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Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 5

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 5

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Den andern Morgen hatte sie eine ruhige Stunde. Sie liess Wilhelm
rufen und uebergab ihm einen Brief. "Dieses Blatt", sagte sie,
"wartet schon lange auf diesen Augenblick. Ich fuehle, dass das Ende
meines Lebens bald herannaht; versprechen Sie mir, dass Sie es selbst
abgeben und dass Sie durch wenige Worte meine Leiden an dem Ungetreuen
raechen wollen. Er ist nicht fuehllos, und wenigstens soll ihn mein
Tod einen Augenblick schmerzen."

Wilhelm uebernahm den Brief, indem er sie jedoch troestete und den
Gedanken des Todes von ihr entfernen wollte.

"Nein", versetzte sie, "benehmen Sie mir nicht meine naechste Hoffnung.
Ich habe ihn lange erwartet und will ihn freudig in die Arme
schliessen."

Kurz darauf kam das vom Arzt versprochene Manuskript an. Sie ersuchte
Wilhelmen, ihr daraus vorzulesen, und die Wirkung, die es tat, wird
der Leser am besten beurteilen koennen, wenn er sich mit dem folgenden
Buche bekannt gemacht hat. Das heftige und trotzige Wesen unsrer
armen Freundin ward auf einmal gelindert. Sie nahm den Brief zurueck
und schrieb einen andern, wie es schien in sehr sanfter Stimmung; auch
forderte sie Wilhelmen auf, ihren Freund, wenn er irgend durch die
Nachricht ihres Todes betruebt werden sollte, zu troesten, ihn zu
versichern, dass sie ihm verziehen habe und dass sie ihm alles Glueck
wuensche.

Von dieser Zeit an war sie sehr still und schien sich nur mit wenigen
Ideen zu beschaeftigen, die sie sich aus dem Manuskript eigen zu
machen suchte, woraus ihr Wilhelm von Zeit zu Zeit vorlesen musste.
Die Abnahme ihrer Kraefte war nicht sichtbar, und unvermutet fand sie
Wilhelm eines Morgens tot, als er sie besuchen wollte.

Bei der Achtung, die er fuer sie, gehabt, und bei der Gewohnheit, mit
ihr zu leben, war ihm ihr Verlust sehr schmerzlich. Sie war die
einzige Person, die es eigentlich gut mit ihm meinte, und die Kaelte
Serlos in der letzten Zeit hatte er nur allzusehr gefuehlt. Er eilte
daher, die aufgetragene Botschaft auszurichten, und wuenschte sich auf
einige Zeit zu entfernen. Von der andern Seite war fuer Melina diese
Abreise sehr erwuenscht: denn dieser hatte sich bei der weitlaeufigen
Korrespondenz, die er unterhielt, gleich mit einem Saenger und einer
Saengerin eingelassen, die das Publikum einstweilen durch
Zwischenspiele zur kuenftigen Oper vorbereiten sollten. Der Verlust
Aureliens und Wilhelms Entfernung sollten auf diese Weise in der
ersten Zeit uebertragen werden, und unser Freund war mit allem
zufrieden, was ihm seinen Urlaub auf einige Wochen erleichterte.

Er hatte sich eine sonderbar wichtige Idee von seinem Auftrage gemacht.
Der Tod seiner Freundin hatte ihn tief geruehrt, und da er sie so
fruehzeitig von dem Schauplatze abtreten sah, musste er notwendig
gegen den, der ihr Leben verkuerzt und dieses kurze Leben ihr so
qualvoll gemacht, feindselig gesinnt sein.

Ungeachtet der letzten gelinden Worte der Sterbenden nahm er sich doch
vor, bei ueberreichung des Briefs ein strenges Gericht ueber den
ungetreuen Freund ergehen zu lassen, und da er sich nicht einer
zufaelligen Stimmung vertrauen wollte, dachte er an eine Rede, die in
der Ausarbeitung pathetischer als billig ward. Nachdem er sich
voellig von der guten Komposition seines Aufsatzes ueberzeugt hatte,
machte er, indem er ihn auswendig lernte, Anstalt zu seiner Abreise.
Mignon war beim Einpacken gegenwaertig und fragte ihn, ob er nach
Sueden oder nach Norden reise, und als sie das letzte von ihm erfuhr,
sagte sie. "So will ich dich hier wieder erwarten." Sie bat ihn um
die Perlenschnur Marianens, die er dem lieben Geschoepf nicht versagen
konnte; das Halstuch hatte sie schon. Dagegen steckte sie ihm den
Schleier des Geistes in den Mantelsack, ob er ihr gleich sagte, dass
ihm dieser Flor zu keinem Gebrauch sei.

Melina uebernahm die Regie, und seine Frau versprach, auf die Kinder
ein muetterliches Auge zu haben, von denen sich Wilhelm ungern losriss.
Felix war sehr lustig beim Abschied, und als man ihn fragte, was er
wolle mitgebracht haben, sagte er: "Hoere! bringe mir einen Vater mit."
Mignon nahm den Scheidenden bei der Hand, und indem sie, auf die
Zehen gehoben, ihm einen treuherzigen und lebhaften Kuss, doch ohne
Zaertlichkeit, auf die Lippen drueckte, sagte sie: "Meister! vergiss
uns nicht und komm bald wieder."

Und so lassen wir unsern Freund unter tausend Gedanken und
Empfindungen seine Reise antreten und zeichnen hier noch zum Schlusse
ein Gedicht auf, das Mignon mit grossem Ausdruck einigemal rezitiert
hatte und das wir frueher mitzuteilen durch den Drang so mancher
sonderbaren Ereignisse verhindert wurden.


Heiss mich nicht reden, heiss mich schweigen,
Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht;
Ich moechte dir mein ganzes Innre zeigen,
Allein das Schicksal will es nicht.


Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf
Die finstre Nacht, und sie muss sich erhellen,
Der harte Fels schliesst seinen Busen auf,
Missgoennt der Erde nicht die tiefverborgnen Quellen.


Ein jeder sucht im Arm des Freundes Ruh,
Dort kann die Brust in Klagen sich ergiessen;
Allein ein Schwur drueckt mir die Lippen zu,
Und nur ein Gott vermag sie aufzuschliessen.






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