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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2

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Die Folge der Hauptbilder sowohl als die Beziehung der kleinern, die
sie oben und unten begleiteten, gab dem Gast so viel zu denken, dass
er kaum auf die bedeutenden Bemerkungen hoerte, wodurch der Begleiter
mehr seine Aufmerksamkeit abzulenken als an die Gegenstaende zu
fesseln schien. Indessen sagte jener bei Gelegenheit: "Noch einen
Vorteil der israelitischen Religion muss ich hier erwaehnen: dass sie
ihren Gott in keine Gestalt verkoerpert und uns also die Freiheit laesst,
ihm eine wuerdige Menschengestalt zu geben, auch im Gegensatz die
schlechte Abgoetterei durch Tier--und Untiergestalten zu bezeichnen."

Unser Freund hatte sich nunmehr auf einer kurzen Wanderung durch
diese Hallen die Weltgeschichte wieder vergegenwaertigt; es war ihm
einiges neu in Absicht auf die Begebenheit. So waren ihm durch
Zusammenstellung der Bilder, durch die Reflexionen seines Begleiters
manche neue Ansichten entsprungen, und er freute sich, dass Felix
durch eine so wuerdige sinnliche Darstellung sich jene grossen,
bedeutenden, musterhaften Ereignisse fuer sein ganzes Leben als
wirklich, und als wenn sie neben ihm lebendig gewesen waeren, zueignen
sollte. Er betrachtete diese Bilder zuletzt nur aus den Augen des
Kindes, und in diesem Sinne war er vollkommen damit zufrieden; und so
waren die Wandelnden zu den traurigen, verworrenen Zeiten und endlich
zu dem Untergang der Stadt und des Tempels, zum Morde, zur Verbannung,
zur Sklaverei ganzer Massen dieser beharrlichen Nation gelangt.
Ihre nachherigen Schicksale waren auf eine kluge Weise allegorisch
vorgestellt, da eine historische, eine reale Darstellung derselben
ausser den Grenzen der edlen Kunst liegt.

Hier war die bisher durchwanderte Galerie auf einmal abgeschlossen,
und Wilhelm war verwundert, sich schon am Ende zu sehen. "Ich finde",
sagte er zu seinem Fuehrer, "in diesem Geschichtsgang eine Luecke.
Ihr habt den Tempel Jerusalems zerstoert und das Volk zerstreut, ohne
den goettlichen Mann aufzufuehren, der kurz vorher daselbst noch lehrte,
dem sie noch kurz vorher kein Gehoer geben wollten."

"Dies zu tun, wie Ihr es verlangt, waere ein Fehler gewesen. Das
Leben dieses goettlichen Mannes, den Ihr bezeichnet, steht mit der
Weltgeschichte seiner Zeit in keiner Verbindung. Es war ein
Privatleben, seine Lehre eine Lehre fuer die Einzelnen. Was
Voelkermassen und ihren Gliedern oeffentlich begegnet, gehoert der
Weltgeschichte, der Weltreligion, welche wir fuer die erste halten.
Was dem Einzelnen innerlich begegnet, gehoert zur zweiten Religion,
zur Religion der Weisen: eine solche war die, welche Christus lehrte
und uebte, solange er auf der Erde umherging. Deswegen ist hier das
aeussere abgeschlossen, und ich eroeffne Euch nun das Innere."

Eine Pforte tat sich auf, und sie traten in eine aehnliche Galerie,
wo Wilhelm sogleich die Bilder der zweiten heiligen Schriften
erkannte. Sie schienen von einer andern Hand zu sein als die ersten:
alles war sanfter, Gestalten, Bewegungen, Umgebung, Licht und Faerbung.

"Ihr seht", sagte der Begleiter, nachdem sie an einem Teil der
Bilder voruebergegangen waren, "hier weder Taten noch Begebenheiten,
sondern Wunder und Gleichnisse. Es ist eine neue Welt, ein neues
aeussere, anders als das vorige, und ein Inneres, das dort ganz fehlt.
Durch Wunder und Gleichnisse wird eine neue Welt aufgetan. Jene
machen das Gemeine ausserordentlich, diese das Ausserordentliche gemein.
"-- "Ihr werdet die Gefaelligkeit haben", versetzte Wilhelm, "mir
diese wenigen Worte umstaendlicher auszulegen: denn ich fuehle mich
nicht geschickt, es selbst zu tun."--"Sie haben einen natuerlichen
Sinn", versetzte jener, "obgleich einen tiefen. Beispiele werden ihn
am geschwindesten aufschliessen. Es ist nichts gemeiner und
gewoehnlicher als Essen und Trinken; ausserordentlich dagegen, einen
Trank zu veredeln, eine Speise zu vervielfaeltigen, dass sie fuer eine
Unzahl hinreiche. Es ist nichts gewoehnlicher als Krankheit und
koerperliche Gebrechen; aber diese durch geistige oder geistigen
aehnlichen Mittel aufheben, lindern ist ausserordentlich, und eben
daher entsteht das Wunderbare des Wunders, dass das Gewoehnliche und das
Ausserordentliche, das Moegliche und das Unmoegliche eins werden. Bei
dem Gleichnisse, bei der Parabel ist das Umgekehrte: hier ist der
Sinn, die Einsicht, der Begriff das Hohe, das Ausserordentliche, das
Unerreichbare. Wenn dieser sich in einem gemeinen, gewoehnlichen,
fasslichen Bilde verkoerpert, so dass er uns als lebendig, gegenwaertig,
wirklich entgegentritt, dass wir ihn uns zueignen, ergreifen,
festhalten, mit ihm wie mit unsersgleichen umgehen koennen, das ist
denn auch eine zweite Art von Wunder und wird billig zu jenen ersten
gesellt, ja vielleicht ihnen noch vorgezogen. Hier ist die lebendige
Lehre ausgesprochen, die Lehre, die keinen Streit erregt; es ist keine
Meinung ueber das, was Recht oder Unrecht ist; es ist das Rechte oder
Unrechte unwidersprechlich selbst."

Dieser Teil der Galerie war kuerzer, oder vielmehr es war nur der
vierte Teil der Umgebung des innern Hofes. Wenn man jedoch an dem
ersten nur vorbeiging, so verweilte man hier gern; man ging gern hier
auf und ab. Die Gegenstaende waren nicht so auffallend, nicht so
mannigfaltig; aber desto einladender, den tiefen, stillen Sinn
derselben zu erforschen. Auch kehrten die beiden Wandelnden am Ende
des Ganges um, indem Wilhelm eine Bedenklichkeit aeusserte, dass man
hier eigentlich nur bis zum Abendmahle, bis zum Scheiden des Meisters
von seinen Juengern gelangt sei. Er fragte nach dem uebrigen Teil der
Geschichte.

"Wir sondern", versetzte der aelteste, "bei jedem Unterricht, bei
aller ueberlieferung sehr gerne, was nur moeglich zu sondern ist; denn
dadurch allein kann der Begriff des Bedeutenden bei der Jugend
entspringen. Das Leben mengt und mischt ohnehin alles durcheinander,
und so haben wir auch hier das Leben jenes vortrefflichen Mannes ganz
von dem Ende desselben abgesondert. Im Leben erscheint er als ein
wahrer Philosoph--stosset Euch nicht an diesen Ausdruck--, als ein
Weiser im hoechsten Sinne. Er steht auf seinem Punkte fest; er
wandelt seine Strasse unverrueckt, und indem er das Niedere zu sich
heraufzieht, indem er die Unwissenden, die Armen, die Kranken seiner
Weisheit, seines Reichtums, seiner Kraft teilhaftig werden laesst und
sich deshalb ihnen gleichzustellen scheint, so verleugnet er nicht
von der andern Seite seinen goettlichen Ursprung; er wagt, sich Gott
gleichzustellen, ja sich fuer Gott zu erklaeren. Auf diese Weise setzt
er von Jugend auf seine Umgebung in Erstaunen, gewinnt einen Teil
derselben fuer sich, regt den andern gegen sich auf und zeigt allen,
denen es um eine gewisse Hoehe im Lehren und Leben zu tun ist, was sie
von der Welt zu erwarten haben. Und so ist sein Wandel fuer den edlen
Teil der Menschheit noch belehrender und fruchtbarer als sein Tod:
denn zu jenen Pruefungen ist jeder, zu diesem sind nur wenige berufen;
und damit wir alles uebergehen, was aus dieser Betrachtung folgt, so
betrachtet die ruehrende Szene des Abendmahls. Hier laesst der Weise,
wie immer, die Seinigen ganz eigentlich verwaist zurueck, und indem er
fuer die Guten besorgt ist, fuettert er zugleich mit ihnen einen
Verraeter, der ihn und die Bessern zugrunde richten wird."

Mit diesen Worten eroeffnete der aelteste eine Pforte, und Wilhelm
stutzte, als er sich wieder in der ersten Halle des Eingangs fand.
Sie hatten, wie er wohl merkte, indessen den ganzen Umkreis des Hofes
zurueckgelegt. "Ich hoffte", sagte Wilhelm. "Ihr wuerdet mich ans
Ende fuehren, und bringt mich wieder zum Anfang."-- "Fuer diesmal kann
ich Euch weiter nichts zeigen", sagte der aelteste; "mehr lassen wir
unsere Zoeglinge nicht sehen, mehr erklaeren wir ihnen nicht, als was
Ihr bis jetzt durchlaufen habt; das aeussere allgemein Weltliche einem
jeden von Jugend auf, das innere besonders Geistige und Herzliche nur
denen, die mit einiger Besonnenheit heranwachsen, und das uebrige, was
des Jahrs nur einmal eroeffnet wird, kann nur denen mitgeteilt werden,
die wir entlassen. Jene letzte Religion, die aus der Ehrfurcht vor
dem, was unter uns ist, entspringt, jene Verehrung des Widerwaertigen,
Verhassten, Fliehenswerten geben wir einem jeden nur ausstattungsweise
in die Welt mit, damit er wisse, wo er dergleichen zu finden hat,
wenn ein solches Beduerfnis sich in ihm regen sollte. Ich lade Euch
ein, nach Verlauf eines Jahres wiederzukehren, unser allgemeines Fest
zu besuchen und zu sehen, wie weit Euer Sohn vorwaerts gekommen;
alsdann sollt auch Ihr in das Heiligtum des Schmerzes eingeweiht
werden."

"Erlaubt mir eine Frage", versetzte Wilhelm. "Habt ihr denn auch,
so wie ihr das Leben dieses goettlichen Mannes als Lehr--und
Musterbild aufstellt, sein Leiden, seinen Tod gleichfalls als ein
Vorbild erhabener Duldungen herausgehoben?"--"Auf alle Faelle", sagte
der aelteste. "Hieraus machen wir kein Geheimnis; aber wir ziehen
einen Schleier ueber diese Leiden, eben weil wir sie so hoch verehren.
Wir halten es fuer eine verdammungswuerdige Frechheit, jenes
Martergeruest und den daran leidenden Heiligen dem Anblick der Sonne
auszusetzen, die ihr Angesicht verbarg, als eine ruchlose Welt ihr
dies Schauspiel aufdrang, mit diesen tiefen Geheimnissen, in welchen
die goettliche Tiefe des Leidens verborgen liegt, zu spielen, zu
taendeln, zu verzieren und nicht eher zu ruhen, bis das Wuerdigste
gemein und abgeschmackt erscheint. So viel sei fuer diesmal genug, um
Euch ueber Euren Knaben zu beruhigen und voellig zu ueberzeugen, dass Ihr
ihn auf irgendeine Art, mehr oder weniger, aber doch nach
wuenschenswerter Weise gebildet und auf alle Faelle nicht verworren,
schwankend und unstaet wiederfinden sollt."

Wilhelm zauderte, indem er sich die Bilder der Vorhalle besah und
ihren Sinn gedeutet wuenschte. "Auch dieses", sagte der aelteste,
"bleiben wir Euch bis uebers Jahr schuldig. Bei dem Unterricht, den
wir in der Zwischenzeit den Kindern geben, lassen wir keine Fremden
zu; aber alsdann kommt und vernehmt, was unsere besten Redner ueber
diese Gegenstaende oeffentlich zu sagen fuer dienlich halten."

Bald nach dieser Unterredung hoerte man an der kleine Pforte pochen.
Der gestrige Aufseher meldete sich, er hatte Wilhelms Pferd
vorgefuehrt, und so beurlaubte sich der Freund von der Dreie, welche
zum Abschied ihn dem Aufseher folgendermassen empfahl: "Dieser wird nun
zu den Vertrauten gezaehlt, und dir ist bekannt, was du ihm auf seine
Fragen zu erwidern hast: denn er wuenscht gewiss noch ueber manches, was
er bei uns sah und hoerte, belehrt zu werden; Mass und Ziel ist dir
nicht verborgen."

Wilhelm hatte freilich noch einige Fragen auf dem Herzen, die er
auch sogleich anbrachte. Wo sie durchritten, stellten sich die
Kinder wie gestern; aber heute sah er, obgleich selten, einen und den
andern Knaben, der den vorbereitenden Aufseher nicht gruesste, von
seiner Arbeit nicht aufsah und ihn unbemerkt vorueberliess. Wilhelm
fragte nun nach der Ursache und was diese Ausnahme zu bedeuten habe.
Jener erwiderte darauf: "Sie ist freilich sehr bedeutungsvoll: denn
es ist die hoechste Strafe, die wir den Zoeglingen auflegen, sie sind
unwuerdig erklaert, Ehrfurcht zu beweisen, und genoetigt, sich als roh
und ungebildet darzustellen; sie tun aber das moegliche, um sich aus
dieser Lage zu retten, und finden sich aufs geschwindeste in jede
Pflicht. Sollte jedoch ein junges Wesen verstockt zu seiner Rueckkehr
keine Anstalt machen, so wird es mit einem kurzen, aber buendigen
Bericht den Eltern wieder zurueckgesandt. Wer sich den Gesetzen nicht
fuegen lernt, muss die Gegend verlassen, wo sie gelten."

Ein anderer Anblick reizte, heute wie gestern, des Wanderers
Neugierde; es war Mannigfaltigkeit an Farbe und Schnitt der
Zoeglingskleidung; hier schien kein Stufengang obzuwalten, denn solche,
die verschieden gruessten, waren ueberein gekleidet, gleich Gruessende
waren anders angezogen. Wilhelm fragte nach der Ursache dieses
scheinbaren Widerspruchs. "Er loest sich", versetzte jener, "darin
auf, dass es ein Mittel ist, die Gemueter der Knaben eigens zu
erforschen. Wir lassen, bei sonstiger Strenge und Ordnung, in diesem
Falle eine gewisse Willkuer gelten. Innerhalb des Kreises unserer
Vorraete an Tuechern und Verbraemungen duerfen die Zoeglinge nach
beliebiger Farbe greifen, so auch innerhalb einer maessigen
Beschraenkung Form und Schnitt waehlen; dies beobachten wir genau, denn
an der Farbe laesst sich die Sinnesweise, an dem Schnitt die
Lebensweise des Menschen erkennen. Doch macht eine besondere
Eigenheit der menschlichen Natur eine genauere Beurteilung
gewissermassen schwierig; es ist der Nachahmungsgeist, die Neigung,
sich anzuschliessen. Sehr selten, dass ein Zoegling auf etwas faellt,
was noch nicht dagewesen, meistens waehlen sie etwas Bekanntes, was
sie gerade vor sich sehen. Doch auch diese Betrachtung bleibt uns
nicht unfruchtbar, durch solche aeusserlichkeiten treten sie zu dieser
oder jener Partei, sie schliessen sich da oder dort an, und so zeichnen
sich allgemeinere Gesinnungen aus, wir erfahren, wo jeder sich
hinneigt, welchem Beispiel er sich gleichstellt.

Nun hat man Faelle gesehen, wo die Gemueter sich ins Allgemeine
neigten, wo eine Mode sich ueber alle verbreiten, jede Absonderung
sich zur Einheit verlieren wollte. Einer solchen Wendung suchen wir
auf gelinde Weise Einhalt zu tun, wir lassen die Vorraete ausgehen;
dieses und jenes Zeug, eine und die andere Verzierung ist nicht mehr
zu haben; wir schieben etwas Neues, etwas Reizendes herein, durch
helle Farben und kurzen, knappen Schnitt locken wir die Muntern,
durch ernste Schattierungen, bequeme, faltenreiche Tracht die
Besonnenen und stellen so nach und nach ein Gleichgewicht her.

Denn der Uniform sind wir durchaus abgeneigt, sie verdeckt den
Charakter und entzieht die Eigenheiten der Kinder, mehr als jede
andere Verstellung, dem Blicke der Vorgesetzten."

Unter solchen und andern Gespraechen gelangte Wilhelm an die Grenze
der Provinz, und zwar an den Punkt, wo sie der Wanderer, nach des
alten Freundes Andeutung, verlassen sollte, um seinem eigentlichen
Zweck entgegenzusehen.

Beim Lebewohl bemerkte zunaechst der Aufseher: Wilhelm moege nun
erwarten, bis das grosse Fest allen Teilnehmern auf mancherlei Weise
angekuendigt werde. Hierzu wuerden die saemtlichen Eltern eingeladen
und tuechtige Zoeglinge ins freie, zufaellige Leben entlassen. Alsdann
solle er, hiess es, auch die uebrigen Landschaften nach Belieben
betreten, wo, nach eigenen Grundsaetzen, der einzelne Unterricht in
vollstaendiger Umgebung erteilt und ausgeuebt wird.









Drittes Kapitel

Der Angewoehnung des werten Publikums zu schmeicheln, welches seit
geraumer Zeit Gefallen findet, sich stueckweise unterhalten zu lassen,
gedachten wir erst, nachstehende Erzaehlung in mehreren Abteilungen
vorzulegen. Der innere Zusammenhang jedoch, nach Gesinnungen,
Empfindungen und Ereignissen betrachtet, veranlasste einen
fortlaufenden Vortrag. Moege derselbe seinen Zweck erreichen und
zugleich am Ende deutlich werden, wie die Personen dieser abgesondert
scheinenden Begebenheit mit denjenigen, die wir schon kennen und
lieben, aufs innigste zusammengeflochten worden. Der Mann von
funfzig Jahren

Der Major war in den Gutshof hereingeritten, und Hilarie, seine
Nichte, stand schon, um ihn zu empfangen, aussen auf der Treppe, die
zum Schloss hinauffuehrte. Kaum erkannte er sie; denn schon war sie
wieder groesser und schoener geworden. Sie flog ihm entgegen, er
drueckte sie an seine Brust mit dem Sinn eines Vaters, und sie eilten
hinauf zu ihrer Mutter.

Der Baronin, seiner Schwester, war er gleichfalls willkommen, und
als Hilarie schnell hinwegging, das Fruehstueck zu bereiten, sagte der
Major freudig: "Diesmal kann ich mich kurz fassen und sagen, dass
unser Geschaeft beendigt ist. Unser Bruder, der Obermarschall, sieht
wohl ein, dass er weder mit Paechtern noch Verwaltern zurechtkommt. Er
tritt bei seinen Lebzeiten die Gueter uns und unsern Kindern ab; das
Jahrgehalt, das er sich ausbedingt, ist freilich stark; aber wir
koennen es ihm immer geben: wir gewinnen doch noch fuer die Gegenwart
viel und fuer die Zukunft alles. Die neue Einrichtung soll bald in
Ordnung sein. Da ich zunaechst meinen Abschied erwarte, so sehe ich
doch wieder ein taetiges Leben vor mir, das uns und den Unsrigen einen
entschiedenen Vorteil bringen kann. Wir sehen ruhig zu, wie unsre
Kinder emporwachsen, und es haengt von uns, von ihnen ab, ihre
Verbindung zu beschleunigen."

"Das waere alles recht gut", sagte die Baronin, "wenn ich dir nur
nicht ein Geheimnis zu entdecken haette, das ich selbst erst gewahr
worden bin. Hilariens Herz ist nicht mehr frei; von der Seite hat
dein Sohn wenig oder nichts zu hoffen."

"Was sagst du?" rief der Major; "ist's moeglich? indessen wir uns
alle Muehe geben, uns oekonomisch vorzusehen, so spielt uns die Neigung
einen solchen Streich! Sag' mir, Liebe, sag' mir geschwind, wer ist
es, der das Herz Hilariens fesseln konnte? Oder ist es denn auch
schon so arg? Ist es nicht vielleicht ein fluechtiger Eindruck, den
man wieder auszuloeschen hoffen kann?"

"Du musst erst ein wenig sinnen und raten", versetzte die Baronin und
vermehrte dadurch seine Ungeduld. Sie war schon aufs hoechste
gestiegen, als Hilarie, mit den Bedienten, welche das Fruehstueck
trugen, hereintretend, eine schnelle Aufloesung des Raetsels unmoeglich
machte.

Der Major selbst glaubte das schoene Kind mit andern Augen anzusehen
als kurz vorher. Es war ihm beinahe, als wenn er eifersuechtig auf
den Beglueckten waere, dessen Bild sich in einem so schoenen Gemuet hatte
eindruecken koennen. Das Fruehstueck wollte ihm nicht schmecken, und er
bemerkte nicht, dass alles genau so eingerichtet war, wie er es am
liebsten hatte und wie er es sonst zu wuenschen und zu verlangen
pflegte. ueber dieses Schweigen und Stocken verlor Hilarie fast selbst
ihre Munterkeit. Die Baronin fuehlte sich verlegen und zog ihre
Tochter ans Klavier; aber ihr geistreiches und gefuehlvolles Spiel
konnte dem Major kaum einigen Beifall ablocken. Er wuenschte das
schoene Kind und das Fruehstueck je eher je lieber entfernt zu sehen,
und die Baronin musste sich entschliessen, aufzubrechen und ihrem
Bruder einen Spaziergang in den Garten vorzuschlagen.

Kaum waren sie allein, so wiederholte der Major dringend seine
vorige Frage; worauf seine Schwester nach einer Pause laechelnd
versetzte: "Wenn du den Gluecklichen finden willst, den sie liebt, so
brauchst du nicht weit zu gehen, er ist ganz in der Naehe: dich liebt
sie."

Der Major stand betroffen, dann rief er aus: "Es waere ein sehr
unzeitiger Scherz, wenn du mich etwas ueberreden wolltest, das mich im
Ernst so verlegen wie ungluecklich machen wuerde. Denn ob ich gleich
Zeit brauche, mich von meiner Verwunderung zu erholen, so sehe ich
doch mit einem Blicke voraus, wie sehr unsere Verhaeltnisse durch ein
so unerwartetes Ereignis gestoert werden muessten. Das einzige, was
mich troestet, ist die ueberzeugung, dass Neigungen dieser Art nur
scheinbar sind, dass ein Selbstbetrug dahinter verborgen liegt, und
dass eine echte, gute Seele von dergleichen Fehlgriffen oft durch sich
selbst oder doch wenigstens mit einiger Beihuelfe verstaendiger Personen
gleich wieder zurueckkommt."

"Ich bin dieser Meinung nicht", sagte die Baronin; "denn nach allen
Symptomen ist es ein sehr ernstliches Gefuehl, von welchem Hilarie
durchdrungen ist."

"Etwas so Unnatuerliches haette ich ihrem natuerlichen Wesen nicht
zugetraut", versetzte der Major.

"Es ist so unnatuerlich nicht", sagte die Schwester. "Aus meiner
Jugend erinnere ich mich selbst einer Leidenschaft fuer einen aelteren
Mann, als du bist. Du hast funfzig Jahre; das ist immer noch nicht
gar zu viel fuer einen Deutschen, wenn vielleicht andere, lebhaftere
Nationen frueher altern."

"Wodurch willst du aber deine Vermutung bekraeftigen?" sagte der
Major.

"Es ist keine Vermutung, es ist Gewissheit. Das Naehere sollst du
nach und nach vernehmen."

Hilarie gesellte sich zu ihnen, und der Major fuehlte sich, wider
seinen Willen, abermals veraendert. Ihre Gegenwart deuchte ihn noch
lieber und werter als vorher; ihr Betragen schien ihm liebevoller,
und schon fing er an, den Worten seiner Schwester Glauben beizumessen.
Die Empfindung war fuer ihn hoechst angenehm, ob er sich gleich solche
weder gestehen noch erlauben wollte. Freilich war Hilarie hoechst
liebenswuerdig, indem sich in ihrem Betragen die zarte Scheu gegen
einen Liebhaber und die freie Bequemlichkeit gegen einen Oheim auf das
innigste verband; denn sie liebte ihn wirklich und von ganzer Seele.
Der Garten war in seiner vollen Fruehlingspracht, und der Major, der
so viele alte Baeume sich wieder belauben sah, konnte auch an die
Wiederkehr seines eignen Fruehlings glauben. Und wer haette sich nicht
in der Gegenwart des liebenswuerdigsten Maedchens dazu verfuehren lassen!

So verging ihnen der Tag zusammen; alle haeuslichen Epochen wurden
mit der groessten Gemuetlichkeit durchlebt; abends nach Tisch setzte
sich Hilarie wieder ans Klavier; der Major hoerte mit andern Ohren als
heute frueh; eine Melodie schlang sich in die andere, ein Lied schloss
sich ans andere, und kaum vermochte die Mitternacht die kleine
Gesellschaft zu trennen.

Als der Major auf seinem Zimmer ankam, fand er alles nach seiner
alten, gewohnten Bequemlichkeit eingerichtet; sogar einige
Kupferstiche, bei denen er gern verweilte, waren aus andern Zimmern
heruebergehaengt; und da er einmal aufmerksam geworden war, so sah er
sich bis auf jeden einzelnen kleinen Umstand versorgt und
geschmeichelt.

Nur wenig Stunden Schlaf bedurfte er diesmal; seine Lebensgeister
waren frueh aufgeregt. Aber nun merkte er auf einmal, dass eine neue
Ordnung der Dinge manches Unbequeme nach sich ziehe. Er hatte seinem
alten Reitknecht, der zugleich die Stelle des Bedienten und
Kammerdieners vertrat, seit mehreren Jahren kein boeses Wort gegeben:
denn alles ging in der strengsten Ordnung seinen gewoehnlichen Gang;
die Pferde waren versorgt und die Kleidungsstuecke zu rechter Stunde
gereinigt; aber der Herr war frueher aufgestanden, und nichts wollte
passen.

Sodann gesellte sich noch ein anderer Umstand hinzu, um die Ungeduld
und eine Art boeser Laune des Majors zu vermehren. Sonst war ihm
alles an sich und seinem Diener recht gewesen; nun aber fand er sich,
als er vor den Spiegel trat, nicht so, wie er zu sein wuenschte.
Einige graue Haare konnte er nicht leugnen, und von Runzeln schien
sich auch etwas eingefunden zu haben. Er wischte und puderte mehr
als sonst und musste es doch zuletzt lassen, wie es sein konnte. Auch
mit der Kleidung und ihrer Sauberkeit war er nicht zufrieden. Da
sollten sich immer noch Fasern auf dem Rock und noch Staub auf den
Stiefeln finden. Der Alte wusste nicht, was er sagen sollte, und war
erstaunt, einen so veraenderten Herrn vor sich zu sehen.

Ungeachtet aller dieser Hindernisse war der Major schon frueh genug
im Garten. Hilarien, die er zu finden hoffte, fand er wirklich. Sie
brachte ihm einen Blumenstrauss entgegen, und er hatte nicht den Mut,
sie wie sonst zu kuessen und an sein Herz zu druecken. Er befand sich
in der angenehmsten Verlegenheit von der Welt und ueberliess sich
seinen Gefuehlen, ohne zu denken, wohin das fuehren koenne.

Die Baronin gleichfalls saeumte nicht lange zu erscheinen, und indem
sie ihrem Bruder ein Billet wies, das ihr eben ein Bote gebracht
hatte, rief sie aus: "Du raetst nicht, wen uns dieses Blatt anzumelden
kommt."--"So entdecke es nur bald!" versetzte der Major; und er
erfuhr, dass ein alter theatralischer Freund nicht weit von dem Gute
vorbeireise und fuer einen Augenblick einzukehren gedenke. "Ich bin
neugierig, ihn wiederzusehen", sagte der Major; "er ist kein Juengling
mehr, und ich hoere, dass er noch immer die jungen Rollen spielt."--"Er
muss um zehn Jahre aelter sein als du", versetzte die Baronin.--"Ganz
gewiss", erwiderte der Major, "nach allem, was ich mich erinnere."

Es waehrte nicht lange, so trat ein munterer, wohlgebauter,
gefaelliger Mann herzu. Man stutzte einen Augenblick, als man sich
wiedersah. Doch sehr bald erkannten sich die Freunde, und
Erinnerungen aller Art belebten das Gespraech. Hierauf ging man zu
Erzaehlungen, zu Fragen und zu Rechenschaft ueber; man machte sich
wechselweise mit den gegenwaertigen Lagen bekannt und fuehlte sich bald,
als waere man nie getrennt gewesen.

Die geheime Geschichte sagt uns, dass dieser Mann in frueherer Zeit,
als ein sehr schoener und angenehmer Juengling, einer vornehmen Dame zu
gefallen das Glueck oder Unglueck gehabt habe; dass er dadurch in grosse
Verlegenheit und Gefahr geraten, woraus ihn der Major eben im
Augenblick, als ihn das traurigste Schicksal bedrohte, gluecklich
herausriss. Ewig blieb er dankbar, dem Bruder sowohl als der Schwester;
denn diese hatte durch zeitige Warnung zur Vorsicht Anlass gegeben.

Einige Zeit vor Tische liess man die Maenner allein. Nicht ohne
Bewunderung, ja gewissermassen mit Erstaunen hatte der Major das
aeussere Behaben seines alten Freundes im ganzen und einzelnen
betrachtet. Er schien gar nicht veraendert zu sein, und es war kein
Wunder, dass er noch immer als jugendlicher Liebhaber auf dem Theater
erscheinen konnte. "Du betrachtest mich aufmerksamer als billig ist",
sprach er endlich den Major an; "ich fuerchte sehr, du findest den
Unterschied gegen vorige Zeit nur allzu gross."--"Keineswegs",
versetzte der Major, "vielmehr bin ich voll Verwunderung, dein
Aussehen frischer und juenger zu finden als das meine; da ich doch
weiss, dass du schon ein gemachter Mann warst, als ich, mit der Kuehnheit
eines wagehalsigen Gelbschnabels, dir in gewissen Verlegenheiten
beistand."--"Es ist deine Schuld", versetzte der andere, "es ist die
Schuld aller deinesgleichen; und ob ihr schon darum nicht zu schelten
seid, so seid ihr doch zu tadeln. Man denkt immer nur ans Notwendige;
man will sein und nicht scheinen. Das ist recht gut, solange man
etwas ist. Wenn aber zuletzt das Sein mit dem Scheinen sich zu
empfehlen anfaengt und der Schein noch fluechtiger als das Sein ist, so
merkt denn doch ein jeder, dass er nicht uebel getan haette, das aeussere
ueber dem Innern nicht ganz zu vernachlaessigen." --"Du hast recht",
versetzte der Major und konnte sich fast eines Seufzers nicht
enthalten "Vielleicht nicht ganz recht", sagte der bejahrte Juengling;
"denn freilich bei meinem Handwerke waere es ganz unverzeihlich, wenn
man das aeussere nicht so lange aufstutzen wollte, als nur moeglich ist.
Ihr andern aber habt Ursache, auf andere Dinge zu sehen, die
bedeutender und nachhaltiger sind."--"Doch gibt es Gelegenheiten",
sagte der Major, "wo man sich innerlich frisch fuehlt und sein aeusseres
auch gar zu gern wieder auffrischen moechte."

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