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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2

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Aber bei diesen schoenen Verhaeltnissen, unter solchen daraus
entspringenden allerliebsten Annehmlichkeiten fuehlte Flavio eine
schmerzliche Sorge, die er schlecht verbarg und, immerfort nach der
Ankunft seines Vaters sich sehnend, zu bemerken gab, dass er diesem das
Wichtigste zu vertrauen habe. Dieses Geheimnis indes waere, bei
einigem Nachdenken, nicht schwer zu erraten gewesen. Jene reizende
Frau mochte in einem bewegten, von dem zudringlichen Juengling
hervorgerufnen Momente den Ungluecklichen entschieden abgewiesen und
die bisher hartnaeckig behauptete Hoffnung aufgehoben und zerstoert
haben. Eine Szene, wie dies zugegangen, wagten wir nicht zu
schildern, aus Furcht, hier moechte uns die jugendliche Glut ermangeln.
Genug, er war so wenig bei sich selbst, dass er sich eiligst aus der
Garnison ohne Urlaub entfernte und, um seinen Vater aufzusuchen,
durch Nacht, Sturm und Regen nach dem Landgut seiner Tante
verzweifelnd zu gelangen trachtete, wie wir ihn auch vor kurzem haben
ankommen sehen. Die Folgen eines solchen Schrittes fielen ihm nun
bei Rueckkehr nuechterner Gedanken lebhaft auf, und er wusste, da der
Vater immer laenger ausblieb und er die einzige moegliche Vermittlung
entbehren sollte, sich weder zu fassen noch zu retten.

Wie erstaunt und betroffen war er deshalb, als ihm ein Brief seines
Obristen eingehaendigt wurde, dessen bekanntes Siegel er mit Zaudern
und Bangigkeit aufloeste, der aber nach den freundlichsten Worten
damit endigte, dass der ihm erteilte Urlaub noch um einen Monat sollte
verlaengert werden.

So unerklaerlich nun auch diese Gunst schien, so ward er doch dadurch
von einer Last befreit, die sein Gemuet fast aengstlicher als die
verschmaehte Liebe selbst zu druecken begann. Er fuehlte nun ganz das
Glueck, bei seinen liebenswuerdigen Verwandten so wohl aufgehoben zu
sein; er durfte sich der Gegenwart Hilariens erfreuen und war nach
kurzem in allen seinen angenehm-geselligen Eigenschaften
wiederhergestellt, die ihn der schoenen Witwe selbst sowohl als ihrer
Umgebung auf eine Zeitlang notwendig gemacht hatten und nur durch eine
peremtorische Forderung ihrer Hand fuer immer verfinstert worden.

In solcher Stimmung konnte man die Ankunft des Vaters gar wohl
erwarten, auch wurden sie durch eintretende Naturereignisse zu einer
taetigen Lebensweise aufgeregt. Das anhaltende Regenwetter, das sie
bisher in dem Schloss zusammenhielt, hatte ueberall, in grossen
Wassermassen niedergehend, Fluss um Fluss angeschwellt; es waren Daemme
gebrochen, und die Gegend unter dem Schlosse lag als ein blanker See,
aus welchem die Dorfschaften, Meierhoefe, groessere und kleinere
Besitztuemer, zwar auf Huegeln gelegen, doch immer nur inselartig
hervorschauten.

Auf solche zwar seltene, aber denkbare Faelle war man eingerichtet;
die Hausfrau befahl, und die Diener fuehrten aus. Nach der ersten
allgemeinsten Beihuelfe ward Brot gebacken, Stiere wurden geschlachtet,
Fischerkaehne fuhren hin und her, Huelfe und Vorsorge nach allen Enden
hin verbreitend. Alles fuegte sich schoen und gut, das freundlich
Gegebene ward freudig und dankbar aufgenommen, nur an einem Orte
wollte man den austeilenden Gemeindevorstehern nicht trauen; Flavio
uebernahm das Geschaeft und fuhr mit einem wohlbeladenen Kahn eilig und
gluecklich zur Stelle. Das einfache Geschaeft, einfach behandelt,
gelang zum besten; auch entledigte sich, weiterfahrend, unser
Juengling eines Auftrags, den ihm Hilarie beim Scheiden gegeben.
Gerade in den Zeitpunkt dieser Unglueckstage war die Niederkunft einer
Frau gefallen, fuer die sich das schoene Kind besonders interessierte.
Flavio fand die Woechnerin und brachte allgemeinen und diesen
besondern Dank mit nach Hause. Dabei konnte es nun an mancherlei
Erzaehlungen nicht fehlen. War auch niemand umgekommen, so hatte man
von wunderbaren Rettungen, von seltsamen, scherzhaften, ja
laecherlichen Ereignissen viel zu sprechen; manche notgedrungene
Zustaende wurden interessant beschrieben. Genug, Hilarie empfand auf
einmal ein unwiderstehliches Verlangen, gleichfalls eine Fahrt zu
unternehmen, die Woechnerin zu begruessen, zu beschenken und einige
heitere Stunden zu verleben.

Nach einigem Widerstand der guten Mutter siegte endlich der freudige
Wille Hilariens, dieses Abenteuer zu bestehen, und wir wollen gern
bekennen, in dem Laufe, wie diese Begebenheit uns bekannt geworden,
einigermassen besorgt gewesen zu sein, es moege hier einige Gefahr
obschweben, ein Stranden, ein Umschlagen des Kahns, Lebensgefahr der
Schoenen, kuehne Rettung von seiten des Juenglings, um das lose
geknuepfte Band noch fester zu ziehen. Aber von allem diesem war
nicht die Rede, die Fahrt lief gluecklich ab, die Woechnerin ward
besucht und beschenkt; die Gesellschaft des Arztes blieb nicht ohne
gute Wirkung, und wenn hier und da ein kleiner Anstoss sich hervortat,
wenn der Anschein eines gefaehrlichen Moments die Fortrudernden zu
beunruhigen schien, so endete solches nur mit neckendem Scherz, dass
eins dem andern eine aengstliche Miene, eine groessere Verlegenheit,
eine furchtsam Gebaerde wollte abgemerkt haben. Indessen war das
wechselseitige Vertrauen bedeutend gewachsen; die Gewohnheit, sich zu
sehen und unter allen Umstaenden zusammen zu sein, hatte sich
verstaerkt, und die gefaehrliche Stellung, wo Verwandtschaft und Neigung
zum wechselseitigen Annaehern und Festhalten sich berechtigt glauben,
ward immer bedenklicher.

Anmutig sollten sie jedoch auf solchen Liebeswegen immer weiter und
weiter verlockt werden. Der Himmel klaerte sich auf, eine gewaltige
Kaelte, der Jahreszeit gemaess, trat ein, die Wasser gefroren, ehe sie
verlaufen konnten. Da veraenderte sich das Schauspiel der Welt vor
allen Augen auf einmal; was durch Fluten erst getrennt war, hing
nunmehr durch befestigten Boden zusammen, und alsbald tat sich als
erwuenschte Vermittlerin die schoene Kunst hervor, welche, die ersten
raschen Wintertage zu verherrlichen und neues Leben in das Erstarrte
zu bringen, im hohen Norden erfunden worden. Die Ruestkammer oeffnete
sich, jedermann suchte nach seinen gezeichneten Stahlschuhen,
begierig, die reine, glatte Flaeche, selbst mit einiger Gefahr, als
der erste zu beschreiten. Unter den Hausgenossen fanden sich viele zu
hoechster Leichtigkeit Geuebte; denn dieses Vergnuegen ward ihnen fast
jedes Jahr auf benachbarten Seen und verbindenden Kanaelen, diesmal
aber in der fernhin erweiterten Flaeche.

Flavio fuehlte sich nun erst durch und durch gesund, und Hilarie,
seit ihren fruehsten Jahren von dem Oheim angeleitet, bewies sich so
lieblich als kraeftig auf dem neu erschaffenen Boden; man bewegte sich
lustig und lustiger, bald zusammen, bald einzeln, bald getrennt, bald
vereint. Scheiden und Meiden, was sonst so schwer aufs Herz faellt,
ward hier zum kleinen, scherzhaften Frevel, man floh sich, um sich
einander augenblicks wieder zu finden.

Aber innerhalb dieser Lust und Freudigkeit bewegte sich auch eine
Welt des Beduerfnisses; immer waren bisher noch einige Ortschaften nur
halb versorgt geblieben, eilig flogen nunmehr auf tuechtig bespannten
Schlitten die noetigsten Waren hin und wider, und was der Gegend noch
mehr zugute kam, war, dass man aus manchen der voruebergehenden
Hauptstrasse allzu fernen Orten nunmehr schnell die Erzeugnisse des
Feldbaues und der Landwirtschaft in die naechsten Magazine der kleinen
Staedte und Flecken bringen und von dorther aller Art Waren
zurueckfuehren konnte. Nun war auf einmal eine bedraengte, den
bittersten Mangel empfindende Gegend wieder befreit, wieder versorgt,
durch eine glatte, dem Geschickten, dem Kuehnen geoeffnete Flaeche
verbunden.

Auch das junge Paar unterliess nicht, bei vorwaltendem Vergnuegen
mancher Pflichten einer liebevollen Anhaenglichkeit zu gedenken. Man
besuchte jene Woechnerin, begabte sie mit allem Notwendigen; auch
andere wurden heimgesucht: Alte, fuer deren Gesundheit man besorgt
gewesen; Geistliche, mit denen man erbauliche Unterhaltung sittlich zu
pflegen gewohnt war und sie jetzt in dieser Pruefung noch
achtenswerter fand; kleinere Gutsbesitzer, die kuehn genug vor Zeiten
sich in gefaehrliche Niederungen angebaut, diesmal aber, durch
wohlangelegte Daemme geschuetzt, unbeschaedigt geblieben--und nach
grenzenloser Angst sich ihres Daseins doppelt erfreuten. Jeder Hof,
jedes Haus, jede Familie, jeder einzelne hatte seine Geschichte, er
war sich und auch wohl andern eine bedeutende Person geworden,
deswegen fiel auch einer dem andern Erzaehlenden leicht in die Rede.
Eilig war jeder im Sprechen und Handeln, Kommen und Gehen, denn es
blieb immer die Gefahr, ein ploetzliches Tauwetter moechte den ganzen
schoenen Kreis gluecklichen Wechselwirkens zerstoeren, die Wirte bedrohen
und die Gaeste vom Hause abschneiden.

War man den Tag in so rascher Bewegung und dem lebhaftesten
Interesse beschaeftigt, so verlieh der Abend auf ganz andere Weise die
angenehmsten Stunden; denn das hat die Eislust vor allen andern
koerperlichen Bewegungen voraus, dass die Anstrengung nicht erhitzt und
die Dauer nicht ermuedet. Saemtliche Glieder scheinen gelenker zu
werden und jedes Verwenden der Kraft neue Kraefte zu erzeugen, so dass
zuletzt eine selig bewegte Ruhe ueber uns kommt, in der wir uns zu
wiegen immerfort gelockt sind.

Heute nun konnte sich unser junges Paar von dem glatten Boden nicht
losloesen, jeder Lauf gegen das erleuchtete Schloss, wo sich schon
viele Gesellschaft versammelte, ward ploetzlich umgewendet und eine
Rueckkehr ins Weite beliebt; man mochte sich nicht voneinander
entfernen, aus Furcht, sich zu verlieren, man fasste sich bei der Hand,
um der Gegenwart ganz gewiss zu sein. Am allersuessesten aber schien
die Bewegung, wenn ueber den Schultern die Arme verschraenkt ruhten und
die zierlichen Finger unbewusst in beiderseitigen Locken spielten.

Der volle Mond stieg zu dem gluehenden Sternenhimmel herauf und
vollendete das Magische der Umgebung. Sie sahen sich wieder deutlich
und suchten wechselseitig in den beschatteten Augen Erwiderung wie
sonst, aber sie schien anders zu sein. Aus ihren Abgruenden schien ein
Licht hervorzublicken und anzudeuten, was der Mund weislich
verschwieg, sie fuehlten sich beide in einem festlich behaglichen
Zustande.

Alle hochstaemmigen Weiden und Erlen an den Graeben, alles niedrige
Gebuesch auf Hoehen und Huegeln war deutlich geworden; die Sterne
flammten, die Kaelte war gewachsen, sie fuehlten nichts davon und
fuhren dem lang daherglitzernden Widerschein des Mondes, unmittelbar
dem himmlischen Gestirn selbst entgegen. Da blickten sie auf und
sahen im Geflimmer des Widerscheins die Gestalt eines Mannes hin und
her schweben, der seinen Schatten zu verfolgen schien und selbst
dunkel, vom Lichtglanz umgeben, auf sie zuschritt; unwillkuerlich
wendeten sie sich ab, jemanden zu begegnen waere widerwaertig gewesen.
Sie vermieden die immerfort sich herbewegende Gestalt, die Gestalt
schien sie nicht bemerkt zu haben und verfolgte ihren geraden Weg
nach dem Schlosse. Doch verliess sie auf einmal diese Richtung und
umkreiste mehrmals das fast beaengstigte Paar. Mit einiger
Besonnenheit suchten sie fuer sich die Schattenseite zu gewinnen, im
vollen Mondglanz fuhr jener auf sie zu, er stand nah vor ihnen, es
war unmoeglich, den Vater zu verkennen.

Hilarie, den Schritt anhaltend, verlor in ueberraschung das
Gleichgewicht und stuerzte zu Boden, Flavio lag zu gleicher Zeit auf
einem Knie und fasste ihr Haupt in seinen Schoss auf, sie verbarg ihr
Angesicht, sie wusste nicht, wie ihr geworden war.--"Ich hole einen
Schlitten, dort unten faehrt noch einer vorueber, ich hoffe, sie hat
sich nicht beschaedigt; hier, bei diesen hohen drei Erlen find' ich
euch wieder!" so sprach der Vater und war schon weit hinweg. Hilarie
raffte sich an dem Juengling empor.-- "Lass uns fliehen", rief sie,
"das ertrag' ich nicht."--Sie bewegte sich nach der Gegenseite des
Schlosses heftig, dass Flavio sie nur mit einiger Anstrengung
erreichte, er gab ihr die freundlichsten Worte.

Auszumalen ist nicht die innere Gestalt der drei nunmehr naechtlich
auf der glatten Flaeche im Mondschein Verirrten, Verwirrten. Genug,
sie gelangten spaet nach dem Schlosse, das junge Paar einzeln, sich
nicht zu beruehren, sich nicht zu naehern wagend, der Vater mit dem
leeren Schlitten, den er vergebens ins Weite und Breite hilfreich
herumgefuehrt hatte. Musik und Tanz waren schon im Gange, Hilarie,
unter dem Vorwand schmerzlicher Folgen eines schlimmen Falles,
verbarg sich in ihr Zimmer, Flavio ueberliess Vortanz und Anordnung sehr
gern einigen jungen Gesellen, die sich deren bei seinem Aussenbleiben
schon bemaechtigt hatten. Der Major kam nicht zum Vorschein und fand
es wunderlich, obgleich nicht unerwartet, sein Zimmer wie bewohnt
anzutreffen, die eignen Kleider, Waesche und Geraetschaften, nur nicht
so ordentlich, wie er's gewohnt war, umherliegend. Die Hausfrau
versah mit anstaendigem Zwang ihre Pflichten, und wie froh war sie,
als alle Gaeste, schicklich untergebracht, ihr endlich Raum liessen,
mit dem Bruder sich zu erklaeren. Es war bald getan, doch brauchte es
Zeit, sich von der ueberraschung zu erholen, das Unerwartete zu
begreifen, die Zweifel zu heben, die Sorge zu beschwichtigen; an
Loesung des Knotens, an Befreiung des Geistes war nicht sogleich zu
denken.

Unsere Leser ueberzeugen sich wohl, dass von diesem Punkte an wir beim
Vortrag unserer Geschichte nicht mehr darstellend, sondern erzaehlend
und betrachtend verfahren muessen, wenn wir in die Gemuetszustaende, auf
welche jetzt alles ankommt, eindringen und sie uns vergegenwaertigen
wollen.

Wir berichten also zuerst, dass der Major, seitdem wir ihn aus den
Augen verloren, seine Zeit fortwaehrend jenem Familiengeschaeft
gewidmet, dabei aber, so schoen und einfach es auch vorlag, doch in
manchem Einzelnen auf unerwartete Hindernisse traf. Wie es denn
ueberhaupt so leicht nicht ist, einen alten verworrenen Zustand zu
entwickeln und die vielen verschraenkten Faeden auf einen Knaul zu
winden. Da er nun deshalb den Ort oefters veraendern musste, um bei
verschiedenen Stellen und Personen die Angelegenheit zu betreiben, so
gelangten die Briefe der Schwester nur langsam und unordentlich zu ihm.
Die Verirrung des Sohnes und dessen Krankheit erfuhr er zuerst;
dann hoerte er von einem Urlaub, den er nicht begriff. Dass Hilariens
Neigung im Umwenden begriffen sei, blieb ihm verborgen, denn wie
haette die Schwester ihn davon unterrichten moegen!

Auf die Nachricht der ueberschwemmung beschleunigte er seine Reise,
kam jedoch erst nach eingefallenem Frost in die Naehe der Eisfelder,
schaffte sich Schrittschuhe, sendete Knechte und Pferde durch einen
Umweg nach dem Schlosse, und sich mit raschem Lauf dorthin bewegend,
gelangte er, die erleuchteten Fenster schon von ferne schauend, in
einer tagklaren Nacht zum unerfreulichsten Anschauen und war mit sich
selbst in die unangenehmste Verwirrung geraten.

Der uebergang von innerer Wahrheit zum aeussern Wirklichen ist im
Kontrast immer schmerzlich; und sollte Lieben und Bleiben nicht eben
die Rechte haben wie Scheiden und Meiden? Und doch, wenn sich eins
vom andern losreisst, entsteht in der Seele eine ungeheure Kluft, in
der schon manches Herz zugrunde ging. Ja der Wahn hat, solange er
dauert, eine unueberwindliche Wahrheit, und nur maennliche, tuechtige
Geister werden durch Erkennen eines Irrtums erhoeht und gestaerkt.
Eine solche Entdeckung hebt sie ueber sich selbst, sie stehen ueber
sich erhoben und blicken, indem der alte Weg versperrt ist, schnell
umher nach einem neuen, um ihn alsofort frisch und mutig anzutreten.

Unzaehlig sind die Verlegenheiten, in welche sich der Mensch in
solchen Augenblicken versetzt sieht; unzaehlig die Mittel, welche eine
erfinderische Natur innerhalb ihrer eignen Kraefte zu entdecken,
sodann aber auch, wenn diese nicht auslangen, ausserhalb ihres Bereichs
freundlich anzudeuten weiss.

Zu gutem Glueck jedoch war der Major durch ein halbes Bewusstsein,
ohne sein Wollen und Trachten, schon auf einen solchen Fall im
tiefsten vorbereitet. Seitdem er den kosmetischen Kammerdiener
verabschiedet, sich seinem natuerlichen Lebensgange wieder ueberlassen,
auf den Schein Ansprueche zu machen aufgehoert hatte, empfand er sich
am eigentlichen koerperlichen Behagen einigermassen verkuerzt. Er
empfand das Unangenehme eines ueberganges vom ersten Liebhaber zum
zaertlichen Vater; und doch wollte diese Rolle immer mehr und mehr
sich ihm aufdringen. Die Sorgfalt fuer das Schicksal Hilariens und der
Seinigen trat immer zuerst in seinen Gedanken hervor, bis das Gefuehl
von Liebe, von Hang, von Verlangen annaehernder Gegenwart sich erst
spaeter entfaltete. Und wenn er sich Hilarien in seinen Armen dachte,
so war es ihr Glueck, was er beherzigte, das er ihr zu schaffen
wuenschte, mehr als die Wonne, sie zu besitzen. Ja er musste sich,
wenn er ihres Andenkens rein geniessen wollte, zuerst ihre himmlisch
ausgesprochene Neigung, er musste jenen Augenblick denken, wo sie sich
ihm so unverhofft gewidmet hatte.

Nun aber, da er in klarster Nacht ein vereintes junges Paar vor sich
gesehen, die Liebenswuerdigste zusammenstuerzend, in dem Schosse des
Juenglings, beide seiner verheissenen huelfreichen Wiederkunft nicht
achtend, ihn an dem genau bezeichneten Orte nicht erwartend,
verschwunden in die Nacht, und er sich selbst im duestersten Zustande
ueberlassen: wer fuehlte das mit und verzweifelte nicht in seine Seele?

Die an Vereinigung gewoehnte, auf naehere Vereinigung hoffende Familie
hielt sich bestuerzt auseinander; Hilarie blieb hartnaeckig auf ihrem
Zimmer, der Major nahm sich zusammen, von seinem Sohne den frueheren
Hergang zu erfahren. Das Unheil war durch einen weiblichen Frevel
der schoenen Witwe verursacht. Um ihren bisher leidenschaftlichen
Verehrer Flavio einer andern Liebenswuerdigen, welche Absicht auf ihn
verriet, nicht zu ueberlassen, wendet sie mehr scheinbare Gunst, als
billig ist, an ihn. Er, dadurch aufgeregt und ermutigt, sucht seine
Zwecke heftig bis ins Ungehoerige zu verfolgen, worueber denn erst
Widerwaertigkeit und Zwist, darauf ein entschiedener Bruch dem ganzen
Verhaeltnis unwiederbringlich ein Ende macht.

Vaeterlicher Milde bleibt nichts uebrig, als die Fehler der Kinder,
wenn sie traurige Folgen haben, zu bedauern und, wo moeglich,
herzustellen; gehen sie laesslicher, als zu hoffen war, vorueber, sie zu
verzeihen und zu vergessen. Nach wenigem Bedenken und Bereden ging
Flavio sodann, um an der Stelle seines Vaters manches zu besorgen, auf
die uebernommenen Gueter und sollte dort bis zum Ablauf seines Urlaubs
verweilen, dann sich wieder ans Regiment anschliessen, welches
indessen in eine andere Garnison verlegt worden.

Eine Beschaeftigung mehrerer Tage war es fuer den Major, Briefe und
Pakete zu eroeffnen, welche sich waehrend seines laengeren Ausbleibens
bei der Schwester gehaeuft hatten. Unter andern fand er ein Schreiben
jenes kosmetischen Freundes, des wohlkonservierten Schauspielers.
Dieser, durch den verabschiedeten Kammerdiener benachrichtigt von dem
Zustande des Majors und von dem Vorsatze, sich zu verheiraten, trug
mit der besten Laune die Bedenklichkeiten vor, die man bei einem
solchen Unternehmen vor Augen haben sollte; er behandelte die
Angelegenheit auf seine Weise und gab zu bedenken, dass fuer einen Mann
in gewissen Jahren das sicherste kosmetische Mittel sei, sich des
schoenen Geschlechts zu enthalten und einer loeblichen, bequemen
Freiheit zu geniessen. Nun zeigte der Major laechelnd das Blatt seiner
Schwester, zwar scherzend, aber doch ernstlich genug auf die
Wichtigkeit des Inhaltes hindeutend. Auch war ihm indessen ein
Gedicht eingefallen, dessen rhythmische Ausfuehrung uns nicht gleich
beigeht, dessen Inhalt jedoch durch zierliche Gleichnisse und anmutige
Wendung sich auszeichnete:

"Der spaete Mond, der zur Nacht noch anstaendig leuchtet, verblasst vor
der aufgehenden Sonne; der Liebeswahn des Alters verschwindet in
Gegenwart leidenschaftlicher Jugend; die Fichte, die im Winter frisch
und kraeftig erscheint, sieht im Fruehling verbraeunt und missfaerbig aus,
neben hell aufgruenender Birke."

Wir wollen jedoch weder Philosophie noch Poesie als die
entscheidenden Helferinnen zu einer endlichen Entschliessung hier
vorzueglich preisen; denn wie ein kleines Ereignis die wichtigsten
Folgen haben kann, so entscheidet es auch oft, wo schwankende
Gesinnungen obwalten, die Waage dieser oder jener Seite zuneigend.
Dem Major war vor kurzem ein Vorderzahn ausgefallen, und er fuerchtete,
den zweiten zu verlieren. An eine kuenstlich scheinbare
Wiederherstellung war bei seinen Gesinnungen nicht zu denken, und mit
diesem Mangel um eine junge Geliebte zu werben, fing an, ihm ganz
erniedrigend zu scheinen, besonders jetzt, da er sich mit ihr unter
einem Dach befand. Frueher oder spaeter haette vielleicht ein solches
Ereignis wenig gewirkt, gerade in diesem Augenblicke aber trat ein
solcher Moment ein, der einem jeden an eine gesunde Vollstaendigkeit
gewoehnten Menschen hoechst widerwaertig begegnen muss. Es ist ihm, als
wenn der Schlussstein seines organischen Wesens entfremdet waere und das
uebrige Gewoelbe nun auch nach und nach zusammenzustuerzen drohte.

Wie dem auch sei, der Major unterhielt sich mit seiner Schwester gar
bald einsichtig und verstaendig ueber die so verwirrt scheinende
Angelegenheit; sie mussten beide bekennen, dass sie eigentlich nur
durch einen Umweg ans Ziel gelangt seien, ganz nahe daran, von dem
sie sich zufaellig, durch aeussern Anlass durch Irrtum eines unerfahrnen
Kindes verleitet, unbedachtsam entfernt; sie fanden nichts natuerlicher,
als auf diesem Wege zu verharren, eine Verbindung beider Kinder
einzuleiten und ihnen sodann jede elterliche Sorgfalt, wozu sie sich
die Mittel zu verschaffen gewusst, treu und unablaessig zu widmen.
Voellig in uebereinstimmung mit dem Bruder, ging die Baronin zu Hilarien
ins Zimmer. Diese sass am Fluegel, zu eigner Begleitung singend und
die eintretende Begruessende mit heiterem Blick und Beugung zum Anhoeren
gleichsam einladend. Es war ein angenehmes, beruhigendes Lied, das
eine Stimmung der Saengerin aussprach, die nicht besser waere zu
wuenschen gewesen. Nachdem sie geendigt hatte, stand sie auf, und ehe
die aeltere Bedaechtige ihren Vortrag beginnen konnte, fing sie zu
sprechen an: "Beste Mutter! es war schoen, dass wir ueber die wichtigste
Angelegenheit so lange geschwiegen; ich danke Ihnen, dass Sie bis
jetzt diese Saite nicht beruehrten, nun aber ist es wohl Zeit, sich zu
erklaeren, wenn es Ihnen gefaellig ist. Wie denken Sie sich die Sache?"

Die Baronin, hoechst erfreut ueber die Ruhe und Milde, zu der sie ihre
Tochter gestimmt fand, begann sogleich ein verstaendiges Darlegen der
fruehern Zeit, der Persoenlichkeit ihres Bruders und seiner Verdienste;
sie gab den Eindruck zu, den der einzige Mann von Wert, der einem
jungen Maedchen so nahe bekannt geworden, auf ein freies Herz notwendig
machen muesse, und wie sich daraus, statt kindlicher Ehrfurcht und
Vertrauen, gar wohl eine Neigung, die als Liebe, als Leidenschaft
sich zeige, entwickeln koenne. Hilarie hoerte aufmerksam zu und gab
durch bejahende Mienen und Zeichen ihre voellige Einstimmung zu
erkennen; die Mutter ging auf den Sohn ueber, und jene liess ihre
langen Augenwimpern fallen; und wenn die Rednerin nicht so ruehmliche
Argumente fuer den Juengeren fand, als sie fuer den Vater anzufuehren
gewusst hatte, so hielt sie sich hauptsaechlich an die aehnlichkeit
beider, an den Vorzug, den diesem die Jugend gebe, der zugleich, als
vollkommen gattlicher Lebensgefaehrte gewaehlt, die voellige
Verwirklichung des vaeterlichen Daseins von der Zeit wie billig
verspreche. Auch hierin schien Hilarie gleichstimmig zu denken,
obschon ein etwas ernsterer Blick und ein manchmal niederschauendes
Auge eine gewisse in diesem Fall hoechst natuerliche innere Bewegung
verrieten. Auf die aeusseren gluecklichen, gewissermassen gebietenden
Umstaende lenkte sich hierauf der Vortrag. Der abgeschlossene
Vergleich, der schoene Gewinn fuer die Gegenwart, die nach manchen
Seiten hin sich erweiternden Aussichten, alles ward voellig der
Wahrheit gemaess vor Augen gestellt, da es zuletzt auch an Winken nicht
fehlen konnte, wie Hilarie selbst erinnerlich sein muesse, dass sie
frueher dem mit ihr heranwachsenden Vetter, und wenn auch nur wie im
Scherze, sei verlobt gewesen. Aus alle dem Vorgesagten zog nun die
Mutter den sich selbst ergebenden Schluss, dass nun mit ihrer und des
Oheims Einwilligung die Verbindung der jungen Leute ungesaeumt
stattfinden koenne.

Hilarie, ruhig blickend und sprechend, erwiderte darauf, sie koenne
diese Folgerung nicht sogleich gelten lassen, und fuehrte gar schoen
und anmutig dagegen an, was ein zartes Gemuet gewiss mit ihr gleich
empfinden wird, und das wir mit Worten auszufuehren nicht unternehmen.

Vernuenftige Menschen, wenn sie etwas Verstaendiges ausgesonnen, wie
diese oder jene Verlegenheit zu beseitigen waere, dieser oder jener
Zweck zu erreichen sein moechte, und dafuer sich alle denklichen
Argumente verdeutlicht und geordnet, fuehlen sich hoechst unangenehm
betroffen, wenn diejenigen, die zu eignem Glueck mitwirken sollten,
voellig andern Sinnes gefunden werden und aus Gruenden, die tief im
Herzen ruhen, sich demjenigen widersetzen, was so loeblich als noetig
ist. Man wechselte Reden, ohne sich zu ueberzeugen; das Verstaendige
wollte nicht in das Gefuehl eindringen, das Gefuehlte wollte sich dem
Nuetzlichen, dem Notwendigen nicht fuegen; das Gespraech erhitzte sich,
die Schaerfe des Verstandes traf das schon verwundete Herz, das nun
nicht mehr maessig, sondern leidenschaftlich seinen Zustand an den Tag
gab, so dass zuletzt die Mutter selbst vor der Hoheit und Wuerde des
jungen Maedchens erstaunt zuruecktrat, als sie mit Energie und Wahrheit
das Unschickliche, ja Verbrecherische einer solchen Verbindung
hervorhob.

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