Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 8
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Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Lehrjahre Buch 8
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So ging er hinweg, wir wurden nur spaet von diesem Vorgange
benachrichtigt, man forschte nach, wo er hingekommen sei, aber
vergebens! Wie er sich durch Berge und Taeler durchgearbeitet haben
mag, ist unbegreiflich. Endlich nach langer Zeit fanden wir in
Graubuenden eine Spur von ihm wieder, allein zu spaet, und sie verlor
sich bald. Wir vermuteten, dass er nach Deutschland sei, allein der
Krieg hatte solche schwache Fusstapfen gaenzlich verwischt."
VIII. Buch, 10. Kapitel--1
Zehntes Kapitel
Der Abbe hoerte zu lesen auf, und niemand hatte ohne Traenen zugehoert.
Die Graefin brachte ihr Tuch nicht von den Augen; zuletzt stand sie
auf und verliess mit Natalien das Zimmer. Die uebrigen schwiegen, und
der Abbe sprach: "Es entsteht nun die Frage, ob man den guten Marchese
soll abreisen lassen, ohne ihm unser Geheimnis zu entdecken. Denn wer
zweifelt wohl einen Augenblick daran, dass Augustin und unser
Harfenspieler eine Person sei? Es ist zu ueberlegen, was wir tun,
sowohl um des ungluecklichen Mannes als der Familie willen. Mein Rat
waere, nichts zu uebereilen, abzuwarten, was uns der Arzt, den wir
eben von dort zurueckerwarten, fuer Nachrichten bringt."
Jedermann war derselben Meinung, und der Abbe fuhr fort: "Eine andere
Frage, die vielleicht schneller abzutun ist, entsteht zu gleicher Zeit.
Der Marchese ist unglaublich geruehrt ueber die Gastfreundschaft,
die seine arme Nichte bei uns, besonders bei unserm jungen Freunde,
gefunden hat. Ich habe ihm die ganze Geschichte umstaendlich, ja
wiederholt erzaehlen muessen, und er zeigte seine lebhafteste
Dankbarkeit. "Der junge Mann", sagte er, "hat ausgeschlagen, mit mir
zu reisen, ehe er das Verhaeltnis kannte, das unter uns besteht. Ich
bin ihm nun kein Fremder mehr, von dessen Art zu sein und von dessen
Laune er etwa nicht gewiss waere; ich bin sein Verbundener, wenn Sie
wollen sein Verwandter, und da sein Knabe, den er nicht zuruecklassen
wollte, erst das Hindernis war, das ihn abhielt, sich zu mir zu
gesellen, so lassen Sie jetzt dieses Kind zum schoenern Bande werden,
das uns nur desto fester aneinanderknuepft. ueber die Verbindlichkeit,
die ich nun schon habe, sei er mir noch auf der Reise nuetzlich, er
kehre mit mir zurueck, mein aelterer Bruder wird ihn mit Freuden
empfangen, er verschmaehe die Erbschaft seines Pflegekindes nicht:
denn nach einer geheimen Abrede unseres Vaters mit seinem Freunde ist
das Vermoegen, das er seiner Tochter zugewendet hatte, wieder an uns
zurueckgefallen, und wir wollen dem Wohltaeter unserer Nichte gewiss
das nicht vorenthalten, was er verdient hat.""
Therese nahm Wilhelmen bei der Hand und sagte: "Wir erleben abermals
hier so einen schoenen Fall, dass uneigennuetziges Wohltun die
hoechsten und schoensten Zinsen bringt. Folgen Sie diesem sonderbaren
Ruf, und indem Sie sich um den Marchese doppelt verdient machen, eilen
Sie einem schoenen Land entgegen, das Ihre Einbildungskraft und Ihr
Herz mehr als einmal an sich gezogen hat."
"Ich ueberlasse mich ganz meinen Freunden und ihrer Fuehrung", sagte
Wilhelm; "es ist vergebens, in dieser Welt nach eigenem Willen zu
streben. Was ich festzuhalten wuenschte, muss ich fahrenlassen, und
eine unverdiente Wohltat draengt sich mir auf."
Mit einem Druck auf Theresens Hand machte Wilhelm die seinige los.
"Ich ueberlasse Ihnen ganz", sagte er zu dem Abbe, "was Sie ueber mich
beschliessen; wenn ich meinen Felix nicht von mir zu lassen brauche,
so bin ich zufrieden, ueberall hinzugehn und alles, was man fuer recht
haelt, zu unternehmen."
Auf diese Erklaerung entwarf der Abbe sogleich seinen Plan: man solle,
sagte er, den Marchese abreisen lassen; Wilhelm solle die Nachricht
des Arztes abwarten, und alsdann, wenn man ueberlegt habe, was zu tun
sei, koenne Wilhelm mit Felix nachreisen. So bedeutete er auch den
Marchese unter einem Vorwand, dass die Einrichtungen des jungen
Freundes zur Reise ihn nicht abhalten muessten, die Merkwuerdigkeiten
der Stadt indessen zu besehn. Der Marchese ging ab, nicht ohne
wiederholte lebhafte Versicherung seiner Dankbarkeit, wovon die
Geschenke, die er zurueckliess und die aus Juwelen, geschnittenen
Steinen und gestickten Stoffen bestanden, einen genugsamen Beweis
gaben.
Wilhelm war nun auch voellig reisefertig, und man war um so mehr
verlegen, dass keine Nachrichten von dem Arzt kommen wollten; man
befuerchtete, dem armen Harfenspieler moechte ein Unglueck begegnet
sein, zu ebender Zeit, als man hoffen konnte, ihn durchaus in einen
bessern Zustand zu versetzen. Man schickte den Kurier fort, der kaum
weggeritten war, als am Abend der Arzt mit einem Fremden hereintrat,
dessen Gestalt und Wesen bedeutend, ernsthaft und auffallend war und
den niemand kannte. Beide Ankoemmlinge schwiegen eine Zeitlang still;
endlich ging der Fremde auf Wilhelmen zu, reichte ihm die Hand und
sagte: "Kennen Sie Ihren alten Freund nicht mehr?" Es war die Stimme
des Harfenspielers, aber von seiner Gestalt schien keine Spur
uebriggeblieben zu sein. Er war in der gewoehnlichen Tracht eines
Reisenden, reinlich und anstaendig gekleidet, sein Bart war
verschwunden, seinen Locken sah man einige Kunst an, und was ihn
eigentlich ganz unkenntlich machte, war, dass an seinem bedeutenden
Gesichte die Zuege des Alters nicht mehr erschienen. Wilhelm umarmte
ihn mit der lebhaftesten Freude; er ward den andern vorgestellt und
betrug sich sehr vernuenftig und wusste nicht, wie bekannt er der
Gesellschaft noch vor kurzem geworden war. "Sie werden Geduld mit
einem Menschen haben", fuhr er mit grosser Gelassenheit fort, "der, so
erwachsen er auch aussieht, nach einem langen Leiden erst wie ein
unerfahrnes Kind in die Welt tritt. Diesem wackren Mann bin ich
schuldig, dass ich wieder in einer menschlichen Gesellschaft
erscheinen kann."
Man hiess ihn willkommen, und der Arzt veranlasste sogleich einen
Spaziergang, um das Gespraech abzubrechen und ins Gleichgueltige zu
lenken.
Als man allein war, gab der Arzt folgende Erklaerung: "Die Genesung
dieses Mannes ist uns durch den sonderbarsten Zufall geglueckt. Wir
hatten ihn lange nach unserer ueberzeugung moralisch und physisch
behandelt, es ging auch bis auf einen gewissen Grad ganz gut, allein
die Todesfurcht war noch immer gross bei ihm, und seinen Bart und sein
langes Kleid wollte er uns nicht aufopfern; uebrigens nahm er mehr
teil an den weltlichen Dingen, und seine Gesaenge schienen wie seine
Vorstellungsart wieder dem Leben sich zu naehern. Sie wissen, welch
ein sonderbarer Brief des Geistlichen mich von hier abrief. Ich kam,
ich fand unsern Mann ganz veraendert, er hatte freiwillig seinen Bart
hergegeben, er hatte erlaubt, seine Locken in eine hergebrachte Form
zuzuschneiden, er verlangte gewoehnliche Kleider und schien auf einmal
ein anderer Mensch geworden zu sein. Wir waren neugierig, die Ursache
dieser Verwandlung zu ergruenden, und wagten doch nicht, uns mit ihm
selbst darueber einzulassen; endlich entdeckten wir zufaellig die
sonderbare Bewandtnis. Ein Glas fluessiges Opium fehlte in der
Hausapotheke des Geistlichen, man hielt fuer noetig, die strengste
Untersuchung anzustellen, jedermann suchte sich des Verdachtes zu
erwehren, es gab unter den Hausgenossen heftige Szenen. Endlich trat
dieser Mann auf und gestand, dass er es besitze; man fragte ihn, ob er
davon genommen habe. Er sagte nein, fuhr aber fort: "Ich danke diesem
Besitz die Wiederkehr meiner Vernunft. Es haengt von euch ab, mir
dieses Flaeschchen zu nehmen, und ihr werdet mich ohne Hoffnung in
meinen alten Zustand wieder zurueckfallen sehen. Das Gefuehl, dass es
wuenschenswert sei, die Leiden dieser Erde durch den Tod geendigt zu
sehen, brachte mich zuerst auf den Weg der Genesung; bald darauf
entstand der Gedanke, sie durch einen freiwilligen Tod zu endigen, und
ich nahm in dieser Absicht das Glas hinweg; die Moeglichkeit, sogleich
die grossen Schmerzen auf ewig aufzuheben, gab mir Kraft, die
Schmerzen zu ertragen, und so habe ich, seitdem ich den Talisman
besitze, mich durch die Naehe des Todes wieder in das Leben
zurueckgedraengt. Sorgt nicht", sagte er, "dass ich Gebrauch davon
mache, sondern entschliesst euch, als Kenner des menschlichen Herzens,
mich, indem ihr mir die Unabhaengigkeit vom Leben zugesteht, erst vom
Leben recht abhaengig zu machen." Nach reiflicher ueberlegung drangen
wir nicht weiter in ihn, und er fuehrt nun in einem festen,
geschliffnen Glasflaeschchen dieses Gift als das sonderbarste
Gegengift bei sich."
Man unterrichtete den Arzt von allem, was indessen entdeckt worden war,
und man beschloss, gegen Augustin das tiefste Stillschweigen zu
beobachten. Der Abbe nahm sich vor, ihn nicht von seiner Seite zu
lassen und ihn auf dem guten Wege, den er betreten hatte, fortzufahren.
Indessen sollte Wilhelm die Reise durch Deutschland mit dem Marchese
vollenden. Schien es moeglich, Augustinen eine Neigung zu seinem
Vaterlande wieder einzufloessen, so wollte man seinen Verwandten den
Zustand entdecken, und Wilhelm sollte ihn den Seinigen wieder
zufuehren.
Dieser hatte nun alle Anstalten zu seiner Reise gemacht, und wenn es
im Anfang wunderbar schien, dass Augustin sich freute, als er vernahm,
wie sein alter Freund und Wohltaeter sich sogleich wieder entfernen
sollte, so entdeckte doch der Abbe bald den Grund dieser seltsamen
Gemuetsbewegung. Augustin konnte seine alte Furcht, die er vor Felix
hatte, nicht ueberwinden und wuenschte den Knaben je eher je lieber
entfernt zu sehen.
Nun waren nach und nach so viele Menschen angekommen, dass man sie im
Schloss und in den Seitengebaeuden kaum alle unterbringen konnte, um
so mehr, als man nicht gleich anfangs auf den Empfang so vieler Gaeste
die Einrichtung gemacht hatte. Man fruehstueckte, man speiste
zusammen und haette sich gern beredet, man lebe in einer
vergnueglichen uebereinstimmung, wenn schon in der Stille die Gemueter
sich gewissermassen auseinandersehnten. Therese war manchmal mit
Lothario, noch oefter allein ausgeritten, sie hatte in der
Nachbarschaft schon alle Landwirte und Landwirtinnen kennenlernen; es
war ihr Haushaltungsprinzip, und sie mochte nicht unrecht haben, dass
man mit Nachbarn und Nachbarinnen im besten Vernehmen und immer in
einem ewigen Gefaelligkeitswechsel stehen muesse. Von einer
Verbindung zwischen ihr und Lothario schien gar die Rede nicht zu sein,
die beiden Schwestern hatten sich viel zu sagen, der Abbe schien den
Umgang des Harfenspielers zu suchen, Jarno hatte mit dem Arzt oeftere
Konferenzen, Friedrich hielt sich an Wilhelmen, und Felix war ueberall,
wo es ihm gut ging. So vereinigten sich auch meistenteils die Paare
auf dem Spaziergang, indem die Gesellschaft sich trennte, und wenn sie
zusammen sein mussten, so nahm man geschwind seine Zuflucht zur Musik,
um alle zu verbinden, indem man jeden sich selbst wiedergab.
Unversehens vermehrte der Graf die Gesellschaft, seine Gemahlin
abzuholen und, wie es schien, einen feierlichen Abschied von seinen
weltlichen Verwandten zu nehmen. Jarno eilte ihm bis an den Wagen
entgegen, und als der Ankommende fragte, was er fuer Gesellschaft
finde, so sagte jener in einem Anfall von toller Laune, die ihn immer
ergriff, sobald er den Grafen gewahr ward: "Sie finden den ganzen Adel
der Welt beisammen, Marchesen, Marquis, Mylords und Baronen, es hat
nur noch an einem Grafen gefehlt." So ging man die Treppe hinauf, und
Wilhelm war die erste Person, die ihm im Vorsaal entgegenkam. "Mylord!"
sagte der Graf zu ihm auf Franzoesisch, nachdem er ihn einen
Augenblick betrachtet hatte, "ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft
unvermutet zu erneuern; denn ich muesste mich sehr irren, wenn ich Sie
nicht im Gefolge des Prinzen sollte in meinem Schlosse gesehen haben.
"--"Ich hatte das Glueck, Euer Exzellenz damals aufzuwarten",
versetzte Wilhelm, "nur erzeigen Sie mir zuviel Ehre, wenn Sie mich
fuer einen Englaender, und zwar vom ersten Range halten; ich bin ein
Deutscher, und"--"zwar ein sehr braver junger Mann", fiel Jarno
sogleich ein. Der Graf sah Wilhelmen laechelnd an und wollte eben
etwas erwidern, als die uebrige Gesellschaft herbeikam und ihn aufs
freundlichste begruesste. Man entschuldigte sich, dass man ihm nicht
sogleich ein anstaendiges Zimmer anweisen koenne, und versprach, den
noetigen Raum ungesaeumt zu verschaffen.
"Ei ei!" sagte er laechelnd, "ich sehe wohl, dass man dem Zufalle
ueberlassen hat, den Furierzettel zu machen; mit Vorsicht und
Einrichtung, wie viel ist da nicht moeglich! Jetzt bitte ich euch,
ruehrt mir keinen Pantoffel vom Platze, denn sonst, seh ich wohl, gibt
es eine grosse Unordnung. Jedermann wird unbequem wohnen, und das
soll niemand um meinetwillen womoeglich auch nur eine Stunde. Sie
waren Zeuge", sagte er zu Jarno, "und auch Sie, Mister", indem er sich
zu Wilhelmen wandte, "wie viele Menschen ich damals auf meinem
Schlosse bequem untergebracht habe. Man gebe mir die Liste der
Personen und Bedienten, man zeige mir an, wie jedermann gegenwaertig
einquartiert ist, ich will einen Dislokationsplan machen, dass mit der
wenigsten Bemuehung jedermann eine geraeumige Wohnung finde und dass
noch Platz fuer einen Gast bleiben soll, der sich zufaelligerweise bei
uns einstellen koennte."
Jarno machte sogleich den Adjutanten des Grafen, verschaffte ihm alle
noetigen Notizen und hatte nach seiner Art den groessten Spass, wenn
er den alten Herrn mitunter irremachen konnte. Dieser gewann aber
bald einen grossen Triumph. Die Einrichtung war fertig, er liess in
seiner Gegenwart die Namen ueber alle Tueren schreiben, und man konnte
nicht leugnen, dass mit wenig Umstaenden und Veraenderungen der Zweck
voellig erreicht war. Auch hatte es Jarno unter anderm so geleitet,
dass die Personen, die in dem gegenwaertigen Augenblick ein Interesse
aneinander nahmen, zusammen wohnten.
Nachdem alles eingerichtet war, sagte der Graf zu Jarno: "Helfen Sie
mir auf die Spur wegen des jungen Mannes, den Sie da Meister nennen
und der ein Deutscher sein soll." Jarno schwieg still, denn er wusste
recht gut, dass der Graf einer von denen Leuten war, die, wenn sie
fragen, eigentlich belehren wollen; auch fuhr dieser, ohne Antwort
abzuwarten, in seiner Rede fort: "Sie hatten mir ihn damals
vorgestellt und im Namen des Prinzen bestens empfohlen. Wenn seine
Mutter auch eine Deutsche war, so hafte ich dafuer, dass sein Vater
ein Englaender ist, und zwar von Stande; wer wollte das englische Blut
alles berechnen, das seit dreissig Jahren in deutschen Adern
herumfliesst! Ich will weiter nicht darauf dringen, ihr habt immer
solche Familiengeheimnisse; doch mir wird man in solchen Faellen
nichts aufbinden." Darauf erzaehlte er noch verschiedenes, was damals
mit Wilhelmen auf seinem Schloss vorgegangen sein sollte, wozu Jarno
gleichfalls schwieg, obgleich der Graf ganz irrig war und Wilhelmen
mit einem jungen Englaender in des Prinzen Gefolge mehr als einmal
verwechselte. Der gute Herr hatte in fruehern Zeiten ein
vortreffliches Gedaechtnis gehabt und war noch immer stolz darauf,
sich der geringsten Umstaende seiner Jugend erinnern zu koennen; nun
bestimmte er aber mit ebender Gewissheit wunderbare Kombinationen und
Fabeln als wahr, die ihm bei zunehmender Schwaeche seines
Gedaechtnisses seine Einbildungskraft einmal vorgespiegelt hatte.
uebrigens war er sehr mild und gefaellig geworden, und seine Gegenwart
wirkte recht guenstig auf die Gesellschaft. Er verlangte, dass man
etwas Nuetzliches zusammen lesen sollte, ja sogar gab er manchmal
kleine Spiele an, die er, wo nicht mitspielte, doch mit grosser
Sorgfalt dirigierte, und da man sich ueber seine Herablassung
verwundene, sagte er: es sei die Pflicht eines jeden, der sich in
Hauptsachen von der Welt entferne, dass er in gleichgueltigen Dingen
sich ihr desto mehr gleichstelle.
Wilhelm hatte unter diesen Spielen mehr als einen baenglichen und
verdriesslichen Augenblick; der leichtsinnige Friedrich ergriff manche
Gelegenheit, um auf eine Neigung Wilhelms gegen Natalien zu deuten.
Wie konnte er darauf fallen? wodurch war er dazu berechtigt? Und
musste nicht die Gesellschaft glauben, dass, weil beide viel
miteinander umgingen, Wilhelm ihm eine so unvorsichtige und
unglueckliche Konfidenz gemacht habe?
Eines Tages waren sie bei einem solchen Scherze heiterer als
gewoehnlich, als Augustin auf einmal zur Tuere, die er aufriss, mit
graesslicher Gebaerde hereinstuerzte; sein Angesicht war blass, sein
Auge wild, er schien reden zu wollen, die Sprache versagte ihm. Die
Gesellschaft entsetzte sich, Lothario und Jarno, die eine Rueckkehr
des Wahnsinns vermuteten, sprangen auf ihn los und hielten ihn fest.
Stotternd und dumpf, dann heftig und gewaltsam sprach und rief er:
"Nicht mich haltet, eilt! helft! rettet das Kind! Felix ist vergiftet!"
Sie liessen ihn los, er eilte zur Tuere hinaus, und voll Entsetzen
draengte sich die Gesellschaft ihm nach. Man rief nach dem Arzte,
Augustin richtete seine Schritte nach dem Zimmer des Abbes, man fand
das Kind, das erschrocken und verlegen schien, als man ihm schon von
weitem zurief: "was hast du angefangen?"
"Lieber Vater!" rief Felix, "ich habe nicht aus der Flasche, ich habe
aus dem Glase getrunken, ich war so durstig."
Augustin schlug die Haende zusammen, rief: "Er ist verloren!",
draengte sich durch die Umstehenden und eilte davon.
Sie fanden ein Glas Mandelmilch auf dem Tische stehen und eine
Karaffine darneben, die ueber die Haelfte leer war; der Arzt kam, er
erfuhr, was man wusste, und sah mit Entsetzen das wohlbekannte
Flaeschchen, worin sich das fluessige Opium befunden hatte, leer auf
dem Tische liegen; er liess Essig herbeischaffen und rief alle Mittel
seiner Kunst zu Huelfe.
Natalie liess den Knaben in ein Zimmer bringen, sie bemuehte sich
aengstlich um ihn. Der Abbe war fortgerannt, Augustinen aufzusuchen
und einige Aufklaerungen von ihm zu erdringen. Ebenso hatte sich der
unglueckliche Vater vergebens bemueht und fand, als er zurueckkam, auf
allen Gesichtern Bangigkeit und Sorge. Der Arzt hatte indessen die
Mandelmilch im Glase untersucht, es entdeckte sich die staerkste
Beimischung von Opium; das Kind lag auf dem Ruhebette und schien sehr
krank, es bat den Vater, dass man ihm nur nichts mehr einschuetten,
dass man es nur nicht mehr quaelen moechte. Lothar hatte seine Leute
ausgeschickt und war selbst weggeritten, um der Flucht Augustins auf
die Spur zu kommen. Natalie sass bei dem Kinde, es fluechtete auf
ihren Schoss und bat sie flehentlich um Schutz, flehentlich um ein
Stueckchen Zucker, der Essig sei gar zu sauer! Der Arzt gab es zu;
man muesse das Kind, das in der entsetzlichsten Bewegung war, einen
Augenblick ruhen lassen, sagte er; es sei alles Raetliche geschehen,
er wolle das moegliche tun. Der Graf trat mit einigem Unwillen, wie
es schien, herbei, er sah ernst, ja feierlich aus, legte die Haende
auf das Kind, blickte gen Himmel und blieb einige Augenblicke in
dieser Stellung. Wilhelm, der trostlos in einem Sessel lag, sprang
auf, warf einen Blick voll Verzweiflung auf Natalien und ging zur
Tuere hinaus.
Kurz darauf verliess auch der Graf das Zimmer.
VIII. Buch, 10. Kapitel--2
"Ich begreife nicht", sagte der Arzt nach einiger Pause, "dass sich
auch nicht die geringste Spur eines gefaehrlichen Zustandes am Kinde
zeigt. Auch nur mit einem Schluck muss es eine ungeheure Dosis Opium
zu sich genommen haben, und nun finde ich an seinem Pulse keine
weitere Bewegung, als die ich meinen Mitteln und der Furcht
zuschreiben kann, in die wir das Kind versetzt haben."
Bald darauf trat Jarno mit der Nachricht herein, dass man Augustin auf
dem Oberboden in seinem Blute gefunden habe, ein Schermesser habe
neben ihm gelegen, wahrscheinlich habe er sich die Kehle abgeschnitten.
Der Arzt eilte fort und begegnete den Leuten, welche den Koerper die
Treppe herunterbrachten. Er ward auf ein Bett gelegt und genau
untersucht; der Schnitt war in die Luftroehre gegangen, auf einen
starken Blutverlust war eine Ohnmacht gefolgt, doch liess sich bald
bemerken, dass noch Leben, dass noch Hoffnung uebrig sei. Der Arzt
brachte den Koerper in die rechte Lage, fuegte die getrennten Teile
zusammen und legte den Verband auf. Die Nacht ging allen schlaflos
und sorgenvoll vorueber. Das Kind wollte sich nicht von Natalien
trennen lassen. Wilhelm sass vor ihr auf einem Schemel; er hatte die
Fuesse des Knaben auf seinem Schosse, Kopf und Brust lagen auf dem
ihrigen, so teilten sie die angenehme Last und die schmerzlichen
Sorgen und verharrten, bis der Tag anbrach, in der unbequemen und
traurigen Lage; Natalie hatte Wilhelmen ihre Hand gegeben, sie
sprachen kein Wort, sahen auf das Kind und sahen einander an.
Lothario und Jarno sassen am andern Ende des Zimmers und fuehrten ein
sehr bedeutendes Gespraech, das wir gern, wenn uns die Begebenheiten
nicht zu sehr draengten, unsern Lesern hier mitteilen wuerden. Der
Knabe schlief sanft, erwachte am fruehen Morgen ganz heiter, sprang
auf und verlangte ein Butterbrot.
Sobald Augustin sich einigermassen erholt hatte, suchte man einige
Aufklaerung von ihm zu erhalten. Man erfuhr nicht ohne Muehe und nur
nach und nach: dass, als er bei der ungluecklichen Dislokation des
Grafen in ein Zimmer mit dem Abbe versetzt worden, er das Manuskript
und darin seine Geschichte gefunden habe; sein Entsetzen sei
ohnegleichen gewesen, und er habe sich nun ueberzeugt, dass er nicht
laenger leben duerfe; sogleich habe er seine gewoehnliche Zuflucht zum
Opium genommen, habe es in ein Glas Mandelmilch geschuettet und habe
doch, als er es an den Mund gesetzt, geschaudert; darauf habe er es
stehenlassen, um nochmals durch den Garten zu laufen und die Welt zu
sehen; bei seiner Zurueckkunft habe er das Kind gefunden, eben
beschaeftigt, das Glas, woraus es getrunken, wieder vollzugiessen.
Man bat den Ungluecklichen, ruhig zu sein; er fasste Wilhelmen
krampfhaft bei der Hand. "Ach!" sagte er, "warum habe ich dich nicht
laengst verlassen, ich wusste wohl, dass ich den Knaben toeten wuerde
und er mich."--"Der Knabe lebt!" sagte Wilhelm. Der Arzt, der
aufmerksam zugehoert hatte, fragte Augustinen, ob alles Getraenke
vergiftet gewesen. "Nein!" versetzte er, "nur das Glas."--"So hat
durch den gluecklichsten Zufall", rief der Arzt, "das Kind aus der
Flasche getrunken! Ein guter Genius hat seine Hand gefuehrt, dass es
nicht nach dem Tode griff, der so nahe zubereitet stand!"--"Nein! nein!"
rief Wilhelm mit einem Schrei, indem er die Haende vor die Augen
hielt, "wie fuerchterlich ist diese Aussage! Ausdruecklich sagte das
Kind, dass es nicht aus der Flasche, sondern aus dem Glase getrunken
habe. Seine Gesundheit ist nur ein Schein, es wird uns unter den
Haenden wegsterben." Er eilte fort, der Arzt ging hinunter und fragte,
indem er das Kind liebkoste: "Nicht wahr, Felix, du hast aus der
Flasche getrunken und nicht aus dem Glase?" Das Kind fing an zu
weinen. Der Arzt erzaehlte Natalien im stillen, wie sich die Sache
verhalte; auch sie bemuehte sich vergebens, die Wahrheit von dem Kinde
zu erfahren; es weinte nur heftiger und so lange, bis es einschlief.
Wilhelm wachte bei ihm, die Nacht verging ruhig. Den andern Morgen
fand man Augustinen tot in seinem Bette; er hatte die Aufmerksamkeit
seiner Waerter durch eine scheinbare Ruhe betrogen, den Verband still
aufgeloest und sich verblutet. Natalie ging mit dem Kinde spazieren,
es war munter wie in seinen gluecklichsten Tagen. "Du bist doch gut",
sagte Felix zu ihr, "du zankst nicht, du schlaegst mich nicht, ich
will dir's nur sagen, ich habe aus der Flasche getrunken! Mutter
Aurelie schlug mich immer auf die Finger, wenn ich nach der Karaffine
griff; der Vater sah so boes aus, ich dachte, er wuerde mich schlagen."
Mit befluegelten Schritten eilte Natalie zu dem Schlosse; Wilhelm kam
ihr, noch voller Sorgen, entgegen. "Gluecklicher Vater!" rief sie
laut, indem sie das Kind aufhob und es ihm in die Arme warf, "da hast
du deinen Sohn! Er hat aus der Flasche getrunken, seine Unart hat ihn
gerettet."
Man erzaehlte den gluecklichen Ausgang dem Grafen, der aber nur mit
laechelnder, stiller, bescheidner Gewissheit zuhoerte, mit der man den
Irrtum guter Menschen ertragen mag. Jarno, aufmerksam auf alles,
konnte diesmal eine solche hohe Selbstgenuegsamkeit nicht erklaeren,
bis er endlich nach manchen Umschweifen erfuhr: der Graf sei
ueberzeugt, das Kind habe wirklich Gift genommen, er habe es aber
durch sein Gebet und durch das Auflegen seiner Haende wunderbar am
Leben erhalten. Nun beschloss er auch sogleich wegzugehn; gepackt war
bei ihm alles wie gewoehnlich in einem Augenblicke, und beim Abschiede
fasste die schoene Graefin Wilhelms Hand, ehe sie noch die Hand der
Schwester losliess, drueckte alle vier Haende zusammen, kehrte sich
schnell um und stieg in den Wagen.
Soviel schreckliche und wunderbare Begebenheiten, die sich eine ueber
die andere draengten, zu einer ungewohnten Lebensart noetigten und
alles in Unordnung und Verwirrung setzten, hatten eine Art von
fieberhafter Schwingung in das Haus gebracht. Die Stunden des
Schlafens und Wachens, des Essens, Trinkens und geselligen
Zusammenseins waren verrueckt und umgekehrt. Ausser Theresen war
niemand in seinem Gleise geblieben; die Maenner suchten durch geistige
Getraenke ihre gute Laune wiederherzustellen, und indem sie sich eine
kuenstliche Stimmung gaben, entfernten sie die natuerliche, die allein
uns wahre Heiterkeit und Taetigkeit gewaehrt.
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