Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2
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Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2
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Es geschieht nichts Unvernuenftiges, das nicht Verstand oder Zufall
wieder in die Richte braechten; nichts Vernuenftiges, das Unverstand
und Zufall nicht missleiten koennten.
Jede grosse Idee, sobald sie in die Erscheinung tritt, wirkt
tyrannisch; daher die Vorteile, die sie hervorbringt, sich nur
allzubald in Nachteile verwandeln. Man kann deshalb eine jede
Institution verteidigen und ruehmen, wenn man an ihre Anfaenge erinnert
und darzutun weiss, dass alles, was von ihr im Anfange gegolten, auch
jetzt noch gelte.
Lessing, der mancherlei Beschraenkung unwillig fuehlte, laesst eine
seiner Personen sagen: Niemand muss muessen. Ein geistreicher
frohgesinnter Mann sagte: Wer will, der muss. Ein dritter, freilich
ein Gebildeter, fuegte hinzu: Wer einsieht, der will auch. Und so
glaubte man den ganzen Kreis des Erkennens, Wollens und Muessens
abgeschlossen zu haben. Aber im Durchschnitt bestimmt die Erkenntnis
des Menschen, von welcher Art sie auch sei, sein Tun und Lassen;
deswegen auch nichts schrecklicher ist, als die Unwissenheit handeln
zu sehen.
Es gibt zwei friedliche Gewalten: das Recht und die Schicklichkeit.
Das Recht dringt auf Schuldigkeit, die Polizei aufs Geziemende. Das
Recht ist abwaegend und entscheidend, die Polizei ueberschauend und
gebietend. Das Recht bezieht sich auf den Einzelnen, die Polizei auf
die Gesamtheit.
Die Geschichte der Wissenschaften ist eine grosse Fuge, in der die
Stimmen der Voelker nach und nach zum Vorschein kommen.
Man kann in den Naturwissenschaften ueber manche Probleme nicht
gehoerig sprechen, wenn man die Metaphysik nicht zu Huelfe ruft; aber
nicht jene Schul--und Wortweisheit; es ist dasjenige, was vor, mit
und nach der Physik war, ist und sein wird.
Autoritaet, dass naemlich etwas schon einmal geschehen, gesagt oder
entschieden worden sei, hat grossen Wert; aber nur der Pedant fordert
ueberall Autoritaet.
Altes Fundament ehrt man, darf aber das Recht nicht aufgeben,
irgendwo wieder einmal von vorn zu gruenden.
Beharre, wo du stehst!--Maxime, notwendiger als je, indem einerseits
die Menschen in grosse Parteien gerissen werden; sodann aber auch
jeder Einzelne nach individueller Einsicht und Vermoegen sich geltend
machen will.
Man tut immer besser, dass man sich grad ausspricht, wie man denkt,
ohne viel beweisen zu wollen: denn alle Beweise, die wir vorbringen,
sind doch nur Variationen unserer Meinungen, und die Widriggesinnten
hoeren weder auf das eine noch auf das andere.
Da ich mit der Naturwissenschaft, wie sie sich von Tag zu Tage
vorwaerts bewegt, immer mehr bekannt und verwandt werde, so dringt
sich mir gar manche Betrachtung auf: ueber die Vor--und Rueckschritte,
die zu gleicher Zeit geschehen. Eines nur sei hier ausgesprochen:
_dass wir sogar anerkannte Irrtuemer aus der Wissenschaft nicht
loswerden_. Die Ursache hievon ist ein offenbares Geheimnis.
Einen Irrtum nenn' ich, wenn irgendein Ereignis falsch ausgelegt,
falsch angeknuepft, falsch abgeleitet wird. Nun ereignet sich aber im
Gange des Erfahrens und Denkens, dass eine Erscheinung folgerecht
angeknuepft, richtig abgeleitet wird. Das laesst man sich wohl gefallen,
legt aber keinen besondern Wert darauf und laesst den Irrtum ganz ruhig
daneben liegen; und ich kenne ein kleines Magazin von Irrtuemern, die
man sorgfaeltig aufbewahrt.
Da nun den Menschen eigentlich nichts interessiert als seine Meinung,
so sieht jedermann, der eine Meinung vortraegt, sich rechts und links
nach Huelfsmitteln um, damit er sich und andere bestaerken moege. Des
Wahren bedient man sich solange es brauchbar ist; aber
leidenschaftlich-rhetorisch ergreift man das Falsche, sobald man es
fuer den Augenblick nutzen, damit als einem Halbargumente blenden, als
mit einem Lueckenbuesser das Zerstueckelte scheinbar vereinigen kann.
Dieses zu erfahren, war mir erst ein aergernis, dann betruebte ich mich
darueber, und nun macht es mir Schadenfreude. Ich habe mir das Wort
gegeben, ein solches Verfahren niemals wieder aufzudecken.
Jedes Existierende ist ein Analogon alles Existierenden; daher
erscheint uns das Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und
verknuepft. Folgt man der Analogie zu sehr, so faellt alles identisch
zusammen; meidet man sie, so zerstreut sich alles ins Unendliche. In
beiden Faellen stagniert die Betrachtung, einmal als ueberlebendig, das
andere Mal als getoetet.
Die Vernunft ist auf das Werdende, der Verstand auf das Gewordene
angewiesen; jene bekuemmert sich nicht: wozu? dieser fragt nicht:
woher?--Sie erfreut sich am Entwickeln; er wuenscht alles festzuhalten,
damit er es nutzen koenne.
II. Buch, Betrachtungen im Sinne der Wanderer--3
Es ist eine Eigenheit dem Menschen angeboren und mit seiner Natur
innigst verwebt; dass ihm zur Erkenntnis das Naechste nicht genuegt; da
doch jede Erscheinung, die wir selbst gewahr werden, im Augenblick
das Naechste ist und wir von ihr fordern koennen, dass sie sich selbst
erklaere, wenn wir kraeftig in sie dringen.
Das werden aber die Menschen nicht lernen, weil es gegen ihre Natur
ist; daher die Gebildeten es selbst nicht lassen koennen, wenn sie an
Ort und Stelle irgendein Wahres erkannt haben, es nicht nur mit dem
Naechsten, sondern auch mit dem Weitesten und Fernsten zusammenzuhaengen,
woraus denn Irrtum ueber Irrtum entspringt. Das nahe Phaenomen haengt
aber mit dem fernen nur in dem Sinne zusammen, dass sich alles auf
wenige grosse Gesetze bezieht, die sich ueberall manifestieren.
Was ist das Allgemeine?
Der einzelne Fall.
Was ist das Besondere?
Millionen Faelle.
Die Analogie hat zwei Verirrungen zu fuerchten: einmal sich dem Witz
hinzugeben, wo sie in nichts zerfliesst; die andere, sich mit Tropen
und Gleichnissen zu umhuellen, welches jedoch weniger schaedlich ist.
Weder Mythologie noch Legenden sind in der Wissenschaft zu dulden.
Lasse man diese den Poeten, die berufen sind, sie zu Nutz und Freude
der Welt zu behandeln. Der wissenschaftliche Mann beschraenke sich
auf die naechste, klarste Gegenwart. Wollte derselbe jedoch
gelegentlich als Rhetor auftreten, so sei ihm jenes auch nicht
verwehrt.
Um mich zu retten, betrachte ich alle Erscheinungen als unabhaengig
voneinander und suche sie gewaltsam zu isolieren; dann betrachte ich
sie als Korrelate, und sie verbinden sich zu einem entschiedenen
Leben. Dies bezieh' ich vorzueglich auf Natur; aber auch in bezug auf
die neueste um uns her bewegte Weltgeschichte ist diese
Betrachtungsweise fruchtbar.
Alles, was wir Erfinden, Entdecken im hoeheren Sinne nennen, ist die
bedeutende Ausuebung, Betaetigung eines originalen Wahrheitsgefuehles,
das, im stillen laengst ausgebildet, unversehens mit Blitzesschnelle
zu einer fruchtbaren Erkenntnis fuehrt. Es ist eine aus dem Innern am
aeussern sich entwickelnde Offenbarung, die den Menschen seine
Gottaehnlichkeit vorahnen laesst. Es ist eine Synthese von Welt und
Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die seligste
Versicherung gibt.
Der Mensch muss bei dem Glauben verharren, dass das Unbegreifliche
begreiflich sei; er wuerde sonst nicht forschen.
Begreiflich ist jedes Besondere, das sich auf irgendeine Weise
anwenden laesst. Auf diese Weise kann das Unbegreifliche nuetzlich
werden.
Es gibt eine zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst
identisch macht und dadurch zur eigentlichen Theorie wird. Diese
Steigerung des geistigen Vermoegens aber gehoert einer hochgebildeten
Zeit an.
Am widerwaertigsten sind die kricklichen Beobachter und grilligen
Theoristen; ihre Versuche sind kleinlich und kompliziert, ihre
Hypothesen abstrus und wunderlich.
Es gibt Pedanten, die zugleich Schelme sind, und das sind die
allerschlimmsten.
Um zu begreifen, dass der Himmel ueberall blau ist, braucht man nicht
um die Welt zu reisen.
Das Allgemeine und Besondere fallen zusammen; das Besondere ist das
Allgemeine, unter verschiedenen Bedingungen erscheinend.
Man braucht nicht alles selbst gesehen noch erlebt zu haben; willst
du aber dem andern und seinen Darstellungen vertrauen, so denke, dass
du es nun mit dreien zu tun hast: mit dem Gegenstand und zwei
Subjekten.
Grundeigenschaft der lebendigen Einheit: sich zu trennen, sich zu
vereinen, sich ins Allgemeine zu ergehen, im Besondern zu verharren,
sich zu verwandeln, sich zu spezifizieren und, wie das Lebendige
unter tausend Bedingungen sich dartun mag, hervorzutreten und zu
verschwinden, zu solideszieren und zu schmelzen, zu erstarren und zu
fliessen, sich auszudehnen und sich zusammenzuziehen. Weil nun alle
diese Wirkungen im gleichen Zeitmoment zugleich vorgehen, so kann
alles und jedes zu gleicher Zeit eintreten. Entstehen und Vergehen,
Schaffen und Vernichten, Geburt und Tod, Freud und Leid, alles wirkt
durcheinander, in gleichem Sinn und gleicher Masse, deswegen denn auch
das Besonderste, das sich ereignet, immer als Bild und Gleichnis des
Allgemeinsten auftritt.
Ist das ganze Dasein ein ewiges Trennen und Verbinden, so folgt auch,
dass die Menschen im Betrachten des ungeheuren Zustandes auch bald
trennen, bald verbinden werden.
Als getrennt muss sich darstellen: Physik von Mathematik. Jene muss
in einer entschiedenen Unabhaengigkeit bestehen und mit allen
liebenden, verehrenden, frommen Kraeften in die Natur und das heilige
Leben derselben einzudringen suchen, ganz unbekuemmert, was die
Mathematik von ihrer Seite leistet und tut. Diese muss sich dagegen
unabhaengig von allem aeussern erklaeren, ihren eigenen grossen Geistesgang
gehen und sich selber reiner ausbilden, als es geschehen kann, wenn
sie wie bisher sich mit dem Vorhandenen abgibt und diesem etwas
abzugewinnen oder anzupassen trachtet.
In der Naturforschung bedarf es eines kategorischen Imperativs so
gut als im Sittlichen; nur bedenke man, dass man dadurch nicht am Ende,
sondern erst am Anfang ist.
Das Hoechste waere, zu begreifen, dass alles Faktische schon Theorie
ist. Die Blaeue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der
Chromatik. Man suche nur nichts hinter den Phaenomenen; sie selbst
sind die Lehre.
In den Wissenschaften ist viel Gewisses, sobald man sich von den
Ausnahmen nicht irremachen laesst und die Probleme zu ehren weiss.
Wenn ich mich beim Urphaenomen zuletzt beruhige, so ist es doch auch
nur Resignation; aber es bleibt ein grosser Unterschied, ob ich mich
an den Grenzen der Menschheit resigniere oder innerhalb einer
hypothetischen Beschraenktheit meines bornierten Individuums.
Wenn man die Probleme des Aristoteles ansieht, so erstaunt man ueber
die Gabe des Bemerkens und fuer was alles die Griechen Augen gehabt
haben. Nur begehen sie den Fehler der uebereilung, da sie von dem
Phaenomen unmittelbar zur Erklaerung schreiten, wodurch denn ganz
unzulaengliche theoretische Aussprueche zum Vorschein kommen. Dieses
ist jedoch der allgemeine Fehler, der noch heutzutage begangen wird.
Hypothesen sind Wiegenlieder, womit der Lehrer seine Schueler
einlullt; der denkende treue Beobachter lernt immer mehr seine
Beschraenkung kennen, er sieht: je weiter sich das Wissen ausbreitet,
desto mehr Probleme kommen zum Vorschein.
Unser Fehler besteht darin, dass wir am Gewissen zweifeln und das
Ungewisse fixieren moechten. Meine Maxime bei der Naturforschung ist:
das Gewisse festzuhalten und dem Ungewissen aufzupassen.
Laessliche Hypothese nenn' ich eine solche, die man gleichsam
schalkhaft aufstellt, um sich von der ernsthaften Natur widerlegen zu
lassen.
Wie wollte einer als Meister in seinem Fach erscheinen, wenn er
nichts Unnuetzes lehrte.
Das Naerrischste ist, dass jeder glaubt ueberliefern zu muessen, was man
gewusst zu haben glaubt.
Weil zum didaktischen Vortrag Gewissheit verlangt wird, indem der
Schueler nichts Unsicheres ueberliefert haben will, so darf der Lehrer
kein Problem stehenlassen und sich etwa in einiger Entfernung da
herumbewegen. Gleich muss etwas bestimmt sein ("bepaalt" sagt der
Hollaender), und nun glaubt man eine Weile den unbekannten Raum zu
besitzen, bis ein anderer die Pfaehle wieder ausreisst und sogleich
enger oder weiter abermals wieder bepfaehlt.
Lebhafte Frage nach der Ursache, Verwechselung von Ursache und
Wirkung, Beruhigung in einer falschen Theorie sind von grosser nicht
zu entwickelnder Schaedlichkeit.
Wenn mancher sich nicht verpflichtet fuehlte, das Unwahre zu
wiederholen, weil er's einmal gesagt hat, so waeren es ganz andre
Leute geworden.
Das Falsche hat den Vorteil, dass man immer darueber schwaetzen kann,
das Wahre muss gleich genutzt werden, sonst ist es nicht da.
Wer nicht einsieht, wie das Wahre praktisch erleichtert, mag gern
daran maekeln und haekeln, damit er nur sein irriges muehseliges Treiben
einigermassen beschoenigen koenne.
Die Deutschen, und sie nicht allein, besitzen die Gabe, die
Wissenschaften unzugaenglich zu machen.
Der Englaender ist Meister, das Entdeckte gleich zu nutzen, bis es
wieder zu neuer Entdeckung und frischer Tat fuehrt. Man frage nun,
warum sie uns ueberall voraus sind.
Der denkende Mensch hat die wunderliche Eigenschaft, dass er an die
Stelle, wo das unaufgeloeste Problem liegt, gerne ein Phantasiebild
hinfabelt, das er nicht loswerden kann, wenn das Problem auch
aufgeloest und die Wahrheit am Tage ist.
Es gehoert eine eigene Geisteswendung dazu, um das gestaltlose
Wirkliche in seiner eigensten Art zu fassen und es von Hirngespinsten
zu unterscheiden, die sich denn doch auch mit einer gewissen
Wirklichkeit lebhaft aufdringen.
Bei Betrachtung der Natur im grossen wie im kleinen hab' ich
unausgesetzt die Frage gestellt: Ist es der Gegenstand oder bist du
es, der sich hier ausspricht? Und in diesem Sinne betrachtete ich
auch Vorgaenger und Mitarbeiter.
Ein jeder Mensch sieht die fertige und geregelte, gebildete,
vollkommene Welt doch nur als ein Element an, woraus er sich eine
besondere ihm angemessene Welt zu erschaffen bemueht ist. Tuechtige
Menschen ergreifen sie ohne Bedenken und suchen damit, wie es gehen
will, zu gebaren; andere zaudern an ihr herum; einige zweifeln sogar
an ihrem Dasein.
Wer sich von dieser Grundwahrheit recht durchdrungen fuehlte, wuerde
mit niemandem streiten, sondern nur die Vorstellungsart eines andern
wie seine eigene als ein Phaenomen betrachten. Denn wir erfahren fast
taeglich, dass der eine mit Bequemlichkeit denken mag, was dem andern
zu denken unmoeglich ist, und zwar nicht etwa in Dingen, die auf Wohl
und Wehe nur irgendeinen Einfluss haetten, sondern in Dingen, die fuer
uns voellig gleichgueltig sind.
Man weiss eigentlich das, was man weiss, nur fuer sich selbst. Spreche
ich mit einem andern von dem, was ich zu wissen glaube, unmittelbar
glaubt er's besser zu wissen, und ich muss mit meinem Wissen immer
wieder in mich selbst zurueckkehren.
Das Wahre foerdert; aus dem Irrtum entwickelt sich nichts, er
verwickelt uns nur.
Der Mensch findet sich mitten unter Wirkungen und kann sich nicht
enthalten, nach den Ursachen zu fragen; als ein bequemes Wesen greift
er nach der naechsten als der besten und beruhigt sich dabei;
besonders ist dies die Art des allgemeinen Menschenverstandes.
Sieht man ein uebel, so wirkt man unmittelbar darauf, d. h. man
kuriert unmittelbar aufs Symptom los.
Die Vernunft hat nur ueber das Lebendige Herrschaft; die entstandene
Welt, mit der sich die Geognosie abgibt, ist tot. Daher kann es
keine Geologie geben, denn die Vernunft hat hier nichts zu tun.
Wenn ich ein zerstreutes Gerippe finde, so kann ich es zusammenlesen
und aufstellen; denn hier spricht die ewige Vernunft durch ein
Analogon zu mir, und wenn es das Riesenfaultier waere.
Was nicht mehr entsteht, koennen wir uns als entstehend nicht denken;
das Entstandene begreifen wir nicht.
Der allgemeine neuere Vulkanismus ist eigentlich ein kuehner Versuch,
die gegenwaertige unbegreifliche Welt an eine vergangene unbekannte zu
knuepfen.
Gleiche oder wenigstens aehnliche Wirkungen werden auf verschiedene
Weise durch Naturkraefte hervorgebracht.
Nichts ist widerwaertiger als die Majoritaet: denn sie besteht aus
wenigen kraeftigen Vorgaengern, aus Schelmen die sich akkommodieren,
aus Schwachen die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt,
ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will.
Die Mathematik ist, wie die Dialektik, ein Organ des inneren hoeheren
Sinnes, in der Ausuebung ist sie eine Kunst wie die Beredsamkeit. Fuer
beide hat nichts Wert als die Form; der Gehalt ist ihnen gleichgueltig.
Ob die Mathematik Pfennige oder Guineen berechne, die Rhetorik
Wahres oder Falsches verteidige, ist beiden vollkommen gleich.
Hier aber kommt es nun auf die Natur des Menschen an, der ein
solches Geschaeft betreibt, eine solche Kunst ausuebt. Ein
durchgreifender Advokat in einer gerechten Sache, ein durchdringender
Mathematiker vor dem Sternenhimmel erscheinen beide gleich gottaehnlich.
Was ist an der Mathematik exakt als die Exaktheit? Und diese, ist
sie nicht eine Folge des innern Wahrheitsgefuehls?
Die Mathematik vermag kein Vorurteil wegzuheben, sie kann den
Eigensinn nicht lindern, den Parteigeist nicht beschwichtigen, nichts
von allem Sittlichen vermag sie.
Der Mathematiker ist nur insofern vollkommen, als er ein
vollkommener Mensch ist, als er das Schoene des Wahren in sich
empfindet; dann erst wird er gruendlich, durchsichtig, umsichtig, rein,
klar, anmutig, ja elegant wirken. Das alles gehoert dazu, um La
Grange aehnlich zu werden.
Nicht die Sprache an und fuer sich ist richtig, tuechtig, zierlich,
sondern der Geist ist es der sich darin verkoerpert; und so kommt es
nicht auf einen jeden an, ob er seinen Rechnungen, Reden oder
Gedichten die wuenschenswerten Eigenschaften verleihen will; es ist die
Frage, ob ihm die Natur hiezu die geistigen und sittlichen
Eigenschaften verliehen hat. Die geistigen: das Vermoegen der An--und
Durchschauung, die sittlichen: dass er die boesen Daemonen ablehne, die
ihn hindern koennten, dem Wahren die Ehre zu geben.
Das Einfache durch das Zusammengesetzte, das Leichte durch das
Schwierige erklaeren zu wollen, ist ein Unheil, das in dem ganzen
Koerper der Wissenschaft verteilt ist, von den Einsichtigen wohl
anerkannt, aber nicht ueberall eingestanden.
Man sehe die Physik genau durch, und man wird finden, dass die
Phaenomene sowie die Versuche, worauf sie gebaut ist, verschiedenen
Wert haben.
Auf die Primaeren, die Urversuche kommt alles an, und das Kapitel,
das hierauf gebaut ist, steht sicher und fest; aber es gibt auch
sekundaere, tertiaere u.s.w. Gesteht man diesen das gleiche Recht zu,
so verwirren sie nur das, was von den ersten aufgeklaert war.
Ein grosses uebel in den Wissenschaften, ja ueberall entsteht daher,
dass Menschen, die kein Ideenvermoegen haben, zu theoretisieren sich
vermessen, weil sie nicht begreifen, dass noch so vieles Wissen hiezu
nicht berechtigt. Sie gehen im Anfange wohl mit einem loeblichen
Menschenverstand zu Werke, dieser aber hat seine Grenzen, und wenn er
sie ueberschreitet, kommt er in Gefahr, absurd zu werden. Des
Menschenverstandes angewiesenes Gebiet und Erbteil ist der Bezirk des
Tuns und Handelns. Taetig wird er sich selten verirren; das hoehere
Denken, Schliessen und Urteilen jedoch ist nicht seine Sache.
Die Erfahrung nutzt erst der Wissenschaft, sodann schadet sie, weil
die Erfahrung Gesetz und Ausnahme gewahr werden laesst. Der
Durchschnitt von beiden gibt keineswegs das Wahre.
Man sagt: zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen liege die
Wahrheit mitten inne. Keineswegs! Das Problem liegt dazwischen, das
Unschaubare, das ewig taetige Leben, in Ruhe gedacht.
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