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Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 1

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 1

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Nach diesem sonderbaren Ereignis sagte Lenardo: "Dass wir, bei so
schoenen Hoffnungen, ganz nahe vor dem Hafen scheitern, darueber kann
ich mich nur einigermassen troesten, mich nur fuer den Augenblick
beruhigen und den Meinen entgegengehen, wenn ich betrachte, dass der
Himmel Sie mir zugefuehrt hat, Sie, dem es bei seiner eigentuemlichen
Sendung gleichgueltig ist, wohin und wozu er seinen Weg richtet.
Nehmen Sie es ueber sich, Nachodinen aufzusuchen und mir Nachricht von
ihr zu geben. Ist sie gluecklich, so bin ich zufrieden; ist sie
ungluecklich, so helfen Sie ihr auf meine Kosten. Handeln Sie ohne
Ruecksichten, sparen, schonen Sie nichts."

"Nach welcher Weltgegend aber", sagte Wilhelm laechelnd, "hab' ich
denn meine Schritte zu richten? Wenn Sie keine Ahnung haben, wie
soll ich damit begabt sein?"

"Hoeren Sie!" antwortete Lenardo. "In voriger Nacht, wo Sie mich als
einen Verzweifelten rastlos auf und ab gehen sahen, wo ich
leidenschaftlich in Kopf und Herzen alles durcheinanderwarf, da kam
ein alter Freund mir vor den Geist, ein wuerdiger Mann, der, ohne mich
eben zu hofmeistern, auf meine Jugend grossen Einfluss gehabt hat. Gern
haett' ich mir ihn, wenigstens teilweise, als Reisegefaehrten erbeten,
wenn er nicht wundersam durch die schoensten Kunst--und altertuemlichen
Seltenheiten an seine Wohnung geknuepft waere, die er nur auf
Augenblicke verlaesst. Dieser, weiss ich, geniesst einer ausgebreiteten
Bekanntschaft mit allem, was in dieser Welt durch irgendeinen edlen
Faden verbunden ist; zu ihm eilen Sie, ihm erzaehlen Sie, wie ich es
vorgetragen, und es steht zu hoffen, dass ihm sein zartes Gefuehl
irgend einen Ort, eine Gegend andeuten werde, wo sie zu finden sein
moechte. In meiner Bedraengnis fiel es mir ein, dass der Vater des
Kindes sich zu den Frommen zaehlte, und ich ward im Augenblick fromm
genug, mich an die moralische Weltordnung zu wenden und zu bitten:
sie moege sich hier zu meinen Gunsten einmal wunderbar gnaedig
offenbaren."

"Noch eine Schwierigkeit", versetzte Wilhelm, "bleibt jedoch zu
loesen: wo soll ich mit meinem Felix hin? denn auf so ganz ungewissen
Wegen moecht' ich ihn nicht mit mir fuehren und ihn doch auch nicht
gerne von mir lassen; denn mich duenkt, der Sohn entwickele sich
nirgends besser als in Gegenwart des Vaters."

"Keineswegs!" erwiderte Lenardo, "dies ist ein holder vaeterlicher
Irrtum: der Vater behaelt immer eine Art von despotischem Verhaeltnis
zu seinem Sohn, dessen Tugenden er nicht anerkennt und an dessen
Fehlern er sich freut; deswegen die Alten schon zu sagen pflegten:
"Der Helden Soehne werden Taugenichtse", und ich habe mich weit genug
in der Welt umgesehen, um hierueber ins klare zu kommen.
Gluecklicherweise wird unser alter Freund, an den ich Ihnen sogleich
ein eiliges Schreiben verfasse, auch hierueber die beste Auskunft
geben. Als ich ihn vor Jahren das letztemal sah, erzaehlte er mir gar
manches von einer paedagogischen Verbindung, die ich nur fuer eine Art
von Utopien halten konnte; es schien mir, als sei, unter dem Bilde
der Wirklichkeit, eine Reihe von Ideen, Gedanken, Vorschlaegen und
Vorsaetzen gemeint, die freilich zusammenhingen, aber in dem
gewoehnlichen Laufe der Dinge wohl schwerlich zusammentreffen moechten.
Weil ich ihn aber kenne, weil er gern durch Bilder das Moegliche und
Unmoegliche verwirklichen mag, so liess ich es gut sein, und nun kommt
es uns zugute; er weiss gewiss Ihnen Ort und Umstaende zu bezeichnen,
wie Sie Ihren Knaben getrost vertrauen und von einer weisen Leitung
das Beste hoffen koennen."

Im Dahinreiten sich auf diese Weise unterhaltend, erblickten sie
eine edle Villa, die Gebaeude im ernst-freundlichen Geschmack, freien
Vorraum und in weiter, wuerdiger Umgebung wohlbestandene Baeume; Tueren
und Schaltern aber durchaus verschlossen, alles einsam, doch
wohlerhalten anzusehen. Von einem aeltlichen Manne, der sich am
Eingang zu beschaeftigen schien, erfuhren sie, dies sei das Erbteil
eines jungen Mannes, dem es von seinem in hohem Alter erst kurz
verstorbenen Vater soeben hinterlassen worden.

Auf weiteres Befragen wurden sie belehrt: dem Erben sei hier leider
alles zu fertig, er habe hier nichts mehr zu tun und das Vorhandene
zu geniessen sei gerade nicht seine Sache; deswegen er sich denn ein
Lokal naeher am Gebirge ausgesucht, wo er fuer sich und seine Gesellen
Mooshuetten baue und eine Art von jaegerischer Einsiedelei anlegen wolle.
Was den Berichtenden selbst betraf, vernahmen sie, er sei der
mitgeerbte Kastellan, sorge aufs genaueste fuer Erhaltung und
Reinlichkeit, damit irgendein Enkel, in die Neigung und Besitzung des
Grossvaters eingreifend, alles finde, wie dieser es verlassen hat.

Nachdem sie ihren Weg einige Zeit stillschweigend fortgesetzt,
begann Lenardo mit der Betrachtung, dass es die Eigenheit des Menschen
sei, von vorn anfangen zu wollen; worauf der Freund erwiderte, dies
lasse sich wohl erklaeren und entschuldigen, weil doch, genau genommen,
jeder wirklich von vorn anfaengt. "Sind doch", rief er aus, "keinem
die Leiden erlassen, von denen seine Vorfahren gepeinigt wurden; kann
man ihm verdenken, dass er von ihren Freuden nichts missen will?"

Lenardo versetzte hierauf: "Sie ermutigen mich zu gestehen, dass ich
eigentlich auf nichts gerne wirken mag als auf das, was ich selbst
geschaffen habe. Niemals mocht' ich einen Diener, den ich nicht vom
Knaben heraufgebildet, kein Pferd, das ich nicht selbst zugeritten.
In Gefolg dieser Sinnesart will ich denn auch gern bekennen, dass ich
unwiderstehlich nach uranfaenglichen Zustaenden hingezogen werde, dass
meine Reisen durch alle hochgebildeten Laender und Voelker diese
Gefuehle nicht abstumpfen koennen, dass meine Einbildungskraft sich ueber
dem Meer ein Behagen sucht und dass ein bisher vernachlaessigter
Familienbesitz in jenen frischen Gegenden mich hoffen laesst, ein im
stillen gefasster, meinen Wuenschen gemaess nach und nach heranreifender
Plan werde sich endlich ausfuehren lassen."

"Dagegen wuesst' ich nichts einzuwenden", versetzte Wilhelm, "ein
solcher Gedanke, ins Neue und Unbestimmte gewendet, hat etwas Eigenes,
Grosses. Nur bitt' ich zu bedenken, dass ein solches Unternehmen nur
einer Gesamtheit gluecken kann. Sie gehen hinueber und finden dort
schon Familienbesitzungen, wie ich weiss; die Meinigen hegen gleiche
Plane und haben sich dort schon angesiedelt; vereinigen Sie sich mit
diesen umsichtigen, klugen und kraeftigen Menschen, fuer beide Teile
muss sich dadurch das Geschaeft erleichtern und erweitern."

Unter solchen Gespraechen waren die Freunde an den Ort gelangt, wo
sie nunmehr scheiden sollten. Beide setzten sich nieder, zu
schreiben; Lenardo empfahl seinen Freund dem oberwaehnten sonderbaren
Mann, Wilhelm trug den Zustand seines neuen Lebensgenossen den
Verbuendeten vor, woraus, wie natuerlich, ein Empfehlungsschreiben
entstand; worin er zum Schluss auch seine mit Jarno besprochene
Angelegenheit empfahl und die Gruende nochmals auseinandersetzte,
warum er von der unbequemen Bedingung, die ihn zum ewigen Juden
stempelte, baldmoeglichst befreit zu sein wuensche.

Beim Auswechseln dieser Briefe jedoch konnte sich Wilhelm nicht
erwehren, seinem Freund nochmals gewisse Bedenklichkeiten ans Herz zu
legen.

"Ich halte es", sprach er, "in meiner Lage fuer den
wuenschenswertesten Auftrag, Sie, edler Mann, von einer Gemuetsunruhe
zu befreien und zugleich ein menschliches Geschoepf aus dem Elende zu
retten, wenn es sich darin befinden sollte. Ein solches Ziel kann
man als einen Stern ansehen, nach dem man schifft, wenn man auch nicht
weiss, was man unterwegs antreffen, unterwegs begegnen werde. Doch
darf ich mir dabei die Gefahr nicht leugnen, in der Sie auf jeden
Fall noch immer schweben. Waeren Sie nicht ein Mann, der durchaus sein
Wort zu geben ablehnt, ich wuerde von Ihnen das Versprechen verlangen,
dieses weibliche Wesen, das Ihnen so teuer zu stehen kommt, nicht
wiederzusehen, sich zu begnuegen, wenn ich Ihnen melde, dass es ihr
wohlgeht; es sei nun, dass ich sie wirklich gluecklich finde oder ihr
Glueck zu befoerdern imstande bin. Da ich Sie aber zu einem Versprechen
weder vermoegen kann noch will, so beschwoere ich Sie bei allem, was
Ihnen wert und heilig ist, sich und den Ihrigen und mir, dem
neuerworbenen Freund, zuliebe, keine Annaeherung, es sei unter welchem
Vorwand es wolle, zu jener Vermissten sich zu erlauben; von mir nicht
zu verlangen, dass ich den Ort und die Stelle, wo ich sie finde, die
Gegend, wo ich sie lasse, naeher bezeichne oder gar ausspreche: Sie
glauben meinem Wort, dass es ihr wohl geht und sind losgesprochen und
beruhigt."

Lenardo laechelte und versetzte: "Leisten Sie mir diesen Dienst, und
ich werde dankbar sein. Was Sie tun wollen und koennen, sei Ihnen
anheimgegeben, und mich ueberlassen Sie der Zeit, dem Verstande und wo
moeglich der Vernunft."

"Verzeihen Sie", versetzte Wilhelm; "wer jedoch weiss, unter welchen
seltsamen Formen die Neigung sich bei uns einschleicht, dem muss es
bange werden, wenn er voraussieht, ein Freund koenne dasjenige
wuenschen, was ihm in seinen Zustaenden, seinen Verhaeltnissen notwendig
Unglueck und Verwirrung bringen muesste."

"Ich hoffe", sagte Lenardo, "wenn ich das Maedchen gluecklich weiss,
bin ich sie los."

Die Freunde schieden, jeder nach seiner Seite.









Zwoelftes Kapitel

Auf einem kurzen und angenehmen Wege war Wilhelm nach der Stadt
gekommen, wohin sein Brief lautete. Er fand sie heiter und wohlgebaut;
allein ihr neues Ansehn zeigte nur allzudeutlich, dass sie kurz
vorher durch den Brand muesse gelitten haben. Die Adresse seines
Briefes fuehrte ihn zu dem letzten, kleinen, verschonten Teil, an ein
Haus von alter, ernster Bauart, doch wohlerhalten und reinlichen
Ansehns. Truebe Fensterscheiben, wundersam gefuegt, deuteten auf
erfreuliche Farbenpracht von innen. Und so entsprach denn auch
wirklich das Innere dem AEussern. In saubern Raeumen zeigten sich
ueberall Geraetschaften, die schon einigen Generationen mochten gedient
haben, untermischt mit wenigem Neuen. Der Hausherr empfing ihn
freundlich in einem gleich ausgestatteten Zimmer. Diese Uhren hatten
schon mancher Geburts--und Sterbestunde geschlagen, und was
umherstand, erinnerte, dass Vergangenheit auch in die Gegenwart
uebergehen koenne.

Der Ankommende gab seinen Brief ab, den der Empfaenger aber, ohne ihn
zu eroeffnen, beiseitelegte und in einem heitern Gespraeche seinen Gast
unmittelbar kennen zu lernen suchte. Sie wurden bald vertraut, und
als Wilhelm, gegen sonstige Gewohnheit, seine Blicke betrachtend im
Zimmer umherschweifen liess, sagte der gute Alte: "Meine Umgebung
erregt Ihre Aufmerksamkeit. Sie sehen hier, wie lange etwas dauern
kann, und man muss doch auch dergleichen sehen, zum Gegengewicht
dessen, was in der Welt so schnell wechselt und sich veraendert.
Dieser Teekessel diente schon meinen Eltern und war ein Zeuge unserer
abendlichen Familienversammlungen, dieser kupferne Kaminschirm
schuetzt mich noch immer vor dem Feuer, das diese alte, maechtige Zange
anschuert; und so geht es durch alles durch. Anteil und Taetigkeit
konnt' ich daher auf gar viele andere Gegenstaende wenden, weil ich
mich mit der Veraenderung dieser aeussern Beduerfnisse, die so vieler
Menschen Zeit und Kraefte wegnimmt, nicht weiter beschaeftigte. Eine
liebevolle Aufmerksamkeit auf das, was der Mensch besitzt, macht ihn
reich, indem er sich einen Schatz der Erinnerung an gleichgueltigen
Dingen dadurch anhaeuft. Ich habe einen jungen Mann gekannt, der eine
Stecknadel dem geliebten Maedchen, Abschied nehmend, entwendete, den
Busenstreif taeglich damit zusteckte und diesen gehegten und
gepflegten Schatz von einer grossen, mehrjaehrigen Fahrt wieder
zurueckbrachte. Uns andern kleinen Menschen ist dies wohl als eine
Tugend anzurechnen."

"Mancher bringt wohl auch", versetzte Wilhelm, "von einer so weiten,
grossen Reise einen Stachel im Herzen mit zurueck, den er vielleicht
lieber los waere." Der Alte schien von Lenardos Zustande nichts zu
wissen, ob er gleich den Brief inzwischen erbrochen und gelesen hatte,
denn er ging zu den vorigen Betrachtungen wieder zurueck. "Die
Beharrlichkeit auf dem Besitz", fuhr er fort, "gibt uns in manchen
Faellen die groesste Energie. Diesem Eigensinn bin ich die Rettung
meines Hauses schuldig. Als die Stadt brannte, wollte man auch bei
mir fluechten und retten. Ich verbot's, befahl, Fenster und Tueren zu
schliessen, und wandte mich mit mehreren Nachbarn gegen die Flamme.
Unserer Anstrengung gelang es, diesen Zipfel der Stadt
aufrechtzuerhalten. Den andern Morgen stand alles noch bei mir, wie
Sie es sehen und wie es beinahe seit hundert Jahren gestanden hat."--
"Mit allem dem", sagte Wilhelm, "werden Sie mir gestehen, dass der
Mensch der Veraenderung nicht widersteht, welche die Zeit hervorbringt.
"-- "Freilich", sagte der Alte, "aber doch der am laengsten sich
erhaelt, hat auch etwas geleistet.

Ja sogar ueber unser Dasein hinaus sind wir faehig, zu erhalten und zu
sichern; wir ueberliefern Kenntnisse, wir uebertragen Gesinnungen so
gut als Besitz, und da mir es nun vorzueglich um den letzten zu tun
ist, so hab' ich deshalb seit langer Zeit wunderliche Vorsicht
gebraucht, auf ganz eigene Vorkehrungen gesonnen; nur spaet aber ist
mir's gelungen, meinen Wunsch erfuellt zu sehen.

Gewoehnlich zerstreut der Sohn, was der Vater gesammelt hat, sammelt
etwas anders, oder auf andere Weise. Kann man jedoch den Enkel, die
neue Generation abwarten, so kommen dieselben Neigungen, dieselben
Ansichten wieder zum Vorschein. Und so hab' ich denn endlich, durch
Sorgfalt unserer paedagogischen Freunde, einen tuechtigen jungen Mann
erworben, welcher womoeglich noch mehr auf hergebrachten Besitz haelt
als ich selbst und eine heftige Neigung zu wunderlichen Dingen
empfindet. Mein Zutrauen hat er entschieden durch die gewaltsamen
Anstrengungen erworben, womit ihm das Feuer von unserer Wohnung
abzuwehren gelang; doppelt und dreifach hat er den Schatz verdient,
dessen Besitz ich ihm zu ueberlassen gedenke; ja er ist ihm schon
uebergeben, und seit der Zeit mehrt sich unser Vorrat auf eine
wundersame Weise.

Nicht alles jedoch, was Sie hier sehen, ist unser. Vielmehr, wie
Sie sonst bei Pfandinhabern manches fremde Juwel erblicken, so kann
ich Ihnen bei uns Kostbarkeiten bezeichnen, die man, unter den
verschiedensten Umstaenden, besserer Aufbewahrung halber hier
niedergestellt." Wilhelm gedachte des herrlichen Kaestchens, das er
ohnehin nicht gern auf der Reise mit sich herumfuehren wollte, und
enthielt sich nicht, es dem Freunde zu zeigen. Der Alte betrachtete
es mit Aufmerksamkeit, gab die Zeit an, wann es verfertigt sein
koennte, und wies etwas aehnliches vor. Wilhelm brachte zur Sprache:
ob man es wohl eroeffnen sollte? Der Alte war nicht der Meinung.
"Ich glaube zwar, dass man es ohne sonderliche Beschaedigung tun koenne",
sagte er; "allein da Sie es durch einen so wunderbaren Zufall
erhalten haben, so sollten Sie daran Ihr Glueck pruefen. Denn wenn Sie
gluecklich geboren sind und wenn dieses Kaestchen etwas bedeutet, so
muss sich gelegentlich der Schluessel dazu finden, und gerade da, wo
Sie ihn am wenigsten erwarten."--"Es gibt wohl solche Faelle",
versetzte Wilhelm. "Ich habe selbst einige erlebt", erwiderte der
Alte. "und hier sehen Sie den merkwuerdigsten vor sich. Von diesem
elfenbeinernen Kruzifix besass ich seit dreissig Jahren den Koerper mit
Haupt und Fuessen aus einem Stuecke, der Gegenstand sowohl als die
herrlichste Kunst ward sorgfaeltig in dem kostbarsten Laedchen
aufbewahrt; vor ungefaehr zehn Jahren erhielt ich das dazugehoerige
Kreuz mit der Inschrift, und ich liess mich verfuehren, durch den
geschicktesten Bildschnitzer unserer Zeit die Arme ansetzen zu lassen;
aber wie weit war der Gute hinter seinem Vorgaenger zurueckgeblieben;
doch es mochte stehen, mehr zu erbaulichen Betrachtungen als zu
Bewunderung des Kunstfleisses.

Nun denken Sie mein Ergoetzen! Vor kurzem erhalt' ich die ersten,
echten Arme, wie Sie solche zur lieblichsten Harmonie hier angefuegt
sehen, und ich, entzueckt ueber ein so glueckliches Zusammentreffen,
enthalte mich nicht, die Schicksale der christlichen Religion hieran
zu erkennen, die, oft genug zergliedert und zerstreut, sich doch
endlich immer wieder am Kreuze zusammenfinden muss."

Wilhelm bewunderte das Bild und die seltsame Fuegung. "Ich werde
Ihrem Rat folgen", setzte er hinzu; "bleibe das Kaestchen verschlossen,
bis der Schluessel sich findet, und wenn es bis ans Ende meines
Lebens liegen sollte."--"Wer lange lebt", sagte der Alte, "sieht
manches versammelt und manches auseinanderfallen."

Der junge Besitzgenosse trat soeben herein, und Wilhelm erklaerte
seinen Vorsatz, das Kaestchen ihrem Gewahrsam zu uebergeben. Nun ward
ein grosses Buch herbeigeschafft, das anvertraute Gut eingeschrieben;
mit manchen beobachteten Zeremonien und Bedingungen ein Empfangschein
ausgestellt, der zwar auf jeden Vorzeigenden lautete, aber nur auf ein
mit dem Empfaenger verabredetes Zeichen honoriert werden sollte.

Als dieses alles vollbracht war, ueberlegte man den Inhalt des
Briefes, zuerst sich ueber das Unterkommen des guten Felix beratend,
wobei der alte Freund sich ohne weiteres zu einigen Maximen bekannte,
welche der Erziehung zum Grunde liegen sollten.

"Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muss das Handwerk vorausgehen,
welches nur in der Beschraenkung erworben wird. Eines recht wissen
und ausueben gibt hoehere Bildung als Halbheit im Hundertfaeltigen. Da,
wo ich Sie hinweise, hat man alle Taetigkeiten gesondert; geprueft
werden die Zoeglinge auf jedem Schritt; dabei erkennt man, wo seine
Natur eigentlich hinstrebt, ob er sich gleich mit zerstreuten
Wuenschen bald da-, bald dorthin wendet. Weise Maenner lassen den
Knaben unter der Hand dasjenige finden, was ihm gemaess ist, sie
verkuerzen die Umwege, durch welche der Mensch von seiner Bestimmung,
nur allzu gefaellig, abirren mag.

Sodann", fuhr er fort, "darf ich hoffen, aus jenem herrlich
gegruendeten Mittelpunkt wird man Sie auf den Weg leiten, wo jenes
gute Maedchen zu finden ist, das einen so sonderbaren Eindruck auf
Ihren Freund machte, der den Wert eines unschuldigen, ungluecklichen
Geschoepfes durch sittliches Gefuehl und Betrachtung so hoch erhoeht hat,
dass er dessen Dasein zum Zweck und Ziel seines Lebens zu machen
genoetigt war. Ich hoffe, Sie werden ihn beruhigen koennen; denn die
Vorsehung hat tausend Mittel, die Gefallenen zu erheben und die
Niedergebeugten aufzurichten. Manchmal sieht unser Schicksal aus wie
ein Fruchtbaum im Winter. Wer sollte bei dem traurigen Ansehn
desselben wohl denken, dass diese starren AEste, diese zackigen Zweige
im naechsten Fruehjahr wieder gruenen, bluehen, sodann Fruechte tragen
koennten; doch wir hoffen's, wir wissen's."


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