Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 8
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"Wie? Sie waren der Offizier, den wir bei Philinen antrafen und mit
dem sie wegreiste?"
"Ja", versetzte Friedrich, "den Sie fuer Marianen hielten. Wir haben
genug ueber den Irrtum gelacht."
"Welche Grausamkeit!" rief Wilhelm, "mich in einer solchen
Ungewissheit zu lassen."
"Und noch dazu den Kurier, den Sie uns nachschickten, gleich in
Dienste zu nehmen!" versetzte Friedrich. "Es ist ein tuechtiger Kerl
und ist diese Zeit nicht von unserer Seite gekommen. Und das Maedchen
lieb ich noch immer so rasend wie jemals. Mir hat sie's ganz eigens
angetan, dass ich mich ganz nahezu in einem mythologischen Falle
befinde und alle Tage befuerchte, verwandelt zu werden."
"Sagen Sie mir nur", fragte Wilhelm, "wo haben Sie Ihre ausgebreitete
Gelehrsamkeit her? Ich hoere mit Verwunderung der seltsamen Manier zu,
die Sie angenommen haben, immer mit Beziehung auf alte Geschichten
und Fabeln zu sprechen."
"Auf die lustigste Weise", sagte Friedrich, "bin ich gelehrt, und zwar
sehr gelehrt worden. Philine ist nun bei mir, wir haben einem Pachter
das alte Schloss eines Rittergutes abgemietet, worin wir wie die
Kobolde aufs lustigste leben. Dort haben wir eine zwar kompendioese,
aber doch ausgesuchte Bibliothek gefunden, enthaltend eine Bibel in
Folio, "Gottfrieds Chronik", zwei Baende "Theatrum Europaeum", die
"Acerra Philologica", Gryphii Schriften und noch einige minder
wichtige Buecher. Nun hatten wir denn doch, wenn wir ausgetobt hatten,
manchmal Langeweile, wir wollten lesen, und ehe wir's uns versahen,
ward unsere Weile noch laenger. Endlich hatte Philine den herrlichen
Einfall, die saemtlichen Buecher auf einem grossen Tisch aufzuschlagen,
wir setzten uns gegeneinander und lasen gegeneinander, und immer nur
stellenweise, aus einem Buch wie aus dem andern. Das war nun eine
rechte Lust! Wir glaubten wirklich in guter Gesellschaft zu sein, wo
man fuer unschicklich haelt, irgendeine Materie zu lange fortsetzen
oder wohl gar gruendlich eroertern zu wollen; wir glaubten in
lebhafter Gesellschaft zu sein, wo keins das andere zum Wort kommen
laesst. Diese Unterhaltung geben wir uns regelmaessig alle Tage und
werden dadurch nach und nach so gelehrt, dass wir uns selbst darueber
verwundern. Schon finden wir nichts Neues mehr unter der Sonne, zu
allem bietet uns unsere Wissenschaft einen Beleg an. Wir variieren
diese Art, uns zu unterrichten, auf gar vielerlei Weise. Manchmal
lesen wir nach einer alten, verdorbenen Sanduhr, die in einigen
Minuten ausgelaufen ist. Schnell dreht sie das andere herum und
faengt aus einem Buche zu lesen an, und kaum ist wieder der Sand im
untern Glase, so beginnt das andere schon wieder seinen Spruch, und so
studieren wir wirklich auf wahrhaft akademische Weise, nur dass wir
kuerzere Stunden haben und unsere Studien aeusserst mannigfaltig sind."
"Diese Tollheit begreife ich wohl", sagte Wilhelm, "wenn einmal so ein
lustiges Paar beisammen ist; wie aber das lockere Paar so lange
beisammen bleiben kann, das ist mir nicht so bald begreiflich."
"Das ist", rief Friedrich, "eben das Glueck und das Unglueck: Philine
darf sich nicht sehen lassen, sie mag sich selbst nicht sehen, sie ist
guter Hoffnung. Unfoermlicher und laecherlicher ist nichts in der
Welt als sie. Noch kurz, ehe ich wegging, kam sie zufaelligerweise
vor den Spiegel. "Pfui Teufel!" sagte sie und wendete das Gesicht ab,
"die leibhaftige Frau Melina! Das garstige Bild! Man sieht doch ganz
niedertraechtig aus!""
"Ich muss gestehen", versetzte Wilhelm laechelnd, "dass es ziemlich
komisch sein mag, euch als Vater und Mutter beisammen zu sehen."
"Es ist ein recht naerrischer Streich", sagte Friedrich, "dass ich
noch zuletzt als Vater gelten soll. Sie behauptet's, und die Zeit
trifft auch. Anfangs machte mich der verwuenschte Besuch, den sie
Euch nach dem "Hamlet" abgestattet hatte, ein wenig irre."
"Was fuer ein Besuch?"
"Ihr werdet das Andenken daran doch nicht ganz und gar verschlafen
haben? Das allerliebste, fuehlbare Gespenst jener Nacht, wenn Ihr's
noch nicht wisst, war Philine. Die Geschichte war mir freilich eine
harte Mitgift, doch wenn man sich so etwas nicht mag gefallen lassen,
so muss man gar nicht lieben. Die Vaterschaft beruht ueberhaupt nur
auf der ueberzeugung; ich bin ueberzeugt, und also bin ich Vater. Da
seht Ihr, dass ich die Logik auch am rechten Orte zu brauchen weiss.
Und wenn das Kind sich nicht gleich nach der Geburt auf der Stelle zu
Tode lacht, so kann es, wo nicht ein nuetzlicher, doch angenehmer
Weltbuerger werden."
Indessen die Freunde sich auf diese lustige Weise von leichtfertigen
Gegenstaenden unterhielten, hatte die uebrige Gesellschaft ein
ernsthaftes Gespraech angefangen. Kaum hatten Friedrich und Wilhelm
sich entfernt, als der Abbe die Freunde unvermerkt in einen Gartensaal
fuehrte und, als sie Platz genommen hatten, seinen Vortrag begann.
"Wir haben", sagte er, "im allgemeinen behauptet, dass Fraeulein
Therese nicht die Tochter ihrer Mutter sei; es ist noetig, dass wir
uns hierueber auch nun im einzelnen erklaeren. Hier ist die
Geschichte, die ich sodann auf alle Weise zu belegen und zu beweisen
mich erbiete.
Frau von *** lebte die ersten Jahre ihres Ehestandes mit ihrem Gemahl
in dem besten Vernehmen, nur hatten sie das Unglueck, dass die Kinder,
zu denen einigemal Hoffnung war, tot zur Welt kamen und bei dem
dritten die aerzte der Mutter beinahe den Tod verkuendigten und ihn
bei einem folgenden als ganz unvermeidlich weissagten. Man war
genoetigt, sich zu entschliessen, man wollte das Eheband nicht
aufheben, man befand sich, buergerlich genommen, zu wohl. Frau von
*** suchte in der Ausbildung ihres Geistes, in einer gewissen
Repraesentation, in den Freuden der Eitelkeit eine Art von
Entschaedigung fuer das Mutterglueck, das ihr versagt war. Sie sah
ihrem Gemahl mit sehr viel Heiterkeit nach, als er Neigung zu einem
Frauenzimmer fasste, welche die ganze Haushaltung versah, eine schoene
Gestalt und einen sehr soliden Charakter hatte. Frau von *** bot nach
kurzer Zeit einer Einrichtung selbst die Haende, nach welcher das gute
Maedchen sich Theresens Vater ueberliess, in der Besorgung des
Hauswesens fortfuhr und gegen die Frau vom Hause fast noch mehr
Dienstfertigkeit und Ergebung als vorher bezeigte.
Nach einiger Zeit erklaerte sie sich guter Hoffnung, und die beiden
Eheleute kamen bei dieser Gelegenheit, obwohl aus ganz verschiedenen
Anlaessen, auf einerlei Gedanken. Herr von *** wuenschte das Kind
seiner Geliebten als sein rechtmaessiges im Hause einzufuehren, und
Frau von ***, verdriesslich, dass durch die Indiskretion ihres Arztes
ihr Zustand in der Nachbarschaft hatte verlauten wollen, dachte durch
ein untergeschobenes Kind sich wieder in Ansehn zu setzen und durch
eine solche Nachgiebigkeit ein uebergewicht im Hause zu erhalten, das
sie unter den uebrigen Umstaenden zu verlieren fuerchtete. Sie war
zurueckhaltender als ihr Gemahl, sie merkte ihm seinen Wunsch ab und
wusste, ohne ihm entgegenzugehn, eine Erklaerung zu erleichtern. Sie
machte ihre Bedingungen und erhielt fast alles, was sie verlangte, und
so entstand das Testament, worin so wenig fuer das Kind gesorgt zu
sein schien. Der alte Arzt war gestorben, man wendete sich an einen
jungen, taetigen, gescheiten Mann, er ward gut belohnt, und er konnte
selbst eine Ehre darin suchen, die Unschicklichkeit und uebereilung
seines abgeschiedenen Kollegen ins Licht zu setzen und zu verbessern.
Die wahre Mutter willigte nicht ungern ein, man spielte die
Verstellung sehr gut, Therese kam zur Welt und wurde einer Stiefmutter
zugeeignet, indes ihre wahre Mutter ein Opfer dieser Verstellung ward,
indem sie sich zu frueh wieder herauswagte, starb und den guten Mann
trostlos hinterliess.
Frau von *** hatte indessen ganz ihre Absicht erreicht, sie hatte vor
den Augen der Welt ein liebenswuerdiges Kind, mit dem sie uebertrieben
parodierte, sie war zugleich eine Nebenbuhlerin losgeworden, deren
Verhaeltnis sie denn doch mit neidischen Augen ansah und deren
Einfluss sie, fuer die Zukunft wenigstens, heimlich fuerchtete; sie
ueberhaeufte das Kind mit Zaertlichkeit und wusste ihren Gemahl in
vertraulichen Stunden durch eine so lebhafte Teilnahme an seinem
Verlust dergestalt an sich zu ziehen, dass er sich ihr, man kann wohl
sagen, ganz ergab, sein Glueck und das Glueck seines Kindes in ihre
Haende legte und kaum kurze Zeit vor seinem Tode, und noch
gewissermassen nur durch seine erwachsene Tochter, wieder Herr im
Hause ward. Das war, schoene Therese, das Geheimnis, das Ihnen Ihr
kranker Vater wahrscheinlich so gern entdeckt haette, das ist's, was
ich Ihnen jetzt, eben da der junge Freund, der durch die sonderbarste
Verknuepfung von der Welt Ihr Braeutigam geworden ist, in der
Gesellschaft fehlt, umstaendlich vorlegen wollte. Hier sind die
Papiere, die aufs strengste beweisen, was ich behauptet habe. Sie
werden daraus zugleich erfahren, wie lange ich schon dieser Entdeckung
auf der Spur war und wie ich doch erst jetzt zur Gewissheit kommen
konnte; wie ich nicht wagte, meinem Freund etwas von der Moeglichkeit
des Gluecks zu sagen, da es ihn zu tief gekraenkt haben wuerde, wenn
diese Hoffnung zum zweiten Male verschwunden waere. Sie werden
Lydiens Argwohn begreifen: denn ich gestehe gern, dass ich die Neigung
unseres Freundes zu diesem guten Maedchen keineswegs beguenstigte,
seitdem ich seiner Verbindung mit Theresen wieder entgegensah."
Niemand erwiderte etwas auf diese Geschichte. Die Frauenzimmer gaben
die Papiere nach einigen Tagen zurueck, ohne derselben weiter zu
erwaehnen.
Man hatte Mittel genug in der Naehe, die Gesellschaft, wenn sie
beisammen war, zu beschaeftigen, auch bot die Gegend so manche Reize
dar, dass man sich gern darin teils einzeln, teils zusammen, zu Pferde,
zu Wagen oder zu Fusse umsah. Jarno richtete bei einer solchen
Gelegenheit seinen Auftrag an Wilhelmen aus, legte ihm die Papiere vor,
schien aber weiter keine Entschliessung von ihm zu verlangen.
"In diesem hoechst sonderbaren Zustand, in dem ich mich befinde",
sagte Wilhelm darauf, "brauche ich Ihnen nur das zu wiederholen, was
ich sogleich anfangs in Gegenwart Nataliens und gewiss mit einem
reinen Herzen gesagt habe: Lothario und seine Freunde koennen jede Art
von Entsagung von mir fordern, ich lege Ihnen hiermit alle meine
Ansprueche an Theresen in die Hand, verschaffen Sie mir dagegen meine
foermliche Entlassung. Oh! es bedarf, mein Freund, keines grossen
Bedenkens, mich zu entschliessen. Schon diese Tage hab ich gefuehlt,
dass Therese Muehe hat, nur einen Schein der Lebhaftigkeit, mit der
sie mich zuerst hier begruesste, zu erhalten. Ihre Neigung ist mir
entwendet, oder vielmehr ich habe sie nie besessen."
"Solche Faelle moechten sich wohl besser nach und nach unter Schweigen
und Erwarten aufklaeren", versetzte Jarno, "als durch vieles Reden,
wodurch immer eine Art von Verlegenheit und Gaerung entsteht."
"Ich daechte vielmehr", sagte Wilhelm, "dass gerade dieser Fall der
ruhigsten und der reinsten Entscheidung faehig sei. Man hat mir so
oft den Vorwurf des Zauderns und der Ungewissheit gemacht; warum will
man jetzt, da ich entschlossen bin, geradezu einen Fehler, den man an
mir tadelte, gegen mich selbst begehn? Gibt sich die Welt nur darum
soviel Muehe, uns zu bilden, um uns fuehlen zu lassen, dass sie sich
nicht bilden mag? Ja, goennen Sie mir recht bald das heitere Gefuehl,
ein Missverhaeltnis loszuwerden, in das ich mit den reinsten
Gesinnungen von der Welt geraten bin."
Ungeachtet dieser Bitte vergingen einige Tage, in denen er nichts von
dieser Sache hoerte, noch auch eine weitere Veraenderung an seinen
Freunden bemerkte; die Unterhaltung war vielmehr bloss allgemein und
gleichgueltig.
VIII. Buch, 8. Kapitel
Siebentes Kapitel
Einst sassen Natalie, Jarno und Wilhelm zusammen, und Natalie begann:
"Sie sind nachdenklich, Jarno, ich kann es Ihnen schon einige Zeit
abmerken."
"Ich bin es", versetzte der Freund, "und ich sehe ein wichtiges
Geschaeft vor mir, das bei uns schon lange vorbereitet ist und jetzt
notwendig angegriffen werden muss. Sie wissen schon etwas im
allgemeinen davon, und ich darf wohl vor unserm jungen Freunde davon
reden, weil es auf ihn ankommen soll, ob er teil daran zu nehmen Lust
hat. Sie werden mich nicht lange mehr sehen, denn ich bin im Begriff,
nach Amerika ueberzuschiffen."
"Nach Amerika?" versetzte Wilhelm laechelnd; "ein solches Abenteuer
haette ich nicht von Ihnen erwartet, noch weniger, dass Sie mich zum
Gefaehrten ausersehen wuerden."
"Wenn Sie unsern Plan ganz kennen", versetzte Jarno, "so werden Sie
ihm einen bessern Namen geben und vielleicht fuer ihn eingenommen
werden, Hoeren Sie mich an! Man darf nur ein wenig mit den
Welthaendeln bekannt sein, um zu bemerken, dass uns grosse
Veraenderungen bevorstehn und dass die Besitztuemer beinahe nirgends
mehr recht sicher sind."
"Ich habe keinen deutlichen Begriff von den Welthaendeln", fiel
Wilhelm ein, "und habe mich erst vor kurzem um meine Besitztuemer
bekuemmert. Vielleicht haette ich wohlgetan, sie mir noch laenger aus
dem Sinne zu schlagen, da ich bemerken muss, dass die Sorge fuer ihre
Erhaltung so hypochondrisch macht."
"Hoeren Sie mich aus", sagte Jarno; "die Sorge geziemt dem Alter,
damit die Jugend eine Zeitlang sorglos sein koenne. Das Gleichgewicht
in den menschlichen Handlungen kann leider nur durch Gegensaetze
hergestellt werden. Es ist gegenwaertig nichts weniger als raetlich,
nur an einem Ort zu besitzen, nur einem Platze sein Geld anzuvertrauen,
und es ist wieder schwer, an vielen Orten Aufsicht darueber zu
fuehren; wir haben uns deswegen etwas anders ausgedacht: aus unserm
alten Turm soll eine Sozietaet ausgehen, die sich in alle Teile der
Welt ausbreiten, in die man aus jedem Teile der Welt eintreten kann.
Wir assekurieren uns untereinander unsere Existenz auf den einzigen
Fall, dass eine Staatsrevolution den einen oder den andern von seinen
Besitztuemern voellig vertriebe. Ich gehe nun hinueber nach Amerika,
um die guten Verhaeltnisse zu benutzen, die sich unser Freund bei
seinem dortigen Aufenthalt gemacht hat. Der Abbe will nach Russland
gehn, und Sie sollen die Wahl haben, wenn Sie sich an uns anschliessen
wollen, ob Sie Lothario in Deutschland beistehn oder mit mir gehen
wollen. Ich daechte, Sie waehlten das letzte: denn eine grosse Reise
zu tun ist fuer einen jungen Mann aeusserst nuetzlich."
Wilhelm nahm sich zusammen und antwortete: "Der Antrag ist aller
ueberlegung wert, denn mein Wahlspruch wird doch naechstens sein: "Je
weiter weg, je besser." Sie werden mich, hoffe ich, mit Ihrem Plane
naeher bekannt machen. Es kann von meiner Unbekanntschaft mit der
Welt herruehren, mir scheinen aber einer solchen Verbindung sich
unueberwindliche Schwierigkeiten entgegenzusetzen."
"Davon sich die meisten nur dadurch heben werden", versetzte Jarno,
"dass unser bis jetzt nur wenig sind, redliche, gescheite und
entschlossene Leute, die einen gewissen allgemeinen Sinn haben, aus
dem allein der gesellige Sinn entstehen kann."
Friedrich, der bisher nur zugehoert hatte, versetzte darauf: "Und wenn
ihr mir ein gutes Wort gebt, gehe ich auch mit."
Jarno schuettelte den Kopf.
"Nun, was habt ihr an mir auszusetzen?" fuhr Friedrich fort. "Bei
einer neuen Kolonie werden auch junge Kolonisten erfordert, und die
bring ich gleich mit; auch lustige Kolonisten, das versichre ich euch.
Und dann wuesste ich noch ein gutes junges Maedchen, das hierhueben
nicht mehr am Platz ist, die suesse, reizende Lydie. Wo soll das arme
Kind mit seinem Schmerz und Jammer hin, wenn sie ihn nicht
gelegentlich in die Tiefe des Meeres werfen kann und wenn sich nicht
ein braver Mann ihrer annimmt? Ich daechte, mein Jugendfreund, da Ihr
doch im Gange seid, Verlassene zu troesten, Ihr entschloesst Euch,
jeder naehme sein Maedchen unter den Arm, und wir folgten dem alten
Herrn."
Dieser Antrag verdross Wilhelmen. Er antwortete mit verstellter Ruhe:
"Weiss ich doch nicht einmal, ob sie frei ist, und da ich ueberhaupt
im Werben nicht gluecklich zu sein scheine, so moechte ich einen
solchen Versuch nicht machen."
Natalie sagte darauf: "Bruder Friedrich, du glaubst, weil du fuer dich
so leichtsinnig handelst, auch fuer andere gelte deine Gesinnung.
Unser Freund verdient ein weibliches Herz, das ihm ganz angehoere, das
nicht an seiner Seite von fremden Erinnerungen bewegt werde; nur mit
einem hoechst vernuenftigen und reinen Charakter wie Theresens war ein
Wagestueck dieser Art zu raten."
"Was Wagestueck!" rief Friedrich, "in der Liebe ist alles Wagestueck.
Unter der Laube oder vor dem Altar, mit Umarmungen oder goldenen
Ringen, beim Gesange der Heimchen oder bei Trompeten und Pauken, es
ist alles nur ein Wagestueck, und der Zufall tut alles."
"Ich habe immer gesehen", versetzte Natalie, "dass unsere Grundsaetze
nur ein Supplement zu unsern Existenzen sind. Wir haengen unsern
Fehlern gar zu gern das Gewand eines gueltigen Gesetzes um. Gib nur
acht, welchen Weg dich die Schoene noch fuehren wird, die dich auf
eine so gewaltsame Weise angezogen hat und festhaelt."
"Sie ist selbst auf einem sehr guten Wege", versetzte Friedrich, "auf
dem Wege zur Heiligkeit. Es ist freilich ein Umweg, aber desto
lustiger und sichrer; Maria von Magdala ist ihn auch gegangen, und wer
weiss, wieviel andere. ueberhaupt, Schwester, wenn von Liebe die Rede
ist, solltest du dich gar nicht dreinmischen. Ich glaube, du
heiratest nicht eher, als bis irgendwo eine Braut fehlt, und du gibst
dich alsdann nach deiner gewohnten Gutherzigkeit auch als Supplement
irgendeiner Existenz hin. Also lass uns nur jetzt mit diesem
Seelenverkaeufer da unsern Handel schliessen und ueber unsere
Reisegesellschaft einig werden."
"Sie kommen mit Ihren Vorschlaegen zu spaet", sagte Jarno, "fuer
Lydien ist gesorgt."
"Und wie?" fragte Friedrich.
"Ich habe ihr selbst meine Hand angeboten", versetzte Jarno.
"Alter Herr", sagte Friedrich, "da macht Ihr einen Streich, zu dem man,
wenn man ihn als ein Substantivum betrachtet, verschiedene Adjektiva,
und folglich, wenn man ihn als Subjekt betrachtet, verschiedene
Praedikate finden koennte."
"Ich muss aufrichtig gestehen", versetzte Natalie, "es ist ein
gefaehrlicher Versuch, sich ein Maedchen zuzueignen in dem Augenblicke,
da sie aus Liebe zu einem andern verzweifelt."
"Ich habe es gewagt", versetzte Jarno, "sie wird unter einer gewissen
Bedingung mein. Und glauben Sie mir, es ist in der Welt nichts
schaetzbarer als ein Herz, das der Liebe und der Leidenschaft faehig
ist. Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf kommt es nicht an.
Die Liebe, mit der ein anderer geliebt wird, ist mir beinahe reizender
als die, mit der ich geliebt werden koennte; ich sehe die Kraft, die
Gewalt eines schoenen Herzens, ohne dass die Eigenliebe mir den reinen
Anblick truebt."
"Haben Sie Lydien in diesen Tagen schon gesprochen?" versetzte Natalie.
Jarno nickte laechelnd; Natalie schuettelte den Kopf und sagte, indem
sie aufstand: "Ich weiss bald nicht mehr, was ich aus euch machen soll,
aber mich sollt ihr gewiss nicht irremachen."
Sie wollte sich eben entfernen, als der Abbe mit einem Brief in der
Hand hereintrat und zu ihr sagte: "Bleiben Sie! Ich habe hier einen
Vorschlag, bei dem Ihr Rat willkommen sein wird. Der Marchese, der
Freund Ihres verstorbenen Oheims, den wir seit einiger Zeit erwarten,
muss in diesen Tagen hier sein. Er schreibt mir, dass ihm doch die
deutsche Sprache nicht so gelaeufig sei, als er geglaubt, dass er
eines Gesellschafters beduerfe, der sie vollkommen nebst einigem
andern besitze; da er mehr wuensche, in wissenschaftliche als
politische Verbindungen zu treten, so sei ihm ein solcher Dolmetscher
unentbehrlich. Ich wuesste niemand geschickter dazu als unsern jungen
Freund. Er kennt die Sprache, ist sonst in vielem unterrichtet, und
es wird fuer ihn selbst ein grosser Vorteil sein, in so guter
Gesellschaft und unter so vorteilhaften Umstaenden Deutschland zu
sehen. Wer sein Vaterland nicht kennt, hat keinen Massstab fuer
fremde Laender. Was sagen Sie, meine Freunde? Was sagen Sie,
Natalie?"
Niemand wusste gegen den Antrag etwas einzuwenden; Jarno schien seinen
Vorschlag, nach Amerika zu reisen, selbst als kein Hindernis anzusehn,
indem er ohnehin nicht sogleich aufbrechen wuerde; Natalie schwieg,
und Friedrich fuehrte verschiedene Spruechwoerter ueber den Nutzen des
Reisens an.
Wilhelm war ueber diesen neuen Vorschlag im Herzen so entruestet, dass
er es kaum verbergen konnte. Er sah eine Verabredung, ihn
baldmoeglichst loszuwerden, nur gar zu deutlich, und was das
Schlimmste war, man liess sie so offenbar, so ganz ohne Schonung sehen.
Auch der Verdacht, den Lydie bei ihm erregt, alles, was er selbst
erfahren hatte, wurde wieder aufs neue vor seiner Seele lebendig, und
die natuerliche Art, wie Jarno ihm alles ausgelegt hatte, schien ihm
auch nur eine kuenstliche Darstellung zu sein.
Er nahm sich zusammen und antwortete: "Dieser Antrag verdient
allerdings eine reifliche ueberlegung."
"Eine geschwinde Entschliessung moechte noetig sein", versetzte der
Abbe.
"Dazu bin ich jetzt nicht gefasst", antwortete Wilhelm. "Wir koennen
die Ankunft des Mannes abwarten und dann sehen, ob wir zusammen passen.
Eine Hauptbedingung aber muss man zum voraus eingehen: dass ich
meinen Felix mitnehmen und ihn ueberall mit hinfuehren darf."
"Diese Bedingung wird schwerlich zugestanden werden", versetzte der
Abbe.
"Und ich sehe nicht", rief Wilhelm aus, "warum ich mir von irgendeinem
Menschen sollte Bedingungen vorschreiben lassen und warum ich, wenn
ich einmal mein Vaterland sehen will, einen Italiener zur Gesellschaft
brauche."
"Weil ein junger Mensch", versetzte der Abbe mit einem gewissen
imponierenden Ernste, "immer Ursache hat, sich anzuschliessen."
Wilhelm, der wohl merkte, dass er laenger an sich zu halten nicht
imstande sei, da sein Zustand nur durch die Gegenwart Nataliens noch
einigermassen gelindert ward, liess sich hierauf mit einiger Hast
vernehmen: "Man vergoenne mir nur noch kurze Bedenkzeit, und ich
vermute, es wird sich geschwind entscheiden, ob ich Ursache habe, mich
weiter anzuschliessen, oder ob nicht vielmehr Herz und Klugheit mir
unwiderstehlich gebieten, mich von so mancherlei Banden loszureissen,
die mir eine ewige, elende Gefangenschaft drohen."
So sprach er mit einem lebhaft bewegten Gemuet. Ein Blick auf
Natalien beruhigte ihn einigermassen, indem sich in diesem
leidenschaftlichen Augenblick ihre Gestalt und ihr Wert nur desto
tiefer bei ihm eindrueckten.
"Ja", sagte er zu sich selbst, indem er sich allein fand, "gestehe dir
nur, du liebst sie, und du fuehlst wieder, was es heisse, wenn der
Mensch mit allen Kraeften lieben kann. So liebte ich Marianen und
ward so schrecklich an ihr irre; ich liebte Philinen und musste sie
verachten. Aurelien achtete ich und konnte sie nicht lieben; ich
verehrte Theresen, und die vaeterliche Liebe nahm die Gestalt einer
Neigung zu ihr an; und jetzt, da in deinem Herzen alle Empfindungen
zusammentreffen, die den Menschen gluecklich machen sollten, jetzt
bist du genoetigt zu fliehen! Ach! warum muss sich zu diesen
Empfindungen, zu diesen Erkenntnissen das unueberwindliche Verlangen
des Besitzes gesellen? und warum richten ohne Besitz eben diese
Empfindungen, diese ueberzeugungen jede andere Art von Glueckseligkeit
voellig zugrunde? Werde ich kuenftig der Sonne und der Welt, der
Gesellschaft oder irgendeines Gluecksgutes geniessen? wirst du nicht
immer zu dir sagen: "Natalie ist nicht da!", und doch wird leider
Natalie dir immer gegenwaertig sein. Schliessest du die Augen, so
wird sie sich dir darstellen; oeffnest du sie, so wird sie vor allen
Gegenstaenden hinschweben wie die Erscheinung, die ein blendendes Bild
im Auge zuruecklaesst. War nicht schon frueher die schnell
voruebergegangene Gestalt der Amazone deiner Einbildungskraft immer
gegenwaertig? Und du hattest sie nur gesehen, du kanntest sie nicht.
Nun, da du sie kennst, da du ihr so nahe warst, da sie so vielen
Anteil an dir gezeigt hat, nun sind ihre Eigenschaften so tief in dein
Gemuet gepraegt als ihr Bild jemals in deine Sinne. aengstlich ist es,
immer zu suchen, aber viel aengstlicher, gefunden zu haben und
verlassen zu muessen. Wornach soll ich in der Welt nun weiter fragen?
wornach soll ich mich weiter umsehen? Welche Gegend, welche Stadt
verwahrt einen Schatz, der diesem gleich ist? Und ich soll reisen, um
nur immer das Geringere zu finden? Ist denn das Leben bloss, wie eine
Rennbahn, wo man sogleich schnell wieder umkehren muss, wenn man das
aeusserste Ende erreicht hat? Und steht das Gute, das Vortreffliche
nur wie ein festes, unverruecktes Ziel da, von dem man sich ebenso
schnell mit raschen Pferden wieder entfernen muss, als man es erreicht
zu haben glaubt? anstatt dass jeder andere, der nach irdischen Waren
strebt, sie in den verschiedenen Himmelsgegenden oder wohl gar auf der
Messe und dem Jahrmarkt anschaffen kann."
"Komm, lieber Knabe!" rief er seinem Sohn entgegen, der eben
dahergesprungen kam, "sei und bleibe du mir alles! Du warst mir zum
Ersatz deiner geliebten Mutter gegeben, du solltest mir die zweite
Mutter ersetzen, die ich dir bestimmt hatte, und nun hast du noch die
groessere Luecke auszufuellen. Beschaeftige mein Herz, beschaeftige
meinen Geist mit deiner Schoenheit, deiner Liebenswuerdigkeit, deiner
Wissbegierde und deinen Faehigkeiten!"
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