Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 8
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Der junge Chirurgus hatte jene merkwuerdige Instrumententasche wieder
in Haenden. "Von wem kann er sie wohl haben?" fragte Wilhelm den Arzt.
"Ich kenne sie sehr gut", versetzte Natalie, "er hat sie von seinem
Vater, der Sie damals im Walde verband."
"Oh, so habe ich mich nicht geirrt," rief Wilhelm, "ich erkannte das
Band sogleich! Treten Sie mir es ab! Es brachte mich zuerst wieder
auf die Spur von meiner Wohltaeterin. Wieviel Wohl und Wehe
ueberdauert nicht ein solches lebloses Wesen! Bei wieviel Schmerzen
war dies Band nicht schon gegenwaertig, und seine Faeden halten noch
immer! Wie vieler Menschen letzten Augenblick hat es schon begleitet,
und seine Farben sind noch nicht verblichen! Es war gegenwaertig in
einem der schoensten Augenblicke meines Lebens, da ich verwundet auf
der Erde lag und Ihre huelfreiche Gestalt vor mir erschien, als das
Kind mit blutigen Haaren, mit der zaertlichsten Sorgfalt fuer mein
Leben besorgt war, dessen fruehzeitigen Tod wir nun beweinen."
Die Freunde hatten nicht lange Zeit, sich ueber diese traurige
Begebenheit zu unterhalten und Fraeulein Theresen ueber das Kind und
ueber die wahrscheinliche Ursache seines unerwarteten Todes
aufzuklaeren; denn es wurden Fremde gemeldet, die, als sie sich
zeigten, keinesweges fremd waren. Lothario, Jarno, der Abbe traten
herein. Natalie ging ihrem Bruder entgegen; unter den uebrigen
entstand ein augenblickliches Stillschweigen. Therese sagte laechelnd
zu Lothario: "Sie glaubten wohl kaum, mich hier zu finden; wenigstens
ist es eben nicht raetlich, dass wir uns in diesem Augenblick
aufsuchen; indessen sein Sie mir nach einer so langen Abwesenheit
herzlich gegruesst."
Lothario reichte ihr die Hand und versetzte: "Wenn wir einmal leiden
und entbehren sollen, so mag es immerhin auch in der Gegenwart des
geliebten, wuenschenswerten Gutes geschehen. Ich verlange keinen
Einfluss auf Ihre Entschliessung, und mein Vertrauen auf Ihr Herz, auf
Ihren Verstand und reinen Sinn ist noch immer so gross, dass ich Ihnen
mein Schicksal und das Schicksal meines Freundes gerne in die Hand
lege."
Das Gespraech wendete sich sogleich zu allgemeinen, ja man darf sagen,
zu unbedeutenden Gegenstaenden. Die Gesellschaft trennte sich bald
zum Spazierengehen in einzelne Paare. Natalie war mit Lothario,
Therese mit dem Abbe gegangen, und Wilhelm war mit Jarno auf dem
Schlosse geblieben.
VIII. Buch, 5. Kapitel--2
Die Erscheinung der drei Freunde in dem Augenblick, da Wilhelmen ein
schwerer Schmerz auf der Brust lag, hatte, statt ihn zu zerstreuen,
seine Laune gereizt und verschlimmert; er war verdriesslich und
argwoehnisch und konnte und wollte es nicht verhehlen, als Jarno ihn
ueber sein muerrisches Stillschweigen zur Rede setzte. "Was braucht's
da weiter?" rief Wilhelm aus. "Lothario kommt mit seinen Beistaenden,
und es waere wunderbar, wenn jene geheimnisvollen Maechte des Turms,
die immer so geschaeftig sind, jetzt nicht auf uns wirken und ich
weiss nicht was fuer einen seltsamen Zweck mit und an uns ausfuehren
sollten. Soviel ich diese heiligen Maenner kenne, scheint es
jederzeit ihre loebliche Absicht, das Verbundene zu trennen und das
Getrennte zu verbinden. Was daraus fuer ein Gewebe entstehen kann,
mag wohl unsern unheiligen Augen ewig ein Raetsel bleiben."
"Sie sind verdriesslich und bitter", sagte Jarno, "das ist recht
schoen und gut. Wenn Sie nur erst einmal recht boese werden, wird es
noch besser sein."
"Dazu kann auch Rat werden", versetzte Wilhelm, "und ich fuerchte sehr,
dass man Lust hat, meine angeborne und angebildete Geduld diesmal
aufs aeusserste zu reizen."
"So moechte ich Ihnen denn doch", sagte Jarno, "indessen, bis wir
sehen, wo unsere Geschichten hinauswollen, etwas von dem Turme
erzaehlen, gegen den Sie ein so grosses Misstrauen zu hegen scheinen."
"Es steht bei Ihnen", versetzte Wilhelm, "wenn Sie es auf meine
Zerstreuung hin wagen wollen. Mein Gemuet ist so vielfach
beschaeftigt, dass ich nicht weiss, ob es an diesen wuerdigen
Abenteuern den schuldigen Teil nehmen kann."
"Ich lasse mich", sagte Jarno, "durch Ihre angenehme Stimmung nicht
abschrecken, Sie ueber diesen Punkt aufzuklaeren. Sie halten mich
fuer einen gescheiten Kerl, und Sie sollen mich auch noch fuer einen
ehrlichen halten, und, was mehr ist, diesmal hab ich Auftrag."--"Ich
wuenschte", versetzte Wilhelm, "Sie spraechen aus eigner Bewegung und
aus gutem Willen, mich aufzuklaeren; und da ich Sie nicht ohne
Misstrauen hoeren kann, warum soll ich Sie anhoeren?"--"Wenn ich jetzt
nichts Besseres zu tun habe", sagte Jarno, "als Maerchen zu erzaehlen,
so haben Sie ja auch wohl Zeit, ihnen einige Aufmerksamkeit zu widmen;
vielleicht sind Sie dazu geneigter, wenn ich Ihnen gleich anfangs sage:
alles, was Sie im Turme gesehen haben, sind eigentlich nur noch
Reliquien von einem jugendlichen Unternehmen, bei dem es anfangs den
meisten Eingeweihten grosser Ernst war und ueber das nun alle
gelegentlich nur laecheln."
"Also mit diesen wuerdigen Zeichen und Worten spielt man nur!" rief
Wilhelm aus, "man fuehrt uns mit Feierlichkeit an einen Ort, der uns
Ehrfurcht einfloesst, man laesst uns die wunderlichsten Erscheinungen
sehen, man gibt uns Rollen voll herrlicher, geheimnisreicher Sprueche,
davon wir freilich das wenigste verstehn, man eroeffnet uns, dass wir
bisher Lehrlinge waren, man spricht uns los, und wir sind so klug wie
vorher."--"Haben Sie das Pergament nicht bei der Hand?" fragte Jarno,
"es enthaelt viel Gutes: denn jene allgemeinen Sprueche sind nicht aus
der Luft gegriffen; freilich scheinen sie demjenigen leer und dunkel,
der sich keiner Erfahrung dabei erinnert. Geben Sie mir den
sogenannten Lehrbrief doch, wenn er in der Naehe ist."--"Gewiss, ganz
nah", versetzte Wilhelm; "so ein Amulett sollte man immer auf der
Brust tragen."--"Nun", sagte Jarno laechelnd, "wer weiss, ob der
Inhalt nicht einmal in Ihrem Kopf und Herzen Platz findet."
Jarno blickte hinein und ueberlief die erste Haelfte mit den Augen.
"Diese", sagte er, "bezieht sich auf die Ausbildung des Kunstsinnes,
wovon andere sprechen moegen; die zweite handelt vom Leben, und da bin
ich besser zu Hause."
Er fing darauf an, Stellen zu lesen, sprach dazwischen und knuepfte
Anmerkungen und Erzaehlungen mit ein. "Die Neigung der Jugend zum
Geheimnis, zu Zeremonien und grossen Worten ist ausserordentlich, und
oft ein Zeichen einer gewissen Tiefe des Charakters. Man will in
diesen Jahren sein ganzes Wesen, wenn auch nur dunkel und unbestimmt,
ergriffen und beruehrt fuehlen. Der Juengling, der vieles ahnet,
glaubt in einem Geheimnisse viel zu finden, in ein Geheimnis viel
legen und durch dasselbe wirken zu muessen. In diesen Gesinnungen
bestaerkte der Abbe eine junge Gesellschaft, teils nach seinen
Grundsaetzen, teils aus Neigung und Gewohnheit, da er wohl ehemals mit
einer Gesellschaft in Verbindung stand, die selbst viel im verborgenen
gewirkt haben mochte. Ich konnte mich am wenigsten in dieses Wesen
finden. Ich war aelter als die andern, ich hatte von Jugend auf klar
gesehen und wuenschte in allen Dingen nichts als Klarheit; ich hatte
kein ander Interesse, als die Welt zu kennen, wie sie war, und steckte
mit dieser Liebhaberei die uebrigen besten Gefaehrten an, und fast
haette darueber unsere ganze Bildung eine falsche Richtung genommen:
denn wir fingen an, nur die Fehler der andern und ihre Beschraenkung
zu sehen und uns selbst fuer treffliche Wesen zu halten. Der Abbe kam
uns zu Huelfe und lehrte uns, dass man die Menschen nicht beobachten
muesse, ohne sich fuer ihre Bildung zu interessieren, und dass man
sich selbst eigentlich nur in der Taetigkeit zu beobachten und zu
erlauschen imstande sei. Er riet uns, jene ersten Formen der
Gesellschaft beizubehalten; es blieb daher etwas Gesetzliches in
unsern Zusammenkuenften, man sah wohl die ersten mystischen Eindruecke
auf die Einrichtung des Ganzen, nachher nahm es, wie durch ein
Gleichnis, die Gestalt eines Handwerks an, das sich bis zur Kunst
erhob. Daher kamen die Benennungen von Lehrlingen, Gehuelfen und
Meistern. Wir wollten mit eigenen Augen sehen und uns ein eigenes
Archiv unserer Weltkenntnis bilden; daher entstanden die vielen
Konfessionen, die wir teils selbst schrieben, teils wozu wir andere
veranlassten und aus denen nachher die "Lehrjahre" zusammengesetzt
wurden. Nicht allen Menschen ist es eigentlich um ihre Bildung zu tun;
viele wuenschen nur so ein Hausmittel zum Wohlbefinden, Rezepte zum
Reichtum und zu jeder Art von Glueckseligkeit. Alle diese, die nicht
auf ihre Fuesse gestellt sein wollten, wurden mit Mystifikationen und
anderm Hokuspokus teils aufgehalten, teils beiseite gebracht. Wir
sprachen nach unserer Art nur diejenigen los, die lebhaft fuehlten und
deutlich bekannten, wozu sie geboren seien, und die sich genug geuebt
hatten, um mit einer gewissen Froehlichkeit und Leichtigkeit ihren Weg
zu verfolgen."
"So haben Sie sich mit mir sehr uebereilt", versetzte Wilhelm; "denn
was ich kann, will oder soll, weiss ich gerade seit jenem Augenblick
am allerwenigsten."--"Wir sind ohne Schuld in diese Verwirrung geraten,
das gute Glueck mag uns wieder heraushelfen; indessen hoeren Sie nur:
"Derjenige, an dem viel zu entwickeln ist, wird spaeter ueber sich und
die Welt aufgeklaert. Es sind nur wenige, die den Sinn haben und
zugleich zur Tat faehig sind. Der Sinn erweitert, aber laehmt; die
Tat belebt, aber beschraenkt.""
"Ich bitte Sie", fiel Wilhelm ein, "lesen Sie mir von diesen
wunderlichen Worten nichts mehr! Diese Phrasen haben mich schon
verwirrt genug gemacht."--"So will ich bei der Erzaehlung bleiben",
sagte Jarno, indem er die Rolle halb zuwickelte und nur manchmal einen
Blick hinein tat. "Ich selbst habe der Gesellschaft und den Menschen
am wenigsten genutzt; ich bin ein sehr schlechter Lehrmeister, es ist
mir unertraeglich zu sehen, wenn jemand ungeschickte Versuche macht,
einem Irrenden muss ich gleich zurufen, und wenn es ein Nachtwandler
waere, den ich in Gefahr saehe, geradenweges den Hals zu brechen.
Darueber hatte ich nun immer meine Not mit dem Abbe, der behauptet,
der Irrtum koenne nur durch das Irren geheilt werden. Auch ueber Sie
haben wir uns oft gestritten; er hatte Sie besonders in Gunst genommen,
und es will schon etwas heissen, in dem hohen Grade seine
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie muessen mir nachsagen, dass
ich Ihnen, wo ich Sie antraf, die reine Wahrheit sagte."--"Sie haben
mich wenig geschont", sagte Wilhelm, "und Sie scheinen Ihren
Grundsaetzen treu zu bleiben."--"Was ist denn da zu schonen",
versetzte Jarno, "wenn ein junger Mensch von mancherlei guten Anlagen
eine ganz falsche Richtung nimmt?"--"Verzeihen Sie", sagte Wilhelm,
"Sie haben mir streng genug alle Faehigkeit zum Schauspieler
abgesprochen; ich gestehe Ihnen, dass, ob ich gleich dieser Kunst ganz
entsagt habe, so kann ich mich doch unmoeglich bei mir selbst dazu
fuer ganz unfaehig erklaeren."--"Und bei mir", sagte Jarno, "ist es
doch so rein entschieden, dass, wer sich nur selbst spielen kann, kein
Schauspieler ist. Wer sich nicht dem Sinn und der Gestalt nach in
viele Gestalten verwandeln kann, verdient nicht diesen Namen. So
haben Sie zum Beispiel den Hamlet und einige andere Rollen recht gut
gespielt, bei denen Ihr Charakter, Ihre Gestalt und die Stimmung des
Augenblicks Ihnen zugute kamen. Das waere nun fuer ein
Liebhabertheater und fuer einen jeden gut genug, der keinen andern Weg
vor sich saehe. "Man soll sich"", fuhr Jarno fort, indem er auf die
Rolle sah, ""vor einem Talente hueten, das man in Vollkommenheit
auszuueben nicht Hoffnung hat. Man mag es darin so weit bringen, als
man will, so wird man doch immer zuletzt, wenn uns einmal das
Verdienst des Meisters klar wird, den Verlust von Zeit und Kraeften,
die man auf eine solche Pfuscherei gewendet hat, schmerzlich bedauern.
""
"Lesen Sie nichts!" sagte Wilhelm, "ich bitte Sie instaendig, sprechen
Sie fort, erzaehlen Sie mir, klaeren Sie mich auf! Und so hat also
der Abbe mir zum Hamlet geholfen, indem er einen Geist
herbeischaffte?"--"Ja, denn er versicherte, dass es der einzige Weg
sei, Sie zu heilen, wenn Sie heilbar waeren."--"Und darum liess er mir
den Schleier zurueck und hiess mich fliehen?"--"Ja, er hoffte sogar,
mit der Vorstellung des Hamlets sollte Ihre ganze Lust gebuesst sein.
Sie wuerden nachher das Theater nicht wieder betreten, behauptete er;
ich glaubte das Gegenteil und behielt recht. Wir stritten noch
selbigen Abend nach der Vorstellung darueber."--"Und Sie haben mich
also spielen sehen?"--"O gewiss!"--"Und wer stellte denn den Geist
vor?"--"Das kann ich selbst nicht sagen; entweder der Abbe oder sein
Zwillingsbruder, doch glaub ich, dieser, denn er ist um ein weniges
groesser."--"Sie haben also auch Geheimnisse untereinander?"--"Freunde
koennen und muessen Geheimnisse voreinander haben; sie sind einander
doch kein Geheimnis."
"Es verwirrt mich schon das Andenken dieser Verworrenheit. Klaeren
Sie mich ueber den Mann auf, dem ich so viel schuldig bin und dem ich
so viel Vorwuerfe zu machen habe."
"Was ihn uns so schaetzbar macht", versetzte Jarno, "was ihm
gewissermassen die Herrschaft ueber uns alle erhaelt, ist der freie
und scharfe Blick, den ihm die Natur ueber alle Kraefte, die im
Menschen nur wohnen und wovon sich jede in ihrer Art ausbilden laesst,
gegeben hat. Die meisten Menschen, selbst die vorzueglichen, sind nur
beschraenkt; jeder schaetzt gewisse Eigenschaften an sich und andern;
nur die beguenstigt er, nur die will er ausgebildet wissen. Ganz
entgegengesetzt wirkt der Abbe, er hat Sinn fuer alles, Lust an allem,
es zu erkennen und zu befoerdern. Da muss ich doch wieder in die
Rolle sehen!" fuhr Jarno fort. ""Nur alle Menschen machen die
Menschheit aus, nur alle Kraefte zusammengenommen die Welt. Diese
sind unter sich oft im Widerstreit, und indem sie sich zu zerstoeren
suchen, haelt sie die Natur zusammen und bringt sie wieder hervor.
Von dem geringsten tierischen Handwerkstriebe bis zur hoechsten
Ausuebung der geistigsten Kunst, vom Lallen und Jauchzen des Kindes
bis zur trefflichsten aeusserung des Redners und Saengers, vom ersten
Balgen der Knaben bis zu den ungeheuren Anstalten, wodurch Laender
erhalten und erobert werden, vom leichtesten Wohlwollen und der
fluechtigsten Liebe bis zur heftigsten Leidenschaft und zum ernstesten
Bunde, von dem reinsten Gefuehl der sinnlichen Gegenwart bis zu den
leisesten Ahnungen und Hoffnungen der entferntesten geistigen Zukunft,
alles das und weit mehr liegt im Menschen und muss ausgebildet werden;
aber nicht in einem, sondern in vielen. Jede Anlage ist wichtig, und
sie muss entwickelt werden. Wenn einer nur das Schoene, der andere
nur das Nuetzliche befoerdert, so machen beide zusammen erst einen
Menschen aus. Das Nuetzliche befoerdert sich selbst, denn die Menge
bringt es hervor, und alle koennen's nicht entbehren; das Schoene muss
befoerdert werden, denn wenige stellen's dar, und viele beduerfen's.""
"Halten Sie inne!" rief Wilhelm, "ich habe das alles gelesen."--"Nur
noch einige Zeilen", versetzte Jarno; "hier find ich den Abbe ganz
wieder: "Eine Kraft beherrscht die andere, aber keine kann die andere
bilden; in jeder Anlage liegt auch allein die Kraft, sich zu vollenden;
das verstehen so wenig Menschen, die doch lehren und wirken wollen.
""--"Und ich verstehe es auch nicht", versetzte Wilhelm.--"Sie werden
ueber diesen Text den Abbe noch oft genug hoeren, und so lassen Sie
uns nur immer recht deutlich sehen und festhalten, was an uns ist, und
was wir an uns ausbilden koennen; lassen Sie uns gegen die andern
gerecht sein, denn wir sind nur insofern zu achten, als wir zu
schaetzen wissen."--"Um Gottes willen! keine Sentenzen weiter! Ich
fuehle, sie sind ein schlechtes Heilmittel fuer ein verwundetes Herz.
Sagen Sie mir lieber mit Ihrer grausamen Bestimmtheit, was Sie von mir
erwarten und wie und auf welche Weise Sie mich aufopfern wollen.
"--"Jeden Verdacht, ich versichere Sie, werden Sie uns kuenftig
abbitten. Es ist Ihre Sache, zu pruefen und zu waehlen, und die
unsere, Ihnen beizustehn. Der Mensch ist nicht eher gluecklich, als
bis sein unbedingtes Streben sich selbst seine Begrenzung bestimmt.
Nicht an mich halten Sie sich, sondern an den Abbe; nicht an sich
denken Sie, sondern an das, was Sie umgibt. Lernen Sie zum Beispiel
Lotharios Trefflichkeit einsehen, wie sein ueberblick und seine
Taetigkeit unzertrennlich miteinander verbunden sind, wie er immer im
Fortschreiten ist, wie er sich ausbreitet und jeden mit fortreisst.
Er fuehrt, wo er auch sei, eine Welt mit sich, seine Gegenwart belebt
und feuert an. Sehen Sie unsern guten Medikus dagegen! Es scheint
gerade die entgegengesetzte Natur zu sein. Wenn jener nur ins Ganze
und auch in die Ferne wirkt, so richtet dieser seinen hellen Blick nur
auf die naechsten Dinge, er verschafft mehr die Mittel zur Taetigkeit,
als dass er die Taetigkeit hervorbraechte und belebte; sein Handeln
sieht einem guten Wirtschaften vollkommen aehnlich, seine Wirksamkeit
ist still, indem er einen jeden in seinem Kreis befoerdert; sein
Wissen ist ein bestaendiges Sammeln und Ausspenden, ein Nehmen und
Mitteilen im kleinen. Vielleicht koennte Lothario in einem Tage
zerstoeren, woran dieser jahrelang gebaut hat; aber vielleicht teilt
auch Lothario in einem Augenblick andern die Kraft mit, das Zerstoerte
hundertfaeltig wiederherzustellen."--"Es ist ein trauriges Geschaeft",
sagte Wilhelm, "wenn man ueber die reinen Vorzuege der andern in einem
Augenblicke denken soll, da man mit sich selbst uneins ist; solche
Betrachtungen stehen dem ruhigen Manne wohl an, nicht dem, der von
Leidenschaft und Ungewissheit bewegt ist."--"Ruhig und vernuenftig zu
betrachten ist zu keiner Zeit schaedlich, und indem wir uns gewoehnen,
ueber die Vorzuege anderer zu denken, stellen sich die unsern
unvermerkt selbst an ihren Platz, und jede falsche Taetigkeit, wozu
uns die Phantasie lockt, wird alsdann gern von uns aufgegeben.
Befreien Sie wo moeglich Ihren Geist von allem Argwohn und aller
aengstlichkeit! Dort kommt der Abbe, sein Sie ja freundlich gegen ihn,
bis Sie noch mehr erfahren, wieviel Dank Sie ihm schuldig sind. Der
Schalk! da geht er zwischen Natalien und Theresen; ich wollte wetten,
er denkt sich was aus. So wie er ueberhaupt gern ein wenig das
Schicksal spielt, so laesst er auch nicht von der Liebhaberei,
manchmal eine Heirat zu stiften."
Wilhelm, dessen leidenschaftliche und verdriessliche Stimmung durch
alle die klugen und guten Worte Jarnos nicht verbessert worden war,
fand hoechst undelikat, dass sein Freund gerade in diesem Augenblick
eines solchen Verhaeltnisses erwaehnte, und sagte, zwar laechelnd,
doch nicht ohne Bitterkeit: "Ich daechte, man ueberliesse die
Liebhaberei, Heiraten zu stiften, Personen, die sich liebhaben."
VIII. Buch, 6. Kapitel
Sechstes Kapitel
Die Gesellschaft hatte sich eben wieder begegnet, und unsere Freunde
sahen sich genoetigt, das Gespraech abzubrechen. Nicht lange, so ward
ein Kurier gemeldet, der einen Brief in Lotharios eigene Haende
uebergeben wollte; der Mann ward vorgefuehrt, er sah ruestig und
tuechtig aus, seine Livree war sehr reich und geschmackvoll. Wilhelm
glaubte ihn zu kennen, und er irrte sich nicht, es war derselbe Mann,
den er damals Philinen und der vermeinten Mariane nachgeschickt hatte
und der nicht wieder zurueckgekommen war. Eben wollte er ihn anreden,
als Lothario, der den Brief gelesen hatte, ernsthaft und fast
verdriesslich fragte: "Wie heisst Sein Herr?"
"Das ist unter allen Fragen", versetzte der Kurier mit Bescheidenheit,
"auf die ich am wenigsten zu antworten weiss; ich hoffe, der Brief
wird das Noetige vermelden; muendlich ist mir nichts aufgetragen."
"Es sei, wie ihm sei", versetzte Lothario mit Laecheln, "da Sein Herr
das Zutrauen zu mir hat, mir so hasenfuessig zu schreiben, so soll er
uns willkommen sein."--"Er wird nicht lange auf sich warten lassen",
versetzte der Kurier mit einer Verbeugung und entfernte sich.
"Vernehmet nur", sagte Lothario",die tolle, abgeschmackte Botschaft.
"Da unter allen Gaesten", so schreibt der Unbekannte, "ein guter Humor
der angenehmste Gast sein soll, wenn er sich einstellt, und ich
denselben als Reisegefaehrten bestaendig mit mir herumfuehre, so bin
ich ueberzeugt, der Besuch, den ich Euer Gnaden und Liebden zugedacht
habe, wird nicht uebel vermerkt werden, vielmehr hoffe ich mit der
saemtlichen hohen Familie vollkommener Zufriedenheit anzulangen und
gelegentlich mich wieder zu entfernen, der ich mich, und so weiter,
Graf von Schneckenfuss.""
"Das ist eine neue Familie", sagte der Abbe.
"Es mag ein Vikariatsgraf sein", versetzte Jarno.
"Das Geheimnis ist leicht zu erraten", sagte Natalie; "ich wette, es
ist Bruder Friedrich, der uns schon seit dem Tode des Oheims mit einem
Besuche droht."
"Getroffen, schoene und weise Schwester!" rief jemand aus einem nahen
Busche, und zugleich trat ein angenehmer, heiterer junger Mann hervor;
Wilhelm konnte sich kaum eines Schreies enthalten. "Wie?" rief er,
"unser blonder Schelm, der soll mir auch hier noch erscheinen?"
Friedrich ward aufmerksam, sah Wilhelmen an und rief: "Wahrlich,
weniger erstaunt waer ich gewesen, die beruehmten Pyramiden, die doch
in aegypten so fest stehen, oder das Grab des Koenigs Mausolus, das,
wie man mir versichert hat, gar nicht mehr existiert, hier in dem
Garten meines Oheims zu finden als Euch, meinen alten Freund und
vielfachen Wohltaeter. Seid mir besonders und schoenstens gegruesst!"
Nachdem er ringsherum alles bewillkommt und gekuesst hatte, sprang er
wieder auf Wilhelmen los und rief: "Haltet mir ihn ja warm, diesen
Helden, Heerfuehrer und dramatischen Philosophen! Ich habe ihn bei
unserer ersten Bekanntschaft schlecht, ja ich darf wohl sagen, mit der
Hechel frisiert, und er hat mir doch nachher eine tuechtige Tracht
Schlaege erspart. Er ist grossmuetig wie Scipio, freigebig wie
Alexander, gelegentlich auch verliebt, doch ohne seine Nebenbuhler zu
hassen. Nicht etwa, dass er seinen Feinden Kohlen aufs Haupt sammelte,
welches, wie man sagt, ein schlechter Dienst sein soll, den man
jemanden erzeigen kann, nein, er schickt vielmehr den Freunden, die
ihm sein Maedchen entfuehren, gute und treue Diener nach, damit ihr
Fuss an keinen Stein stosse."
In diesem Geschmack fuhr er unaufhaltsam fort, ohne dass jemand ihm
Einhalt zu tun imstande gewesen waere, und da niemand in dieser Art
ihm erwidern konnte, so behielt er das Wort ziemlich allein.
"Verwundert euch nicht", rief er aus, "ueber meine grosse Belesenheit
in heiligen und Profan-Skribenten; ihr sollt erfahren, wie ich zu
diesen Kenntnissen gelangt bin." Man wollte von ihm wissen, wie es
ihm gehe, wo er herkomme; allein er konnte vor lauter Sittenspruechen
und alten Geschichten nicht zur deutlichen Erklaerung gelangen.
Natalie sagte leise zu Theresen: "Seine Art von Lustigkeit tut mir
wehe; ich wollte wetten, dass ihm dabei nicht wohl ist."
Da Friedrich ausser einigen Spaessen, die ihm Jarno erwiderte, keinen
Anklang fuer seine Possen in der Gesellschaft fand, sagte er: "Es
bleibt mir nichts uebrig, als mit der ernsthaften Familie auch
ernsthaft zu werden, und weil mir unter solchen bedenklichen
Umstaenden sogleich meine saemtliche Suendenlast schwer auf die Seele
faellt, so will ich mich kurz und gut zu einer Generalbeichte
entschliessen, wovon ihr aber, meine werten Herrn und Damen, nichts
vernehmen sollt. Dieser edle Freund hier, dem schon einiges von
meinem Leben und Tun bekannt ist, soll es allein erfahren, um so mehr,
als er allein darnach zu fragen einige Ursache hat. Waeret Ihr nicht
neugierig zu wissen", fuhr er gegen Wilhelmen fort, "wie und wo? wer?
wann und warum? wie sieht's mit der Konjugation des griechischen Verbi
Phileo, Philoh und mit den Derivativis dieses allerliebsten Zeitwortes
aus?"
Somit nahm er Wilhelmen beim Arme, fuehrte ihn fort, indem er ihn auf
alle Weise drueckte und kuesste.
Kaum war Friedrich auf Wilhelms Zimmer gekommen, als er im Fenster ein
Pudermesser liegen fand mit der Inschrift: "Gedenke mein". "Ihr hebt
Eure werten Sachen gut auf!" sagte er, "wahrlich, das ist Philinens
Pudermesser, das sie Euch jenen Tag schenkte, als ich Euch so gerauft
hatte. Ich hoffe, Ihr habt des schoenen Maedchens fleissig dabei
gedacht, und versichere Euch, sie hat Euch auch nicht vergessen, und
wenn ich nicht jede Spur von Eifersucht schon lange aus meinem Herzen
verbannt haette, so wuerde ich Euch nicht ohne Neid ansehen."
"Reden Sie nichts mehr von diesem Geschoepfe", versetzte Wilhelm.
"Ich leugne nicht, dass ich den Eindruck ihrer angenehmen Gegenwart
lange nicht loswerden konnte, aber das war auch alles."
"Pfui! schaemt Euch", rief Friedrich, "wer wird eine Geliebte
verleugnen? Und Ihr habt sie so komplett geliebt, als man es nur
wuenschen konnte. Es verging kein Tag, dass Ihr dem Maedchen nicht
etwas schenktet, und wenn der Deutsche schenkt, liebt er gewiss. Es
blieb mir nichts uebrig, als sie Euch zuletzt wegzuputzen, und dem
roten Offizierchen ist es denn auch endlich geglueckt."
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