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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 8

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 8

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Natalie, die darauf den Felix bei der Hand nahm, sagte, sie wolle ihn
zu Mignon fuehren und das Kind auf die Erscheinung seines Freundes
vorbereiten.

Der Arzt war nunmehr mit Wilhelm allein und fuhr fort: "Ich habe Ihnen
wunderbare Dinge zu erzaehlen, die Sie kaum vermuten. Natalie laesst
uns Raum, damit wir freier von Dingen sprechen koennen, die, ob ich
sie gleich nur durch sie selbst erfahren konnte, doch in ihrer
Gegenwart so frei nicht abgehandelt werden duerften. Die sonderbare
Natur des guten Kindes, von dem jetzt die Rede ist, besteht beinah nur
aus einer tiefen Sehnsucht; das Verlangen, ihr Vaterland wiederzusehen,
und das Verlangen nach Ihnen, mein Freund, ist, moechte ich fast
sagen, das einzige Irdische an ihr; beides greift nur in eine
unendliche Ferne, beide Gegenstaende liegen unerreichbar vor diesem
einzigen Gemuet. Sie mag in der Gegend von Mailand zu Hause sein und
ist in sehr frueher Jugend durch eine Gesellschaft Seiltaenzer ihren
Eltern entfuehrt worden. Naeheres kann man von ihr nicht erfahren,
teils weil sie zu jung war, um Ort und Namen genau angeben zu koennen,
besonders aber weil sie einen Schwur getan hat, keinem lebendigen
Menschen ihre Wohnung und Herkunft naeher zu bezeichnen. Denn eben
jene Leute, die sie in der Irre fanden und denen sie ihre Wohnung so
genau beschrieb mit so dringenden Bitten, sie nach Hause zu fuehren,
nahmen sie nur desto eiliger mit sich fort und scherzten nachts in der
Herberge, da sie glaubten, das Kind schlafe schon, ueber den guten
Fang und beteuerten, dass es den Weg zurueck nicht wieder finden
sollte. Da ueberfiel das arme Geschoepf eine graessliche Verzweiflung,
in der ihm zuletzt die Mutter Gottes erschien und es versicherte,
dass sie sich seiner annehmen wolle. Es schwur darauf bei sich selbst
einen heiligen Eid, dass sie kuenftig niemand mehr vertrauen, niemand
ihre Geschichte erzaehlen und in der Hoffnung einer unmittelbaren
goettlichen Huelfe leben und sterben wolle. Selbst dieses, was ich
Ihnen hier erzaehle, hat sie Natalien nicht ausdruecklich vertraut;
unsere werte Freundin hat es aus einzelnen aeusserungen, aus Liedern
und kindlichen Unbesonnenheiten, die gerade das verraten, was sie
verschweigen wollen, zusammengereiht."

Wilhelm konnte sich nunmehr manches Lied, manches Wort dieses guten
Kindes erklaeren. Er bat seinen Freund aufs dringendste, ihm ja
nichts vorzuenthalten, was ihm von den sonderbaren Gesaengen und
Bekenntnissen des einzigen Wesens bekannt worden sei.

"Oh!" sagte der Arzt, "bereiten Sie sich auf ein sonderbares
Bekenntnis, auf eine Geschichte, an der Sie, ohne sich zu erinnern,
viel Anteil haben, die, wie ich fuerchte, fuer Tod und Leben dieses
guten Geschoepfs entscheidend ist."

"Lassen Sie mich hoeren", versetzte Wilhelm, "ich bin aeusserst
ungeduldig."




VIII. Buch, 3. Kapitel--2




"Erinnern Sie sich", sagte der Arzt, "eines geheimen, naechtlichen,
weiblichen Besuchs nach der Auffuehrung des "Hamlets"?"

"Ja, ich erinnere mich dessen wohl!" rief Wilhelm beschaemt, "aber ich
glaubte nicht, in diesem Augenblick daran erinnert zu werden."

"Wissen Sie, wer es war?"

"Nein! Sie erschrecken mich! Um's Himmels willen doch nicht Mignon?
Wer war's? Sagen Sie mir's!"

"Ich weiss es selbst nicht."

"Also nicht Mignon?"

"Nein, gewiss nicht! aber Mignon war im Begriff, sich zu Ihnen zu
schleichen, und musste aus einem Winkel mit Entsetzen sehen, dass eine
Nebenbuhlerin ihr zuvorkam."

"Eine Nebenbuhlerin!" rief Wilhelm aus. "Reden Sie weiter, Sie
verwirren mich ganz und gar."

"Sein Sie froh", sagte der Arzt, "dass Sie diese Resultate so schnell
von mir erfahren koennen. Natalie und ich, die wir doch nur einen
entferntern Anteil nehmen, wir waren genug gequaelt, bis wir den
verworrenen Zustand dieses guten Wesens, dem wir zu helfen wuenschten,
nur so deutlich einsehen konnten. Durch leichtsinnige Reden Philinens
und der andern Maedchen, durch ein gewisses Liedchen aufmerksam
gemacht, war ihr der Gedanke so reizend geworden, eine Nacht bei dem
Geliebten zuzubringen, ohne dass sie dabei etwas weiter als eine
vertrauliche, glueckliche Ruhe zu denken wusste. Die Neigung fuer Sie,
mein Freund, war in dem guten Herzen schon lebhaft und gewaltsam, in
Ihren Armen hatte das gute Kind schon von manchem Schmerz ausgeruht,
sie wuenschte sich nun dieses Glueck in seiner ganzen Fuelle. Bald
nahm sie sich vor, Sie freundlich darum zu bitten, bald hielt sie ein
heimlicher Schauder wieder davon zurueck. Endlich gab ihr der lustige
Abend und die Stimmung des haeufig genossenen Weins den Mut, das
Wagestueck zu versuchen und sich jene Nacht bei Ihnen einzuschleichen.
Schon war sie vorausgelaufen, um sich in der unverschlossenen Stube
zu verbergen, allein als sie eben die Treppe hinaufgekommen war,
hoerte sie ein Geraeusch; sie verbarg sich und sah ein weisses,
weibliches Wesen in Ihr Zimmer schleichen. Sie kamen selbst bald
darauf, und sie hoerte den grossen Riegel zuschieben.

Mignon empfand unerhoerte Qual, alle die heftigen Empfindungen einer
leidenschaftlichen Eifersucht mischten sich zu dem unbekannten
Verlangen einer dunkeln Begierde und griffen die halbentwickelte Natur
gewaltsam an. Ihr Herz, das bisher vor Sehnsucht und Erwartung
lebhaft geschlagen hatte, fing auf einmal an zu stocken und drueckte
wie eine bleierne Last ihren Busen, sie konnte nicht zu Atem kommen,
sie wusste sich nicht zu helfen, sie hoerte die Harfe des Alten, eilte
zu ihm unter das Dach und brachte die Nacht zu seinen Fuessen unter
entsetzlichen Zuckungen hin."

Der Arzt hielt einen Augenblick inne, und da Wilhelm stilleschwieg,
fuhr er fort: "Natalie hat mir versichert, es habe sie in ihrem Leben
nichts so erschreckt und angegriffen als der Zustand des Kindes bei
dieser Erzaehlung; ja unsere edle Freundin machte sich Vorwuerfe, dass
sie durch ihre Fragen und Anleitungen diese Bekenntnisse hervorgelockt
und durch die Erinnerung die lebhaften Schmerzen des guten Maedchens
so grausam erneuert habe.

"Das gute Geschoepf", so erzaehlte mir Natalie, "war kaum auf diesem
Punkte seiner Erzaehlung oder vielmehr seiner Antworten auf meine
steigenden Fragen, als es auf einmal vor mir niederstuerzte und, mit
der Hand am Busen, ueber den wiederkehrenden Schmerz jener
schrecklichen Nacht sich beklagte. Es wand sich wie ein Wurm an der
Erde, und ich musste alle meine Fassung zusammennehmen, um die Mittel,
die mir fuer Geist und Koerper unter diesen Umstaenden bekannt waren,
zu denken und anzuwenden.""

"Sie setzen mich in eine baengliche Lage", rief Wilhelm, "indem Sie
mich eben im Augenblicke, da ich das liebe Geschoepf wiedersehen soll,
mein vielfaches Unrecht gegen dasselbe so lebhaft fuehlen lassen.
Soll ich sie sehen, warum nehmen Sie mir den Mut, ihr mit Freiheit
entgegenzutreten? Und soll ich Ihnen gestehen: da ihr Gemuet so
gestimmt ist, so seh ich nicht ein, was meine Gegenwart helfen soll?
Sind Sie als Arzt ueberzeugt, dass jene doppelte Sehnsucht ihre Natur
so weit untergraben hat, dass sie sich vom Leben abzuscheiden droht,
warum soll ich durch meine Gegenwart ihre Schmerzen erneuern und
vielleicht ihr Ende beschleunigen?"

"Mein Freund!" versetzte der Arzt, "wo wir nicht helfen koennen, sind
wir doch schuldig zu lindern, und wie sehr die Gegenwart eines
geliebten Gegenstandes der Einbildungskraft ihre zerstoerende Gewalt
nimmt und die Sehnsucht in ein ruhiges Schauen verwandelt, davon habe
ich die wichtigsten Beispiele. Alles mit Mass und Ziel! Denn ebenso
kann die Gegenwart eine verloeschende Leidenschaft wieder anfachen.
Sehen Sie das gute Kind, betragen Sie sich freundlich, und lassen Sie
uns abwarten, was daraus entsteht."

Natalie kam eben zurueck und verlangte, dass Wilhelm ihr zu Mignon
folgen sollte. "Sie scheint mit Felix ganz gluecklich zu sein und
wird den Freund, hoffe ich, gut empfangen." Wilhelm folgte nicht ohne
einiges Widerstreben; er war tief geruehrt von dem, was er vernommen
hatte, und fuerchtete eine leidenschaftliche Szene. Als er hereintrat,
ergab sich gerade das Gegenteil.

Mignon im langen weissen Frauengewande, teils mit lockigen, teils
aufgebundenen reichen braunen Haaren, sass, hatte Felix auf dem
Schosse und drueckte ihn an ihr Herz; sie sah voellig aus wie ein
abgeschiedner Geist, und der Knabe wie das Leben selbst; es schien,
als wenn Himmel und Erde sich umarmten. Sie reichte Wilhelmen
laechelnd die Hand und sagte: "Ich danke dir, dass du mir das Kind
wiederbringst; sie hatten ihn, Gott weiss wie, entfuehrt, und ich
konnte nicht leben zeither. Solange mein Herz auf der Erde noch etwas
bedarf, soll dieser die Luecke ausfuellen."

Die Ruhe, womit Mignon ihren Freund empfangen hatte, versetzte die
Gesellschaft in grosse Zufriedenheit. Der Arzt verlangte, dass
Wilhelm sie oefters sehen und dass man sie sowohl koerperlich als
geistig im Gleichgewicht erhalten sollte. Er selbst entfernte sich
und versprach, in kurzer Zeit wiederzukommen.

Wilhelm konnte nun Natalien in ihrem Kreise beobachten: man haette
sich nichts Besseres gewuenscht, als neben ihr zu leben. Ihre
Gegenwart hatte den reinsten Einfluss auf junge Maedchen und
Frauenzimmer von verschiedenem Alter, die teils in ihrem Hause wohnten,
teils aus der Nachbarschaft sie mehr oder weniger zu besuchen kamen.

"Der Gang Ihres Lebens", sagte Wilhelm einmal zu ihr, "ist wohl immer
sehr gleich gewesen? Denn die Schilderung, die Ihre Tante von Ihnen
als Kind macht, scheint, wenn ich nicht irre, noch immer zu passen.
Sie haben sich, man fuehlt es Ihnen wohl an, nie verwirrt. Sie waren
nie genoetigt, einen Schritt zurueck zu tun."

"Das bin ich meinem Oheim und dem Abbe schuldig", versetzte Natalie,
"die meine Eigenheiten so gut zu beurteilen wussten. Ich erinnere
mich von Jugend an kaum eines lebhaftern Eindrucks, als dass ich
ueberall die Beduerfnisse der Menschen sah und ein unueberwindliches
Verlangen empfand, sie auszugleichen. Das Kind, das noch nicht auf
seinen Fuessen stehen konnte, der Alte, der sich nicht mehr auf den
seinigen erhielt, das Verlangen einer reichen Familie nach Kindern,
die Unfaehigkeit einer armen, die ihrigen zu erhalten, jedes stille
Verlangen nach einem Gewerbe, den Trieb zu einem Talente, die Anlagen
zu hundert kleinen, notwendigen Faehigkeiten, diese ueberall zu
entdecken, schien mein Auge von der Natur bestimmt. Ich sah, worauf
mich niemand aufmerksam gemacht hatte; ich schien aber auch nur
geboren, um das zu sehen. Die Reize der leblosen Natur, fuer die so
viele Menschen aeusserst empfaenglich sind, hatten keine Wirkung auf
mich, beinah noch weniger die Reize der Kunst; meine angenehmste
Empfindung war und ist es noch, wenn sich mir ein Mangel, ein
Beduerfnis in der Welt darstellte, sogleich im Geiste einen Ersatz,
ein Mittel, eine Huelfe aufzufinden.

Sah ich einen Armen in Lumpen, so fielen mir die ueberfluessigen
Kleider ein, die ich in den Schraenken der Meinigen hatte haengen
sehen; sah ich Kinder, die sich ohne Sorgfalt und ohne Pflege
verzehrten, so erinnerte ich mich dieser oder jener Frau, der ich, bei
Reichtum und Bequemlichkeit, Langeweile abgemerkt hatte; sah ich viele
Menschen in einem engen Raume eingesperrt, so dachte ich, sie muessten
in die grossen Zimmer mancher Haeuser und Palaeste einquartiert werden.
Diese Art zu sehen war bei mir ganz natuerlich, ohne die mindeste
Reflexion, so dass ich darueber als Kind das wunderlichste Zeug von
der Welt machte und mehr als einmal durch die sonderbarsten Antraege
die Menschen in Verlegenheit setzte. Noch eine Eigenheit war es, dass
ich das Geld nur mit Muehe und spaet als ein Mittel, die Beduerfnisse
zu befriedigen, ansehen konnte; alle meine Wohltaten bestanden in
Naturalien, und ich weiss, dass oft genug ueber mich gelacht worden
ist. Nur der Abbe schien mich zu verstehen, er kam mir ueberall
entgegen, er machte mich mit mir selbst, mit diesen Wuenschen und
Neigungen bekannt und lehrte mich sie zweckmaessig befriedigen."

"Haben Sie denn", fragte Wilhelm, "bei der Erziehung Ihrer kleinen
weiblichen Welt auch die Grundsaetze jener sonderbaren Maenner
angenommen? lassen Sie denn auch jede Natur sich selbst ausbilden?
lassen Sie denn auch die Ihrigen suchen und irren, Missgriffe tun,
sich gluecklich am Ziele finden oder ungluecklich in die Irre
verlieren?"

"Nein!" sagte Natalie, "diese Art, mit Menschen zu handeln, wuerde
ganz gegen meine Gesinnungen sein. Wer nicht im Augenblick hilft,
scheint mir nie zu helfen; wer nicht im Augenblicke Rat gibt, nie zu
raten. Ebenso noetig scheint es mir, gewisse Gesetze auszusprechen
und den Kindern einzuschaerfen, die dem Leben einen gewissen Halt
geben. Ja, ich moechte beinah behaupten: es sei besser, nach Regeln
zu irren, als zu irren, wenn uns die Willkuer unserer Natur hin und
her treibt; und wie ich die Menschen sehe, scheint mir in ihrer Natur
immer eine Luecke zu bleiben, die nur durch ein entschieden
ausgesprochenes Gesetz ausgefuellt werden kann."

"So ist also Ihre Handlungsweise", sagte Wilhelm, "voellig von jener
verschieden, welche unsere Freunde beobachten?"

"Ja!" versetzte Natalie, "Sie koennen aber hieraus die unglaubliche
Toleranz jener Maenner sehen, dass sie eben auch mich auf meinem Wege,
gerade deswegen, weil es mein Weg ist, keinesweges stoeren, sondern
mir in allem, was ich nur wuenschen kann, entgegenkommen."

Einen umstaendlichern Bericht, wie Natalie mit ihren Kindern verfuhr,
versparen wir auf eine andere Gelegenheit.

Mignon verlangte oft, in der Gesellschaft zu sein, und man vergoennte
es ihr um so lieber, als sie sich nach und nach wieder an Wilhelmen zu
gewoehnen, ihr Herz gegen ihn aufzuschliessen und ueberhaupt heiterer
und lebenslustiger zu werden schien. Sie hing sich beim
Spazierengehen, da sie leicht muede ward, gern an seinen Arm. "Nun",
sagte sie, "Mignon klettert und springt nicht mehr, und doch fuehlt
sie noch immer die Begierde, ueber die Gipfel der Berge wegzuspazieren,
von einem Hause aufs andere, von einem Baume auf den andern zu
schreiten. Wie beneidenswert sind die Voegel, besonders wenn sie so
artig und vertraulich ihre Nester bauen."

Es ward nun bald zur Gewohnheit, dass Mignon ihren Freund mehr als
einmal in den Garten lud. War dieser beschaeftigt oder nicht zu
finden, so musste Felix die Stelle vertreten, und wenn das gute
Maedchen in manchen Augenblicken ganz von der Erde los schien, so
hielt sie sich in andern gleichsam wieder fest an Vater und Sohn und
schien eine Trennung von diesen mehr als alles zu fuerchten.

Natalie schien nachdenklich. "Wir haben gewuenscht, durch Ihre
Gegenwart", sagte sie, "das arme gute Herz wieder aufzuschliessen; ob
wir wohlgetan haben, weiss ich nicht." Sie schwieg und schien zu
erwarten, dass Wilhelm etwas sagen sollte. Auch fiel ihm ein, dass
durch seine Verbindung mit Theresen Mignon unter den gegenwaertigen
Umstaenden aufs aeusserste gekraenkt werden muesse, allein er getraute
sich in seiner Ungewissheit nichts von diesem Vorhaben zu sprechen, er
vermutete nicht, dass Natalie davon unterrichtet sei.

Ebensowenig konnte er mit Freiheit des Geistes die Unterredung
verfolgen, wenn seine edle Freundin von ihrer Schwester sprach, ihre
guten Eigenschaften ruehmte und ihren Zustand bedauerte. Er war nicht
wenig verlegen, als Natalie ihm ankuendigte, dass er die Graefin bald
hier sehen werde. "Ihr Gemahl", sagte sie, "hat nun keinen andern
Sinn, als den abgeschiedenen Grafen in der Gemeinde zu ersetzen, durch
Einsicht und Taetigkeit diese grosse Anstalt zu unterstuetzen und
weiter aufzubauen. Er kommt mit ihr zu uns, um eine Art von Abschied
zu nehmen; er wird nachher die verschiedenen Orte besuchen, wo die
Gemeinde sich niedergelassen hat; man scheint ihn nach seinen
Wuenschen zu behandeln, und fast glaub ich, er wagt mit meiner armen
Schwester eine Reise nach Amerika, um ja seinem Vorgaenger recht
aehnlich zu werden; und da er einmal schon beinah ueberzeugt ist, dass
ihm nicht viel fehle, ein Heiliger zu sein, so mag ihm der Wunsch
manchmal vor der Seele schweben, womoeglich zuletzt auch noch als
Maertyrer zu glaenzen."




VIII. Buch, 4. Kapitel




Viertes Kapitel

Oft genug hatte man bisher von Fraeulein Therese gesprochen, oft genug
ihrer im Vorbeigehen erwaehnt, und fast jedesmal war Wilhelm im
Begriff, seiner neuen Freundin zu bekennen, dass er jenem trefflichen
Frauenzimmer sein Herz und seine Hand angeboten habe. Ein gewisses
Gefuehl, das er sich nicht erklaeren konnte, hielt ihn zurueck; er
zauderte so lange, bis endlich Natalie selbst mit dem himmlischen,
bescheidnen, heitern Laecheln, das man an ihr zu sehen gewohnt war, zu
ihm sagte: "So muss ich denn doch zuletzt das Stillschweigen brechen
und mich in Ihr Vertrauen gewaltsam eindraengen! Warum machen Sie mir
ein Geheimnis, mein Freund, aus einer Angelegenheit, die Ihnen so
wichtig ist und die mich selbst so nahe angeht? Sie haben meiner
Freundin Ihre Hand angeboten; ich mische mich nicht ohne Beruf in
diese Sache, hier ist meine Legitimation! hier ist der Brief, den sie
Ihnen schreibt, den sie durch mich Ihnen sendet."

"Einen Brief von Theresen!" rief er aus.

"Ja, mein Herr! und Ihr Schicksal ist entschieden, Sie sind gluecklich.
Lassen Sie mich Ihnen und meiner Freundin Glueck wuenschen."

Wilhelm verstummte und sah vor sich hin. Natalie sah ihn an; sie
bemerkte, dass er blass ward. "Ihre Freude ist stark", fuhr sie fort,
"sie nimmt die Gestalt des Schreckens an, sie raubt Ihnen die Sprache.
Mein Anteil ist darum nicht weniger herzlich, weil er mich noch zum
Worte kommen laesst. Ich hoffe, Sie werden dankbar sein, denn ich
darf Ihnen sagen: mein Einfluss auf Theresens Entschliessung war nicht
gering; sie fragte mich um Rat, und sonderbarerweise waren Sie eben
hier, ich konnte die wenigen Zweifel, die meine Freundin noch hegte,
gluecklich besiegen, die Boten gingen lebhaft hin und wider; hier ist
ihr Entschluss! hier ist die Entwickelung! Und nun sollen Sie alle
ihre Briefe lesen, Sie sollen in das schoene Herz Ihrer Braut einen
freien, reinen Blick tun."

Wilhelm entfaltete das Blatt, das sie ihm unversiegelt ueberreichte;
es enthielt die freundlichen Worte:

"Ich bin die Ihre, wie ich bin und wie Sie mich kennen. Ich nenne Sie
den Meinen, wie Sie sind und wie ich Sie kenne. Was an uns selbst,
was an unsern Verhaeltnissen der Ehestand veraendert, werden wir durch
Vernunft, frohen Mut und guten Willen zu uebertragen wissen. Da uns
keine Leidenschaft, sondern Neigung und Zutrauen zusammenfuehrt, so
wagen wir weniger als tausend andere. Sie verzeihen mir gewiss, wenn
ich mich manchmal meines alten Freundes herzlich erinnere; dafuer will
ich Ihren Sohn als Mutter an meinen Busen druecken. Wollen Sie mein
kleines Haus sogleich mit mir teilen, so sind Sie Herr und Meister,
indessen wird der Gutskauf abgeschlossen. Ich wuenschte, dass dort
keine neue Einrichtung ohne mich gemacht wuerde, um sogleich zu zeigen,
dass ich das Zutrauen verdiene, das Sie mir schenken. Leben Sie wohl,
lieber, lieber Freund! geliebter Braeutigam, verehrter Gatte!
Therese drueckt Sie an ihre Brust mit Hoffnung und Lebensfreude.
Meine Freundin wird Ihnen mehr, wird Ihnen alles sagen."

Wilhelm, dem dieses Blatt seine Therese wieder voellig
vergegenwaertigt hatte, war auch wieder voellig zu sich selbst
gekommen. Unter dem Lesen wechselten die schnellsten Gedanken in
seiner Seele. Mit Entsetzen fand er lebhafte Spuren einer Neigung
gegen Natalien in seinem Herzen; er schalt sich, er erklaerte jeden
Gedanken der Art fuer Unsinn, er stellte sich Theresen in ihrer ganzen
Vollkommenheit vor, er las den Brief wieder, er ward heiter, oder
vielmehr er erholte sich so weit, dass er heiter scheinen konnte.
Natalie legte ihm die gewechselten Briefe vor, aus denen wir einige
Stellen ausziehen wollen.

Nachdem Therese ihren Braeutigam nach ihrer Art geschildert hatte,
fuhr sie fort:

"So stelle ich mir den Mann vor, der mir jetzt seine Hand anbietet.
Wie er von sich selbst denkt, wirst du kuenftig aus den Papieren sehen,
in welchen er sich mir ganz offen beschreibt; ich bin ueberzeugt,
dass ich mit ihm gluecklich sein werde."

"Was den Stand betrifft, so weisst du, wie ich von jeher drueber
gedacht habe. Einige Menschen fuehlen die Missverhaeltnisse der
aeussern Zustaende fuerchterlich und koennen sie nicht uebertragen.
Ich will niemanden ueberzeugen, so wie ich nach meiner ueberzeugung
handeln will. Ich denke kein Beispiel zu geben, wie ich doch nicht
ohne Beispiel handle. Mich aengstigen nur die innern
Missverhaeltnisse, ein Gefaess, das sich zu dem, was es enthalten soll,
nicht schickt; viel Prunk und wenig Genuss, Reichtum und Geiz, Adel
und Roheit, Jugend und Pedanterei, Beduerfnis und Zeremonien, diese
Verhaeltnisse waeren's, die mich vernichten koennten, die Welt mag sie
stempeln und schaetzen, wie sie will."

"Wenn ich hoffe, dass wir zusammen passen werden, so gruende ich
meinen Ausspruch vorzueglich darauf, dass er dir, liebe Natalie, die
ich so unendlich schaetze und verehre, dass er dir aehnlich ist. Ja,
er hat von dir das edle Suchen und Streben nach dem Bessern, wodurch
wir das Gute, das wir zu finden glauben, selbst hervorbringen. Wie
oft habe ich dich nicht im stillen getadelt, dass du diesen oder jenen
Menschen anders behandeltest, dass du in diesem oder jenem Fall dich
anders betrugst, als ich wuerde getan haben, und doch zeigte der
Ausgang meist, dass du recht hattest. "Wenn wir", sagtest du, "die
Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn
wir sie behandeln, als waeren sie, was sie sein sollten, so bringen
wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind." Ich kann weder so sehen
noch handeln, das weiss ich recht gut. Einsicht, Ordnung, Zucht,
Befehl, das ist meine Sache. Ich erinnere mich noch wohl, was Jarno
sagte: "Therese dressiert ihre Zoeglinge, Natalie bildet sie." Ja, er
ging so weit, dass er mir einst die drei schoenen Eigenschaften:
Glaube, Liebe und Hoffnung voellig absprach. "Statt des Glaubens",
sagte er, "hat sie die Einsicht, statt der Liebe die Beharrlichkeit
und statt der Hoffnung das Zutrauen." Auch will ich dir gerne
gestehen, eh ich dich kannte, kannte ich nichts Hoeheres in der Welt
als Klarheit und Klugheit; nur deine Gegenwart hat mich ueberzeugt,
belebt, ueberwunden, und deiner schoenen, hohen Seele tret ich gerne
den Rang ab. Auch meinen Freund verehre ich in ebendemselben Sinn;
seine Lebensbeschreibung ist ein ewiges Suchen und Nichtfinden; aber
nicht das leere Suchen, sondern das wunderbare, gutmuetige Suchen
begabt ihn, er waehnt, man koenne ihm das geben, was nur von ihm
kommen kann. So, meine Liebe, schadet mir auch diesmal meine Klarheit
nichts; ich kenne meinen Gatten besser, als er sich selbst kennt, und
ich achte ihn nur um desto mehr. Ich sehe ihn, aber ich uebersehe ihn
nicht, und alle meine Einsicht reicht nicht hin zu ahnen, was er
wirken kann. Wenn ich an ihn denke, vermischt sich sein Bild immer
mit dem deinigen, und ich weiss nicht, wie ich es wert bin, zwei
solchen Menschen anzugehoeren. Aber ich will es wert sein dadurch,
dass ich meine Pflicht tue, dadurch, dass ich erfuelle, was man von
mir erwarten und hoffen kann."

"Ob ich Lotharios gedenke? Lebhaft und taeglich. Ihn kann ich in der
Gesellschaft, die mich im Geiste umgibt, nicht einen Augenblick missen.
O wie bedaure ich den trefflichen Mann, der durch einen Jugendfehler
mit mir verwandt ist, dass die Natur ihn dir so nahe gewollt hat.
Wahrlich, ein Wesen wie du waere seiner mehr wert als ich. Dir koennt
ich, dir muesst ich ihn abtreten. Lass uns ihm sein, was nur moeglich
ist, bis er eine wuerdige Gattin findet, und auch dann lass uns
zusammen sein und zusammen bleiben."

"Was werden nun aber unsre Freunde sagen?" begann Natalie.--"Ihr
Bruder weiss nichts davon?"--"Nein! sowenig als die Ihrigen, die Sache
ist diesmal nur unter uns Weibern verhandelt worden. Ich weiss nicht,
was Lydie Theresen fuer Grillen in den Kopf gesetzt hat; sie scheint
dem Abbe und Jarno zu misstrauen. Lydie hat ihr gegen gewisse geheime
Verbindungen und Plane, von denen ich wohl im allgemeinen weiss, in
die ich aber niemals einzudringen gedachte, wenigstens einigen Argwohn
eingefloesst, und bei diesem entscheidenden Schritt ihres Lebens
wollte sie niemand als mir einigen Einfluss verstatten. Mit meinem
Bruder war sie schon frueher uebereingekommen, dass sie sich
wechselsweise ihre Heirat nur melden, sich darueber nicht zu Rate
ziehen wollten."

Natalie schrieb nun einen Brief an ihren Bruder, sie lud Wilhelmen ein,
einige Worte dazuzusetzen, Therese hatte sie darum gebeten. Man
wollte eben siegeln, als Jarno sich unvermutet anmelden liess. Aufs
freundlichste ward er empfangen, auch schien er sehr munter und
scherzhaft und konnte endlich nicht unterlassen, zu sagen: "Eigentlich
komme ich hieher, um Ihnen eine sehr wunderbare, doch angenehme
Nachricht zu bringen; sie betrifft unsere Therese. Sie haben uns
manchmal getadelt, schoene Natalie, dass wir uns um so vieles
bekuemmern; nun aber sehen Sie, wie gut es ist, ueberall seine Spione
zu haben. Raten Sie, und lassen Sie uns einmal Ihre Sagazitaet sehen!"

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