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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2

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Wilhelm hoerte dies mit Geduld, doch nur mit halber ueberzeugung,
vielleicht mit einigem Verdruss: denn so wunderlich ist der Mensch
gesinnt, dass er von dem Unwert irgendeines geliebten Gegenstandes
zwar ueberzeugt sein, sich von ihm abwenden, sogar ihn verwuenschen
kann, aber ihn doch nicht von andern auf gleiche Weise behandelt
wissen will; und vielleicht regt sich der Geist des Widerspruchs, der
in allen Menschen wohnt, nie lebendiger und wirksamer als in solchem
Falle.

Mag doch der Redakteur dieser Bogen hier selbst gestehen: dass er mit
einigem Unwillen diese wunderliche Stelle durchgehen laesst. Hat er
nicht auch in vielfachem Sinn mehr Leben und Kraefte als billig dem
Theater zugewendet? und koennte man ihn wohl ueberzeugen, dass dies ein
unverzeihlicher Irrtum, eine fruchtlose Bemuehung gewesen?

Doch wir finden keine Zeit, solchen Erinnerungen und Nachgefuehlen
unwillig uns hinzugeben, denn unser Freund sieht sich angenehm
ueberrascht, da ihm abermals einer von den Dreien, und zwar ein
besonders zusagender, vor die Augen tritt. Entgegenkommende Sanftmut,
den reinsten Seelenfrieden verkuendend, teilte sich hoechst erquicklich
mit. Vertrauend konnte der Wanderer sich naehern und fuehlte sein
Vertrauen erwidert.

Hier vernahm er nun, dass der Obere sich gegenwaertig bei den
Heiligtuemern befinde, dort unterweise, lehre, segne, indessen die
Dreie sich verteilt, um saemtliche Regionen heimzusuchen und ueberall,
nach genommener tiefster Kenntnis und Verabredung mit den
untergeordneten Aufsehern, das Eingefuehrte weiterzuleiten, das
Neubestimmte zu gruenden und dadurch ihre hohe Pflicht treulich zu
erfuellen.

Eben dieser treffliche Mann gab ihm nun eine allgemeinere uebersicht
ihrer innern Zustaende und aeussern Verbindungen sowie Kenntnis von der
Wechselwirkung aller verschiedenen Regionen; nicht weniger ward klar,
wie aus einer in die andere, nach laengerer oder kuerzerer Zeit, ein
Zoegling versetzt werden koenne. Genug, mit dem bisher vernommenen
stimmte alles voellig ueberein. Zugleich machte die Schilderung seines
Sohnes ihm viel Vergnuegen, und der Plan, wie man ihn weiterfuehren
wollte, musste seinen ganzen Beifall gewinnen.









Neuntes Kapitel

Wilhelm wurde darauf vom Gehuelfen und Aufseher zu einem Bergfest
eingeladen, welches zunaechst gefeiert werden sollte. Sie erstiegen
mit Schwierigkeit das Gebirg, Wilhelm glaubte sogar zu bemerken, dass
der Fuehrer gegen Abend sich langsamer bewegte, als wuerde die
Finsternis ihrem Pfad nicht noch mehr Hinderung entgegensetzen. Als
aber eine tiefe Nacht sie umgab, ward ihm dies Raetsel aufgeloest:
kleine Flammen sah er aus vielen Schluchten und Taelern schwankend
hervorschimmern, sich zu Linien verlaengern, sich ueber die
Gebirgshoehen herueberwaelzen. Viel freundlicher, als wenn ein Vulkan
sich auftut und sein spruehendes Getoes ganze Gegenden mit Untergang
bedroht, zeigte sich diese Erscheinung, und doch gluehte sie nach und
nach maechtiger, breiter und gedraengter, funkelte wie ein Strom von
Sternen, zwar sanft und lieblich, aber doch kuehn ueber die ganze
Gegend sich verbreitend.

Nachdem nun der Gefaehrte sich einige Zeit an der Verwunderung des
Gastes ergoetzt, denn ihre Gesichter und Gestalten erschienen durch
das Licht aus der Ferne erhellt, so wie ihr Weg, begann er zu
sprechen: "Ihr seht hier freilich ein wunderliches Schauspiel; diese
Lichter, die bei Tag und bei Nacht im ganzen Jahre unter der Erde
leuchten und wirken und die Foerdernis versteckter, kaum erreichbarer
irdischer Schaetze beguenstigen, diese quellen und wallen gegenwaertig
aus ihren Schluenden hervor und erheitern die offenbare Nacht. Kaum
gewahrte man je eine so erfreuliche Heerschau, wo das nuetzlichste,
unterirdisch zerstreute, den Augen entzogene Geschaeft sich uns in
ganzer Fuelle zeigt und eine grosse geheime Vereinigung sichtbar macht."

Unter solchen Reden und Betrachtungen waren sie an den Ort gelangt,
wo die Feuerbaeche zum Flammensee um einen wohlerleuchteten Inselraum
sich ergossen. Der Wanderer stand nunmehr in dem blendenden Kreise,
wo schimmernde Lichter zu Tausenden gegen die zur schwarzen Hinterwand
gereihten Traeger einen ahnungsvollen Kontrast bildeten. Sofort
erklang die heiterste Musik zu tuechtigen Gesaengen. Hohle Felsmassen
zogen maschinenhaft heran und schlossen bald ein glaenzendes Innere
dem Auge des erfreuten Zuschauers auf. Mimische Darstellungen, und
was nur einen solchen Moment der Menge erheitern kann, vereinigte
sich, um eine frohe Aufmerksamkeit zugleich zu spannen und zu
befriedigen.

Aber mit welcher Verwunderung ward unser Freund erfuellt, als er sich
den Hauptleuten vorgestellt sah und unter ihnen, in ernster,
stattlicher Tracht, Freund Jarno erblickte. "Nicht umsonst", rief
dieser aus, "habe ich meinen fruehern Namen mit dem bedeutendem Montan
vertauscht; du findest mich hier in Berg und Kluft eingeweiht, und
gluecklicher in dieser Beschraenkung unter und ueber der Erde, als sich
denken laesst."--"Da wirst du also", versetzte der Wanderer, "als ein
Hocherfahrner nunmehr freigebiger sein mit Aufklaerung und Unterricht,
als du es gegen mich warst auf jenen Berg--und Felsklippen.
"--"Keineswegs!" erwiderte Montan, "die Gebirge sind stumme Meister
und machen schweigsame Schueler."

An vielen Tafeln speiste man nach dieser Feierlichkeit. Alle Gaeste,
die geladen oder ungeladen sich eingefunden, waren vom Handwerk,
deswegen denn auch an dem Tische, wo Montan und sein Freund sich
niedergesetzt, sogleich ein ortgemaesses Gespraech entstand; es war von
Gebirgen, Gaengen und Lagern, von Gangarten und Metallen der Gegend
ausfuehrlich die Rede. Sodann aber verlor das Gespraech sich gar bald
ins Allgemeine, und da war von nichts Geringerem die Rede als von
Erschaffung und Entstehung der Welt. Hier aber blieb die Unterhaltung
nicht lange friedlich, vielmehr verwickelte sich sogleich ein
lebhafter Streit.

Mehrere wollten unsere Erdgestaltung aus einer nach und nach sich
senkend abnehmenden Wasserbedeckung herleiten; sie fuehrten die
Truemmer organischer Meeresbewohner auf den hoechsten Bergen sowie auf
flachen Huegeln zu ihrem Vorteil an. Andere heftiger dagegen liessen
erst gluehen und schmelzen, auch durchaus ein Feuer obwalten, das,
nachdem es auf der Oberflaeche genugsam gewirkt, zuletzt ins Tiefste
zurueckgezogen, sich noch immer durch die ungestuem sowohl im Meer als
auf der Erde wuetenden Vulkane betaetigte und durch sukzessiven Auswurf
und gleichfalls nach und nach ueberstroemende Laven die hoechsten Berge
bildete; wie sie denn ueberhaupt den anders Denkenden zu Gemuete fuehrten,
dass ja ohne Feuer nichts heiss werden koenne, auch ein taetiges Feuer
immer einen Herd voraussetze. So erfahrungsgemaess auch dieses
scheinen mochte, so waren manche doch nicht damit zufrieden; sie
behaupteten: maechtige, in dem Schoss der Erde schon voellig fertig
gewordene Gebilde seien mittelst unwiderstehlich elastischer Gewalten
durch die Erdrinde hindurch in die Hoehe getrieben und zugleich in
diesem Tumulte manche Teile derselben weit ueber Nachbarschaft und
Ferne umhergestreut und zersplittert worden; sie beriefen sich auf
manche Vorkommnisse, welche ohne eine solche Voraussetzung nicht zu
erklaeren seien.

Eine vierte, wenn auch vielleicht nicht zahlreiche Partie laechelte
ueber diese vergeblichen Bemuehungen und beteuerte: gar manche Zustaende
dieser Erdoberflaeche wuerden nie zu erklaeren sein, wofern man nicht
groessere und kleinere Gebirgsstrecken aus der Atmosphaere
herunterfallen und weite, breite Landschaften durch sie ueberdeckt
werden lasse. Sie beriefen sich auf groessere und kleinere Felsmassen,
welche zerstreut in vielen Landen umherliegend gefunden und sogar noch
in unsern Tagen als von oben herabstuerzend aufgelesen werden.

Zuletzt wollten zwei oder drei stille Gaeste sogar einen Zeitraum
grimmiger Kaelte zu Huelfe rufen und aus den hoechsten Gebirgszuegen auf
weit ins Land hingesenkten Gletschern gleichsam Rutschwege fuer
schwere Ursteinmassen bereitet und diese auf glatter Bahn fern und
ferner hinausgeschoben im Geiste sehen. Sie sollten sich, bei
eintretender Epoche des Auftauens, niedersenken und fuer ewig in
fremdem Boden liegenbleiben. Auch sollte sodann durch schwimmendes
Treibeis der Transport ungeheurer Felsbloecke von Norden her moeglich
werden. Diese guten Leute konnten jedoch mit ihrer etwas kuehlen
Betrachtung nicht durchdringen. Man hielt es ungleich naturgemaesser,
die Erschaffung einer Welt mit kolossalem Krachen und Heben, mit
wildem Toben und feurigem Schleudern vorgehen zu lassen. Da nun
uebrigens die Glut des Weines stark mit einwirkte, so haette das
herrliche Fest beinahe mit toedlichen Haendeln abgeschlossen.

Ganz verwirrt und verduestert ward es unserm Freund zumute, welcher
noch von alters her den Geist, der ueber den Wassern schwebte, und die
hohe Flut, welche funfzehn Ellen ueber die hoechsten Gebirge gestanden,
im stillen Sinne hegte und dem unter diesen seltsamen Reden die so
wohl geordnete, bewachsene, belebte Welt vor seiner Einbildungskraft
chaotisch zusammenzustuerzen schien.

Den andern Morgen unterliess er nicht, den ernsten Montan hierueber zu
befragen, indem er ausrief: "Gestern konnt' ich dich nicht begreifen,
denn unter allen den wunderlichen Dingen und Reden hofft' ich endlich
deine Meinung und deine Entscheidung zu hoeren, an dessen Statt warst
du bald auf dieser, bald auf jener Seite und suchtest immer die
Meinung desjenigen, der da sprach, zu verstaerken. Nun aber sage mir
ernstlich, was du darueber denkst, was du davon weisst." Hierauf
erwiderte Montan: "Ich weiss so viel wie sie und moechte darueber gar
nicht denken."--"Hier aber", versetzte Wilhelm, "sind so viele
widersprechende Meinungen, und man sagt ja, die Wahrheit liege in der
Mitte."--"Keineswegs!" erwiderte Montan: "in der Mitte bleibt das
Problem liegen, unerforschlich vielleicht, vielleicht auch zugaenglich,
wenn man es darnach anfaengt."

Nachdem nun auf diese Weise noch einiges hin und wider gesprochen
worden, fuhr Montan vertraulich fort: "Du tadelst mich, dass ich einem
jeden in seiner Meinung nachhalf, wie sich denn fuer alles noch immer
ein ferneres Argument auffinden laesst; ich vermehrte die Verwirrung
dadurch, das ist wahr, eigentlich aber kann ich es mit diesem
Geschlecht nicht mehr ernstlich nehmen. Ich habe mich durchaus
ueberzeugt, das Liebste, und das sind doch unsre ueberzeugungen, muss
jeder im tiefsten Ernst bei sich selbst bewahren, jeder weiss nur fuer
sich, was er weiss, und das muss er geheimhalten; wie er es ausspricht,
sogleich ist der Widerspruch rege, und wie er sich in Streit einlaesst,
kommt er in sich selbst aus dem Gleichgewicht, und sein Bestes wird,
wo nicht vernichtet, doch gestoert."

Durch einige Gegenrede Wilhelms veranlasst, erklaerte Montan sich
ferner: "Wenn man einmal weiss, worauf alles ankommt, hoert man auf,
gespraechig zu sein."-- "Worauf kommt nun aber alles an?" versetzte
Wilhelm hastig.--"Das ist bald gesagt", versetzte jener. "Denken und
Tun, Tun und Denken, das ist die Summe aller Weisheit, von jeher
anerkannt, von jeher geuebt, nicht eingesehen von einem jeden. Beides
muss wie Aus--und Einatmen sich im Leben ewig fort hin und wider
bewegen; wie Frage und Antwort sollte eins ohne das andere nicht
stattfinden. Wer sich zum Gesetz macht, was einem jeden Neugebornen
der Genius des Menschenverstandes heimlich ins Ohr fluestert, das Tun
am Denken, das Denken am Tun zu pruefen, der kann nicht irren, und
irrt er, so wird er sich bald auf den rechten Weg zurueckfinden."

Montan geleitete seinen Freund nunmehr in dem Bergrevier methodisch
umher, ueberall begruesst von einem derben "Glueck auf!", welches sie
heiter zurueckgaben. "Ich moechte wohl", sagte Montan, "ihnen manchmal
zurufen: "Sinn auf!", denn Sinn ist mehr als Glueck; doch die Menge
hat immer Sinn genug, wenn die Obern damit begabt sind. Weil ich nun
hier, wo nicht zu befehlen, doch zu raten habe, bemueht' ich mich, die
Eigenschaft des Gebirgs kennen zu lernen. Man strebt leidenschaftlich
nach den Metallen, die es enthaelt. Nun habe ich mir auch das
Vorkommen derselben aufzuklaeren gesucht, und es ist mir gelungen.
Das Glueck tut's nicht allein, sondern der Sinn, der das Glueck
herbeiruft, um es zu regeln. Wie diese Gebirge hier entstanden sind,
weiss ich nicht, will's auch nicht wissen; aber ich trachte taeglich,
ihnen ihre Eigentuemlichkeit abzugewinnen. Auf Blei und Silber ist
man erpicht, das sie in ihrem Busen tragen; ich weiss es zu entdecken:
das Wie? behalt' ich fuer mich und gebe Veranlassung, das Gewuenschte
zu finden. Auf mein Wort unternimmt man's versuchsweise, es gelingt,
und man sagt, ich habe Glueck. Was ich verstehe, versteh' ich mir,
was mir gelingt, gelingt mir fuer andere, und niemand denkt, dass es
ihm auf diesem Wege gleichfalls gelingen koenne. Sie haben mich in
Verdacht, dass ich eine Wuenschelrute besitze, sie merken aber nicht,
dass sie mir widersprechen, wenn ich etwas Vernuenftiges vorbringe, und
dass sie dadurch sich den Weg abschneiden zu dem Baum des Erkenntnisses,
wo diese prophetischen Reiser zu brechen sind."

Ermutigt an diesen Gespraechen, ueberzeugt, dass auch ihm durch sein
bisheriges Tun und Denken geglueckt, in einem weit entlegenen Fache,
dem Hauptsinne nach, seines Freundes Forderungen sich gleichzustellen,
gab er nunmehr Rechenschaft von der Anwendung seiner Zeit, seitdem
er die Verguenstigung erlangt, die auferlegte Wanderschaft nicht nach
Tagen und Stunden, sondern dem wahren Zweck einer vollstaendigen
Ausbildung gemaess einzuteilen und zu benutzen.

Hier nun war zufaelligerweise vieles Redens keine Not, denn ein
bedeutendes Ereignis gab unserm Freunde Gelegenheit, sein erworbenes
Talent geschickt und gluecklich anzuwenden und sich der menschlichen
Gesellschaft als wahrhaft nuetzlich zu erweisen.

Welcher Art aber dies gewesen, duerfen wir im Augenblicke noch nicht
offenbaren, obgleich der Leser bald, noch ehe er diesen Band aus den
Haenden legt, davon genugsam unterrichtet sein wird.








Zehntes Kapitel



Hersilie an Wilhelm

Die ganze Welt wirft mir seit langen Jahren vor, ich sei ein
launig-wunderliches Maedchen. Mag ich's doch sein, so bin ich's ohne
mein Verschulden. Die Leute mussten Geduld mit mir haben, und nun
brauche ich Geduld mit mir selber, mit meiner Einbildungskraft, die
mir Vater und Sohn, bald zusammen, bald wechselsweise, hin und wieder
vor die Augen fuehrt. Ich komme mir vor wie eine unschuldige Alkmene,
die von zwei Wesen, die einander vorstellen, unablaessig heimgesucht
wird.

Ich habe Ihnen viel zu sagen, und doch schreibe ich Ihnen, so
scheint es, nur, wenn ich ein Abenteuer zu erzaehlen habe; alles
uebrige ist auch abenteuerlich zwar, aber kein Abenteuer. Nun also zu
dem heutigen:

Ich sitze unter den hohen Linden und mache soeben ein Brieftaeschchen
fertig, ein sehr zierliches, ohne deutlichst zu wissen, wer es haben
soll, Vater oder Sohn, aber gewiss einer von beiden; da kommt ein
junger Tabulettkraemer mit Koerbchen und Kaestchen auf mich zu, er
legitimiert sich bescheiden durch einen Schein des Beamten, dass ihm
erlaubt sei, auf den Guetern zu hausieren; ich besehe seine Saechelchen
bis in die unendlichen Kleinigkeiten, deren niemand bedarf und die
jedermann kauft aus kindischem Trieb, zu besitzen und zu vergeuden.
Der Knabe scheint mich aufmerksam zu betrachten. Schoene schwarze,
etwas listige Augen, wohlgezeichnete Augenbraunen, reiche Locken,
blendende Zahnreihen, genug, Sie verstehen mich, etwas Orientalisches.


Er tut mancherlei Fragen, auf die Personen der Familie bezueglich,
denen er allenfalls etwas anbieten duerfte; durch allerlei Wendungen
weiss er es einzuleiten, dass ich mich ihm nenne. "Hersilie", spricht
er bescheiden, "wird Hersilie verzeihen, wenn ich eine Botschaft
ausrichte?" Ich sehe ihn verwundert an, er zieht das kleinste
Schiefertaefelchen hervor, in ein weisses Raehmchen gefasst, wie man sie
im Gebirg fuer die kindischen Anfaenge des Schreibens zubereitet; ich
nehm' es an, sehe es beschrieben und lese die mit scharfem Griffel
sauber eingegrabene Inschrift:

"Felix
liebt
Hersilien.
Der Stallmeister
kommt bald."


Ich bin betroffen, ich gerate in Verwunderung ueber das, was ich in
der Hand halte, mit Augen sehe, am meisten darueber, dass das Schicksal
sich fast noch wunderlicher beweisen will, als ich selbst bin.--"Was
soll das!" sag' ich zu mir, und der kleine Schalk ist mir
gegenwaertiger als je, ja es ist mir, als ob sein Bild sich mir in die
Augen hineinbohrte.

Nun fang' ich an zu fragen und erhalte wunderliche, unbefriedigende
Antworten; ich examiniere, und erfahre nichts; ich denke nach, und
kann die Gedanken nicht recht zusammenbringen. Zuletzt verknuepf ich
aus Reden und Widerreden so viel, dass der junge Kraemer auch die
paedagogische Provinz durchzogen, das Vertrauen meines jungen Verehrers
erworben, welcher auf ein erhandeltes Taefelchen die Inschrift
geschrieben und ihm fuer ein Woertchen Antwort die besten Geschenke
versprochen. Er reichte mir sodann ein gleiches Taefelchen, deren er
mehrere in seinem Warenbesteck vorwies, zugleich einen Griffel, wobei
er so freundlich drang und bat, dass ich beides annahm, dachte, wieder
dachte, nichts erdenken konnte und schrieb:

"Hersiliens
Gruss
an Felix.
Der Stallmeister
halte sich gut."


Ich betrachtete das Geschriebene und fuehlte Verdruss ueber den
ungeschickten Ausdruck. Weder Zaertlichkeit, noch Geist, noch Witz,
blosse Verlegenheit, und warum? Vor einem Knaben stand ich, an einen
Knaben schrieb ich; sollte mich das aus der Fassung bringen? Ich
glaube gar, ich seufzte, und war eben im Begriff, das Geschriebene
wegzuwischen; aber jener nahm es mir so zierlich aus der Hand, bat
mich um irgendeine fuersorgliche Einhuellung, und so geschah's, dass ich,
weiss ich doch nicht, wie's geschah, das Taefelchen in das
Brieftaeschchen steckte, das Band darumschlang und zugeheftet dem
Knaben hinreichte, der es mit Anmut ergriff, sich tief verneigend
einen Augenblick zauderte, dass ich eben noch Zeit hatte, ihm mein
Beutelchen in die Hand zu druecken, und mich schalt, ihm nicht genug
gegeben zu haben. Er entfernte sich schicklich eilend und war, als
ich ihm nachblickte, schon verschwunden, ich begriff nicht recht wie.

Nun ist es vorueber, ich bin schon wieder auf dem gewoehnlichen,
flachen Tagesboden und glaube kaum an die Erscheinung. Halte ich
nicht das Taefelchen in der Hand? Es ist gar zierlich, die Schrift
gar schoen und sorgfaeltig gezogen; ich glaube, ich haette es gekuesst,
wenn ich die Schrift auszuloeschen nicht fuerchtete.

Ich habe mir Zeit genommen, nachdem ich Vorstehendes geschrieben;
was ich aber auch darueber denke, will immer nicht foerdern.
Allerdings etwas Geheimnisvolles war in der Figur; dergleichen sind
jetzt im Roman nicht zu entbehren, sollten sie uns denn auch im Leben
begegnen? Angenehm, doch verdaechtig, fremdartig, doch Vertrauen
erregend; warum schied er auch vor aufgeloester Verwirrung? warum
hatt' ich nicht Gegenwart des Geistes genug, um ihn schicklicherweise
festzuhalten?





Nach einer Pause nehm' ich die Feder abermals zur Hand, meine
Bekenntnisse fortzusetzen. Die entschiedene, fortdauernde Neigung
eines zum Juengling heranreifenden Knaben wollte mir schmeicheln; da
aber fiel mir ein, dass es nichts Seltenes sei, in diesem Alter nach
aelteren Frauen sich umzusehen. Fuerwahr, es gibt eine geheimnisvolle
Neigung juengerer Maenner zu aelteren Frauen. Sonst, da es mich nicht
selbst betraf, lachte ich darueber und wollte boshafterweise gefunden
haben: es sei eine Erinnerung an die Ammen--und Saeuglingszaertlichkeit,
von der sie sich kaum losgerissen haben. Jetzt aergert's mich, mir
die Sache so zu denken; ich erniedrige den guten Felix zur Kindheit
herab, und mich sehe ich doch auch nicht in einer vorteilhaften
Stellung. Ach welch ein Unterschied ist es, ob man sich oder die
andern beurteilt.









Eilftes Kapitel Wilhelm an Natalien

Schon Tage geh' ich umher und kann die Feder anzusetzen mich nicht
entschliessen; es ist so mancherlei zu sagen, muendlich fuegte sich wohl
eins ans andere, entwickelte sich auch wohl leicht eins aus dem
andern; lass mich daher, den Entfernten, nur mit dem Allgemeinsten
beginnen, es leitet mich doch zuletzt aufs Wunderliche, was ich
mitzuteilen habe.

Du hast von dem Juengling gehoert, der, am Ufer des Meeres spazierend,
einen Ruderpflock fand; das Interesse, das er daran nahm, bewog ihn,
ein Ruder anzuschaffen, als notwendig dazu gehoerend. Dies aber war
nun auch weiter nichts nuetze; er trachtete ernstlich nach einem Kahn
und gelangte dazu. Jedoch war Kahn, Ruder und Ruderpflock nicht
sonderlich foerdernd, er verschaffte sich Segelstangen und Segel und
so nach und nach, was zur Schnelligkeit und Bequemlichkeit der
Schiffahrt erforderlich ist. Durch zweckmaessiges Bestreben gelangt er
zu groesserer Fertigkeit und Geschicklichkeit, das Glueck beguenstigt ihn,
er sieht sich endlich als Herr und Patron eines groessern Fahrzeugs,
und so steigert sich das Gelingen, er gewinnt Wohlhaben, Ansehen und
Namen unter den Seefahrern.--





Indem ich nun dich veranlasse, diese artige Geschichte wieder zu
lesen, muss ich bekennen, dass sie nur im weitesten Sinne hierher
gehoert, jedoch mir den Weg bahnt, dasjenige auszudruecken, was ich
vorzutragen habe. Indessen muss ich noch einiges Entferntere
durchgehen.





Die Faehigkeiten, die in dem Menschen liegen, lassen sich einteilen
in allgemeine und besondere, die allgemeinen sind anzusehen als
gleichgueltig-ruhende Faehigkeiten, die nach Umstaenden geweckt und
zufaellig zu diesem oder jenem Zweck bestimmt werden. Die
Nachahmungsgabe des Menschen ist allgemein, er will nachmachen,
nachbilden, was er sieht, auch ohne die mindesten innern und aeussern
Mittel zum Zwecke. Natuerlich ist es daher immer, dass er leisten will,
was er leisten sieht; das Natuerlichste jedoch waere, dass der Sohn des
Vaters Beschaeftigung ergriffe. Hier ist alles beisammen: eine
vielleicht im Besondern schon angeborne, in urspruenglicher Richtung
entschiedene Faehigkeit, sodann eine folgerecht stufenweis
fortschreitende uebung und ein entwickeltes Talent, das uns noetigte,
auch alsdann auf dem eingeschlagenen Wege fortzuschreiten, wenn andere
Triebe sich in uns entwickeln und uns eine freie Wahl zu einem
Geschaeft fuehren duerfte, zu dem uns die Natur weder Anlage noch
Beharrlichkeit verliehen. Im Durchschnitt sind daher die Menschen am
gluecklichsten, die ein angebornes, ein Familientalent im haeuslichen
Kreise auszubilden Gelegenheit finden. Wir haben solche
Malerstammbaeume gesehen; darunter waren freilich schwache Talente,
indessen lieferten sie doch etwas Brauchbares und vielleicht Besseres,
als sie bei maessigen Naturkraeften aus eigner Wahl in irgendeinem
andern Fache geleistet haetten.





Da dieses aber auch nicht ist, was ich sagen wollte, so muss ich
meinen Mitteilungen von irgendeiner andern Seite naeher zu kommen
suchen.





Das ist nun das Traurige der Entfernung von Freunden, dass wir die
Mittelglieder, die Huelfsglieder unserer Gedanken, die sich in der
Gegenwart so fluechtig wie Blitze wechselseitig entwickeln und
durchweben, nicht in augenblicklicher Verknuepfung und Verbindung
vorfuehren und vortragen koennen. Hier also zunaechst eine der fruehsten
Jugendgeschichten.





Wir in einer alten, ernsten Stadt erzogenen Kinder hatten die
Begriffe von Strassen, Plaetzen, von Mauern gefasst, sodann auch von
Waellen, dem Glacis und benachbarten ummauerten Gaerten. Uns aber
einmal, oder vielmehr sich selbst ins Freie zu fuehren, hatten unsere
Eltern laengst mit Freunden auf dem Lande eine immerfort verschobene
Partie verabredet. Dringender endlich zum Pfingstfeste ward Einladung
und Vorschlag, denen man nur unter der Bedingung sich fuegte: alles so
einzuleiten, dass man zu Nacht wieder zu Hause sein koennte; denn ausser
seinem laengst gewohnten Bette zu schlafen, schien eine Unmoeglichkeit.
Die Freuden des Tags so eng zu konzentrieren, war freilich schwer:
zwei Freunde sollten besucht und ihre Ansprueche auf seltene
Unterhaltung befriedigt werden; indessen hoffte man, mit grosser
Puenktlichkeit alles zu erfuellen.

Am dritten Feiertag, mit dem fruehsten, standen alle munter und
bereit, der Wagen fuhr zur bestimmten Stunde vor, bald hatten wir
alles Beschraenkende der Strassen, Tore, Bruecken und Stadtgraeben hinter
uns gelassen, eine freie, weitausgebreitete Welt tat sich vor den
Unerfahrnen auf. Das durch einen Nachtregen erst erfrischte Gruen der
Fruchtfelder und Wiesen, das mehr oder weniger hellere der eben
aufgebrochenen Strauch--und Baumknospen, das nach allen Seiten hin
blendend sich verbreitende Weiss der Baumbluete, alles gab uns den
Vorschmack gluecklicher, paradiesischer Stunden.

Zu rechter Zeit gelangten wir auf der ersten Station bei einem
wuerdigen Geistlichen an. Freundlichst empfangen, konnten wir bald
gewahr werden, dass die aufgehobene kirchliche Feier den Ruhe und
Freiheit suchenden Gemuetern nicht entnommen war. Ich betrachtete den
laendlichen Haushalt zum erstenmal mit freudigem Anteil; Pflug und Egge,
Wagen und Karren deuteten auf unmittelbare Benutzung, selbst der
widrig anzuschauende Unrat schien das Unentbehrlichste im ganzen
Kreise: sorgfaeltig war er gesammelt und gewissermassen zierlich
aufbewahrt. Doch dieser auf das Neue und doch Begreifliche gerichtete
frische Blick ward gar bald auf ein Geniessbares geheftet:
appetitliche Kuchen, frische Milch und sonst mancher laendliche
Leckerbissen ward von uns begierig in Betracht gezogen. Eilig
beschaeftigten sich nunmehr die Kinder, den kleinen Hausgarten und die
wirtliche Laube verlassend, in dem angrenzenden Baumstueck ein
Geschaeft zu vollbringen, das eine alte, wohlgesinnte Tante ihnen
aufgetragen hatte. Sie sollten naemlich so viel Schluesselblumen als
moeglich sammeln und solche getreulich mit zur Stadt bringen, indem
die haushaeltische Matrone gar allerlei gesundes Getraenk daraus zu
bereiten gewohnt war.

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