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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2

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Da der Ankoemmling die wahre Gemuetslage des Majors nicht ahnen konnte,
so nahm er diese aeusserung im Soldatensinne und liess sich weitlaeufig
darueber aus: wie viel beim Militaer aufs aeussere ankomme und wie der
Offizier, der so manches auf seine Kleidung zu wenden habe, doch auch
einige Aufmerksamkeit auf Haut und Haare wenden koenne.

"Es ist zum Beispiel unverantwortlich", fuhr er fort, "dass Eure
Schlaefen schon grau sind, dass hie und da sich Runzeln zusammenziehen
und dass Euer Scheitel kahl zu werden droht. Seht mich alten Kerl
einmal an! betrachtet, wie ich mich erhalten habe! und das alles ohne
Hexerei und mit weit weniger Muehe und Sorgfalt, als man taeglich
anwendet, um sich zu beschaedigen oder wenigstens Langeweile zu machen."

Der Major fand bei dieser zufaelligen Unterredung zu sehr seinen
Vorteil, als dass er sie so bald haette abbrechen sollen; doch ging er
leise und selbst gegen einen alten Bekannten mit Behutsamkeit zu
Werke. "Das habe ich nun leider versaeumt!" rief er aus, "und
nachzuholen ist es nicht; ich muss mich nun schon darein ergeben, und
Ihr werdet deshalb nicht schlimmer von mir denken."

"Versaeumt ist nichts!" erwiderte jener, "wenn ihr andern ernsthaften
Herren nur nicht so starr und steif waeret, nicht gleich einen jeden,
der sein aeusseres bedenkt, fuer eitel erklaeren und euch dadurch selbst
die Freude verkuemmern moechtet, in gefaelliger Gesellschaft zu sein und
selbst zu gefallen."-- "Wenn es auch keine Zauberei ist", laechelte
der Major, "wodurch ihr andern euch jung erhaltet, so ist es doch ein
Geheimnis, oder wenigstens sind es Arcana, dergleichen oft in
Zeitungen gepriesen werden, von denen ihr aber die besten
herauszuproben wisst." --"Du magst im Scherz oder im Ernst reden",
versetzte der Freund, "so hast du's getroffen. Unter den vielen
Dingen, die man von jeher versucht hat, um dem aeusseren einige Nahrung
zu geben, das oft viel frueher als das Innere abnimmt, gibt es wirklich
unschaetzbare, einfache sowohl als zusammengesetzte Mittel, die mir
von Kunstgenossen mitgeteilt, fuer bares Geld oder durch Zufall
ueberliefert und von mir selbst ausgeprobt worden. Dabei bleib' ich
und verharre nun, ohne deshalb meine weitern Forschungen aufzugeben.
So viel kann ich dir sagen, und ich uebertreibe nicht: ein
Toilettenkaestchen fuehre ich bei mir, ueber allen Preis! ein Kaestchen,
dessen Wirkungen ich wohl an dir erproben moechte, wenn wir nur
vierzehn Tage zusammenblieben."

Der Gedanke, etwas dieser Art sei moeglich und diese Moeglichkeit
werde ihm gerade in dem rechten Augenblicke so zufaellig nahe gebracht,
erheiterte den Geist des Majors dergestalt, dass er wirklich schon
frischer und munterer aussah und, von der Hoffnung, Haupt und Gesicht
mit seinem Herzen in uebereinstimmung zu bringen, belebt, von der
Unruhe, die Mittel dazu bald naeher kennen zu lernen, in Bewegung
gesetzt, bei Tische ein ganz anderer Mensch erschien, Hilariens
anmutigen Aufmerksamkeiten getrost entgegenging und auf sie mit einer
gewissen Zuversicht blickte, die ihm heute frueh noch sehr fremd
gewesen war.

Hatte nun durch mancherlei Erinnerungen, Erzaehlungen und glueckliche
Einfaelle der theatralische Freund die einmal angeregte gute Laune zu
erhalten, zu beleben und zu vermehren gewusst, so wurde der Major um
so verlegener, als jener gleich nach Tische sich zu entfernen und
seinen Weg weiter fortzusetzen drohte. Auf alle Weise suchte er den
Aufenthalt seines Freundes, wenigstens ueber Nacht, zu erleichtern,
indem er Vorspann und Relais auf morgen frueh andringlich zusagte.
Genug, die heilsame Toilette sollte nicht aus dem Hause, bis man von
ihrem Inhalt und Gebrauch naeher unterrichtet waere.

Der Major sah sehr wohl ein, dass hier keine Zeit zu verlieren sei,
und suchte daher gleich nach Tische seinen alten Guenstling allein zu
sprechen. Da er das Herz nicht hatte, ganz gerade auf die Sache
loszugehen, so lenkte er von weitem dahin, indem er, das vorige
Gespraech wieder auffassend, versicherte: er fuer seine Person wuerde
gern mehr Sorgfalt auf das aeussere verwenden, wenn nur nicht gleich
die Menschen einen jeden, dem sie ein solches Bestreben anmerken, fuer
eitel erklaerten und ihm dadurch sogleich wieder an der sittlichen
Achtung entzoegen, was sie sich genoetigt fuehlten an der sinnlichen ihm
zuzugestehen.

"Mache mich mit solchen Redensarten nicht verdriesslich!" versetzte
der Freund; "denn das sind Ausdruecke, die sich die Gesellschaft
angewoehnt hat, ohne etwas dabei zu denken, oder, wenn man es strenger
nehmen will, wodurch sich ihre unfreundliche und misswollende Natur
ausspricht. Wenn du es recht genau betrachtest: was ist denn das, was
man oft als Eitelkeit verrufen moechte? Jeder Mensch soll Freude an
sich selbst haben, und gluecklich, wer sie hat. Hat er sie aber, wie
kann er sich verwehren, dieses angenehme Gefuehl merken zu lassen?
Wie soll er mitten im Dasein verbergen, dass er eine Freude am Dasein
habe? Faende die gute Gesellschaft, denn von der ist doch hier allein
die Rede, nur alsdann diese aeusserungen tadelhaft, wenn sie zu lebhaft
werden, wenn des einen Menschen Freude an sich und seinem Wesen die
andern hindert, Freude an dem ihrigen zu haben und sie zu zeigen, so
waere nichts dabei zu erinnern, und von diesem uebermass ist auch wohl
der Tadel zuerst ausgegangen. Aber was soll eine
wunderlich-verneinende Strenge gegen etwas Unvermeidliches? Warum
will man nicht eine aeusserung laesslich und ertraeglich finden, die man
denn doch mehr oder weniger sich von Zeit zu Zeit selbst erlaubt? ja,
ohne die eine gute Gesellschaft gar nicht existieren koennte: denn das
Gefallen an sich selbst, das Verlangen, dieses Selbstgefuehl andern
mitzuteilen, macht gefaellig, das Gefuehl eigner Anmut macht anmutig.
Wollte Gott, alle Menschen waeren eitel, waeren es aber mit Bewusstsein,
mit Mass und im rechten Sinne: so wuerden wir in der gebildeten Welt
die gluecklichsten Menschen sein. Die Weiber, sagt man, sind eitel von
Hause aus; doch es kleidet sie, und sie gefallen uns um desto mehr.
Wie kann ein junger Mann sich bilden, der nicht eitel ist? Eine
leere, hohle Natur wird sich wenigstens einen aeussern Schein zu geben
wissen, und der tuechtige Mensch wird sich bald von aussen nach innen zu
bilden. Was mich betrifft, so habe ich Ursache, mich auch deshalb
fuer den gluecklichsten Menschen zu halten, weil mein Handwerk mich
berechtigt, eitel zu sein, und weil ich, je mehr ich es bin, nur
desto mehr Vergnuegen den Menschen schaffe. Ich werde gelobt, wo man
andere tadelt, und habe, gerade auf diesem Wege, das Recht und das
Glueck, noch in einem Alter das Publikum zu ergoetzen und zu entzuecken,
in welchem andere notgedrungen vom Schauplatz abtreten oder nur mit
Schmach darauf verweilen."

Der Major hoerte nicht gerne den Schluss dieser Betrachtungen. Das
Woertchen Eitelkeit, als er es vorbrachte, sollte nur zu einem
uebergang dienen, um dem Freunde auf eine geschickte Weise seinen
Wunsch vorzutragen; nun fuerchtete er, bei einem fortgesetzten
Gespraech das Ziel noch weiter verrueckt zu sehen, und eilte daher
unmittelbar zum Zweck.

"Fuer mich", sagte er, "waere ich gar nicht abgeneigt, auch zu deiner
Fahne zu schwoeren, da du es nicht fuer zu spaet haeltst und glaubst, dass
ich das Versaeumte noch einigermassen nachholen koenne. Teile mir etwas
von deinen Tinkturen, Pomaden und Balsamen mit, und ich will einen
Versuch machen."

"Mitteilungen", sagte der andere, "sind schwerer, als man denkt.
Denn hier z. B. kommt es nicht allein darauf an, dass ich dir von
meinen Flaeschchen etwas abfuelle und von den besten Ingredienzien
meiner Toilette die Haelfte zuruecklasse; die Anwendung ist das
Schwerste. Man kann das ueberlieferte sich nicht gleich zu eigen
machen; wie dieses und jenes passe, unter was fuer Umstaenden, in
welcher Folge die Dinge zu gebrauchen seien, dazu gehoert uebung und
Nachdenken; ja selbst diese wollen kaum fruchten, wenn man nicht eben
zu der Sache, wovon die Rede ist, ein angebotenes Talent hat."

"Du willst, wie es scheint", versetzte der Major, "nun wieder
zuruecktreten. Du machst mir Schwierigkeiten, um deine freilich etwas
fabelhaften Behauptungen in Sicherheit zu bringen. Du hast nicht
Lust, mir einen Anlass, eine Gelegenheit zu geben, deine Worte durch
die Tat zu pruefen."

"Durch diese Neckereien, mein Freund", versetzte der andere,
"wuerdest du mich nicht bewegen, deinem Verlangen zu willfahren, wenn
ich nicht selbst so gute Gesinnungen gegen dich haette, wie ich es ja
zuerst dir angeboten habe. Dabei bedenke, mein Freund, der Mensch
hat gar eine eigne Lust, Proselyten zu machen, dasjenige, was er an
sich schaetzt, auch ausser sich in andern zu Erscheinung zu bringen,
sie geniessen zu lassen, was er selbst geniesst, und sich in ihnen
wiederzufinden und darzustellen. Fuerwahr, wenn dies auch Egoismus
ist, so ist er der liebenswuerdigste und lobenswuerdigste, derjenige,
der uns zu Menschen gemacht hat und uns als Menschen erhaelt. Aus ihm
nehme ich denn auch, abgesehen von der Freundschaft, die ich zu dir
hege, die Lust, einen Schueler in der Verjuengungskunst aus dir zu
machen. Weil man aber von dem Meister erwarten kann, dass er keine
Pfuscher ziehen will, so bin ich verlegen, wie wir es anfangen. Ich
sagte schon: weder Spezereien noch irgendeine Anweisung ist
hinlaenglich; die Anwendung kann nicht im Allgemeinen gelehrt werden.
Dir zuliebe und aus Lust, meine Lehre fortzupflanzen, bin ich zu
jeder Aufopferung bereit. Die groesste fuer den Augenblick will ich dir
sogleich anbieten. Ich lasse dir meinen Diener hier, eine Art von
Kammerdiener und Tausendkuenstler, der, wenn er gleich nicht alles zu
bereiten weiss, nicht in alle Geheimnisse eingeweiht ist, doch die
ganze Behandlung recht gut versteht und fuer den Anfang dir von grossem
Nutzen sein wird, bis du dich in die Sache so hineinarbeitest, dass
ich dir die hoeheren Geheimnisse endlich auch offenbaren kann."

"Wie!" rief der Major, "du hast auch Stufen und Grade deiner
Verjuengungskunst? Du hast noch Geheimnisse fuer die Eingeweihten?"--
"Ganz gewiss!" versetzte jener. "Das muesste gar eine schlechte Kunst
sein, die sich auf einmal fassen liesse, deren Letztes von demjenigen
gleich geschaut werden koennte, der zuerst hereintritt."

Man zauderte nicht lange, der Kammerdiener ward an den Major
gewiesen, der ihn gut zu halten versprach. Die Baronin musste
Schaechtelchen, Buechschen und Glaeser hergeben, sie wusste nicht wozu;
die Teilung ging vor sich, man war bis in die Nacht munter und
geistreich zusammen. Bei dem spaeteren Aufgang des Mondes fuhr der
Gast hinweg und versprach, in einiger Zeit zurueckzukehren.

Der Major kam ziemlich muede auf sein Zimmer. Er war frueh
aufgestanden, hatte sich den Tag nicht geschont und glaubte nunmehr
das Bett bald zu erreichen. Allein er fand statt eines Dieners
nunmehr zwei. Der alte Reitknecht zog ihn nach alter Art und Weise
eilig aus; aber nun trat der neue hervor und liess merken, dass die
eigentliche Zeit, Verjuengungs--und Verschoenerungsmittel anzubringen,
die Nacht sei, damit in einem ruhigen Schlaf die Wirkung desto
sicherer vor sich gehe. Der Major musste sich also gefallen lassen,
dass sein Haupt gesalbt, sein Gesicht bestrichen, seine Augenbrauen
bepinselt und seine Lippen betupft wurden. Ausserdem wurden noch
verschiedene Zeremonien erfordert; sogar sollte die Nachtmuetze nicht
unmittelbar aufgesetzt, sondern vorher ein Netz, wo nicht gar eine
feine lederne Muetze uebergezogen werden.

Der Major legte sich zu Bette mit einer Art von unangenehmer
Empfindung, die er jedoch sich deutlich zu machen keine Zeit hatte,
indem er gar bald einschlief. Sollen wir aber in seine Seele
sprechen, so fuehlte er sich etwas mumienhaft, zwischen einem Kranken
und einem Einbalsamierten. Allein das suesse Bild Hilariens, umgeben
von den heitersten Hoffnungen, zog ihn bald in einen erquickenden
Schlaf.

Morgens zur rechten Zeit war der Reitknecht bei der Hand. Alles,
was zum Anzuge des Herrn gehoerte, lag in gewohnter Ordnung auf den
Stuehlen, und eben war der Major im Begriff, aus dem Bette zu steigen,
als der neue Kammerdiener hereintrat und lebhaft gegen eine solche
uebereilung protestierte. Man muesse ruhen, man muesse sich abwarten,
wenn das Vorhaben gelingen, wenn man fuer so manche Muehe und Sorgfalt
Freude erleben solle. Der Herr vernahm sodann, dass er in einiger
Zeit aufzustehen, ein kleines Fruehstueck zu geniessen und alsdann in
ein Bad zu steigen habe, welches schon bereitet sei. Den Anordnungen
war nicht auszuweichen, sie mussten befolgt werden, und einige Stunden
gingen unter diesen Geschaeften hin.

Der Major verkuerzte die Ruhezeit nach dem Bade, dachte sich
geschwind in die Kleider zu werfen; denn er war seiner Natur nach
expedit und wuenschte noch ueberdies, Hilarien bald zu begegnen; aber
auch hier trat ihm sein neuer Diener entgegen und machte ihm
begreiflich, dass man sich durchaus abgewoehnen muesse, fertig werden zu
wollen. Alles, was man tue, muesse man langsam und behaglich
vollbringen, besonders aber die Zeit des Anziehens habe man als
angenehme Unterhaltungsstunde mit sich selbst anzusehen.

Die Behandlungsart des Kammerdieners traf mit seinen Reden voellig
ueberein. Dafuer glaubte sich aber auch der Major wirklich besser
angezogen denn jemals, als er vor den Spiegel trat und sich auf das
schmuckeste herausgeputzt erblickte. Ohne viel zu fragen, hatte der
Kammerdiener sogar die Uniform moderner zugestutzt, indem er die
Nacht auf diese Verwandlung wendete. Eine so schnell erscheinende
Verjuengung gab dem Major einen besonders heitern Sinn, so dass er sich
von innen und aussen erfrischt fuehlte und mit ungeduldigem Verlangen
den Seinigen entgegeneilte.

Er fand seine Schwester vor dem Stammbaume stehen, den sie hatte
aufhaengen lassen, weil abends vorher zwischen ihnen von einigen
Seitenverwandten die Rede gewesen, welche, teils unverheiratet, teils
in fernen Landen wohnhaft, teils gar verschollen, mehr oder weniger
den beiden Geschwistern oder ihren Kindern auf reiche Erbschaften
Hoffnung machten. Sie unterhielten sich einige Zeit darueber, ohne
des Punktes zu erwaehnen, dass sich bisher alle Familiensorgen und
Bemuehungen bloss auf ihre Kinder bezogen. Durch Hilariens Neigung
hatte sich diese ganze Ansicht freilich veraendert, und doch mochte
weder der Major noch seine Schwester in diesem Augenblick der Sache
weiter gedenken.

Die Baronin entfernte sich, der Major stand allein vor dem
lakonischen Familiengemaelde. Hilarie trat an ihn heran, lehnte sich
kindlich an ihn, beschaute die Tafel und fragte: wen er alles von
diesen gekannt habe? Und wer wohl noch leben und uebrig sein moechte?

Der Major begann seine Schilderung von den aeltesten, deren er sich
aus seiner Kindheit nur noch dunkel erinnerte. Dann ging er weiter,
zeichnete die Charaktere verschiedener Vaeter, die aehnlichkeit oder
Unaehnlichkeit der Kinder mit denselben, bemerkte, dass oft der
Grossvater im Enkel wieder hervortrete, sprach gelegentlich von dem
Einfluss der Weiber, die, aus fremden Familien herueber heiratend, oft
den Charakter ganzer Staemme veraendern. Er ruehmte die Tugend manches
Vorfahren und Seitenverwandten und verschwieg ihre Fehler nicht. Mit
Stillschweigen ueberging er diejenigen, deren man sich haette zu
schaemen gehabt. Endlich kam er an die untersten Reihen. Da stand nun
sein Bruder, der Obermarschall, er und seine Schwester und unten
drunter sein Sohn und daneben Hilarie.

"Diese sehen einander gerade genug ins Gesicht", sagte der Major und
fuegte nicht hinzu, was er im Sinne hatte. Nach einer Pause versetzte
Hilarie bescheiden, halblaut und fast mit einem Seufzer: "Und doch
wird man denjenigen niemals tadeln, der in die Hoehe blickt!"
Zugleich sah sie mit ein paar Augen an ihm hinauf, aus denen ihre
ganze Neigung hervorsprach.--"Versteh' ich dich recht?" sagte der
Major, indem er sich zu ihr wendete.--"Ich kann nichts sagen",
versetzte Hilarie laechelnd, "was Sie nicht schon wissen."--"Du machst
mich zum gluecklichsten Menschen unter der Sonne!" rief er aus und
fiel ihr zu Fuessen. "Willst du mein sein?" --"Um Gottes willen stehen
Sie auf! Ich bin dein auf ewig."

Die Baronin trat herein. Ohne ueberrascht zu sein, stutzte sie.
--"Waere es ein Unglueck", sagte der Major, "Schwester! so ist die
Schuld dein; als Glueck wollen wir's dir ewig verdanken."

Die Baronin hatte ihren Bruder von Jugend auf dergestalt geliebt,
dass sie ihn allen Maennern vorzog, und vielleicht war selbst die
Neigung Hilariens aus dieser Vorliebe der Mutter, wo nicht
entsprungen, doch gewiss genaehrt worden. Alle drei vereinigten sich
nunmehr in einer Liebe, einem Behagen, und so flossen fuer sie die
gluecklichsten Stunden dahin. Nur wurden sie denn doch zuletzt auch
wieder die Welt um sich her gewahr, und diese steht selten mit
solchen Empfindungen im Einklang.

Nun dachte man auch wieder an den Sohn. Ihm hatte man Hilarien
bestimmt, das ihm sehr wohl bekannt war. Gleich nach Beendigung des
Geschaefts mit dem Obermarschall sollte der Major seinen Sohn in der
Garnison besuchen, alles mit ihm abreden und diese Angelegenheiten zu
einem gluecklichen Ende fuehren. Nun war aber durch ein unerwartetes
Ereignis der ganze Zustand verrueckt; die Verhaeltnisse, die sonst sich
freundlich ineinanderschmiegten, schienen sich nunmehr anzufeinden,
und es war schwer vorauszusehen, was die Sache fuer eine Wendung nehmen,
was fuer eine Stimmung die Gemueter ergreifen wuerde.

Indessen musste sich der Major entschliessen, seinen Sohn aufzusuchen,
dem er sich schon angemeldet hatte. Er machte sich nicht ohne
Widerwillen, nicht ohne sonderbare Ahnung, nicht ohne Schmerz,
Hilarien auch nur auf kurze Zeit zu verlassen, nach manchem Zaudern
auf den Weg, liess Reitknecht und Pferde zurueck und fuhr mit seinem
Verjuengungsdiener, den er nun nicht mehr entbehren konnte, der Stadt,
dem Aufenthalte seines Sohnes, entgegen.

Beide begruessten und umarmten sich nach so langer Trennung aufs
herzlichste. Sie hatten einander viel zu sagen und sprachen doch
nicht sogleich aus, was ihnen zunaechst am Herzen lag. Der Sohn erging
sich in Hoffnungen eines baldigen Avancements; wogegen ihm der Vater
genaue Nachricht gab, was zwischen den aeltern Familiengliedern wegen
des Vermoegens ueberhaupt, wegen der einzelnen Gueter und sonst
verhandelt und beschlossen worden.

Das Gespraech fing schon einigermassen an zu stocken, als der Sohn
sich ein Herz fasste und zu dem Vater laechelnd sagte: "Sie behandeln
mich sehr zart, lieber Vater, und ich danke Ihnen dafuer. Sie
erzaehlen mir von Besitztuemern und Vermoegen und erwaehnen der Bedingung
nicht, unter der, wenigstens zum Teil, es mir eigen werden soll; Sie
halten mit dem Namen Hilariens zurueck, Sie erwarten, dass ich ihn
selbst ausspreche, dass ich mein Verlangen zu erkennen gebe, mit dem
liebenswuerdigen Kinde bald vereinigt zu sein."

Der Major befand sich bei diesen Worten des Sohnes in grosser
Verlegenheit; da es aber teils seiner Natur, teils einer alten
Gewohnheit gemaess war, den Sinn des andern, mit dem er zu verhandeln
hatte, zu erforschen, so schwieg er und blickte den Sohn mit einem
zweideutigen Laecheln an.--"Sie erraten nicht, mein Vater, was ich zu
sagen habe", fuhr der Lieutenant fort, "und ich will es nur rasch ein
fuer allemal herausreden. Ich kann mich auf Ihre Guete verlassen, die,
bei so vielfacher Sorge fuer mich, gewiss auch an mein wahres Glueck
gedacht hat. Einmal muss es gesagt sein, und so sei es gleich gesagt:
Hilarie kann mich nicht gluecklich machen! Ich gedenke Hilariens als
einer liebenswuerdigen Anverwandten, mit der ich zeitlebens in den
freundschaftlichsten Verhaeltnissen stehen moechte; aber eine andere
hat meine Leidenschaft erregt, meine Neigung gefesselt.
Unwiderstehlich ist dieser Hang; Sie werden mich nicht ungluecklich
machen." Nur mit Muehe verbarg der Major die Heiterkeit, die sich
ueber sein Gesicht verbreiten wollte, und fragte den Sohn mit einem
milden Ernst: wer denn die Person sei, welche sich seiner so gaenzlich
bemaechtigen koennen.--"Sie muessen dieses Wesen sehen, mein Vater: denn
sie ist so unbeschreiblich als unbegreiflich. Ich fuerchte nur, Sie
werden selbst von ihr hingerissen, wie jedermann, der sich ihr naehert.
Bei Gott! Ich erlebe es und sehe Sie als den Rival Ihres Sohnes."

"Wer ist sie denn?" fragte der Major. "Wenn du ihre Persoenlichkeit
zu schildern nicht imstande bist, so erzaehle mir wenigstens von ihren
aeussern Umstaenden: denn diese sind doch wohl eher auszusprechen.
"--"Wohl, mein Vater!" versetzte der Sohn; "und doch wuerden auch
diese aeusseren Umstaende bei einer andern anders sein, anders auf eine
andere wirken. Sie ist eine junge Witwe, Erbin eines alten, reichen,
vor kurzem verstorbenen Mannes, unabhaengig und hoechst wert, es zu
sein, von vielen umgeben, von ebenso vielen geliebt, von ebenso vielen
umworben, doch, wenn ich mich nicht sehr betriege, mir von Herzen
angehoerig."

Mit Behaglichkeit, weil der Vater schwieg und kein Zeichen der
Missbilligung aeusserte, fuhr der Sohn fort, das Betragen der schoenen
Witwe gegen ihn zu erzaehlen, jene unwiderstehliche Anmut, jene zarten
Gunstbezeigungen einzeln herzuruehmen, in denen der Vater freilich nur
die leichte Gefaelligkeit einer allgemein gesuchten Frau erkennen
konnte, die unter vielen wohl irgendeinen vorzieht, ohne sich eben fuer
ihn ganz und gar zu entscheiden. Unter jeden andern Umstaenden haette
er gewiss gesucht, einen Sohn, ja nur einen Freund auf den
Selbstbetrug aufmerksam zu machen, der wahrscheinlich hier obwalten
koennte; aber diesmal war ihm selbst so viel daran gelegen, wenn der
Sohn sich nicht taeuschen, wenn die Witwe ihn wirklich lieben und sich
so schnell als moeglich zu seinen Gunsten entscheiden moechte, dass er
entweder kein Bedenken hatte oder einen solchen Zweifel bei sich
ablehnte, vielleicht auch nur verschwieg.

"Du setzest mich in grosse Verlegenheit", begann der Vater nach
einiger Pause. "Die ganze uebereinkunft zwischen den uebriggebliebenen
Gliedern unsers Geschlechts beruht auf der Voraussetzung, dass du dich
mit Hilarien verbindest. Heiratet sie einen Fremden, so ist die
ganze, schoene, kuenstliche Vereinigung eines ansehnlichen Vermoegens
wieder aufgehoben, und du besonders in deinem Teile nicht zum besten
bedacht. Es gaebe wohl noch ein Mittel, das aber ein wenig sonderbar
klingt und wobei du auch nicht viel gewinnen wuerdest: ich muesste noch
in meinen alten Tagen Hilarien heiraten, wodurch ich dir aber
schwerlich ein grosses Vergnuegen machen wuerde."

"Das groesste von der Welt!" rief der Lieutenant aus; "denn wer kann
eine wahre Neigung empfinden, wer kann das Glueck der Liebe geniessen
oder hoffen, ohne dass er dieses hoechste Glueck einem jeden Freund,
einem jeden goennte, der ihm wert ist! Sie sind nicht alt, mein Vater;
wie liebenswuerdig ist nicht Hilarie! und schon der vorueberschwebende
Gedanke, ihr die Hand zu bieten, zeugt von einem jugendlichen Herzen,
von frischer Mutigkeit. Lassen Sie uns diesen Einfall, diesen
Vorschlag aus dem Stegreife ja recht gut durchsinnen und ausdenken.
Dann wuerde ich erst recht gluecklich sein, wenn ich Sie gluecklich
wuesste; dann wuerde ich mich erst recht freuen, dass Sie fuer die
Sorgfalt, mit der Sie mein Schicksal bedacht, an sich selbst so schoen
und hoechlich belohnt wuerden. Nun fuehre ich sie erst mutig,
zutraulich und mit recht offenem Herzen zu meiner Schoenen. Sie
werden meine Empfindungen billigen, weil Sie selbst fuehlen; Sie
werden dem Glueck eines Sohnes nichts in den Weg legen, weil Sie Ihrem
eigenen Glueck entgegengehen."

Mit diesen und andern dringenden Worten liess der Sohn den Vater, der
manche Bedenklichkeiten einstreuen wollte, nicht Raum gewinnen,
sondern eilte mit ihm zur schoenen Witwe, welche sie in einem grossen,
wohleingerichteten Hause, umgeben von einer zwar nicht zahlreichen,
aber ausgesuchten Gesellschaft, in heiterer Unterhaltung antrafen.
Sie war eins von den weiblichen Wesen, denen kein Mann entgeht. Mit
unglaublicher Gewandtheit wusste sie den Major zum Helden dieses
Abends zu machen. Die uebrige Gesellschaft schien ihre Familie, der
Major allein der Gast zu sein. Sie kannte seine Verhaeltnisse recht
gut, und doch wusste sie darnach zu fragen, als wenn sie alles erst
von ihm recht erfahren wollte; und so musste auch jedes von der
Gesellschaft schon irgendeinen Anteil an dem Neuangekommenen zeigen.
Der eine musste seinen Bruder, der andere seine Gueter und der Dritte
sonst wieder etwas gekannt haben, so dass der Major bei einem
lebhaften Gespraech sich immer als den Mittelpunkt fuehlte. Auch sass er
zunaechst bei der Schoenen; ihre Augen waren auf ihn, ihr Laecheln an
ihn gerichtet; genug, er fand sich so behaglich, dass er beinahe die
Ursache vergass, warum er gekommen war. Auch erwaehnte sie seines
Sohnes kaum mit einem Worte, obgleich der junge Mann lebhaft
mitsprach; er schien fuer sie, wie die uebrigen alle, heute nur um des
Vaters willen gegenwaertig.

Frauenzimmerliche Handarbeiten, in Gesellschaft unternommen und
scheinbar gleichgueltig fortgesetzt, erhalten durch Klugheit und Anmut
oft eine wichtige Bedeutung. Unbefangen und emsig fortgesetzt, geben
solche Bemuehungen einer Schoenen das Ansehen voelliger Unaufmerksamkeit
auf die Umgebung und erregen in derselben ein stilles Missgefuehl. Dann
aber, gleichsam wie beim Erwachen, ein Wort, ein Blick versetzt die
Abwesende wieder mitten in die Gesellschaft, sie erscheint als neu
willkommen; legt sie aber gar die Arbeit in den Schoss nieder, zeigt
sie Aufmerksamkeit auf eine Erzaehlung, einen belehrenden Vortrag, in
welchem sich die Maenner so gern ergehen, dies wird demjenigen hoechst
schmeichelhaft, den sie dergestalt beguenstigt.

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