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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 4

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 4

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Indem er so sprach, wurden seine Augen von dem Knaben angezogen, der
vor ihr auf der Erde sass und allerlei Spielwerk durcheinanderwarf.
Er mochte, wie Philine schon angegeben, ungefaehr drei Jahre alt sein,
und Wilhelm verstand nun erst, warum das leichtfertige, in ihren
Ausdruecken selten erhabene Maedchen den Knaben der Sonne verglichen.
Denn um die offnen Augen und das volle Gesicht kraeuselten sich die
schoensten goldnen Locken, an einer blendendweissen Stirne zeigten
sich zarte, dunkle, sanftgebogene Augenbrauen, und die lebhafte Farbe
der Gesundheit glaenzte auf seinen Wangen. "Setzen Sie sich zu mir",
sagte Aurelie; "Sie sehen das glueckliche Kind mit Verwunderung an;
gewiss, ich habe es mit Freuden auf meine Arme genommen, ich bewahre
es mit Sorgfalt; nur kann ich auch recht an ihm den Grad meiner
Schmerzen erkennen, denn sie lassen mich den Wert einer solchen Gabe
nur selten empfinden.

Erlauben Sie mir", fuhr sie fort, "dass ich nun auch von mir und
meinem Schicksale rede; denn es ist mir sehr daran gelegen, dass Sie
mich nicht verkennen. Ich glaubte einige gelassene Augenblicke zu
haben, darum liess ich Sie rufen; Sie sind nun da, und ich habe meinen
Faden verloren.

"Ein verlassnes Geschoepf mehr in der Welt!" werden Sie sagen. Sie
sind ein Mann und denken: "Wie gebaerdet sie sich bei einem
notwendigen uebel, das gewisser als der Tod ueber einem Weibe schwebt,
bei der Untreue eines Mannes, die Toerin!"--O mein Freund, waere mein
Schicksal gemein, ich wollte gern gemeines uebel ertragen; aber es ist
so ausserordentlich; warum kann ich's Ihnen nicht im Spiegel zeigen,
warum nicht jemand auftragen, es Ihnen zu erzaehlen! O waere, waere
ich verfuehrt, ueberrascht und dann verlassen, dann wuerde in der
Verzweiflung noch Trost sein; aber ich bin weit schlimmer daran, ich
habe mich selbst hintergangen, mich selbst wider Wissen betrogen, das
ist's, was ich mir niemals verzeihen kann."

"Bei edlen Gesinnungen, wie die Ihrigen sind", versetzte der Freund,
"koennen Sie nicht ganz ungluecklich sein."

"Und wissen Sie, wem ich meine Gesinnung schuldig bin?" fragte Aurelie,
"der allerschlechtesten Erziehung, durch die jemals ein Maedchen
haette verderbt werden sollen, dem schlimmsten Beispiele, um Sinne und
Neigung zu verfuehren.

Nach dem fruehzeitigen Tode meiner Mutter bracht ich die schoensten
Jahre der Entwicklung bei einer Tante zu, die sich zum Gesetz machte,
die Gesetze der Ehrbarkeit zu verachten. Blindlings ueberliess sie
sich einer jeden Neigung, sie mochte ueber den Gegenstand gebieten
oder sein Sklav' sein, wenn sie nur im wilden Genuss ihrer selbst
vergessen konnte.

Was mussten wir Kinder mit dem reinen und deutlichen Blick der
Unschuld uns fuer Begriffe von dem maennlichen Geschlechte machen?
Wie dumpf, dringend, dreist, ungeschickt war jeder, den sie
herbeireizte; wie satt, uebermuetig, leer und abgeschmackt dagegen,
sobald er seiner Wuensche Befriedigung gefunden hatte. So hab ich
diese Frau jahrelang unter dem Gebote der schlechtesten Menschen
erniedrigt gesehen; was fuer Begegnungen musste sie erdulden, und mit
welcher Stirne wusste sie sich in ihr Schicksal zu finden, ja mit
welcher Art diese schaendlichen Fesseln zu tragen!

So lernte ich Ihr Geschlecht kennen, mein Freund, und wie rein hasste
ich's, da ich zu bemerken schien, dass selbst leidliche Maenner im
Verhaeltnis gegen das unsrige jedem guten Gefuehl zu entsagen schienen,
zu dem sie die Natur sonst noch mochte faehig gemacht haben.

Leider musst ich auch bei solchen Gelegenheiten viel traurige
Erfahrungen ueber mein eigen Geschlecht machen, und wahrhaftig, als
Maedchen von sechzehn Jahren war ich klueger, als ich jetzt bin, jetzt,
da ich mich selbst kaum verstehe. Warum sind wir so klug, wenn wir
jung sind, so klug, um immer toerichter zu werden!"

Der Knabe machte Laerm, Aurelie ward ungeduldig und klingelte. Ein
altes Weib kam herein, ihn wegzuholen. "Hast du noch immer Zahnweh?"
sagte Aurelie zu der Alten, die das Gesicht verbunden hatte. "Fast
unleidliches", versetzte diese mit dumpfer Stimme, hob den Knaben auf,
der gerne mitzugehen schien, und brachte ihn weg.

Kaum war das Kind beiseite, als Aurelie bitterlich zu weinen anfing.
"Ich kann nichts als jammern und klagen", rief sie aus, "und ich
schaeme mich, wie ein armer Wurm vor Ihnen zu liegen. Meine
Besonnenheit ist schon weg, und ich kann nicht mehr erzaehlen." Sie
stockte und schwieg. Ihr Freund, der nichts Allgemeines sagen wollte
und nichts Besonderes zu sagen wusste, drueckte ihre Hand und sah sie
eine Zeitlang an. Endlich nahm er in der Verlegenheit ein Buch auf,
das er vor sich auf dem Tischchen liegen fand; es waren Shakespeares
Werke und "Hamlet" aufgeschlagen.

Serlo, der eben zur Tuer hereinkam, nach dem Befinden seiner Schwester
fragte, schaute in das Buch, das unser Freund in der Hand hielt, und
rief aus: "Find ich Sie wieder ueber Ihrem "Hamlet"? Eben recht! Es
sind mir gar manche Zweifel aufgestossen, die das kanonische Ansehn,
das Sie dem Stuecke so gerne geben moechten, sehr zu vermindern
scheinen. Haben doch die Englaender selbst bekannt, dass das
Hauptinteresse sich mit dem dritten Akt schloesse, dass die zwei
letzten Akte nur kuemmerlich das Ganze zusammenhielten; und es ist
doch wahr, das Stueck will gegen das Ende weder gehen noch ruecken."

"Es ist sehr moeglich", sagte Wilhelm, "dass einige Glieder einer
Nation, die so viel Meisterstuecke aufzuweisen hat, durch Vorurteile
und Beschraenktheit auf falsche Urteile geleitet werden; aber das kann
uns nicht hindern, mit eignen Augen zu sehen und gerecht zu sein. Ich
bin weit entfernt, den Plan dieses Stuecks zu tadeln, ich glaube
vielmehr, dass kein groesserer ersonnen worden sei; ja, er ist nicht
ersonnen, es ist so."

"Wie wollen Sie das auslegen?" fragte Serlo.

"Ich will nichts auslegen", versetzte Wilhelm, "ich will Ihnen nur
vorstellen, was ich mir denke."

Aurelie hob sich von ihrem Kissen auf, stuetzte sich auf ihre Hand und
sah unsern Freund an, der mit der groessten Versicherung, dass er
recht habe, also zu reden fortfuhr: "Es gefaellt uns so wohl, es
schmeichelt so sehr, wenn wir einen Helden sehen, der durch sich
selbst handelt, der liebt und hasst, wenn es ihm sein Herz gebietet,
der unternimmt und ausfuehrt, alle Hindernisse abwendet und zu einem
grossen Zwecke gelangt. Geschichtschreiber und Dichter moechten uns
gerne ueberreden, dass ein so stolzes Los dem Menschen fallen koenne.
Hier werden wir anders belehrt; der Held hat keinen Plan, aber das
Stueck ist planvoll. Hier wird nicht etwa nach einer starr und
eigensinnig durchgefuehrten Idee von Rache ein Boesewicht bestraft,
nein, es geschieht eine ungeheure Tat, sie waelzt sich in ihren Folgen
fort, reisst Unschuldige mit; der Verbrecher scheint dem Abgrunde, der
ihm bestimmt ist, ausweichen zu wollen und stuerzt hinein, eben da, wo
er seinen Weg gluecklich auszulaufen gedenkt. Denn das ist die
Eigenschaft der Greueltat, dass sie auch Boeses ueber den Unschuldigen,
wie der guten Handlung, dass sie viele Vorteile auch ueber den
Unverdienten ausbreitet, ohne dass der Urheber von beiden oft weder
bestraft noch belohnt wird. Hier in unserm Stuecke wie wunderbar!
Das Fegefeuer sendet seinen Geist und fordert Rache, aber vergebens.
Alle Umstaende kommen zusammen und treiben die Rache, vergebens!
Weder Irdischen noch Unterirdischen kann gelingen, was dem Schicksal
allein vorbehalten ist. Die Gerichtsstunde kommt. Der Boese faellt
mit dem Guten. Ein Geschlecht wird weggemaeht, und das andere sprosst
auf."

Nach einer Pause, in der sie einander ansahen, nahm Serlo das Wort:
"Sie machen der Vorsehung kein sonderlich Kompliment, indem Sie den
Dichter erheben, und dann scheinen Sie mir wieder zu Ehren Ihres
Dichters, wie andere zu Ehren der Vorsehung, ihm Endzweck und Plane
unterzuschieben, an die er nicht gedacht hat."




IV. Buch, 16. Kapitel




Sechzehntes Kapitel

"Lassen Sie mich", sagte Aurelie, "nun auch eine Frage tun. Ich habe
Opheliens Rolle wieder angesehen, ich bin zufrieden damit und getraue
mir, sie unter gewissen Umstaenden zu spielen. Aber sagen Sie mir,
haette der Dichter seiner Wahnsinnigen nicht andere Liedchen
unterlegen sollen? Koennte man nicht Fragmente aus melancholischen
Balladen waehlen? Was sollen Zweideutigkeiten und luesterne
Albernheiten in dem Munde dieses edlen Maedchens?"

"Beste Freundin", versetzte Wilhelm, "ich kann auch hier nicht ein
Jota nachgeben, Auch in diesen Sonderbarkeiten, auch in dieser
anscheinenden Unschicklichkeit liegt ein grosser Sinn. Wissen wir
doch gleich zu Anfange des Stuecks, womit das Gemuet des guten Kindes
beschaeftigt ist. Stille lebte sie vor sich hin, aber kaum verbarg
sie ihre Sehnsucht, ihre Wuensche. Heimlich klangen die Toene der
Luesternheit in ihrer Seele, und wie oft mag sie versucht haben,
gleich einer unvorsichtigen Waerterin, ihre Sinnlichkeit zur Ruhe zu
singen mit Liedchen, die sie nur mehr wachhalten mussten. Zuletzt, da
ihr jede Gewalt ueber sich selbst entrissen ist, da ihr Herz auf der
Zunge schwebt, wird diese Zunge ihre Verraeterin, und in der Unschuld
des Wahnsinns ergoetzt sie sich vor Koenig und Koenigin an dem
Nachklange ihrer geliebten losen Lieder: vom Maedchen, das gewonnen
ward; vom Maedchen, das zum Knaben schleicht, und so weiter."

Er hatte noch nicht ausgeredet, als auf einmal eine wunderbare Szene
vor seinen Augen entstand, die er sich auf keine Weise erklaeren
konnte.

Serlo war einigemal in der Stube auf und ab gegangen, ohne dass er
irgendeine Absicht merken liess. Auf einmal trat er an Aureliens
Putztisch, griff schnell nach etwas, das darauf lag, und eilte mit
seiner Beute der Tuere zu. Aurelie bemerkte kaum seine Handlung, als
sie auffuhr, sich ihm in den Weg warf, ihn mit unglaublicher
Leidenschaft angriff und geschickt genug war, ein Ende des geraubten
Gegenstandes zu fassen. Sie rangen und balgten sich sehr hartnaeckig,
drehten und wanden sich sehr lebhaft miteinander herum; er lachte, sie
ereiferte sich, und als Wilhelm hinzueilte, sie auseinanderzubringen
und zu besaenftigen, sah er auf einmal Aurelien mit einem blossen
Dolch in der Hand auf die Seite springen, indem Serlo die Scheide, die
ihm zurueckgeblieben war, verdriesslich auf den Boden warf. Wilhelm
trat erstaunt zurueck, und seine stumme Verwunderung schien nach der
Ursache zu fragen, warum ein so sonderbarer Streit ueber einen so
wunderbaren Hausrat habe unter ihnen entstehen koennen.

"Sie sollen", sprach Serlo, "Schiedsrichter zwischen uns beiden sein.
Was hat sie mit dem scharfen Stahle zu tun? Lassen Sie sich ihn
zeigen. Dieser Dolch ziemt keiner Schauspielerin; spitz und scharf
wie Nadel und Messer! Zu was die Posse? Heftig, wie sie ist, tut sie
sich noch einmal von ungefaehr ein Leides. Ich habe einen innerlichen
Hass gegen solche Sonderbarkeiten: ein ernstlicher Gedanke dieser Art
ist toll, und ein so gefaehrliches Spielwerk ist abgeschmackt."

"Ich habe ihn wieder!" rief Aurelie, indem sie die blanke Klinge in
die Hoehe hielt; "ich will meinen treuen Freund nun besser verwahren.
Verzeih mir", rief sie aus, indem sie den Stahl kuesste, "dass ich
dich so vernachlaessigt habe!"

Serlo schien im Ernste boese zu werden. "Nimm es, wie du willst,
Bruder", fuhr sie fort; "kannst du denn wissen, ob mir nicht etwa
unter dieser Form ein koestlicher Talisman beschert ist; ob ich nicht
Huelfe und Rat zur schlimmsten Zeit bei ihm finde; muss denn alles
schaedlich sein, was gefaehrlich aussieht?"

"Dergleichen Reden, in denen kein Sinn ist, koennen mich toll machen!"
sagte Serlo und verliess mit heimlichem Grimme das Zimmer. Aurelie
verwahrte den Dolch sorgfaeltig in der Scheide und steckte ihn zu sich.
"Lassen Sie uns das Gespraech fortsetzen, das der unglueckliche
Bruder gestoert hat", fiel sie ein, als Wilhelm einige Fragen ueber
den sonderbaren Streit vorbrachte.

"Ich muss Ihre Schilderung Opheliens wohl gelten lassen", fuhr sie
fort, "ich will die Absicht des Dichters nicht verkennen; nur kann ich
sie mehr bedauern als mit ihr empfinden, Nun aber erlauben Sie mir
eine Betrachtung, zu der Sie mir in der kurzen Zeit oft Gelegenheit
gegeben haben. Mit Bewunderung bemerke ich an Ihnen den tiefen und
richtigen Blick, mit dem Sie Dichtung und besonders dramatische
Dichtung beurteilen; die tiefsten Abgruende der Erfindung sind Ihnen
nicht verborgen, und die feinsten Zuege der Ausfuehrung sind Ihnen
bemerkbar. Ohne die Gegenstaende jemals in der Natur erblickt zu
haben, erkennen Sie die Wahrheit im Bilde; es scheint eine
Vorempfindung der ganzen Welt in Ihnen zu liegen, welche durch die
harmonische Beruehrung der Dichtkunst erregt und entwickelt wird.
Denn wahrhaftig", fuhr sie fort, "von aussen kommt nichts in Sie
hinein; ich habe nicht leicht jemanden gesehen, der die Menschen, mit
denen er lebt, so wenig kennt, so von Grund aus verkennt wie Sie.
Erlauben Sie mir, es zu sagen: wenn man Sie Ihren Shakespeare
erklaeren hoert, glaubt man, Sie kaemen eben aus dem Rate der Goetter
und haetten zugehoert, wie man sich daselbst beredet, Menschen zu
bilden; wenn Sie dagegen mit Leuten umgehen, seh ich in Ihnen
gleichsam das erste, gross geborne Kind der Schoepfung, das mit
sonderlicher Verwunderung und erbaulicher Gutmuetigkeit Loewen und
Affen, Schafe und Elefanten anstaunt und sie treuherzig als
seinesgleichen anspricht, weil sie eben auch da sind und sich bewegen."

"Die Ahnung meines schuelerhaften Wesens, werte Freundin", versetzte
er, "ist mir oefters laestig, und ich werde Ihnen danken, wenn Sie mir
ueber die Welt zu mehrerer Klarheit verhelfen wollen. Ich habe von
Jugend auf die Augen meines Geistes mehr nach innen als nach aussen
gerichtet, und da ist es sehr natuerlich, dass ich den Menschen bis
auf einen gewissen Grad habe kennenlernen, ohne die Menschen im
mindesten zu verstehen und zu begreifen."

"Gewiss", sagte Aurelie,.ich hatte Sie anfangs in Verdacht, als
wollten Sie uns zum besten haben, da Sie von den Leuten, die Sie
meinem Bruder zugeschickt haben, so manches Gute sagten, wenn ich Ihre
Briefe mit den Verdiensten dieser Menschen zusammenhielt."

Die Bemerkung Aureliens, so wahr sie sein mochte und so gern ihr
Freund diesen Mangel bei sich gestand, fuehrte doch etwas Drueckendes,
ja sogar Beleidigendes mit sich, dass er still ward und sich
zusammennahm, teils um keine Empfindlichkeit merken zu lassen, teils
in seinem Busen nach der Wahrheit dieses Vorwurfs zu forschen.

"Sie duerfen nicht darueber betreten sein", fuhr Aurelie fort, "zum
Lichte des Verstandes koennen wir immer gelangen; aber die Fuelle des
Herzens kann uns niemand geben. Sind Sie zum Kuenstler bestimmt, so
koennen Sie diese Dunkelheit und Unschuld nicht lange genug bewahren;
sie ist die schoene Huelle ueber der jungen Knospe; Ungluecks genug,
wenn wir zu frueh herausgetrieben werden. Gewiss, es ist gut, wenn
wir die nicht immer kennen, fuer die wir arbeiten.

Oh! ich war auch einmal in diesem gluecklichen Zustande, als ich mit
dem hoechsten Begriff von mir selbst und meiner Nation die Buehne
betrat. Was waren die Deutschen nicht in meiner Einbildung, was
konnten sie nicht sein! Zu dieser Nation sprach ich, ueber die mich
ein kleines Geruest erhob, von welcher mich eine Reihe Lampen trennte,
deren Glanz und Dampf mich hinderte, die Gegenstaende vor mir genau zu
unterscheiden. Wie willkommen war mir der Klang des Beifalls, der aus
der Menge herauftoente; wie dankbar nahm ich das Geschenk an, das mir
einstimmig von so vielen Haenden dargebracht wurde! Lange wiegte ich
mich so hin; wie ich wirkte, wirkte die Menge wieder auf mich zurueck;
ich war mit meinem Publikum in dem besten Vernehmen; ich glaubte eine
vollkommene Harmonie zu fuehlen und jederzeit die Edelsten und Besten
der Nation vor mir zu sehen.

Ungluecklicherweise war es nicht die Schauspielerin allein, deren
Naturell und Kunst die Theaterfreunde interessierte, sie machten auch
Ansprueche an das junge, lebhafte Maedchen. Sie gaben mir nicht
undeutlich zu verstehen, dass meine Pflicht sei, die Empfindungen, die
ich in ihnen rege gemacht, auch persoenlich mit ihnen zu teilen.
Leider war das nicht meine Sache; ich wuenschte ihre Gemueter zu
erheben, aber an das, was sie ihr Herz nannten, hatte ich nicht den
mindesten Anspruch; und nun wurden mir alle Staende, Alter und
Charaktere einer um den andern zur Last, und nichts war mir
verdriesslicher, als dass ich mich nicht wie ein anderes ehrliches
Maedchen in mein Zimmer verschliessen und so mir manche Muehe ersparen
konnte.

Die Maenner zeigten sich meist, wie ich sie bei meiner Tante zu sehen
gewohnt war, und sie wuerden mir auch diesmal nur wieder Abscheu
erregt haben, wenn mich nicht ihre Eigenheiten und Albernheiten
unterhalten haetten. Da ich nicht vermeiden konnte, sie bald auf dem
Theater, bald an oeffentlichen Orten, bald zu Hause zu sehen, nahm ich
mir vor, sie alle auszulauern, und mein Bruder half mir wacker dazu.
Und wenn Sie denken, dass vom beweglichen Ladendiener und dem
eingebildeten Kaufmannssohn bis zum gewandten, abwiegenden Weltmann,
dem kuehnen Soldaten und dem raschen Prinzen alle nach und nach bei
mir vorbeigegangen sind und jeder nach seiner Art seinen Roman
anzuknuepfen gedachte, so werden Sie mir verzeihen, wenn ich mir
einbildete, mit meiner Nation ziemlich bekannt zu sein.

Den phantastisch aufgestutzten Studenten, den demuetig-stolz
verlegenen Gelehrten, den schwankfuessigen, genuegsamen Domherrn, den
steifen, aufmerksamen Geschaeftsmann, den derben Landbaron, den
freundlich glatt-platten Hofmann, den jungen, aus der Bahn
schreitenden Geistlichen, den gelassenen sowie den schnellen und
taetig spekulierenden Kaufmann, alle habe ich in Bewegung gesehen, und
beim Himmel! wenige fanden sich darunter, die mir nur ein gemeines
Interesse einzufloessen imstande gewesen waeren; vielmehr war es mir
aeusserst verdriesslich, den Beifall der Toren im einzelnen mit
Beschwerlichkeit und Langerweile einzukassieren, der mir im ganzen so
wohl behagt hatte, den ich mir im grossen so gerne zueignete.

Wenn ich ueber mein Spiel ein vernuenftiges Kompliment erwartete, wenn
ich hoffte, sie sollten einen Autor loben, den ich hochschaetzte, so
machten sie eine alberne Anmerkung ueber die andere und nannten ein
abgeschmacktes Stueck, in welchem sie wuenschten mich spielen zu sehen.
Wenn ich in der Gesellschaft herumhorchte, ob nicht etwa ein edler,
geistreicher, witziger Zug nachklaenge und zur rechten Zeit wieder zum
Vorschein kaeme, konnte ich selten eine Spur vernehmen. Ein Fehler,
der vorgekommen war, wenn ein Schauspieler sich versprach oder
irgendeinen Provinzialism hoeren liess, das waren die wichtigen Punkte,
an denen sie sich festhielten, von denen sie nicht loskommen konnten.
Ich wusste zuletzt nicht, wohin ich mich wenden sollte; sie duenkten
sich zu klug, sich unterhalten zu lassen, und sie glaubten mich
wundersam zu unterhalten, wenn sie an mir herumtaetschelten. Ich fing
an, sie alle von Herzen zu verachten, und es war mir eben, als wenn
die ganze Nation sich recht vorsaetzlich bei mir durch ihre
Abgesandten habe prostituieren wollen. Sie kam mir im ganzen so
linkisch vor, so uebel erzogen, so schlecht unterrichtet, so leer von
gefaelligem Wesen, so geschmacklos. Oft rief ich aus: "Es kann doch
kein Deutscher einen Schuh zuschnallen, der es nicht von einer fremden
Nation gelernt hat!"

Sie sehen, wie verblendet, wie hypochondrisch ungerecht ich war, und
je laenger es waehrte, desto mehr nahm meine Krankheit zu. Ich haette
mich umbringen koennen; allein ich verfiel auf ein ander Extrem: ich
verheiratete mich, oder vielmehr ich liess mich verheiraten. Mein
Bruder, der das Theater uebernommen hatte, wuenschte sehr, einen
Gehuelfen zu haben. Seine Wahl fiel auf einen jungen Mann, der mir
nicht zuwider war, dem alles mangelte, was mein Bruder besass: Genie,
Leben, Geist und rasches Wesen; an dem sich aber auch alles fand, was
jenem abging: Liebe zur Ordnung, Fleiss, eine koestliche Gabe,
hauszuhalten und mit Gelde umzugehen.

Er ist mein Mann geworden, ohne dass ich weiss, wie; wir haben
zusammen gelebt, ohne dass ich recht weiss, warum. Genug, unsre
Sachen gingen gut. Wir nahmen viel ein, davon war die Taetigkeit
meines Bruders Ursache; wir kamen gut aus, und das war das Verdienst
meines Mannes. Ich dachte nicht mehr an Welt und Nation. Mit der
Welt hatte ich nichts zu teilen, und den Begriff von Nation hatte ich
verloren. Wenn ich auftrat, tat ich's, um zu leben; ich oeffnete den
Mund nur, weil ich nicht schweigen durfte, weil ich doch
herausgekommen war, um zu reden.

Doch, dass ich es nicht zu arg mache, eigentlich hatte ich mich ganz
in die Absicht meines Bruders ergeben; ihm war um Beifall und Geld zu
tun: denn, unter uns, er hoert sich gerne loben und braucht viel. Ich
spielte nun nicht mehr nach meinem Gefuehl, nach meiner ueberzeugung,
sondern wie er mich anwies, und wenn ich es ihm zu Danke gemacht hatte,
war ich zufrieden. Er richtete sich nach allen Schwaechen des
Publikums; es ging Geld ein, er konnte nach seiner Willkuer leben, und
wir hatten gute Tage mit ihm.

Ich war indessen in einen handwerksmaessigen Schlendrian gefallen.
Ich zog meine Tage ohne Freude und Anteil hin, meine Ehe war kinderlos
und dauerte nur kurze Zeit. Mein Mann ward krank, seine Kraefte
nahmen sichtbar ab, die Sorge fuer ihn unterbrach meine allgemeine
Gleichgueltigkeit. In diesen Tagen machte ich eine Bekanntschaft, mit
der ein neues Leben fuer mich anfing, ein neues und schnelleres, denn
es wird bald zu Ende sein."

Sie schwieg eine Zeitlang stille, dann fuhr sie fort: "Auf einmal
stockt meine geschwaetzige Laune, und ich getraue mir den Mund nicht
weiter aufzutun. Lassen Sie mich ein wenig ausruhen; Sie sollen nicht
weggehen, ohne ausfuehrlich all mein Unglueck zu wissen. Rufen Sie
doch indessen Mignon herein und hoeren, was sie will."

Das Kind war waehrend Aureliens Erzaehlung einigemal im Zimmer gewesen.
Da man bei seinem Eintritt leiser sprach, war es wieder
weggeschlichen, sass auf dem Saale still und wartete. Als man sie
wieder hereinkommen hiess, brachte sie ein Buch mit, das man bald an
Form und Einband fuer einen kleinen geographischen Atlas erkannte.
Sie hatte bei dem Pfarrer unterwegs mit grosser Verwunderung die
ersten Landkarten gesehen, ihn viel darueber gefragt und sich, soweit
es gehen wollte, unterrichtet. Ihr Verlangen, etwas zu lernen, schien
durch diese neue Kenntnis noch viel lebhafter zu werden. Sie bat
Wilhelmen instaendig, ihr das Buch zu kaufen. Sie habe dem Bildermann
ihre grossen silbernen Schnallen dafuer eingesetzt und wolle sie, weil
es heute abend so spaet geworden, morgen frueh wieder einloesen. Es
ward ihr bewilligt, und sie fing nun an, dasjenige, was sie wusste,
teils herzusagen, teils nach ihrer Art die wunderlichsten Fragen zu
tun. Man konnte auch hier wieder bemerken, dass bei einer grossen
Anstrengung sie nur schwer und muehsam begriff. So war auch ihre
Handschrift, mit der sie sich viele Muehe gab. Sie sprach noch immer
sehr gebrochen Deutsch, und nur wenn sie den Mund zum Singen auftat,
wenn sie die Zither ruehrte, schien sie sich des einzigen Organs zu
bedienen, wodurch sie ihr Innerstes aufschliessen und mitteilen konnte.


Wir muessen, da wir gegenwaertig von ihr sprechen, auch der
Verlegenheit gedenken, in die sie seit einiger Zeit unsern Freund
oefters versetzte. Wenn sie kam oder ging, guten Morgen oder gute
Nacht sagte, schloss sie ihn so fest in ihre Arme und kuesste ihn mit
solcher Inbrunst, dass ihm die Heftigkeit dieser aufkeimenden Natur
oft angst und bange machte. Die zuckende Lebhaftigkeit schien sich in
ihrem Betragen taeglich zu vermehren, und ihr ganzes Wesen bewegte
sich in einer rastlosen Stille. Sie konnte nicht sein, ohne einen
Bindfaden in den Haenden zu drehen, ein Tuch zu kneten, Papier oder
Hoelzchen zu kauen. Jedes ihrer Spiele schien nur eine innere heftige
Erschuetterung abzuleiten. Das einzige, was ihr einige Heiterkeit zu
geben schien, war die Naehe des kleinen Felix, mit dem sie sich sehr
artig abzugeben wusste.

Aurelie, die nach einiger Ruhe gestimmt war, sich mit ihrem Freunde
ueber einen Gegenstand, der ihr so sehr am Herzen lag, endlich zu
erklaeren, ward ueber die Beharrlichkeit der Kleinen diesmal
ungeduldig und gab ihr zu verstehen, dass sie sich wegbegeben sollte,
und man musste sie endlich, da alles nicht helfen wollte,
ausdruecklich und wider ihren Willen fortschicken.

"Jetzt oder niemals", sagte Aurelie, "muss ich Ihnen den Rest meiner
Geschichte erzaehlen. Waere mein zaertlich geliebter, ungerechter
Freund nur wenige Meilen von hier, ich wuerde sagen: "Setzen Sie sich
zu Pferde, suchen Sie auf irgendeine Weise Bekanntschaft mit ihm, und
wenn Sie zurueckkehren, so haben Sie mit gewiss verziehen und bedauern
mich von Herzen." Jetzt kann ich Ihnen nur mit Worten sagen, wie
liebenswuerdig er war und wie sehr ich ihn liebte.

Eben zu der kritischen Zeit, da ich fuer die Tage meines Mannes
besorgt sein musste, lernt ich ihn kennen. Er war eben aus Amerika
zurueckgekommen, wo er in Gesellschaft einiger Franzosen mit vieler
Distinktion unter den Fahnen der Vereinigten Staaten gedient hatte.

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