Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 4
J >>
Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 4
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 | 7
"Die Leute muessen also doch so unbrauchbar nicht sein, wie Sie mir
solche bisher geschildert haben", versetzte ihm Wilhelm, "wenn sie
jetzt auf einmal zusammen angenommen werden koennen, und ich daechte,
ihre Talente muessten auch ohne mich dieselbigen bleiben."
Serlo eroeffnete ihm darauf unter dem Siegel der Verschwiegenheit
seine Lage: wie sein erster Liebhaber Miene mache, ihn bei der
Erneuerung des Kontrakts zu steigern, und wie er nicht gesinnt sei,
ihm nachzugeben, besonders da die Gunst des Publikums gegen ihn so
gross nicht mehr sei. Liesse er diesen gehen, so wuerde sein ganzer
Anhang ihm folgen, wodurch denn die Gesellschaft einige gute, aber
auch einige mittelmaessige Glieder verloere. Hierauf zeigte er
Wilhelmen, was er dagegen an ihm, an Laertes, dem alten Polterer und
selbst an Frau Melina zu gewinnen hoffe. Ja, er versprach, dem armen
Pedanten als Juden, Minister und ueberhaupt als Boesewicht einen
entschiedenen Beifall zu verschaffen.
Wilhelm stutzte und vernahm den Vortrag nicht ohne Unruhe, und nur, um
etwas zu sagen, versetzte er, nachdem er tief Atem geholt hatte: "Sie
sprechen auf eine sehr freundliche Weise nur von dem Guten, was Sie an
uns finden und von uns hoffen; wie sieht es denn aber mit den
schwachen Seiten aus, die Ihrem Scharfsinne gewiss nicht entgangen
sind?"
"Die wollen wir bald durch Fleiss, uebung und Nachdenken zu starken
Seiten machen", versetzte Serlo. "Es ist unter euch allen, die ihr
denn doch nur Naturalisten und Pfuscher seid, keiner, der nicht mehr
oder weniger Hoffnung von sich gaebe; denn soviel ich alle beurteilen
kann, so ist kein einziger Stock darunter, und Stoecke allein sind die
Unverbesserlichen, sie moegen nun aus Eigenduenkel, Dummheit oder
Hypochondrie ungelenk und unbiegsam sein."
Serlo legte darauf mit wenigen Worten die Bedingungen dar, die er
machen koenne und wolle, bat Wilhelmen um schleunige Entscheidung und
verliess ihn in nicht geringer Unruhe.
Bei der wunderlichen und gleichsam nur zum Scherz unternommenen Arbeit
jener fingierten Reisebeschreibung, die er mit Laertes zusammensetzte,
war er auf die Zustaende und das taegliche Leben der wirklichen Welt
aufmerksamer geworden, als er sonst gewesen war. Er begriff jetzt
selbst erst die Absicht des Vaters, als er ihm die Fuehrung des
Journals so lebhaft empfohlen. Er fuehlte zum ersten Male, wie
angenehm und nuetzlich es sein koenne, sich zur Mittelsperson so
vieler Gewerbe und Beduerfnisse zu machen und bis in die tiefsten
Gebirge und Waelder des festen Landes Leben und Taetigkeit verbreiten
zu helfen. Die lebhafte Handelsstadt, in der er sich befand, gab ihm
bei der Unruhe des Laertes, der ihn ueberall mit herumschleppte, den
anschaulichsten Begriff eines grossen Mittelpunktes, woher alles
ausfliesst und wohin alles zurueckkehrt, und es war das erste Mal,
dass sein Geist im Anschauen dieser Art von Taetigkeit sich wirklich
ergoetzte. In diesem Zustande hatte ihm Serlo den Antrag getan und
seine Wuensche, seine Neigung, sein Zutrauen auf ein angebornes Talent
und seine Verpflichtung gegen die huelflose Gesellschaft wieder rege
gemacht.
"Da steh ich nun", sagte er zu sich selbst, "abermals am Scheidewege
zwischen den beiden Frauen, die mir in meiner Jugend erschienen. Die
eine sieht nicht mehr so kuemmerlich aus wie damals, und die andere
nicht so praechtig. Der einen wie der andern zu folgen, fuehlst du
eine Art von innerm Beruf, und von beiden Seiten sind die aeussern
Anlaesse stark genug; es scheint dir unmoeglich, dich zu entscheiden;
du wuenschest, dass irgendein uebergewicht von aussen deine Wahl
bestimmen moege, und doch, wenn du dich recht untersuchst, so sind es
nur aeussere Umstaende, die dir eine Neigung zu Gewerb, Erwerb und
Besitz einfloessen, aber dein innerstes Beduerfnis erzeugt und naehrt
den Wunsch, die Anlagen, die in dir zum Guten und Schoenen ruhen
moegen, sie seien koerperlich oder geistig, immer mehr zu entwickeln
und auszubilden. Und muss ich nicht das Schicksal verehren, das mich
ohne mein Zutun hierher an das Ziel aller meiner Wuensche fuehrt?
Geschieht nicht alles, was ich mir ehemals ausgedacht und vorgesetzt,
nun zufaellig, ohne mein Mitwirken? Sonderbar genug! Der Mensch
scheint mit nichts vertrauter zu sein als mit seinen Hoffnungen und
Wuenschen, die er lange im Herzen naehrt und bewahrt, und doch, wenn
sie ihm nun begegnen, wenn sie sich ihm gleichsam aufdringen, erkennt
er sie nicht und weicht vor ihnen zurueck. Alles, was ich mir vor
jener ungluecklichen Nacht, die mich von Marianen entfernte, nur
traeumen liess, steht vor mir und bietet sich mir selbst an. Hierher
wollte ich fluechten und bin sachte hergeleitet worden; bei Serlo
wollte ich unterzukommen suchen, er sucht nun mich und bietet mir
Bedingungen an, die ich als Anfaenger nie erwarten konnte. War es
denn bloss Liebe zu Marianen, die mich ans Theater fesselte? oder war
es Liebe zur Kunst, die mich an das Maedchen festknuepfte? War jene
Aussicht, jener Ausweg nach der Buehne bloss einem unordentlichen,
unruhigen Menschen willkommen, der ein Leben fortzusetzen wuenschte,
das ihm die Verhaeltnisse der buergerlichen Welt nicht gestatteten,
oder war es alles anders, reiner, wuerdiger? Und was sollte dich
bewegen koennen, deine damaligen Gesinnungen zu aendern? Hast du
nicht vielmehr bisher selbst unwissend deinen Plan verfolgt? Ist
nicht jetzt der letzte Schritt noch mehr zu billigen, da keine
Nebenabsichten dabei im Spiele sind und da du zugleich ein feierlich
gegebenes Wort halten und dich auf eine edle Weise von einer schweren
Schuld befreien kannst?"
Alles, was in seinem Herzen und seiner Einbildungskraft sich bewegte,
wechselte nun auf das lebhafteste gegeneinander ab. Dass er seine
Mignon behalten koenne, dass er den Harfner nicht zu verstossen
brauche, war kein kleines Gewicht auf der Waagschale, und doch
schwankte sie noch hin und wider, als er seine Freundin Aurelie
gewohnterweise zu besuchen ging.
IV. Buch, 20. Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Er fand sie auf ihrem Ruhebette; sie schien stille. "Glauben Sie noch,
morgen spielen zu koennen?" fragte er. "O ja", versetzte sie lebhaft;
"Sie wissen, daran hindert mich nichts.--Wenn ich nur ein Mittel
wuesste, den Beifall unsers Parterres von mir abzulehnen; sie meinen
es gut und werden mich noch umbringen. Vorgestern dacht ich, das Herz
muesste mir reissen! Sonst konnt ich es wohl leiden, wenn ich mir
selbst gefiel; wenn ich lange studiert und mich vorbereitet hatte,
dann freute ich mich, wenn das willkommene Zeichen, nun sei es
gelungen, von allen Enden widertoente. Jetzo sag ich nicht, was ich
will, nicht, wie ich's will; ich werde hingerissen; ich verwirre mich,
und mein Spiel macht einen weit groessern Eindruck. Der Beifall wird
lauter, und ich denke: Wuesstet ihr, was euch entzueckt! Die dunkeln,
heftigen, unbestimmten Anklaenge ruehren euch, zwingen euch Bewundrung
ab, und ihr fuehlt nicht, dass es die Schmerzenstoene der
Ungluecklichen sind, der ihr euer Wohlwollen geschenkt habt.
Heute frueh hab ich gelernt, jetzt wiederholt und versucht. Ich bin
muede, zerbrochen, und morgen geht es wieder von vorn an. Morgen
abend soll gespielt werden. So schlepp ich mich hin und her; es ist
mir langweilig aufzustehen und verdriesslich, zu Bette zu gehen.
Alles macht einen ewigen Zirkel in mir. Dann treten die leidigen
Troestungen vor mir auf, dann werf ich sie weg und verwuensche sie.
Ich will mich nicht ergeben, nicht der Notwendigkeit ergeben--warum
soll das notwendig sein, was mich zugrunde richtet? Koennte es nicht
auch anders sein? Ich muss es eben bezahlen, dass ich eine Deutsche
bin; es ist der Charakter der Deutschen, dass sie ueber allem schwer
werden, dass alles ueber ihnen schwer wird."
"O meine Freundin", fiel Wilhelm ein, "koennten Sie doch aufhoeren,
selbst den Dolch zu schaerfen, mit dem Sie sich unablaessig verwunden!
Bleibt Ihnen denn nichts? Ist denn Ihre Jugend, Ihre Gestalt, Ihre
Gesundheit, sind Ihre Talente nichts? Wenn Sie ein Gut ohne Ihr
Verschulden verloren haben, muessen Sie denn alles uebrige
hinterdreinwerfen? Ist das auch notwendig?"
Sie schwieg einige Augenblicke, dann fuhr sie auf: "Ich weiss es wohl,
dass es Zeitverderb ist, nichts als Zeitverderb ist die Liebe! Was
haette ich nicht tun koennen! tun sollen! Nun ist alles rein zu
nichts geworden. Ich bin ein armes verliebtes Geschoepf, nichts als
verliebt! Haben Sie Mitleiden mit mir, bei Gott, ich bin ein armes
Geschoepf!"
Sie versank in sich, und nach einer kurzen Pause rief sie heftig aus:
"Ihr seid gewohnt, dass sich euch alles an den Hals wirft. Nein, ihr
koennt es nicht fuehlen, kein Mann ist imstande, den Wert eines Weibes
zu fuehlen, das sich zu ehren weiss! Bei allen heiligen Engeln, bei
allen Bildern der Seligkeit, die sich ein reines, gutmuetiges Herz
erschafft, es ist nichts Himmlischeres als ein weibliches Wesen, das
sich dem geliebten Manne hingibt! Wir sind kalt, stolz, hoch, klar,
klug, wenn wir verdienen, Weiber zu heissen, und alle diese Vorzuege
legen wir euch zu Fuessen, sobald wir lieben, sobald wir hoffen,
Gegenliebe zu erwerben. O wie hab ich mein ganzes Dasein so mit
Wissen und Willen weggeworfen! Aber nun will ich auch verzweifeln,
absichtlich verzweifeln. Es soll kein Blutstropfen in mir sein, der
nicht gestraft wird, keine Faser, die ich nicht peinigen will.
Laecheln Sie nur, lachen Sie nur ueber den theatralischen Aufwand von
Leidenschaft!"
Fern war von unserm Freunde jede Anwandlung des Lachens. Der
entsetzliche, halb natuerliche, halb erzwungene Zustand seiner
Freundin peinigte ihn nur zu sehr. Er empfand die Foltern der
ungluecklichen Anspannung mit: sein Gehirn zerruettete sich, und sein
Blut war in einer fieberhaften Bewegung.
Sie war aufgestanden und ging in der Stube hin und wider. "Ich sage
mir alles vor", rief sie aus, "warum ich ihn nicht lieben sollte. Ich
weiss auch, dass er es nicht wert ist; ich wende mein Gemuet ab, dahin
und dorthin, beschaeftige mich, wie es nur gehen will. Bald nehm ich
eine Rolle vor, wenn ich sie auch nicht zu spielen habe; ich uebe die
alten, die ich durch und durch kenne, fleissiger und fleissiger ins
einzelne und uebe und uebe--mein Freund, mein Vertrauter, welche
entsetzliche Arbeit ist es, sich mit Gewalt von sich selbst zu
entfernen! Mein Verstand leidet, mein Gehirn ist so angespannt; um
mich vom Wahnsinne zu retten, ueberlass ich mich wieder dem Gefuehle,
dass ich ihn liebe.--Ja, ich liebe ihn, ich liebe ihn!" rief sie unter
tausend Traenen, "ich liebe ihn, und so will ich sterben."
Er fasste sie bei der Hand und bat sie auf das anstaendigste, sich
nicht selbst aufzureiben. "Oh", sagte er, "Wie sonderbar ist es, dass
dem Menschen nicht allein so manches Unmoegliche, sondern auch so
manches Moegliche versagt ist. Sie waren nicht bestimmt, ein treues
Herz zu finden, das Ihre ganze Glueckseligkeit wuerde gemacht haben.
Ich war dazu bestimmt, das ganze Heil meines Lebens an eine
Unglueckliche festzuknuepfen, die ich durch die Schwere meiner Treue
wie ein Rohr zu Boden zog, ja vielleicht gar zerbrach."
Er hatte Aurelien seine Geschichte mit Marianen vertraut und konnte
sich also jetzt darauf beziehen. Sie sah ihm starr in die Augen und
fragte: "Koennen Sie sagen, dass Sie noch niemals ein Weib betrogen,
dass Sie keiner mit leichtsinniger Galanterie, mit frevelhafter
Beteurung, mit herzlockenden Schwueren ihre Gunst abzuschmeicheln
gesucht?"
"Das kann ich", versetzte Wilhelm, "und zwar ohne Ruhmredigkeit: denn
mein Leben war sehr einfach, und ich bin selten in die Versuchung
geraten zu versuchen. Und welche Warnung, meine schoene, meine edle
Freundin, ist mir der traurige Zustand, in den ich Sie versetzt sehe!
Nehmen Sie ein Geluebde von mir, das meinem Herzen ganz angemessen ist,
das durch die Ruehrung, die Sie mir einfloessten, sich bei mir zur
Sprache und Form bestimmt und durch diesen Augenblick geheiligt wird:
jeder fluechtigen Neigung will ich widerstehen und selbst die
ernstlichsten in meinem Busen bewahren; kein weibliches Geschoepf soll
ein Bekenntnis der Liebe von meinen Lippen vernehmen, dem ich nicht
mein ganzes Leben widmen kann!"
Sie sah ihn mit einer wilden Gleichgueltigkeit an und entfernte sich,
als er ihr die Hand reichte, um einige Schritte. "Es ist nichts daran
gelegen!" rief sie, "so viel Weibertraenen mehr oder weniger, die See
wird darum doch nicht wachsen. Doch", fuhr sie fort, "unter Tausenden
eine gerettet, das ist doch etwas, unter Tausenden einen Redlichen
gefunden, das ist anzunehmen! Wissen Sie auch, was Sie versprechen?"
"Ich weiss es", versetzte Wilhelm laechelnd und hielt seine Hand hin.
"Ich nehm es an", versetzte sie und machte eine Bewegung mit ihrer
Rechten, so dass er glaubte, sie wuerde die seine fassen; aber schnell
fuhr sie in die Tasche, riss den Dolch blitzgeschwind heraus und fuhr
mit Spitze und Schneide ihm rasch ueber die Hand weg. Er zog sie
schnell zurueck, aber schon lief das Blut herunter.
"Man muss euch Maenner scharf zeichnen, wenn ihr merken sollt!" rief
sie mit einer wilden Heiterkeit aus, die bald in eine hastige
Geschaeftigkeit ueberging. Sie nahm ihr Schnupftuch und umwickelte
seine Hand damit, um das erste hervordringende Blut zu stillen.
"Verzeihen Sie einer Halbwahnsinnigen", rief sie aus, "und lassen Sie
sich diese Tropfen Bluts nicht reuen. Ich bin versoehnt, ich bin
wieder bei mir selber. Auf meinen Knien will ich Abbitte tun, lassen
Sie mir den Trost, Sie zu heilen."
Sie eilte nach ihrem Schranke, holte Leinwand und einiges Geraet,
stillte das Blut und besah die Wunde sorgfaeltig. Der Schnitt ging
durch den Ballen gerade unter dem Daumen, teilte die Lebenslinie und
lief gegen den kleinen Finger aus. Sie verband ihn still und mit
einer nachdenklichen Bedeutsamkeit in sich gekehrt. Er fragte
einigemal: "Beste, wie konnten Sie Ihren Freund verletzen?"
"Still", erwiderte sie, indem sie den Finger auf den Mund legte,
"still!"
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 | 7