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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 8

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 8

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Die Selbstgefaelligkeit, womit er diese Worte aussprach, die
schalkhafte Miene, womit er Wilhelmen und Natalien ansah, ueberzeugten
beide, dass ihr Geheimnis entdeckt sei. Natalie antwortete laechelnd:
"Wir sind viel kuenstlicher, als Sie denken, wir haben die Aufloesung
des Raetsels, noch ehe es uns aufgegeben wurde, schon zu Papiere
gebracht."

Sie ueberreichte ihm mit diesen Worten den Brief an Lothario und war
zufrieden, der kleinen ueberraschung und Beschaemung, die man ihnen
zugedacht hatte, auf diese Weise zu begegnen. Jarno nahm das Blatt
mit einiger Verwunderung, ueberlief es nur, staunte, liess es aus der
Hand sinken und sah sie beide mit grossen Augen, mit einem Ausdruck
der ueberraschung, ja des Entsetzens an, den man auf seinem Gesichte
nicht gewohnt war. Er sagte kein Wort.

Wilhelm und Natalie waren nicht wenig betroffen, Jarno ging in der
Stube auf und ab. "Was soll ich sagen?" rief er aus, "oder soll ich's
sagen? Es kann kein Geheimnis bleiben, die Verwirrung ist nicht zu
vermeiden. Also denn Geheimnis gegen Geheimnis! ueberraschung gegen
ueberraschung! Therese ist nicht die Tochter ihrer Mutter! Das
Hindernis ist gehoben: ich komme hierher, Sie zu bitten, das edle
Maedchen zu einer Verbindung mit Lothario vorzubereiten."

Jarno sah die Bestuerzung der beiden Freunde, welche die Augen zur
Erde niederschlugen. "Dieser Fall ist einer von denen", sagte er,
"die sich in Gesellschaft am schlechtesten ertragen lassen. Was jedes
dabei zu denken hat, denkt es am besten in der Einsamkeit; ich
wenigstens erbitte mir auf eine Stunde Urlaub." Er eilte in den
Garten, Wilhelm folgte ihm mechanisch, aber in der Ferne.

Nach Verlauf einer Stunde fanden sie sich wieder zusammen. Wilhelm
nahm das Wort und sagte: "Sonst, da ich ohne Zweck und Plan leicht, ja
leichtfertig lebte, kamen mir Freundschaft, Liebe, Neigung, Zutrauen
mit offenen Armen entgegen, ja sie draengten sich zu mir; jetzt, da es
Ernst wird, scheint das Schicksal mit mir einen andern Weg zu nehmen.
Der Entschluss, Theresen meine Hand anzubieten, ist vielleicht der
erste, der ganz rein aus mir selbst kommt. Mit ueberlegung machte ich
meinen Plan, meine Vernunft war voellig damit einig, und durch die
Zusage des trefflichen Maedchens wurden alle meine Hoffnungen erfuellt.
Nun drueckt das sonderbarste Geschick meine ausgestreckte Hand
nieder. Therese reicht mir die ihrige von ferne, wie im Traume, ich
kann sie nicht fassen, und das schoene Bild verlaesst mich auf ewig.
So lebe denn wohl, du schoenes Bild! und ihr Bilder der reichsten
Glueckseligkeit, die ihr euch darum her versammelt!"

Er schwieg einen Augenblick still, sah vor sich hin, und Jarno wollte
reden. "Lassen Sie mich noch etwas sagen", fiel Wilhelm ihm ein;
"denn um mein ganzes Geschick wird ja doch diesmal das Los geworfen.
In diesem Augenblick kommt mir der Eindruck zu Huelfe, den Lotharios
Gegenwart beim ersten Anblick mir einpraegte und der mir bestaendig
geblieben ist. Dieser Mann verdient jede Art von Neigung und
Freundschaft, und ohne Aufopferung laesst sich keine Freundschaft
denken. Um seinetwillen war es mir leicht, ein unglueckliches
Maedchen zu betoeren, um seinetwillen soll mir moeglich werden, der
wuerdigsten Braut zu entsagen. Gehen Sie hin, erzaehlen Sie ihm die
sonderbare Geschichte, und sagen Sie ihm, wozu ich bereit bin."

Jarno versetzte hierauf: "In solchen Faellen, halte ich dafuer ist
schon alles getan, wenn man sich nur nicht uebereilt. Lassen Sie uns
keinen Schritt ohne Lotharios Einwilligung tun! Ich will zu ihm,
erwarten Sie meine Zurueckkunft oder seine Briefe ruhig."

Er ritt weg und hinterliess die beiden Freunde in der groessten Wehmut.
Sie hatten Zeit, sich diese Begebenheit auf mehr als eine Weise zu
wiederholen und ihre Bemerkungen darueber zu machen. Nun fiel es
ihnen erst auf, dass sie diese wunderbare Erklaerung so gerade von
Jarno angenommen und sich nicht um die naehern Umstaende erkundigt
hatten. Ja Wilhelm wollte sogar einigen Zweifel hegen; aber aufs
hoechste stieg ihr Erstaunen, ja ihre Verwirrung, als den andern Tag
ein Bote von Theresen ankam, der folgenden sonderbaren Brief an
Natalien mitbrachte:

"So seltsam es auch scheinen mag, so muss ich doch meinem vorigen
Briefe sogleich noch einen nachsenden und dich ersuchen, mir meinen
Braeutigam eilig zu schicken. Er soll mein Gatte werden, was man auch
fuer Plane macht, mir ihn zu rauben. Gib ihm inliegenden Brief! Nur
vor keinem Zeugen, es mag gegenwaertig sein, wer will."

Der Brief an Wilhelmen enthielt folgendes: "Was werden Sie von Ihrer
Therese denken, wenn sie auf einmal leidenschaftlich auf eine
Verbindung dringt, die der ruhigste Verstand nur eingeleitet zu haben
schien? Lassen Sie sich durch nichts abhalten, gleich nach dem
Empfang des Briefes abzureisen. Kommen Sie, lieber, lieber Freund,
nun dreifach Geliebter, da man mir Ihren Besitz rauben oder wenigstens
erschweren will."

"Was ist zu tun?" rief Wilhelm aus, als er diesen Brief gelesen hatte.

"Noch in keinem Fall", versetzte Natalie nach einigem Nachdenken, "hat
mein Herz und mein Verstand so geschwiegen als in diesem; ich wuesste
nichts zu tun, so wie ich nichts zu raten weiss."

"Waere es moeglich?" rief Wilhelm mit Heftigkeit aus, "dass Lothario
selbst nichts davon wuesste, oder wenn er davon weiss, dass er mit uns
das Spiel versteckter Plane waere? Hat Jarno, indem er unsern Brief
gesehen, das Maerchen aus dem Stegreife erfunden? Wuerde er uns was
anders gesagt haben, wenn wir nicht zu voreilig gewesen waeren? Was
kann man wollen? Was fuer Absichten kann man haben? Was kann Therese
fuer einen Plan meinen? Ja, es laesst sich nicht leugnen, Lothario
ist von geheimen Wirkungen und Verbindungen umgeben, ich habe selbst
erfahren, dass man taetig ist, dass man sich in einem gewissen Sinne
um die Handlungen, um die Schicksale mehrerer Menschen bekuemmert und
sie zu leiten weiss. Von den Endzwecken dieser Geheimnisse verstehe
ich nichts, aber diese neueste Absicht, mir Theresen zu entreissen,
sehe ich nur allzu deutlich. Auf einer Seite malt man mir das
moegliche Glueck Lotharios, vielleicht nur zum Scheine, vor; auf der
andern sehe ich meine Geliebte, meine verehrte Braut, die mich an ihr
Herz ruft. Was soll ich tun? Was soll ich unterlassen?"

"Nur ein wenig Geduld!" sagte Natalie, "nur eine kurze Bedenkzeit! In
dieser sonderbaren Verknuepfung weiss ich nur so viel, dass wir das,
was unwiederbringlich ist, nicht uebereilen sollen. Gegen ein
Maerchen, gegen einen kuenstlichen Plan stehen Beharrlichkeit und
Klugheit uns bei; es muss sich bald aufklaeren, ob die Sache wahr oder
ob sie erfunden ist. Hat mein Bruder wirklich Hoffnung, sich mit
Theresen zu verbinden, so waere es grausam, ihm ein Glueck auf ewig zu
entreissen in dem Augenblicke, da es ihm so freundlich erscheint.
Lassen Sie uns nur abwarten, ob er etwas davon weiss, ob er selbst
glaubt, ob er selbst hofft."

Diesen Gruenden ihres Rats kam gluecklicherweise ein Brief von
Lothario zu Huelfe: "Ich schicke Jarno nicht wieder zurueck", schrieb
er; "von meiner Hand eine Zeile ist dir mehr als die umstaendlichsten
Worte eines Boten. Ich bin gewiss, dass Therese nicht die Tochter
ihrer Mutter ist, und ich kann die Hoffnung, sie zu besitzen, nicht
aufgeben, bis sie auch ueberzeugt ist und alsdann zwischen mir und dem
Freunde mit ruhiger ueberlegung entscheidet. Lass ihn, ich bitte dich,
nicht von deiner Seite! Das Glueck, das Leben eines Bruders haengt
davon ab. Ich verspreche dir, diese Ungewissheit soll nicht lange
dauern."

"Sie sehen, wie die Sache steht", sagte sie freundlich zu Wilhelmen;
"geben Sie mir Ihr Ehrenwort, nicht aus dem Hause zu gehen."

"Ich gebe es!" rief er aus, indem er ihr die Hand reichte, "ich will
dieses Haus wider Ihren Willen nicht verlassen. Ich danke Gott und
meinem guten Geist, dass ich diesmal geleitet werde, und zwar von
Ihnen."

Natalie schrieb Theresen den ganzen Verlauf und erklaerte, dass sie
ihren Freund nicht von sich lassen werde; sie schickte zugleich
Lotharios Brief mit.

Therese antwortete: "Ich bin nicht wenig verwundert, dass Lothario
selbst ueberzeugt ist, denn gegen seine Schwester wird er sich nicht
auf diesen Grad verstellen. Ich bin verdriesslich, sehr verdriesslich.
Es ist besser, ich sage nichts weiter. Am besten ist's, ich komme
zu dir, wenn ich nur erst die arme Lydie untergebracht habe, mit der
man grausam umgeht. Ich fuerchte, wir sind alle betrogen und werden
so betrogen, um nie ins klare zu kommen. Wenn der Freund meinen Sinn
haette, so entschluepfte er dir doch und wuerfe sich an das Herz
seiner Therese, die ihm dann niemand entreissen sollte; aber ich
fuerchte, ich soll ihn verlieren und Lothario nicht wiedergewinnen.
Diesem entreisst man Lydien, indem man ihm die Hoffnung, mich besitzen
zu koennen, von weitem zeigt. Ich will nichts weiter sagen, die
Verwirrung wird noch groesser werden. Ob nicht indessen die
schoensten Verhaeltnisse so verschoben, so untergraben und so
zerruettet werden, dass auch dann, wenn alles im klaren sein wird,
doch nicht wieder zu helfen ist, mag die Zeit lehren. Reisst sich
mein Freund nicht los, so komme ich in wenigen Tagen, um ihn bei dir
aufzusuchen und festzuhalten. Du wunderst dich, wie diese
Leidenschaft sich deiner Therese bemaechtiget hat. Es ist keine
Leidenschaft, es ist ueberzeugung, dass, da Lothario nicht mein werden
konnte, dieser neue Freund das Glueck meines Lebens machen wird. Sag
ihm das im Namen des kleinen Knaben, der mit ihm unter der Eiche sass
und sich seiner Teilnahme freute! Sag ihm das im Namen Theresens, die
seinem Antrage mit einer herzlichen Offenheit entgegenkam! Mein
erster Traum, wie ich mit Lothario leben wuerde, ist weit von meiner
Seele weggerueckt; der Traum, wie ich mit meinem neuen Freund zu leben
gedachte, steht noch ganz gegenwaertig vor mir. Achtet man mich so
wenig, dass man glaubt, es sei so was Leichtes, diesen mit jenem aus
dem Stegreife wieder umzutauschen?"

"Ich verlasse mich auf Sie", sagte Natalie zu Wilhelmen, indem sie ihm
den Brief Theresens gab; "Sie entfliehen mir nicht. Bedenken Sie,
dass Sie das Glueck meines Lebens in Ihrer Hand haben! Mein Dasein
ist mit dem Dasein meines Bruders so innig verbunden und verwurzelt,
dass er keine Schmerzen fuehlen kann, die ich nicht empfinde, keine
Freude, die nicht auch mein Glueck macht. Ja ich kann wohl sagen,
dass ich allein durch ihn empfunden habe, dass das Herz geruehrt und
erhoben, dass auf der Welt Freude, Liebe und ein Gefuehl sein kann,
das ueber alles Beduerfnis hinaus befriedigt."

Sie hielt inne, Wilhelm nahm ihre Hand und rief: "O fahren Sie fort!
Es ist die rechte Zeit zu einem wahren, wechselseitigen Vertrauen; wir
haben nie noetiger gehabt, uns genauer zu kennen."

"Ja, mein Freund!" sagte sie laechelnd mit ihrer ruhigen, sanften,
unbeschreiblichen Hoheit, "es ist vielleicht nicht ausser der Zeit,
wenn ich Ihnen sage, dass alles, was uns so manches Buch, was uns die
Welt als Liebe nennt und zeigt, mir immer nur als ein Maerchen
erschienen sei."

"Sie haben nicht geliebt?" rief Wilhelm aus.

"Nie oder immer!" versetzte Natalie.




VIII. Buch, 5. Kapitel--1




Fuenftes Kapitel

Sie waren unter diesem Gespraech im Garten auf und ab gegangen,
Natalie hatte verschiedene Blumen von seltsamer Gestalt gebrochen, die
Wilhelmen voellig unbekannt waren und nach deren Namen er fragte.

"Sie vermuten wohl nicht", sagte Natalie, "fuer wen ich diesen Strauss
pfluecke? Er ist fuer meinen Oheim bestimmt, dem wir einen Besuch
machen wollen. Die Sonne scheint eben so lebhaft nach dem Saale der
Vergangenheit, ich muss Sie diesen Augenblick hineinfuehren, und ich
gehe niemals hin, ohne einige von den Blumen, die mein Oheim besonders
beguenstigte, mitzubringen. Er war ein sonderbarer Mann und der
eigensten Eindruecke faehig. Fuer gewisse Pflanzen und Tiere, fuer
gewisse Menschen und Gegenden, ja sogar zu einigen Steinarten hatte er
eine entschiedene Neigung, die selten erklaerlich war. "Wenn ich
nicht", pflegte er oft zu sagen, "mir von Jugend auf so sehr
widerstanden haette, wenn ich nicht gestrebt haette, meinen Verstand
ins Weite und Allgemeine auszubilden, so waere ich der beschraenkteste
und unertraeglichste Mensch geworden: denn nichts ist unertraeglicher
als abgeschnittene Eigenheit an demjenigen, von dem man eine reine,
gehoerige Taetigkeit fordern kann." Und doch musste er selbst
gestehen, dass ihm gleichsam Leben und Atem ausgehen wuerde, wenn er
sich nicht von Zeit zu Zeit nachsaehe und sich erlaubte, das mit
Leidenschaft zu geniessen, was er eben nicht immer loben und
entschuldigen konnte. "Meine Schuld ist es nicht", sagte er, "wenn
ich meine Triebe und meine Vernunft nicht voellig habe in Einstimmung
bringen koennen." Bei solchen Gelegenheiten pflegte er meist ueber
mich zu scherzen und zu sagen: Natalien kann man bei Leibesleben
seligpreisen, da ihre Natur nichts fordert, als was die Welt wuenscht
und braucht.""

Unter diesen Worten waren sie wieder in das Hauptgebaeude gelangt.
Sie fuehrte ihn durch einen geraeumigen Gang auf eine Tuere zu, vor
der zwei Sphinxe von Granit lagen. Die Tuere selbst war auf
aegyptische Weise oben ein wenig enger als unten, und ihre ehernen
Fluegel bereiteten zu einem ernsthaften, ja zu einem schauerlichen
Anblick vor. Wie angenehm ward man daher ueberrascht, als diese
Erwartung sich in die reinste Heiterkeit aufloeste, indem man in einen
Saal trat, in welchem Kunst und Leben jede Erinnerung an Tod und Grab
aufhoben. In die Waende waren verhaeltnismaessige Bogen vertieft, in
denen groessere Sarkophagen standen; in den Pfeilern dazwischen sah
man kleinere oeffnungen, mit Aschenkaestchen und Gefaessen geschmueckt;
die uebrigen Flaechen der Waende und des Gewoelbes sah man
regelmaessig abgeteilt und zwischen heitern und mannigfaltigen
Einfassungen, Kraenzen und Zieraten heitere und bedeutende Gestalten
in Feldern von verschiedener Groesse gemalt. Die architektonischen
Glieder waren mit dem schoenen gelben Marmor, der ins Roetliche
hinueberblickt, bekleidet, hellblaue Streifen von einer gluecklichen
chemischen Komposition ahmten den Lasurstein nach und gaben, indem sie
gleichsam in einem Gegensatz das Auge befriedigten, dem Ganzen Einheit
und Verbindung. Alle diese Pracht und Zierde stellte sich in reinen
architektonischen Verhaeltnissen dar, und so schien jeder, der
hineintrat, ueber sich selbst erhoben zu sein, indem er durch die
zusammentreffende Kunst erst erfuhr, was der Mensch sei und was er
sein koenne.

Der Tuere gegenueber sah man auf einem praechtigen Sarkophagen das
Marmorbild eines wuerdigen Mannes, an ein Polster gelehnt. Er hielt
eine Rolle vor sich und schien mit stiller Aufmerksamkeit
daraufzublicken. Sie war so gerichtet, dass man die Worte, die sie
enthielt, bequem lesen konnte. Es stand darauf: "Gedenke zu leben!"

Natalie, indem sie einen verwelkten Strauss wegnahm, legte den
frischen vor das Bild des Oheims; denn er selbst war in der Figur
vorgestellt, und Wilhelm glaubte sich noch der Zuege des alten Herrn
zu erinnern, den er damals im Walde gesehen hatte. "Hier brachten wir
manche Stunde zu", sagte Natalie, "bis dieser Saal fertig war. In
seinen letzten Jahren hatte er einige geschickte Kuenstler an sich
gezogen, und seine beste Unterhaltung war, die Zeichnungen und Kartone
zu diesen Gemaelden aussinnen und bestimmen zu helfen."

Wilhelm konnte sich nicht genug der Gegenstaende freuen, die ihn
umgaben. "Welch ein Leben", rief er aus, "in diesem Saale der
Vergangenheit! Man koennte ihn ebensogut den Saal der Gegenwart und
der Zukunft nennen. So war alles, und so wird alles sein! Nichts ist
vergaenglich als der eine, der geniesst und zuschaut. Hier dieses
Bild der Mutter, die ihr Kind ans Herz drueckt, wird viele
Generationen gluecklicher Muetter ueberleben. Nach Jahrhunderten
vielleicht erfreut sich ein Vater dieses baertigen Mannes, der seinen
Ernst ablegt und sich mit seinem Sohne neckt. So verschaemt wird
durch alle Zeiten die Braut sitzen und bei ihren stillen Wuenschen
noch beduerfen, dass man sie troeste, dass man ihr zurede; so
ungeduldig wird der Braeutigam auf der Schwelle horchen, ob er
hereintreten darf."

Wilhelms Augen schweiften auf unzaehlige Bilder umher. Vom ersten
frohen Triebe der Kindheit, jedes Glied im Spiele nur zu brauchen und
zu ueben, bis zum ruhigen, abgeschiedenen Ernste des Weisen konnte man
in schoener, lebendiger Folge sehen, wie der Mensch keine angeborne
Neigung und Faehigkeit besitzt, ohne sie zu brauchen und zu nutzen.
Von dem ersten zarten Selbstgefuehl, wenn das Maedchen verweilt, den
Krug aus dem klaren Wasser wieder heraufzuheben, und indessen ihr Bild
gefaellig betrachtet, bis zu jenen hohen Feierlichkeiten, wenn Koenige
und Voelker zu Zeugen ihrer Verbindungen die Goetter am Altare anrufen,
zeigte sich alles bedeutend und kraeftig.

Es war eine Welt, es war ein Himmel, der den Beschauenden an dieser
Staette umgab, und ausser den Gedanken, welche jene gebildeten
Gestalten erregten, ausser den Empfindungen, welche sie einfloessten,
schien noch etwas andres gegenwaertig zu sein, wovon der ganze Mensch
sich angegriffen fuehlte. Auch Wilhelm bemerkte es, ohne sich davon
Rechenschaft geben zu koennen. "Was ist das", rief er aus, "das,
unabhaengig von aller Bedeutung, frei von allem Mitgefuehl, das uns
menschliche Begebenheiten und Schicksale einfloessen, so stark und
zugleich so anmutig auf mich zu wirken vermag? Es spricht aus dem
Ganzen, es spricht aus jedem Teile mich an, ohne dass ich jenes
begreifen, ohne dass ich diese mir besonders zueignen koennte!
Welchen Zauber ahn ich in diesen Flaechen, diesen Linien, diesen
Hoehen und Breiten, diesen Massen und Farben! Was ist es, das diese
Figuren, auch nur obenhin betrachtet, schon als Zierat so erfreulich
macht? Ja, ich fuehle, man koennte hier verweilen, ruhen, alles mit
den Augen fassen, sich gluecklich finden und ganz etwas andres fuehlen
und denken als das, was vor Augen steht."

Und gewiss, koennten wir beschreiben, wie gluecklich alles eingeteilt
war, wie an Ort und Stelle durch Verbindung oder Gegensatz, durch
Einfaerbigkeit oder Buntheit alles bestimmt, so und nicht anders
erschien, als es erscheinen sollte, und eine so vollkommene als
deutliche Wirkung hervorbrachte, so wuerden wir den Leser an einen Ort
versetzen, von dem er sich so bald nicht zu entfernen wuenschte.

Vier grosse marmorne Kandelaber standen in den Ecken des Saals, vier
kleinere in der Mitte um einen sehr schoen gearbeiteten Sarkophag, der
seiner Groesse nach eine junge Person von mittlerer Gestalt konnte
enthalten haben.

Natalie blieb bei diesem Monumente stehen, und indem sie die Hand
darauflegte, sagte sie: "Mein guter Oheim hatte grosse Vorliebe zu
diesem Werke des Altertums. Er sagte manchmal: "Nicht allein die
ersten Blueten fallen ab, die ihr da oben in jenen kleinen Raeumen
verwahren koennt, sondern auch Fruechte, die am Zweige haengend uns
noch lange die schoenste Hoffnung geben, indes ein heimlicher Wurm
ihre fruehere Reife und ihre Zerstoerung vorbereitet." Ich fuerchte",
fuhr sie fort, "er hat auf das liebe Maedchen geweissagt, das sich
unserer Pflege nach und nach zu entziehen und zu dieser ruhigen
Wohnung zu neigen scheint."

Als sie im Begriff waren wegzugehn, sagte Natalie: "Ich muss Sie noch
auf etwas aufmerksam machen. Bemerken Sie diese halbrunden oeffnungen
in der Hoehe auf beiden Seiten! Hier koennen die Choere der Saenger
verborgen stehen, und diese ehrnen Zieraten unter dem Gesimse dienen,
die Teppiche zu befestigen, die nach der Verordnung meines Oheims bei
jeder Bestattung aufgehaengt werden sollen. Er konnte nicht ohne
Musik, besonders nicht ohne Gesang leben und hatte dabei die Eigenheit,
dass er die Saenger nicht sehen wollte. Er pflegte zu sagen: "Das
Theater verwoehnt uns gar zu sehr, die Musik dient dort nur gleichsam
dem Auge, sie begleitet die Bewegungen, nicht die Empfindungen. Bei
Oratorien und Konzerten stoert uns immer die Gestalt des Musikus; die
wahre Musik ist allein fuers Ohr; eine schoene Stimme ist das
Allgemeinste, was sich denken laesst, und indem das eingeschraenkte
Individuum, das sie hervorbringt, sich vors Auge stellt, zerstoert es
den reinen Effekt jener Allgemeinheit. Ich will jeden sehen, mit dem
ich reden soll, denn es ist ein einzelner Mensch, dessen Gestalt und
Charakter die Rede wert oder unwert macht; hingegen wer mir singt,
soll unsichtbar sein; seine Gestalt soll mich nicht bestechen oder
irremachen. Hier spricht nur ein Organ zum Organe, nicht der Geist
zum Geiste, nicht eine tausendfaeltige Welt zum Auge, nicht ein Himmel
zum Menschen." Ebenso wollte er auch bei Instrumentalmusiken die
Orchester soviel als moeglich versteckt haben, weil man durch die
mechanischen Bemuehungen und durch die notduerftigen, immer seltsamen
Gebaerden der Instrumentenspieler so sehr zerstreut und verwirrt werde.
Er pflegte daher eine Musik nicht anders als mit zugeschlossenen
Augen anzuhoeren, um sein ganzes Dasein auf den einzigen, reinen
Genuss des Ohrs zu konzentrieren."

Sie wollten eben den Saal verlassen, als sie die Kinder in dem Gange
heftig laufen und den Felix rufen hoerten: "Nein ich! nein ich!"

Mignon warf sich zuerst zur geoeffneten Tuere herein; sie war ausser
Atem und konnte kein Wort sagen; Felix, noch in einiger Entfernung,
rief: "Mutter Therese ist da!" Die Kinder hatten, so schien es, die
Nachricht zu ueberbringen, einen Wettlauf angestellt. Mignon lag in
Nataliens Armen, ihr Herz pochte gewaltsam.

"Boeses Kind", sagte Natalie, "ist dir nicht alle heftige Bewegung
untersagt? Sieh, wie dein Herz schlaegt!"

"Lass es brechen!" sagte Mignon mit einem tiefen Seufzer, "es schlaegt
schon zu lange."

Man hatte sich von dieser Verwirrung, von dieser Art von Bestuerzung
kaum erholt, als Therese hereintrat. Sie flog auf Natalien zu,
umarmte sie und das gute Kind. Dann wendete sie sich zu Wilhelmen,
sah ihn mit ihren klaren Augen an und sagte: "Nun, mein Freund, wie
steht es, Sie haben sich doch nicht irremachen lassen?" Er tat einen
Schritt gegen sie, sie sprang auf ihn zu und hing an seinem Halse. "O
meine Therese!" rief er aus.

"Mein Freund! mein Geliebter! mein Gatte! ja, auf ewig die Deine!"
rief sie unter den lebhaftesten Kuessen.

Felix zog sie am Rocke und rief: "Mutter Therese, ich bin auch da!"
Natalie stand und sah vor sich hin; Mignon fuhr auf einmal mit der
linken Hand nach dem Herzen, und indem sie den rechten Arm heftig
ausstreckte, fiel sie mit einem Schrei zu Nataliens Fuessen fuer tot
nieder.

Der Schrecken war gross: keine Bewegung des Herzens noch des Pulses
war zu spueren. Wilhelm nahm sie auf seinen Arm und trug sie eilig
hinauf, der schlotternde Koerper hing ueber seine Schultern. Die
Gegenwart des Arztes gab wenig Trost; er und der junge Wundarzt, den
wir schon kennen, bemuehten sich vergebens. Das liebe Geschoepf war
nicht ins Leben zurueckzurufen.

Natalie winkte Theresen. Diese nahm ihren Freund bei der Hand und
fuehrte ihn aus dem Zimmer. Er war stumm und ohne Sprache und hatte
den Mut nicht, ihren Augen zu begegnen. So sass er neben ihr auf dem
Kanapee, auf dem er Natalien zuerst angetroffen hatte. Er dachte mit
grosser Schnelle eine Reihe von Schicksalen durch, oder vielmehr er
dachte nicht, er liess das auf seine Seele wirken, was er nicht
entfernen konnte. Es gibt Augenblicke des Lebens, in welchen die
Begebenheiten gleich gefluegelten Weberschiffchen vor uns sich hin und
wider bewegen und unaufhaltsam ein Gewebe vollenden, das wir mehr oder
weniger selbst gesponnen und angelegt haben. "Mein Freund!" sagte
Therese; "mein Geliebter!" indem sie das Stillschweigen unterbrach und
ihn bei der Hand nahm, "lass uns diesen Augenblick fest zusammenhalten,
wie wir noch oefters, vielleicht in aehnlichen Faellen, werden zu tun
haben. Dies sind die Ereignisse, welche zu ertragen man zu zweien in
der Welt sein muss. Bedenke, mein Freund, fuehle, dass du nicht
allein bist, zeige, dass du deine Therese liebst, zuerst dadurch, dass
du deine Schmerzen ihr mitteilst!" Sie umarmte ihn und schloss ihn
sanft an ihren Busen; er fasste sie in seine Arme und drueckte sie mit
Heftigkeit an sich. "Das arme Kind", rief er aus, "suchte in
traurigen Augenblicken Schutz und Zuflucht an meinem unsichern Busen;
lass die Sicherheit des deinigen mir in dieser schrecklichen Stunde
zugute kommen." Sie hielten sich fest umschlossen, er fuehlte ihr
Herz an seinem Busen schlagen, aber in seinem Geiste war es oede und
leer; nur die Bilder Mignons und Nataliens schwebten wie Schatten vor
seiner Einbildungskraft.

Natalie trat herein. "Gib uns deinen Segen!" rief Therese, "lass uns
in diesem traurigen Augenblicke von dir verbunden sein." Wilhelm
hatte sein Gesicht an Theresens Halse verborgen; er war gluecklich
genug, weinen zu koennen. Er hoerte Natalien nicht kommen, er sah sie
nicht, nur bei dem Klang ihrer Stimme verdoppelten sich seine Traenen.
"Was Gott zusammenfuegt, will ich nicht scheiden", sagte Natalie
laechelnd, "aber verbinden kann ich euch nicht und kann nicht loben,
dass Schmerz und Neigung die Erinnerung an meinen Bruder voellig aus
euren Herzen zu verbannen scheint." Wilhelm riss sich bei diesen
Worten aus den Armen Theresens. "Wo wollen Sie hin?" riefen beide
Frauen. "Lassen Sie mich das Kind sehen", rief er aus, "das ich
getoetet habe! Das Unglueck, das wir mit Augen sehen, ist geringer,
als wenn unsere Einbildungskraft das uebel gewaltsam in unser Gemuet
einsenkt; lassen Sie uns den abgeschiedenen Engel sehen! Seine
heitere Miene wird uns sagen, dass ihm wohl ist!" Da die Freundinnen
den bewegten Juengling nicht abhalten konnten, folgten sie ihm; aber
der gute Arzt, der mit dem Chirurgus ihnen entgegenkam, hielt sie ab,
sich der Verblichenen zu naehern, und sagte: "Halten Sie sich von
diesem traurigen Gegenstande entfernt, und erlauben Sie mir, dass ich
den Resten dieses sonderbaren Wesens, soviel meine Kunst vermag,
einige Dauer gebe. Ich will die schoene Kunst, einen Koerper nicht
allein zu balsamieren, sondern ihm auch ein lebendiges Ansehn zu
erhalten, bei diesem geliebten Geschoepfe sogleich anwenden. Da ich
ihren Tod voraussah, habe ich alle Anstalten gemacht, und mit diesem
Gehuelfen hier soll mir's gelingen. Erlauben Sie mir nur noch einige
Tage Zeit, und verlangen Sie das liebe Kind nicht wieder zu sehen, bis
wir es in den Saal der Vergangenheit gebracht haben."

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