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Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 1

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 1

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Aber nun kommen Sie, Freund, und erweisen mir den gleichen Dienst!
Wenn Sie mich Stueck fuer Stueck in meine Huelle schluepfen sehen, so
werden Sie Witz und Erfindungsgabe dem leichtfertigen Knaben nicht
absprechen."

Nun zog er den Freund mit sich fort, durch lange, weitlaeufige Gaenge
des alten Schlosses. "Ich habe mich", rief er aus, "ganz hinten
hingebettet. Ohne mich verbergen zu wollen, bin ich gern allein:
denn man kann's den andern doch nicht recht machen."

Sie kamen an der Kanzlei vorbei, eben als ein Diener heraustrat und
ein Urvater-Schreibzeug, schwarz, gross und vollstaendig, heraustrug;
Papier war auch nicht vergessen.

"Ich weiss schon, was da wieder gekleckst werden soll", rief der
Junker; "geh hin und lass mir den Schluessel. Tun Sie einen Blick
hinein, Lucidor! es unterhaelt Sie wohl, bis ich angezogen bin. Einem
Rechtsfreund ist ein solches Lokale nicht verhasst wie einem
Stallverwandten"; und so schob er Lucidorn in den Gerichtssaal.

Der Juengling fuehlte sich sogleich in einem bekannten, ansprechenden
Elemente: die Erinnerung der Tage, wo er, aufs Geschaeft erpicht, an
solchem Tische sass, hoerend und schreibend sich uebte. Auch blieb ihm
nicht verborgen, dass hier eine alte, stattliche Hauskapelle zum
Dienste der Themis, bei veraenderten Religionsbegriffen, verwandelt sei.
In den Reposituren fand er Rubriken und Akten, ihm frueher bekannt;
er hatte selbst in diesen Angelegenheiten, von der Hauptstadt her,
gearbeitet. Einen Faszikel aufschlagend, fiel ihm ein Reskript in
die Haende, das er selbst mundiert, ein anderes, wovon er der
Konzipient gewesen. Handschrift und Papier, Kanzleisiegel und des
Vorsitzenden Unterschrift, alles rief ihm jene Zeit eines rechtlichen
Strebens jugendlicher Hoffnung hervor. Und wenn er sich dann umsah
und den Sessel des Oberamtmanns erblickte, ihm zugedacht und bestimmt,
einen so schoenen Platz, einen so wuerdigen Wirkungskreis, den er zu
verschmaehen, zu entbehren Gefahr lief, das alles bedraengte ihn
doppelt und dreifach, indem die Gestalt Lucindens zu gleicher Zeit
sich von ihm zu entfernen schien.

Er wollte das Freie suchen, fand sich aber gefangen. Der
wunderliche Freund hatte, leichtsinnig oder schalkhaft, die Tuere
verschlossen hinter sich gelassen; doch blieb unser Freund nicht
lange in dieser peinlichsten Beklemmung, denn der andere kam wieder,
entschuldigte sich und erregte wirklich guten Humor durch seine
seltsame Gegenwart. Eine gewisse Verwegenheit der Farben und des
Schnitts seiner Kleidung war durch natuerlichen Geschmack gedaempft; wie
wir ja selbst tatouierten Indiern einen gewissen Beifall nicht
versagen. "Heute", rief er aus, "soll uns die Langeweile vergangener
Tage verguetet werden; gute Freunde, muntere Freunde sind angekommen,
huebsche Maedchen, neckische, verliebte Wesen, und dann auch mein Vater,
und Wunder ueber Wunder! Ihr Vater auch; das wird ein Fest werden,
alles ist im Saale schon versammelt beim Fruehstueck."

Lucidorn war's auf einmal zumute, als wenn er in tiefe Nebel
hineinsaehe, alle die angemeldeten bekannten und unbekannten Gestalten
erschienen ihm gespenstig; doch sein Charakter in Begleitung eines
reinen Herzens hielt ihn aufrecht, in wenigen Sekunden fuehlte er sich
schon allem gewachsen. Nun folgte er dem eilenden Freunde mit
sicherem Tritt, fest entschlossen, abzuwarten, es geschehe, was da
wolle, sich zu erklaeren, es entstehe, was da wolle.

Und doch war er auf der Schwelle des Saals betroffen. In einem
grossen Halbkreis rings an den Fenstern umher entdeckte er sogleich
seinen Vater neben dem Oberamtmann, beide stattlich angezogen. Die
Schwestern, Antoni und sonst noch Bekannte und Unbekannte uebersah er
mit einem Blick, der ihm truebe werden wollte. Schwankend naeherte er
sich seinem Vater, der ihn hoechst freundlich willkommen hiess, jedoch
mit einer gewissen Foermlichkeit, die ein vertrauendes Annaehern kaum
beguenstigte. Vor so vielen Personen stehend suchte er sich fuer den
Augenblick einen schicklichen Platz; er haette sich neben Lucinden
stellen koennen, aber Julie, dem gespannten Anstand zuwider, machte
eine Wendung, dass er zu ihr treten musste; Antoni blieb neben Lucinden.


In diesem bedeutenden Momente fuehlte sich Lucidor abermals als
Beauftragten, und gestaehlt von seiner ganzen Rechtswissenschaft, rief
er sich jene schoene Maxime zu seinen eignen Gunsten heran: "Wir
sollen anvertraute Geschaefte der Fremden wie unsere eigenen behandeln,
warum nicht die unsrigen in eben dem Sinne?"--In Geschaeftsvortraegen
wohl geuebt, durchlief er schnell, was er zu sagen habe. Indessen
schien die Gesellschaft, in einen foermlichen Halbzirkel gebildet, ihn
zu ueberfluegeln. Den Inhalt seines Vortrags kannte er wohl, den
Anfang konnte er nicht finden. Da bemerkte er, in einer Ecke
aufgetischt, das grosse Tintenfass, Kanzleiverwandte dabei; der
Oberamtmann machte eine Bewegung, seine Rede vorzubereiten; Lucidor
wollte ihm zuvorkommen, und in demselben Augenblicke drueckte Julie
ihm die Hand. Dies brachte ihn aus aller Fassung, er ueberzeugte sich,
dass alles entschieden, alles fuer ihn verloren sei.

Nun war an gegenwaertigen saemtlichen Lebensverhaeltnissen, diesen
Familienverbindungen, Gesellschafts--und Anstandsbezuegen nichts mehr
zu schonen; er sah vor sich hin, entzog seine Hand Julien und war so
schnell zur Tuere hinaus, dass die Versammlung ihn unversehens vermisste
und er sich selbst draussen nicht wiederfinden konnte.

Scheu vor dem Tageslichte, das im hoechsten Glanze ueber ihn
herabschien, die Blicke begegnender Menschen vermeidend, aufsuchende
fuerchtend, schritt er vorwaerts und gelangte zu dem grossen Gartensaal.
Dort wollten ihm die Kniee versagen, er stuerzte hinein und warf sich
trostlos auf den Sofa unter dem Spiegel: mitten in der
sittlich-buergerlichen Gesellschaft in solcher Verworrenheit befangen,
die sich wogenhaft um ihn, in ihm hin und her schlug. Sein
vergangenes Dasein kaempfte mit dem gegenwaertigen, es war ein
greulicher Augenblick.

Und so lag er eine Zeit, mit dem Gesichte in das Kissen versenkt,
auf welchem gestern Lucindens Arm geruht hatte. Ganz in seinen
Schmerz versunken, fuhr er, sich beruehrt fuehlend, schnell in die Hoehe,
ohne die Annaeherung irgendeiner Person gespuert zu haben: da erblickt'
er Lucinden, die ihm nahe stand,

Vermutend, man habe sie gesendet, ihn abzuholen, ihr aufgetragen,
ihn mit schicklichen, schwesterlichen Worten in die Gesellschaft,
seinem widerlichen Schicksal entgegen zu fuehren, rief er aus: "Sie
haette man nicht senden muessen, Lucinde, denn Sie sind es, die mich
von dort vertrieb; ich kehre nicht zurueck! Geben Sie mir, wenn Sie
irgendeines Mitleids faehig sind, schaffen Sie mir Gelegenheit und
Mittel zur Flucht. Denn, damit Sie von mir zeugen koennen, wie
unmoeglich es sei, mich zurueckzubringen, so nehmen Sie den Schluessel
zu meinem Betragen, das Ihnen und allen wahnsinnig vorkommen muss.
Hoeren Sie den Schwur, den ich mir im Innern getan und den ich
unaufloeslich laut wiederhole: Nur mit Ihnen wollt' ich leben, meine
Jugend nutzen, geniessen, und so das Alter im treuen, redlichen Ablauf.
Dies aber sei so fest und sicher als irgend etwas, was vor dem Altar
je geschworen worden, was ich jetzt schwoere, indem ich Sie verlasse,
der bedauernswuerdigste aller Menschen."

Er machte eine Bewegung zu entschluepfen, ihr, die so gedraengt vor
ihm stand; aber sie fasste ihn sanft in ihren Arm.--"Was machen Sie!"
rief er aus. "Lucidor!" rief sie, "nicht zu bedauern, wie Sie wohl
waehnen, Sie sind mein, ich die Ihre; ich halte Sie in meinen Armen,
zaudern Sie nicht, die Ihrigen um mich zu schlagen. Ihr Vater ist
alles zufrieden; Antoni heiratet meine Schwester." Erstaunt zog er
sich von ihr zurueck. "Das waere wahr?" Lucinde laechelte und nickte,
er entzog sich ihren Armen. "Lassen Sie mich noch einmal in der
Ferne sehen, was so nah, so naechst mir angehoeren soll." Er fasste
ihre Haende, Blick in Blick! "Lucinde, sind Sie mein?"--Sie versetzte:
"Nun ja doch", die suessesten Traenen in dem treusten Auge; er
umschlang sie und warf sein Haupt hinter das ihre, hing wie am
Uferfelsen ein Schiffbruechiger; der Boden bebte noch unter ihm. Nun
aber sein entzueckter Blick, sich wieder oeffnend, fiel in den Spiegel.
Da sah er sie in seinen Armen, sich von den ihren umschlungen; er
blickte wieder und wieder hin. Solche Gefuehle begleiten den Menschen
durchs ganze Leben. Zugleich sah er auch auf der Spiegelflaeche die
Landschaft, die ihm gestern so greulich und ahnungsvoll erschienen
war, glaenzender und herrlicher als je; und sich in solcher Stellung,
auf solchem Hintergrunde! Genugsame Vergeltung aller Leiden.









"Wir sind nicht allein", sagte Lucinde, und kaum hatte er sich von
seinem Entzuecken erholt, so erschienen geputzt und bekraenzt Maedchen
und Knaben, Kraenze tragend, den Ausgang versperrend. "Das sollte
alles anders werden", rief Lucinde; "wie artig war es eingerichtet,
und nun geht's tumultuarisch durcheinander!" Ein munterer Marsch
toente von weitem, und man sah die Gesellschaft den breiten Weg her
feierlich heiter heranziehen. Er zauderte entgegenzusehen und schien
seiner Schritte nur an ihrem Arm gewiss; sie blieb neben ihm, die
feierliche Szene des Wiedersehens, des Danks fuer eine schon
vollendete Vergebung von Augenblick zu Augenblick erwartend.

Anders war's jedoch von den launischen Goettern beschlossen; eines
Posthorns lustig schmetternder Ton, von der Gegenseite, schien den
ganzen Aufstand in Verwirrung zu setzen. "Wer mag kommen?" rief
Lucinde. Lucidorn schauderte vor einer fremden Gegenwart, und auch
der Wagen schien ganz fremd. Eine zweisitzige, neue, ganz neuste
Reisechaise! Sie fuhr an den Saal an. Ein ausgezeichneter,
anstaendiger Knabe sprang hinten herunter, oeffnete den Schlag, aber
niemand stieg heraus; die Chaise war leer, der Knabe stieg hinein, mit
einigen geschickten Handgriffen warf er die Spriegel zurueck, und so
war in einem Nu das niedlichste Gebaeude zur lustigsten Spazierfahrt
vor den Augen aller Anwesenden bereitet, die indessen herankamen.
Antoni, den uebrigen voreilend, fuehrte Julien zu dem Wagen. "Versuchen
Sie", sprach er, "ob Ihnen dies Fuhrwerk gefallen kann, um darin mit
mir auf den besten Wegen durch die Welt zu rollen; ich werde Sie
keinen andern fuehren, und wo es irgend not tut, wollen wir uns zu
helfen wissen. ueber das Gebirg sollen uns Saumrosse tragen, und den
Wagen dazu."

"Sie sind allerliebst!" rief Julie. Der Knabe trat heran und zeigte
mit Taschenspielergewandtheit alle Bequemlichkeiten, kleine Vorteile
und Behendigkeiten des ganzen leichten Baues.

"Auf der Erde weiss ich keinen Dank", rief Julie, "nur auf diesem
kleinen, beweglichen Himmel, aus dieser Wolke, in die Sie mich
erheben, will ich Ihnen herzlich danken." Sie war schon
eingesprungen, ihm Blick und Kusshand freundlich zuwerfend.
"Gegenwaertig duerfen Sie noch nicht zu mir herein, da ist aber ein
anderer, den ich auf dieser Probefahrt mitzunehmen gedenke, er hat
auch noch eine Probe zu bestehen." Sie rief nach Lucidor, der, eben
mit Vater und Schwiegervater in stummer Unterhaltung begriffen, sich
gern in das leichte Fuhrwerk noetigen liess, da er ein unausweichlich
Beduerfnis fuehlte, nur einen Augenblick auf irgendeine Weise sich zu
zerstreuen. Er sass neben ihr, sie rief dem Postillon zu, wie er
fahren solle. Flugs entfernten sie sich, in Staub gehuellt, aus den
Augen der verwundert Nachschauenden.

Julie setzte sich recht fest und bequem ins Eckchen.--

"Ruecken Sie nun auch dorthin, Herr Schwager, dass wir uns recht
bequem in die Augen sehen."

Lucidor. Sie empfinden meine Verwirrung, meine Verlegenheit; ich
bin noch immer wie im Traume, helfen Sie mir heraus.

Julie. Sehen Sie die huebschen Bauersleute, wie sie freundlich
gruessen! Bei Ihrem Hiersein sind Sie ja nicht ins obere Dorf gekommen.
Alles wohlhabende Leute, die mir alle gewogen sind. Es ist niemand
zu reich, dem man nicht einmal wohlwollend einen bedeutenden Dienst
erweisen koenne. Diesen Weg, den wir so bequem fahren, hat mein Vater
angelegt und auch dieses Gute gestiftet.

Lucidor. Ich glaub' es gern und geb' es zu; aber was sollen die
AEusserlichkeiten gegen die Verworrenheit meines Innern!

Julie. Nur Geduld, ich will Ihnen die Reiche der Welt und ihre
Herrlichkeit zeigen. Nun sind wir oben! Wie klar das ebene Land
gegen das Gebirg hinliegt! Alle diese Doerfer verdanken meinem Vater
gar viel, und Mutter und Toechtern wohl auch. Die Flur jenes
Staedtchens dort hinten macht erst die Grenze.

Lucidor. Ich finde Sie in einer wunderlichen Stimmung; Sie scheinen
nicht recht zu sagen, was Sie sagen wollten.

Julie. Nun sehen Sie hier links hinunter, wie schoen sich das alles
entwickelt! Die Kirche mit ihren hohen Linden, das Amthaus mit
seinen Pappeln hinter dem Dorfhuegel her. Auch die Gaerten liegen vor
uns und der Park.

Der Postillon fuhr schaerfer.

Julie. Jenen Saal dort droben kennen Sie; er sieht sich von hier
aus ebenso gut an wie die Gegend von dort her. Hier am Baume wird
gehalten; nun gerade hier spiegeln wir uns oben in der grossen
Glasflaeche, man sieht uns dort recht gut, wir aber koennen uns nicht
erkennen.--Fahre zu! Dort haben sich vor kurzem wahrscheinlich ein
Paar Leute naeher bespiegelt und, ich muesste mich sehr irren, mit
grosser wechselseitiger Zufriedenheit.

Lucidor, verdriesslich, erwiderte nichts; sie fuhren eine Zeitlang
stillschweigend vor sich hin, es ging sehr schnell. "Hier", sagte
Julie, "faengt der schlechte Weg an, um den moegen Sie sich einmal
verdient machen. Eh es hinabgeht, schauen Sie noch hinueber, die
Buche meiner Mutter ragt mit ihrem herrlichen Gipfel ueber alles hervor.
Du faehrst", fuhr sie zum Kutschenden fort, "den schlechten Weg hin,
wir nehmen den Fusspfad durchs Tal und sind eher drueben wie du." Im
Aussteigen rief sie aus: "Das gestehen Sie doch, der ewige Jude, der
unruhige Anton Reiser, weiss noch seine Wallfahrten bequem genug
einzurichten, fuer sich und seine Genossen: es ist ein sehr schoener,
bequemer Wagen."

Und so war sie auch schon den Huegel drunten; Lucidor folgte sinnend
und fand sie auf einer wohlgelegenen Bank sitzend, es war Lucindens
Plaetzchen. Sie lud ihn zu sich.

Julie. Nun sitzen wir hier und gehen einander nichts an, das hat
denn doch so sein sollen. Das kleine Quecksilber wollte Ihnen gar
nicht anstehen. Nicht lieben konnten Sie ein solches Wesen, verhasst
war es Ihnen.

Lucidors Verwunderung nahm zu.

Julie. Aber freilich Lucinde! Sie ist der Inbegriff aller
Vollkommenheiten, und die niedliche Schwester war ein fuer allemal
ausgestochen. Ich seh' es, auf Ihren Lippen schwebt die Frage, wer
uns so genau unterrichtet hat?

Lucidor. Es steckt ein Verrat dahinter!--

Julie. Jawohl! ein Verraeter ist im Spiele.

Lucidor. Nennen Sie ihn.

Julie. Der ist bald entlarvt. Sie selbst!--Sie haben die loebliche
oder unloebliche Gewohnheit, mit sich selbst zu reden, und da will ich
denn in unser aller Namen bekennen, dass wir Sie wechselsweise
behorcht haben.

Lucidor (aufspringend). Eine saubere Gastfreundschaft, auf diese
Weise den Fremden eine Falle zu stellen!

Julie. Keineswegs; wir dachten nicht daran, Sie zu belauschen, so
wenig als irgendeinen andern. Sie wissen, Ihr Bett steht in einem
Verschlag der Wand, von der Gegenseite geht ein anderer herein, der
gewoehnlich nur zu haeuslicher Niederlage dient. Da hatten wir einige
Tage vorher unsern Alten genoetigt zu schlafen, weil wir fuer ihn in
seiner abgelegenen Einsiedelei viele Sorge trugen; nun fuhren Sie
gleich den ersten Abend mit einem solchen leidenschaftlichen Monolog
ins Zeug, dessen Inhalt er uns den andern Morgen angelegentlichst
entdeckte.

Lucidor hatte nicht Lust, sie zu unterbrechen. Er entfernte sich.

Julie (aufgestanden ihm folgend). Wie war uns mit dieser Erklaerung
gedient! Denn ich gestehe gern: wenn Sie mir auch nicht gerade
zuwider waren, so blieb doch der Zustand, der mich erwartete, mir
keineswegs wuenschenswert. Frau Oberamtmaennin zu sein, welche
schreckliche Lage! Einen tuechtigen, braven Mann zu haben, der den
Leuten Recht sprechen soll und vor lauter Recht nicht zur
Gerechtigkeit kommen kann! der es weder nach oben noch unten recht
macht und, was das Schlimmste ist, sich selbst nicht. Ich weiss, was
meine Mutter ausgestanden hat von der Unbestechlichkeit,
Unerschuetterlichkeit meines Vaters. Endlich, leider nach ihrem Tod,
ging ihm eine gewisse Mildigkeit auf, er schien sich in die Welt zu
finden, an ihr sich auszugleichen, die er sich bisher vergeblich
bekaempft hatte.

Lucidor (hoechst unzufrieden ueber den Vorfall, aergerlich ueber die
leichtsinnige Behandlung, stand still). Fuer den Scherz eines Abends
mochte das hingehen, aber eine solche beschaemende Mystifikation Tage
und Naechte lang gegen einen unbefangenen Gast zu verueben, ist nicht
verzeihlich.

Julie. Wir alle haben uns in die Schuld geteilt, wir haben Sie alle
behorcht; ich aber allein buesse die Schuld des Horchens.

Lucidor. Alle! desto unverzeihlicher! Und wie konnten Sie mich den
Tag ueber ohne Beschaemung ansehen, den Sie des Nachts
schmaehlich-unerlaubt ueberlisteten? Doch ich sehe jetzt ganz deutlich
mit einem Blick, dass Ihre Tagesanstalten nur darauf berechnet waren,
mich zum besten zu haben. Eine loebliche Familie! und wo bleibt die
Gerechtigkeitsliebe Ihres Vaters?--Und Lucinde!

Julie. Und Lucinde! Was war das fuer ein Ton! Nicht wahr, Sie
wollten sagen: wie tief es Sie schmerzt, von Lucinden uebel zu denken,
Lucinden mit uns allen in eine Klasse zu werfen?

Lucidor. Lucinden begreif' ich nicht.

Julie. Sie wollen sagen: diese reine, edle Seele, dieses ruhig
gefasste Wesen, die Guete, das Wohlwollen selbst, diese Frau, wie sie
sein sollte, verbindet sich mit einer leichtsinnigen Gesellschaft,
mit einer ueberhinfahrenden Schwester, einem verzogenen Jungen und
gewissen geheimnisvollen Personen! das ist unbegreiflich.

Lucidor. Jawohl ist das unbegreiflich.

Julie. So begreifen Sie es denn! Lucinden wie uns allen waren die
Haende gebunden. Haetten Sie die Verlegenheit bemerken koennen, wie sie
sich kaum zurueckhielt, Ihnen alles zu offenbaren, Sie wuerden sie
doppelt und dreifach lieben, wenn nicht jede wahre Liebe an und fuer
sich zehn--und hundertfach waere; auch versichere ich Sie, uns allen
ist der Spass am Ende zu lang geworden.

Lucidor. Warum endigten Sie ihn nicht?

Julie. Das ist nun auch aufzuklaeren. Nachdem Ihr erster Monolog
dem Vater bekannt geworden und er gar bald bemerken konnte, dass alle
seine Kinder nichts gegen einen solchen Tausch einzuwenden haetten, so
entschloss er sich, alsobald zu Ihrem Vater zu reisen. Die
Wichtigkeit des Geschaefts war ihm bedenklich. Ein Vater allein fuehlt
den Respekt, den man einem Vater schuldig ist. "Er muss es zuerst
wissen", sagte der meine, "um nicht etwan hintendrein, wenn wir einig
sind, eine aergerlich-erzwungene Zustimmung zu geben. Ich kenne ihn
genau, ich weiss, wie er einen Gedanken, eine Neigung, einen Vorsatz
festhaelt, und es ist mir bange genug. Er hat sich Julien, seine
Karten und Prospekte so zusammen gedacht, dass er sich schon vornahm,
das alles zuletzt hierher zu stiften, wenn der Tag kaeme, wo das junge
Paar sich hier niederliesse und Ort und Stelle so leicht nicht
veraendern koennte: da wollt' er alle Ferien uns zuwenden, und was er
fuer Liebes und Gutes im Sinne hatte. Er muss zuerst erfahren, was die
Natur uns fuer einen Streich gespielt, da noch nichts eigentlich
erklaert, noch nichts entschieden ist." Hierauf nahm er uns allen den
feierlichsten Handschlag ab, dass wie Sie beobachten und, es geschehe,
was da wolle, Sie hinhalten sollten. Wie sich die Rueckreise
verzoegert, wie es Kunst, Muehe und Beharrlichkeit gekostet, Ihres
Vaters Einwilligung zu erlangen, das moegen Sie von ihm selbst hoeren.
Genug, die Sache ist abgetan, Lucinde ist Ihnen gegoennt.--

Und so waren beide, vom ersten Sitze lebhaft sich entfernend,
unterwegs anhaltend, immer fortsprechend und langsam weitergehend,
ueber die Wiesen hin auf die Erhoehung gekommen an einen andern
wohlgebahnten Kunstweg. Der Wagen fuhr schnell heran; Augenblicks
machte sie ihren Nachbar aufmerksam auf ein seltsames Schauspiel.
Die ganze Maschinerie, worauf sich der Bruder so viel zugute tat, war
belebt und bewegt; schon fuehrten die Raeder eine Menschenzahl auf und
nieder, schon wogten die Schaukeln, Mastbaeume wurden erklettert, und
was man nicht alles fuer kuehnen Schwung und Sprung ueber den Haeuptern
einer unzaehlbaren Menge gewagt sah! Alles das hatte der Junker in
Bewegung gesetzt, damit nach Tafel die Gaeste froehlich unterhalten
wuerden. "Du faehrst noch durchs untere Dorf", rief Julie, "die Leute
wollen mir wohl, und sie sollen sehen, wie wohl es mir geht."

Das Dorf war oede, die Juengern saemtlich hatten schon den Lustplatz
ereilt, alte Maenner und Frauen zeigten sich, durch das Posthorn
erregt, an Tuer und Fenstern, alles gruesste, segnete, rief: "O das
schoene Paar!"

Julie. Nun, da haben Sie's! Wir haetten am Ende doch wohl
zusammengepasst; es kann Sie noch reuen.

Lucidor. Jetzt aber, liebe Schwaegerin!--

Julie. Nicht wahr, jetzt "lieb", da Sie mich los sind.

Lucidor. Nur ein Wort! Auf Ihnen lastet eine schwere
Verantwortlichkeit; was sollte der Haendedruck, da Sie meine
ueberschreckliche Stellung kannten und fuehlen mussten? So gruendlich
Boshaftes ist mir in der Welt noch nichts vorgekommen.

Julie. Danken Sie Gott, nun waer's abgebuesst, alles ist verziehen.
Ich wollte Sie nicht, das ist wahr, aber dass Sie mich ganz und gar
nicht wollten, das verzeiht kein Maedchen, und dieser Haendedruck war,
merken Sie sich's! fuer den Schalk. Ich gestehe, es war schalkischer
als billig, und ich verzeihe mir nur, indem ich Ihnen vergebe, und so
sei denn alles vergeben und vergessen! Hier meine Hand.

Er schlug ein, sie rief: "Da sind wir schon wieder! in unserm Park
schon wieder, und so geht's bald um die weite Welt und auch wohl
zurueck; wir treffen uns wieder."

Sie waren vor dem Gartensaal schon angelangt, er schien leer; die
Gesellschaft hatte sich, im Unbehagen, die Tafelzeit ueberlang
verschoben zu sehen, zum Spazieren bewegt. Antoni aber und Lucinde
traten hervor. Julie warf sich aus dem Wagen ihrem Freund entgegen,
sie dankte in einer herzlichen Umarmung und enthielt sich nicht der
freudigsten Traenen. Des edlen Mannes Wange roetete sich, seine Zuege
traten entfaltet hervor, sein Auge blickte feucht, und ein schoener,
bedeutender Juengling erschien aus der Huelle.

Und so zogen beide Paare zur Gesellschaft, mit Gefuehlen, die der
schoenste Traum nicht zu geben vermochte.









Zehntes Kapitel

Vater und Sohn waren, von einem Reitknecht begleitet, durch eine
angenehme Gegend gekommen, als dieser, im Angesicht einer hohen Mauer,
die einen weiten Bezirk zu umschliessen schien, stillehaltend,
bedeutete, sie moechten nun zu Fusse sich dem grossen Tore naehern, weil
kein Pferd in diesen Kreis eingelassen wuerde. Sie zogen die Glocke,
das Tor eroeffnete sich, ohne dass eine Menschengestalt sichtbar
geworden waere, und sie gingen auf ein altes Gebaeude los, das zwischen
uralten Staemmen von Buchen und Eichen ihnen entgegenschimmerte.
Wunderbar war es anzusehen, denn so alt es der Form nach schien, so
war es doch, als wenn Maurer und Steinmetzen soeben erst abgegangen
waeren, dergestalt neu, vollstaendig und nett erschienen die Fugen wie
die ausgearbeiteten Verzierungen.

Der metallne, schwere Ring an einer wohlgeschnitzten Pforte lud sie
ein zu klopfen, welches Felix mutwillig etwas unsanft verrichtete;
auch diese Tuer sprang auf, und sie fanden zunaechst auf der Hausflur
ein Frauenzimmer sitzen von mittlerem Alter, am Stickrahmen mit einer
wohlgezeichneten Arbeit beschaeftigt. Diese begruesste sogleich die
Ankommenden als schon gemeldet und begann ein heiteres Lied zu singen,
worauf sogleich aus einer benachbarten Tuere ein Frauenzimmer
heraustrat, das man fuer die Beschliesserin und taetige Haushaelterin,
nach den Anhaengseln ihres Guertels, ohne weiteres zu erkennen hatte.
Auch diese freundlich gruessend fuehrte die Fremden eine Treppe hinauf
und eroeffnete ihnen einen Saal, der sie ernsthaft ansprach, weit,
hoch, ringsum getaefelt, oben drueber eine Reihenfolge historischer
Schilderungen. Zwei Personen traten ihnen entgegen, ein juengeres
Frauenzimmer und ein aeltlicher Mann.

Jene hiess den Gast sogleich freimuetig willkommen. "Sie sind", sagte
sie, "als einer der Unsern angemeldet. Wie soll ich Ihnen aber kurz
und gut den Gegenwaertigen vorstellen? Er ist unser Hausfreund im
schoensten und weitesten Sinne, bei Tage der belehrende Gesellschafter,
bei Nacht Astronom, und Arzt zu jeder Stunde."

"Und ich", versetzte dieser freundlich, "empfehle Ihnen dieses
Frauenzimmer als die bei Tage unermuedete Geschaeftige, bei Nacht,
wenn's not tut, gleich bei der Hand, und immerfort die heiterste
Lebensbegleiterin."

Angela, so nannte man die durch Gestalt und Betragen einnehmende
Schoene, verkuendigte sodann die Ankunft Makariens; ein gruener Vorhang
zog sich auf, und eine AEltliche, wunderwuerdige Dame ward auf einem
Lehnsessel von zwei jungen, huebschen Maedchen hereingeschoben, wie von
zwei andern ein runder Tisch mit erwuenschtem Fruehstueck. In einem
Winkel der ringsumher gehenden massiven eichenen Baenke waren Kissen
gelegt, darauf setzten sich die obigen dreie, Makarie in ihrem Sessel
gegen ihnen ueber. Felix verzehrte sein Fruehstueck stehend, im Saal
umherwandelnd und die ritterlichen Bilder ueber dem Getaefel neugierig
betrachtend.

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