Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2
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Wilhelm Meisters Wanderjahre--Buch 2
oder die Entsagenden
Zweites Buch
Erstes Kapitel
Die Wallfahrenden hatten nach Vorschrift den Weg genommen und fanden
gluecklich die Grenze der Provinz, in der sie so manches Merkwuerdige
erfahren sollten; beim ersten Eintritt gewahrten sie sogleich der
fruchtbarsten Gegend, welche an sanften Huegeln den Feldbau, auf hoehern
Bergen die Schafzucht, in weiten Talflaechen die Viehzucht beguenstigte.
Es war kurz vor der Ernte und alles in groesster Fuelle; das, was sie
jedoch gleich in Verwunderung setzte, war, dass sie weder Frauen noch
Maenner, wohl aber durchaus Knaben und Juenglinge beschaeftigt sahen,
auf eine glueckliche Ernte sich vorzubereiten, ja auch schon auf ein
froehliches Erntefest freundliche Anstalt zu treffen. Sie begruessten
einen und den andern und fragten nach dem Obern, von dessen Aufenthalt
man keine Rechenschaft geben konnte. Die Adresse ihres Briefs
lautete: "An den Obern, oder die Dreie." Auch hierin konnten sich
die Knaben nicht finden; man wies die Fragenden jedoch an einen
Aufseher, der eben das Pferd zu besteigen sich bereitete; sie
eroeffneten ihre Zwecke; des Felix Freimuetigkeit schien ihm zu
gefallen, und so ritten sie zusammen die Strasse hin.
Schon hatte Wilhelm bemerkt, dass in Schnitt und Farbe der Kleider
eine Mannigfaltigkeit obwaltete, die der ganzen kleinen Voelkerschaft
ein sonderbares Ansehn gab; eben war er im Begriff, seinen Begleiter
hiernach zu fragen, als noch eine wundersamere Bemerkung sich ihm
auftat: alle Kinder, sie mochten beschaeftigt sein, wie sie wollten,
liessen ihre Arbeit liegen und wendeten sich mit besondern, aber
verschiedenen Gebaerden gegen die Vorbeireitenden, und es war leicht
zu folgern, dass es dem Vorgesetzten galt. Die juengsten legten die
Arme kreuzweis ueber die Brust und blickten froehlich gen Himmel, die
mittlern hielten die Arme auf den Ruecken und schauten laechelnd zur
Erde, die dritten standen strack und mutig; die Arme niedergesenkt,
wendeten sie den Kopf nach der rechten Seite und stellten sich in eine
Reihe, anstatt dass jene vereinzelt blieben, wo man sie traf.
Als man darauf haltmachte und abstieg, wo eben mehrere Kinder nach
verschiedener Weise sich aufstellten und von dem Vorgesetzten
gemustert wurden, fragte Wilhelm nach der Bedeutung dieser Gebaerden;
Felix fiel ein und sagte munter: "Was fuer eine Stellung hab' ich denn
einzunehmen?"--"Auf alle Faelle", versetzte der Aufseher, "zuerst die
Arme ueber die Brust und ernsthaft-froh nach oben gesehen, ohne den
Blick zu verwenden." Er gehorchte, doch rief er bald: "Dies gefaellt
mir nicht sonderlich, ich sehe ja nichts da droben; dauert es lange?
Doch ja!" rief er freudig, "ein paar Habichte fliegen von Westen nach
Osten; das ist wohl ein gutes Zeichen?"-- "Wienach du's aufnimmst, je
nachdem du dich betraegst", versetzte jener; "jetzt mische dich unter
sie, wie sie sich mischen." Er gab ein Zeichen, die Kinder verliessen
ihre Stellung, ergriffen ihre Beschaeftigung oder spielten wie vorher.
"Moegen und koennen Sie mir", sagte Wilhelm darauf, "das, was mich
hier in Verwunderung setzt, erklaeren? Ich sehe wohl, dass diese
Gebaerden, diese Stellungen Gruesse sind, womit man Sie empfaengt.
"--"Ganz richtig", versetzte jener, "Gruesse, die mir sogleich andeuten,
auf welcher Stufe der Bildung ein jeder dieser Knaben steht."
"Duerfen Sie mir aber", versetzte Wilhelm, "die Bedeutung des
Stufengangs wohl erklaeren? denn dass es einer sei, laesst sich wohl
einsehen."-- "Die gebuehrt Hoeheren, als ich bin", antwortete jener;
"so viel aber kann ich versichern, dass es nicht leere Grimassen sind,
dass vielmehr den Kindern zwar nicht die hoechste, aber doch eine
leitende, fassliche Bedeutung ueberliefert wird; zugleich aber ist
jedem geboten, fuer sich zu behalten und zu hegen, was man ihm als
Bescheid zu erteilen fuer gut findet; sie duerfen weder mit Fremden
noch unter einander selbst darueber schwatzen, und so modifiziert sich
die Lehre hundertfaeltig. Ausserdem hat das Geheimnis sehr grosse
Vorteile: denn wenn man dem Menschen gleich und immer sagt, worauf
alles ankommt, so denkt er, es sei nichts dahinter. Gewissen
Geheimnissen, und wenn sie offenbar waeren, muss man durch Verhuellen
und Schweigen Achtung erweisen, denn dieses wirkt auf Scham und gute
Sitten."--"Ich verstehe Sie", versetzte Wilhelm, "warum sollten wir
das, was in koerperlichen Dingen so noetig ist, nicht auch geistig
anwenden? Vielleicht aber koennen Sie in einem andern Bezug meine
Neugierde befriedigen. Die grosse Mannigfaltigkeit in Schnitt und
Farbe der Kleider faellt mir auf, und doch seh' ich nicht alle Farben,
aber einige in allen ihren Abstufungen, vom Hellsten bis zum
Dunkelsten. Doch bemerke ich, dass hier keine Bezeichnung der Stufen
irgendeines Alters oder Verdienstes gemeint sein kann, indem die
kleinsten und groessten Knaben untermischt so an Schnitt als Farbe
gleich sein koennen, aber die von gleichen Gebaerden im Gewand nicht
miteinander uebereinstimmen."--"Auch was dies betrifft", versetzte der
Begleitende, "darf ich mich nicht weiter auslassen; doch muesste ich
mich sehr irren, oder Sie werden ueber alles, wie Sie nur wuenschen
moegen, aufgeklaert von uns scheiden."
Man verfolgte nunmehr die Spur des Obern, welche man gefunden zu
haben glaubte; nun aber musste dem Fremdling notwendig auffallen, dass,
je weiter sie ins Land kamen, ein wohllautender Gesang ihnen immer
mehr entgegentoente. Was die Knaben auch begannen, bei welcher Arbeit
man sie auch fand, immer sangen sie, und zwar schienen es Lieder jedem
Geschaeft besonders angemessen und in gleichen Faellen ueberall
dieselben. Traten mehrere Kinder zusammen, so begleiteten sie sich
wechselweise; gegen Abend fanden sich auch Tanzende, deren Schritte
durch Choere belebt und geregelt wurden. Felix stimmte vom Pferde
herab mit ein, und zwar nicht ganz ungluecklich, Wilhelm vergnuegte
sich an dieser die Gegend belebenden Unterhaltung.
"Wahrscheinlich", so sprach er zu seinem Gefaehrten, "wendet man
viele Sorgfalt auf solchen Unterricht, denn sonst koennte diese
Geschicklichkeit nicht so weit ausgebreitet und so vollkommen
ausgebildet sein."--"Allerdings", versetzte jener, "bei uns ist der
Gesang die erste Stufe der Bildung, alles andere schliesst sich daran
und wird dadurch vermittelt. Der einfachste Genuss sowie die
einfachste Lehre werden bei uns durch Gesang belebt und eingepraegt,
ja selbst was wir ueberliefern von Glaubens--und Sittenbekenntnis,
wird auf dem Wege des Gesanges mitgeteilt; andere Vorteile zu
selbsttaetigen Zwecken verschwistern sich sogleich: denn indem wir die
Kinder ueben, Toene, welche sie hervorbringen, mit Zeichen auf die
Tafel schreiben zu lernen und nach Anlass dieser Zeichen sodann in
ihrer Kehle wiederzufinden, ferner den Text darunterzufuegen, so ueben
sie zugleich Hand, Ohr und Auge und gelangen schneller zum Recht--und
Schoenschreiben, als man denkt, und da dieses alles zuletzt nach
reinen Massen, nach genau bestimmten Zahlen ausgeuebt und nachgebildet
werden muss, so fassen sie den hohen Wert der Mess--und Rechenkunst
viel geschwinder als auf jede andere Weise. Deshalb haben wir denn
unter allem Denkbaren die Musik zum Element unserer Erziehung gewaehlt,
denn von ihr laufen gleichgebahnte Wege nach allen Seiten."
Wilhelm suchte sich noch weiter zu unterrichten und verbarg seine
Verwunderung nicht, dass er gar keine Instrumentalmusik vernehme.
"Diese wird bei uns nicht vernachlaessigt", versetzte jener, "aber in
einen besondern Bezirk, in das anmutigste Bergtal, eingeschlossen
geuebt; und da ist denn wieder dafuer gesorgt, dass die verschiedenen
Instrumente in auseinanderliegenden Ortschaften gelehrt werden.
Besonders die Misstoene der Anfaenger sind in gewisse Einsiedeleien
verwiesen, wo sie niemand zur Verzweiflung bringen: denn Ihr werdet
selbst gestehen, dass in der wohleingerichteten buergerlichen
Gesellschaft kaum ein trauriger Leiden zu dulden sei, als das uns die
Nachbarschaft eines angehenden Floeten--oder Violinenspielers
aufdringt.
Unsere Anfaenger gehen, aus eigener loeblicher Gesinnung, niemand
laestig sein zu wollen, freiwillig laenger oder kuerzer in die Wueste und
beeifern sich, abgesondert, um das Verdienst, der bewohnten Welt
naehertreten zu duerfen, weshalb jedem von Zeit zu Zeit ein Versuch,
heranzutreten, erlaubt wird, der selten misslingt, weil wir Scham und
Scheu bei dieser wie bei unsern uebrigen Einrichtungen gar wohl hegen
und pflegen duerfen. Dass Eurem Sohn eine glueckliche Stimme geworden,
freut mich innigst, fuer das uebrige sorgt sich um desto leichter."
Nun waren sie zu einem Ort gelangt, wo Felix verweilen und sich an
der Umgebung pruefen sollte, bis man zur foermlichen Aufnahme geneigt
waere; schon von weitem hoerten sie einen freudigen Gesang; es war ein
Spiel, woran sich die Knaben in der Feierstunde diesmal ergoetzten.
Ein allgemeiner Chorgesang erscholl, wozu jedes Glied eines weiten
Kreises freudig, klar und tuechtig an seinem Teile zustimmte, den
Winken des Regelnden gehorchend. Dieser ueberraschte jedoch oefters
die Singenden, indem er durch ein Zeichen den Chorgesang aufhob und
irgendeinen einzelnen Teilnehmenden, ihn mit dem Staebchen beruehrend,
aufforderte, sogleich allein ein schickliches Lied dem verhallenden
Ton, dem vorschwebenden Sinne anzupassen. Schon zeigten die meisten
viel Gewandtheit, einige, denen das Kunststueck misslang, gaben ihr
Pfand willig hin, ohne gerade ausgelacht zu werden. Felix war Kind
genug, sich gleich unter sie zu mischen, und zog sich noch so
leidlich aus der Sache. Sodann ward ihm jener erste Gruss zugeeignet;
er legte sogleich die Haende auf die Brust, blickte aufwaerts, und zwar
mit so schnackischer Miene, dass man wohl bemerken konnte, ein
geheimer Sinn dabei sei ihm noch nicht aufgegangen.
Der angenehme Ort, die gute Aufnahme, die muntern Gespielen, alles
gefiel dem Knaben so wohl, dass es ihm nicht sonderlich wehe tat,
seinen Vater abreisen zu sehen; fast blickte er dem weggefuehrten
Pferde schmerzlicher nach; doch liess er sich bedeuten, da er vernahm,
dass er es im gegenwaertigen Bezirk nicht behalten koenne; man versprach
ihm dagegen, er solle, wo nicht dasselbe, doch ein gleiches, munter
und wohlgezogen, unerwartet wiederfinden.
Da sich der Obere nicht erreichen liess, sagte der Aufseher: "Ich muss
Euch nun verlassen, meine Geschaefte zu verfolgen; doch will ich Euch
zu den Dreien bringen, die unsern Heiligtuemern vorstehen, Euer Brief
ist auch an sie gerichtet, und sie zusammen stellen den Obern vor."
Wilhelm haette gewuenscht, von den Heiligtuemern im voraus zu vernehmen,
jener aber versetzte: "Die Dreie werden Euch, zu Erwiderung des
Vertrauens, dass Ihr uns Euren Sohn ueberlasst, nach Weisheit und
Billigkeit gewiss das Noetigste eroeffnen. Die sichtbaren Gegenstaende
der Verehrung, die ich Heiligtuemer nannte, sind in einen besondern
Bezirk eingeschlossen, werden mit nichts gemischt, durch nichts
gestoert; nur zu gewissen Zeiten des Jahres laesst man die Zoeglinge, den
Stufen ihrer Bildung gemaess, dort eintreten, um sie historisch und
sinnlich zu belehren, da sie denn genugsamen Eindruck mit wegnehmen,
um, bei Ausuebung ihrer Pflicht, eine Zeitlang daran zu zehren."
Nun stand Wilhelm am Tor eines mit hohen Mauern umgebenen Talwaldes;
auf ein gewisses Zeichen eroeffnete sich die kleine Pforte, und ein
ernster, ansehnlicher Mann empfing unsern Freund. Dieser fand sich in
einem grossen, herrlichen gruenenden Raum, von Baeumen und Bueschen
vielerlei Art beschattet, kaum dass er stattliche Mauern und
ansehnliche Gebaeude durch diese dichte und hohe Naturpflanzung
hindurch bemerken konnte; ein freundlicher Empfang von den Dreien,
die sich nach und nach herbeifanden, loeste sich endlich in ein
Gespraech auf, wozu jeder das Seinige beitrug, dessen Inhalt wir jedoch
in der Kuerze zusammenfassen.
"Da Ihr uns Euren Sohn vertraut", sagten sie, "sind wir schuldig,
Euch tiefer in unser Verfahren hineinblicken zu lassen. Ihr habt
manches aeusserliche gesehen, welches nicht sogleich sein Verstaendnis
mit sich fuehrt; was davon wuenscht Ihr vor allem aufgeschlossen?"
"Anstaendige, doch seltsame Gebaerden und Gruesse hab' ich bemerkt,
deren Bedeutung ich zu erfahren wuenschte; bei euch bezieht sich gewiss
das aeussere auf das Innere, und umgekehrt; lasst mich diesen Bezug
erfahren."
"Wohlgeborne, gesunde Kinder", versetzten jene, "bringen viel mit;
die Natur hat jedem alles gegeben, was er fuer Zeit und Dauer noetig
haette; dieses zu entwickeln, ist unsere Pflicht, oefters entwickelt
sich's besser von selbst. Aber eins bringt niemand mit auf die Welt,
und doch ist es das, worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen
Seiten zu ein Mensch sei. Koennt Ihr es selbst finden, so sprecht es
aus." Wilhelm bedachte sich eine kurze Zeit und schuettelte sodann
den Kopf.
Jene, nach einem anstaendigen Zaudern, riefen: "Ehrfurcht!" Wilhelm
stutzte. "Ehrfurcht!" hiess es wiederholt. "Allen fehlt sie,
vielleicht Euch selbst.
Dreierlei Gebaerde habt Ihr gesehen, und wir ueberliefern eine
dreifache Ehrfurcht, die, wenn sie zusammenfliesst und ein Ganzes
bildet, erst ihre hoechste Kraft und Wirkung erreicht. Das erste ist
Ehrfurcht vor dem, was ueber uns ist. Jene Gebaerde, die Arme
kreuzweis ueber die Brust, einen freudigen Blick gen Himmel, das ist,
was wir unmuendigen Kindern auflegen und zugleich das Zeugnis von
ihnen verlangen, dass ein Gott da droben sei, der sich in Eltern,
Lehrern, Vorgesetzten abbildet und offenbart. Das zweite: Ehrfurcht
vor dem, was unter uns ist. Die auf den Ruecken gefalteten, gleichsam
gebundenen Haende, der gesenkte, laechelnde Blick sagen, dass man die
Erde wohl und heiter zu betrachten habe; sie gibt Gelegenheit zur
Nahrung; sie gewaehrt unsaegliche Freuden; aber unverhaeltnismaessige
Leiden bringt sie. Wenn einer sich koerperlich beschaedigte,
verschuldend oder unschuldig, wenn ihn andere vorsaetzlich oder
zufaellig verletzten, wenn das irdische Willenlose ihm ein Leid
zufuegte, das bedenk' er wohl: denn solche Gefahr begleitet ihn sein
Leben lang. Aber aus dieser Stellung befreien wir unsern Zoegling
baldmoeglichst, sogleich wenn wir ueberzeugt sind, dass die Lehre dieses
Grads genugsam auf ihn gewirkt habe; dann aber heissen wir ihn sich
ermannen, gegen Kameraden gewendet nach ihnen sich richten. Nun
steht er strack und kuehn, nicht etwa selbstisch vereinzelt; nur in
Verbindung mit seinesgleichen macht er Fronte gegen die Welt. Weiter
muessten wir nichts hinzuzufuegen."
"Es leuchtet mir ein!" versetzte Wilhelm; "deswegen liegt die Menge
wohl so im argen, weil sie sich nur im Element des Misswollens und
Missredens behagt; wer sich diesem ueberliefert, verhaelt sich gar bald
gegen Gott gleichgueltig, verachtend gegen die Welt, gegen
seinesgleichen gehaessig; das wahre, echte, unentbehrliche Selbstgefuehl
aber zerstoert sich in Duenkel und Anmassung. Erlauben Sie mir
dessenungeachtet", fuhr Wilhelm fort, "ein einziges einzuwenden: Hat
man nicht von jeher die Furcht roher Voelker vor maechtigen
Naturerscheinungen und sonst unerklaerlichen, ahnungsvollen
Ereignissen fuer den Keim gehalten, woraus ein hoeheres Gefuehl, eine
reinere Gesinnung sich stufenweise entwickeln sollte?" Hierauf
erwiderten jene: "Der Natur ist Furcht wohl gemaess, Ehrfurcht aber
nicht; man fuerchtet ein bekanntes oder unbekanntes maechtiges Wesen,
der Starke sucht es zu bekaempfen, der Schwache zu vermeiden, beide
wuenschen es loszuwerden und fuehlen sich gluecklich, wenn sie es auf
kurze Zeit beseitigt haben, wenn ihre Natur sich zur Freiheit und
Unabhaengigkeit einigermassen wieder herstellte. Der natuerliche Mensch
wiederholt diese Operation millionenmal in seinem Leben, von der
Furcht strebt er zur Freiheit, aus der Freiheit wird er in die Furcht
getrieben und kommt um nichts weiter. Sich zu fuerchten ist leicht,
aber beschwerlich; Ehrfurcht zu hegen ist schwer, aber bequem.
Ungern entschliesst sich der Mensch zur Ehrfurcht, oder vielmehr
entschliesst sich nie dazu; es ist ein hoeherer Sinn, der seiner Natur
gegeben werden muss und der sich nur bei besonders Beguenstigten aus
sich selbst entwickelt, die man auch deswegen von jeher fuer Heilige,
fuer Goetter gehalten. Hier liegt die Wuerde, hier das Geschaeft aller
echten Religionen, deren es auch nur dreie gibt, nach den Objekten,
gegen welche sie ihre Andacht wenden."
Die Maenner hielten inne, Wilhelm schwieg eine Weile nachdenkend; da
er in sich aber die Anmassung nicht fuehlte, den Sinn jener sonderbaren
Worte zu deuten, so bat er die Wuerdigen, in ihrem Vortrage
fortzufahren, worin sie ihm denn auch sogleich willfahrten. "Keine
Religion", sagten sie, "die sich auf Furcht gruendet, wird unter uns
geachtet. Bei der Ehrfurcht, die der Mensch in sich walten laesst, kann
er, indem er Ehre gibt, seine Ehre behalten, er ist nicht mit sich
selbst veruneint wie in jenem Falle. Die Religion, welche auf
Ehrfurcht vor dem, was ueber uns ist, beruht, nennen wir die ethnische,
es ist die Religion der Voelker und die erste glueckliche Abloesung von
einer niedern Furcht; alle sogenannten heidnischen Religionen sind
von dieser Art, sie moegen uebrigens Namen haben, wie sie wollen. Die
zweite Religion, die sich auf jene Ehrfurcht gruendet, die wir vor dem
haben, was uns gleich ist, nennen wir die philosophische: denn der
Philosoph, der sich in die Mitte stellt, muss alles Hoehere zu sich
herab, alles Niedere zu sich herauf ziehen, und nur in diesem
Mittelzustand verdient er den Namen des Weisen. Indem er nun das
Verhaeltnis zu seinesgleichen und also zur ganzen Menschheit, das
Verhaeltnis zu allen uebrigen irdischen Umgebungen, notwendigen und
zufaelligen, durchschaut, lebt er im kosmischen Sinne allein in der
Wahrheit. Nun ist aber von der dritten Religion zu sprechen,
gegruendet auf die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist; wir nennen
sie die christliche, weil sich in ihr eine solche Sinnesart am
meisten offenbart; es ist ein Letztes, wozu die Menschheit gelangen
konnte und musste. Aber was gehoerte dazu, die Erde nicht allein unter
sich liegen zu lassen und sich auf einen hoehern Geburtsort zu berufen,
sondern auch Niedrigkeit und Armut, Spott und Verachtung, Schmach
und Elend, Leiden und Tod als goettlich anzuerkennen, ja Suende selbst
und Verbrechen nicht als Hindernisse, sondern als Foerdernisse des
Heiligen zu verehren und liebzugewinnen. Hievon finden sich freilich
Spuren durch alle Zeiten, aber Spur ist nicht Ziel, und da dieses
einmal erreicht ist, so kann die Mehrheit nicht wieder zurueck, und man
darf sagen, dass die christliche Religion, da sie einmal erschienen
ist, nicht wieder verschwinden kann, da sie sich einmal goettlich
verkoerpert hat, nicht wieder aufgeloest werden mag."
"Zu welcher von diesen Religionen bekennt ihr euch denn
insbesondere?" sagte Wilhelm. "Zu allen dreien", erwiderten jene;
"denn sie zusammen bringen eigentlich die wahre Religion hervor; aus
diesen drei Ehrfurchten entspringt die oberste Ehrfurcht, die
Ehrfurcht vor sich selbst, und jene entwickeln sich abermals aus
dieser, so dass der Mensch zum Hoechsten gelangt, was er zu erreichen
faehig ist, dass er sich selbst fuer das Beste halten darf, was Gott und
Natur hervorgebracht haben, ja, dass er auf dieser Hoehe verweilen kann,
ohne durch Duenkel und Selbstheit wieder ins Gemeine gezogen zu werden."
"Ein solches Bekenntnis, auf diese Weise entwickelt, befremdet mich
nicht", versetzte Wilhelm, "es kommt mit allem ueberein, was man im
Leben hie und da vernimmt, nur dass euch dasjenige vereinigt, was
andere trennt." Hierauf versetzten jene: "Schon wird dieses
Bekenntnis von einem grossen Teil der Welt ausgesprochen, doch
unbewusst."
"Wie denn und wo?" fragte Wilhelm. "Im Credo!" riefen jene laut;
"denn der erste Artikel ist ethnisch und gehoert allen Voelkern; der
zweite christlich, fuer die mit Leiden Kaempfenden und in Leiden
Verherrlichten; der dritte zuletzt lehrt eine begeisterte
Gemeinschaft der Heiligen, welches heisst: der im hoechsten Grad Guten
und Weisen. Sollten daher die drei goettlichen Personen, unter deren
Gleichnis und Namen solche ueberzeugungen und Verheissungen
ausgesprochen sind, nicht billigermassen fuer die hoechste Einheit
gelten?"
"Ich danke", versicherte jener, "dass ihr mir dieses, als einem
Erwachsenen, dem die drei Sinnesarten nicht fremd sind, so klar und
zusammenhaengend aussprechen wollen, und wenn ich nun zurueckdenke, dass
ihr den Kindern diese hohe Lehre erst als sinnliches Zeichen, dann
mit einigem symbolischen Anklang ueberliefert und zuletzt die oberste
Deutung ihnen entwickelt, so muss ich es hoechlich billigen."
"Ganz richtig", erwiderten jene; "nun aber muesst Ihr noch mehr
erfahren, damit Ihr Euch ueberzeugt, dass Euer Sohn in den besten Haenden
sei. Doch dies Geschaeft bleibe fuer die Morgenstunden; ruht aus und
erquickt Euch, damit Ihr uns, vergnuegt und vollkommen menschlich,
morgen frueh in das Innere folgen koennt."
Zweites Kapitel
An der Hand des aeltesten trat nun unser Freund durch ein
ansehnliches Portal in eine runde oder vielmehr achteckige Halle, die
mit Gemaelden so reichlich ausgeziert war, dass sie den Ankoemmling in
Erstaunen setzte. Er begriff leicht, dass alles, was er erblickte,
einen bedeutenden Sinn haben muesste, ob er sich gleich denselben nicht
so geschwind entziffern konnte. Er war eben im Begriff, seinen
Begleiter deshalb zu befragen, als dieser ihn einlud, seitwaerts in
eine Galerie zu treten, die, an der einen Seite offen, einen
geraeumigen, blumenreichen Garten umgab. Die Wand zog jedoch mehr als
dieser heitre, natuerliche Schmuck die Augen an sich: denn sie war
durchaus gemalt, und der Ankoemmling konnte nicht lange daran hergehen,
ohne zu bemerken, dass die heiligen Buecher der Israeliten den Stoff
zu diesen Bildern geliefert hatten.
"Es ist hier", sagte der aelteste, "wo wir diejenige Religion
ueberliefern, die ich Euch der Kuerze wegen die ethnische genannt habe.
Der Gehalt derselben findet sich in der Weltgeschichte, so wie die
Huelle derselben in den Begebenheiten. An der Wiederkehr der
Schicksale ganzer Voelker wird sie eigentlich begriffen."
"Ihr habt", sagte Wilhelm, "wie ich sehe, dem israelitischen Volke
die Ehre erzeigt und seine Geschichte zum Grunde dieser Darstellung
gelegt, oder vielmehr ihr habt sie zum Hauptgegenstande derselben
gemacht."--"Wie Ihr seht", versetzte der Alte; "denn Ihr werdet
bemerken, dass in den Sockeln und Friesen nicht sowohl synchronistische
als symphronistische Handlungen und Begebenheiten aufgefuehrt sind,
indem unter allen Voelkern gleichbedeutende und Gleiches deutende
Nachrichten vorkommen. So erblickt Ihr hier, wenn in dem Hauptfelde
Abraham von seinen Goettern in der Gestalt schoener Juenglinge besucht
wird, den Apoll unter den Hirten Admets oben in der Friese; woraus wir
lernen koennen, dass, wenn die Goetter den Menschen erscheinen, sie
gewoehnlich unerkannt unter ihnen wandeln."
Die Betrachtenden schritten weiter. Wilhelm fand meistens bekannte
Gegenstaende, jedoch lebhafter und bedeutender vorgetragen, als er sie
sonst zu sehen gewohnt war. ueber weniges bat er sich einige Erklaerung
aus; wobei er sich nicht enthalten konnte, nochmals zu fragen, warum
man die israelitische Geschichte vor allen andern gewaehlt. Hierauf
antwortete der aelteste: "Unter allen heidnischen Religionen, denn
eine solche ist die israelitische gleichfalls, hat diese grosse
Vorzuege, wovon ich nur einiger erwaehnen will. Vor dem ethnischen
Richterstuhle, vor dem Richterstuhl des Gottes der Voelker, wird nicht
gefragt, ob es die beste, die vortrefflichste Nation sei, sondern nur,
ob sie daure, ob sie sich erhalten habe. Das israelitische Volk hat
niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anfuehrer, Richter, Vorsteher,
Propheten tausendmal vorgeworfen haben; es besitzt wenig Tugenden und
die meisten Fehler anderer Voelker: aber an Selbstaendigkeit,
Festigkeit, Tapferkeit und, wenn alles das nicht mehr gilt, an Zaeheit
sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde, es
ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehova durch alle Zeiten zu
verherrlichen. Wir haben es daher als Musterbild aufgestellt, als
Hauptbild, dem die andern nur zum Rahmen dienen."
"Es ziemt sich nicht, mit Euch zu rechten", versetzte Wilhelm, "da
Ihr mich zu belehren imstande seid. Eroeffnet mir daher noch die
uebrigen Vorteile dieses Volks, oder vielmehr seiner Geschichte,
seiner Religion."--"Ein Hauptvorteil", versetzte jener, "ist die
treffliche Sammlung ihrer heiligen Buecher. Sie stehen so gluecklich
beisammen, dass aus den fremdesten Elementen ein taeuschendes Ganze
entgegentritt. Sie sind vollstaendig genug, um zu befriedigen,
fragmentarisch genug, um anzureizen; hinlaenglich barbarisch, um
aufzufordern, hinlaenglich zart, um zu besaenftigen; und wie manche
andere entgegengesetzte Eigenschaften sind an diesen Buechern, an
diesem Buche zu ruehmen!"
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