.
Serlo versicherte, dass er das Stueck laengst, wenn es nur moeglich
gewesen waere, gegeben haette, dass er gern die Rolle des Polonius
uebernehmen wolle. Dann setzte er mit Laecheln hinzu: "Und Ophelien
finden sich wohl auch, wenn wir nur erst den Prinzen haben."
Wilhelm bemerkte nicht, dass Aurelien dieser Scherz des Bruders zu
missfallen schien; er ward vielmehr nach seiner Art weitlaeufig und
lehrreich, in welchem Sinne er den Hamlet gespielt haben wolle. Er
legte ihnen die Resultate umstaendlich dar, mit welchen wir ihn oben
beschaeftigt gesehn, und gab sich alle Muehe, seine Meinung annehmlich
zu machen, soviel Zweifel auch Serlo gegen seine Hypothese erregte.
"Nun gut", sagte dieser zuletzt, "Wir geben Ihnen alles zu; was wollen
Sie weiter daraus erklaeren?"
"Vieles, alles", versetzte Wilhelm. "Denken Sie sich einen Prinzen,
wie ich ihn geschildert habe, dessen Vater unvermutet stirbt. Ehrgeiz
und Herrschsucht sind nicht die Leidenschaften, die ihn beleben; er
hatte sich's gefallen lassen, Sohn eines Koenigs zu sein; aber nun ist
er erst genoetigt, auf den Abstand aufmerksamer zu werden, der den
Koenig vom Untertanen scheidet. Das Recht zur Krone war nicht erblich,
und doch haette ein laengeres Leben seines Vaters die Ansprueche
seines einzigen Sohnes mehr befestigt und die Hoffnung zur Krone
gesichert. Dagegen sieht er sich nun durch seinen Oheim, ungeachtet
scheinbarer Versprechungen, vielleicht auf immer ausgeschlossen; er
fuehlt sich nun so arm an Gnade, an Guetern und fremd in dem, was er
von Jugend auf als sein Eigentum betrachten konnte. Hier nimmt sein
Gemuet die erste traurige Richtung. Er fuehlt, dass er nicht mehr, ja
nicht soviel ist als jeder Edelmann; er gibt sich fuer einen Diener
eines jeden, er ist nicht hoeflich, nicht herablassend, nein,
herabgesunken und beduerftig.
Nach seinem vorigen Zustande blickt er nur wie nach einem
verschwundnen Traume. Vergebens, dass sein Oheim ihn aufmuntern, ihm
seine Lage aus einem andern Gesichtspunkte zeigen will; die Empfindung
seines Nichts verlaesst ihn nie.
Der zweite Schlag, der ihn traf, verletzte tiefer, beugte noch mehr.
Es ist die Heirat seiner Mutter. Ihm, einem treuen und zaertlichen
Sohne, blieb, da sein Vater starb, eine Mutter noch uebrig; er hoffte,
in Gesellschaft seiner hinterlassenen edlen Mutter die Heldengestalt
jenes grossen Abgeschiedenen zu verehren; aber auch seine Mutter
verliert er, und es ist schlimmer, als wenn sie ihm der Tod geraubt
haette. Das zuverlaessige Bild, das sich ein wohlgeratenes Kind so
gern von seinen Eltern macht, verschwindet; bei dem Toten ist keine
Huelfe und an der Lebendigen kein Halt. Sie ist auch ein Weib, und
unter dem allgemeinen Geschlechtsnamen Gebrechlichkeit ist auch sie
begriffen.
Nun erst fuehlt er sich recht gebeugt, nun erst verwaist, und kein
Glueck der Welt kann ihm wieder ersetzen, was er verloren hat. Nicht
traurig, nicht nachdenklich von Natur, wird ihm Trauer und Nachdenken
zur schweren Buerde. So sehen wir ihn auftreten. Ich glaube nicht,
dass ich etwas in das Stueck hineinlege oder einen Zug uebertreibe."
Serlo sah seine Schwester an und sagte: "Habe ich dir ein falsches
Bild von unserm Freunde gemacht? Er faengt gut an und wird uns noch
manches vorerzaehlen und viel ueberreden. Wilhelm schwur hoch und
teuer, dass er nicht ueberreden, sondern ueberzeugen wolle, und bat
nur noch um einen Augenblick Geduld.
"Denken Sie sich", rief er aus, "diesen Juengling, diesen Fuerstensohn
recht lebhaft, vergegenwaertigen Sie sich seine Lage, und dann
beobachten Sie ihn, wenn er erfaehrt, die Gestalt seines Vaters
erscheine; stehen Sie ihm bei in der schrecklichen Nacht, wenn der
ehrwuerdige Geist selbst vor ihm auftritt. Ein ungeheures Entsetzen
ergreift ihn; er redet die Wundergestalt an, sieht sie winken, folgt
und hoert.--Die schreckliche Anklage wider seinen Oheim ertoent in
seinen Ohren, Aufforderung zur Rache und die dringende, wiederholte
Bitte: "Erinnere dich meiner!"
Und da der Geist verschwunden ist, wen sehen wir vor uns stehen?
Einen jungen Helden, der nach Rache schnaubt? Einen gebornen Fuersten,
der sich gluecklich fuehlt, gegen den Usurpator seiner Krone
aufgefordert zu werden? Nein! Staunen und Truebsinn ueberfaellt den
Einsamen; er wird bitter gegen die laechelnden Boesewichter, schwoert,
den Abgeschiedenen nicht zu vergessen, und schliesst mit dem
bedeutenden Seufzer: "Die Zeit ist aus dem Gelenke; wehe mir, dass ich
geboren ward, sie wieder einzurichten."
In diesen Worten, duenkt mich, liegt der Schluessel zu Hamlets ganzem
Betragen, und mir ist deutlich, dass Shakespeare habe schildern wollen:
eine grosse Tat auf eine Seele gelegt, die der Tat nicht gewachsen
ist. Und in diesem Sinne find ich das Stueck durchgaengig gearbeitet.
Hier wird ein Eichbaum in ein koestliches Gefaess gepflanzt, das nur
liebliche Blumen in seinen Schoss haette aufnehmen sollen; die Wurzeln
dehnen aus, das Gefaess wird zernichtet.
Ein schoenes, reines, edles, hoechst moralisches Wesen ohne die
sinnliche Staerke, die den Helden macht, geht unter einer Last
zugrunde, die es weder tragen noch abwerfen kann; jede Pflicht ist ihm
heilig, diese zu schwer. Das Unmoegliche wird von ihm gefordert,
nicht das Unmoegliche an sich, sondern das, was ihm unmoeglich ist.
Wie er sich windet, dreht, aengstigt, vor- und zuruecktritt, immer
erinnert wird, sich immer erinnert und zuletzt fast seinen Zweck aus
dem Sinne verliert, ohne doch jemals wieder froh zu werden."
IV. Buch, 14. Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Verschiedene Personen traten herein, die das Gespraech unterbrachen.
Es waren Virtuosen, die sich bei Serlo gewoehnlich einmal die Woche zu
einem kleinen Konzerte versammelten. Er liebte die Musik sehr und
behauptete, dass ein Schauspieler ohne diese Liebe niemals zu einem
deutlichen Begriff und Gefuehl seiner eigenen Kunst gelangen koenne.
So wie man viel leichter und anstaendiger agiere, wenn die Gebaerden
durch eine Melodie begleitet und geleitet werden, so muesse der
Schauspieler sich auch seine prosaische Rolle gleichsam im Sinne
komponieren, dass er sie nicht etwa eintoenig nach seiner
individuellen Art und Weise hinsudele, sondern sie in gehoeriger
Abwechselung nach Takt und Mass behandle.
Aurelie schien an allem, was vorging, wenig Anteil zu nehmen, vielmehr
fuehrte sie zuletzt unsern Freund in ein Seitenzimmer, und indem sie
ans Fenster trat und den gestirnten Himmel anschaute, sagte sie zu ihm:
"Sie sind uns manches ueber Hamlet schuldig geblieben; ich will zwar
nicht voreilig sein und wuensche, dass mein Bruder auch mit anhoeren
moege, was Sie uns noch zu sagen haben, doch lassen Sie mich Ihre
Gedanken ueber Ophelien hoeren."
"Von ihr laesst sich nicht viel sagen", versetzte Wilhelm, "denn nur
mit wenig Meisterzuegen ist ihr Charakter vollendet. Ihr ganzes Wesen
schwebt in reifer, suesser Sinnlichkeit. Ihre Neigung zu dem Prinzen,
auf dessen Hand sie Anspruch machen darf, fliesst so aus der Quelle,
das gute Herz ueberlaesst sich so ganz seinem Verlangen, dass Vater
und Bruder beide fuerchten, beide geradezu und unbescheiden warnen.
Der Wohlstand, wie der leichte Flor auf ihrem Busen, kann die Bewegung
ihres Herzens nicht verbergen, er wird vielmehr ein Verraeter dieser
leisen Bewegung. Ihre Einbildungskraft ist angesteckt, ihre stille
Bescheidenheit atmet eine liebevolle Begierde, und sollte die bequeme
Goettin Gelegenheit das Baeumchen schuetteln, so wuerde die Frucht
sogleich herabfallen."
"Und nun", sagte Aurelie, "wenn sie sich verlassen sieht, verstossen
und verschmaeht, wenn in der Seele ihres wahnsinnigen Geliebten sich
das Hoechste zum Tiefsten umwendet und er ihr statt des suessen
Bechers der Liebe den bittern Kelch der Leiden hinreicht--"
"Ihr Herz bricht", rief Wilhelm aus, "das ganze Geruest ihres Daseins
rueckt aus seinen Fugen, der Tod ihres Vaters stuermt herein, und das
schoene Gebaeude stuerzt voellig zusammen."
Wilhelm hatte nicht bemerkt, mit welchem Ausdruck Aurelie die letzten
Worte aussprach. Nur auf das Kunstwerk, dessen Zusammenhang und
Vollkommenheit gerichtet, ahnete er nicht, dass seine Freundin eine
ganz andere Wirkung empfand; nicht, dass ein eigner tiefer Schmerz
durch diese dramatischen Schattenbilder in ihr lebhaft erregt ward.
Noch immer hatte Aurelie ihr Haupt von ihren Armen unterstuetzt und
ihre Augen, die sich mit Traenen fuellten, gen Himmel gewendet.
Endlich hielt sie nicht laenger ihren verborgnen Schmerz zurueck; sie
fasste des Freundes beide Haende und rief, indem er erstaunt vor ihr
stand: "Verzeihen Sie, verzeihen Sie einem geaengstigten Herzen! Die
Gesellschaft schnuert und presst mich zusammen; vor meinem
unbarmherzigen Bruder muss ich mich zu verbergen suchen; nun hat Ihre
Gegenwart alle Bande aufgeloest. Mein Freund!" fuhr sie fort, "seit
einem Augenblicke sind wir erst bekannt, und schon werden Sie mein
Vertrauter." Sie konnte die Worte kaum aussprechen und sank an seine
Schulter. "Denken Sie nicht uebler von mir", sagte sie schluchzend,
"dass ich mich Ihnen so schnell eroeffne, dass Sie mich so schwach
sehen. Sein Sie, bleiben Sie mein Freund, ich verdiene es." Er
redete ihr auf das herzlichste zu; umsonst! ihre Traenen flossen und
erstickten ihre Worte.
In diesem Augenblicke trat Serlo sehr unwillkommen herein und sehr
unerwartet Philine, die er bei der Hand hielt. "Hier ist Ihr Freund",
sagte er zu ihr; "er wird sich freun, Sie zu begruessen."
"Wie!" rief Wilhelm erstaunt, "muss ich Sie hier sehen?" Mit einem
bescheidnen, gesetzten Wesen ging sie auf ihn los, hiess ihn
willkommen, ruehmte Serlos Guete, der sie ohne ihr Verdienst, bloss in
Hoffnung, dass sie sich bilden werde, unter seine treffliche Truppe
aufgenommen habe. Sie tat dabei gegen Wilhelmen freundlich, doch aus
einer ehrerbietigen Entfernung.
Diese Verstellung waehrte aber nicht laenger, als die beiden zugegen
waren. Denn als Aurelie, ihren Schmerz zu verbergen, wegging und
Serlo abgerufen ward, sah Philine erst recht genau nach den Tueren, ob
beide auch gewiss fort seien, dann huepfte sie wie toericht in der
Stube herum, setzte sich an die Erde und wollte vor Kichern und Lachen
ersticken. Dann sprang sie auf, schmeichelte unserm Freunde und
freute sich ueber alle Massen, dass sie so klug gewesen sei,
vorauszugehen, das Terrain zu rekognoszieren und sich einzunisten.
"Hier geht es bunt zu", sagte sie, "gerade so, wie mir's recht ist.
Aurelie hat einen ungluecklichen Liebeshandel mit einem Edelmanne
gehabt, der ein praechtiger Mensch sein muss und den ich selbst wohl
einmal sehen moechte. Er hat ihr ein Andenken hinterlassen, oder ich
muesste mich sehr irren. Es laeuft da ein Knabe herum, ungefaehr von
drei Jahren, schoen wie die Sonne; der Papa mag allerliebst sein. Ich
kann sonst die Kinder nicht leiden, aber dieser Junge freut mich. Ich
habe ihr nachgerechnet. Der Tod ihres Mannes, die neue Bekanntschaft,
das Alter des Kindes, alles trifft zusammen.
Nun ist der Freund seiner Wege gegangen; seit einem Jahre sieht er sie
nicht mehr. Sie ist darueber ausser sich und untroestlich. Die
Naerrin!--Der Bruder hat unter der Truppe eine Taenzerin, mit der er
schoentut, ein Aktricchen, mit der er vertraut ist, in der Stadt noch
einige Frauen, denen er aufwartet, und nun steh ich auch auf der Liste.
Der Narr!--Vom uebrigen Volke sollst du morgen hoeren. Und nun noch
ein Woertchen von Philinen, die du kennst; die Erznaerrin ist in dich
verliebt." Sie schwur, dass es wahr sei, und beteuerte, dass es ein
rechter Spass sei. Sie bat Wilhelmen instaendig, er moechte sich in
Aurelien verlieben, dann werde die Hetze erst recht angehen. "Sie
laeuft ihrem Ungetreuen, du ihr, ich dir und der Bruder mir nach.
Wenn das nicht eine Lust auf ein halbes Jahr gibt, so will ich an der
ersten Episode sterben, die sich zu diesem vierfach verschlungenen
Romane hinzuwirft." Sie bat ihn, er moechte ihr den Handel nicht
verderben und ihr so viel Achtung bezeigen, als sie durch ihr
oeffentliches Betragen verdienen wolle.
IV. Buch, 15. Kapitel
Funfzehntes Kapitel
Den naechsten Morgen gedachte Wilhelm Madame Melina zu besuchen; er
fand sie nicht zu Hause, fragte nach den uebrigen Gliedern der
wandernden Gesellschaft und erfuhr, Philine habe sie zum Fruehstueck
eingeladen. Aus Neugier eilte er hin und traf sie alle sehr
aufgeraeumt und getroestet. Das kluge Geschoepf hatte sie versammelt,
sie mit Schokolade bewirtet und ihnen zu verstehen gegeben, noch sei
nicht alle Aussicht versperrt; sie hoffe durch ihren Einfluss den
Direktor zu ueberzeugen, wie vorteilhaft es ihm sei, so geschickte
Leute in seine Gesellschaft aufzunehmen. Sie hoerten ihr aufmerksam
zu, schluerften eine Tasse nach der andern hinunter, fanden das
Maedchen gar nicht uebel und nahmen sich vor, das Beste von ihr zu
reden.
"Glauben Sie denn", sagte Wilhelm, der mit Philinen allein geblieben
war, "dass Serlo sich noch entschliessen werde, unsre Gefaehrten zu
behalten?"--"Mitnichten", versetzte Philine, "es ist mir auch gar
nichts daran gelegen; ich wollte, sie waeren je eher je lieber fort!
Den einzigen Laertes wuenscht ich zu behalten; die uebrigen wollen wir
schon nach und nach beiseite bringen."
Hierauf gab sie ihrem Freunde zu verstehen, dass sie gewiss ueberzeugt
sei, er werde nunmehr sein Talent nicht laenger vergraben, sondern
unter Direktion eines Serlo aufs Theater gehen. Sie konnte die
Ordnung, den Geschmack, den Geist, der hier herrsche, nicht genug
ruehmen; sie sprach so schmeichelnd zu unserm Freunde, so
schmeichelhaft von seinen Talenten, dass sein Herz und seine
Einbildungskraft sich ebensosehr diesem Vorschlage naeherten, als sein
Verstand und seine Vernunft sich davon entfernten. Er verbarg seine
Neigung vor sich selbst und vor Philinen und brachte einen unruhigen
Tag zu, an dem er sich nicht entschliessen konnte, zu seinen
Handelskorrespondenten zu gehen und die Briefe, die dort fuer ihn
liegen moechten, abzuholen. Denn ob er sich gleich die Unruhe der
Seinigen diese Zeit ueber vorstellen konnte, so scheute er sich doch,
ihre Sorgen und Vorwuerfe umstaendlich zu erfahren, um so mehr, da er
sich einen grossen und reinen Genuss diesen Abend von der Auffuehrung
eines neuen Stuecks versprach.
Serlo hatte sich geweigert, ihn bei der Probe zuzulassen. "Sie
muessen uns", sagte er, "erst von der besten Seite kennenlernen, eh
wir zugeben, dass Sie uns in die Karte sehen."
Mit der groessten Zufriedenheit wohnte aber auch unser Freund den
Abend darauf der Vorstellung bei. Es war das erste Mal, dass er ein
Theater in solcher Vollkommenheit sah. Man traute saemtlichen
Schauspielern fuertreffliche Gaben, glueckliche Anlagen und einen
hohen und klaren Begriff von ihrer Kunst zu, und doch waren sie
einander nicht gleich; aber sie hielten und trugen sich wechselsweise,
feuerten einander an und waren in ihrem ganzen Spiele sehr bestimmt
und genau. Man fuehlte bald, dass Serlo die Seele des Ganzen war, und
er zeichnete sich sehr zu seinem Vorteil aus. Eine heitere Laune,
eine gemaessigte Lebhaftigkeit, ein bestimmtes Gefuehl des
Schicklichen bei einer grossen Gabe der Nachahmung musste man an ihm,
wie er aufs Theater trat, wie er den Mund oeffnete, bewundern. Die
innere Behaglichkeit seines Daseins schien sich ueber alle Zuhoerer
auszubreiten, und die geistreiche Art, mit der er die feinsten
Schattierungen der Rollen leicht und gefaellig ausdrueckte, erweckte
um soviel mehr Freude, als er die Kunst zu verbergen wusste, die er
sich durch eine anhaltende uebung eigen gemacht hatte.
Seine Schwester Aurelie blieb nicht hinter ihm und erhielt noch
groesseren Beifall, indem sie die Gemueter der Menschen ruehrte, die
er zu erheitern und zu erfreuen so sehr imstande war.
Nach einigen Tagen, die auf eine angenehme Weise zugebracht wurden,
verlangte Aurelie nach unserm Freund. Er eilte zu ihr und fand sie
auf dem Kanapee liegen; sie schien an Kopfweh zu leiden, und ihr
ganzes Wesen konnte eine fieberhafte Bewegung nicht verbergen. Ihr
Auge erheiterte sich, als sie den Hereintretenden ansah. "Vergeben
Sie!" rief sie ihm entgegen; "das Zutrauen, das Sie mir einfloessten,
hat mich schwach gemacht. Bisher konnt ich mich mit meinen Schmerzen
im stillen unterhalten, ja sie gaben mir Staerke und Trost; nun haben
Sie, ich weiss nicht, wie es zugegangen ist, die Bande der
Verschwiegenheit geloest, und Sie werden nun selbst wider Willen teil
an dem Kampfe nehmen, den ich gegen mich selbst streite."
Wilhelm antwortete ihr freundlich und verbindlich. Er versicherte,
dass ihr Bild und ihre Schmerzen ihm bestaendig vor der Seele
geschwebt, dass er sie um ihr Vertrauen bitte, dass er sich ihr zum
Freund widme.
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