Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2
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Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2
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Unsere schoene Witwe arbeitete auf diese Weise an einer so praechtigen
als geschmackvollen Brieftasche, die sich noch ueberdies durch ein
groesseres Format auszeichnete. Dies ward nun eben von der
Gesellschaft besprochen, von dem naechsten Nachbar aufgenommen, unter
grossen Lobpreisungen der Reihe nach herumgegeben, indessen die
Kuenstlerin sich mit dem Major von ernsten Gegenstaenden besprach; ein
alter Hausfreund ruehmte das beinahe fertige Werk mit uebertreibung,
doch als solches an den Major kam, schien sie es als seiner
Aufmerksamkeit nicht wert von ihm ablehnen zu wollen, wogegen er auf
eine verbindliche Weise die Verdienste der Arbeit anzuerkennen
verstand, inzwischen der Hausfreund darin ein penelopeisch
zauderhaftes Werk zu sehen glaubte.
Man ging in den Zimmern auf und ab und gesellte sich zufaellig
zusammen. Der Lieutenant trat zu der Schoenen und fragte: "Was sagen
Sie zu meinem Vater?" Laechelnd versetzte sie: "Mich deucht, dass Sie
ihn wohl zum Muster nehmen koennten. Sehn Sie nur, wie nett er
angezogen ist! Ob er sich nicht besser traegt und haelt als sein lieber
Sohn!" So fuhr sie fort, den Vater auf Unkosten des Sohnes zu
beschreiben und zu loben und eine sehr gemischte Empfindung von
Zufriedenheit und Eifersucht in dem Herzen des jungen Mannes
hervorzubringen.
Nicht lange, so gesellte sich der Sohn zum Vater und erzaehlte ihm
alles haarklein wieder. Der Vater betrug sich nur desto freundlicher
gegen die Witwe, und sie setzte sich gegen ihn schon auf einen
lebhafteren, vertraulichem Ton. Kurz, man kann sagen, dass, als es zum
Scheiden ging, der Major so gut als die uebrigen alle ihr und ihrem
Kreise schon angehoerte.
Ein stark einfallender Regen hinderte die Gesellschaft, auf die
Weise nach Hause zu kehren, wie sie gekommen war. Einige Equipagen
fuhren vor, in welche man die Fussgaenger verteilte; nur der Lieutenant,
unter dem Vorwande, man sitze ohnehin schon zu eng, liess den Vater
fortfahren und blieb zurueck.
Der Major, als er in sein Zimmer trat, fuehlte sich wirklich in einer
Art von Taumel, von Unsicherheit seiner selbst, wie es denen geht,
die schnell aus einem Zustande in den entgegengesetzten uebertreten.
Die Erde scheint sich fuer den zu bewegen, der aus dem Schiffe steigt,
und das Licht zittert noch im Auge dessen, der auf einmal ins Finstere
tritt. So fuehlte sich der Major noch von der Gegenwart des schoenen
Wesens umgeben. Er wuenschte, sie noch zu sehen, zu hoeren, sie wieder
zu sehen, wieder zu hoeren; und nach einiger Besinnung verzieh er
seinem Sohne, ja er pries ihn gluecklich, dass er Ansprueche machen
duerfe, so viel Vorzuege zu besitzen.
Aus diesen Empfindungen riss ihn der Sohn, der mit einer lebhaften
Entzueckung zur Tuere hereinstuerzte, den Vater umarmte und ausrief:
"Ich bin der gluecklichste Mensch von der Welt!" Nach solchen und
aehnlichen Ausrufen kam es endlich unter beiden zur Aufklaerung. Der
Vater bemerkte, dass die schoene Frau im Gespraech gegen ihn des Sohnes
auch nicht mit einer Silbe erwaehnt habe.--"Das ist eben ihre zarte,
schweigende, halb schweigende, halb andeutende Manier, wodurch man
seiner Wuensche gewiss wird und sich doch immer des Zweifels nicht ganz
erwehren kann. So war sie bisher gegen mich; aber Ihre Gegenwart,
mein Vater, hat Wunder getan. Ich gestehe es gern, dass ich
zurueckblieb, um sie noch einen Augenblick zu sehen. Ich fand sie in
ihren erleuchteten Zimmern auf und ab gehen; denn ich weiss wohl, es
ist ihre Gewohnheit: wenn die Gesellschaft weg ist, darf kein Licht
ausgeloescht werden. Sie geht allein in ihren Zaubersaelen auf und ab,
wenn die Geister entlassen sind, die sie hergebannt hat. Sie liess
den Vorwand gelten, unter dessen Schutz ich zurueckkam. Sie sprach
anmutig, doch von gleichgueltigen Dingen. Wir gingen hin und wider
durch die offenen Tueren die ganze Reihe der Zimmer durch. Wir waren
schon einigemale bis ans Ende gelangt, in das kleine Kabinett, das
nur von einer trueben Lampe erhellt ist. War sie schoen, wenn sie sich
unter den Kronleuchtern her bewegte, so war sie es noch unendlich mehr,
beleuchtet von dem sanften Schein der Lampe. Wir waren wieder dahin
gekommen und standen beim Umkehren einen Augenblick still. Ich weiss
nicht, was mir die Verwegenheit abnoetigte, ich weiss nicht, wie ich es
wagen konnte, mitten im gleichgueltigsten Gespraech auf einmal ihre
Hand zu fassen, diese zarte Hand zu kuessen, sie an mein Herz zu
druecken. Man zog sie nicht weg. "Himmlisches Wesen", rief ich,
"verbirg dich nicht laenger vor mir. Wenn in diesem schoenen Herzen
eine Neigung wohnt fuer den Gluecklichen, der vor dir steht, so
verhuelle sie nicht laenger, offenbare sie, gestehe sie! es ist die
schoenste, es ist die hoechste Zeit. Verbanne mich oder nimm mich in
deinen Armen auf!"
Ich weiss nicht, was ich alles sagte, ich weiss nicht, wie ich mich
gebaerdete. Sie entfernte sich nicht, sie widerstrebte nicht, sie
antwortete nicht. Ich wagte es, sie in meine Arme zu fassen, sie zu
fragen, ob sie die Meinige sein wolle. Ich kuesste sie mit Ungestuem;
sie draengte mich weg.--"Ja, doch, ja!" oder so etwas sagte sie
halblaut und wie verworren. Ich entfernte mich und rief: "Ich sende
meinen Vater, der soll fuer mich reden!"--"Kein Wort mit ihm darueber!"
versetzte sie, indem sie mir einige Schritte nachfolgte. "Entfernen
Sie sich, vergessen Sie, was geschehen ist.""
Was der Major dachte, wollen wir nicht entwickeln. Er sagte jedoch
zum Sohne: "Was glaubst du nun, was zu tun sei? Sie Sache ist,
daecht' ich, aus dem Stegreife gut genug eingeleitet, dass wir nun
etwas foermlicher zu Werke gehen koennen, dass es vielleicht sehr
schicklich ist, wenn ich mich morgen dort melde und fuer dich anhalte.
"--"Um Gottes willen, mein Vater!" rief er aus, "das hiesse die ganze
Sache verderben. Jenes Betragen, jener Ton will durch keine
Foermlichkeit gestoert und verstimmt sein. Es ist genug, mein Vater,
dass Ihre Gegenwart diese Verbindung beschleunigt, ohne dass Sie ein
Wort aussprechen. Ja, Sie sind es, dem ich mein Glueck schuldig bin!
Die Achtung meiner Geliebten fuer Sie hat jeden Zweifel besiegt, und
niemals wuerde der Sohn einen so gluecklichen Augenblick gefunden haben,
wenn ihn der Vater nicht vorbereitet haette."
Solche und aehnliche Mitteilungen unterhielten sie bis tief in die
Nacht. Sie vereinigten sich wechselseitig ueber ihre Plane; der Major
wollte bei der schoenen Witwe nur noch der Form wegen einen
Abschiedsbesuch machen und sodann seiner Verbindung mit Hilarien
entgegengehen; der Sohn sollte die seinige befoerdern und
beschleunigen, wie es moeglich waere.
Viertes Kapitel
Der schoenen Witwe machte unser Major einen Morgenbesuch, um Abschied
zu nehmen und, wenn es moeglich waere, die Absicht seines Sohnes mit
Schicklichkeit zu foerdern. Er fand sie in zierlichster
Morgenkleidung in Gesellschaft einer aeltern Dame, die durch ein hoechst
gesittetes, freundliches Wesen ihn alsobald einnahm. Die Anmut der
Juengern, der Anstand der aelteren setzten das Paar in das
wuenschenswerteste Gleichgewicht, auch schien ihr wechselseitiges
Betragen durchaus dafuer zu sprechen, dass sie einander angehoerten.
Die Juengere schien eine fleissig gearbeitete, uns von gestern schon
bekannte Brieftasche soeben vollendet zu haben; denn nach den
gewoehnlichen Empfangsbegruessungen und verbindlichen Worten eines
willkommenen Erscheinens wendete sie sich zur Freundin und reichte das
kuenstliche Werk hin, gleichsam ein unterbrochenes Gespraech wieder
anknuepfend: "Sie sehen also, dass ich doch fertig geworden bin, wenn
es gleich wegen Zoegerns und manchen Saeumens den Anschein nicht hatte."
"Sie kommen eben recht, Herr Major", sagte die aeltere, "unsern
Streit zu entscheiden oder wenigstens sich fuer eine oder die andere
Partei zu erklaeren; ich behaupte, man faengt eine solche
weitschichtige Arbeit nicht an, ohne einer Person zu gedenken, der
man sie bestimmt hat, man vollendet sie nicht ohne einen solchen
Gedanken. Beschauen Sie selbst das Kunstwerk, denn so nenn' ich es
billig, ob dergleichen so ganz ohne Zweck unternommen werden koenne."
Unser Major musste der Arbeit freilich allen Beifall zusprechen.
Teils geflochten, teils gestickt, erregte sie zugleich mit der
Bewunderung das Verlangen, zu erfahren, wie sie gemacht sei. Die
bunte Seide waltete vor, doch war auch das Gold nicht verschmaeht,
genug, man wusste nicht, ob man Pracht oder Geschmack mehr bewundern
sollte.
"Es ist doch noch einiges daran zu tun", versetzte die Schoene, indem
sie die Schleife des umgeschlagenen Bandes wieder aufzog und sich mit
dem Innern beschaeftigte. "Ich will nicht streiten", fuhr sie fort,
"aber erzaehlen will ich, wie mir bei solchem Geschaeft zumute ist.
Als junge Maedchen werden wir gewoehnt, mit den Fingern zu tifteln und
mit den Gedanken umherzuschweifen; beides bleibt uns, indem wir nach
und nach die schwersten und zierlichsten Arbeiten verfertigen lernen,
und ich leugne nicht, dass ich an jede Arbeit dieser Art immer
Gedanken angeknuepft habe, an Personen, an Zustaende, an Freud und Leid.
Und so ward mir das Angefangene wert und das Vollendete, ich darf
wohl sagen, kostbar. Als ein solches nun durft' ich das Geringste
fuer etwas halten, die leichteste Arbeit gewann einen Wert, und die
schwierigste doch auch nur dadurch, dass die Erinnerung dabei reicher
und vollstaendiger war. Freunden und Liebenden, ehrwuerdigen und hohen
Personen glaubt' ich daher dergleichen immer anbieten zu koennen; sie
erkannten es auch und wussten, dass ich ihnen etwas von meinem
Eigensten ueberreichte, das, vielfach und unaussprechlich, doch
zuletzt zu einer angenehmen Gabe vereinigt, immer wie ein freundlicher
Gruss wohlgefaellig aufgenommen ward."
Auf ein so liebenswuerdiges Bekenntnis war freilich kaum eine
Erwiderung moeglich; doch wusste die Freundin dagegen etwas in
wohlklingende Worte zu fuegen. Der Major aber, von jeher gewohnt, die
anmutige Weisheit roemischer Schriftsteller und Dichter zu schaetzen und
ihre leuchtenden Ausdruecke dem Gedaechtnis einzupraegen, erinnerte sich
einiger hierher gar wohl passender Verse, huetete sich aber, um nicht
als Pedant zu erscheinen, sie auszusprechen oder auch ihrer nur zu
erwaehnen; versuchte jedoch, um nicht stumm und geistlos zu erscheinen,
aus dem Stegreif eine prosaische Paraphrase, die aber nicht recht
gelingen wollte, wodurch das Gespraech beinahe ins Stocken geraten
waere.
Die aeltere Dame griff deshalb nach einem bei dem Eintritt des
Freundes niedergelegten Buche; es war eine Sammlung von Poesien,
welche soeben die Aufmerksamkeit der Freundinnen beschaeftigte; dies
gab Gelegenheit, von Dichtkunst ueberhaupt zu sprechen, doch blieb die
Unterhaltung nicht lange im Allgemeinen, denn gar bald bekannten die
Frauenzimmer zutraulich, dass sie von dem poetischen Talent des Majors
unterrichtet seien. Ihnen hatte der Sohn, der selbst auf den
Ehrentitel eines Dichters seine Absichten nicht verbarg, von den
Gedichten seines Vaters gesprochen, auch einiges rezitiert; im Grunde,
um sich mit einer poetischen Herkunft zu schmeicheln und, wie es die
Jugend gewohnt ist, sich fuer einen vorschreitenden, die Faehigkeiten
des Vaters steigernden Juengling bescheidentlich geben zu koennen. Der
Major aber, der sich zurueckzuziehen suchte, da er bloss als Literator
und Liebhaber gelten wollte, suchte, da ihm kein Ausweg gelassen war,
wenigstens auszuweichen, indem er die Dichtart, in der er sich
allenfalls geuebt habe, fuer subaltern und fast fuer unrecht wollte
angesehen wissen; er konnte nicht leugnen, dass er in demjenigen, was
man beschreibend und in einem gewissen Sinne belehrend nennt, einige
Versuche gemacht habe.
Die Damen, besonders die juengere, nahmen sich dieser Dichtart an;
sie sagte: "Wenn man vernuenftig und ruhig leben will, welches denn
doch zuletzt eines jeden Menschen Wunsch und Absicht bleibt, was soll
uns da das aufgeregte Wesen, das uns willkuerlich anreizt, ohne etwas
zu geben, das uns beunruhigt, um uns denn doch zuletzt uns wieder
selbst zu ueberlassen; unendlich viel angenehmer ist mir, da ich doch
einmal der Dichtung nicht gern entbehren mag, jene, die mich in
heitere Gegenden versetzt, wo ich mich wiederzuerkennen glaube, mir
den Grundwert des Einfach-Laendlichen zu Gemuete fuehrt, mich durch
buschige Haine zum Wald, unvermerkt auf eine Hoehe zum Anblick eines
Landsees hinfuehrt, da denn auch wohl gegenueber erst angebaute Huegel,
sodann waldgekroente Hoehen emporsteigen und die blauen Berge zum
Schluss ein befriedigendes Gemaelde bilden. Bringt man mir das alles in
klaren Rhythmen und Reimen, so bin ich auf meinem Sofa dankbar, dass
der Dichter ein Bild in meiner Imagination entwickelt hat, an dem ich
mich ruhiger erfreuen kann, als wenn ich es, nach ermuedender
Wanderschaft, vielleicht unter andern, unguenstigen Umstaenden vor Augen
sehe."
Der Major, der das vorwaltende Gespraech eigentlich nur als Mittel
ansah, seine Zwecke zu befoerdern, suchte sich wieder nach der
lyrischen Dichtkunst hinzuwenden, worin sein Sohn wirklich Loebliches
geleistet hatte. Man widersprach ihm nicht geradezu, aber man suchte
ihn von dem Wege wegzuscherzen, den er eingeschlagen hatte, besonders
da er auf leidenschaftliche Gedichte hinzudeuten schien, womit der
Sohn der unvergleichlichen Dame die entschiedene Neigung seines
Herzens nicht ohne Kraft und Geschick vorzutragen gesucht hatte.
"Lieder der Liebenden", sagte die schoene Frau, "mag ich weder
vorgelesen noch vorgesungen; gluecklich Liebende beneidet man, eh' man
sich's versieht, und die Ungluecklichen machen uns immer Langeweile."
Hierauf nahm die aeltere Dame, zu ihrer holden Freundin gewendet, das
Wort auf und sagte: "Warum machen wir solche Umschweife, verlieren
die Zeit in Umstaendlichkeiten gegen einen Mann, den wir verehren und
lieben? Sollen wir ihm nicht vertrauen, dass wir sein anmutiges
Gedicht, worin er die wackere Leidenschaft zur Jagd in allen ihren
Einzelheiten vortraegt, schon teilweise zu kennen das Vergnuegen haben,
und nunmehr ihn bitten, auch das Ganze nicht vorzuenthalten? Ihr
Sohn", fuhr sie fort, "hat uns einige Stellen mit Lebhaftigkeit aus
dem Gedaechtnis vorgetragen und uns neugierig gemacht, den Zusammenhang
zu sehen." Als nun der Vater abermals auf die Talente des Sohnes
zurueckkehren und diese hervorheben wollte, liessen es die Damen nicht
gelten, indem sie es fuer eine offenbare Ausflucht ansprachen, um die
Erfuellung ihrer Wuensche indirekt abzulehnen. Er kam nicht los, bis er
unbewunden versprochen hatte, das Gedicht zu senden, sodann aber nahm
das Gespraech eine Wendung, die ihn hinderte, zugunsten des Sohnes
weiter etwas vorzubringen, besonders da ihm dieser alle
Zudringlichkeit abgeraten hatte.
Da es nun Zeit schien, sich zu beurlauben, und der Freund auch
deshalb einige Bewegung machte, sprach die Schoene mit einer Art von
Verlegenheit, wodurch sie nur noch schoener ward, indem sie die frisch
geknuepfte Schleife der Brieftasche sorgfaeltig zurechtzupfte: "Dichter
und Liebhaber sind laengst schon leider im Ruf, dass ihren Versprechen
und Zusagen nicht viel zu trauen sei; verzeihen Sie daher, wenn ich
das Wort eines Ehrenmannes in Zweifel zu ziehen wage und deshalb ein
Pfand, einen Treupfennig nicht verlange, sondern gebe. Nehmen Sie
diese Brieftasche, sie hat etwas aehnliches von Ihrem Jagdgedicht, viel
Erinnerungen sind daran geknuepft, manche Zeit verging unter der
Arbeit, endlich ist sie fertig; bedienen Sie sich derselben als eines
Boten, uns Ihre liebliche Arbeit zu ueberbringen."
Bei solch unerwartetem Anerbieten fuehlte sich der Major wirklich
betroffen; die zierliche Pracht dieser Gabe hatte so gar kein
Verhaeltnis zu dem, was ihn gewoehnlich umgab, zu dem uebrigen, dessen
er sich bediente, dass er sie sich, obgleich dargereicht, kaum zueignen
konnte; doch nahm er sich zusammen, und wie seinem Erinnern ein
ueberliefertes Gute niemals versagte, so trat eine klassische Stelle
alsbald ihm ins Gedaechtnis. Nur waere es pedantisch gewesen, sie
anzufuehren, doch regte sie einen heitern Gedanken bei ihm auf, dass er
aus dem Stegreife mit artiger Paraphrase einen freundlichen Dank und
ein zierliches Kompliment entgegenzubringen im Falle war; und so
schloss sich denn diese Szene auf eine befriedigende Weise fuer die
saemtlichen Unterredenden.
Also fand er sich zuletzt nicht ohne Verlegenheit in ein angenehmes
Verhaeltnis verflochten; er hatte zu senden, zu schreiben zugesagt,
sich verpflichtet, und wenn ihm die Veranlassung einigermassen
unangenehm fiel, so musste er es doch fuer ein Glueck schaetzen, auf eine
heitere Weise mit dem Frauenzimmer in Verhaeltnis zu bleiben, das bei
ihren grossen Vorzuegen ihm so nahe angehoeren sollte. Er schied also
nicht ohne eine gewisse innere Zufriedenheit; denn wie sollte der
Dichter eine solche Aufmunterung nicht empfinden, dessen
treufleissiger Arbeit, die so lange unbeachtet geruht, nun ganz
unerwartet eine liebenswuerdige Aufmerksamkeit zuteil wird.
Gleich nach seiner Rueckkehr ins Quartier setzte der Major sich
nieder, zu schreiben, seiner guten Schwester alles zu berichten, und
da war nichts natuerlicher, als dass in seiner Darstellung eine gewisse
Exaltation sich hervortat, wie er sie selbst empfand, die aber durch
das Einreden seines von Zeit zu Zeit stoerenden Sohns noch mehr
gesteigert wurde.
Auf die Baronin machte dieser Brief einen sehr gemischten Eindruck;
denn wenn auch der Umstand, wodurch die Verbindung des Bruders mit
Hilarien befoerdert und beschleunigt werden konnte, geeignet war, sie
ganz zufriedenzustellen, so wollte ihr doch die schoene Witwe nicht
gefallen, ohne dass sie sich deswegen Rechenschaft zu geben gedacht
haette. Wir machen bei dieser Gelegenheit folgende Bemerkung.
Den Enthusiasmus fuer irgendeine Frau muss man einer andern niemals
anvertrauen; sie kennen sich untereinander zu gut, um sich einer
solchen ausschliesslichen Verehrung wuerdig zu halten. Die Maenner
kommen ihnen vor wie Kaeufer im Laden, wo der Handelsmann mit seinen
Waren, die er kennt, im Vorteil steht, auch sie in dem besten Lichte
vorzuzeigen die Gelegenheit wahrnehmen kann; dahingegen der Kaeufer
immer mit einer Art Unschuld hereintritt, er bedarf der Ware, will
und wuenscht sie und versteht gar selten, sie mit Kenneraugen zu
betrachten. Jener weiss recht gut, was er gibt, dieser nicht immer,
was er empfaengt. Aber es ist einmal im menschlichen Leben und Umgang
nicht zu aendern, ja so loeblich als notwendig, denn alles Begehren und
Freien, alles Kaufen und Tauschen beruht darauf.
In Gefolge solches Empfindens mehr als Betrachtens konnte die
Baronesse weder mit der Leidenschaft des Sohns noch mit der guenstigen
Schilderung des Vaters voellig zufrieden sein; sie fand sich
ueberrascht von der gluecklichen Wendung der Sache, doch liess eine
Ahnung wegen doppelter Ungleichheit des Alters sich nicht abweisen.
Hilarie ist ihr zu jung fuer den Bruder, die Witwe fuer den Sohn nicht
jung genug; indessen hat die Sache ihren Gang genommen, der nicht
aufzuhalten scheint. Ein frommer Wunsch, dass alles gut gehen moege,
stieg mit einem leisen Seufzer empor. Um ihr Herz zu erleichtern,
nahm sie die Feder und schrieb an jene menschenkennende Freundin,
indem sie nach einem geschichtlichen Eingang also fortfuhr.
"Die Art dieser jungen, verfuehrerischen Witwe ist mir nicht
unbekannt; weiblichen Umgang scheint sie abzulehnen und nur eine Frau
um sich zu leiden, die ihr keinen Eintrag tut, ihr schmeichelt und,
wenn ihre stummen Vorzuege sich nicht klar genug dartaeten, sie noch mit
Worten und geschickter Behandlung der Aufmerksamkeit zu empfehlen
weiss. Zuschauer, Teilnehmer an einer solchen Repraesentation muessen
Maenner sein, daher entsteht die Notwendigkeit, sie anzuziehen, sie
festzuhalten. Ich denke nichts uebles von der schoenen Frau, sie
scheint anstaendig und behutsam genug, aber eine solche luesterne
Eitelkeit opfert den Umstaenden auch wohl etwas auf, und, was ich fuer
das Schlimmste halte: nicht alles ist reflektiert und vorsaetzlich,
ein gewisses glueckliches Naturell leitet und beschuetzt sie, und
nichts ist gefaehrlicher an so einer gebornen Kokette als eine aus der
Unschuld entspringende Verwegenheit."
Der Major, nunmehr auf den Guetern angelangt, widmete Tag und Stunde
der Besichtigung und Untersuchung. Er fand sich in dem Falle, zu
bemerken, dass ein richtiger, wohlgefasster Hauptgedanke in der
Ausfuehrung mannigfaltigen Hindernissen und dem Durchkreuzen so vieler
Zufaelligkeiten unterworfen ist, in dem Grade, dass der erste Begriff
beinahe verschwindet und fuer Augenblicke ganz und gar unterzugehen
scheint, bis mitten in allen Verwirrungen dem Geiste die Moeglichkeit
eines Gelingens sich wieder darstellt, wenn wir die Zeit als den
besten Alliierten einer unbesiegbaren Ausdauer uns die Hand bieten
sehen.
Und so waere denn auch hier der traurige Anblick schoener,
ansehnlicher, vernachlaessigter, missbrauchter Besitzungen zu einem
trostlosen Zustande geworden, haette man nicht durch das verstaendige
Bemerken einsichtiger oekonomen zugleich vorausgesehen, dass eine Reihe
von Jahren, mit Verstand und Redlichkeit benutzt, hinreichend sein
werde, das Abgestorbene zu beleben und das Stockende in Umtrieb zu
versetzen, um zuletzt durch Ordnung und Taetigkeit seinen Zweck zu
erreichen.
Der behagliche Obermarschall war angelangt, und zwar mit einem
ernsten Advokaten, doch gab dieser dem Major weniger Besorgnisse als
jener, der zu den Menschen gehoerte, die keine Zwecke haben oder, wenn
sie einen vor sich sehen, die Mittel dazu ablehnen. Ein taeglich--und
stuendliches Behagen war ihm das unerlaessliche Beduerfnis seines Lebens.
Nach langem Zaudern ward es ihm endlich Ernst, seine Glaeubiger
loszuwerden, die Gueterlast abzuschuetteln, die Unordnung seines
Hauswesens in Regel zu setzen, eines anstaendigen, gesicherten
Einkommens ohne Sorge zu geniessen, dagegen aber auch nicht das
geringste von den bisherigen Braeuchlichkeiten fahren zu lassen.
Im ganzen gestand er alles ein, was die Geschwister in den
ungetruebten Besitz der Gueter, besonders auch des Hauptgutes, setzen
sollte, aber auf einen gewissen benachbarten Pavillon, in welchem er
alle Jahr auf seinen Geburtstag die aeltesten Freunde und die neusten
Bekannten einlud, ferner auf den daran gelegenen Ziergarten, der
solchen mit dem Hauptgebaeude verband, wollte er die Ansprueche nicht
voellig aufgeben. Die Meublen alle sollten in dem Lusthause bleiben,
die Kupferstiche an den Waenden sowie auch die Fruechte der Spaliere ihm
versichert werden. Pfirsiche und Erdbeeren von den ausgesuchtesten
Sorten, Birnen und aepfel, gross und schmackhaft, besonders aber eine
gewisse Sorte grauer, kleiner aepfel, die er seit vielen Jahren der
Fuerstin Witwe zu verehren gewohnt war, sollten ihm treulich geliefert
sein. Hieran schlossen sich noch andere Bedingungen, wenig bedeutend,
aber dem Hausherrn, Paechter, Verwaltern, Gaertnern ungemein
beschwerlich.
Der Obermarschall war uebrigens von dem besten Humor; denn da er den
Gedanken nicht fahren liess, dass alles nach seinen Wuenschen, wie es
ihm sein leichtes Temperament vorgespiegelt hatte, sich endlich
einrichten wuerde, so sorgte er fuer eine gute Tafel, machte sich
einige Stunden auf einer muehelosen Jagd die noetige Bewegung, erzaehlte
Geschichten auf Geschichten und zeigte durchaus das heiterste Gesicht;
auch schied er auf gleiche Weise, dankte dem Major zum schoensten, dass
er so bruederlich verfahren, verlangte noch etwas Geld, liess die
kleinen vorraetigen grauen Goldaepfel, welche dieses Jahr besonders
wohl geraten waren, sorgfaeltig einpacken und fuhr mit diesem Schatz,
den er als eine willkommene Verehrung der Fuerstin zu ueberreichen
gedachte, nach ihrem Witwensitz, wo er denn auch gnaedig und
freundlich empfangen ward.
Der Major an seiner Seite blieb mit ganz entgegengesetzten Gefuehlen
zurueck und waere an den Verschraenkungen, die er vor sich fand, fast
verzweifelt, waere ihm nicht das Gefuehl zu Huelfe gekommen, das einen
taetigen Mann freudig aufrichtet, wenn er das Verworrene zu loesen, als
entworren vor sich zu sehen hoffen darf.
Gluecklicherweise war der Advokat ein rechtlicher Mann, der, weil er
sonst viel zu tun hatte, diese Angelegenheit bald beendigte. Ebenso
gluecklich schlug sich ein Kammerdiener des Obermarschalls hinzu, der
gegen maessige Bedingungen in dem Geschaeft mitzuwirken versprach,
wodurch man einem gedeihlichen Abschluss entgegensehen durfte. So
angenehm aber auch dieses war, so fuehlte doch der Major als ein
rechtlicher Mann im Hin--und Widerwirken bei dieser Angelegenheit, es
beduerfe gar manches Unreinen, um ins Reine zu kommen.
Bei einer Pause des Geschaefts, die ihm einige Freiheit liess, eilte
er auf sein Gut, wo er, des Versprechens eingedenk, das er an die
schoene Witwe getan und das ihm nicht aus dem Sinne gekommen war,
seine Gedichte versuchte, die in guter Ordnung verwahrt lagen; zu
gleicher Zeit kamen ihm manche Gedenk--und Erinnerungsbuecher, Auszuege
beim Lesen alter und neuer Schriftsteller enthaltend, wieder zur Hand.
Bei seiner Vorliebe fuer Horaz und die roemischen Dichter war das
meiste daher, und es fiel ihm auf, dass die Stellen groesstenteils
Bedauern vergangner Zeit, voruebergeschwundner Zustaende und
Empfindungen andeuteten. Statt vieler ruecken wir die einzige Stelle
hier ein:
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