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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 4

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 4

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Er begegnete mir mit einem gelassnen Anstande, mit einer offnen
Gutmuetigkeit, sprach ueber mich selbst, meine Lage, mein Spiel wie
ein alter Bekannter, so teilnehmend und so deutlich, dass ich mich zum
erstenmal freuen konnte, meine Existenz in einem andern Wesen so klar
wiederzuerkennen. Seine Urteile waren richtig, ohne absprechend,
treffend, ohne lieblos zu sein. Er zeigte keine Haerte, und sein
Mutwille war zugleich gefaellig. Er schien des guten Gluecks bei
Frauen gewohnt zu sein, das machte mich aufmerksam; er war keinesweges
schmeichelnd und andringend, das machte mich sorglos.

In der Stadt ging er mit wenigen um, war meist zu Pferde, besuchte
seine vielen Bekannten in der Gegend und besorgte die Geschaefte
seines Hauses. Kam er zurueck, so stieg er bei mir ab, behandelte
meinen immer kraenkern Mann mit warmer Sorge, schaffte dem Leidenden
durch einen geschickten Arzt Linderung, und wie er an allem, was mich
betraf, teilnahm, liess er mich auch an seinem Schicksale teilnehmen.
Er erzaehlte mir die Geschichte seiner Kampagne, seiner
unueberwindlichen Neigung zum Soldatenstande, seine
Familienverhaeltnisse; er vertraute mir seine gegenwaertigen
Beschaeftigungen. Genug, er hatte nichts Geheimes vor mir; er
entwickelte mir sein Innerstes, liess mich in die verborgensten Winkel
seiner Seele sehen; ich lernte seine Faehigkeiten, seine
Leidenschaften kennen. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich
eines herzlichen, geistreichen Umgangs genoss. Ich war von ihm
angezogen, von ihm hingerissen, eh ich ueber mich selbst Betrachtungen
anstellen konnte.

Inzwischen verlor ich meinen Mann, ungefaehr wie ich ihn genommen
hatte. Die Last der theatralischen Geschaefte fiel nun ganz auf mich.
Mein Bruder, unverbesserlich auf dem Theater, war in der Haushaltung
niemals nuetze; ich besorgte alles und studierte dabei meine Rollen
fleissiger als jemals. Ich spielte wieder wie vor alters, ja mit ganz
anderer Kraft und neuem Leben, zwar durch ihn und um seinetwillen,
doch nicht immer gelang es mir zum besten, wenn ich meinen edlen
Freund im Schauspiel wusste; aber einigemal behorchte er mich, und wie
angenehm mich sein unvermuteter Beifall ueberraschte, koennen Sie
denken.

Gewiss, ich bin ein seltsames Geschoepf. Bei jeder Rolle, die ich
spielte, war es mir eigentlich nur immer zumute, als wenn ich ihn
lobte und zu seinen Ehren spraeche; denn das war die Stimmung meines
Herzens, die Worte mochten uebrigens sein, wie sie wollten. Wusst ich
ihn unter den Zuhoerern, so getraute ich mich nicht, mit der ganzen
Gewalt zu sprechen, eben als wenn ich ihm meine Liebe, mein Lob nicht
geradezu ins Gesicht aufdringen wollte; war er abwesend, dann hatte
ich freies Spiel, ich tat mein Bestes mit einer gewissen Ruhe, mit
einer unbeschreiblichen Zufriedenheit. Der Beifall freute mich wieder,
und wenn ich dem Publikum Vergnuegen machte, haette ich immer
zugleich hinunterrufen moegen: "Das seid ihr ihm schuldig!"

Ja, mir war wie durch ein Wunder das Verhaeltnis zum Publikum, zur
ganzen Nation veraendert. Sie erschien mir auf einmal wieder in dem
vorteilhaftesten Lichte, und ich erstaunte recht ueber meine bisherige
Verblendung.

"Wie unverstaendig", sagt ich oft zu mir selbst, "war es, als du
ehemals auf eine Nation schaltest, eben weil es eine Nation ist.
Muessen denn, koennen denn einzelne Menschen so interessant sein?
Keinesweges! Es fragt sich, ob unter der grossen Masse eine Menge von
Anlagen, Kraeften und Faehigkeiten verteilt sei, die durch guenstige
Umstaende entwickelt, durch vorzuegliche Menschen zu einem gemeinsamen
Endzwecke geleitet werden koennen." Ich freute mich nun, so wenig
hervorstechende Originalitaet unter meinen Landsleuten zu finden; ich
freute mich, dass sie eine Richtung von aussen anzunehmen nicht
verschmaehten; ich freute mich, einen Anfuehrer gefunden zu haben.

Lothar--lassen Sie mich meinen Freund mit seinem geliebten Vornamen
nennen--hatte mir immer die Deutschen von der Seite der Tapferkeit
vorgestellt und mir gezeigt, dass keine bravere Nation in der Welt sei,
wenn sie recht gefuehrt werde, und ich schaemte mich, an die erste
Eigenschaft eines Volks niemals gedacht zu haben. Ihm war die
Geschichte bekannt, und mit den meisten verdienstvollen Maennern
seines Zeitalters stand er in Verhaeltnissen. So jung er war, hatte
er ein Auge auf die hervorkeimende hoffnungsvolle Jugend seines
Vaterlandes, auf die stillen Arbeiten in so vielen Faechern
beschaeftigter und taetiger Maenner. Er liess mich einen ueberblick
ueber Deutschland tun, was es sei und was es sein koenne, und ich
schaemte mich, eine Nation nach der verworrenen Menge beurteilt zu
haben, die sich in eine Theatergarderobe draengen mag. Er machte
mir's zur Pflicht, auch in meinem Fache wahr, geistreich und belebend
zu sein. Nun schien ich mir selbst inspiriert, sooft ich auf das
Theater trat. Mittelmaessige Stellen wurden zu Gold in meinem Munde,
und haette mir damals ein Dichter zweckmaessig beigestanden, ich
haette die wunderbarsten Wirkungen hervorgebracht.

So lebte die junge Witwe monatelang fort. Er konnte mich nicht
entbehren, und ich war hoechst ungluecklich, wenn er aussenblieb. Er
zeigte mir die Briefe seiner Verwandten, seiner vortrefflichen
Schwester. Er nahm an den kleinsten Umstaenden meiner Verhaeltnisse
teil; inniger, vollkommener ist keine Einigkeit zu denken. Der Name
der Liebe ward nicht genannt. Er ging und kam, kam und ging--und nun,
mein Freund, ist es hohe Zeit, dass Sie auch gehen."




IV. Buch, 17. Kapitel




Siebzehntes Kapitel

Wilhelm konnte nun nicht laenger den Besuch bei seinen Handelsfreunden
aufschieben. Er ging nicht ohne Verlegenheit dahin; denn er wusste,
dass er Briefe von den Seinigen daselbst antreffen werde. Er
fuerchtete sich vor den Vorwuerfen, die sie enthalten mussten;
wahrscheinlich hatte man auch dem Handelshause Nachricht von der
Verlegenheit gegeben, in der man sich seinetwegen befand. Er scheute
sich nach so vielen ritterlichen Abenteuern vor dem schuelerhaften
Ansehen, in dem er erscheinen wuerde, und nahm sich vor, recht trotzig
zu tun und auf diese Weise seine Verlegenheit zu verbergen.

Allein zu seiner grossen Verwunderung und Zufriedenheit ging alles
sehr gut und leidlich ab. In dem grossen, lebhaften und
beschaeftigten Comptoir hatte man kaum Zeit, seine Briefe aufzusuchen;
seines laengern Aussenbleibens ward nur im Vorbeigehn gedacht. Und
als er die Briefe seines Vaters und seines Freundes Werner eroeffnete,
fand er sie saemtlich sehr leidlichen Inhalts. Der Alte, in Hoffnung
eines weitlaeufigen Journals, dessen Fuehrung er dem Sohne beim
Abschiede sorgfaeltig empfohlen und wozu er ihm ein tabellarisches
Schema mitgegeben, schien ueber das Stillschweigen der ersten Zeit
ziemlich beruhigt, so wie er sich nur ueber das Raetselhafte des
ersten und einzigen, vom Schlosse des Grafen noch abgesandten Briefes
beschwerte. Werner scherzte nur auf seine Art, erzaehlte lustige
Stadtgeschichten und bat sich Nachricht von Freunden und Bekannten aus,
die Wilhelm nunmehr in der grossen Handelsstadt haeufig wuerde
kennenlernen. Unser Freund, der ausserordentlich erfreut war, um
einen so wohlfeilen Preis loszukommen, antwortete sogleich in einigen
sehr muntern Briefen und versprach dem Vater ein ausfuehrliches
Reisejournal mit allen verlangten geographischen, statistischen und
merkantilischen Bemerkungen. Er hatte vieles auf der Reise gesehen
und hoffte, daraus ein leidliches Heft zusammenschreiben zu koennen.
Er merkte nicht, dass er beinah in ebendem Falle war, in dem er sich
befand, als er, um ein Schauspiel, das weder geschrieben, noch weniger
memoriert war, aufzufuehren, Lichter angezuendet und Zuschauer
herbeigerufen hatte. Als er daher wirklich anfing, an seine
Komposition zu gehen, ward er leider gewahr, dass er von Empfindungen
und Gedanken, von manchen Erfahrungen des Herzens und Geistes sprechen
und erzaehlen konnte, nur nicht von aeussern Gegenstaenden, denen er,
wie er nun merkte, nicht die mindeste Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

In dieser Verlegenheit kamen die Kenntnisse seines Freundes Laertes
ihm gut zustatten. Die Gewohnheit hatte beide jungen Leute, so
unaehnlich sie sich waren, zusammen verbunden, und jener war, bei
allen seinen Fehlern, mit seinen Sonderbarkeiten wirklich ein
interessanter Mensch. Mit einer heitern, gluecklichen Sinnlichkeit
begabt, haette er alt werden koennen, ohne ueber seinen Zustand irgend
nachzudenken. Nun hatte ihm aber sein Unglueck und seine Krankheit
das reine Gefuehl der Jugend geraubt und ihm dagegen einen Blick auf
die Vergaenglichkeit, auf das Zerstueckelte unsers Daseins eroeffnet.
Daraus war eine launichte, rhapsodische Art, ueber die Gegenstaende zu
denken oder vielmehr ihre unmittelbaren Eindruecke zu aeussern,
entstanden. Er war nicht gern allein, trieb sich auf allen
Kaffeehaeusern, an allen Wirtstischen herum, und wenn er ja zu Hause
blieb, waren Reisebeschreibungen seine liebste, ja seine einzige
Lektuere. Diese konnte er nun, da er eine grosse Leihbibliothek fand,
nach Wunsch befriedigen, und bald spukte die halbe Welt in seinem
guten Gedaechtnisse.

Wie leicht konnte er daher seinem Freunde Mut einsprechen, als dieser
ihm den voelligen Mangel an Vorrat zu der von ihm so feierlich
versprochenen Relation entdeckte. "Da wollen wir ein Kunststueck
machen", sagte jener, "das seinesgleichen nicht haben soll.

Ist nicht Deutschland von einem Ende zum andern durchreist,
durchkreuzt, durchzogen, durchkrochen und durchflogen? Und hat nicht
jeder deutsche Reisende den herrlichen Vorteil, sich seine grossen
oder kleinen Ausgaben vom Publikum wiedererstatten zu lassen? Gib mir
nur deine Reiseroute, ehe du zu uns kamst: das andere weiss ich. Die
Quellen und Huelfsmittel zu deinem Werke will ich dir aufsuchen; an
Quadratmeilen, die nicht gemessen sind, und an Volksmenge, die nicht
gezaehlt ist, muessen wir's nicht fehlen lassen. Die Einkuenfte der
Laender nehmen wir aus Taschenbuechern und Tabellen, die, wie bekannt,
die zuverlaessigsten Dokumente sind. Darauf gruenden wir unsre
politischen Raisonnements; an Seitenblicken auf die Regierungen soll's
nicht fehlen. Ein paar Fuersten beschreiben wir als wahre Vaeter des
Vaterlandes, damit man uns desto eher glaubt, wenn wir einigen andern
etwas anhaengen; und wenn wir nicht geradezu durch den Wohnort einiger
beruehmten Leute durchreisen, so begegnen wir ihnen in einem
Wirtshause, lassen sie uns im Vertrauen das albernste Zeug sagen.
Besonders vergessen wir nicht, eine Liebesgeschichte mit irgendeinem
naiven Maedchen auf das anmutigste einzuflechten, und es soll ein Werk
geben, das nicht allein Vater und Mutter mit Entzuecken erfuellen soll,
sondern das dir auch jeder Buchhaendler mit Vergnuegen bezahlt."

Man schritt zum Werke, und beide Freunde hatten viel Lust an ihrer
Arbeit, indes Wilhelm abends im Schauspiel und in dem Umgange mit
Serlo und Aurelien die groesste Zufriedenheit fand und seine Ideen,
die nur zu lange sich in einem engen Kreise herumgedreht hatten,
taeglich weiter ausbreitete.




IV. Buch, 18. Kapitel




Achtzehntes Kapitel

Nicht ohne das groesste Interesse vernahm er stueckweise den
Lebenslauf Serlos: denn es war nicht die Art dieses seltnen Mannes,
vertraulich zu sein und ueber irgend etwas im Zusammenhange zu
sprechen. Er war, man darf sagen, auf dem Theater geboren und
gesaeugt. Schon als stummes Kind musste er durch seine blosse
Gegenwart die Zuschauer ruehren, weil auch schon damals die Verfasser
diese natuerlichen und unschuldigen Huelfsmittel kannten, und sein
erstes "Vater" und "Mutter" brachte in beliebten Stuecken ihm schon
den groessten Beifall zuwege, ehe er wusste, was das Haendeklatschen
bedeute. Als Amor kam er zitternd mehr als einmal im Flugwerke
herunter, entwickelte sich als Harlekin aus dem Ei und machte als
kleiner Essenkehrer schon frueh die artigsten Streiche.

Leider musste er den Beifall, den er an glaenzenden Abenden erhielt,
in den Zwischenzeiten sehr teuer bezahlen. Sein Vater, ueberzeugt,
dass nur durch Schlaege die Aufmerksamkeit der Kinder erregt und
festgehalten werden koenne, pruegelte ihn beim Einstudieren einer
jeden Rolle zu abgemessenen Zeiten; nicht, weil das Kind ungeschickt
war, sondern damit es sich desto gewisser und anhaltender geschickt
zeigen moege. So gab man ehemals, indem ein Grenzstein gesetzt wurde,
den umstehenden Kindern tuechtige Ohrfeigen, und die aeltesten Leute
erinnern sich noch genau des Ortes und der Stelle. Er wuchs heran und
zeigte ausserordentliche Faehigkeiten des Geistes und Fertigkeiten des
Koerpers und dabei eine grosse Biegsamkeit sowohl in seiner
Vorstellungsart als in Handlungen und Gebaerden. Seine
Nachahmungsgabe ueberstieg allen Glauben. Schon als Knabe ahmte er
Personen nach, so dass man sie zu sehen glaubte, ob sie ihm schon an
Gestalt, Alter und Wesen voellig unaehnlich und untereinander
verschieden waren. Dabei fehlte es ihm nicht an der Gabe, sich in die
Welt zu schicken, und sobald er sich einigermassen seiner Kraefte
bewusst war, fand er nichts natuerlicher, als seinem Vater zu
entfliehen, der, wie die Vernunft des Knaben zunahm und seine
Geschicklichkeit sich vermehrte, ihnen noch durch harte Begegnung
nachzuhelfen fuer noetig fand.

Wie gluecklich fuehlte sich der lose Knabe nun in der freien Welt, da
ihm seine Eulenspiegelspossen ueberall eine gute Aufnahme verschafften.
Sein guter Stern fuehrte ihn zuerst in der Fastnachtszeit in ein
Kloster, wo er, weil eben der Pater, der die Umgaenge zu besorgen und
durch geistliche Maskeraden die christliche Gemeinde zu ergoetzen
hatte, gestorben war, als ein huelfreicher Schutzengel auftrat. Auch
uebernahm er sogleich die Rolle Gabriels in der Verkuendigung und
missfiel dem huebschen Maedchen nicht, die als Maria seinen
obligeanten Gruss mit aeusserlicher Demut und innerlichem Stolze sehr
zierlich aufnahm. Er spielte darauf sukzessive in den Mysterien die
wichtigsten Rollen und wusste sich nicht wenig, da er endlich gar als
Heiland der Welt verspottet, geschlagen und ans Kreuz geheftet wurde.

Einige Kriegsknechte mochten bei dieser Gelegenheit ihre Rollen gar zu
natuerlich spielen; daher er sie, um sich auf die schicklichste Weise
an ihnen zu raechen, bei Gelegenheit des juengsten Gerichts in die
praechtigsten Kleider von Kaisern und Koenigen steckte und ihnen in
dem Augenblicke, da sie, mit ihren Rollen sehr wohl zufrieden, auch in
dem Himmel allen andern vorauszugehen den Schritt nahmen, unvermutet
in Teufelsgestalt begegnete und sie mit der Ofengabel, zur
herzlichsten Erbauung saemtlicher Zuschauer und Bettler, weidlich
durchdrosch und unbarmherzig zurueck in die Grube stuerzte, wo sie
sich von einem hervordringenden Feuer aufs uebelste empfangen sahen.

Er war klug genug, einzusehen, dass die gekroenten Haeupter sein
freches Unternehmen nicht wohl vermerken und selbst vor seinem
privilegierten Anklaeger- und Schergenamte keinen Respekt haben
wuerden; er machte sich daher, noch ehe das Tausendjaehrige Reich
anging, in aller Stille davon und ward in einer benachbarten Stadt von
einer Gesellschaft, die man damals "Kinder der Freude" nannte, mit
offnen Armen aufgenommen. Es waren verstaendige, geistreiche,
lebhafte Menschen, die wohl einsahen, dass die Summe unsrer Existenz,
durch Vernunft dividiert, niemals rein aufgehe, sondern dass immer ein
wunderlicher Bruch uebrigbleibe. Diesen hinderlichen und, wenn er
sich in die ganze Masse verteilt, gefaehrlichen Bruch suchten sie zu
bestimmten Zeiten vorsaetzlich loszuwerden. Sie waren einen Tag der
Woche recht ausfuehrlich Narren und straften an demselben
wechselseitig durch allegorische Vorstellungen, was sie waehrend der
uebrigen Tage an sich und andern Naerrisches bemerkt hatten. War
diese Art gleich roher als eine Folge von Ausbildung, in welcher der
sittliche Mensch sich taeglich zu bemerken, zu warnen und zu strafen
pflegt, so war sie doch lustiger und sicherer: denn indem man einen
gewissen Schossnarren nicht verleugnete, so traktierte man ihn auch
nur fuer das, was er war, anstatt dass er auf dem andern Wege, durch
Huelfe des Selbstbetrugs, oft im Hause zur Herrschaft gelangt und die
Vernunft zur heimlichen Knechtschaft zwingt, die sich einbildet, ihn
lange verjagt zu haben. Die Narrenmaske ging in der Gesellschaft
herum, und jedem war erlaubt, sie an seinem Tage mit eigenen oder
fremden Attributen charakteristisch auszuzieren. In der Karnavalszeit
nahm man sich die groesste Freiheit und wetteiferte mit der Bemuehung
der Geistlichen, das Volk zu unterhalten und anzuziehen. Die
feierlichen und allegorischen Aufzuege von Tugenden und Lastern,
Kuensten und Wissenschaften, Weltteilen und Jahrszeiten versinnlichten
dem Volke eine Menge Begriffe und gaben ihm Ideen entfernter
Gegenstaende, und so waren diese Scherze nicht ohne Nutzen, da von
einer andern Seite die geistlichen Mummereien nur einen abgeschmackten
Aberglauben noch mehr befestigten.

Der junge Serlo war auch hier wieder ganz in seinem Elemente;
eigentliche Erfindungskraft hatte er nicht, dagegen aber das groesste
Geschick, was er vor sich fand zu nutzen, zurechtzustellen und
scheinbar zu machen. Seine Einfaelle, seine Nachahmungsgabe, ja sein
beissender Witz, den er wenigstens einen Tag in der Woche voellig frei,
selbst gegen seine Wohltaeter, ueben durfte, machte ihn der ganzen
Gesellschaft wert, ja unentbehrlich.

Doch trieb ihn seine Unruhe bald aus dieser vorteilhaften Lage in
andere Gegenden seines Vaterlandes, wo er wieder eine neue Schule
durchzugehen hatte. Er kam in den gebildeten, aber auch bildlosen
Teil von Deutschland, wo es zur Verehrung des Guten und Schoenen zwar
nicht an Wahrheit, aber oft an Geist gebricht; er konnte mit seinen
Masken nichts mehr ausrichten; er musste suchen, auf Herz und Gemuet
zu wirken. Nur kurze Zeit hielt er sich bei kleinen und grossen
Gesellschaften auf und merkte bei dieser Gelegenheit saemtlichen
Stuecken und Schauspielern ihre Eigenheiten ab. Die Monotonie, die
damals auf dem deutschen Theater herrschte, den albernen Fall und
Klang der Alexandriner, den geschraubt-platten Dialog, die Trockenheit
und Gemeinheit der unmittelbaren Sittenprediger hatte er bald gefasst
und zugleich bemerkt, was ruehrte und gefiel.

Nicht eine Rolle der gangbaren Stuecke, sondern die ganzen Stuecke
blieben leicht in seinem Gedaechtnis und zugleich der eigentuemliche
Ton des Schauspielers, der sie mit Beifall vorgetragen hatte. Nun kam
er zufaelligerweise auf seinen Streifereien, da ihm das Geld voellig
ausgegangen war, zu dem Einfall, allein ganze Stuecke besonders auf
Edelhoefen und in Doerfern vorzustellen und sich dadurch ueberall
sogleich Unterhalt und Nachtquartier zu verschaffen. In jeder Schenke,
jedem Zimmer und Garten war sein Theater gleich aufgeschlagen; mit
einem schelmischen Ernst und anscheinenden Enthusiasmus wusste er die
Einbildungskraft seiner Zuschauer zu gewinnen, ihre Sinne zu taeuschen
und vor ihren offenen Augen einen alten Schrank zu einer Burg und
einen Faecher zum Dolche umzuschaffen. Seine Jugendwaerme ersetzte
den Mangel eines tiefen Gefuehls; seine Heftigkeit schien Staerke und
seine Schmeichelei Zaertlichkeit. Diejenigen, die das Theater schon
kannten, erinnerte er an alles, was sie gesehen und gehoert hatten,
und in den uebrigen erregte er eine Ahnung von etwas Wunderbarem und
den Wunsch, naeher damit bekannt zu werden. Was an einem Orte Wirkung
tat, verfehlte er nicht am andern zu wiederholen und hatte die
herzlichste Schadenfreude, wenn er alle Menschen auf gleiche Weise aus
dem Stegreife zum besten haben konnte.

Bei seinem lebhaften, freien und durch nichts gehinderten Geist
verbesserte er sich, indem er Rollen und Stuecke oft wiederholte, sehr
geschwind. Bald rezitierte und spielte er dem Sinne gemaesser als die
Muster, die er anfangs nur nachgeahmt hatte. Auf diesem Wege kam er
nach und nach dazu, natuerlich zu spielen und doch immer verstellt zu
sein. Er schien hingerissen und lauerte auf den Effekt, und sein
groesster Stolz war, die Menschen stufenweise in Bewegung zu setzen.
Selbst das tolle Handwerk, das er trieb, noetigte ihn bald, mit einer
gewissen Maessigung zu verfahren, und so lernte er, teils gezwungen,
teils aus Instinkt, das, wovon so wenig Schauspieler einen Begriff zu
haben scheinen: mit Organ und Gebaerden oekonomisch zu sein.

So wusste er selbst rohe und unfreundliche Menschen zu baendigen und
fuer sich zu interessieren. Da er ueberall mit Nahrung und Obdach
zufrieden war, jedes Geschenk dankbar annahm, das man ihm reichte, ja
manchmal gar das Geld, wenn er dessen nach seiner Meinung genug hatte,
ausschlug, so schickte man ihn mit Empfehlungsschreiben einander zu,
und so wanderte er eine ganze Zeit von einem Edelhofe zum andern, wo
er manches Vergnuegen erregte, manches genoss und nicht ohne die
angenehmsten und artigsten Abenteuer blieb.

Bei der innerlichen Kaelte seines Gemuetes liebte er eigentlich
niemand; bei der Klarheit seines Blicks konnte er niemand achten, denn
er sah nur immer die aeussern Eigenheiten der Menschen und trug sie in
seine mimische Sammlung ein. Dabei aber war seine Selbstigkeit
aeusserst beleidigt, wenn er nicht jedem gefiel und wenn er nicht
ueberall Beifall erregte. Wie dieser zu erlangen sei, darauf hatte er
nach und nach so genau achtgegeben und hatte seinen Sinn so geschaerft,
dass er nicht allein bei seinen Darstellungen, sondern auch im
gemeinen Leben nicht mehr anders als schmeicheln konnte. Und so
arbeitete seine Gemuetsart, sein Talent und seine Lebensart dergestalt
wechselsweise gegeneinander, dass er sich unvermerkt zu einem
vollkommnen Schauspieler ausgebildet sah. Ja, durch eine seltsam
scheinende, aber ganz natuerliche Wirkung und Gegenwirkung stieg durch
Einsicht und uebung seine Rezitation, Deklamation und sein
Gebaerdenspiel zu einer hohen Stufe von Wahrheit, Freiheit und
Offenheit, indem er im Leben und Umgang immer heimlicher, kuenstlicher,
ja verstellt und aengstlich zu werden schien.

Von seinen Schicksalen und Abenteuern sprechen wir vielleicht an einem
andern Orte und bemerken hier nur soviel: dass er in spaetern Zeiten,
da er schon ein gemachter Mann, im Besitz von entschiedenem Namen und
in einer sehr guten, obgleich nicht festen Lage war, sich angewoehnt
hatte, im Gespraech auf eine feine Weise teils ironisch, teils
spoettisch den Sophisten zu machen und dadurch fast jede ernsthafte
Unterhaltung zu zerstoeren. Besonders gebrauchte er diese Manier
gegen Wilhelm, sobald dieser, wie es ihm oft begegnete, ein
allgemeines theoretisches Gespraech anzuknuepfen Lust hatte.
Dessenungeachtet waren sie sehr gern beisammen, indem durch ihre
beiderseitige Denkart die Unterhaltung lebhaft werden musste. Wilhelm
wuenschte alles aus den Begriffen, die er gefasst hatte, zu entwickeln
und wollte die Kunst in einem Zusammenhange behandelt haben. Er
wollte ausgesprochene Regeln festsetzen, bestimmen, was recht, schoen
und gut sei und was Beifall verdiene; genug, er behandelte alles auf
das ernstlichste. Serlo hingegen nahm die Sache sehr leicht, und
indem er niemals direkt auf eine Frage antwortete, wusste er durch
eine Geschichte oder einen Schwank die artigste und vergnueglichste
Erlaeuterung beizubringen und die Gesellschaft zu unterrichten, indem
er sie erheiterte.




IV. Buch, 19. Kapitel




Neunzehntes Kapitel

Indem nun Wilhelm auf diese Weise sehr angenehme Stunden zubrachte,
befanden sich Melina und die uebrigen in einer desto verdriesslichern
Lage. Sie erschienen unserm Freunde manchmal wie boese Geister und
machten ihm nicht bloss durch ihre Gegenwart, sondern auch oft durch
flaemische Gesichter und bittre Reden einen verdriesslichen Augenblick.
Serlo hatte sie nicht einmal zu Gastrollen gelassen, geschweige dass
er ihnen Hoffnung zum Engagement gemacht haette, und hatte
dessenungeachtet nach und nach ihre saemtlichen Faehigkeiten
kennengelernt. Sooft sich Schauspieler bei ihm gesellig versammelten,
hatte er die Gewohnheit, lesen zu lassen und manchmal selbst
mitzulesen. Er nahm Stuecke vor, die noch gegeben werden sollten, die
lange nicht gegeben waren, und zwar meistens nur teilweise. So liess
er auch nach einer ersten Auffuehrung Stellen, bei denen er etwas zu
erinnern hatte, wiederholen, vermehrte dadurch die Einsicht der
Schauspieler und verstaerkte ihre Sicherheit, den rechten Punkt zu
treffen. Und wie ein geringer aber richtiger Verstand mehr als ein
verworrenes und ungelaeutertes Genie zur Zufriedenheit anderer wirken
kann, so erhub er mittelmaessige Talente durch die deutliche Einsicht,
die er ihnen unmerklich verschaffte, zu einer bewundernswuerdigen
Faehigkeit. Nicht wenig trug dazu bei, dass er auch Gedichte lesen
liess und in ihnen das Gefuehl jenes Reizes erhielt, den ein
wohlvorgetragener Rhythmus in unsrer Seele erregt, anstatt dass man
bei andern Gesellschaften schon anfing, nur diejenige Prosa
vorzutragen, wozu einem jeden der Schnabel gewachsen war.

Bei solchen Gelegenheiten hatte er auch die saemtlichen angekommenen
Schauspieler kennenlernen, das, was sie waren und was sie werden
konnten, beurteilt und sich in der Stille vorgenommen, von ihren
Talenten bei einer Revolution, die seiner Gesellschaft drohete,
sogleich Vorteil zu ziehen. Er liess die Sache eine Weile auf sich
beruhen, lehnte alle Interzessionen Wilhelms fuer sie mit Achselzucken
ab, bis er seine Zeit ersah und seinem jungen Freunde ganz unerwartet
den Vorschlag tat: er solle doch selbst bei ihm aufs Theater gehen,
und unter dieser Bedingung wolle er auch die uebrigen engagieren.

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