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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 8

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 8

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Der Knabe war mit einem neuen Spielwerke beschaeftigt, der Vater
suchte es ihm besser, ordentlicher, zweckmaessiger einzurichten; aber
in dem Augenblicke verlor auch das Kind die Lust daran. "Du bist ein
wahrer Mensch!" rief Wilhelm aus, "komm, mein Sohn! komm, mein Bruder,
lass uns in der Welt zwecklos hinspielen, so gut wir koennen!"

Sein Entschluss, sich zu entfernen, das Kind mit sich zu nehmen und
sich an den Gegenstaenden der Welt zu zerstreuen, war nun sein fester
Vorsatz. Er schrieb an Wernern, ersuchte ihn um Geld und Kreditbriefe
und schickte Friedrichs Kurier mit dem geschaerften Auftrage weg, bald
wiederzukommen. Sosehr er gegen die uebrigen Freunde auch verstimmt
war, so rein blieb sein Verhaeltnis zu Natalien. Er vertraute ihr
seine Absicht; auch sie nahm fuer bekannt an, dass er gehen koenne und
muesse, und wenn ihn auch gleich diese scheinbare Gleichgueltigkeit an
ihr schmerzte, so beruhigte ihn doch ihre gute Art und ihre Gegenwart
vollkommen. Sie riet ihm, verschiedene Staedte zu besuchen, um dort
einige ihrer Freunde und Freundinnen kennenzulernen. Der Kurier kam
zurueck, brachte, was Wilhelm verlangt hatte, obgleich Werner mit
diesem neuen Ausflug nicht zufrieden zu sein schien. "Meine Hoffnung,
dass du vernuenftig werden wuerdest", schrieb dieser, "ist nun wieder
eine gute Weile hinausgeschoben. Wo schweift ihr nun alle zusammen
herum? und wo bleibt denn das Frauenzimmer, zu dessen wirtschaftlichem
Beistande du mir Hoffnung machtest? Auch die uebrigen Freunde sind
nicht gegenwaertig; dem Gerichtshalter und mir ist das ganze Geschaeft
aufgewaelzt. Ein Glueck, dass er eben ein so guter Rechtsmann ist,
als ich ein Finanzmann bin, und dass wir beide etwas zu schleppen
gewohnt sind. Lebe wohl! Deine Ausschweifungen sollen dir verziehen
sein, da doch ohne sie unser Verhaeltnis in dieser Gegend nicht haette
so gut werden koennen."

Was das aeussere betraf, haette er nun immer abreisen koennen, allein
sein Gemuet war noch durch zwei Hindernisse gebunden. Man wollte ihm
ein fuer allemal Mignons Koerper nicht zeigen als bei den Exequien,
welche der Abbe zu halten gedachte, zu welcher Feierlichkeit noch
nicht alles bereit war. Auch war der Arzt durch einen sonderbaren
Brief des Landgeistlichen abgerufen worden. Es betraf den
Harfenspieler, von dessen Schicksalen Wilhelm naeher unterrichtet sein
wollte.

In diesem Zustande fand er weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe der Seele
oder des Koerpers. Wenn alles schlief, ging er in dem Hause hin und
her. Die Gegenwart der alten, bekannten Kunstwerke zog ihn an und
stiess ihn ab. Er konnte nichts, was ihn umgab, weder ergreifen noch
lassen, alles erinnerte ihn an alles, er uebersah den ganzen Ring
seines Lebens, nur lag er leider zerbrochen vor ihm und schien sich
auf ewig nicht schliessen zu wollen. Diese Kunstwerke, die sein Vater
verkauft hatte, schienen ihm ein Symbol, dass auch er von einem
ruhigen und gruendlichen Besitz des Wuenschenswerten in der Welt teils
ausgeschlossen, teils desselben durch eigne oder fremde Schuld beraubt
werden sollte. Er verlor sich so weit in diesen sonderbaren und
traurigen Betrachtungen, dass er sich selbst manchmal wie ein Geist
vorkam und, selbst wenn er die Dinge ausser sich befuehlte und
betastete, sich kaum des Zweifels erwehren konnte, ob er denn auch
wirklich lebe und da sei.

Nur der lebhafte Schmerz, der ihn manchmal ergriff, dass er alles das
Gefundene und Wiedergefundene so freventlich und doch so notwendig
verlassen muesse, nur seine Traenen gaben ihm das Gefuehl seines
Daseins wieder. Vergebens rief er sich den gluecklichen Zustand, in
dem er sich doch eigentlich befand, vors Gedaechtnis. "So ist denn
alles nichts", rief er aus, "wenn das eine fehlt, das dem Menschen
alles uebrige wert ist!"

Der Abbe verkuendigte der Gesellschaft die Ankunft des Marchese. "Sie
sind zwar, wie es scheint", sagte er zu Wilhelmen, "mit Ihrem Knaben
allein abzureisen entschlossen; lernen Sie jedoch wenigstens diesen
Mann kennen, der Ihnen, wo Sie ihn auch unterwegs antreffen, auf alle
Faelle nuetzlich sein kann." Der Marchese erschien; es war ein Mann
noch nicht hoch in Jahren, eine von den wohlgestalteten, gefaelligen
lombardischen Figuren. Er hatte als Juengling mit dem Oheim der schon
um vieles aelter war, bei der Armee, dann in Geschaeften Bekanntschaft
gemacht; sie hatten nachher einen grossen Teil von Italien zusammen
durchreist, und die Kunstwerke, die der Marchese hier wiederfand,
waren zum grossen Teil in seiner Gegenwart und unter manchen
gluecklichen Umstaenden, deren er sich noch wohl erinnerte, gekauft
und angeschafft worden.

Der Italiener hat ueberhaupt ein tieferes Gefuehl fuer die hohe Wuerde
der Kunst als andere Nationen; jeder, der nur irgend etwas treibt,
will Kuenstler, Meister und Professor heissen und bekennt wenigstens
durch diese Titelsucht, dass es nicht genug sei, nur etwas durch
ueberlieferung zu erhaschen oder durch uebung irgendeine Gewandtheit
zu erlangen; er gesteht, dass jeder vielmehr ueber das, was er tut,
auch faehig sein solle zu denken, Grundsaetze aufzustellen und die
Ursachen, warum dieses oder jenes zu tun sei, sich selbst und andern
deutlich zu machen.

Der Fremde ward geruehrt, so schoene Besitztuemer ohne den Besitzer
wiederzufinden, und erfreut, den Geist seines Freundes aus den
vortrefflichen Hinterlassenen sprechen zu hoeren. Sie gingen die
verschiedenen Werke durch und fanden eine grosse Behaglichkeit, sich
einander verstaendlich machen zu koennen. Der Marchese und der Abbe
fuehrten das Wort; Natalie, die sich wieder in die Gegenwart ihres
Oheims versetzt fuehlte, wusste sich sehr gut in ihre Meinungen und
Gesinnungen zu finden; Wilhelm musste sich's in theatralische
Terminologie uebersetzen, wenn er etwas davon verstehen wollte. Man
hatte Not, Friedrichs Scherze in Schranken zu halten. Jarno war
selten zugegen.

Bei der Betrachtung, dass vortreffliche Kunstwerke in der neuern Zeit
so selten seien, sagte der Marchese: "Es laesst sich nicht leicht
denken und uebersehen, was die Umstaende fuer den Kuenstler tun
muessen, und dann sind bei dem groessten Genie, bei dem
entschiedensten Talente noch immer die Forderungen unendlich, die er
an sich selbst zu machen hat, unsaeglich der Fleiss, der zu seiner
Ausbildung noetig ist. Wenn nun die Umstaende wenig fuer ihn tun,
wenn er bemerkt, dass die Welt sehr leicht zu befriedigen ist und
selbst nur einen leichten, gefaelligen, behaglichen Schein begehrt, so
waere es zu verwundern, wenn nicht Bequemlichkeit und Eigenliebe ihn
bei dem Mittelmaessigen festhielten; es waere seltsam, wenn er nicht
lieber fuer Modewaren Geld und Lob eintauschen als den rechten Weg
waehlen sollte, der ihn mehr oder weniger zu einem kuemmerlichen
Maertyrertum fuehrt. Deswegen bieten die Kuenstler unserer Zeit nur
immer an, um niemals zu geben. Sie wollen immer reizen, um niemals zu
befriedigen; alles ist nur angedeutet, und man findet nirgends Grund
noch Ausfuehrung. Man darf aber auch nur eine Zeitlang ruhig in einer
Galerie verweilen und beobachten, nach welchen Kunstwerken sich die
Menge zieht, welche gepriesen und welche vernachlaessigt werden, so
hat man wenig Lust an der Gegenwart und fuer die Zukunft wenig
Hoffnung."

"Ja", versetzte der Abbe, "und so bilden sich Liebhaber und Kuenstler
wechselsweise; der Liebhaber sucht nur einen allgemeinen, unbestimmten
Genuss; das Kunstwerk soll ihm ungefaehr wie ein Naturwerk behagen,
und die Menschen glauben, die Organe, ein Kunstwerk zu geniessen,
bildeten sich ebenso von selbst aus wie die Zunge und der Gaum, man
urteile ueber ein Kunstwerk wie ueber eine Speise. Sie begreifen
nicht, was fuer einer andern Kultur es bedarf, um sich zum wahren
Kunstgenusse zu erheben. Das Schwerste finde ich die Art von
Absonderung, die der Mensch in sich selbst bewirken muss, wenn er sich
ueberhaupt bilden will; deswegen finden wir so viel einseitige
Kulturen, wovon doch jede sich anmasst, ueber das Ganze abzusprechen."

"Was Sie da sagen, ist mir nicht ganz deutlich", sagte Jarno, der eben
hinzutrat.

"Auch ist es schwer", versetzte der Abbe, "sich in der Kuerze bestimmt
hierueber zu erklaeren. Ich sage nur soviel: sobald der Mensch an
mannigfaltige Taetigkeit oder mannigfaltigen Genuss Anspruch macht, so
muss er auch faehig sein, mannigfaltige Organe an sich gleichsam
unabhaengig voneinander auszubilden. Wer alles und jedes in seiner
ganzen Menschheit tun oder geniessen will, wer alles ausser sich zu
einer solchen Art von Genuss verknuepfen will, der wird seine Zeit nur
mit einem ewig unbefriedigten Streben hinbringen. Wie schwer ist es,
was so natuerlich scheint, eine gute Statue, ein treffliches Gemaelde
an und fuer sich zu beschauen, den Gesang um des Gesangs willen zu
vernehmen, den Schauspieler im Schauspieler zu bewundern, sich eines
Gebaeudes um seiner eigenen Harmonie und seiner Dauer willen zu
erfreuen. Nun sieht man aber meist die Menschen entschiedene Werke
der Kunst geradezu behandeln, als wenn es ein weicher Ton waere. Nach
ihren Neigungen, Meinungen und Grillen soll sich der gebildete Marmor
sogleich wieder ummodeln, das festgemauerte Gebaeude sich ausdehnen
oder zusammenziehen, ein Gemaelde soll lehren, ein Schauspiel bessern,
und alles soll alles werden. Eigentlich aber, weil die meisten
Menschen selbst formlos sind, weil sie sich und ihrem Wesen selbst
keine Gestalt geben koennen, so arbeiten sie, den Gegenstaenden ihre
Gestalt zu nehmen, damit ja alles loser und lockrer Stoff werde, wozu
sie auch gehoeren. Alles reduzieren sie zuletzt auf den sogenannten
Effekt, alles ist relativ, und so wird auch alles relativ, ausser dem
Unsinn und der Abgeschmacktheit, die denn auch ganz absolut regiert."

"Ich verstehe Sie", versetzte Jarno, "oder vielmehr ich sehe wohl ein,
wie das, was Sie sagen, mit den Grundsaetzen zusammenhaengt, an denen
Sie so festhalten; ich kann es aber mit den armen Teufeln von Menschen
unmoeglich so genau nehmen. Ich kenne freilich ihrer genug, die sich
bei den groessten Werken der Kunst und der Natur sogleich ihres
armseligsten Beduerfnisses erinnern, ihr Gewissen und ihre Moral mit
in die Oper nehmen, ihre Liebe und Hass vor einem Saeulengange nicht
ablegen und das Beste und Groesste, was ihnen von aussen gebracht
werden kann, in ihrer Vorstellungsart erst moeglichst verkleinern
muessen, um es mit ihrem kuemmerlichen Wesen nur einigermassen
verbinden zu koennen."




VIII. Buch, 8. Kapitel




Achtes Kapitel

Am Abend lud der Abbe zu den Exequien Mignons ein. Die Gesellschaft
begab sich in den Saal der Vergangenheit und fand denselben auf das
sonderbarste erhellt und ausgeschmueckt. Mit himmelblauen Teppichen
waren die Waende fast von oben bis unten bekleidet, so dass nur Sockel
und Fries hervorschienen. Auf den vier Kandelabern in den Ecken
brannten grosse Wachsfackeln, und so nach Verhaeltnis auf den vier
kleinern, die den mittlern Sarkophag umgaben. Neben diesem standen
vier Knaben, himmelblau mit Silber gekleidet, und schienen einer Figur,
die auf dem Sarkophag ruhte, mit breiten Faechern von Straussenfedern
Luft zuzuwehn. Die Gesellschaft setzte sich, und zwei unsichtbare
Choere fingen mit holdem Gesang an zu fragen: "Wen bringt ihr uns zur
stillen Gesellschaft?" Die vier Kinder antworteten mit lieblicher
Stimme. "Einen mueden Gespielen bringen wir euch; lasst ihn unter
euch ruhen, bis das Jauchzen himmlischer Geschwister ihn dereinst
wieder aufweckt."

Chor

Erstling der Jugend in unserm Kreise, sei willkommen! mit Trauer
willkommen! Dir folge kein Knabe, kein Maedchen nach! Nur das Alter
nahe sich willig und gelassen der stillen Halle, und in ernster
Gesellschaft ruhe das liebe, liebe Kind!

Knaben

Ach! wie ungern brachten wir ihn her! Ach! und er soll hier bleiben!
Lasst uns auch bleiben, lasst uns weinen, weinen an seinem Sarge!

Chor

Seht die maechtigen Fluegel doch an! seht das leichte, reine Gewand!
wie blinkt die goldene Binde vom Haupt! seht die schoene, die wuerdige
Ruh!

Knaben

Ach! die Fluegel heben sie nicht; im leichten Spiele flattert das
Gewand nicht mehr; als wir mit Rosen kraenzten ihr Haupt, blickte sie
hold und freundlich nach uns.

Chor

Schaut mit den Augen des Geistes hinan! In euch lebe die bildende
Kraft, die das Schoenste, das Hoechste hinauf, ueber die Sterne das
Leben traegt!

Knaben

Aber ach! wir vermissen sie hier, in den Gaerten wandelt sie nicht,
sammelt der Wiese Blumen nicht mehr. Lasst uns weinen, wir lassen sie
hier! lasst uns weinen und bei ihr bleiben!

Chor

Kinder! kehret ins Leben zurueck! Eure Traenen trockne die frische
Luft, die um das schlaengelnde Wasser spielt. Entflieht der Nacht!
Tag und Lust und Dauer ist das Los der Lebendigen.

Knaben

Auf, wir kehren ins Leben zurueck. Gebe der Tag uns Arbeit und Lust,
bis der Abend uns Ruhe bringt und der naechtliche Schlaf uns erquickt.

Chor

Kinder! eilet ins Leben hinan! In der Schoenheit reinem Gewande
begegn' euch die Liebe mit himmlischem Blick und dem Kranz der
Unsterblichkeit!



Die Knaben waren schon fern, der Abbe stand von seinem Sessel auf und
trat hinter den Sarg. "Es ist die Verordnung", sagte er, "des Mannes,
der diese stille Wohnung bereitet hat, dass jeder neue Ankoemmling mit
Feierlichkeit empfangen werden soll. Nach ihm, dem Erbauer dieses
Hauses, dem Errichter dieser Staette, haben wir zuerst einen jungen
Fremdling hierhergebracht, und so fasst schon dieser kleine Raum zwei
ganz verschiedene Opfer der strengen, willkuerlichen und
unerbittlichen Todesgoettin. Nach bestimmten Gesetzen treten wir ins
Leben ein, die Tage sind gezaehlt, die uns zum Anblicke des Lichts
reif machen, aber fuer die Lebensdauer ist kein Gesetz. Der
schwaechste Lebensfaden zieht sich in unerwartete Laenge, und den
staerksten zerschneidet gewaltsam die Schere einer Parze, die sich in
Widerspruechen zu gefallen scheint. Von dem Kinde, das wir hier
bestatten, wissen wir wenig zu sagen. Noch ist uns unbekannt, woher
es kam; seine Eltern kennen wir nicht, und die Zahl seiner Lebensjahre
vermuten wir nur. Sein tiefes, verschlossenes Herz liess uns seine
innersten Angelegenheiten kaum erraten; nichts war deutlich an ihm,
nichts offenbar als die Liebe zu dem Manne, der es aus den Haenden
eines Barbaren rettete. Diese zaertliche Neigung, diese lebhafte
Dankbarkeit schien die Flamme zu sein, die das oel ihres Lebens
aufzehrte; die Geschicklichkeit des Arztes konnte das schoene Leben
nicht erhalten, die sorgfaeltigste Freundschaft vermochte nicht, es zu
fristen. Aber wenn die Kunst den scheidenden Geist nicht zu fesseln
vermochte, so hat sie alle ihre Mittel angewandt, den Koerper zu
erhalten und ihn der Vergaenglichkeit zu entziehen. Eine balsamische
Masse ist durch alle Adern gedrungen und faerbt nun an der Stelle des
Bluts die so frueh verbliebenen Wangen. Treten Sie naeher, meine
Freunde, und sehen Sie das Wunder der Kunst und Sorgfalt!"

Er hub den Schleier auf, und das Kind lag in seinen Engelkleidern wie
schlafend in der angenehmsten Stellung. Alle traten herbei und
bewunderten diesen Schein des Lebens. Nur Wilhelm blieb in seinem
Sessel sitzen, er konnte sich nicht fassen; was er empfand, durfte er
nicht denken, und jeder Gedanke schien seine Empfindung zerstoeren zu
wollen.

Die Rede war um des Marchese willen franzoesisch gesprochen worden.
Dieser trat mit den andern herbei und betrachtete die Gestalt mit
Aufmerksamkeit. Der Abbe fuhr fort: "Mit einem heiligen Vertrauen war
auch dieses gute, gegen die Menschen so verschlossene Herz bestaendig
zu seinem Gott gewendet. Die Demut, ja eine Neigung, sich aeusserlich
zu erniedrigen, schien ihm angeboren. Mit Eifer hing es an der
katholischen Religion, in der es geboren und erzogen war. Oft
aeusserte sie den stillen Wunsch, auf geweihtem Boden zu ruhen, und
wir haben, nach den Gebraeuchen der Kirche, dieses marmorne Behaeltnis
und die wenige Erde geweihet, die in ihrem Kopfkissen verborgen ist.
Mit welcher Inbrunst kuesste sie in ihren letzten Augenblicken das
Bild des Gekreuzigten, das auf ihren zarten Armen mit vielen hundert
Punkten sehr zierlich abgebildet steht!" Er streifte zugleich, indem
er das sagte, ihren rechten Arm auf, und ein Kruzifix, von
verschiedenen Buchstaben und Zeichen begleitet, sah man blaulich auf
der weissen Haut.

Der Marchese betrachtete diese neue Erscheinung ganz in der Naehe. "O
Gott!" rief er aus, indem er sich aufrichtete und seine Haende gen
Himmel hob, "armes Kind! Unglueckliche Nichte! Finde ich dich hier
wieder! Welche schmerzliche Freude, dich, auf die wir schon lange
Verzicht getan hatten, diesen guten, lieben Koerper, den wir lange im
See einen Raub der Fische glaubten, hier wiederzufinden, zwar tot,
aber erhalten! Ich wohne deiner Bestattung bei, die so herrlich durch
ihr aeusseres und noch herrlicher durch die guten Menschen wird, die
dich zu deiner Ruhestaette begleiten. Und wenn ich werde reden
koennen", sagte er mit gebrochner Stimme, "werde ich ihnen danken."

Die Traenen verhinderten ihn, etwas weiter hervorzubringen. Durch den
Druck einer Feder versenkte der Abbe den Koerper in die Tiefe des
Marmors. Vier Juenglinge, bekleidet wie jene Knaben, traten hinter
den Teppichen hervor, hoben den schweren, schoen verzierten Deckel auf
den Sarg und fingen zugleich ihren Gesang an.

Die Juenglinge

Wohl verwahrt ist nun der Schatz, das schoene Gebild der Vergangenheit!
hier im Marmor ruht es unverzehrt; auch in euren Herzen lebt es,
wirkt es fort. Schreitet, schreitet ins Leben zurueck! Nehmet den
heiligen Ernst mit hinaus, denn der Ernst, der heilige, macht allein
das Leben zur Ewigkeit.



Das unsichtbare Chor fiel in die letzten Worte mit ein, aber niemand
von der Gesellschaft vernahm die staerkenden Worte, jedes war zu sehr
mit den wunderbaren Entdeckungen und seinen eignen Empfindungen
beschaeftigt. Der Abbe und Natalie fuehrten den Marchese, Wilhelmen
Therese und Lothario hinaus, und erst als der Gesang ihnen voellig
verhallte, fielen die Schmerzen, die Betrachtungen, die Gedanken, die
Neugierde sie mit aller Gewalt wieder an, und sehnlich wuenschten sie
sich in jenes Element wieder zurueck.




VIII. Buch, 9. Kapitel--1




Neuntes Kapitel

Der Marchese vermied, von der Sache zu reden, hatte aber heimliche und
lange Gespraeche mit dem Abbe. Er erbat sich, wenn die Gesellschaft
beisammen war, oefters Musik; man sorgte gern dafuer, weil jedermann
zufrieden war, des Gespraechs ueberhoben zu sein. So lebte man einige
Zeit fort, als man bemerkte, dass er Anstalt zur Abreise mache. Eines
Tages sagte er zu Wilhelmen: "Ich verlange nicht, die Reste des guten
Kindes zu beunruhigen; es bleibe an dem Orte zurueck, wo es geliebt
und gelitten hat, aber seine Freunde muessen mir versprechen, mich in
seinem Vaterlande, an dem Platze zu besuchen, wo das arme Geschoepf
geboren und erzogen wurde; sie muessen die Saeulen und Statuen sehen,
von denen ihm noch eine dunkle Idee uebriggeblieben ist.

Ich will Sie in die Buchten fuehren, wo sie so gern die Steinchen
zusammenlas. Sie werden sich, lieber junger Mann, der Dankbarkeit
einer Familie nicht entziehen, die Ihnen so viel schuldig ist. Morgen
reise ich weg. Ich habe dem Abbe die ganze Geschichte vertraut, er
wird sie Ihnen wiedererzaehlen; er konnte mir verzeihen, wenn mein
Schmerz mich unterbrach, und er wird als ein Dritter die Begebenheiten
mit mehr Zusammenhang vortragen. Wollen Sie mir noch, wie der Abbe
vorschlug, auf meiner Reise durch Deutschland folgen, so sind Sie
willkommen. Lassen Sie Ihren Knaben nicht zurueck; bei jeder kleinen
Unbequemlichkeit, die er uns macht, wollen wir uns Ihrer Vorsorge fuer
meine arme Nichte wieder erinnern."

Noch selbigen Abend ward man durch die Ankunft der Graefin ueberrascht.
Wilhelm bebte an allen Gliedern, als sie hereintrat, und sie,
obgleich vorbereitet, hielt sich an ihrer Schwester, die ihr bald
einen Stuhl reichte. Wie sonderbar einfach war ihr Anzug und wie
veraendert ihre Gestalt! Wilhelm durfte kaum auf sie hinblicken; sie
begruesste ihn mit Freundlichkeit, und einige allgemeine Worte konnten
ihre Gesinnung und Empfindungen nicht verbergen. Der Marchese war
beizeiten zu Bette gegangen, und die Gesellschaft hatte noch keine
Lust, sich zu trennen; der Abbe brachte ein Manuskript hervor. "Ich
habe", sagte er, "sogleich die sonderbare Geschichte, wie sie mir
anvertraut wurde, zu Papiere gebracht. Wo man am wenigsten Tinte und
Feder sparen soll, das ist beim Aufzeichnen einzelner Umstaende
merkwuerdiger Begebenheiten." Man unterrichtete die Graefin, wovon
die Rede sei, und der Abbe las:

"Meinen Vater", sagte der Marchese, "muss ich, soviel Welt ich auch
gesehen habe, immer fuer einen der wunderbarsten Menschen halten.
Sein Charakter war edel und gerade, seine Ideen weit und man darf
sagen gross; er war streng gegen sich selbst; in allen seinen Planen
fand man eine unbestechliche Folge, an allen seinen Handlungen eine
ununterbrochene Schrittmaessigkeit. So gut sich daher von einer Seite
mit ihm umgehen und ein Geschaeft verhandeln liess, sowenig konnte er
um ebendieser Eigenschaften willen sich in die Welt finden, da er vom
Staate, von seinen Nachbaren, von Kindern und Gesinde die Beobachtung
aller der Gesetze forderte, die er sich selbst auferlegt hatte. Seine
maessigsten Forderungen wurden uebertrieben durch seine Strenge, und
er konnte nie zum Genuss gelangen, weil nichts auf die Weise entstand,
wie er sich's gedacht hatte. Ich habe ihn in dem Augenblicke, da er
einen Palast bauete, einen Garten anlegte, ein grosses neues Gut in
der schoensten Lage erwarb, innerlich mit dem ernstesten Ingrimm
ueberzeugt gesehen, das Schicksal habe ihn verdammt, enthaltsam zu
sein und zu dulden. In seinem aeusserlichen beobachtete er die
groesste Wuerde; wenn er scherzte, zeigte er nur die ueberlegenheit
seines Verstandes; es war ihm unertraeglich, getadelt zu werden, und
ich habe ihn nur einmal in meinem Leben ganz ausser aller Fassung
gesehen, da er hoerte, dass man von einer seiner Anstalten wie von
etwas Laecherlichem sprach. In ebendiesem Geiste hatte er ueber seine
Kinder und sein Vermoegen disponiert. Mein aeltester Bruder ward als
ein Mann erzogen, der kuenftig grosse Gueter zu hoffen hatte; ich
sollte den geistlichen Stand ergreifen und der juengste Soldat werden.
Ich war lebhaft, feurig, taetig, schnell, zu allen koerperlichen
uebungen geschickt. Der Juengste schien zu einer Art von
schwaermerischer Ruhe geneigter, den Wissenschaften, der Musik und der
Dichtkunst ergeben. Nur nach dem haertsten Kampf, nach der
voelligsten ueberzeugung der Unmoeglichkeit gab der Vater, wiewohl mit
Widerwillen, nach, dass wir unsern Beruf umtauschen duerften, und ob
er gleich jeden von uns beiden zufrieden sah, so konnte er sich doch
nicht drein finden und versicherte, dass nichts Gutes daraus entstehen
werde. Je aelter er ward, desto abgeschnittener fuehlte er sich von
aller Gesellschaft. Er lebte zuletzt fast ganz allein. Nur ein alter
Freund, der unter den Deutschen gedient, im Feldzuge seine Frau
verloren und eine Tochter mitgebracht hatte, die ungefaehr zehn Jahre
alt war, blieb sein einziger Umgang. Dieser kaufte sich ein artiges
Gut in der Nachbarschaft, sah meinen Vater zu bestimmten Tagen und
Stunden der Woche, in denen er auch manchmal seine Tochter mitbrachte.
Er widersprach meinem Vater niemals, der sich zuletzt voellig an ihn
gewoehnte und ihn als den einzigen ertraeglichen Gesellschafter
duldete, Nach dem Tode unseres Vaters merkten wir wohl, dass dieser
Mann von unserm Alten trefflich ausgestattet worden war und seine Zeit
nicht umsonst zugebracht hatte; er erweiterte seine Gueter, seine
Tochter konnte eine schoene Mitgift erwarten. Das Maedchen wuchs
heran und war von sonderbarer Schoenheit; mein aelterer Bruder
scherzte oft mit mir, dass ich mich um sie bewerben sollte.

Indessen hatte Bruder Augustin im Kloster seine Jahre in dem
sonderbarsten Zustande zugebracht; er ueberliess sich ganz dem Genuss
einer heiligen Schwaermerei, jenen halb geistigen, halb physischen
Empfindungen, die, wie sie ihn eine Zeitlang in den dritten Himmel
erhuben, bald darauf in einen Abgrund von Ohnmacht und leeres Elend
versinken liessen. Bei meines Vaters Lebzeiten war an keine
Veraenderung zu denken, und was haette man wuenschen oder vorschlagen
sollen? Nach dem Tode unsers Vaters besuchte er uns fleissig; sein
Zustand, der uns im Anfang jammerte, ward nach und nach um vieles
ertraeglicher, denn die Vernunft hatte gesiegt. Allein je sichrer sie
ihm voellige Zufriedenheit und Heilung auf dem reinen Wege der Natur
versprach, desto lebhafter verlangte er von uns, dass wir ihn von
seinen Geluebden befreien sollten; er gab zu verstehen, dass seine
Absicht auf Sperata, unsere Nachbarin, gerichtet sei.

Mein aelterer Bruder hatte zuviel durch die Haette unseres Vaters
gelitten, als dass er ungeruehrt bei dem Zustande des juengsten haette
bleiben koennen. Wir sprachen mit dem Beichtvater unserer Familie,
einem alten, wuerdigen Manne, entdeckten ihm die doppelte Absicht
unseres Bruders und baten ihn, die Sache einzuleiten und zu befoerdern.
Wider seine Gewohnheit zoegerte er, und als endlich unser Bruder in
uns drang und wir die Angelegenheit dem Geistlichen lebhafter
empfahlen, musste er sich entschliessen, uns die sonderbare Geschichte
zu entdecken.

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