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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 7

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 7

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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 7

Johann Wolfgang von Goethe




Siebentes Buch

Erstes Kapitel

Der Fruehling war in seiner voelligen Herrlichkeit erschienen; ein
fruehzeitiges Gewitter, das den ganzen Tag gedrohet hatte, ging
stuermisch an den Bergen nieder, der Regen zog nach dem Lande, die
Sonne trat wieder in ihrem Glanze hervor, und auf dem grauen Grunde
erschien der herrliche Bogen. Wilhelm ritt ihm entgegen und sah ihn
mit Wehmut an. "Ach!" sagte er zu sich selbst, "erscheinen uns denn
eben die schoensten Farben des Lebens nur auf dunklem Grunde? Und
muessen Tropfen fallen, wenn wir entzueckt werden sollen? Ein
heiterer Tag ist wie ein grauer, wenn wir ihn ungeruehrt ansehen, und
was kann uns ruehren als die stille Hoffnung, dass die angeborne
Neigung unsers Herzens nicht ohne Gegenstand bleiben werde? Uns
ruehrt die Erzaehlung jeder guten Tat, uns ruehrt das Anschauen jedes
harmonischen Gegenstandes; wir fuehlen dabei, dass wir nicht ganz in
der Fremde sind, wir waehnen einer Heimat naeher zu sein, nach der
unser Bestes, Innerstes ungeduldig hinstrebt."

Inzwischen hatte ihn ein Fussgaenger eingeholt, der sich zu ihm
gesellte, mit starkem Schritte neben dem Pferde blieb und nach einigen
gleichgueltigen Reden zu dem Reiter sagte: "Wenn ich mich nicht irre,
so muss ich Sie irgendwo schon gesehen haben."

"Ich erinnere mich Ihrer auch", versetzte Wilhelm; "haben wir nicht
zusammen eine lustige Wasserfahrt gemacht?"--"Ganz recht!" erwiderte
der andere.

Wilhelm betrachtete ihn genauer und sagte nach einigem Stillschweigen:
"Ich weiss nicht, was fuer eine Veraenderung mit Ihnen vorgegangen
sein mag; damals hielt ich Sie fuer einen lutherischen Landgeistlichen,
und jetzt sehen Sie mir eher einem katholischen aehnlich."

"Heute betriegen Sie sich wenigstens nicht", sagte der andere, indem
er den Hut abnahm und die Tonsur sehen liess. "Wo ist denn Ihre
Gesellschaft hingekommen? Sind Sie noch lange bei ihr geblieben?"

"Laenger als billig: denn leider wenn ich an jene Zeit zurueckdenke,
die ich mit ihr zugebracht habe, so glaube ich in ein unendliches
Leere zu sehen; es ist mir nichts davon uebriggeblieben."

"Darin irren Sie sich; alles, was uns begegnet, laesst Spuren zurueck,
alles traegt unmerklich zu unserer Bildung bei; doch es ist
gefaehrlich, sich davon Rechenschaft geben zu wollen. Wir werden
dabei entweder stolz und laessig oder niedergeschlagen und kleinmuetig,
und eins ist fuer die Folge so hinderlich als das andere. Das
Sicherste bleibt immer, nur das Naechste zu tun, was vor uns liegt,
und das ist jetzt", fuhr er mit einem Laecheln fort, "dass wir eilen,
ins Quartier zu kommen."

Wilhelm fragte, wie weit noch der Weg nach Lotharios Gut sei, der
andere versetzte, dass es hinter dem Berge liege. "Vielleicht treffe
ich Sie dort an", fuhr er fort, "ich habe nur in der Nachbarschaft
noch etwas zu besorgen. Leben Sie solange wohl!" Und mit diesen
Worten ging er einen steilen Pfad, der schneller ueber den Berg
hinueberzufuehren schien.

"Ja wohl hat er recht!" sagte Wilhelm vor sich, indem er weiterritt.
"An das Naechste soll man denken, und fuer mich ist wohl jetzt nichts
Naeheres als der traurige Auftrag, den ich ausrichten soll. Lass
sehen, ob ich die Rede noch ganz im Gedaechtnis habe, die den
grausamen Freund beschaemen soll."

Er fing darauf an, sich dieses Kunstwerk vorzusagen; es fehlte ihm
auch nicht eine Silbe, und je mehr ihm sein Gedaechtnis zustatten kam,
desto mehr wuchs seine Leidenschaft und sein Mut. Aureliens Leiden
und Tod waren lebhaft vor seiner Seele gegenwaertig.

"Geist meiner Freundin!" rief er aus, "umschwebe mich! und wenn es dir
moeglich ist, so gib mir ein Zeichen, dass du besaenftigt, dass du
versoehnt seist!"

Unter diesen Worten und Gedanken war er auf die Hoehe des Berges
gekommen und sah an dessen Abhang an der andern Seite ein wunderliches
Gebaeude liegen, das er sogleich fuer Lotharios Wohnung hielt. Ein
altes, unregelmaessiges Schloss mit einigen Tuermen und Giebeln schien
die erste Anlage dazu gewesen zu sein; allein noch unregelmaessiger
waren die neuen Angebaeude, die, teils nah, teils in einiger
Entfernung davon errichtet, mit dem Hauptgebaeude durch Galerien und
bedeckte Gaenge zusammenhingen. Alle aeussere Symmetrie, jedes
architektonische Ansehn schien dem Beduerfnis der innern
Bequemlichkeit aufgeopfert zu sein. Keine Spur von Wall und Graben
war zu sehen, ebensowenig als von kuenstlichen Gaerten und grossen
Alleen. Ein Gemuese- und Baumgarten drang bis an die Haeuser hinan,
und kleine nutzbare Gaerten waren selbst in den Zwischenraeumen
angelegt. Ein heiteres Doerfchen lag in einiger Entfernung; Gaerten
und Felder schienen durchaus in dem besten Zustande.

In seine eignen leidenschaftlichen Betrachtungen vertieft, ritt
Wilhelm weiter, ohne viel ueber das, was er sah, nachzudenken, stellte
sein Pferd in einem Gasthofe ein und eilte nicht ohne Bewegung nach
dem Schlosse zu.

Ein alter Bedienter empfing ihn an der Tuere und berichtete ihm mit
vieler Gutmuetigkeit, dass er heute wohl schwerlich vor den Herren
kommen werde; der Herr habe viel Briefe zu schreiben und schon einige
seiner Geschaeftsleute abweisen lassen. Wilhelm ward dringender, und
endlich musste der Alte nachgeben und ihn melden. Er kam zurueck und
fuehrte Wilhelmen in einen grossen, alten Saal. Dort ersuchte er ihn,
sich zu gedulden, weil der Herr vielleicht noch eine Zeitlang
ausbleiben werde. Wilhelm ging unruhig auf und ab und warf einige
Blicke auf die Ritter und Frauen, deren alte Abbildungen an der Wand
umher hingen, er wiederholte den Anfang seiner Rede, und sie schien
ihm in Gegenwart dieser Harnische und Kragen erst recht am Platz.
Sooft er etwas rauschen hoerte, setzte er sich in Positur, um seinen
Gegner mit Wuerde zu empfangen, ihm erst den Brief zu ueberreichen und
ihn dann mit den Waffen des Vorwurfs anzufallen.

Mehrmals war er schon getaeuscht worden und fing wirklich an,
verdriesslich und verstimmt zu werden, als endlich aus einer
Seitentuer ein wohlgebildeter Mann in Stiefeln und einem schlichten
ueberrocke heraustrat. "Was bringen Sie mir Gutes?" sagte er mit
freundlicher Stimme zu Wilhelmen, "verzeihen Sie, dass ich Sie habe
warten lassen."

Er faltete, indem er dieses sprach, einen Brief, den er in der Hand
hielt. Wilhelm, nicht ohne Verlegenheit, ueberreichte ihm das Blatt
Aureliens und sagte: "Ich bringe die letzten Worte einer Freundin, die
Sie nicht ohne Ruehrung lesen werden."

Lothario nahm den Brief und ging sogleich in das Zimmer zurueck, wo er,
wie Wilhelm recht gut durch die offne Tuere sehen konnte, erst noch
einige Briefe siegelte und ueberschrieb, dann Aureliens Brief
eroeffnete und las. Er schien das Blatt einigemal durchgelesen zu
haben, und Wilhelm, obgleich seinem Gefuehl nach die pathetische Rede
zu dem natuerlichen Empfang nicht recht passen wollte, nahm sich doch
zusammen, ging auf die Schwelle los und wollte seinen Spruch beginnen,
als eine Tapetentuere des Kabinetts sich oeffnete und der Geistliche
hereintrat.

"Ich erhalte die wunderlichste Depesche von der Welt", rief Lothario
ihm entgegen; "verzeihn Sie mir", fuhr er fort, indem er sich gegen
Wilhelmen wandte, "wenn ich in diesem Augenblicke nicht gestimmt bin,
mich mit Ihnen weiter zu unterhalten. Sie bleiben heute nacht bei uns!
Und Sie sorgen fuer unsern Gast, Abbe, dass ihm nichts abgeht."

Mit diesen Worten machte er eine Verbeugung gegen Wilhelmen, der
Geistliche nahm unsern Freund bei der Hand, der nicht ohne
Widerstreben folgte.

Stillschweigend gingen sie durch wunderliche Gaenge und kamen in ein
gar artiges Zimmer. Der Geistliche fuehrte ihn ein und verliess ihn
ohne weitere Entschuldigung. Bald darauf erschien ein munterer Knabe,
der sich bei Wilhelmen als seine Bedienung ankuendigte und das
Abendessen brachte, bei der Aufwartung von der Ordnung des Hauses, wie
man zu fruehstuecken, zu speisen, zu arbeiten und sich zu vergnuegen
pflegte, manches erzaehlte und besonders zu Lotharios Ruhm gar vieles
vorbrachte.

So angenehm auch der Knabe war, so suchte ihn Wilhelm doch bald
loszuwerden. Er wuenschte allein zu sein, denn er fuehlte sich in
seiner Lage aeusserst gedrueckt und beklommen. Er machte sich
Vorwuerfe, seinen Vorsatz so schlecht vollfuehrt, seinen Auftrag nur
halb ausgerichtet zu haben. Bald nahm er sich vor, den andern Morgen
das Versaeumte nachzuholen, bald ward er gewahr, dass Lotharios
Gegenwart ihn zu ganz andern Gefuehlen stimmte. Das Haus, worin er
sich befand, kam ihm auch so wunderbar vor, er wusste sich in seine
Lage nicht zu finden. Er wollte sich ausziehen und oeffnete seinen
Mantelsack; mit seinen Nachtsachen brachte er zugleich den Schleier
des Geistes hervor, den Mignon eingepackt hatte. Der Anblick
vermehrte seine traurige Stimmung. ""Flieh! Juengling, flieh!"" rief
er aus, "was soll das mystische Wort heissen? was fliehen? wohin
fliehen? Weit besser haette der Geist mir zugerufen: "Kehre in dich
selbst zurueck!"" Er betrachtete die englischen Kupfer, die an der
Wand in Rahmen hingen; gleichgueltig sah er ueber die meisten hinweg,
endlich fand er auf dem einen ein ungluecklich strandendes Schiff
vorgestellt: ein Vater mit seinen schoenen Toechtern erwartete den Tod
von den hereindringenden Wellen. Das eine Frauenzimmer schien
aehnlichkeit mit jener Amazone zu haben; ein unaussprechliches
Mitleiden ergriff unsern Freund, er fuehlte ein unwiderstehliches
Beduerfnis, seinem Herzen Luft zu machen, Traenen drangen aus seinem
Auge, und er konnte sich nicht wieder erholen, bis ihn der Schlaf
ueberwaeltigte.

Sonderbare Traumbilder erschienen ihm gegen Morgen. Er fand sich in
einem Garten, den er als Knabe oefters besucht hatte, und sah mit
Vergnuegen die bekannten Alleen, Hecken und Blumenbeete wieder;
Mariane begegnete ihm, er sprach liebevoll mit ihr und ohne Erinnerung
irgendeines vergangenen Missverhaeltnisses. Gleich darauf trat sein
Vater zu ihnen, im Hauskleide; und mit vertraulicher Miene, die ihm
selten war, hiess er den Sohn zwei Stuehle aus dem Gartenhause holen,
nahm Marianen bei der Hand und fuehrte sie nach einer Laube.

Wilhelm eilte nach dem Gartensaale, fand ihn aber ganz leer, nur sah
er Aurelien an dem entgegengesetzten Fenster stehen; er ging, sie
anzureden, allein sie blieb unverwandt, und ob er sich gleich neben
sie stellte, konnte er doch ihr Gesicht nicht sehen. Er blickte zum
Fenster hinaus und sah in einem fremden Garten viele Menschen
beisammen, von denen er einige sogleich erkannte. Frau Melina sass
unter einem Baum und spielte mit einer Rose, die sie in der Hand hielt;
Laertes stand neben ihr und zaehlte Gold aus einer Hand in die andere.
Mignon und Felix lagen im Grase, jene ausgestreckt auf dem Ruecken,
dieser auf dem Gesichte. Philine trat hervor und klatschte ueber den
Kindern in die Haende, Mignon blieb unbeweglich, Felix sprang auf und
floh vor Philinen. Erst lachte er im Laufen, als Philine ihn
verfolgte, dann schrie er aengstlich, als der Harfenspieler mit
grossen, langsamen Schritten ihm nachging. Das Kind lief grade auf
einen Teich los; Wilhelm eilte ihm nach, aber zu spaet, das Kind lag
im Wasser! Wilhelm stand wie eingewurzelt. Nun sah er die schoene
Amazone an der andern Seite des Teichs, sie streckte ihre rechte Hand
gegen das Kind aus und ging am Ufer hin, das Kind durchstrich das
Wasser in gerader Richtung auf den Finger zu und folgte ihr nach, wie
sie ging, endlich reichte sie ihm ihre Hand und zog es aus dem Teiche.
Wilhelm war indessen naeher gekommen, das Kind brannte ueber und
ueber, und es fielen feurige Tropfen von ihm herab. Wilhelm war noch
besorgter, doch die Amazone nahm schnell einen weissen Schleier vom
Haupte und bedeckte das Kind damit. Das Feuer war sogleich geloescht.
Als sie den Schleier aufhob, sprangen zwei Knaben hervor, die
zusammen mutwillig hin und her spielten, als Wilhelm mit der Amazone
Hand in Hand durch den Garten ging und in der Entfernung seinen Vater
und Marianen in einer Allee spazieren sah, die mit hohen Baeumen den
ganzen Garten zu umgeben schien. Er richtete seinen Weg auf beide zu
und machte mit seiner schoenen Begleiterin den Durchschnitt des
Gartens, als auf einmal der blonde Friedrich ihnen in den Weg trat und
sie mit grossem Gelaechter und allerlei Possen aufhielt. Sie wollten
demungeachtet ihren Weg weiter fortsetzen; da eilte er weg und lief
auf jenes entfernte Paar zu; der Vater und Mariane schienen vor ihm zu
fliehen, er lief nur desto schneller, und Wilhelm sah jene fast im
Fluge durch die Allee hinschweben. Natur und Neigung forderten ihn
auf, jenen zu Huelfe zu kommen, aber die Hand der Amazone hielt ihn
zurueck. Wie gern liess er sich halten! Mit dieser gemischten
Empfindung wachte er auf und fand sein Zimmer schon von der hellen
Sonne erleuchtet.




VII. Buch, 2. Kapitel




Zweites Kapitel

Der Knabe lud Wilhelmen zum Fruehstueck ein; dieser fand den Abbe
schon im Saale; Lothario, hiess es, sei ausgeritten; der Abbe war
nicht sehr gespraechig und schien eher nachdenklich zu sein; er fragte
nach Aureliens Tode und hoerte mit Teilnahme der Erzaehlung Wilhelms
zu. "Ach!" rief er aus, "wem es lebhaft und gegenwaertig ist, welche
unendliche Operationen Natur und Kunst machen muessen, bis ein
gebildeter Mensch dasteht, wer selbst soviel als moeglich an der
Bildung seiner Mitbrueder teilnimmt, der moechte verzweifeln, wenn er
sieht, wie freventlich sich oft der Mensch zerstoert und so oft in den
Fall kommt, mit oder ohne Schuld, zerstoert zu werden. Wenn ich das
bedenke, so scheint mir das Leben selbst eine so zufaellige Gabe, dass
ich jeden loben moechte, der sie nicht hoeher als billig schaetzt."

Er hatte kaum ausgesprochen, als die Tuere mit Heftigkeit sich aufriss,
ein junges Frauenzimmer hereinstuerzte und den alten Bedienten, der
sich ihr in den Weg stellte, zurueckstiess. Sie eilte gerade auf den
Abbe zu und konnte, indem sie ihn beim Arm fasste, vor Weinen und
Schluchzen kaum die wenigen Worte hervorbringen: "Wo ist er? Wo habt
ihr ihn? Es ist eine entsetzliche Verraeterei! Gesteht nur! Ich
weiss, was vorgeht! Ich will ihm nach! Ich will wissen, wo er ist."

"Beruhigen Sie sich, mein Kind", sagte der Abbe mit angenommener
Gelassenheit, "kommen Sie auf Ihr Zimmer, Sie sollen alles erfahren,
nur muessen Sie hoeren koennen, wenn ich Ihnen erzaehlen soll." Er
bot ihr die Hand an im Sinne, sie wegzufuehren. "Ich werde nicht auf
mein Zimmer gehen", rief sie aus, "ich hasse die Waende, zwischen
denen ihr mich schon so lange gefangenhaltet! Und doch habe ich alles
erfahren, der Obrist hat ihn herausgefordert, er ist hinausgeritten,
seinen Gegner aufzusuchen, und vielleicht jetzt eben in diesem
Augenblicke--es war mir etlichemal, als hoerte ich schiessen. Lassen
Sie anspannen und fahren Sie mit mir, oder ich fuelle das Haus, das
ganze Dorf mit meinem Geschrei."

Sie eilte unter den heftigsten Traenen nach dem Fenster, der Abbe
hielt sie zurueck und suchte vergebens, sie zu besaenftigen.

Man hoerte einen Wagen fahren, sie riss das Fenster auf: "Er ist tot!"
rief sie, "da bringen sie ihn."--"Er steigt aus!" sagte der Abbe.
"Sie sehen, er lebt."--"Er ist verwundet", versetzte sie heftig,
"sonst kaem er zu Pferde! Sie fuehren ihn! Er ist gefaehrlich
verwundet!" Sie rannte zur Tuere hinaus und die Treppe hinunter, der
Abbe eilte ihr nach, und Wilhelm folgte ihnen; er sah, wie die Schoene
ihrem heraufkommenden Geliebten begegnete.

Lothario lehnte sich auf seinen Begleiter, welchen Wilhelm sogleich
fuer seinen alten Goenner Jarno erkannte, sprach dem trostlosen
Frauenzimmer gar liebreich und freundlich zu, und indem er sich auch
auf sie stuetzte, kam er die Treppe langsam herauf; er gruesste
Wilhelmen und ward in sein Kabinett gefuehrt.

Nicht lange darauf kam Jarno wieder heraus und trat zu Wilhelmen: "Sie
sind, wie es scheint", sagte er, "praedestiniert, ueberall
Schauspieler und Theater zu finden; wir sind eben in einem Drama
begriffen, das nicht ganz lustig ist."

"Ich freue mich", versetzte Wilhelm, "Sie in diesem sonderbaren
Augenblicke wiederzufinden; ich bin verwundert, erschrocken, und Ihre
Gegenwart macht mich gleich ruhig und gefasst. Sagen Sie mir, hat es
Gefahr? Ist der Baron schwer verwundet?"--"Ich glaube nicht",
versetzte Jarno.

Nach einiger Zeit trat der junge Wundarzt aus dem Zimmer. "Nun, was
sagen Sie?" rief ihm Jarno entgegen. "Dass es sehr gefaehrlich steht",
versetzte dieser und steckte einige Instrumente in seine lederne
Tasche zusammen.

Wilhelm betrachtete das Band, das von der Tasche herunterhing, er
glaubte es zu kennen. Lebhafte, widersprechende Farben, ein seltsames
Muster, Gold und Silber in wunderlichen Figuren zeichneten dieses Band
vor allen Baendern der Welt aus. Wilhelm war ueberzeugt, die
Instrumententasche des alten Chirurgus vor sich zu sehen, der ihn in
jenem Walde verbunden hatte, und die Hoffnung, nach so langer Zeit
wieder eine Spur seiner Amazone zu finden, schlug wie eine Flamme
durch sein ganzes Wesen.

"Wo haben Sie die Tasche her?" rief er aus. "Wem gehoerte sie vor
Ihnen? Ich bitte, sagen Sie mir's."--"Ich habe Sie in einer Auktion
gekauft", versetzte jener; "was kuemmert's mich, wem sie angehoerte?"
Mit diesen Worten entfernte er sich, und Jarno sagte: "Wenn diesem
jungen Menschen nur ein wahres Wort aus dem Munde ginge."--"So hat er
also diese Tasche nicht erstanden?" versetzte Wilhelm. "Sowenig, als
es Gefahr mit Lothario hat", antwortete Jarno.

Wilhelm stand in ein vielfaches Nachdenken versenkt, als Jarno ihn
fragte, wie es ihm zeither gegangen sei. Wilhelm erzaehlte seine
Geschichte im allgemeinen, und als er zuletzt von Aureliens Tod und
seiner Botschaft gesprochen hatte, rief jener aus: "Es ist doch
sonderbar, sehr sonderbar!"

Der Abbe trat aus dem Zimmer, winkte Jarno zu, an seiner Statt
hineinzugehen, und sagte zu Wilhelmen: "Der Baron laesst Sie ersuchen,
hierzubleiben, einige Tage die Gesellschaft zu vermehren und zu seiner
Unterhaltung unter diesen Umstaenden beizutragen. Haben Sie noetig,
etwas an die Ihrigen zu bestellen, so soll Ihr Brief gleich besorgt
werden, und damit Sie diese wunderbare Begebenheit verstehen, von der
Sie Augenzeuge sind, muss ich Ihnen erzaehlen, was eigentlich kein
Geheimnis ist. Der Baron hatte ein kleines Abenteuer mit einer Dame,
das mehr Aufsehen machte, als billig war, weil sie den Triumph, ihn
einer Nebenbuhlerin entrissen zu haben, allzu lebhaft geniessen wollte.
Leider fand er nach einiger Zeit bei ihr nicht die naemliche
Unterhaltung, er vermied sie; allein bei ihrer heftigen Gemuetsart war
es ihr unmoeglich, ihr Schicksal mit gesetztem Mute zu tragen. Bei
einem Balle gab es einen oeffentlichen Bruch, sie glaubte sich
aeusserst beleidigt und wuenschte geraecht zu werden; kein Ritter fand
sich, der sich ihrer angenommen haette, bis endlich ihr Mann, von dem
sie sich lange getrennt hatte, die Sache erfuhr und sich ihrer annahm,
den Baron herausforderte und heute verwundete; doch ist der Obrist,
wie ich hoere, noch schlimmer dabei gefahren."

Von diesem Augenblicke an ward unser Freund im Hause, als gehoere er
zur Familie, behandelt.




VII. Buch, 3. Kapitel




Drittes Kapitel

Man hatte einigemal dem Kranken vorgelesen; Wilhelm leistete diesen
kleinen Dienst mit Freuden. Lydie kam nicht vom Bette hinweg, ihre
Sorgfalt fuer den Verwundeten verschlang alle ihre uebrige
Aufmerksamkeit, aber heute schien auch Lothario zerstreut, ja er bat,
dass man nicht weiterlesen moechte.

"Ich fuehle heute so lebhaft", sagte er, "wie toericht der Mensch
seine Zeit verstreichen laesst! Wie manches habe ich mir vorgenommen,
wie manches durchdacht, und wie zaudert man nicht bei seinen besten
Vorsaetzen! Ich habe die Vorschlaege ueber die Veraenderungen gelesen,
die ich auf meinen Guetern machen will, und ich kann sagen, ich freue
mich vorzueglich dieserwegen, dass die Kugel keinen gefaehrlichern Weg
genommen hat."

Lydie sah ihn zaertlich, ja mit Traenen in den Augen an, als wollte
sie fragen, ob denn sie, ob seine Freunde nicht auch Anteil an der
Lebensfreude fordern koennten. Jarno dagegen versetzte:
"Veraenderungen, wie Sie vorhaben, werden billig erst von allen Seiten
ueberlegt, bis man sich dazu entschliesst."

"Lange ueberlegungen", versetzte Lothario, "zeigen gewoehnlich, dass
man den Punkt nicht im Auge hat, von dem die Rede ist, uebereilte
Handlungen, dass man ihn gar nicht kennt. Ich uebersehe sehr deutlich,
dass ich in vielen Stuecken bei der Wirtschaft meiner Gueter die
Dienste meiner Landleute nicht entbehren kann und dass ich auf
gewissen Rechten strack und streng halten muss; ich sehe aber auch,
dass andere Befugnisse mir zwar vorteilhaft, aber nicht ganz
unentbehrlich sind, so dass ich davon meinen Leuten auch was goennen
kann. Man verliert nicht immer, wenn man entbehrt. Nutze ich nicht
meine Gueter weit besser als mein Vater? Werde ich meine Einkuenfte
nicht noch hoeher treiben? Und soll ich diesen wachsenden Vorteil
allein geniessen? Soll ich dem, der mit mir und fuer mich arbeitet,
nicht auch in dem Seinigen Vorteile goennen, die uns erweiterte
Kenntnisse, die uns eine vorrueckende Zeit darbietet?"

"Der Mensch ist nun einmal so!" rief Jarno, "und ich tadle mich nicht,
wenn ich mich auch in dieser Eigenheit ertappe; der Mensch begehrt,
alles an sich zu reissen, um nur nach Belieben damit schalten und
walten zu koennen; das Geld, das er nicht selbst ausgibt, scheint ihm
selten wohl angewendet."

"O ja!" versetzte Lothario, "wir koennten manches vom Kapital
entbehren, wenn wir mit den Interessen weniger willkuerlich umgingen."

"Das einzige, was ich zu erinnern habe", sagte Jarno, "und warum ich
nicht raten kann, dass Sie eben jetzt diese Veraenderungen machen,
wodurch Sie wenigstens im Augenblicke verlieren, ist, dass Sie selbst
noch Schulden haben, deren Abzahlung Sie einengt. Ich wuerde raten,
Ihren Plan aufzuschieben, bis Sie voellig im reinen waeren."

"Und indessen einer Kugel oder einem Dachziegel zu ueberlassen, ob er
die Resultate meines Lebens und meiner Taetigkeit auf immer vernichten
wollte! Oh, mein Freund!" fuhr Lothario fort, "das ist ein
Hauptfehler gebildeter Menschen, dass sie alles an eine Idee, wenig
oder nichts an einen Gegenstand wenden moegen. Wozu habe ich Schulden
gemacht? Warum habe ich mich mit meinem Oheim entzweit? meine
Geschwister so lange sich selbst ueberlassen? als um einer Idee willen.
In Amerika glaubte ich zu wirken, ueber dem Meere glaubte ich
nuetzlich und notwendig zu sein; war eine Handlung nicht mit tausend
Gefahren umgeben, so schien sie mir nicht bedeutend, nicht wuerdig.
Wie anders seh ich jetzt die Dinge, und wie ist mir das Naechste so
wert, so teuer geworden."

"Ich erinnere mich wohl des Briefes", versetzte Jarno, "den ich noch
ueber das Meer erhielt. Sie schrieben mir: Ich werde zurueckkehren
und in meinem Hause, in meinem Baumgarten, mitten unter den Meinigen
sagen: "Hier oder nirgend ist Amerika!""

"Ja, mein Freund, und ich wiederhole noch immer dasselbe, und doch
schelte ich mich zugleich, dass ich hier nicht so taetig wie dort bin.
Zu einer gewissen gleichen, fortdauernden Gegenwart brauchen wir nur
Verstand, und wir werden auch nur zu Verstand, so dass wir das
Ausserordentliche, was jeder gleichgueltige Tag von uns fordert, nicht
mehr sehen und, wenn wir es erkennen, doch tausend Entschuldigungen
finden, es nicht zu tun. Ein verstaendiger Mensch ist viel fuer sich,
aber fuers Ganze ist er wenig."

"Wir wollen", sagte Jarno, "dem Verstande nicht zu nahe treten und
bekennen, dass das Ausserordentliche, was geschieht, meistens toericht
ist."

"Ja, und zwar eben deswegen, weil die Menschen das Ausserordentliche
ausser der Ordnung tun. So gibt mein Schwager sein Vermoegen,
insofern er es veraeussern kann, der Bruedergemeinde und glaubt seiner
Seele Heil dadurch zu befoerdern; haette er einen geringen Teil seiner
Einkuenfte aufgeopfert, so haette er viel glueckliche Menschen machen
und sich und ihnen einen Himmel auf Erden schaffen koennen. Selten
sind unsere Aufopferungen taetig, wir tun gleich Verzicht auf das, was
wir weggeben. Nicht entschlossen, sondern verzweifelt entsagen wir
dem, was wir besitzen. Diese Tage, ich gesteh es, schwebt mir der
Graf immer vor Augen, und ich bin fest entschlossen, das aus
ueberzeugung zu tun, wozu ihn ein aengstlicher Wahn treibt; ich will
meine Genesung nicht abwarten. Hier sind die Papiere, sie duerfen nur
ins reine gebracht werden. Nehmen Sie den Gerichtshalter dazu, unser
Gast hilft Ihnen auch, Sie wissen so gut als ich, worauf es ankommt,
und ich will hier genesend oder sterbend dabei bleiben und ausrufen:
"Hier oder nirgend ist Herrnhut!""

Als Lydie ihren Freund von Sterben reden hoerte, stuerzte sie vor
seinem Bette nieder, hing an seinen Armen und weinte bitterlich. Der
Wundarzt kam herein, Jarno gab Wilhelmen die Papiere und noetigte
Lydien, sich zu entfernen.

"Um 's Himmels willen!" rief Wilhelm, als sie in dem Saal allein waren,
"was ist das mit dem Grafen? Welch ein Graf ist das, der sich unter
die Bruedergemeinde begibt?"

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