Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 8
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Sperata war unsre Schwester, und zwar sowohl von Vater als Mutter;
Neigung und Sinnlichkeit hatten den Mann in spaeteren Jahren nochmals
ueberwaeltigt, in welchen das Recht der Ehegatten schon verloschen zu
sein scheint; ueber einen aehnlichen Fall hatte man sich kurz vorher
in der Gegend lustig gemacht, und mein Vater, um sich nicht
gleichfalls dem Laecherlichen auszusetzen, beschloss, diese spaete,
gesetzmaessige Frucht der Liebe mit ebender Sorgfalt zu verheimlichen,
als man sonst die fruehern zufaelligen Fruechte der Neigung zu
verbergen pflegt. Unsere Mutter kam heimlich nieder, das Kind wurde
aufs Land gebracht, und der alte Hausfreund, der nebst dem Beichtvater
allein um das Geheimnis wusste, liess sich leicht bereden, sie fuer
seine Tochter auszugeben. Der Beichtvater hatte sich nur ausbedungen,
im aeussersten Fall das Geheimnis entdecken zu duerfen. Der Vater war
gestorben, das zarte Maedchen lebte unter der Aufsicht einer alten
Frau; wir wussten, dass Gesang und Musik unsern Bruder schon bei ihr
eingefuehrt hatten, und da er uns wiederholt aufforderte, seine alten
Bande zu trennen, um das neue zu knuepfen, so war es noetig, ihn so
bald als moeglich von der Gefahr zu unterrichten, in der er schwebte.
Er sah uns mit wilden, verachtenden Blicken an. "Spart eure
unwahrscheinlichen Maerchen", rief er aus, "fuer Kinder und
leichtglaeubige Toren; mir werdet ihr Speraten nicht vom Herzen
reissen, sie ist mein. Verleugnet sogleich euer schreckliches
Gespenst, das mich nur vergebens aengstigen wuerde. Sperata ist nicht
meine Schwester, sie ist mein Weib!" Er beschrieb uns mit Entzuecken,
wie ihn das himmlische Maedchen aus dem Zustande der unnatuerlichen
Absonderung von den Menschen in das wahre Leben gefuehrt, wie beide
Gemueter gleich beiden Kehlen zusammenstimmten und wie er alle seine
Leiden und Verirrungen segnete, weil sie ihn von allen Frauen bis
dahin entfernt gehalten und weil er nun ganz und gar sich dem
liebenswuerdigsten Maedchen ergeben koenne. Wir entsetzten uns ueber
die Entdeckung, uns jammerte sein Zustand, wir wussten uns nicht zu
helfen, er versicherte uns mit Heftigkeit, dass Sperata ein Kind von
ihm im Busen trage. Unser Beichtvater tat alles, was ihm seine
Pflicht eingab, aber dadurch ward das uebel nur schlimmer. Die
Verhaeltnisse der Natur und der Religion, der sittlichen Rechte und
der buergerlichen Gesetze wurden von meinem Bruder aufs heftigste
durchgefochten. Nichts schien ihm heilig als das Verhaeltnis zu
Sperata, nichts schien ihm wuerdig als der Name Vater und Gattin.
"Diese allein", rief er aus, "sind der Natur gemaess, alles andere
sind Grillen und Meinungen. Gab es nicht edle Voelker, die eine
Heirat mit der Schwester billigten? Nennt eure Goetter nicht", rief
er aus, "ihr braucht die Namen nie, als wenn ihr uns betoeren, uns von
dem Wege der Natur abfuehren und die edelsten Triebe durch
schaendlichen Zwang zu Verbrechen entstellen wollt. Zur groessten
Verwirrung des Geistes, zum schaendlichsten Missbrauche des Koerpers
noetigt ihr die Schlachtopfer, die ihr lebendig begrabt.
Ich darf reden, denn ich habe gelitten wie keiner, von der hoechsten,
suessesten Fuelle der Schwaermerei bis zu den fuerchterlichen Wuesten
der Ohnmacht, der Leerheit, der Vernichtung und Verzweiflung, von den
hoechsten Ahnungen ueberirdischer Wesen bis zu dem voelligsten
Unglauben, dem Unglauben an mir selbst. Allen diesen entsetzlichen
Bodensatz des am Rande schmeichelnden Kelchs habe ich ausgetrunken,
und mein ganzes Wesen war bis in sein Innerstes vergiftet. Nun, da
mich die guetige Natur durch ihre groessten Gaben, durch die Liebe
wieder geheilt hat, da ich an dem Busen eines himmlischen Maedchens
wieder fuehle, dass ich bin, dass sie ist, dass wir eins sind, dass
aus dieser lebendigen Verbindung ein Drittes entstehen und uns
entgegenlaecheln soll, nun eroeffnet ihr die Flammen eurer Hoellen,
eurer Fegefeuer, die nur eine kranke Einbildungskraft versengen
koennen, und stellt sie dem lebhaften, wahren, unzerstoerlichen Genuss
der reinen Liebe entgegen! Begegnet uns unter jenen Zypressen, die
ihre ernsthaften Gipfel gen Himmel wenden, besucht uns an jenen
Spalieren, wo die Zitronen und Pomeranzen neben uns bluehn, wo die
zierliche Myrte uns ihre zarten Blumen darreicht, und dann wagt es,
uns mit euren trueben, grauen, von Menschen gesponnenen Netzen zu
aengstigen!"
So bestand er lange Zeit auf einem hartnaeckigen Unglauben unserer
Erzaehlung, und zuletzt, da wir ihm die Wahrheit derselben beteuerten,
da sie ihm der Beichtvater selbst versicherte, liess er sich doch
dadurch nicht irremachen, vielmehr rief er aus: "Fragt nicht den
Widerhall eurer Kreuzgaenge, nicht euer vermodertes Pergament, nicht
eure verschraenkten Grillen und Verordnungen; fragt die Natur und euer
Herz, sie wird euch lehren, vor was ihr zu schaudern habt, sie wird
euch mit dem strengsten Finger zeigen, worueber sie ewig und
unwiderruflich ihren Fluch ausspricht. Seht die Lilien an: entspringt
nicht Gatte und Gattin auf einem Stengel? Verbindet beide nicht die
Blume, die beide gebar, und ist die Lilie nicht das Bild der Unschuld
und ihre geschwisterliche Vereinigung nicht fruchtbar? Wenn die Natur
verabscheut, so spricht sie es laut aus; das Geschoepf, das nicht sein
soll, kann nicht werden; das Geschoepf, das falsch lebt, wird frueh
zerstoert. Unfruchtbarkeit, kuemmerliches Dasein, fruehzeitiges
Zerfallen, das sind ihre Flueche, die Kennzeichen ihrer Strenge. Nur
durch unmittelbare Folgen straft sie. Da seht um euch her, und was
verboten, was verflucht ist, wird euch in die Augen fallen. In der
Stille des Klosters und im Geraeusche der Welt sind tausend Handlungen
geheiligt und geehrt, auf denen ihr Fluch ruht. Auf bequemen
Muessiggang so gut als ueberstrengte Arbeit, auf Willkuer und
ueberfluss wie auf Not und Mangel sieht sie mit traurigen Augen nieder,
zur Maessigkeit ruft sie, wahr sind alle ihre Verhaeltnisse und ruhig
alle ihre Wirkungen. Wer gelitten hat wie ich, hat das Recht, frei zu
sein. Sperata ist mein; nur der Tod soll mir sie nehmen. Wie ich sie
behalten kann? wie ich gluecklich werden kann? das ist eure Sorge!
Jetzt gleich geh ich zu ihr, um mich nicht wieder von ihr zu trennen."
Er wollte nach dem Schiffe, um zu ihr ueberzusetzen; wir hielten ihn
ab und baten ihn, dass er keinen Schritt tun moechte, der die
schrecklichsten Folgen haben koennte. Er solle ueberlegen, dass er
nicht in der freien Welt seiner Gedanken und Vorstellungen, sondern in
einer Verfassung lebe, deren Gesetze und Verhaeltnisse die
Unbezwinglichkeit eines Naturgesetzes angenommen haben. Wir mussten
dem Beichtvater versprechen, dass wir den Bruder nicht aus den Augen,
noch weniger aus dem Schlosse lassen wollten; darauf ging er weg und
versprach, in einigen Tagen wiederzukommen. Was wir vorausgesehen
hatten, traf ein; der Verstand hatte unsern Bruder stark gemacht, aber
sein Herz war weich; die fruehern Eindruecke der Religion wurden
lebhaft, und die entsetzlichsten Zweifel bemaechtigten sich seiner.
Er brachte zwei fuerchterliche Tage und Naechte zu; der Beichtvater
kam ihm wieder zu Huelfe, umsonst! Der ungebundene, freie Verstand
sprach ihn los; sein Gefuehl, seine Religion, alle gewohnten Begriffe
erklaerten ihn fuer einen Verbrecher.
Eines Morgens fanden wir sein Zimmer leer, ein Blatt lag auf dem
Tische, worin er uns erklaerte, dass er, da wir ihn mit Gewalt
gefangenhielten, berechtigt sei, seine Freiheit zu suchen, er
entfliehe, er gehe zu Sperata, er hoffe, mit ihr zu entkommen, er sei
auf alles gefasst, wenn man sie trennen wolle.
Wir erschraken nicht wenig, allein der Beichtvater bat uns, ruhig zu
sein. Unser armer Bruder war nahe genug beobachtet worden; die
Schiffer, anstatt ihn ueberzusetzen, fuehrten ihn in sein Kloster.
Ermuedet von einem vierzigstuendigen Wachen, schlief er ein, sobald
ihn der Kahn im Mondenscheine schaukelte, und erwachte nicht frueher,
als bis er sich in den Haenden seiner geistlichen Brueder sah; er
erholte sich nicht eher, als bis er die Klosterpforte hinter sich
zuschlagen hoerte.
Schmerzlich geruehrt von dem Schicksal unseres Bruders, machten wir
unserm Beichtvater die lebhaftesten Vorwuerfe; allein dieser
ehrwuerdige Mann wusste uns bald mit den Gruenden des Wundarztes zu
ueberreden, dass unser Mitleid fuer den armen Kranken toedlich sei.
Er handle nicht aus eignet Willkuer, sondern auf Befehl des Bischofs
und des hohen Rates. Die Absicht war: alles oeffentliche aergernis zu
vermeiden und den traurigen Fall mit dem Schleier einer geheimen
Kirchenzucht zu verdecken. Sperata sollte geschont werden, sie sollte
nicht erfahren, dass ihr Geliebter zugleich ihr Bruder sei. Sie ward
einem Geistlichen anempfohlen, dem sie vorher schon ihren Zustand
vertraut hatte. Man wusste ihre Schwangerschaft und Niederkunft zu
verbergen. Sie war als Mutter in dem kleinen Geschoepfe ganz
gluecklich. So wie die meisten unserer Maedchen konnte sie weder
schreiben noch Geschriebenes lesen; sie gab daher dem Pater Auftraege,
was er ihrem Geliebten sagen sollte. Dieser glaubte den frommen
Betrug einer saeugenden Mutter schuldig zu sein, er brachte ihr
Nachrichten von unserm Bruder, den er niemals sah, ermahnte sie in
seinem Namen zur Ruhe, bat sie, fuer sich und das Kind zu sorgen und
wegen der Zukunft Gott zu vertrauen.
VIII. Buch, 9. Kapitel--2
Sperata war von Natur zur Religiositaet geneigt. Ihr Zustand, ihre
Einsamkeit vermehrten diesen Zug, der Geistliche unterhielt ihn, um
sie nach und nach auf eine ewige Trennung vorzubereiten. Kaum war das
Kind entwoehnt, kaum glaubte er ihren Koerper stark genug, die
aengstlichsten Seelenleiden zu ertragen, so fing er an, das Vergehen
ihr mit schrecklichen Farben vorzumalen, das Vergehen, sich einem
Geistlichen ergeben zu haben, das er als eine Art von Suende gegen die
Natur, als einen Inzest behandelte. Denn er hatte den sonderbaren
Gedanken, ihre Reue jener Reue gleichzumachen, die sie empfunden haben
wuerde, wenn sie das wahre Verhaeltnis ihres Fehltritts erfahren
haette. Er brachte dadurch so viel Jammer und Kummer in ihr Gemuet,
er erhoehte die Idee der Kirche und ihres Oberhauptes so sehr vor ihr,
er zeigte ihr die schrecklichen Folgen fuer das Heil aller Seelen,
wenn man in solchen Faellen nachgeben und die Straffaelligen durch
eine rechtmaessige Verbindung noch gar belohnen wolle; er zeigte ihr,
wie heilsam es sei, einen solchen Fehler in der Zeit abzubuessen und
dafuer dereinst die Krone der Herrlichkeit zu erwerben, dass sie
endlich wie eine arme Suenderin ihren Nacken dem Beil willig
darreichte und instaendig bat, dass man sie auf ewig von unserm Bruder
entfernen moechte. Als man so viel von ihr erlangt hatte, liess man
ihr, doch unter einer gewissen Aufsicht, die Freiheit, bald in ihrer
Wohnung, bald in dem Kloster zu sein, je nachdem sie es fuer gut
hielte.
Ihr Kind wuchs heran und zeigte bald eine sonderbare Natur. Es konnte
sehr frueh laufen und sich mit aller Geschicklichkeit bewegen, es sang
bald sehr artig und lernte die Zither gleichsam von sich selbst. Nur
mit Worten konnte es sich nicht ausdruecken, und es schien das
Hindernis mehr in seiner Denkungsart als in den Sprachwerkzeugen zu
liegen. Die arme Mutter fuehlte indessen ein trauriges Verhaeltnis zu
dem Kinde; die Behandlung des Geistlichen hatte ihre Vorstellungsart
so verwirrt, dass sie, ohne wahnsinnig zu sein, sich in den
seltsamsten Zustaenden befand. Ihr Vergehen schien ihr immer
schrecklicher und straffaelliger zu werden; das oft wiederholte
Gleichnis des Geistlichen vom Inzest hatte sich so tief bei ihr
eingepraegt, dass sie einen solchen Abscheu empfand, als wenn ihr das
Verhaeltnis selbst bekannt gewesen waere. Der Beichtvater duenkte
sich nicht wenig ueber das Kunststueck, wodurch er das Herz eines
ungluecklichen Geschoepfes zerriss. Jaemmerlich war es anzusehen, wie
die Mutterliebe, die ueber das Dasein des Kindes sich so herzlich zu
erfreuen geneigt war, mit dem schrecklichen Gedanken stritt, dass
dieses Kind nicht dasein sollte. Bald stritten diese beiden Gefuehle
zusammen, bald war der Abscheu ueber die Liebe gewaltig.
Man hatte das Kind schon lange von ihr weggenommen und zu guten Leuten
unten am See gegeben, und in der mehrern Freiheit, die es hatte,
zeigte sich bald seine besondre Lust zum Klettern. Die hoechsten
Gipfel zu ersteigen, auf den Raendern der Schiffe wegzulaufen und den
Seiltaenzern, die sich manchmal in dem Orte sehen liessen, die
wunderlichsten Kunststuecke nachzumachen war ein natuerlicher Trieb.
Um das alles leichter zu ueben, liebte sie, mit den Knaben die Kleider
zu wechseln, und ob es gleich von ihren Pflegeltern hoechst
unanstaendig und unzulaessig gehalten wurde, so liessen wir ihr doch
soviel als moeglich nachsehen. Ihre wunderlichen Wege und Spruenge
fuehrten sie manchmal weit, sie verirrte sich, sie blieb aus und kam
immer wieder. Meistenteils, wenn sie zurueckkehrte, setzte sie sich
unter die Saeulen des Portals vor einem Landhause in der Nachbarschaft;
man suchte sie nicht mehr, man erwartete sie. Dort schien sie auf
den Stufen auszuruhen, dann lief sie in den grossen Saal, besah die
Statuen, und wenn man sie nicht besonders aufhielt, eilte sie nach
Hause.
Zuletzt ward denn doch unser Hoffen getaeuscht und unsere Nachsicht
bestraft. Das Kind blieb aus, man fand seinen Hut auf dem Wasser
schwimmen, nicht weit von dem Orte, wo ein Giessbach sich in den See
stuerzt. Man vermutete, dass es bei seinem Klettern zwischen den
Felsen verunglueckt sei; bei allem Nachforschen konnte man den Koerper
nicht finden.
Durch das unvorsichtige Geschwaetz ihrer Gesellschafterinnen erfuhr
Sperata bald den Tod ihres Kindes; sie schien ruhig und heiter und gab
nicht undeutlich zu verstehen, sie freue sich, dass Gott das arme
Geschoepf zu sich genommen und so bewahrt habe, ein groesseres
Unglueck zu erdulden oder zu stiften.
Bei dieser Gelegenheit kamen alle Maerchen zur Sprache, die man von
unsern Wassern zu erzaehlen pflegt. Es hiess: der See muesse alle
Jahre ein unschuldiges Kind haben; er leide keinen toten Koerper und
werfe ihn frueh oder spaet ans Ufer, ja sogar das letzte Knoechelchen,
wenn es zu Grunde gesunken sei, muesse wieder heraus. Man erzaehlte
die Geschichte einer untroestlichen Mutter, deren Kind im See
ertrunken sei und die Gott und seine Heiligen angerufen habe, ihr nur
wenigstens die Gebeine zum Begraebnis zu goennen; der naechste Sturm
habe den Schaedel, der folgende den Rumpf ans Ufer gebracht, und
nachdem alles beisammen gewesen, habe sie saemtliche Gebeine in einem
Tuch zur Kirche getragen, aber, o Wunder! als sie in den Tempel
getreten, sei das Paket immer schwerer geworden, und endlich, als sie
es auf die Stufen des Altars gelegt, habe das Kind zu schreien
angefangen und sich zu jedermanns Erstaunen aus dem Tuche losgemacht;
nur ein Knoechelchen des kleinen Fingers an der rechten Hand habe
gefehlt, welches denn die Mutter nachher noch sorgfaeltig aufgesucht
und gefunden, das denn auch noch zum Gedaechtnis unter andern
Reliquien in der Kirche aufgehoben werde.
Auf die arme Mutter machten diese Geschichten grossen Eindruck; ihre
Einbildungskraft fuehlte einen neuen Schwung und beguenstigte die
Empfindung ihres Herzens. Sie nahm an, dass das Kind nunmehr fuer
sich und seine Eltern abgebuesst habe, dass Fluch und Strafe, die
bisher auf ihnen geruht, nunmehr gaenzlich gehoben sei; dass es nur
darauf ankomme, die Gebeine des Kindes wiederzufinden, um sie nach Rom
zu bringen, so wuerde das Kind auf den Stufen des grossen Altars der
Peterskirche wieder, mit seiner schoenen, frischen Haut umgeben, vor
dem Volke dastehn. Es werde mit seinen eignen Augen wieder Vater und
Mutter schauen, und der Papst, von der Einstimmung Gottes und seiner
Heiligen ueberzeugt, werde unter dem lauten Zuruf des Volks den Eltern
die Suende vergeben, sie lossprechen und sie verbinden.
Nun waren ihre Augen und ihre Sorgfalt immer nach dem See und dem Ufer
gerichtet. Wenn nachts im Mondglanz sich die Wellen umschlugen,
glaubte sie, jeder blinkende Saum treibe ihr Kind hervor; es musste
zum Scheine jemand hinablaufen, um es am Ufer aufzufangen.
So war sie auch des Tages unermuedet an den Stellen, wo das kiesige
Ufer flach in die See ging; sie sammelte in ein Koerbchen alle Knochen,
die sie fand. Niemand durfte ihr sagen, dass es Tierknochen seien;
die grossen begrub sie, die kleinen hub sie auf. In dieser
Beschaeftigung lebte sie unablaessig fort. Der Geistliche, der durch
die unerlaessliche Ausuebung seiner Pflicht ihren Zustand verursacht
hatte, nahm sich auch ihrer nun aus allen Kraeften an. Durch seinen
Einfluss ward sie in der Gegend fuer eine Entzueckte, nicht fuer eine
Verrueckte gehalten; man stand mit gefalteten Haenden, wenn sie
vorbeiging, und die Kinder kuessten ihr die Hand.
Ihrer alten Freundin und Begleiterin war von dem Beichtvater die
Schuld, die sie bei der ungluecklichen Verbindung beider Personen
gehabt haben mochte, nur unter der Bedingung erlassen, dass sie
unablaessig treu ihr ganzes kuenftiges Leben die Unglueckliche
begleiten solle, und sie hat mit einer bewundernswuerdigen Geduld und
Gewissenhaftigkeit ihre Pflichten bis zuletzt ausgeuebt.
Wir hatten unterdessen unsern Bruder nicht aus den Augen verloren;
weder die aerzte noch die Geistlichkeit seines Klosters wollten uns
erlauben, vor ihm zu erscheinen; allein um uns zu ueberzeugen, dass es
ihm nach seiner Art wohl gehe, konnten wir ihn, sooft wir wollten, in
dem Garten, in den Kreuzgaengen, ja durch ein Fenster an der Decke
seines Zimmers belauschen.
Nach vielen schrecklichen und sonderbaren Epochen, die ich uebergehe,
war er in einen seltsamen Zustand der Ruhe des Geistes und der Unruhe
des Koerpers geraten. Er sass fast niemals, als wenn er seine Harfe
nahm und darauf spielte, da er sie denn meistens mit Gesang begleitete.
uebrigens war er immer in Bewegung und in allem aeusserst lenksam und
folgsam, denn alle seine Leidenschaften schienen sich in der einzigen
Furcht des Todes aufgeloest zu haben. Man konnte ihn zu allem in der
Welt bewegen, wenn man ihm mit einer gefaehrlichen Krankheit oder mit
dem Tode drohte.
Ausser dieser Sonderbarkeit, dass er unermuedet im Kloster hin und her
ging und nicht undeutlich zu verstehen gab, dass es noch besser sein
wuerde, ueber Berg und Taeler so zu wandeln, sprach er auch von einer
Erscheinung, die ihn gewoehnlich aengstigte. Er behauptete naemlich,
dass bei seinem Erwachen zu jeder Stunde der Nacht ein schoener Knabe
unten an seinem Bette stehe und ihm mit einem blanken Messer drohe.
Man versetzte ihn in ein anderes Zimmer, allein er behauptete, auch da
und zuletzt sogar an andern Stellen des Klosters stehe der Knabe im
Hinterhalt. Sein Auf- und Abwandeln ward unruhiger, ja man erinnerte
sich nachher, dass er in der Zeit oefter als sonst an dem Fenster
gestanden und ueber den See hinuebergesehen habe.
Unsere arme Schwester indessen schien von dem einzigen Gedanken, von
der beschraenkten Beschaeftigung nach und nach aufgerieben zu werden,
und unser Arzt schlug vor, man sollte ihr nach und nach unter ihre
uebrigen Gebeine die Knochen eines Kinderskeletts mischen, um dadurch
ihre Hoffnung zu vermehren. Der Versuch war zweifelhaft, doch schien
wenigstens so viel dabei gewonnen, dass man sie, wenn alle Teile
beisammen waeren, von dem ewigen Suchen abbringen und ihr zu einer
Reise nach Rom Hoffnung machen koennte.
Es geschah, und ihre Begleiterin vertauschte unmerklich die ihr
anvertrauten kleinen Reste mit den gefundenen, und eine unglaubliche
Wonne verbreitete sich ueber die arme Kranke, als die Teile sich nach
und nach zusammenfanden und man diejenigen bezeichnen konnte, die noch
fehlten. Sie hatte mit grosser Sorgfalt jeden Teil, wo er hingehoerte,
mit Faeden und Baendern befestigt; sie hatte, wie man die Koerper der
Heiligen zu ehren pflegt, mit Seide und Stickerei die Zwischenraeume
ausgefuellt.
So hatte man die Glieder zusammenkommen lassen, es fehlten nur wenige
der aeusseren Enden. Eines Morgens, als sie noch schlief und der
Medikus gekommen war, nach ihrem Befinden zu fragen, nahm die Alte die
verehrten Reste aus dem Kaestchen weg, das in der Schlafkammer stand,
um dem Arzte zu zeigen, wie sich die gute Kranke beschaeftige. Kurz
darauf hoerte man sie aus dem Bette springen, sie hob das Tuch auf und
fand das Kaestchen leer. Sie warf sich auf ihre Knie; man kam und
hoerte ihr freudiges, inbruenstiges Gebet. "Ja! es ist wahr!" rief
sie aus, "es war kein Traum, es ist wirklich! Freuet euch, meine
Freunde, mit mir! Ich habe das gute, schoene Geschoepf wieder
lebendig gesehen. Es stand auf und warf den Schleier von sich, sein
Glanz erleuchtete das Zimmer, seine Schoenheit war verklaert, es
konnte den Boden nicht betreten, ob es gleich wollte. Leicht ward es
emporgehoben und konnte mir nicht einmal seine Hand reichen. Da rief
es mich zu sich und zeigte mir den Weg, den ich gehen soll. Ich werde
ihm folgen, und bald folgen, ich fuehl es, und es wird mir so leicht
ums Herz. Mein Kummer ist verschwunden, und schon das Anschauen
meines Wiederauferstandenen hat mir einen Vorschmack der himmlischen
Freude gegeben."
Von der Zeit an war ihr ganzes Gemuet mit den heitersten Aussichten
beschaeftigt, auf keinen irdischen Gegenstand richtete sie ihre
Aufmerksamkeit mehr, sie genoss nur wenige Speisen, und ihr Geist
machte sich nach und nach von den Banden des Koerpers los. Auch fand
man sie zuletzt unvermutet erblasst und ohne Empfindung, sie oeffnete
die Augen nicht wieder, sie war, was wir tot nennen.
Der Ruf ihrer Vision hatte sich bald unter das Volk verbreitet, und
das ehrwuerdige Ansehn, das sie in ihrem Leben genoss, verwandelte
sich nach ihrem Tode schnell in den Gedanken, dass man sie sogleich
fuer selig, ja fuer heilig halten muesse.
Als man sie zu Grabe bestatten wollte, draengten sich viele Menschen
mit unglaublicher Heftigkeit hinzu, man wollte ihre Hand, man wollte
wenigstens ihr Kleid beruehren. In dieser leidenschaftlichen
Erhoehung fuehlten verschiedene Kranke die uebel nicht, von denen sie
sonst gequaelt wurden, sie hielten sich fuer geheilt, sie bekannten's,
sie priesen Gott und seine neue Heilige. Die Geistlichkeit war
genoetigt, den Koerper in eine Kapelle zu stellen, das Volk verlangte
Gelegenheit, seine Andacht zu verrichten, der Zudrang war unglaublich;
die Bergbewohner, die ohnedies zu lebhaften religioesen Gefuehlen
gestimmt sind, drangen aus ihren Taelern herbei; die Andacht, die
Wunder, die Anbetung vermehrten sich mit jedem Tage. Die
bischoeflichen Verordnungen, die einen solchen neuen Dienst
einschraenken und nach und nach niederschlagen sollten, konnten nicht
zur Ausfuehrung gebracht werden; bei jedem Widerstand war das Volk
heftig und gegen jeden Unglaeubigen bereit, in Taetlichkeiten
auszubrechen. "Wandelte nicht auch", riefen sie, "der heilige
Borromaeus unter unsern Vorfahren? Erlebte seine Mutter nicht die
Wonne seiner Seligsprechung? Hat man nicht durch jenes grosse Bildnis
auf dem Felsen bei Arona uns seine geistige Groesse sinnlich
vergegenwaertigen wollen? Leben die Seinigen nicht noch unter uns?
Und hat Gott nicht zugesagt, unter einem glaeubigen Volke seine Wunder
stets zu erneuern?"
Als der Koerper nach einigen Tagen keine Zeichen der Faeulnis von sich
gab und eher weisser und gleichsam durchsichtig ward, erhoehte sich
das Zutrauen der Menschen immer mehr, und es zeigten sich unter der
Menge verschiedene Kuren, die der aufmerksame Beobachter selbst nicht
erklaeren und auch nicht geradezu als Betrug ansprechen konnte. Die
ganze Gegend war in Bewegung, und wer nicht selbst kam, hoerte
wenigstens eine Zeitlang von nichts anderem reden.
Das Kloster, worin mein Bruder sich befand, erscholl so gut als die
uebrige Gegend von diesen Wundern, und man nahm sich um so weniger in
acht, in seiner Gegenwart davon zu sprechen, als er sonst auf nichts
aufzumerken pflegte und sein Verhaeltnis niemanden bekannt war.
Diesmal schien er aber mit grosser Genauigkeit gehoert zu haben; er
fuehrte seine Flucht mit solcher Schlauheit aus, dass niemals jemand
hat begreifen koennen, wie er aus dem Kloster herausgekommen sei. Man
erfuhr nachher, dass er sich mit einer Anzahl Wallfahrer uebersetzen
lassen und dass er die Schiffer, die weiter nichts Verkehrtes an ihm
wahrnahmen, nur um die groesste Sorgfalt gebeten, dass das Schiff
nicht umschlagen moechte. Tief in der Nacht kam er in jene Kapelle,
wo seine unglueckliche Geliebte von ihrem Leiden ausruhte; nur wenig
Andaechtige knieten in den Winkeln, ihre alte Freundin sass zu ihren
Haeupten, er trat hinzu und gruesste sie und fragte, wie sich ihre
Gebieterin befaende. "Ihr seht es", versetzte diese nicht ohne
Verlegenheit. Er blickte den Leichnam nur von der Seite an. Nach
einigem Zaudern nahm er ihre Hand. Erschreckt von der Kaelte, liess
er sie sogleich wieder fahren, er sah sich unruhig um und sagte zu der
Alten: "Ich kann jetzt nicht bei ihr bleiben, ich habe noch einen sehr
weiten Weg zu machen, ich will aber zur rechten Zeit schon wieder
dasein; sag ihr das, wenn sie aufwacht."
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