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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 6

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 6

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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 6

Johann Wolfgang von Goethe




Sechstes Buch

Bekenntnisse einer schoenen Seele

Bis in mein achtes Jahr war ich ein ganz gesundes Kind, weiss mich
aber von dieser Zeit so wenig zu erinnern als von dem Tage meiner
Geburt. Mit dem Anfange des achten Jahres bekam ich einen Blutsturz,
und in dem Augenblick war meine Seele ganz Empfindung und Gedaechtnis.
Die kleinsten Umstaende dieses Zufalls stehn mir noch vor Augen, als
haette er sich gestern ereignet.

Waehrend des neunmonatlichen Krankenlagers, das ich mit Geduld
aushielt, ward, so wie mich duenkt, der Grund zu meiner ganzen Denkart
gelegt, indem meinem Geiste die ersten Huelfsmittel gereicht wurden,
sich nach seiner eigenen Art zu entwickeln.

Ich litt und liebte, das war die eigentliche Gestalt meines Herzens.
In dem heftigsten Husten und abmattenden Fieber war ich stille wie
eine Schnecke, die sich in ihr Haus zieht; sobald ich ein wenig Luft
hatte, wollte ich etwas Angenehmes fuehlen, und da mir aller uebrige
Genuss versagt war, suchte ich mich durch Augen und Ohren schadlos zu
halten. Man brachte mir Puppenwerk und Bilderbuecher, und wer Sitz an
meinem Bette haben wollte, musste mir etwas erzaehlen.

Von meiner Mutter hoerte ich die biblischen Geschichten gern an; der
Vater unterhielt mich mit Gegenstaenden der Natur. Er besass ein
artiges Kabinett. Davon brachte er gelegentlich eine Schublade nach
der andern herunter, zeigte mir die Dinge und erklaerte sie mir nach
der Wahrheit. Getrocknete Pflanzen und Insekten und manche Arten von
anatomischen Praeparaten, Menschenhaut, Knochen, Mumien und
dergleichen kamen auf das Krankenbette der Kleinen; Voegel und Tiere,
die er auf der Jagd erlegte, wurden mir vorgezeigt, ehe sie nach der
Kueche gingen; und damit doch auch der Fuerst der Welt eine Stimme in
dieser Versammlung behielte, erzaehlte mir die Tante Liebesgeschichten
und Feenmaerchen. Alles ward angenommen, und alles fasste Wurzel.
Ich hatte Stunden, in denen ich mich lebhaft mit dem unsichtbaren
Wesen unterhielt; ich weiss noch einige Verse, die ich der Mutter
damals in die Feder diktierte.

Oft erzaehlte ich dem Vater wieder, was ich von ihm gelernt hatte.
Ich nahm nicht leicht eine Arzenei, ohne zu fragen: "Wo wachsen die
Dinge, aus denen sie gemacht ist? wie sehen sie aus? wie heissen sie?"
Aber die Erzaehlungen meiner Tante waren auch nicht auf einen Stein
gefallen. Ich dachte mich in schoene Kleider und begegnete den
allerliebsten Prinzen, die nicht ruhen noch rasten konnten, bis sie
wussten, wer die unbekannte Schoene war. Ein aehnliches Abenteuer mit
einem reizenden kleinen Engel, der in weissem Gewand und goldnen
Fluegeln sich sehr um mich bemuehte, setzte ich so lange fort, dass
meine Einbildungskraft sein Bild fast bis zur Erscheinung erhoehte.

Nach Jahresfrist war ich ziemlich wiederhergestellt; aber es war mir
aus der Kindheit nichts Wildes uebriggeblieben. Ich konnte nicht
einmal mit Puppen spielen, ich verlangte nach Wesen, die meine Liebe
erwiderten. Hunde, Katzen und Voegel, dergleichen mein Vater von
allen Arten ernaehrte, vergnuegten mich sehr; aber was haette ich
nicht gegeben, ein Geschoepf zu besitzen, das in einem der Maerchen
meiner Tante eine sehr wichtige Rolle spielte. Es war ein Schaefchen,
das von einem Bauermaedchen in dem Walde aufgefangen und ernaehrt
worden war, aber in diesem artigen Tiere stak ein verwuenschter Prinz,
der sich endlich wieder als schoener Juengling zeigte und seine
Wohltaeterin durch seine Hand belohnte. So ein Schaefchen haette ich
gar zu gerne besessen!

Nun wollte sich aber keines finden, und da alles neben mir so ganz
natuerlich zuging, musste mir nach und nach die Hoffnung auf einen so
koestlichen Besitz fast vergehen. Unterdessen troestete ich mich,
indem ich solche Buecher las, in denen wunderbare Begebenheiten
beschrieben wurden. Unter allen war mir der "Christliche deutsche
Herkules" der liebste; die andaechtige Liebesgeschichte war ganz nach
meinem Sinne. Begegnete seiner Valiska irgend etwas, und es
begegneten ihr grausame Dinge, so betete er erst, eh er ihr zu Huelfe
eilte, und die Gebete standen ausfuehrlich im Buche. Wie wohl gefiel
mir das! Mein Hang zu dem Unsichtbaren, den ich immer auf eine dunkle
Weise fuehlte, ward dadurch nur vermehrt; denn ein fuer allemal sollte
Gott auch mein Vertrauter sein.

Als ich weiter heranwuchs, las ich, der Himmel weiss was, alles
durcheinander; aber die "Roemische Oktavia" behielt vor allen den
Preis. Die Verfolgungen der ersten Christen, in einen Roman gekleidet,
erregten bei mir das lebhafteste Interesse.

Nun fing die Mutter an, ueber das stete Lesen zu schmaelen; der Vater
nahm ihr zuliebe mir einen Tag die Buecher aus der Hand und gab sie
mir den andern wieder. Sie war klug genug zu bemerken, dass hier
nichts auszurichten war, und drang nur darauf, dass auch die Bibel
ebenso fleissig gelesen wurde. Auch dazu liess ich mich nicht treiben,
und ich las die heiligen Buecher mit vielem Anteil. Dabei war meine
Mutter immer sorgfaeltig, dass keine verfuehrerischen Buecher in meine
Haende kaemen, und ich selbst wuerde jede schaendliche Schrift aus der
Hand geworfen haben; denn meine Prinzen und Prinzessinnen waren alle
aeusserst tugendhaft, und ich wusste uebrigens von der natuerlichen
Geschichte des menschlichen Geschlechts mehr, als ich merken liess,
und hatte es meistens aus der Bibel gelernt. Bedenkliche Stellen
hielt ich mit Worten und Dingen, die mir vor Augen kamen, zusammen und
brachte bei meiner Wissbegierde und Kombinationsgabe die Wahrheit
gluecklich heraus. Haette ich von Hexen gehoert, so haette ich auch
mit der Hexerei bekannt werden muessen.

Meiner Mutter und dieser Wissbegierde hatte ich es zu danken, dass ich
bei dem heftigen Hang zu Buechern doch kochen lernte; aber dabei war
etwas zu sehen. Ein Huhn, ein Ferkel aufzuschneiden war fuer mich ein
Fest. Dem Vater brachte ich die Eingeweide, und er redete mit mir
darueber wie mit einem jungen Studenten und pflegte mich oft mit
inniger Freude seinen missratenen Sohn zu nennen.

Nun war das zwoelfte Jahr zurueckgelegt. Ich lernte Franzoesisch,
Tanzen und Zeichnen und erhielt den gewoehnlichen Religionsunterricht.
Bei dem letzten wurden manche Empfindungen und Gedanken rege, aber
nichts, was sich auf meinen Zustand bezogen haette. Ich hoerte gern
von Gott reden, ich war stolz darauf, besser als meinesgleichen von
ihm reden zu koennen; ich las nun mit Eifer manche Buecher, die mich
in den Stand setzten, von Religion zu schwatzen, aber nie fiel es mir
ein zu denken, wie es denn mit mir stehe, ob meine Seele auch so
gestaltet sei, ob sie einem Spiegel gleiche, von dem die ewige Sonne
widerglaenzen koennte; das hatte ich ein fuer allemal schon
vorausgesetzt.

Franzoesisch lernte ich mit vieler Begierde. Mein Sprachmeister war
ein wackerer Mann. Er war nicht ein leichtsinniger Empiriker, nicht
ein trocknet Grammatiker; er hatte Wissenschaften, er hatte die Welt
gesehen. Zugleich mit dem Sprachunterrichte saettigte er meine
Wissbegierde auf mancherlei Weise. Ich liebte ihn so sehr, dass ich
seine Ankunft immer mit Herzklopfen erwartete. Das Zeichnen fiel mir
nicht schwer, und ich wuerde es weiter gebracht haben, wenn mein
Meister Kopf und Kenntnisse gehabt haette; er hatte aber nur Haende
und uebung.

Tanzen war anfangs nur meine geringste Freude; mein Koerper war zu
empfindlich, und ich lernte nur in der Gesellschaft meiner Schwester.
Durch den Einfall unsers Tanzmeisters, allen seinen Schuelern und
Schuelerinnen einen Ball zu geben, ward aber die Lust zu dieser uebung
ganz anders belebt.

Unter vielen Knaben und Maedchen zeichneten sich zwei Soehne des
Hofmarschalls aus: der juengste so alt wie ich, der andere zwei Jahre
aelter, Kinder von einer solchen Schoenheit, dass sie nach dem
allgemeinen Gestaendnis alles uebertrafen, was man je von schoenen
Kindern gesehen hatte. Auch ich hatte sie kaum erblickt, so sah ich
niemand mehr vom ganzen Haufen. In dem Augenblicke tanzte ich mit
Aufmerksamkeit und wuenschte schoen zu tanzen. Wie es kam, dass auch
diese Knaben unter allen andern mich vorzueglich bemerkten?--Genug, in
der ersten Stunde waren wir die besten Freunde, und die kleine
Lustbarkeit ging noch nicht zu Ende, so hatten wir schon ausgemacht,
wo wir uns naechstens wiedersehen wollten. Eine grosse Freude fuer
mich! Aber ganz entzueckt war ich, als beide den andern Morgen, jeder
in einem galanten Billett, das mit einem Blumenstrauss begleitet war,
sich nach meinem Befinden erkundigten. So fuehlte ich nie mehr, wie
ich da fuehlte! Artigkeiten wurden mit Artigkeiten, Briefchen mit
Briefchen erwidert. Kirche und Promenaden wurden von nun an zu
Rendezvous; unsre jungen Bekannten luden uns schon jederzeit zusammen
ein, wir aber waren schlau genug, die Sache dergestalt zu verdecken,
dass die Eltern nicht mehr davon einsahen, als wir fuer gut hielten.

Nun hatte ich auf einmal zwei Liebhaber bekommen. Ich war fuer keinen
entschieden; sie gefielen mir beide, und wir standen aufs beste
zusammen. Auf einmal ward der aeltere sehr krank; ich war selbst
schon oft sehr krank gewesen und wusste den Leidenden durch
uebersendung mancher Artigkeiten und fuer einen Kranken schicklicher
Leckerbissen zu erfreuen, dass seine Eltern die Aufmerksamkeit dankbar
erkannten, der Bitte des lieben Sohns Gehoer gaben und mich samt
meinen Schwestern, sobald er nur das Bette verlassen hatte, zu ihm
einluden. Die Zaertlichkeit, womit er mich empfing, war nicht
kindisch, und von dem Tage an war ich fuer ihn entschieden. Er warnte
mich gleich, vor seinem Bruder geheim zu sein; allein das Feuer war
nicht mehr zu verbergen, und die Eifersucht des Juengern machte den
Roman vollkommen. Er spielte uns tausend Streiche; mit Lust
vernichtete er unsre Freunde und vermehrte dadurch die Leidenschaft,
die er zu zerstoeren suchte.

Nun hatte ich denn wirklich das gewuenschte Schaefchen gefunden, und
diese Leidenschaft hatte, wie sonst eine Krankheit, die Wirkung auf
mich, dass sie mich still machte und mich von der schwaermenden Freude
zurueckzog. Ich war einsam und geruehrt, und Gott fiel mir wieder ein.
Er blieb mein Vertrauter, und ich weiss wohl, mit welchen Traenen
ich fuer den Knaben, der fortkraenkelte, zu beten anhielt.

Soviel Kindisches in dem Vorgang war, soviel trug er zur Bildung
meines Herzens bei. Unserm franzoesischen Sprachmeister mussten wir
taeglich statt der sonst gewoehnlichen uebersetzung Briefe von unsrer
eignen Erfindung schreiben. Ich brachte meine Liebesgeschichte unter
dem Namen Phyllis und Damon zu Markte. Der Alte sah bald durch, und
um mich treuherzig zu machen, lobte er meine Arbeit gar sehr. Ich
wurde immer kuehner, ging offenherzig heraus und war bis ins Detail
der Wahrheit getreu. Ich weiss nicht mehr, bei welcher Stelle er
einst Gelegenheit nahm zu sagen: "Wie das artig, wie das natuerlich
ist! Aber die gute Phyllis mag sich in acht nehmen, es kann bald
ernsthaft werden."

Mich verdross, dass er die Sache nicht schon fuer ernsthaft hielt, und
fragte ihn pikiert, was er unter ernsthaft verstehe? Er liess sich
nicht zweimal fragen und erklaerte sich so deutlich, dass ich meinen
Schrecken kaum verbergen konnte. Doch da sich gleich darauf bei mir
der Verdruss einstellte und ich ihm uebelnahm, dass er solche Gedanken
hegen koenne, fasste ich mich, wollte meine Schoene rechtfertigen und
sagte mit feuerroten Wangen: "Aber, mein Herr, Phyllis ist ein
ehrbares Maedchen!"

Nun war er boshaft genug, mich mit meiner ehrbaren Heldin aufzuziehen
und, indem wir Franzoesisch sprachen, mit dem "honnete" zu spielen, um
die Ehrbarkeit der Phyllis durch alle Bedeutungen durchzufuehren. Ich
fuehlte das Laecherliche und war aeusserst verwirrt. Er, der mich
nicht furchtsam machen wollte, brach ab, brachte aber das Gespraech
bei andern Gelegenheiten wieder auf die Bahn. Schauspiele und kleine
Geschichten, die ich bei ihm las und uebersetzte, gaben ihm oft Anlass
zu zeigen, was fuer ein schwacher Schutz die sogenannte Tugend gegen
die Aufforderungen eines Affekts sei. Ich widersprach nicht mehr,
aergerte mich aber immer heimlich, und seine Anmerkungen wurden mir
zur Last.

Mit meinem guten Damon kam ich auch nach und nach aus aller Verbindung.
Die Schikanen des Juengern hatten unsern Umgang zerrissen. Nicht
lange Zeit darauf starben beide bluehende Juenglinge. Es tat mir weh,
aber bald waren sie vergessen.

Phyllis wuchs nun schnell heran, war ganz gesund und fing an, die Welt
zu sehen. Der Erbprinz vermaehlte sich und trat bald darauf nach dem
Tode seines Vaters die Regierung an. Hof und Stadt waren in lebhafter
Bewegung. Nun hatte meine Neugierde mancherlei Nahrung. Nun gab es
Komoedien, Baelle und was sich daran anschliesst, und ob uns gleich
die Eltern soviel als moeglich zurueckhielten, so musste man doch bei
Hof, wo ich eingefuehrt war, erscheinen. Die Fremden stroemten herbei,
in allen Haeusern war grosse Welt, an uns selbst waren einige
Kavaliere empfohlen und andre introduziert, und bei meinem Oheim waren
alle Nationen anzutreffen.

Mein ehrlicher Mentor fuhr fort, mich auf eine bescheidene und doch
treffende Weise zu warnen, und ich nahm es ihm immer heimlich uebel.
Ich war keinesweges von der Wahrheit seiner Behauptung ueberzeugt, und
vielleicht hatte ich auch damals recht, vielleicht hatte er unrecht,
die Frauen unter allen Umstaenden fuer so schwach zu halten; aber er
redete zugleich so zudringlich, dass mir einst bange wurde, er moechte
recht haben, da ich denn sehr lebhaft zu ihm sagte: "Weil die Gefahr
so gross und das menschliche Herz so schwach ist, so will ich Gott
bitten, dass er mich bewahre."

Die naive Antwort schien ihn zu freuen, er lobte meinen Vorsatz; aber
es war bei mir nichts weniger als ernstlich gemeint; diesmal war es
nur ein leeres Wort: denn die Empfindungen fuer den Unsichtbaren waren
bei mir fast ganz verloschen. Der grosse Schwarm, mit dem ich umgeben
war, zerstreute mich und riss mich wie ein starker Strom mit fort. Es
waren die leersten Jahre meines Lebens. Tagelang von nichts zu reden,
keinen gesunden Gedanken zu haben und nur zu schwaermen, das war meine
Sache. Nicht einmal der geliebten Buecher wurde gedacht. Die Leute,
mit denen ich umgeben war, hatten keine Ahnung von Wissenschaften; es
waren deutsche Hofleute, und diese Klasse hatte damals nicht die
mindeste Kultur.

Ein solcher Umgang, sollte man denken, haette mich an den Rand des
Verderbens fuehren muessen. Ich lebte in sinnlicher Munterkeit nur so
hin, ich sammelte mich nicht, ich betete nicht, ich dachte nicht an
mich noch an Gott; aber ich sah es als eine Fuehrung an, dass mir
keiner von den vielen schoenen, reichen und wohlgekleideten Maennern
gefiel. Sie waren liederlich und versteckten es nicht, das schreckte
mich zurueck; ihr Gespraech zierten sie mit Zweideutigkeiten, das
beleidigte mich, und ich hielt mich kalt gegen sie; ihre Unart
ueberstieg manchmal allen Glauben, und ich erlaubte mir, grob zu sein.

ueberdies hatte mir mein Alter einmal vertraulich eroeffnet, dass mit
den meisten dieser leidigen Bursche nicht allein die Tugend, sondern
auch die Gesundheit eines Maedchens in Gefahr sei. Nun graute mir
erst vor ihnen, und ich war schon besorgt, wenn mir einer auf
irgendeine Weise zu nahe kam. Ich huetete mich vor Glaesern und
Tassen wie vor dem Stuhle, von dem einer aufgestanden war. Auf diese
Weise war ich moralisch und physisch sehr isoliert, und alle die
Artigkeiten, die sie mir sagten, nahm ich stolz fuer schuldigen
Weihrauch auf.

Unter den Fremden, die sich damals bei uns aufhielten, zeichnete sich
ein junger Mann besonders aus, den wir im Scherz Narziss nannten. Er
hatte sich in der diplomatischen Laufbahn guten Ruf erworben und
hoffte bei verschiedenen Veraenderungen, die an unserm neuen Hofe
vorgingen, vorteilhaft plaziert zu werden. Er ward mit meinem Vater
bald bekannt, und seine Kenntnisse und sein Betragen oeffneten ihm den
Weg in eine geschlossene Gesellschaft der wuerdigsten Maenner. Mein
Vater sprach viel zu seinem Lobe, und seine schoene Gestalt haette
noch mehr Eindruck gemacht, wenn sein ganzes Wesen nicht eine Art von
Selbstgefaelligkeit gezeigt haette. Ich hatte ihn gesehen, dachte gut
von ihm, aber wir hatten uns nie gesprochen.

Auf einem grossen Balle, auf dem er sich auch befand, tanzten wir eine
Menuett zusammen; auch das ging ohne naehere Bekanntschaft ab. Als
die heftigen Taenze angingen, die ich meinem Vater zuliebe, der fuer
meine Gesundheit besorgt war, zu vermeiden pflegte, begab ich mich in
ein Nebenzimmer und unterhielt mich mit aeltern Freundinnen, die sich
zum Spiele gesetzt hatten.




VI. Buch--2




Narziss, der eine Weile mit herumgesprungen war, kam auch einmal in
das Zimmer, in dem ich mich befand, und fing, nachdem er sich von
einem Nasenbluten, das ihn beim Tanzen ueberfiel, erholt hatte, mit
mir ueber mancherlei zu sprechen an. Binnen einer halben Stunde war
der Diskurs so interessant, ob sich gleich keine Spur von
Zaertlichkeit dreinmischte, dass wir nun beide das Tanzen nicht mehr
vertragen konnten. Wir wurden bald von den andern darueber geneckt,
ohne dass wir uns dadurch irremachen liessen. Den andern Abend
konnten wir unser Gespraech wieder anknuepfen und schonten unsre
Gesundheit sehr.

Nun war die Bekanntschaft gemacht. Narziss wartete mir und meinen
Schwestern auf, und nun fing ich erst wieder an gewahr zu werden, was
ich alles wusste, worueber ich gedacht, was ich empfunden hatte und
worueber ich mich im Gespraeche auszudruecken verstand. Mein neuer
Freund, der von jeher in der besten Gesellschaft gewesen war, hatte
ausser dem historischen und politischen Fache, das er ganz uebersah,
sehr ausgebreitete literarische Kenntnisse, und ihm blieb nichts Neues,
besonders was in Frankreich herauskam, unbekannt. Er brachte und
sendete mir manch angenehmes Buch, doch das musste geheimer als ein
verbotenes Liebesverstaendnis gehalten werden. Man hatte die
gelehrten Weiber laecherlich gemacht, und man wollte auch die
unterrichteten nicht leiden, wahrscheinlich weil man fuer unhoeflich
hielt, so viel unwissende Maenner beschaemen zu lassen. Selbst mein
Vater, dem diese neue Gelegenheit, meinen Geist auszubilden, sehr
erwuenscht war, verlangte ausdruecklich, dass dieses literarische
Kommerz ein Geheimnis bleiben sollte.

So waehrte unser Umgang beinahe Jahr und Tag, und ich konnte nicht
sagen, dass Narziss auf irgendeine Weise Liebe oder Zaertlichkeit
gegen mich geaeussert haette. Er blieb artig und verbindlich, aber
zeigte keinen Affekt; vielmehr schien der Reiz meiner juengsten
Schwester, die damals ausserordentlich schoen war, ihn nicht
gleichgueltig zu lassen. Er gab ihr im Scherze allerlei freundliche
Namen aus fremden Sprachen, deren mehrere er sehr gut sprach und deren
eigentuemliche Redensarten er gern ins deutsche Gespraech mischte.
Sie erwiderte seine Artigkeiten nicht sonderlich; sie war von einem
andern Faedchen gebunden, und da sie ueberhaupt sehr rasch und er
empfindlich war, so wurden sie nicht selten ueber Kleinigkeiten uneins.
Mit der Mutter und den Tanten wusste er sich gut zu halten, und so
war er nach und nach ein Glied der Familie geworden.

Wer weiss, wie lange wir noch auf diese Weise fortgelebt haetten,
waeren durch einen sonderbaren Zufall unsere Verhaeltnisse nicht auf
einmal veraendert worden. Ich ward mit meinen Schwestern in ein
gewisses Haus gebeten, wohin ich nicht gerne ging. Die Gesellschaft
war zu gemischt, und es fanden sich dort oft Menschen, wo nicht vom
rohsten, doch vom plattsten Schlage mit ein. Diesmal war Narziss auch
mit geladen, und um seinetwillen war ich geneigt hinzugehen: denn ich
war doch gewiss, jemanden zu finden, mit dem ich mich auf meine Weise
unterhalten konnte. Schon bei Tafel hatten wir manches auszustehen,
denn einige Maenner hatten stark getrunken; nach Tische sollten und
mussten Pfaender gespielt werden. Es ging dabei sehr rauschend und
lebhaft zu. Narziss hatte ein Pfand zu loesen; man gab ihm auf, der
ganzen Gesellschaft etwas ins Ohr zu sagen, das jedermann angenehm
waere. Er mochte sich bei meiner Nachbarin, der Frau eines Hauptmanns,
zu lange verweilen. Auf einmal gab ihm dieser eine Ohrfeige, dass
mir, die ich gleich daran sass, der Puder in die Augen flog. Als ich
die Augen ausgewischt und mich vom Schrecken einigermassen erholt
hatte, sah ich beide Maenner mit blossen Degen. Narziss blutete, und
der andere, ausser sich von Wein, Zorn und Eifersucht, konnte kaum von
der ganzen uebrigen Gesellschaft zurueckgehalten werden. Ich nahm
Narzissen beim Arm und fuehrte ihn zur Tuere hinaus, eine Treppe
hinauf in ein ander Zimmer, und weil ich meinen Freund vor seinem
tollen Gegner nicht sicher glaubte, riegelte ich die Tuere sogleich zu.


Wir hielten beide die Wunde nicht fuer ernsthaft, denn wir sahen nur
einen leichten Hieb ueber die Hand; bald aber wurden wir einen Strom
von Blut, der den Ruecken hinunterfloss, gewahr, und es zeigte sich
eine grosse Wunde auf dem Kopfe. Nun ward mir bange. Ich eilte auf
den Vorplatz, um nach Huelfe zu schicken, konnte aber niemand
ansichtig werden, denn alles war unten geblieben, den rasenden
Menschen zu baendigen. Endlich kam eine Tochter des Hauses
heraufgesprungen, und ihre Munterkeit aengstigte mich nicht wenig, da
sie sich ueber den tollen Spektakel und ueber die verfluchte Komoedie
fast zu Tode lachen wollte. Ich bat sie dringend, mir einen Wundarzt
zu schaffen, und sie, nach ihrer wilden Art, sprang gleich die Treppe
hinunter, selbst einen zu holen.

Ich ging wieder zu meinem Verwundeten, band ihm mein Schnupftuch um
die Hand und ein Handtuch, das an der Tuere hing, um den Kopf. Er
blutete noch immer heftig: der Verwundete erblasste und schien in
Ohnmacht zu sinken. Niemand war in der Naehe, der mir haette
beistehen koennen; ich nahm ihn sehr ungezwungen in den Arm und suchte
ihn durch Streicheln und Schmeicheln aufzumuntern. Es schien die
Wirkung eines geistigen Heilmittels zu tun; er blieb bei sich, aber
sass totenbleich da.

Nun kam endlich die taetige Hausfrau, und wie erschrak sie, als sie
den Freund in dieser Gestalt in meinen Armen liegen und uns alle beide
mit Blut ueberstroemt sah: denn niemand hatte sich vorgestellt, dass
Narziss verwundet sei; alle meinten, ich habe ihn gluecklich
hinausgebracht.

Nun war Wein, wohlriechendes Wasser, und was nur erquicken und
erfrischen konnte, im ueberfluss da, nun kam auch der Wundarzt, und
ich haette wohl abtreten koennen; allein Narziss hielt mich fest bei
der Hand, und ich waere, ohne gehalten zu werden, stehengeblieben.
Ich fuhr waehrend des Verbandes fort, ihn mit Wein anzustreichen, und
achtete es wenig, dass die ganze Gesellschaft nunmehr umherstand. Der
Wundarzt hatte geendigt, der Verwundete nahm einen stummen,
verbindlichen Abschied von mir und wurde nach Hause getragen.

Nun fuehrte mich die Hausfrau in ihr Schlafzimmer; sie musste mich
ganz auskleiden, und ich darf nicht verschweigen, dass ich, da man
sein Blut von meinem Koerper abwusch, zum erstenmal zufaellig im
Spiegel gewahr wurde, dass ich mich auch ohne Huelle fuer schoen
halten durfte. Ich konnte keines meiner Kleidungsstuecke wieder
anziehn, und da die Personen im Hause alle kleiner oder staerker waren
als ich, so kam ich in einer seltsamen Verkleidung zum groessten
Erstaunen meiner Eltern nach Hause. Sie waren ueber mein Schrecken,
ueber die Wunden des Freundes, ueber den Unsinn des Hauptmanns, ueber
den ganzen Vorfall aeusserst verdriesslich. Wenig fehlte, so haette
mein Vater selbst, seinen Freund auf der Stelle zu raechen, den
Hauptmann herausgefordert. Er schalt die anwesenden Herren, dass sie
ein solches meuchlerisches Beginnen nicht auf der Stelle geahndet;
denn es war nur zu offenbar, dass der Hauptmann sogleich, nachdem er
geschlagen, den Degen gezogen und Narzissen von hinten verwundet habe;
der Hieb ueber die Hand war erst gefuehrt worden, als Narziss selbst
zum Degen griff. Ich war unbeschreiblich alteriert und affiziert,
oder wie soll ich es ausdruecken; der Affekt, der im tiefsten Grunde
des Herzens ruhte, war auf einmal losgebrochen wie eine Flamme, welche
Luft bekoemmt. Und wenn Lust und Freude sehr geschickt sind, die
Liebe zuerst zu erzeugen und im stillen zu naehren, so wird sie, die
von Natur herzhaft ist, durch den Schrecken am leichtesten angetrieben,
sich zu entscheiden und zu erklaeren. Man gab dem Toechterchen
Arznei ein und legte es zu Bette. Mit dem fruehesten Morgen eilte
mein Vater zu dem verwundeten Freund, der an einem starken Wundfieber
recht krank darniederlag.

Mein Vater sagte mir wenig von dem, was er mit ihm geredet hatte, und
suchte mich wegen der Folgen, die dieser Vorfall haben koennte, zu
beruhigen. Es war die Rede, ob man sich mit einer Abbitte begnuegen
koenne, ob die Sache gerichtlich werden muesse, und was dergleichen
mehr war. Ich kannte meinen Vater zu wohl, als dass ich ihm geglaubt
haette, dass er diese Sache ohne Zweikampf geendigt zu sehen wuenschte;
allein ich blieb still, denn ich hatte von meinem Vater frueh gelernt,
dass Weiber in solche Haendel sich nicht zu mischen haetten.
uebrigens schien es nicht, als wenn zwischen den beiden Freunden etwas
vorgefallen waere, das mich betroffen haette; doch bald vertraute mein
Vater den Inhalt seiner weitern Unterredung meiner Mutter. Narziss,
sagte er, sei aeusserst geruehrt von meinem geleisteten Beistand, habe
ihn umarmt, sich fuer meinen ewigen Schuldner erklaert, bezeigt, er
verlange kein Glueck, wenn er es nicht mit mir teilen sollte; er habe
sich die Erlaubnis ausgebeten, ihn als Vater ansehn zu duerfen. Mama
sagte mir das alles treulich wieder, haengte aber die wohlmeinende
Erinnerung daran, auf so etwas, das in der ersten Bewegung gesagt
worden, duerfe man so sehr nicht achten. "Ja freilich", antwortete
ich mit angenommener Kaelte und fuehlte der Himmel weiss was und
wieviel dabei.

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