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Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 6

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 6

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Seitdem mein guter Arzt mich aufmerksam gemacht hatte, betrachtete ich
gern die Familienaehnlichkeit in Kindern und Verwandten. Mein Vater
hatte sorgfaeltig die Bilder seiner Vorfahren aufbewahrt, sich selbst
und seine Kinder von leidlichen Meistern malen lassen, auch war meine
Mutter und ihre Verwandten nicht vergessen worden. Wir kannten die
Charaktere der ganzen Familie genau, und da wir sie oft untereinander
verglichen hatten, so suchten wir nun bei den Kindern die
aehnlichkeiten des aeussern und Innern wieder auf. Der aelteste Sohn
meiner Schwester schien seinem Grossvater vaeterlicher Seite zu
gleichen, von dem ein jugendliches Bild, sehr gut gemalt, in der
Sammlung unseres Oheims aufgestellt war; auch liebte er wie jener, der
sich immer als ein braver Offizier gezeigt hatte, nichts so sehr als
das Gewehr, womit er sich immer, sooft er mich besuchte, beschaeftigte.
Denn mein Vater hatte einen sehr schoenen Gewehrschrank hinterlassen,
und der Kleine hatte nicht eher Ruhe, bis ich ihm ein paar Pistolen
und eine Jagdflinte schenkte und bis er herausgebracht hatte, wie ein
deutsches Schloss aufzuziehen sei. uebrigens war er in seinen
Handlungen und seinem ganzen Wesen nichts weniger als rauh, sondern
vielmehr sanft und verstaendig.

Die aelteste Tochter hatte meine ganze Neigung gefesselt, und es
mochte wohl daher kommen, weil sie mir aehnlich sah und weil sie sich
von allen vieren am meisten zu mir hielt. Aber ich kann wohl sagen,
je genauer ich sie beobachtete, da sie heranwuchs, desto mehr
beschaemte sie mich, und ich konnte das Kind nicht ohne Bewunderung,
ja ich darf beinahe sagen, nicht ohne Verehrung ansehn. Man sah nicht
leicht eine edlere Gestalt, ein ruhiger Gemuet und eine immer gleiche,
auf keinen Gegenstand eingeschraenkte Taetigkeit. Sie war keinen
Augenblick ihres Lebens unbeschaeftigt, und jedes Geschaeft ward unter
ihren Haenden zur wuerdigen Handlung. Alles schien ihr gleich, wenn
sie nur das verrichten konnte, was in der Zeit und am Platz war, und
ebenso konnte sie ruhig, ohne Ungeduld bleiben, wenn sich nichts zu
tun fand. Diese Taetigkeit ohne Beduerfnis einer Beschaeftigung habe
ich in meinem Leben nicht wieder gesehen. Unnachahmlich war von
Jugend auf ihr Betragen gegen Notleidende und Huelfsbeduerftige. Ich
gestehe gern, dass ich niemals das Talent hatte, mir aus der
Wohltaetigkeit ein Geschaeft zu machen; ich war nicht karg gegen Arme,
ja ich gab oft in meinem Verhaeltnisse zuviel dahin, aber
gewissermassen kaufte ich mich nur los, und es musste mir jemand
angeboren sein, wenn er mir meine Sorgfalt abgewinnen wollte. Gerade
das Gegenteil lobe ich an meiner Nichte. Ich habe sie niemals einem
Armen Geld geben sehen, und was sie von mir zu diesem Endzweck erhielt,
verwandelte sie immer erst in das naechste Beduerfnis. Niemals
erschien sie mir liebenswuerdiger, als wenn sie meine Kleider- und
Waeschschraenke pluenderte; immer fand sie etwas, das ich nicht trug
und nicht brauchte, und diese alten Sachen zusammenzuschneiden und sie
irgendeinem zerlumpten Kinde anzupassen war ihre groesste
Glueckseligkeit.

Die Gesinnungen ihrer Schwester zeigten sich schon anders; sie hatte
vieles von der Mutter, versprach schon fruehe sehr zierlich und
reizend zu werden und scheint ihr Versprechen halten zu wollen; sie
ist sehr mit ihrem aeussern beschaeftigt und wusste sich von frueher
Zeit an auf eine in die Augen fallende Weise zu putzen und zu tragen.
Ich erinnere mich noch immer, mit welchem Entzuecken sie sich als ein
kleines Kind im Spiegel besah, als ich ihr die schoenen Perlen, die
mir meine Mutter hinterlassen hatte und die sie von ungefaehr bei mir
fand, umbinden musste.

Wenn ich diese verschiedenen Neigungen betrachtete, war es mir
angenehm zu denken, wie meine Besitzungen nach meinem Tode unter sie
zerfallen und durch sie wieder lebendig werden wuerden. Ich sah die
Jagdflinten meines Vaters schon wieder auf dem Ruecken des Neffen im
Felde herumwandeln und aus seiner Jagdtasche schon wieder Huehner
herausfallen; ich sah meine saemtliche Garderobe bei der
Osterkonfirmation, lauter kleinen Maedchen angepasst, aus der Kirche
herauskommen und mit meinen besten Stoffen ein sittsames
Buergermaedchen an ihrem Brauttage geschmueckt: denn zu Ausstattung
solcher Kinder und ehrbarer armer Maedchen hatte Natalie eine
besondere Neigung, ob sie gleich, wie ich hier bemerken muss, selbst
keine Art von Liebe und, wenn ich so sagen darf, kein Beduerfnis einer
Anhaenglichkeit an ein sichtbares oder unsichtbares Wesen, wie es sich
bei mir in meiner Jugend so lebhaft gezeigt hatte, auf irgendeine
Weise merken liess.

Wenn ich nun dachte, dass die Juengste an ebendemselben Tage meine
Perlen und Juwelen nach Hofe tragen werde, so sah ich mit Ruhe meine
Besitzungen wie meinen Koerper den Elementen wiedergegeben.

Die Kinder wuchsen heran und sind zu meiner Zufriedenheit gesunde,
schoene und wackre Geschoepfe. Ich ertrage es mit Geduld, dass der
Oheim sie von mir entfernt haelt, und sehe sie, wenn sie in der Naehe
oder auch wohl gar in der Stadt sind, selten.

Ein wunderbarer Mann, den man fuer einen franzoesischen Geistlichen
haelt, ohne dass man recht von seiner Herkunft unterrichtet ist, hat
die Aufsicht ueber die saemtlichen Kinder, welche an verschiedenen
Orten erzogen werden und bald hier, bald da in der Kost sind.

Ich konnte anfangs keinen Plan in dieser Erziehung sehn, bis mir mein
Arzt zuletzt eroeffnete: der Oheim habe sich durch den Abbe
ueberzeugen lassen, dass, wenn man an der Erziehung des Menschen etwas
tun wolle, muesse man sehen, wohin seine Neigungen und Wuensche gehen.
Sodann muesse man ihn in die Lage versetzen, jene so bald als
moeglich zu befriedigen, diese so bald als moeglich zu erreichen,
damit der Mensch, wenn er sich geirret habe, frueh genug seinen Irrtum
gewahr werde, und wenn er das getroffen hat, was fuer ihn passt, desto
eifriger daran halte und sich desto emsiger fortbilde. Ich wuensche,
dass dieser sonderbare Versuch gelingen moege; bei so guten Naturen
ist es vielleicht moeglich.

Aber das, was ich nicht an diesen Erziehern billigen kann, ist, dass
sie alles von den Kindern zu entfernen suchen, was sie zu dem Umgange
mit sich selbst und mit dem unsichtbaren, einzigen treuen Freunde
fuehren koenne. Ja, es verdriesst mich oft von dem Oheim, dass er
mich deshalb fuer die Kinder fuer gefaehrlich haelt. Im Praktischen
ist doch kein Mensch tolerant! Denn wer auch versichert, dass er
jedem seine Art und Wesen gerne lassen wolle, sucht doch immer
diejenigen von der Taetigkeit auszuschliessen, die nicht so denken wie
er.

Diese Art, die Kinder von mir zu entfernen, betruebt mich desto mehr,
je mehr ich von der Realitaet meines Glaubens ueberzeugt sein kann.
Warum sollte er nicht einen goettlichen Ursprung, nicht einen
wirklichen Gegenstand haben, da er sich im Praktischen so wirksam
erweiset? Werden wir durchs Praktische doch unseres eigenen Daseins
selbst erst recht gewiss, warum sollten wir uns nicht auch auf ebendem
Wege von jenem Wesen ueberzeugen koennen, das uns zu allem Guten die
Hand reicht?

Dass ich immer vorwaerts, nie rueckwaerts gehe, dass meine Handlungen
immer mehr der Idee aehnlich werden, die ich mir von der
Vollkommenheit gemacht habe, dass ich taeglich mehr Leichtigkeit
fuehle, das zu tun, was ich fuer recht halte, selbst bei der Schwaeche
meines Koerpers, der mir so manchen Dienst versagt; laesst sich das
alles aus der menschlichen Natur, deren Verderben ich so tief
eingesehen habe, erklaeren? Fuer mich nun einmal nicht.

Ich erinnere mich kaum eines Gebotes; nichts erscheint mir in Gestalt
eines Gesetzes; es ist ein Trieb, der mich leitet und mich immer recht
fuehret; ich folge mit Freiheit meinen Gesinnungen und weiss sowenig
von Einschraenkung als von Reue. Gott sei Dank, dass ich erkenne, wem
ich dieses Glueck schuldig bin und dass ich an diese Vorzuege nur mit
Demut denken darf. Denn niemals werde ich in Gefahr kommen, auf mein
eignes Koennen und Vermoegen stolz zu werden, da ich so deutlich
erkannt habe, welch Ungeheuer in jedem menschlichen Busen, wenn eine
hoehere Kraft uns nicht bewahrt, sich erzeugen und naehren koenne.






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