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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2

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"Heu!
Quae mens est hodie, cur eadem non puero fuit?
Vel cur bis animis incolumes non redeunt genae!"


"Wie ist heut mir doch zumute?
So vergnueglich und so klar!
Da bei frischem Knabenblute
Mir so wild, so duester war.
Doch wenn mich die Jahre zwacken,
Wie auch wohlgemut ich sei,
Denk' ich jene roten Backen,
Und ich wuensche sie herbei."




Nachdem unser Freund nun aus wohlgeordneten Papieren das Jagdgedicht
gar bald herausgefunden, erfreute er sich an der sorgfaeltigen
Reinschrift, wie er sie vor Jahren mit lateinischen Lettern, gross
Oktav, zierlichst verfasst hatte. Die koestliche Brieftasche von
bedeutender Groesse nahm das Werk ganz bequem auf, und nicht leicht hat
ein Autor sich so praechtig eingebunden gesehen. Einige Zeilen dazu
waren hoechst notwendig; Prosaisches aber kaum zulaessig. Jene Stelle
des Ovid fiel ihm wieder ein, und er glaubte jetzt durch eine
poetische Umschreibung, so wie damals durch eine prosaische, sich am
besten aus der Sache zu ziehen. Sie hiess:



"Nec factas solum vestes spectare juvabat,
Tum quoque dum fierent; tantus decor adfuit arti."




Zu Deutsch:



"Ich sah's in meisterlichen Haenden
--Wie denk' ich gern der schoenen Zeit!--
Sich erst entwickeln, dann vollenden
Zu nie gesehner Herrlichkeit.
Zwar ich besitz' es gegenwaertig,
Doch soll ich mir nur selbst gestehn:
Ich wollt', es waere noch nicht fertig,
Das Machen war doch gar zu schoen!"






Mit diesem uebertragenen war unser Freund nur wenige Zeit zufrieden;
er tadelte, dass er das schoene flektierte Verbum: dum fierent, in ein
traurig abstraktes Substantivum veraendert habe, und es verdross ihn,
bei allem Nachdenken die Stelle doch nicht verbessern zu koennen. Nun
ward auf einmal seine Vorliebe zu den alten Sprachen wieder lebendig,
und der Glanz des Deutschen Parnasses, auf den er doch auch im stillen
hinaufstrebte, schien ihm sich zu verdunkeln.

Endlich aber, da er dieses heitere Kompliment, mit dem Urtexte
unverglichen, noch ganz artig fand und glauben durfte, dass ein
Frauenzimmer es ganz wohl aufnehmen wuerde, so entstand eine zweite
Bedenklichkeit: dass, da man in Versen nicht galant sein kann, ohne
verliebt zu scheinen, er dabei als kuenftiger Schwiegervater eine
wunderliche Rolle spiele. Das Schlimmste jedoch fiel ihm zuletzt ein:
jene Ovidischen Verse werden von Arachnen gesagt, einer ebenso
geschickten als huebschen und zierlichen Weberin. Wurde nun aber diese
durch die neidische Minerva in eine Spinne verwandelt, so war es
gefaehrlich, eine schoene Frau, mit einer Spinne, wenn auch nur von
ferne, verglichen, im Mittelpunkte eines ausgebreiteten Netzes
schweben zu sehen. Konnte man sich doch unter der geistreichen
Gesellschaft, welche unsre Dame umgab, einen Gelehrten denken,
welcher diese Nachbildung ausgewittert haette. Wie sich nun der Freund
aus einer solchen Verlegenheit gezogen, ist uns selbst unbekannt
geblieben, und wir muessen diesen Fall unter diejenigen rechnen, ueber
welche die Musen auch wohl einen Schleier zu werfen sich die
Schalkheit erlauben. Genug, das Jagdgedicht selbst ward abgesendet,
von welchem wir jedoch einige Worte nachzubringen haben.

Der Leser desselben belustigt sich an der entschiedenen
Jagdliebhaberei und allem, was sie beguenstigen mag; erfreulich ist
der Jahreszeitenwechsel, der sie mannigfaltig aufruft und anregt.
Die Eigenheiten saemtlicher Geschoepfe, denen man nachstellt, die man zu
erlegen gesinnt ist, die verschiedenen Charaktere der Jaeger, die sich
dieser Lust, dieser Muehe hingeben, die Zufaelligkeiten, wie sie
befoerdern oder schaedigen: alles war, besonders was auf das Gefluegel
Bezug hatte, mit der besten Laune dargestellt und mit grosser
Eigentuemlichkeit behandelt.

Von der Auerhahnbalz bis zum zweiten Schnepfenstrich und von da bis
zur Rabenhuette war nichts versaeumt, alles wohl gesehen, klar
aufgenommen, leidenschaftlich verfolgt, leicht und scherzhaft, oft
ironisch dargestellt.

Jenes elegische Thema klang jedoch durch das Ganze durch; es war
mehr als ein Abschied von diesen Lebensfreuden verfasst, wodurch es
zwar einen gefuehlvollen Anstrich des heiter Durchlebten gewann und
sehr wohltaetig wirkte, aber doch zuletzt, wie jene Sinnsprueche, nach
dem Genuss ein gewisses Leere empfinden liess. War es das Umblaettern
dieser Papiere oder sonst ein augenblickliches Missbefinden, der Major
fuehlte sich nicht heiter gestimmt. Dass die Jahre, die zuerst eine
schoene Gabe nach der andern bringen, sie alsdann nach und nach wieder
entziehen, schien er auf dem Scheidepunkt, wo er sich befand, auf
einmal lebhaft zu fuehlen. Eine versaeumte Badereise, ein ohne Genuss
verstrichener Sommer, Mangel an stetiger gewohnter Bewegung, alles
liess ihn gewisse koerperliche Unbequemlichkeiten empfinden, die er fuer
wirkliche uebel nahm und sich ungeduldiger dabei bewies, als billig
sein mochte.

Wie aber den Frauen der Augenblick, wo ihre bisher unbestrittene
Schoenheit zweifelhaft werden will, hoechst peinlich ist, so wird den
Maennern in gewissen Jahren, obgleich noch im voelligen Vigor, das
leiseste Gefuehl einer unzulaenglichen Kraft aeusserst unangenehm, ja
gewissermassen aengstlich.

Ein anderer eintretender Umstand jedoch, der ihn haette beunruhigen
sollen, verhalf ihm zu der besten Laune. Sein kosmetischer
Kammerdiener, der ihn auch bei dieser Landpartie nicht verlassen
hatte, schien einige Zeit her einen andern Weg einzuschlagen, wozu ihn
fruehes Aufstehn des Majors, taegliches Ausreiten und Umhergehen
desselben sowie der Zutritt mancher Beschaeftigten, auch bei der
Gegenwart des Obermarschalls mehrerer Geschaeftslosen zu noetigen
schien. Mit allen Kleinigkeiten, die nur die Sorgfalt eines Mimen zu
beschaeftigen das Recht hatten, liess er den Major schon einige Zeit
verschont, aber desto strenger hielt er auf einige Hauptpunkte,
welche bisher durch ein geringeres Hokuspokus waren verschleiert
gewesen. Alles, was nicht nur den Schein der Gesundheit bezwecken,
sondern was die Gesundheit selbst aufrechterhalten sollte, ward
eingeschaerft, besonders aber Mass in allem und Abwechslung nach den
Vorkommenheiten, Sorgfalt sodann fuer Haut und Haare, fuer Augenbrauen
und Zaehne, fuer Haende und Naegel, fuer deren zierlichste Form und
schicklichste Laenge der Wissende schon laenger gesorgt hatte. Dabei
wurde Maessigung aber--und abermals in allem, was den Menschen aus
seinem Gleichgewicht zu bringen pflegt, dringend anempfohlen, worauf
denn dieser Schoenheits-Erhaltungs-Lehrer sich seinen Abschied erbat,
weil er seinem Herrn nichts mehr nuetze sei. Indes konnte man denken,
dass er sich doch wohl wieder zu seinem vorigen Patron zurueckwuenschen
mochte, um den mannigfaltigen Vergnuegungen eines theatralischen
Lebens fernerhin sich ergeben zu koennen.

Und wirklich tat es dem Major sehr wohl, wieder sich selbst gegeben
zu sein. Der verstaendige Mann braucht sich nur zu maessigen, so ist er
auch gluecklich. Er mochte sich der herkoemmlichen Bewegung des
Reitens, der Jagd und was sich daran knuepft, wieder mit Freiheit
bedienen, die Gestalt Hilariens trat in solchen einsamen Momenten
wieder freudig hervor, und er fuegte sich in den Zustand des
Braeutigams, vielleicht den anmutigsten, der uns in dem gesitteten
Kreise des Lebens gegoennt ist.

Schon einige Monate waren die saemtlichen Familienglieder ohne
besondere Nachricht voneinander geblieben; der Major beschaeftigte
sich, in der Residenz gewisse Einwilligungen und Bestaetigungen seines
Geschaefts abschliesslich zu negoziieren; die Baronin und Hilarie
richteten ihre Taetigkeit auf die heiterste, reichlichste Ausstattung;
der Sohn, seiner Schoenen mit Leidenschaft dienstpflichtig, schien
hierueber alles zu vergessen. Der Winter war angekommen und umgab
alle laendlichen Wohnungen mit unerfreulichen Sturmregen und
fruehzeitigen Finsternissen.

Wer heute durch eine duestre Novembernacht sich in der Gegend des
adeligen Schlosses verirrt haette und bei dem schwachen Lichte eines
bedeckten Mondes aecker, Wiesen, Baumgruppen, Huegel und Gebuesche
duester vor sich liegen saehe, auf einmal aber bei einer schnellen
Wendung um eine Ecke die ganz erleuchtete Fensterreihe eines langen
Gebaeudes vor sich erblickte, er haette gewiss geglaubt, eine festlich
geschmueckte Gesellschaft dort anzutreffen. Wie sehr verwundert muesste
er aber sein, von wenigen Bedienten erleuchtete Treppen hinaufgefuehrt,
nur drei Frauenzimmer, die Baronin, Hilarien und das Kammermaedchen,
in hellen Zimmern zwischen klaren Waenden, neben freundlichem Hausrat,
durchaus erwaermt und behaglich, zu erblicken.

Da wir nun aber die Baronin in einem festlichen Zustande zu
ueberraschen glauben, so ist es notwendig, zu bemerken, dass diese
glaenzende Erleuchtung hier nicht als ausserordentlich anzusehen sei,
sondern zu den Eigenheiten gehoere, welche die Dame aus ihrem fruehern
Leben mit heruebergebracht hatte. Als Tochter einer Oberhofmeisterin,
bei Hof erzogen, war sie gewohnt, den Winter allen uebrigen
Jahrszeiten vorzuziehen und den Aufwand einer stattlichen Erleuchtung
zum Element aller ihrer Genuesse zu machen. Zwar an Wachskerzen
fehlte es niemals, aber einer ihrer aeltesten Diener hatte so grosse
Lust an Kuenstlichkeiten, dass nicht leicht eine neue Lampenart
entdeckt wurde, die er im Schlosse hie und da einzufuehren nicht waere
bemueht gewesen, wodurch denn zwar die Erhellung mitunter lebhaft
gewann, aber auch wohl gelegentlich hie und da eine partielle
Finsternis eintrat.

Die Baronin hatte den Zustand einer Hofdame durch Verbindung mit
einem bedeutenden Gutsbesitzer und entschiedenen Landwirt aus Neigung
und wohlbedaechtig vertauscht, und ihr einsichtiger Gemahl hatte, da
ihr das Laendliche anfangs nicht zusagte, mit Einstimmung seiner
Nachbarn, ja nach den Anordnungen der Regierung, die Wege mehrere
Meilen ringsumher so gut hergestellt, dass die nachbarlichen
Verbindungen nirgends in so gutem Stande gefunden wurden; doch war
eigentlich bei dieser loeblichen Anstalt die Hauptabsicht, dass die
Dame, besonders zur guten Jahrszeit, ueberall hinrollen konnte;
dagegen aber im Winter gern haeuslich bei ihm verweilte, indem er
durch Erleuchtung die Nacht dem Tag gleich zu machen wusste. Nach dem
Tode des Gemahls gab die leidenschaftliche Sorge fuer ihre Tochter
genugsame Beschaeftigung, der oeftere Besuch des Bruders herzliche
Unterhaltung und die gewohnte Klarheit der Umgebung ein Behagen, das
einer wahren Befriedigung gleichsah.

Den heutigen Tag war jedoch diese Erleuchtung recht am Platze; denn
wir sehen in einem der Zimmer eine Art von Christbescherung
aufgestellt, in die Augen fallend und glaenzend. Das kluge
Kammermaedchen hatte den Kammerdiener dahin vermocht, die Erleuchtung
zu steigern, und dabei alles zusammengelegt und ausgebreitet, was zur
Ausstattung Hilariens bisher vorgearbeitet worden, eigentlich in der
listigen Absicht, mehr das Fehlende zur Sprache zu bringen als
dasjenige zu erheben, was schon geleistet war. Alles Notwendige fand
sich, und zwar aus den feinsten Stoffen und von der zierlichsten
Arbeit; auch an Willkuerlichem war kein Mangel, und doch wusste
Ananette ueberall da noch eine Luecke anschaulich zu machen, wo man
ebensogut den schoensten Zusammenhang haette finden koennen. Wenn nun
alles Weisszeug, stattlich ausgekramt, die Augen blendete, Leinwand,
Mousselin und alle die zarteren Stoffe der Art, wie sie auch Namen
haben moegen, genugsames Licht umherwarfen, so fehlte doch alles bunte
Seidene, mit dessen Ankauf man weislich zoegerte, weil man bei sehr
veraenderlicher Mode das Allerneueste als Gipfel und Abschluss
hinzufuegen wollte.

Nach diesem heitersten Anschauen schritten sie wieder zu ihrer
gewoehnlichen, obgleich mannigfaltigen Abendunterhaltung. Die Baronin,
die recht gut erkannte, was ein junges Frauenzimmer, wohin das
Schicksal sie auch fuehren mochte, bei einem gluecklichen aeussern auch
von innen heraus anmutig und ihre Gegenwart wuenschenswert macht, hatte
in diesem laendlichen Zustande so viele abwechselnde und bildende
Unterhaltungen einzuleiten gewusst, dass Hilarie bei ihrer grossen
Jugend schon ueberall zu Hause schien, bei keinem Gespraech sich fremd
erwies und doch dabei ihren Jahren voellig gemaess sich erzeigte. Wie
dies geleistet werden konnte, zu entwickeln, wuerde zu weitlaeufig sein;
genug, dieser Abend war auch ein Musterbild des bisherigen Lebens.
Ein geistreiches Lesen, ein anmutiges Pianospiel, ein lieblicher
Gesang zog sich durch die Stunden durch, zwar wie sonst gefaellig und
regelmaessig, aber doch mit mehr Bedeutung; man hatte einen Dritten im
Sinne, einen geliebten, verehrten Mann, dem man dieses und so manches
andere zum freundlichsten Empfang voruebte. Es war ein braeutliches
Gefuehl, das nicht nur Hilarien mit den suessesten Empfindungen belebte;
die Mutter mit feinem Sinne nahm ihren reinen Teil daran, und selbst
Ananette, sonst nur klug und taetig, musste sich gewissen entfernten
Hoffnungen hingeben, die ihr einen abwesenden Freund als
zurueckkehrend, als gegenwaertig vorspiegelten. Auf diese Weise hatten
sich die Empfindungen aller drei in ihrer Art liebenswuerdigen Frauen
mit der sie umgebenden Klarheit, mit einer wohltaetigen Waerme, mit dem
behaglichsten Zustande ins gleiche gestellt.









Fuenftes Kapitel

Heftiges Pochen und Rufen an dem aeussersten Tor, Wortwechsel
drohender und fordernder Stimmen, Licht--und Fackelschein im Hofe
unterbrachen den zarten Gesang. Aber gedaempft war der Laerm, ehe man
dessen Ursache erfahren hatte; doch ruhig ward es nicht, auf der
Treppe Geraeusch und lebhaftes Hin--und Hersprechen heraufkommender
Maenner. Die Tuere sprang auf ohne Meldung, die Frauen entsetzten sich.
Flavio stuerzte herein in schauderhafter Gestalt, verworrenen
Hauptes, auf dem die Haare teils borstig starrten, teils vom Regen
durchnaesst niederhingen; zerfetzten Kleides, wie eines, der durch Dorn
und Dickicht durchgestuermt, greulich beschmutzt, als durch Schlamm
und Sumpf herangewadet.

"Mein Vater!" rief er aus, "wo ist mein Vater?" Die Frauen standen
bestuerzt; der alte Jaeger, sein fruehster Diener und liebevollster
Pfleger, mit ihm eintretend, rief ihm zu: "Der Vater ist nicht hier,
besaenftigen Sie sich; hier ist Tante, hier ist Nichte, sehen Sie hin!
"--"Nicht hier, nun so lasst mich weg, ihn zu suchen; er allein soll's
hoeren, dann will ich sterben. Lasst mich von den Lichtern weg, von
dem Tag, er blendet mich, er vernichtet mich."

Der Hausarzt trat ein, ergriff seine Hand, vorsichtig den Puls
fuehlend, mehrere Bediente standen aengstlich umher.--"Was soll ich auf
diesen Teppichen, ich verderbe sie, ich zerstoere sie; mein Unglueck
traeuft auf sie herunter, mein verworfenes Geschick besudelt sie."--Er
draengte sich gegen die Tuere, man benutzte das Bestreben, um ihn
wegzufuehren und in das entfernte Gastzimmer zu bringen, das der Vater
zu bewohnen pflegte. Mutter und Tochter standen erstarrt, sie hatten
Orest gesehen, von Furien verfolgt, nicht durch Kunst veredelt, in
greulicher, widerwaertiger Wirklichkeit, die im Kontrast mit einer
behaglichen Glanzwohnung im klarsten Kerzenschimmer nur desto
fuerchterlicher schien. Erstarrt sahen die Frauen sich an, und jede
glaubte in den Augen der andern das Schreckbild zu sehen, das sich so
tief in die ihrigen eingepraegt hatte.

Mit halber Besonnenheit sendete darauf die Baronin Bedienten auf
Bedienten, sich zu erkundigen. Sie erfuhren zu einiger Beruhigung,
dass man ihn auskleide, trockne, besorge; halb gegenwaertig, halb
unbewusst lasse er alles geschehen. Wiederholtes Anfragen wurde zur
Geduld verwiesen.

Endlich vernahmen die beaengstigten Frauen, man habe ihn zur Ader
gelassen und sonst alles Besaenftigende moeglichst angewendet; er sei
zur Ruhe gebracht, man hoffe Schlaf.

Mitternacht kam heran, die Baronin verlangte, wenn er schlafe, ihn
zu sehen; der Arzt widerstand, der Arzt gab nach; Hilarie draengte
sich mit der Mutter herein. Das Zimmer war dunkel, nur eine Kerze
daemmerte hinter dem gruenen Schirm, man sah wenig, man hoerte nichts;
die Mutter naeherte sich dem Bette, Hilarie, sehnsuchtsvoll, ergriff
das Licht und beleuchtete den Schlafenden. So lag er abgewendet,
aber ein hoechst zierliches Ohr, eine volle Wange, jetzt blaesslich,
schienen unter den schon wieder sich krausenden Locken auf das
anmutigste hervor, eine ruhende Hand und ihre laendlichen
zartkraeftigen Finger zogen den unsteten Blick an. Hilarie, leise
atmend, glaubte selbst einen leisen Atem zu vernehmen, sie naeherte
die Kerze, wie Psyche in Gefahr, die heilsamste Ruhe zu stoeren. Der
Arzt nahm die Kerze weg und leuchtete den Frauen nach ihren Zimmern.

Wie diese guten, alles Anteils wuerdigen Personen ihre naechtlichen
Stunden zugebracht, ist uns ein Geheimnis geblieben; den andern
Morgen aber von frueh an zeigten sich beide hoechst ungeduldig. Des
Anfragens war kein Ende, der Wunsch, den Leidenden zu sehen,
bescheiden, doch dringend; nur gegen Mittag erlaubte der Arzt einen
kurzen Besuch.

Die Baronin trat hinzu, Flavio reichte die Hand hin--"Verzeihung,
liebste Tante, einige Geduld, vielleicht nicht lange"--Hilarie trat
hervor, auch ihr gab er die Rechte-- "Gegruesst liebe Schwester"--das
fuhr ihr durchs Herz, er liess nicht los, sie sahen einander an, das
herrlichste Paar, kontrastierend im schoensten Sinne. Des Juenglings
schwarze, funkelnde Augen stimmten zu den duestern, verwirrten Locken;
dagegen stand sie scheinbar himmlisch in Ruhe, doch zu dem
erschuetternden Begebnis gesellte sich nun die ahnungsvolle Gegenwart.
Die Benennung "Schwester"--ihr Allerinnerstes war aufgeregt. Die
Baronin sprach: "Wie geht es, lieber Neffe?"--"Ganz leidlich, aber
man behandelt mich uebel."--"Wieso?"--"Da haben sie mir Blut gelassen,
das ist grausam; sie haben es weggeschafft, das ist frech; es gehoert
ja nicht mein, es gehoert alles, alles ihre." Mit diesen Worten schien
sich seine Gestalt zu verwandeln, doch mit heissen Traenen verbarg er
sein Antlitz ins Kissen.

Hilariens Miene zeigte der Mutter einen furchtbaren Ausdruck, es war,
als wenn das liebe Kind die Pforten der Hoelle vor sich eroeffnet saehe,
zum erstenmal ein Ungeheures erblickte und fuer ewig. Rasch,
leidenschaftlich eilte sie durch den Saal, warf sich im letzten
Kabinett auf den Sofa, die Mutter folgte und fragte, was sie leider
schon begriff. Hilarie, wundersam aufblickend, rief: "Das Blut, das
Blut, es gehoert alles ihre, alles ihre, und sie ist es nicht wert.
Der Unglueckselige! der Arme!" Mit diesen Worten erleichterte der
bitterste Traenenstrom das bedraengte Herz.





Wer unternaehme es wohl, die aus dem Vorhergehenden sich
entwickelnden Zustaende zu enthuellen, an den Tag zu bringen das innere,
aus dieser ersten Zusammenkunft den Frauen erwachsende Unheil? Auch
dem Leidenden war sie hoechst schaedlich, so behauptete wenigstens der
Arzt, der zwar oft genug zu berichten und zu troesten kam, aber sich
doch verpflichtet fuehlte, alles weitere Annaehern zu verbieten. Dabei
fand er auch eine willige Nachgiebigkeit, die Tochter wagte nicht zu
verlangen, was die Mutter nicht zugegeben haette, und so gehorchte man
dem Gebot des verstaendigen Mannes. Dagegen brachte er aber die
beruhigende Nachricht, Flavio habe Schreibzeug verlangt, auch einiges
aufgezeichnet, es aber sogleich neben sich im Bette versteckt. Nun
gesellte sich Neugierde zu der uebrigen Unruhe und Ungeduld, es waren
peinliche Stunden. Nach einiger Zeit brachte er jedoch ein Blaettchen
von schoener, freier Hand, obgleich mit Hast geschrieben, es enthielt
folgende Zeilen:



"Ein Wunder ist der arme Mensch geboren,
In Wundern ist der irre Mensch verloren,
Nach welcher dunklen, schwer entdeckten Schwelle
Durchtappen pfadlos ungewisse Schritte?
Dann in lebendigem Himmelsglanz und Mitte
Gewahr', empfind' ich Nacht und Tod und Hoelle."




Hier konnte die edle Dichtkunst abermals ihre heilenden Kraefte
erweisen. Innig verschmolzen mit Musik, heilt sie alle Seelenleiden
aus dem Grunde, indem sie solche gewaltig anregt, hervorruft und in
aufloesenden Schmerzen verfluechtigt. Der Arzt hatte sich ueberzeugt,
dass der Juengling bald wieder herzustellen sei; koerperlich gesund,
werde er schnell sich wieder froh fuehlen, wenn die auf seinem Geist
lastende Leidenschaft zu heben oder zu lindern waere. Hilarie sann
auf Erwiderung; sie sass am Fluegel und versuchte die Zeilen des
Leidenden mit Melodie zu begleiten. Es gelang ihr nicht, in ihrer
Seele klang nichts zu so tiefen Schmerzen; doch bei diesem Versuch
schmeichelten Rhythmus und Reim sich dergestalt an ihre Gesinnungen
an, dass sie jenem Gedicht mit lindernder Heiterkeit entgegnete, indem
sie sich Zeit nahm, folgende Strophe auszubilden und abzurunden:



"Bist noch so tief in Schmerz und Qual verloren,
So bleibst du doch zum Jugendglueck geboren;
Ermanne dich zu rasch gesundem Schritte,
Komm in der Freundschaft Himmelsglanz und Helle,
Empfinde dich in treuer Guten Mitte,
Da spriesse dir des Lebens heitre Quelle."




Der aerztliche Hausfreund uebernahm die Botschaft, sie gelang, schon
erwiderte der Juengling gemaessigt; Hilarie fuhr mildernd fort, und so
schien man nach und nach wieder einen heitern Tag, einen freien Boden
zu gewinnen, und vielleicht ist es uns vergoennt, den ganzen Verlauf
dieser holden Kur gelegentlich mitzuteilen. Genug, einige Zeit
verstrich in solcher Beschaeftigung hoechst angenehm; ein ruhiges
Wiedersehen bereitete sich vor, das der Arzt nicht laenger als noetig
zu verspaeten gedachte.

Indessen hatte die Baronin mit Ordnen und Zurechtlegen alter Papiere
sich beschaeftigt, und diese dem gegenwaertigen Zustande ganz
angemessene Unterhaltung wirkte gar wundersam auf den erregten Geist.
Sie sah manche Jahre ihres Lebens zurueck, schwere drohende Leiden
waren voruebergegangen, deren Betrachtung den Mut fuer den Moment
kraeftigte; besonders ruehrte sie die Erinnerung an ein schoenes
Verhaeltnis zu Makarien, und zwar in bedenklichen Zustaenden. Die
Herrlichkeit jener einzigen Frau ward ihr wieder vor die Seele
gebracht und sogleich der Entschluss gefasst, sich auch diesmal an sie
zu wenden: denn zu wem sonst haette sie ihre gegenwaertigen Gefuehle
richten, wem sonst Furcht und Hoffnung offen bekennen sollen?

Bei dem Aufraeumen fand sie aber auch unter andern des Bruders
Miniaturportraet und musste ueber die aehnlichkeit mit dem Sohne laechelnd
seufzen. Hilarie ueberraschte sie in diesem Augenblick, bemaechtigte
sich des Bildes, und auch sie ward von jener aehnlichkeit wundersam
betroffen.

So verging einige Zeit; endlich mit Verguenstigung des Arztes und in
seinem Geleite trat Flavio angemeldet zum Fruehstueck herein. Die
Frauen hatten sich vor dieser ersten Erscheinung gefuerchtet. Wie
aber gar oft in bedeutenden, ja schrecklichen Momenten etwas Heiteres,
ja Laecherliches sich zu ereignen pflegt, so glueckte es auch hier.
Der Sohn kam voellig in des Vaters Kleidern; denn da von seinem Anzug
nichts zu brauchen war, so hatte man sich der Feld--und Hausgarderobe
des Majors bedient, die er, zu bequemem Jagd--und Familienleben, bei
der Schwester in Verwahrung liess. Die Baronin laechelte und nahm sich
zusammen; Hilarie war, sie wusste nicht wie, betroffen genug, sie
wendete das Gesicht weg, und dem jungen Manne wollte in diesem
Augenblick weder ein herzliches Wort von den Lippen noch eine Phrase
gluecken. Um nun saemtlicher Gesellschaft aus der Verlegenheit zu
helfen, begann der Arzt eine Vergleichung beider Gestalten. Der
Vater sei etwas groesser, hiess es, und deshalb der Rock etwas zu lang;
dieser sei etwas breiter, deshalb der Rock ueber die Schultern zu eng.
Beide Missverstaendnisse gaben dieser Maskerade ein komisches Ansehen.

Durch diese Einzelheiten jedoch kam man ueber das Bedenkliche des
Augenblicks hinaus. Fuer Hilarien freilich blieb die aehnlichkeit des
jugendlichen Vaterbildes mit der frischen Lebensgegenwart des Sohnes
unheimlich, ja bedraengend.

Nun aber wuenschten wir wohl den naechsten Zeitverlauf von einer
zarten Frauenhand umstaendlich geschildert zu sehen, da wir nach
eigener Art und Weise uns nur mit dem Allgemeinsten befassen duerfen.
Hier muss denn nun von dem Einfluss der Dichtkunst abermals die Rede
sein.

Ein gewisses Talent konnte man unserm Flavio nicht absprechen, es
bedurfte jedoch nur zu sehr eines leidenschaftlich-sinnlichen
Anlasses, wenn etwas Vorzuegliches gelingen sollte; deswegen denn auch
fast alle Gedichte, jener unwiderstehlichen Frau gewidmet, hoechst
eindringend und lobenswert erschienen und nun, einer gegenwaertigen,
hoechst liebenswuerdigen Schoenen mit enthusiastischem Ausdruck
vorgelesen, nicht geringe Wirkung hervorbringen mussten.

Ein Frauenzimmer, das eine andere leidenschaftlich geliebt sieht,
bequemt sich gern zu der Rolle einer Vertrauten; sie hegt ein
heimlich, kaum bewusstes Gefuehl, dass es nicht unangenehm sein muesste,
sich an die Stelle der Angebeteten leise gehoben zu sehen. Auch ging
die Unterhaltung immer mehr und mehr ins Bedeutende. Wechselgedichte,
wie sie der Liebende gern verfasst, weil er sich von seiner Schoenen,
wenn auch nur bescheiden, halb und halb kann erwidern lassen, was er
wuenscht und was er aus ihrem schoenen Munde zu hoeren kaum erwarten
duerfte. Dergleichen wurden mit Hilarien auch wechselsweise gelesen,
und zwar, da es nur aus der einen Handschrift geschah, in welche man
beiderseits, um zu rechter Zeit einzufallen, hineinschauen und zu
diesem Zweck jedes das Baendchen anfassen musste, so fand sich, dass man,
nahe sitzend, nach und nach Person an Person, Hand an Hand immer
naeher rueckte und die Gelenke sich ganz natuerlich zuletzt im verborgnen
beruehrten.

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