Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2
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Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2
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Betrachtungen im Sinne der Wanderer
Kunst, Ethisches, Natur
Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es
noch einmal zu denken.
Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals,
wohl aber durch Handeln. Versuche deine Pflicht zu tun, und du weisst
gleich, was an dir ist.
Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.
Die vernuenftige Weit ist als ein grosses unsterbliches Individuum zu
betrachten, das unaufhaltsam das Notwendige bewirkt und dadurch sich
sogar ueber das Zufaellige zum Herrn macht.
Mir wird, je laenger ich lebe, immer verdriesslicher, wenn ich den
Menschen sehe, der eigentlich auf seiner hoechsten Stelle da ist, um
der Natur zu gebieten, um sich und die Seinigen von der gewalttaetigen
Notwendigkeit zu befreien; wenn ich sehe, wie er aus irgendeinem
vorgefassten falschen Begriff gerade das Gegenteil tut von dem, was er
will, und sich alsdann, weil die Anlage im Ganzen verdorben ist, im
Einzelnen kuemmerlich herumpfuschet.
Tuechtiger, taetiger Mann, verdiene dir und erwarte:
von den Grossen--Gnade,
von den Maechtigen--Gunst,
von Taetigen und Guten--Foerderung,
von der Menge--Neigung,
von dem Einzelnen--Liebe.
Die Dilettanten, wenn sie das Moeglichste getan haben, pflegen zu
ihrer Entschuldigung zu sagen, die Arbeit sei noch nicht fertig.
Freilich kann sie nie fertig werden, weil sie nie recht angefangen
ward. Der Meister stellt sein Werk mit wenigen Strichen als fertig
dar, ausgefuehrt oder nicht, schon ist es vollendet. Der
geschickteste Dilettant tastet im Ungewissen, und wie die Ausfuehrung
waechst, kommt die Unsicherheit der ersten Anlage immer mehr zum
Vorschein. Ganz zuletzt entdeckt sich erst das Verfehlte, das nicht
auszugleichen ist, und so kann das Werk freilich nicht fertig werden.
In der wahren Kunst gibt es keine Vorschule, wohl aber
Vorbereitungen; die beste jedoch ist die Teilnahme des geringsten
Schuelers am Geschaeft des Meisters. Aus Farbenreibern sind treffliche
Maler hervorgegangen.
Ein anderes ist die Nachaeffung, zu welcher die natuerliche allgemeine
Taetigkeit des Menschen durch einen bedeutenden Kuenstler, der das
Schwere mit Leichtigkeit vollbringt, zufaellig angeregt wird.
Von der Notwendigkeit: dass der bildende Kuenstler Studien nach der
Natur mache, und von dem Werte derselben ueberhaupt sind wir genugsam
ueberzeugt; allein wir leugnen nicht, dass es uns oefters betruebt, wenn
wir den Missbrauch eines so loeblichen Strebens gewahr werden.
Nach unserer ueberzeugung sollte der junge Kuenstler wenig oder gar
keine Studien nach der Natur beginnen, wobei er nicht zugleich daechte,
wie er jedes Blatt zu einem Ganzen abrunden, wie er diese
Einzelnheit, in ein angenehmes Bild verwandelt, in einen Rahmen
eingeschlossen, dem Liebhaber und Kenner gefaellig anbieten moege.
Es steht manches Schoene isoliert in der Welt, doch der Geist ist es,
der Verknuepfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke hervorzubringen
hat.--Die Blume gewinnt erst ihren Reiz durch das Insekt, das ihr
anhaengt, durch den Tautropfen, der sie befeuchtet, durch das Gefaess,
woraus sie allenfalls ihre letzte Nahrung zieht. Kein Busch, kein
Baum, dem man nicht durch die Nachbarschaft eines Felsens, einer
Quelle Bedeutung geben, durch eine maessige einfache Ferne groessern Reiz
verleihen koennte. So ist es mit menschlichen Figuren und so mit
Tieren aller Art beschaffen.
Der Vorteil, den sich der junge Kuenstler hiedurch verschafft, ist
gar mannigfaltig. Er lernt denken, das Passende gehoerig
zusammenbinden, und wenn er auf diese Weise geistreich komponiert,
wird es ihm zuletzt auch an dem, was man Erfindung nennt, an dem
Entwickeln des Mannigfaltigen aus dem Einzelnen, keineswegs fehlen
koennen.
Tut er nun hierin der eigentlichen Kunstpaedagogik wahrhaft Genuege,
so hat er noch nebenher den grossen nicht zu verachtenden Gewinn, dass
er lernt, verkaeufliche dem Liebhaber anmutige und liebliche Blaetter
hervorzubringen.
Eine solche Arbeit braucht nicht im hoechsten Grade ausgefuehrt und
vollendet zu sein; wenn sie gut gesehen, gedacht und fertig ist, so
ist sie fuer den Liebhaber oft reizender als ein groesseres ausgefuehrtes
Werk.
Beschaue doch jeder junge Kuenstler seine Studien im Buechelchen und
im Portefeuille und ueberlege, wie viele Blaetter er davon auf jene
Weise geniessbar und wuenschenswert haette machen koennen.
Es ist nicht die Rede vom Hoeheren, wovon man wohl auch sprechen
koennte, sondern es soll nur als Warnung gesagt sein, die von einem
Abwege zurueckruft und aufs Hoehere hindeutet.
Versuche es doch der Kuenstler nur ein halb Jahr praktisch und setze
weder Kohle noch Pinsel an ohne Intention, einen vorliegenden
Naturgegenstand als Bild abzuschliessen. Hat er angebornes Talent, so
wird sich's bald offenbaren, welche Absicht wir bei diesen Andeutungen
im Sinne hegten.
Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiss ich,
womit du dich beschaeftigst, so weiss ich, was aus dir werden kann.
Jeder Mensch muss nach seiner Weise denken, denn er findet auf seinem
Wege immer ein Wahres, oder eine Art von Wahrem die ihm durchs Leben
hilft; nur darf er sich nicht gehen lassen; er muss sich kontrollieren;
der blosse nackte Instinkt geziemt nicht dem Menschen.
Unbedingte Taetigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt
bankerott.
In den Werken des Menschen wie in denen der Natur sind eigentlich
die Absichten vorzueglich der Aufmerksamkeit wert.
Die Menschen werden an sich und andern irre, weil sie die Mittel als
Zweck behandeln, da denn vor lauter Taetigkeit gar nichts geschieht
oder vielleicht gar das Widerwaertige.
Was wir ausdenken, was wir vornehmen, sollte schon vollkommen so
rein und schoen sein, dass die Welt nur daran zu verderben haette; wir
blieben dadurch in dem Vorteil, das Verschobene zurechtzuruecken, das
Zerstoerte wiederherzustellen.
Ganze, Halb--und Viertelsirrtuemer sind gar schwer und muehsam
zurechtzulegen, zu sichten und das Wahre daran dahin zu stellen,
wohin es gehoert.
Es ist nicht immer noetig, dass das Wahre sich verkoerpere; schon genug,
wenn es geistig umherschwebt und uebereinstimmung bewirkt; wenn es
wie Glockenton ernstfreundlich durch die Luefte wogt.
Wenn ich juengere deutsche Maler, sogar solche, die sich eine
Zeitlang in Italien aufgehalten, befrage: warum sie doch, besonders
in ihren Landschaften, so widerwaertige grelle Toene dem Auge
darstellen und vor aller Harmonie zu fliehen scheinen? so geben sie
wohl ganz dreist und getrost zur Antwort: sie saehen die Natur genau
auf solche Weise.
Kant hat uns aufmerksam gemacht, dass es eine Kritik der Vernunft
gebe, dass dieses hoechste Vermoegen, was der Mensch besitzt, Ursache
habe, ueber sich selbst zu wachen. Wie grossen Vorteil uns diese Stimme
gebracht, moege jeder an sich selbst geprueft haben. Ich aber moechte
in eben dem Sinne die Aufgabe stellen, dass eine Kritik der Sinne
noetig sei, wenn die Kunst ueberhaupt, besonders die deutsche, irgend
wieder sich erholen und in einem erfreulichen Lebensschritt vorwaerts
gehen solle.
Der zur Vernunft geborene Mensch bedarf noch grosser Bildung, sie mag
sich ihm nun durch Sorgfalt der Eltern und Erzieher, durch
friedliches Beispiel oder durch strenge Erfahrung nach und nach
offenbaren. Ebenso wird zwar der angehende Kuenstler, aber nicht der
vollendete geboren; sein Auge komme frisch auf die Welt, er habe
gluecklichen Blick fuer Gestalt, Proportion, Bewegung; aber fuer hoehere
Komposition, fuer Haltung, Licht, Schatten, Farben kann ihm die
natuerliche Anlage fehlen, ohne dass er es gewahr wird.
Ist er nun nicht geneigt, von hoeher ausgebildeten Kuenstlern der
Vor--und Mitzeit das zu lernen, was ihm fehlt um eigentlicher
Kuenstler zu sein, so wird er im falschen Begriff von bewahrter
Originalitaet hinter sich selbst zurueckblicken; denn nicht allein das,
was mit uns geboren ist, sondern auch das, was wir erwerben koennen,
gehoert uns an, und wir sind es.
Allgemeine Begriffe und grosser Duenkel sind immer auf dem Wege,
entsetzliches Unglueck anzurichten.
"Blasen ist nicht floeten, ihr muesst die Finger bewegen."
Die Botaniker haben eine Pflanzenabteilung, die sie Incompletae
nennen; man kann eben auch sagen, dass es inkomplette, unvollstaendige
Menschen gibt. Es sind diejenigen, deren Sehnsucht und Streben mit
ihrem Tun und Leisten nicht proportioniert ist.
Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb der
Grenzen seiner Faehigkeiten und Fertigkeiten bewegt; aber selbst
schoene Vorzuege werden verdunkelt, aufgehoben und vernichtet, wenn
jenes unerlaesslich geforderte Ebenmass abgeht. Dieses Unheil wird sich
in der neuern Zeit noch oefter hervortun; denn wer wird wohl den
Forderungen einer durchaus gesteigerten Gegenwart, und zwar in
schnellster Bewegung genugtun koennen?
Nur klugtaetige Menschen, die ihre Kraefte kennen und sie mit Mass und
Gescheidigkeit benutzen, werden es im Weltwesen weit bringen,
Ein grosser Fehler: dass man sich mehr duenkt, als man ist, und sich
weniger schaetzt, als man wert ist.
Es begegnet mir von Zeit zu Zeit ein Juengling, an dem ich nichts
veraendert noch gebessert wuenschte; nur macht mir bange, dass ich
manchen vollkommen geeignet sehe, im Zeitstrom mit fortzuschwimmen,
und hier ist's, wo ich immerfort aufmerksam machen moechte: dass dem
Menschen in seinem zerbrechlichen Kahn eben deshalb das Ruder in die
Hand gegeben ist, damit er nicht der Willkuer der Wellen, sondern dem
Willen seiner Einsicht Folge leiste.
Wie soll nun aber ein junger Mann fuer sich selbst dahin gelangen,
dasjenige fuer tadelnswert und schaedlich anzusehen, was jedermann
treibt, billigt und foerdert? Warum soll er sich nicht und sein
Naturell auch dahin gehen lassen?
Fuer das groesste Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden laesst,
muss ich halten, dass man im naechsten Augenblick den vorhergehenden
verspeist, den Tag im Tage vertut und so immer aus der Hand in den
Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu bringen. Haben wir doch
schon Blaetter fuer saemtliche Tageszeiten! ein guter Kopf koennte wohl
noch eins und das andere interkalieren. Dadurch wird alles, was ein
jeder tut, treibt, dichtet, ja was er vorhat, ins oeffentliche
geschleppt. Niemand darf sich freuen oder leiden als zum
Zeitvertreib der uebrigen; und so springt's von Haus zu Haus, von Stadt
zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil,
alles veloziferisch.
So wenig nun die Dampfmaschinen zu daempfen sind, so wenig ist dies
auch im Sittlichen moeglich; die Lebhaftigkeit des Handels, das
Durchrauschen des Papiergelds, das Anschwellen der Schulden, um
Schulden zu bezahlen, das alles sind die ungeheuern Elemente, auf die
gegenwaertig ein junger Mann gesetzt ist. Wohl ihm, wenn er von der
Natur mit maessigem, ruhigem Sinn begabt ist, um weder
unverhaeltnismaessige Forderungen an die Welt zu machen noch auch von
ihr sich bestimmen zu lassen.
Aber in einem jeden Kreise bedroht ihn der Tagesgeist; und nichts
ist noetiger, als frueh genug ihm die Richtung bemerklich zu machen,
wohin sein Wille zu steuern hat.
Die Bedeutsamkeit der unschuldigsten Reden und Handlungen waechst mit
den Jahren; und wen ich laenger um mich sehe, den suche ich immerfort
aufmerksam zu machen, welch ein Unterschied stattfinde zwischen
Aufrichtigkeit, Vertrauen und Indiskretion, ja dass eigentlich kein
Unterschied sei, vielmehr nur ein leiser uebergang vom
Unverfaenglichsten zum Schaedlichsten, welcher bemerkt oder vielmehr
empfunden werden muesse.
Hierauf haben wir unsern Takt zu ueben, sonst laufen wir Gefahr, auf
dem Wege, worauf wir uns die Gunst der Menschen erwarben, sie ganz
unversehens wieder zu verscherzen. Das begreift man wohl im Laufe
des Lebens von selbst, aber erst nach bezahltem teurem Lehrgelde, das
man leider seinen Nachkommenden nicht ersparen kann.
Das Verhaeltnis der Kuenste und Wissenschaften zum Leben ist nach
Verhaeltnis der Stufen, worauf sie stehen, nach Beschaffenheit der
Zeiten und tausend andern Zufaelligkeiten sehr verschieden; deswegen
auch niemand darueber im ganzen leicht klug werden kann.
Poesie wirkt am meisten im Anfang der Zustaende, sie seien nun ganz
roh, halbkultiviert, oder bei Abaenderung einer Kultur, beim
Gewahrwerden einer fremden Kultur, dass man also sagen kann, die
Wirkung der Neuheit findet durchaus statt.
Musik im besten Sinne bedarf weniger der Neuheit, ja vielmehr je
aelter sie ist, je gewohnter man sie ist, desto mehr wirkt sie.
Die Wuerde der Kunst erscheint bei der Musik vielleicht am
eminentesten, weil sie keinen Stoff hat, der abgerechnet werden muesste.
Sie ist ganz Form und Gehalt und erhoeht und veredelt alles, was sie
ausdrueckt.
Die Musik ist heilig oder profan. Das Heilige ist ihrer Wuerde ganz
gemaess, und hier hat sie die groesste Wirkung aufs Leben, welche sich
durch alle Zeiten und Epochen gleich bleibt. Die profane sollte
durchaus heiter sein.
Eine Musik, die den heiligen und profanen Charakter vermischt, ist
gottlos, und eine halbschuerige, welche schwache, jammervolle,
erbaermliche Empfindungen auszudruecken Belieben findet, ist
abgeschmackt. Denn sie ist nicht ernst genug, um heilig zu sein, und
es fehlt ihr der Hauptcharakter des Entgegengesetzten: die Heiterkeit.
Die Heiligkeit der Kirchenmusiken, das Heitere und Neckische der
Volksmelodien sind die beiden Angeln, um die sich die wahre Musik
herumdreht. Auf diesen beiden Punkten beweist sie jederzeit eine
unausbleibliche Wirkung: Andacht oder Tanz. Die Vermischung macht
irre, die Verschwaechung wird fade, und will die Musik sich an
Lehrgedichte oder beschreibende und dergleichen wenden, so wird sie
kalt.
Plastik wirkt eigentlich nur auf ihrer hoechsten Stufe; alles
Mittlere kann wohl aus mehr denn einer Ursache imponieren, aber alle
mittleren Kunstwerke dieser Art machen mehr irre, als dass sie
erfreuen. Die Bildhauerkunst muss sich daher noch ein stoffartiges
Interesse suchen, und das findet sie in den Bildnissen bedeutender
Menschen. Aber auch hier muss sie schon einen hohen Grad erreichen,
wenn sie zugleich wahr und wuerdig sein will.
Die Malerei ist die laesslichste und bequemste von allen Kuensten. Die
laesslichste, weil man ihr um des Stoffes und des Gegenstandes willen,
auch da, wo sie nur Handwerk oder kaum eine Kunst ist, vieles zugute
haelt und sich an ihr erfreut; teils weil eine technische obgleich
geistlose Ausfuehrung den Ungebildeten wie den Gebildeten in
Verwunderung setzt, so dass sie sich also nur einigermassen zur Kunst
zu steigern braucht, um in einem hoeheren Grade willkommen zu sein.
Wahrheit in Farben, Oberflaechen, in Beziehungen der sichtbaren
Gegenstaende aufeinander ist schon angenehm; und da das Auge ohnehin
gewohnt ist, alles zu sehen, so ist ihm eine Missgestalt und also auch
ein Missbild nicht so zuwider als dem Ohr ein Misston. Man laesst die
schlechteste Abbildung gelten, weil man noch schlechtere Gegenstaende
zu sehen gewohnt ist. Der Maler darf also nur einigermassen Kuenstler
sein, so findet er schon ein groesseres Publikum als der Musiker, der
auf gleichem Grade stuende; wenigstens kann der geringere Maler immer
fuer sich operieren, anstatt dass der mindere Musiker sich mit anderen
soziieren muss, um durch gesellige Leistung einigen Effekt zu tun.
Die Frage: ob man bei Betrachtung von Kunstleistungen vergleichen
solle oder nicht, moechten wir folgendermassen beantworten: Der
ausgebildete Kenner soll vergleichen; denn ihm schwebt die Idee vor,
er hat den Begriff gefasst, was geleistet werden koenne und solle; der
Liebhaber, auf dem Wege zur Bildung begriffen, foerdert sich am besten,
wenn er nicht vergleicht, sondern jedes Verdienst einzeln betrachtet;
dadurch bildet sich Gefuehl und Sinn fuer das Allgemeinere nach und
nach aus. Das Vergleichen der Unkenner ist eigentlich nur eine
Bequemlichkeit, die sich gern des Urteils ueberheben moechte.
II. Buch, Betrachtungen im Sinne der Wanderer--2
Wahrheitsliebe zeigt sich darin, dass man ueberall das Gute zu finden
und zu schaetzen weiss.
Ein historisches Menschengefuehl heisst ein dergestalt gebildetes, dass
es bei Schaetzung gleichzeitiger Verdienste und Verdienstlichkeiten
auch die Vergangenheit mit in Anschlag bringt.
Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus,
den sie erregt.
Eigentuemlichkeit ruft Eigentuemlichkeit hervor.
Man muss bedenken, dass unter den Menschen gar viele sind, die doch
auch etwas Bedeutendes sagen wollen, ohne produktiv zu sein, und da
kommen die wunderlichsten Dinge an den Tag.
Tief und ernstlich denkende Menschen haben gegen das Publikum einen
boesen Stand.
Wenn ich die Meinung eines andern anhoeren soll, so muss sie positiv
ausgesprochen werden; Problematisches hab' ich in mir selbst genug.
Der Aberglaube gehoert zum Wesen des Menschen und fluechtet sich, wenn
man ihn ganz und gar zu verdraengen denkt, in die wunderlichsten Ecken
und Winkel, von wo er auf einmal, wenn er einigermassen sicher zu sein
glaubt, wieder hervortritt.
Wir wuerden gar vieles besser kennen, wenn wir es nicht zu genau
erkennen wollten. Wird uns doch ein Gegenstand unter einem Winkel
von fuenfundvierzig Graden erst fasslich.
Mikroskope und Fernroehre verwirren eigentlich den reinen
Menschensinn.
Ich schweige zu vielem still, denn ich mag die Menschen nicht
irremachen und bin wohl zufrieden, wenn sie sich freuen da wo ich
mich aergere.
Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft ueber uns
selbst zu geben, ist verderblich.
Das _Was_ des Kunstwerks interessiert die Menschen mehr als das
_Wie_; jenes koennen sie einzeln ergreifen, dieses im ganzen nicht
fassen. Daher kommt das Herausheben von Stellen, wobei zuletzt, wenn
man wohl aufmerkt, die Wirkung der Totalitaet auch nicht ausbleibt,
aber jedem unbewusst.
Die Frage: _woher hat's der Dichter?_ geht auch nur aufs _Was_, vom
_Wie_ erfaehrt dabei niemand etwas.
Einbildungskraft wird nur durch Kunst, besonders durch Poesie
geregelt. Es ist nichts fuerchterlicher als Einbildungskraft ohne
Geschmack.
Das Manierierte ist ein verfehltes Ideelle, ein subjektiviertes
Ideelle; daher fehlt ihm das Geistreiche nicht leicht.
Der Philolog ist angewiesen auf die Kongruenz des
Geschrieben-ueberlieferten. Ein Manuskript liegt zum Grunde, es
finden sich in demselben wirkliche Luecken, Schreibfehler, die eine
Luecke im Sinne machen, und was sonst alles an einem Manuskript zu
tadeln sein mag. Nun findet sich eine zweite Abschrift, eine dritte;
die Vergleichung derselben bewirkt immer mehr, das Verstaendige und
Vernuenftige der ueberlieferung gewahr zu werden. Ja er geht weiter
und verlangt von seinem innern Sinn, dass derselbe ohne aeussere
Huelfsmittel die Kongruenz des Abgehandelten immer mehr zu begreifen
und darzustellen wisse. Weil nun hiezu ein besondrer Takt, eine
besondre Vertiefung in seinen abgeschiedenen Autor noetig und ein
gewisser Grad von Erfindungskraft gefordert wird, so kann man dem
Philologen nicht verdenken, wenn er sich auch ein Urteil bei
Geschmackssachen zutraut, welches ihm jedoch nicht immer gelingen wird.
Der Dichter ist angewiesen auf Darstellung. Das Hoechste derselben
ist, wenn sie mit der Wirklichkeit wetteifert, d. h. wenn ihre
Schilderungen durch den Geist dergestalt lebendig sind, dass sie als
gegenwaertig fuer jedermann gelten koennen. Auf ihrem hoechsten Gipfel
scheint die Poesie ganz aeusserlich; je mehr sie sich ins Innere
zurueckzieht, ist sie auf dem Wege zu sinken. Diejenige, die nur das
Innere darstellt, ohne es durch ein aeusseres zu verkoerpern, oder ohne
das aeussere durch das Innere durchfuehlen zu lassen, sind beides die
letzten Stufen, von welchen aus sie ins gemeine Leben hineintritt.
Die Redekunst ist angewiesen auf alle Vorteile der Poesie, auf alle
ihre Rechte; sie bemaechtigt sich derselben und missbraucht sie, um
gewisse aeussere, sittliche oder unsittliche, augenblickliche Vorteile
im buergerlichen Leben zu erreichen.
Literatur ist das Fragment der Fragmente; das wenigste dessen, was
geschah und gesprochen worden, ward geschrieben, vom Geschriebenen
ist das wenigste uebriggeblieben.
In natuerlicher Wahrheit und Grossheit, obgleich wild und unbehaglich
ausgebildetes Talent ist Lord Byron, und deswegen kaum ein anderes
ihm vergleichbar.
Eigentlichster Wert der sogenannten Volkslieder ist der, dass ihre
Motive unmittelbar von der Natur genommen sind. Dieses Vorteils aber
koennte der gebildete Dichter sich auch bedienen, wenn er es verstuende.
Hiebei aber haben jene immer das voraus, dass natuerliche Menschen
sich besser auf den Lakonismus verstehen als eigentlich Gebildete.
Shakespear ist fuer aufkeimende Talente gefaehrlich zu lesen; er
noetigt sie, ihn zu reproduzieren, und sie bilden sich ein, sich
selbst zu produzieren.
ueber Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich selbst
Geschichte erlebt hat. So geht es ganzen Nationen. Die Deutschen
koennen erst ueber Literatur urteilen, seitdem sie selbst eine
Literatur haben.
Man ist nur eigentlich lebendig, wenn man sich des Wohlwollens
andrer freut.
Froemmigkeit ist kein Zweck, sondern ein Mittel, um durch die reinste
Gemuetsruhe zur hoechsten Kultur zu gelangen.
Deswegen laesst sich bemerken, dass diejenigen, welche Froemmigkeit als
Zweck und Ziel aufstecken, meistens Heuchler werden.
"Wenn man alt ist, muss man mehr tun, als da man jung war."
Erfuellte Pflicht empfindet sich immer noch als Schuld, weil man sich
nie ganz genug getan.
Die Maengel erkennt nur der Lieblose; deshalb, um sie einzusehen, muss
man auch lieblos werden, aber nicht mehr, als hiezu noetig ist.
Das hoechste Glueck ist das, welches unsere Maengel verbessert und
unsere Fehler ausgleicht.
Kannst du lesen, so sollst du verstehen; kannst du schreiben, so
musst du etwas wissen; kannst du glauben, so sollst du begreifen; wenn
du begehrst, wirst du sollen; wenn du forderst, wirst du nicht
erlangen; und wenn du erfahren bist, sollst du nutzen.
Man erkennt niemand an als den, der uns nutzt. Wir erkennen den
Fuersten an, weil wir unter seiner Firma den Besitz gesichert sehen.
Wir gewaertigen uns von ihm Schutz gegen aeussere und innere
widerwaertige Verhaeltnisse.
Der Bach ist dem Mueller befreundet, dem er nutzt, und er stuerzt gern
ueber die Raeder; was hilft es ihm, gleichgueltig durchs Tal
hinzuschleichen.
Wer sich mit reiner Erfahrung begnuegt und darnach handelt, der hat
Wahres genug. Das heranwachsende Kind ist weise in diesem Sinne.
Die Theorie an und fuer sich ist nichts nuetze, als insofern sie uns
an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht.
Alles Abstrakte wird durch Anwendung dem Menschenverstand genaehert,
und so gelangt der Menschenverstand durch Handeln und Beobachten zur
Abstraktion.
Wer zuviel verlangt, wer sich am Verwickelten erfreut, der ist den
Verwirrungen ausgesetzt.
Nach Analogien denken ist nicht zu schelten; die Analogie hat den
Vorteil, dass sie nicht abschliesst und eigentlich nichts Letztes will;
dagegen die Induktion verderblich ist, die einen vorgesetzten Zweck
im Auge traegt und, auf denselben losarbeitend, Falsches und Wahres
mit sich fortreisst.
Gewoehnliches Anschauen, richtige Ansicht der irdischen Dinge ist ein
Erbteil des allgemeinen Menschenverstandes.--Reines Anschauen des
aeussern und Innern ist sehr selten.
Es aeussert sich jenes im praktischen Sinn, im unmittelbaren Handeln;
dieses symbolisch, vorzueglich durch Mathematik, in Zahlen und Formeln,
durch Rede, uranfaenglich, tropisch, als Poesie des Genies, als
Sprichwoertlichkeit des Menschenverstandes.
Das Abwesende wirkt auf uns durch ueberlieferung. Die gewoehnliche
ist historisch zu nennen; eine hoehere, der Einbildungskraft verwandte
ist mythisch. Sucht man hinter dieser noch etwas Drittes, irgendeine
Bedeutung, so verwandelt sie sich in Mystik. Auch wird sie leicht
sentimental, so dass wir uns nur, was gemuetlich ist, aneignen.
Die Wirksamkeiten, auf die wir achten muessen, wenn wir wahrhaft
gefoerdert sein wollen, sind:
vorbereitende,
begleitende,
mitwirkende,
nachhelfende,
foerdernde,
verstaerkende,
hindernde,
nachwirkende.
Im Betrachten wie im Handeln ist das Zugaengliche von dem
Unzugaenglichen zu unterscheiden; ohne dies laesst sich im Leben wie im
Wissen wenig leisten
"Le sens commun est le Génie de l'humanité."
Der Gemeinverstand, der als Genie der Menschheit gelten soll, muss
vorerst in seinen aeusserungen betrachtet werden. Forschen wir, wozu
ihn die Menschheit benutzt, so finden wir folgendes: Die Menschheit
ist bedingt durch Beduerfnisse. Sind diese nicht befriedigt, so
erweist sie sich ungeduldig; sind sie befriedigt, so erscheint sie
gleichgueltig. Der eigentliche Mensch bewegt sich also zwischen
beiden Zustaenden; und seinen Verstand, den sogenannten
Menschenverstand, wird er anwenden, seine Beduerfnisse zu befriedigen;
ist es geschehen, so hat er die Aufgabe, die Raeume der
Gleichgueltigkeit auszufuellen. Beschraenkt sich dieses in die naechsten
und notwendigsten Grenzen, so gelingt es ihm auch. Erheben sich aber
die Beduerfnisse, treten sie aus dem Kreise des Gemeinen heraus, so ist
der Gemeinverstand nicht mehr hinreichend, er ist kein Genius mehr,
die Region des Irrtums ist der Menschheit aufgetan.
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