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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 8

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 8

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Er fasste den Knaben in seine Arme, kuesste ihn, drueckte ihn an sich
und benetzte ihn mit reichlichen Traenen. Das Kind wachte auf; sein
helles Auge, sein freundlicher Blick ruehrten den Vater aufs innigste.
"Welche Szene steht mir bevor", rief er aus, "wenn ich dich der
schoenen, ungluecklichen Graefin vorstellen soll, wenn sie dich an
ihren Busen drueckt, den dein Vater so tief verletzt hat! Muss ich
nicht fuerchten, sie stoesst dich wieder von sich mit einem Schrei,
sobald deine Beruehrung ihren wahren oder eingebildeten Schmerz
erneuert!"

Der Kutscher liess ihm nicht Zeit, weiter zu denken oder zu waehlen,
er noetigte ihn vor Tage in den Wagen; nun wickelte er seinen Felix
wohl ein, der Morgen war kalt, aber heiter, das Kind sah zum erstenmal
in seinem Leben die Sonne aufgehn. Sein Erstaunen ueber den ersten
feurigen Blick, ueber die wachsende Gewalt des Lichts, seine Freude
und seine wunderlichen Bemerkungen erfreuten den Vater und liessen ihn
einen Blick in das Herz tun, vor welchem die Sonne wie ueber einem
reinen, stillen See emporsteigt und schwebt.

In einer kleinen Stadt spannte der Kutscher aus und ritt zurueck.
Wilhelm nahm sogleich ein Zimmer in Besitz und fragte sich nun, ob er
bleiben oder vorwaerts gehen solle. In dieser Unentschlossenheit
wagte er das Blaettchen wieder hervorzunehmen, das er bisher nochmals
anzusehen nicht getraut hatte; es enthielt folgende Worte: "Schicke
mir deinen jungen Freund ja bald; Mignon hat sich diese beiden letzten
Tage eher verschlimmert. So traurig diese Gelegenheit ist, so soll
mich's doch freuen, ihn kennenzulernen."

Die letzten Worte hatte Wilhelm beim ersten Blick nicht bemerkt. Er
erschrak darueber und war sogleich entschieden, dass er nicht gehen
wollte. "Wie?" rief er aus, "Lothario, der das Verhaeltnis weiss, hat
ihr nicht eroeffnet, wer ich bin? Sie erwartet nicht mit gesetztem
Gemuet einen Bekannten, den sie lieber nicht wiedersaehe, sie erwartet
einen Fremden, und ich trete hinein! Ich sehe sie zurueckschaudern,
ich sehe sie erroeten! Nein, es ist mir unmoeglich, dieser Szene
entgegenzusehen." Soeben wurden die Pferde herausgefuehrt und
eingespannt; Wilhelm war entschlossen, abzupacken und hierzubleiben.
Er war in der groessten Bewegung. Als er ein Maedchen zur Treppe
heraufkommen hoerte, die ihm anzeigen wollte, dass alles fertig sei,
sann er geschwind auf eine Ursache, die ihn hierzubleiben noetigte,
und seine Augen ruhten ohne Aufmerksamkeit auf dem Billett, das er in
der Hand hielt. "Um Gottes willen!" rief er aus, "was ist das? Das
ist nicht die Hand der Graefin, es ist die Hand der Amazone!"




VIII. Buch, 2. Kapitel--2




Das Maedchen trat herein, bat ihn herunterzukommen und fuehrte Felix
mit sich fort. "Ist es moeglich?" rief er aus, "ist es wahr? Was
soll ich tun? Bleiben und abwarten und aufklaeren? oder eilen? eilen
und mich einer Entwicklung entgegenstuerzen? Du bist auf dem Wege zu
ihr und kannst zaudern? Diesen Abend sollst du sie sehen und willst
dich freiwillig ins Gefaengnis einsperren? Es ist ihre Hand, ja sie
ist's! Diese Hand beruft dich, ihr Wagen ist angespannt, dich zu ihr
zu fuehren; nun loest sich das Raetsel: Lothario hat zwei Schwestern.
Er weiss mein Verhaeltnis zu der einen; wieviel ich der andern
schuldig bin, ist ihm unbekannt. Auch sie weiss nicht, dass der
verwundete Vagabund, der ihr, wo nicht sein Leben, doch seine
Gesundheit verdankt, in dem Hause ihres Bruders so unverdient guetig
aufgenommen worden ist."

Felix, der sich unten im Wagen schaukelte, rief: "Vater, komm! o komm!
sieh die schoenen Wolken, die schoenen Farben!"--"Ja, ich komme", rief
Wilhelm, indem er die Treppe hinuntersprang, "und alle Erscheinungen
des Himmels, die du gutes Kind noch sehr bewunderst, sind nichts gegen
den Anblick, den ich erwarte."

Im Wagen sitzend, rief er nun alle Verhaeltnisse in sein Gedaechtnis
zurueck. "So ist also auch diese Natalie die Freundin Theresens!
welch eine Entdeckung, welche Hoffnung und welche Aussichten! Wie
seltsam, dass die Furcht, von der einen Schwester reden zu hoeren, mir
das Dasein der andern ganz und gar verbergen konnte!" Mit welcher
Freude sah er seinen Felix an; er hoffte fuer den Knaben wie fuer sich
die beste Aufnahme.

Der Abend kam heran, die Sonne war untergegangen, der Weg nicht der
beste, der Postillon fuhr langsam, Felix war eingeschlafen, und neue
Sorgen und Zweifel stiegen in dem Busen unseres Freundes auf. "Von
welchem Wahn, von welchen Einfaellen wirst du beherrscht!" sagte er zu
sich selbst, "eine ungewisse aehnlichkeit der Handschrift macht dich
auf einmal sicher und gibt dir Gelegenheit, das wunderbarste Maerchen
auszudenken." Er nahm das Billett wieder vor, und bei dem abgehenden
Tageslicht glaubte er wieder die Handschrift der Graefin zu erkennen;
seine Augen wollten im einzelnen nicht wiederfinden, was ihm sein Herz
im ganzen auf einmal gesagt hatte. "So ziehen dich denn doch diese
Pferde zu einer schrecklichen Szene! Wer weiss, ob sie dich nicht in
wenig Stunden schon wieder zurueckfuehren werden? Und wenn du sie nur
noch allein antraefest; aber vielleicht ist ihr Gemahl gegenwaertig,
vielleicht die Baronesse! Wie veraendert werde ich sie finden! Werde
ich vor ihr auf den Fuessen stehen koennen?"

Nur eine schwache Hoffnung, dass er seiner Amazone entgegengehe,
konnte manchmal durch die trueben Vorstellungen durchblicken. Es war
Nacht geworden, der Wagen rasselte in einen Hof hinein und hielt still;
ein Bedienter mit einer Wachsfackel trat aus einem praechtigen Portal
hervor und kam die breiten Stufen hinunter bis an den Wagen. "Sie
werden schon lange erwartet", sagte er, indem er das Leder aufschlug.
Wilhelm, nachdem er ausgestiegen war, nahm den schlafenden Felix auf
den Arm, und der erste Bediente rief zu einem zweiten, der mit einem
Lichte in der Tuere stand: "Fuehre den Herrn gleich zur Baronesse."

Blitzschnell fuhr Wilhelmen durch die Seele: "Welch ein Glueck! Es
sei vorsaetzlich oder zufaellig, die Baronesse ist hier! Ich soll sie
zuerst sehen! Wahrscheinlich schlaeft die Graefin schon! Ihr guten
Geister, helft, dass der Augenblick der groessten Verlegenheit
leidlich voruebergehe!"

Er trat in das Haus und fand sich an dem ernsthaftesten, seinem
Gefuehle nach dem heiligsten Orte, den er je betreten hatte. Eine
herabhaengende blendende Laterne erleuchtete eine breite, sanfte
Treppe, die ihm entgegenstand und sich oben beim Umwenden in zwei
Teile teilte. Marmorne Statuen und Buesten standen auf Piedestalen
und in Nischen geordnet; einige schienen ihm bekannt.
Jugendeindruecke verloeschen nicht, auch in ihren kleinsten Teilen.
Er erkannte eine Muse, die seinem Grossvater gehoert hatte, zwar nicht
an ihrer Gestalt und an ihrem Wert, doch an einem restaurierten Arme
und an den neueingesetzten Stuecken des Gewandes. Es war, als wenn er
ein Maerchen erlebte. Das Kind ward ihm schwer; er zauderte auf den
Stufen und kniete nieder, als ob er es bequemer fassen wollte.
Eigentlich aber bedurfte er einer augenblicklichen Erholung. Er
konnte kaum sich wieder aufheben. Der vorleuchtende Bediente wollte
ihm das Kind abnehmen, er konnte es nicht von sich lassen. Darauf
trat er in den Vorsaal, und zu seinem noch groessern Erstaunen
erblickte er das wohlbekannte Bild vom kranken Koenigssohn an der Wand.
Er hatte kaum Zeit, einen Blick darauf zu werfen, der Bediente
noetigte ihn durch ein paar Zimmer in ein Kabinett. Dort, hinter
einem Lichtschirme, der sie beschattete, sass ein Frauenzimmer und las.
"O dass sie es waere!" sagte er zu sich selbst in diesem
entscheidenden Augenblick. Er setzte das Kind nieder, das aufzuwachen
schien, und dachte sich der Dame zu naehern, aber das Kind sank
schlaftrunken zusammen, das Frauenzimmer stand auf und kam ihm
entgegen. Die Amazone war's! Er konnte sich nicht halten, stuerzte
auf seine Knie und rief aus: "Sie ist's!" Er fasste ihre Hand und
kuesste sie mit unendlichem Entzuecken. Das Kind lag zwischen ihnen
beiden auf dem Teppich und schlief sanft.

Felix ward auf das Kanapee gebracht, Natalie setzte sich zu ihm, sie
hiess Wilhelmen auf den Sessel sitzen, der zunaechst dabeistand. Sie
bot ihm einige Erfrischungen an, die er ausschlug, indem er nur
beschaeftigt war, sich zu versichern, dass sie es sei, und ihre durch
den Lichtschirm beschatteten Zuege genau wiederzusehen und sicher
wiederzuerkennen. Sie erzaehlte ihm von Mignons Krankheit im
allgemeinen, dass das Kind von wenigen tiefen Empfindungen nach und
nach aufgezehrt werde, dass es bei seiner grossen Reizbarkeit, die es
verberge, von einem Krampf an seinem armen Herzen oft heftig und
gefaehrlich leide, dass dieses erste Organ des Lebens bei unvermuteten
Gemuetsbewegungen manchmal ploetzlich stillestehe und keine Spur der
heilsamen Lebensregung in dem Busen des guten Kindes gefuehlt werden
koenne. Sei dieser aengstliche Krampf vorbei, so aeussere sich die
Kraft der Natur wieder in gewaltsamen Pulsen und aengstige das Kind
nunmehr durch uebermass, wie es vorher durch Mangel gelitten habe.

Wilhelm erinnerte sich einer solchen krampfhaften Szene, und Natalie
bezog sich auf den Arzt, der weiter mit ihm ueber die Sache sprechen
und die Ursache, warum man den Freund und Wohltaeter des Kindes
gegenwaertig herbeigerufen, umstaendlicher vorlegen wuerde. "Eine
sonderbare Veraenderung", fuhr Natalie fort, "werden Sie an ihr finden;
sie geht nunmehr in Frauenkleidern, vor denen sie sonst einen so
grossen Abscheu zu haben schien."

"Wie haben Sie das erreicht?" fragte Wilhelm.

"Wenn es wuenschenswert war, so sind wir es nur dem Zufall schuldig.
Hoeren Sie, wie es zugegangen ist. Sie wissen vielleicht, dass ich
immer eine Anzahl junger Maedchen um mich habe, deren Gesinnungen ich,
indem sie neben mir aufwachsen, zum Guten und Rechten zu bilden
wuensche. Aus meinem Munde hoeren sie nichts, als was ich selber fuer
wahr halte, doch kann ich und will ich nicht hindern, dass sie nicht
auch von andern manches vernehmen, was als Irrtum, als Vorurteil in
der Welt gaeng und gaebe ist. Fragen sie mich darueber, so suche ich,
soviel nur moeglich ist, jene fremden, ungehoerigen Begriffe irgendwo
an einen richtigen anzuknuepfen, um sie dadurch, wo nicht nuetzlich,
doch unschaedlich zu machen. Schon seit einiger Zeit hatten meine
Maedchen aus dem Munde der Bauerkinder gar manches von Engeln, vom
Knechte Ruprecht, vom Heiligen Christe vernommen, die zu gewissen
Zeiten in Person erscheinen, gute Kinder beschenken und unartige
bestrafen sollten. Sie hatten eine Vermutung, dass es verkleidete
Personen sein muessten, worin ich sie denn auch bestaerkte und, ohne
mich viel auf Deutungen einzulassen, mir vornahm, ihnen bei der ersten
Gelegenheit ein solches Schauspiel zu geben. Es fand sich eben, dass
der Geburtstag von Zwillingsschwestern, die sich immer sehr gut
betragen hatten, nahe war; ich versprach, dass ihnen diesmal ein Engel
die kleinen Geschenke bringen sollte, die sie so wohl verdient haetten.
Sie waren aeusserst gespannt auf diese Erscheinung. Ich hatte mir
Mignon zu dieser Rolle ausgesucht, und sie ward an dem bestimmten Tage
in ein langes, leichtes, weisses Gewand anstaendig gekleidet. Es
fehlte nicht an einem goldenen Guertel um die Brust und an einem
gleichen Diadem in den Haaren. Anfangs wollte ich die Fluegel
weglassen, doch bestanden die Frauenzimmer, die sie anputzten, auf ein
Paar grosser goldner Schwingen, an denen sie recht ihre Kunst zeigen
wollten. So trat, mit einer Lilie in der einen Hand und mit einem
Koerbchen in der andern, die wundersame Erscheinung in die Mitte der
Maedchen und ueberraschte mich selbst. "Da kommt der Engel!" sagte
ich. Die Kinder traten alle wie zurueck; endlich riefen sie aus: "Es
ist Mignon!" und getrauten sich doch nicht, dem wundersamen Bilde
naeher zu treten.

"Hier sind eure Gaben", sagte sie und reichte das Koerbchen hin. Man
versammelte sich um sie, man betrachtete, man befuehlte, man befragte
sie.

"Bist du ein Engel?" fragte das eine Kind.

"Ich wollte, ich waer es", versetzte Mignon.

"Warum traegst du eine Lilie?"

"So rein und offen sollte mein Herz sein, dann waer ich gluecklich."

"Wie ist's mit den Fluegeln? Lass sie sehen!"

"Sie stellen schoenere vor, die noch nicht entfaltet sind."

Und so antwortete sie bedeutend auf jede unschuldige, leichte Frage.
Als die Neugierde der kleinen Gesellschaft befriedigt war und der
Eindruck dieser Erscheinung stumpf zu werden anfing, wollte man sie
wieder auskleiden. Sie verwehrte es, nahm ihre Zither, setzte sich
hier auf diesen hohen Schreibtisch hinauf und sang ein Lied mit
unglaublicher Anmut:


So lasst mich scheinen, bis ich werde;
Zieht mir das weisse Kleid nicht aus!
Ich eile von der schoenen Erde
Hinab in jenes feste Haus.


Dort ruh ich eine kleine Stille,
Dann oeffnet sich der frische Blick,
Ich lasse dann die reine Huelle,
Den Guertel und den Kranz zurueck.


Und jene himmlischen Gestalten,
Sie fragen nicht nach Mann und Weib,
Und keine Kleider, keine Falten
Umgeben den verklaerten Leib.


Zwar lebt ich ohne Sorg und Muehe,
Doch fuehlt ich tiefen Schmerz genung;
Vor Kummer altert ich zu fruehe;
Macht mich auf ewig wieder jung!



Ich entschloss mich sogleich", fuhr Natalie fort, "ihr das Kleid zu
lassen und ihr noch einige der Art anzuschaffen, in denen sie nun auch
geht und in denen, wie es mir scheint, ihr Wesen einen ganz andern
Ausdruck hat."

Da es schon spaet war, entliess Natalie den Ankoemmling, der nicht
ohne einige Bangigkeit sich von ihr trennte. "Ist sie verheiratet
oder nicht?" dachte er bei sich selbst. Er hatte gefuerchtet, sooft
sich etwas regte, eine Tuere moechte sich auftun und der Gemahl
hereintreten. Der Bediente, der ihn in sein Zimmer einliess,
entfernte sich schneller, als er Mut gefasst hatte, nach diesem
Verhaeltnis zu fragen. Die Unruhe hielt ihn noch eine Zeitlang wach,
und er beschaeftigte sich, das Bild der Amazone mit dem Bilde seiner
neuen, gegenwaertigen Freundin zu vergleichen. Sie wollten noch nicht
miteinander zusammenfliessen; jenes hatte er sich gleichsam geschaffen,
und dieses schien fast ihn umschaffen zu wollen.




VIII. Buch, 3. Kapitel--1




Drittes Kapitel

Den andern Morgen, da noch alles still und ruhig war, ging er, sich im
Hause umzusehen. Es war die reinste, schoenste, wuerdigste Baukunst,
die er gesehen hatte. "Ist doch wahre Kunst", rief er aus, "wie gute
Gesellschaft: sie noetigt uns auf die angenehmste Weise, das Mass zu
erkennen, nach dem und zu dem unser Innerstes gebildet ist."
Unglaublich angenehm war der Eindruck, den die Statuen und Buesten
seines Grossvaters auf ihn machten. Mit Verlangen eilte er dem Bilde
vom kranken Koenigssohn entgegen, und noch immer fand er es reizend
und ruehrend. Der Bediente oeffnete ihm verschiedene andere Zimmer;
er fand eine Bibliothek, eine Naturaliensammlung, ein physikalisches
Kabinett. Er fuehlte sich so fremd vor allen diesen Gegenstaenden.
Felix war indessen erwacht und ihm nachgesprungen; der Gedanke, wie
und wann er Theresens Brief erhalten werde, machte ihm Sorge; er
fuerchtete sich vor dem Anblick Mignons, gewissermassen vor dem
Anblick Nataliens. Wie ungleich war sein gegenwaertiger Zustand mit
jenen Augenblicken, als er den Brief an Theresen gesiegelt hatte und
mit frohem Mut sich ganz einem so edlen Wesen hingab.

Natalie liess ihn zum Fruehstueck einladen. Er trat in ein Zimmer, in
welchem verschiedene reinlich gekleidete Maedchen, alle, wie es schien,
unter zehn Jahren, einen Tisch zurechtemachten, indem eine aeltliche
Person verschiedene Arten von Getraenken hereinbrachte.

Wilhelm beschaute ein Bild, das ueber dem Kanapee hing, mit
Aufmerksamkeit, er musste es fuer das Bild Nataliens erkennen, sowenig
es ihm genugtun wollte. Natalie trat herein, und die aehnlichkeit
schien ganz zu verschwinden. Zu seinem Troste hatte es ein
Ordenskreuz an der Brust, und er sah ein gleiches an der Brust
Nataliens.

"Ich habe das Portraet hier angesehen", sagte er zu ihr, "und mich
verwundert, wie ein Maler zugleich so wahr und so falsch sein kann.
Das Bild gleicht Ihnen im allgemeinen recht sehr gut, und doch sind es
weder Ihre Zuege noch Ihr Charakter."

"Es ist vielmehr zu verwundern", versetzte Natalie, "dass es so viel
aehnlichkeit hat; denn es ist gar mein Bild nicht; es ist das Bild
einer Tante, die mir noch in ihrem Alter glich, da ich erst ein Kind
war. Es ist gemalt, als sie ungefaehr meine Jahre hatte, und beim
ersten Anblick glaubt jedermann mich zu sehen. Sie haetten diese
treffliche Person kennen sollen. Ich bin ihr so viel schuldig. Eine
sehr schwache Gesundheit, vielleicht zuviel Beschaeftigung mit sich
selbst und dabei eine sittliche und religioese aengstlichkeit liessen
sie das der Welt nicht sein, was sie unter andern Umstaenden haette
werden koennen. Sie war ein Licht, das nur wenigen Freunden und mir
besonders leuchtete."

"Waere es moeglich", versetzte Wilhelm, der sich einen Augenblick
besonnen hatte, indem nun auf einmal so vielerlei Umstaende ihm
zusammentreffend erschienen, "waere es moeglich, dass jene schoene,
herrliche Seele, deren stille Bekenntnisse auch mir mitgeteilt worden
sind, Ihre Tante sei?"

"Sie haben das Heft gelesen?" fragte Natalie.

"Ja!" versetzte Wilhelm, "mit der groessten Teilnahme und nicht ohne
Wirkung auf mein ganzes Leben. Was mir am meisten aus dieser Schrift
entgegenleuchtete, war, ich moechte so sagen, die Reinlichkeit des
Daseins, nicht allein ihrer selbst, sondern auch alles dessen, was sie
umgab, diese Selbstaendigkeit ihrer Natur und die Unmoeglichkeit,
etwas in sich aufzunehmen, was mit der edlen, liebevollen Stimmung
nicht harmonisch war."

"So sind Sie", versetzte Natalie, "billiger, ja ich darf wohl sagen,
gerechter gegen diese schoene Natur als manche anderen, denen man auch
dieses Manuskript mitgeteilt hat. Jeder gebildete Mensch weiss, wie
sehr er an sich und andern mit einer gewissen Roheit zu kaempfen hat,
wieviel ihn seine Bildung kostet und wie sehr er doch in gewissen
Faellen nur an sich selbst denkt und vergisst, was er andern schuldig
ist. Wie oft macht der gute Mensch sich Vorwuerfe, dass er nicht zart
genug gehandelt habe; und doch, wenn nun eine schoene Natur sich allzu
zart, sich allzu gewissenhaft bildet, ja, wenn man will, sich
ueberbildet, fuer diese scheint keine Duldung, keine Nachsicht in der
Welt zu sein. Dennoch sind die Menschen dieser Art ausser uns, was
die Ideale im Innern sind, Vorbilder, nicht zum Nachahmen, sondern zum
Nachstreben. Man lacht ueber die Reinlichkeit der Hollaenderinnen,
aber waere Freundin Therese, was sie ist, wenn ihr nicht eine
aehnliche Idee in ihrem Hauswesen immer vorschwebte?"

"So finde ich also", rief Wilhelm aus, "in Theresens Freundin jene
Natalie vor mir, an welcher das Herz jener koestlichen Verwandten hing,
jene Natalie, die von Jugend an so teilnehmend, so liebevoll und
hilfreich war! Nur aus einem solchen Geschlecht konnte eine solche
Natur entstehen! Welch eine Aussicht eroeffnet sich vor mir, da ich
auf einmal Ihre Voreltern und den ganzen Kreis, dem Sie angehoeren,
ueberschaue."

"Ja!" versetzte Natalie, "Sie koennten in einem gewissen Sinne nicht
besser von uns unterrichtet sein als durch den Aufsatz unserer Tante;
freilich hat ihre Neigung zu mir sie zuviel Gutes von dem Kinde sagen
lassen. Wenn man von einem Kinde redet, spricht man niemals den
Gegenstand, immer nur seine Hoffnungen aus."

Wilhelm hatte indessen schnell ueberdacht, dass er nun auch von
Lotharios Herkunft und frueher Jugend unterrichtet sei; die schoene
Graefin erschien ihm als Kind mit den Perlen ihrer Tante um den Hals;
auch er war diesen Perlen so nahe gewesen, als ihre zarten,
liebevollen Lippen sich zu den seinigen herunterneigten; er suchte
diese schoenen Erinnerungen durch andere Gedanken zu entfernen. Er
lief die Bekanntschaften durch, die ihm jene Schrift verschafft hatte.
"So bin ich denn", rief er aus, "in dem Hause des wuerdigen Oheims!
Es ist kein Haus, es ist ein Tempel, und Sie sind die wuerdige
Priesterin, ja der Genius selbst; ich werde mich des Eindrucks von
gestern abend zeitlebens erinnern, als ich hereintrat und die alten
Kunstbilder der fruehsten Jugend wieder vor mir standen. Ich
erinnerte mich der mitleidigen Marmorbilder in Mignons Lied; aber
diese Bilder hatten ueber mich nicht zu trauern, sie sahen mich mit
hohem Ernst an und schlossen meine frueheste Zeit unmittelbar an
diesen Augenblick. Diesen unsern alten Familienschatz, diese
Lebensfreude meines Grossvaters finde ich hier zwischen so vielen
andern wuerdigen Kunstwerken aufgestellt, und mich, den die Natur zum
Liebling dieses guten alten Mannes gemacht hatte, mich Unwuerdigen
finde ich nun auch hier, o Gott! in welchen Verbindungen, in welcher
Gesellschaft!"

Die weibliche Jugend hatte nach und nach das Zimmer verlassen, um
ihren kleinen Beschaeftigungen nachzugehn. Wilhelm, der mit Natalien
allein geblieben war, musste ihr seine letzten Worte deutlicher
erklaeren. Die Entdeckung, dass ein schaetzbarer Teil der
aufgestellten Kunstwerke seinem Grossvater angehoert hatte, gab eine
sehr heitere, gesellige Stimmung. So wie er durch jenes Manuskript
mit dem Hause bekannt worden war, so fand er sich nun auch gleichsam
in seinem Erbteile wieder. Nun wuenschte er Mignon zu sehen; die
Freundin bat ihn, sich noch so lange zu gedulden, bis der Arzt, der in
die Nachbarschaft gerufen worden, wieder zurueckkaeme. Man kann
leicht denken, dass es derselbe kleine, taetige Mann war, den wir
schon kennen und dessen auch die "Bekenntnisse einer schoenen Seele"
erwaehnten.

"Da ich mich", fuhr Wilhelm fort, "mitten in jenem Familienkreis
befinde, so ist ja wohl der Abbe, dessen jene Schrift erwaehnt, auch
der wunderbare, unerklaerliche Mann, den ich in dem Hause Ihres
Bruders nach den seltsamsten Ereignissen wiedergefunden habe?
Vielleicht geben Sie mir einige naehere Aufschluesse ueber ihn?"

Natalie versetzte: "ueber ihn waere vieles zu sagen; wovon ich am
genauesten unterrichtet bin, ist der Einfluss, den er auf unsere
Erziehung gehabt hat. Er war, wenigstens eine Zeitlang, ueberzeugt,
dass die Erziehung sich nur an die Neigung anschliessen muesse; wie er
jetzt denkt, kann ich nicht sagen. Er behauptete: das Erste und
Letzte am Menschen sei Taetigkeit, und man koenne nichts tun, ohne die
Anlage dazu zu haben, ohne den Instinkt, der uns dazu treibe. "Man
gibt zu", pflegte er zu sagen, "dass Poeten geboren werden, man gibt
es bei allen Kuensten zu, weil man muss und weil jene Wirkungen der
menschlichen Natur kaum scheinbar nachgeaefft werden koennen; aber
wenn man es genau betrachtet, so wird jede, auch nur die geringste
Faehigkeit uns angeboren, und es gibt keine unbestimmte Faehigkeit.
Nur unsere zweideutige, zerstreute Erziehung macht die Menschen
ungewiss; sie erregt Wuensche, statt Triebe zu beleben, und anstatt
den wirklichen Anlagen aufzuhelfen, richtet sie das Streben nach
Gegenstaenden, die so oft mit der Natur, die sich nach ihnen bemueht,
nicht uebereinstimmen. Ein Kind, ein junger Mensch, die auf ihrem
eigenen Wege irregehen, sind mir lieber als manche, die auf fremdem
Wege recht wandeln. Finden jene, entweder durch sich selbst oder
durch Anleitung, den rechten Weg, das ist den, der ihrer Natur gemaess
ist, so werden sie ihn nie verlassen, anstatt dass diese jeden
Augenblick in Gefahr sind, ein fremdes Joch abzuschuetteln und sich
einer unbedingten Freiheit zu uebergeben.""

"Es ist sonderbar", sagte Wilhelm, "dass dieser merkwuerdige Mann auch
an mir teilgenommen und mich, wie es scheint, nach seiner Weise, wo
nicht geleitet, doch wenigstens eine Zeitlang in meinen Irrtuemern
gestaerkt hat. Wie er es kuenftig verantworten will, dass er in
Verbindung mit mehreren mich gleichsam zum besten hatte, muss ich wohl
mit Geduld erwarten."

"Ich habe mich nicht ueber diese Grille, wenn sie eine ist, zu
beklagen", sagte Natalie; "denn ich bin freilich unter meinen
Geschwistern am besten dabei gefahren. Auch seh ich nicht, wie mein
Bruder Lothario haette schoener ausgebildet werden koennen; nur haette
vielleicht meine gute Schwester, die Graefin, anders behandelt werden
sollen, vielleicht haette man ihrer Natur etwas mehr Ernst und Staerke
einfloessen koennen. Was aus Bruder Friedrich werden soll, laesst
sich gar nicht denken; ich fuerchte, er wird das Opfer dieser
paedagogischen Versuche werden."

"Sie haben noch einen Bruder?" rief Wilhelm.

"Ja!" versetzte Natalie, "und zwar eine sehr lustige, leichtfertige
Natur, und da man ihn nicht abgehalten hatte, in der Welt
herumzufahren, so weiss ich nicht, was aus diesem losen, lockern Wesen
werden soll. Ich habe ihn seit langer Zeit nicht gesehen. Das
einzige beruhigt mich, dass der Abbe und ueberhaupt die Gesellschaft
meines Bruders jederzeit unterrichtet sind, wo er sich aufhaelt und
was er treibt."

Wilhelm war eben im Begriff, Nataliens Gedanken sowohl ueber diese
Paradoxen zu erforschen als auch ueber die geheimnisvolle Gesellschaft
von ihr Aufschluesse zu begehren, als der Medikus hereintrat und nach
dem ersten Willkommen sogleich von Mignons Zustande zu sprechen anfing.

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