Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2
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Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2
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Indem wir nun in dieser Beschaeftigung auf Wiesen, an Raendern und
Zaeunen hin und wider liefen, gesellten sich mehrere Kinder des Dorfs
zu uns, und der liebliche Duft gesammelter Fruehlingsblumen schien
immer erquickender und balsamischer zu werden.
Wir hatten nun schon so eine Masse Stengel und Blueten
zusammengebracht, dass wir nicht wussten, wo mit hin; man fing jetzt an,
die gelblichen Roehrenkronen auszuzupfen, denn um sie war es denn
eigentlich doch nur zu tun; jeder suchte in sein Huetchen, sein
Muetzchen moeglichst zu sammeln.
Der aeltere dieser Knaben jedoch, an Jahren wenig vor mir voraus, der
Sohn des Fischers, den dieses Blumengetaendel nicht zu freuen schien,
ein Knabe, der mich bei seinem ersten Auftreten gleich besonders
angezogen hatte, lud mich ein, mit ihm nach dem Fluss zu gehen, der,
schon ansehnlich breit, in weniger Entfernung vorbeifloss. Wir
setzten uns mit ein paar Angelruten an eine schattige Stelle, wo im
tiefen, ruhig klaren Wasser gar manches Fischlein sich hin und her
bewegte. Freundlich wies er mich an, worum es zu tun, wie der Koeder
am Angel zu befestigen sei, und es gelang mir einigemal
hintereinander, die kleinsten dieser zarten Geschoepfe wider ihren
Willen in die Luft herauszuschnellen. Als wir nun so zusammen
aneinandergelehnt beruhigt sassen, schien er zu langweilen und machte
mich auf einen flachen Kies aufmerksam, der von unserer Seite sich in
den Strom hinein erstreckte. Da sei die schoenste Gelegenheit zu baden.
Er koenne, rief er, endlich aufspringend, der Versuchung nicht
widerstehen, und ehe ich mich's versah, war er unten, ausgezogen und
im Wasser.
Da er sehr gut schwamm, verliess er bald die seichte Stelle, uebergab
sich dem Strom und kam bis an mich in dem tieferen Wasser heran; mir
war ganz wunderlich zumute geworden. Grashupfer tanzten um mich her,
Ameisen krabbelten heran, bunte Kaefer hingen an den Zweigen, und
goldschimmernde Sonnenjungfern, wie er sie genannt hatte, schwebten
und schwankten geisterartig zu meinen Fuessen, eben als jener, einen
grossen Krebs zwischen Wurzeln hervorholend, ihn lustig aufzeigte, um
ihn gleich wieder an den alten Ort zu bevorstehendem Fange geschickt
zu verbergen. Es war umher so warm und so feucht, man sehnte sich
aus der Sonne in den Schatten, aus der Schattenkuehle hinab ins
kuehlere Wasser. Da war es denn ihm leicht, mich hinunterzulocken,
eine nicht oft wiederholte Einladung fand ich unwiderstehlich und war,
mit einiger Furcht vor den Eltern, wozu sich die Scheu vor dem
unbekannten Elemente gesellte, in ganz wunderlicher Bewegung. Aber
bald auf dem Kies entkleidet, wagt' ich mich sachte ins Wasser, doch
nicht tiefer, als es der leise abhaengige Boden erlaubte; hier liess er
mich weilen, entfernte sich in dem tragenden Elemente, kam wieder,
und als er sich heraushob, sich aufrichtete, im hoeheren Sonnenschein
sich abzutrocknen, glaubt' ich meine Augen vor einer dreifachen Sonne
geblendet: so schoen war die menschliche Gestalt, von der ich nie einen
Begriff gehabt. Er schien mich mit gleicher Aufmerksamkeit zu
betrachten. Schnell angekleidet standen wir uns noch immer
unverhuellt gegeneinander, unsere Gemueter zogen sich an, und unter den
feurigsten Kuessen schwuren wir eine ewige Freundschaft.
Sodann aber eilig eilig gelangten wir nach Hause, gerade zur rechten
Zeit, als die Gesellschaft den angenehmsten Fussweg durch Busch und
Wald etwa anderthalb Stunden nach der Wohnung des Amtmanns antrat.
Mein Freund begleitete mich, wir schienen schon unzertrennlich; als
ich aber haelftewegs um Erlaubnis bat, ihn mit in des Amtmanns Wohnung
zu nehmen, verweigerte es die Pfarrerin, mit stiller Bemerkung des
Unschicklichen, dagegen gab sie ihm den dringenden Auftrag: er solle
seinem rueckkehrenden Vater ja sagen, sie muesse bei ihrer
Nachhausekunft notwendig schoene Krebse vorfinden, die sie den Gaesten
als eine Seltenheit nach der Stadt mitgeben wolle. Der Knabe schied,
versprach aber mit Hand und Mund, heute abend an dieser Waldecke
meiner zu warten.
Die Gesellschaft gelangte nunmehr zum Amthause, wo wir auch einen
laendlichen Zustand antrafen, doch hoeherer Art. Ein durch die Schuld
der uebertaetigen Hausfrau sich verspaetendes Mittagessen machte mich
nicht ungeduldig, denn der Spaziergang in einem wohlgehaltenen
Ziergarten, wohin die Tochter, etwas juenger als ich, mir den Weg
begleitend anwies, war mir hoechst unterhaltend. Fruehlingsblumen
aller Art standen in zierlich gezeichneten Feldern, sie ausfuellend
oder ihre Raender schmueckend. Meine Begleiterin war schoen, blond,
sanftmuetig, wir gingen vertraulich zusammen, fassten uns bald bei der
Hand und schienen nichts Besseres zu wuenschen. So gingen wir an
Tulpenbeeten vorueber, so an gereihten Narzissen und Jonquillen; sie
zeigte mir verschiedene Stellen, wo eben die herrlichsten
Hyazinthenglocken schon abgeblueht hatten. Dagegen war auch fuer die
folgenden Jahrszeiten gesorgt: schon gruenten die Buesche der kuenftigen
Ranunkeln und Anemonen; die auf zahlreiche Nelkenstoecke verwendete
Sorgfalt versprach den mannigfaltigsten Flor; naeher aber knospete
schon die Hoffnung vielblumiger Lilienstengel gar weislich zwischen
Rosen verteilt. Und wie manche Laube versprach nicht zunaechst mit
Geissblatt, Jasmin, reben und rankenartigen Gewaechsen zu prangen und
zu schatten.
Betracht' ich nach so viel Jahren meinen damaligen Zustand, so
scheint er mir wirklich beneidenswert. Unerwartet, in demselbigen
Augenblick, ergriff mich das Vorgefuehl von Freundschaft und Liebe.
Denn als ich ungern Abschied nahm von dem schoenen Kinde, troestete
mich der Gedanke, diese Gefuehle meinem jungen Freunde zu eroeffnen, zu
vertrauen und seiner Teilnahme zugleich mit diesen frischen
Empfindungen mich zu freuen.
Und wenn ich hier noch eine Betrachtung anknuepfe, so darf ich wohl
bekennen: dass im Laufe des Lebens mir jenes erste Aufbluehen der
Aussenwelt als die eigentliche Originalnatur vorkam, gegen die alles
uebrige, was uns nachher zu den Sinnen kommt, nur Kopien zu sein
scheinen, die bei aller Annaeherung an jenes doch des eigentlich
urspruenglichen Geistes und Sinnes ermangeln.
Wie muessten wir verzweifeln, das aeussere so kalt, so leblos zu
erblicken, wenn nicht in unserm Innern sich etwas entwickelte, das
auf eine ganz andere Weise die Natur verherrlicht, indem es uns
selbst in ihr zu verschoenen eine schoepferische Kraft erweist.
Es daemmerte schon, als wir uns der Waldecke wieder naeherten, wo der
junge Freund meiner zu warten versprochen hatte. Ich strengte die
Sehkraft moeglichst an, um seine Gegenwart zu erforschen; als es mir
nicht gelingen wollte, lief ich ungeduldig der langsam schreitenden
Gesellschaft voraus, rannte durchs Gebuesche hin und wider. Ich rief,
ich aengstigte mich; er war nicht zu sehen und antwortete nicht; ich
empfand zum erstenmal einen leidenschaftlichen Schmerz, doppelt und
vielfach.
Schon entwickelte sich in mir die unmaessige Forderung vertraulicher
Zuneigung, schon war es ein unwiderstehlich Beduerfnis, meinen Geist
von dem Bilde jener Blondine durch Plaudern zu befreien, mein Herz
von den Gefuehlen zu erloesen, die sie in mir aufgeregt hatte. Es war
voll, der Mund lispelte schon, um ueberzufliessen; ich tadelte laut den
guten Knaben wegen verletzter Freundschaft, wegen vernachlaessigter
Zusage.
Bald aber sollten mir schwerere Pruefungen zugedacht sein. Aus den
ersten Haeusern des Ortes stuerzten Weiber schreiend heraus, heulende
Kinder folgten, niemand gab Red' und Antwort. Von der einen Seite her
um das Eckhaus sahen wir einen Trauerzug herumziehen, er bewegte sich
langsam die lange Strasse hin; es schien wie ein Leichenzug, aber ein
vielfacher; des Tragens und Schleppens war kein Ende. Das Geschrei
dauerte fort, es vermehrte sich, die Menge lief zusammen. "Sie sind
ertrunken, alle, saemtlich ertrunken! Der! wer? welcher?" Die Muetter,
die ihre Kinder um sich sahen, schienen getroestet. Aber ein ernster
Mann trat heran und sprach zur Pfarrerin: "Ungluecklicherweise bin ich
zu lange aussen geblieben, ertrunken ist Adolf selbfuenfe, er wollte
sein Versprechen halten und meins." Der Mann, der Fischer selbst war
es, ging weiter dem Zuge nach, wir standen erschreckt und erstarrt.
Da trat ein kleiner Knabe heran, reichte einen Sack dar: "Hier die
Krebse, Frau Pfarrerin", und hielt das Zeichen hoch in die Hoehe. Man
entsetzte sich davor wie vor dem Schaedlichsten, man fragte, man
forschte und erfuhr so viel: dieser letzte Kleine war am Ufer
geblieben, er las die Krebse auf, die sie ihm von unten zuwarfen.
Alsdann aber nach vielem Fragen und Widerfragen erfuhr man: Adolf mit
zwei verstaendigen Knaben sei unten am und im Wasser hingegangen, zwei
andere, juengere haben sich ungebeten dazu gesellt, die durch kein
Schelten und Drohen abzuhalten gewesen. Nun waren ueber eine steinige,
gefaehrliche Stelle die ersten fast hinaus, die letzten gleiteten,
griffen zu und zerrten immer einer den andern hinunter; so geschah es
zuletzt auch dem Vordersten, und alle stuerzten in die Tiefe. Adolf,
als guter Schwimmer, haette sich gerettet, alles aber hielt in der
Angst sich an ihn, er ward niedergezogen. Dieser Kleine sodann war
schreiend ins Dorf gelaufen, seinen Sack mit Krebsen fest in den
Haenden. Mit andern Aufgerufenen eilte der zufaellig spaet rueckkehrende
Fischer dorthin; man hatte sie nach und nach herausgezogen, tot
gefunden, und nun trug man sie herein.
Der Pfarrherr mit dem Vater gingen bedenklich dem Gemeindehause zu;
der volle Mond war aufgegangen und beleuchtete die Pfade des Todes;
ich folgte leidenschaftlich, man wollte mich nicht einlassen; ich war
im schrecklichsten Zustande. Ich umging das Haus und rastete nicht;
endlich ersah ich meinen Vorteil und sprang zum offenen Fenster
hinein.
In dem grossen Saale, wo Versammlungen aller Art gehalten werden,
lagen die Unglueckseligen auf Stroh, nackt, ausgestreckt,
glaenzend-weisse Leiber, auch bei duesterm Lampenschein hervorleuchtend.
Ich warf mich auf den groessten, auf meinen Freund; ich wuesste nicht
von meinem Zustand zu sagen, ich weinte bitterlich und ueberschwemmte
seine breite Brust mit unendlichen Traenen. Ich hatte etwas von Reiben
gehoert, das in solchem Falle hilfreich sein sollte, ich rieb meine
Traenen ein und belog mich mit der Waerme, die ich erregte. In der
Verwirrung dacht' ich ihm Atem einzublasen, aber die Perlenreihen
seiner Zaehne waren fest verschlossen, die Lippen, auf denen der
Abschiedskuss noch zu ruhen schien, versagten auch das leiseste Zeichen
der Erwiderung. An menschlicher Huelfe verzweifelnd, wandt' ich mich
zum Gebet; ich flehte, ich betete, es war mir, als wenn ich in diesem
Augenblicke Wunder tun muesste, die noch inwohnende Seele hervorzurufen,
die noch in der Naehe schwebende wieder hineinzulocken.
Man riss mich weg; weinend, schluchzend sass ich im Wagen und vernahm
kaum, was die Eltern sagten: unsere Mutter, was ich nachher so oft
wiederholen hoerte, hatte sich in den Willen Gottes ergeben. Ich war
indessen eingeschlafen und erwachte verduestert am spaeten Morgen in
einem raetselhaften, verwirrten Zustande.
Als ich mich aber zum Fruehstueck begab, fand ich Mutter, Tante und
Koechin in wichtiger Beratung. Die Krebse sollten nicht gesotten,
nicht auf den Tisch gebracht werden; der Vater wollte eine so
unmittelbare Erinnerung an das naechstvergangene Unglueck nicht
erdulden. Die Tante schien sich dieser seltenen Geschoepfe eifrigst
bemaechtigen zu wollen, schalt aber nebenher auf mich, dass wir die
Schluesselblumen mitzubringen versaeumt; doch schien sie sich bald
hierueber zu beruhigen, als man jene lebhaft durcheinander kriechenden
Missgestalten ihr zu beliebiger Verfuegung uebergab, worauf sie denn
deren weitere Behandlung mit der Koechin verabredete.
Um aber die Bedeutung dieser Szene klar zu machen, muss ich von dem
Charakter und dem Wesen dieser Frau das Naehere vermelden: Die
Eigenschaften, von denen sie beherrscht wurde, konnte man, sittlich
betrachtet, keineswegs ruehmen; und doch brachten sie, buergerlich und
politisch angesehen, manche gute Wirkung hervor. Sie war im
eigentlichen Sinne geldgeizig, denn es dauerte sie jeder bare Pfennig,
den sie aus der Hand geben sollte, und sah sich ueberall fuer ihre
Beduerfnisse nach Surrogaten um, welche man umsonst, durch Tausch oder
irgendeine Weise beischaffen konnte. So waren die Schluesselblumen
zum Tee bestimmt, den sie fuer gesuender hielt als irgendeinen
chinesischen. Gott habe einem jeden Land das Notwendige verliehen,
es sei nun zur Nahrung, zur Wuerze, zur Arzenei; man brauche sich
deshalb nicht an fremde Laender zu wenden. So besorgte sie in einem
kleinen Garten alles, was nach ihrem Sinn die Speisen schmackhaft
mache und Kranken zutraeglich waere: sie besuchte keinen fremden Garten,
ohne dergleichen von da mitzubringen.
Diese Gesinnung und was daraus folgte, konnte man ihr sehr gerne
zugeben, da ihre emsig gesammelte Barschaft der Familie doch endlich
zugute kommen sollte; auch wussten Vater und Mutter hierin durchaus
ihr nachzugeben und foerderlich zu sein.
Eine andere Leidenschaft jedoch, eine taetige, die sich unermuedet
geschaeftig hervortat, war der Stolz, fuer eine bedeutende,
einflussreiche Person gehalten zu werden. Und sie hatte fuerwahr diesen
Ruhm sich verdient und erreicht; denn die sonst unnuetzen, sogar oft
schaedlichen unter Frauen obwaltenden Klatschereien wusste sie zu ihrem
Vorteil anzuwenden. Alles, was in der Stadt vorging, und daher auch
das Innere der Familien, war ihr genau bekannt, und es ereignete sich
nicht leicht ein zweifelhafter Fall, in den sie sich nicht zu mischen
gewusst haette, welches ihr um desto mehr gelang, als sie immer nur zu
nutzen trachtete, dadurch aber ihren Ruhm und guten Namen zu steigern
wusste. Manche Heirat hatte sie geschlossen, wobei wenigstens der
eine Teil vielleicht zufrieden blieb. Was sie aber am meisten
beschaeftigte, war das Foerdern und Befoerdern solcher Personen, die ein
Amt, eine Anstellung suchten, wodurch sie sich denn wirklich eine
grosse Anzahl Klienten erwarb, deren Einfluss sie dann wieder zu
benutzen wusste.
Als Witwe eines nicht unbedeutenden Beamten, eines rechtlichen,
strengen Mannes, hatte sie denn doch gelernt, wie man diejenigen
durch Kleinigkeiten gewinnt, denen man durch bedeutendes Anerbieten
nicht beikommen kann.
Um aber ohne fernere Weitlaeufigkeit auf dem betretenen Pfade zu
bleiben, sei zunaechst bemerkt, dass sie auf einen Mann, der eine
wichtige Stelle bekleidete, sich grossen Einfluss zu verschaffen gewusst.
Er war geizig gleich ihr, und zu seinem Unglueck ebenso speiselustig
und genaeschig. Ihm also unter irgendeinem Vorwande ein schmackhaftes
Gericht auf die Tafel zu bringen, blieb ihre erste Sorge. Sein
Gewissen war nicht das zarteste, aber auch sein Mut, seine
Verwegenheit musste in Anspruch genommen werden, wenn er in
bedenklichen Faellen den Widerstand seiner Kollegen ueberwinden und die
Stimme der Pflicht, die sie ihm entgegensetzten, uebertaeuben sollte.
Nun war gerade der Fall, dass sie einen Unwuerdigen beguenstigte; sie
hatte das moeglichste getan, ihn einzuschieben; die Angelegenheit
hatte fuer sie eine guenstige Wendung genommen, und nun kamen ihr die
Krebse, dergleichen man freilich selten gesehen, gluecklicherweise
zustatten. Sie sollten sorgfaeltig gefuettert und nach und nach dem
hohen Goenner, der gewoehnlich ganz allein sehr kaerglich speiste, auf
die Tafel gebracht werden.
uebrigens gab der unglueckliche Vorfall zu manchen Gespraechen und
geselligen Bewegungen Anlass. Mein Vater war jener Zeit einer der
ersten, der seine Betrachtung, seine Sorge ueber die Familie, ueber die
Stadt hinaus zu erstrecken durch einen allgemeinen, wohlwollenden
Geist getrieben ward. Die grossen Hindernisse, welche der Einimpfung
der Blattern anfangs entgegenstanden, zu beseitigen, war er mit
verstaendigen aerzten und Polizeiverwandten bemueht. Groessere Sorgfalt
in den Hospitaelern, menschlichere Behandlung der Gefangenen und was
sich hieran ferner schliessen mag, machte das Geschaeft wo nicht seines
Lebens, doch seines Lesens und Nachdenkens; wie er denn auch seine
ueberzeugung ueberall aussprach und dadurch manches Gute bewirkte.
Er sah die buergerliche Gesellschaft, welcher Staatsform sie auch
untergeordnet waere, als einen Naturzustand an, der sein Gutes und
sein Boeses habe, seine gewoehnlichen Lebenslaeufe, abwechselnd reiche
und kuemmerliche Jahre, nicht weniger zufaellig und unregelmaessig
Hagelschlag, Wasserfluten und Brandschaeden; das Gute sei zu ergreifen
und zu nutzen, das Boese abzuwenden oder zu ertragen; nichts aber,
meinte er, sei wuenschenswerter als die Verbreitung des allgemeinen
guten Willens, unabhaengig von jeder andern Bedingung.
In Gefolg einer solchen Gemuetsart musste er nun bestimmt werden, eine
schon frueher angeregte wohltaetige Angelegenheit wieder zur Sprache zu
bringen; es war die Wiederbelebung der fuer tot Gehaltenen, auf welche
Weise sich auch die aeussern Zeichen des Lebens moechten verloren haben.
Bei solchen Gespraechen erhorchte ich mir nun, dass man bei jenen
Kindern das Umgekehrte versucht und angewendet, ja sie gewissermassen
erst ermordet; ferner hielt man dafuer, dass durch einen Aderlass
vielleicht ihnen allen waere zu helfen gewesen. In meinem
jugendlichen Eifer nahm ich mir daher im stillen vor, ich wollte keine
Gelegenheit versaeumen, alles zu lernen, was in solchem Falle noetig
waere, besonders das Aderlassen und was dergleichen Dinge mehr waren.
Allein wie bald nahm mich der gewoehnliche Tag mit sich fort. Das
Beduerfnis nach Freundschaft und Liebe war aufgeregt, ueberall schaut'
ich mich um, es zu befriedigen. Indessen ward Sinnlichkeit,
Einbildungskraft und Geist durch das Theater uebermaessig beschaeftigt;
wie weit ich hier gefuehrt und verfuehrt worden, darf ich nicht
wiederholen.
Wenn ich nun aber nach dieser umstaendlichen Erzaehlung zu bekennen
habe, dass ich noch immer nicht ans Ziel meiner Absicht gelangt sei
und dass ich nur durch einen Umweg dahin zu gelangen hoffen darf, was
soll ich da sagen! wie kann ich mich entschuldigen! Allenfalls haette
ich folgendes vorzubringen: Wenn es dem Humoristen erlaubt ist, das
Hundertste ins Tausendste durcheinanderzuwerfen, wenn er kecklich
seinem Leser ueberlaesst, das, was allenfalls daraus zu nehmen sei, in
halber Bedeutung endlich aufzufinden, sollte es dem Verstaendigen, dem
Vernuenftigen nicht zustehen, auf eine seltsam scheinende Weise
ringsumher nach vielen Punkten hinzuwirken, damit man sie in einem
Brennpunkte zuletzt abgespielt und zusammengefasst erkenne, einsehen
lerne, wie die verschiedensten Einwirkungen den Menschen umringend zu
einem Entschluss treiben, den er auf keine andere Weise, weder aus
innerm Trieb noch aeusserm Anlass, haette ergreifen koennen? Bei dem
Mannigfaltigen, was mir noch zu sagen uebrigbleibt, habe ich die Wahl,
was ich zuerst vornehmen will; aber auch dies ist gleichgueltig, du
musst dich eben in Geduld fassen, lesen und weiter lesen, zuletzt wird
denn doch auf einmal hervorspringen und dir ganz natuerlich scheinen,
was mit einem Worte ausgesprochen dir hoechst seltsam vorgekommen waere,
und zwar auf einen Grad, dass du nachher diesen Einleitungen in Form
von Erklaerungen kaum einen Augenblick haettest schenken moegen.
Um nun aber einigermassen in die Richte zu kommen, will ich mich
wieder nach jenem Ruderpflock umsehen und eines Gespraechs gedenken,
das ich mit unserem geprueften Freunde Jarno, den ich unter dem Namen
Montan im Gebirge fand, zu ganz besonderer Erweckung eigner Gefuehle
zufaellig zu fuehren veranlasst ward. Die Angelegenheiten unseres Lebens
haben einen geheimnisvollen Gang, der sich nicht berechnen laesst. Du
erinnerst dich gewiss jenes Bestecks, das euer tuechtiger Wundarzt
hervorzog, als du dich mir, wie ich verwundet im Walde hingestreckt
lag, hilfreich naehertest? Es leuchtete mir damals dergestalt in die
Augen und machte einen so tiefen Eindruck, dass ich ganz entzueckt war,
als ich nach Jahren es in den Haenden eines Juengeren wiederfand.
Dieser legte keinen besondern Wert darauf; die Instrumente saemtlich
hatten sich in neuerer Zeit verbessert und waren zweckmaessiger
eingerichtet, und ich erlangte jenes um desto eher, als ihm die
Anschaffung eines neuen dadurch erleichtert wurde. Nun fuehrte ich es
immer mit mir, freilich zu keinem Gebrauch, aber desto sicherer zu
troestlicher Erinnerung: Es war Zeuge des Augenblicks, wo mein Glueck
begann, zu dem ich erst durch grossen Umweg gelangen sollte.
Zufaellig sah es Jarno, als wir bei dem Koehler uebernachteten, der es
alsobald erkannte und auf meine Erklaerung erwiderte: "Ich habe nichts
dagegen, dass man sich einen solchen Fetisch aufstellt, zur Erinnerung
an manches unerwartete Gute, an bedeutende Folgen eines
gleichgueltigen Umstandes; es hebt uns empor als etwas, das auf ein
Unbegreifliches deutet, erquickt uns in Verlegenheiten und ermutigt
unsere Hoffnungen; aber schoener waere es, wenn du dich durch jene
Werkzeuge haettest anreizen lassen, auch ihren Gebrauch zu verstehen
und dasjenige zu leisten, was sie stumm von dir fordern."
"Lass mich bekennen", versetzte ich darauf, "dass mir dies hundertmal
eingefallen ist; es regte sich in mir eine innere Stimme, die mich
meinen eigentlichen Beruf hieran erkennen liess." Ich erzaehlte ihm
hierauf die Geschichte der ertrunkenen Knaben, und wie ich damals
gehoert, ihnen waere zu helfen gewesen, wenn man ihnen zur Ader gelassen
haette; ich nahm mir vor, es zu lernen, doch jede Stunde loeschte den
Vorsatz aus.
"So ergreif ihn jetzt", versetzte jener, "ich sehe dich schon so
lange mit Angelegenheiten beschaeftigt, die des Menschen Geist, Gemuet,
Herz, und wie man das alles nennt, betreffen und sich darauf beziehen;
allein was hast du dabei fuer dich und andere gewonnen? Seelenleiden,
in die wir durch Unglueck oder eigne Fehler geraten, sie zu heilen
vermag der Verstand nichts, die Vernunft wenig, die Zeit viel,
entschlossene Taetigkeit hingegen alles. Hier wirke jeder mit und auf
sich selbst, das hast du an dir, hast es an andern erfahren."
Mit heftigen und bittern Worten, wie er gewohnt ist, setzte er mir
zu und sagte manches Harte, das ich nicht wiederholen mag. Es sei
nichts mehr der Muehe wert, schloss er endlich, zu lernen und zu
leisten, als dem Gesunden zu helfen, wenn er durch irgendeinen Zufall
verletzt sei: durch einsichtige Behandlung stelle sich die Natur
leicht wieder her; die Kranken muesse man den aerzten ueberlassen,
niemand aber beduerfe eines Wundarztes mehr als der Gesunde. In der
Stille des Landlebens, im engsten Kreis der Familie sei er ebenso
willkommen als in und nach dem Getuemmel der Schlacht; in den suessesten
Augenblicken wie in den bittersten und graesslichsten; ueberall walte
das boese Geschick grimmiger als der Tod, und ebenso ruecksichtslos, ja
noch auf eine schmaehlichere, Lust und Leben verletzende Weise.
Du kennst ihn und denkst ohne Anstrengung, dass er mich so wenig als
die Welt schonte. Am staerksten aber lehnte er sich auf das Argument,
das er im Namen der grossen Gesellschaft gegen mich wendete.
"Narrenpossen", sagte er, "sind eure allgemeine Bildung und alle
Anstalten dazu. Dass ein Mensch etwas ganz entschieden verstehe,
vorzueglich leiste, wie nicht leicht ein anderer in der naechsten
Umgebung, darauf kommt es an, und besonders in unserm Verbande
spricht es sich von selbst aus. Du bist gerade in einem Alter, wo man
sich mit Verstande etwas vorsetzt, mit Einsicht das Vorliegende
beurteilt, es von der rechten Seite angreift, seine Faehigkeiten und
Fertigkeiten auf den rechten Zweck hinlenkt."
Was soll ich nun weiter fortfahren auszusprechen, was sich von
selbst versteht! Er machte mir deutlich, dass ich Dispensation von
dem so wunderlich gebotenen unstaeten Leben erhalten koenne; es werde
jedoch schwer sein, es fuer mich zu erlangen. "Du bist von der
Menschenart", sprach er, "die sich leicht an einen Ort, nicht leicht
an eine Bestimmung gewoehnen. Allen solchen wird die unstaete
Lebensart vorgeschrieben, damit sie vielleicht zu einer sichern
Lebensweise gelangen. Willst du dich ernstlich dem goettlichsten aller
Geschaefte widmen, ohne Wunder zu heilen und ohne Worte Wunder zu tun,
so verwende ich mich fuer dich." So sprach er hastig und fuegte hinzu,
was seine Beredsamkeit noch alles fuer gewaltige Gruende vorzubringen
wusste.
Hier nun bin ich geneigt zu enden, zunaechst aber sollst du
umstaendlich erfahren, wie ich die Erlaubnis, an bestimmten Orten mich
laenger aufhalten zu duerfen, benutzt habe, wie ich in das Geschaeft,
wozu ich immer eine stille Neigung empfunden, mich gar bald zu fuegen,
mich darin auszubilden wusste. Genug! bei dem grossen Unternehmen, dem
ihr entgegengeht, werd' ich als ein nuetzliches, als ein noetiges Glied
der Gesellschaft erscheinen und euren Wegen, mit einer gewissen
Sicherheit, mich anschliessen; mit einigem Stolze, denn es ist ein
loeblicher Stolz, euer wert zu sein.
II. Buch, Betrachtungen im Sinne der Wanderer--1
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