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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2

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In welcher Verwirrung die Baronin zu dem Bruder zurueckkehrte, laesst
sich denken, vielleicht auch, wenngleich nicht vollkommen,
nachempfinden, wie der Major, der, von dieser entschiedenen Weigerung
im Innersten geschmeichelt, zwar hoffnungslos, aber getroestet vor der
Schwester stand, sich von jener Beschaemung entwunden und so dieses
Ereignis, das ihm zur zartesten Ehrensache geworden war, in seinem
Innern ausgeglichen fuehlte. Er verbarg diesen Zustand augenblicklich
seiner Schwester und versteckte seine schmerzliche Zufriedenheit
hinter eine in diesem Falle ganz natuerliche aeusserung: man muesse
nichts uebereilen, sondern dem guten Kinde Zeit lassen, den eroeffneten
Weg, der sich nunmehr gewissermassen selbst verstuende, freiwillig
einzuschlagen.

Nun aber koennen wir kaum unsern Lesern zumuten, aus diesen
ergreifenden inneren Zustaenden in das aeussere ueberzugehen, worauf doch
jetzt so viel ankam. Indes die Baronin ihrer Tochter alle Freiheit
liess, mit Musik und Gesang, mit Zeichnen und Sticken ihre Tage
angenehm zu verbringen, auch mit Lesen und Vorlesen sich und die
Mutter zu unterhalten, so beschaeftigte sich der Major bei
eintretendem Fruehjahr, die Familienangelegenheiten in Ordnung zu
bringen; der Sohn, der sich in der Folge als einen reichen Besitzer
und, wie er gar nicht zweifeln konnte, als gluecklichen Gatten
Hilariens erblickte, fuehlte nun erst ein militaerisches Bestreben nach
Ruhm und Rang, wenn der androhende Krieg hereinbrechen sollte. Und so
glaubte man in augenblicklicher Beruhigung als gewiss vorauszusehen,
dass dieses Raetsel, welches nur noch an eine Grille geknuepft schien,
sich bald aufhellen und auseinanderlegen wuerde.

Leider aber war in dieser anscheinenden Ruhe keine Beruhigung zu
finden. Die Baronin wartete tagtaeglich, aber vergebens, auf die
Sinnesaenderung ihrer Tochter, die zwar mit Bescheidenheit und selten,
aber doch, bei entscheidendem Anlass, mit Sicherheit zu erkennen gab,
sie bleibe so fest bei ihrer ueberzeugung, als nur einer sein kann, dem
etwas innerlich wahr geworden, es moege nun mit der ihn umgebenden
Welt in Einklang stehen oder nicht. Der Major empfand sich
zwiespaeltig; er wuerde sich immer verletzt fuehlen, wenn Hilarie sich
wirklich fuer den Sohn entschiede; entschiede sie sich aber fuer ihn
selbst, so war er ebenso ueberzeugt, dass er ihre Hand ausschlagen
muesse.

Bedauern wir den guten Mann, dem diese Sorgen, diese Qualen wie ein
beweglicher Nebel unablaessig vorschwebten, bald als Hintergrund, auf
welchem sich die Wirklichkeiten und Beschaeftigungen des dringenden
Tages hervorhoben, bald herantretend und alles Gegenwaertige bedeckend.
Ein solches Wanken und Schweben bewegte sich vor den Augen seines
Geistes; und wenn ihn der fordernde Tag zu rascher, wirksamer
Taetigkeit aufbot, so war es bei naechtlichem Erwachen, wo alles
Widerwaertige, gestaltet und immer umgestaltet, im unerfreulichsten
Kreis sich in seinem Innern umwaelzte. Dies ewig wiederkehrende
Unabweisbare brachte ihn in einen Zustand, den wir fast Verzweiflung
nennen duerften, weil Handeln und Schaffen, die sich sonst als
Heilmittel fuer solche Lagen am sichersten bewaehrten, hier kaum
lindernd, geschweige denn befriedigend wirken wollten.

In solcher Lage erhielt unser Freund von unbekannter Hand ein
Schreiben mit Einladung in das Posthaus des nahe gelegenen Staedtchens,
wo ein eilig Durchreisender ihn dringend zu sprechen wuenschte. Er,
bei seinen vielfachen Geschaefts--und Weltverhaeltnissen an dergleichen
gewoehnt, saeumte um so weniger, als ihm die freie, fluechtige Hand
einigermassen erinnerlich schien. Ruhig und gefasst nach seiner Art
begab er sich an den bezeichneten Ort, als in der bekannten, fast
baeuerischen Oberstube die schoene Witwe ihm entgegentrat, schoener und
anmutiger, als er sie verlassen hatte. War es, dass unsere
Einbildungskraft nicht faehig ist, das Vorzueglichste festzuhalten und
voellig wieder zu vergegenwaertigen, oder hatte wirklich ein bewegterer
Zustand ihr mehreren Reiz gegeben, genug, es bedurfte doppelter
Fassung, sein Erstaunen, seine Verwirrung unter dem Schein
allgemeinster Hoeflichkeit zu verbergen; er gruesste sie verbindlich mit
verlegener Kaelte.

"Nicht so, mein Bester!" rief sie aus, "keineswegs hab' ich Sie dazu
zwischen diese geweihten Waende, in diese hoechst unedle Umgebung
berufen; ein so schlechter Hausrat fordert nicht auf, sich hoefisch zu
unterhalten. Ich befreie meine Brust von einer schweren Last, indem
ich sage, bekenne: in Ihrem Hause hab' ich viel Unheil angerichtet.
"--Der Major trat stutzend zurueck.--"Ich weiss alles", fuhr sie fort,
"wir brauchen uns nicht zu erklaeren; Sie und Hilarien, Hilarien und
Flavio, Ihre gute Schwester, Sie alle bedaure ich." Die Sprache
schien ihr zu stocken, die herrlichsten Augenwimpern konnten
hervorquellende Traenen nicht zurueckhalten, ihre Wange roetete sich,
sie war schoener als jemals. In aeusserster Verwirrung stand der edle
Mann vor ihr, ihn durchdrang eine unbekannte Ruehrung. "Setzen wir
uns", sagte, die Augen trocknend, das allerliebste Wesen. "Verzeihen
Sie mir, bedauern Sie mich, Sie sehen, wie ich bestraft bin." Sie
hielt ihr gesticktes Tuch abermals vor die Augen und verbarg, wie
bitterlich sie weinte.

"Klaeren Sie mich auf, meine Gnaedige", sprach er mit Hast.-- "Nichts
von gnaedig!" entgegnete sie himmlisch laechelnd, "nennen Sie mich Ihre
Freundin, Sie haben keine treuere. Und also, mein Freund, ich weiss
alles, ich kenne die Lage der ganzen Familie genau, aller Gesinnungen
und Leiden bin ich vertraut."-- "Was konnte Sie bis auf diesen Grad
unterrichten?"--"Selbstbekenntnisse. Diese Hand wird Ihnen nicht
fremd sein." Sie wies ihm einige entfaltete Briefe hin.-- "Die Hand
meiner Schwester, Briefe, mehrere, der nachlaessigen Schrift nach
vertraute! Haben Sie je mit ihr in Verhaeltnis gestanden?"
"Unmittelbar nicht, mittelbar seit einiger Zeit; hier die Aufschrift:
"An ***.""--"Ein neues Raetsel: An Makarien, die schweigsamste aller
Frauen."--"Deshalb aber auch die Vertraute, der Beichtiger aller
bedraengten Seelen, aller derer, die sich selbst verloren haben, sich
wiederzufinden wuenschten und nicht wissen wo."--"Gott sei Dank!" rief
er aus, "dass sich eine solche Vermittlung gefunden hat, mir wollt' es
nicht ziemen, sie anzuflehen, ich segne meine Schwester, dass sie es
tat; denn auch mir sind Beispiele bekannt, dass jene Treffliche, im
Vorhalten eines sittlich-magischen Spiegels, durch die aeussere
verworrene Gestalt irgendeinem Ungluecklichen sein rein schoenes Innere
gewiesen und ihn auf einmal erst mit sich selbst befriedigt und zu
einem neuen Leben aufgefordert hat."

"Diese Wohltat erzeigte sie auch mir", versetzte die Schoene; und in
diesem Augenblick fuehlte unser Freund, wenn es ihm auch nicht klar
wurde, dennoch entschieden, dass aus dieser sonst in ihrer Eigenheit
abgeschlossenen merkwuerdigen Person sich ein sittlich-schoenes,
teilnehmendes und teilgebendes Wesen hervortat.--"Ich war nicht
ungluecklich, aber unruhig", fuhr sie fort, "ich gehoerte mir selbst
nicht recht mehr an, und das heisst denn doch am Ende nicht gluecklich
sein. Ich gefiel mir selbst nicht mehr, ich mochte mich vor dem
Spiegel zurechtruecken, wie ich wollte, es schien mir immer, als wenn
ich mich zu einem Maskenball herausputzte; aber seitdem sie mir ihren
Spiegel vorhielt, seit ich gewahr wurde, wie man sich von innen
selbst schmuecken koenne, komm' ich mir wieder recht schoen vor." Sie
sagte das zwischen Laecheln und Weinen und war, man musste es zugeben,
mehr als liebenswuerdig. Sie erschien achtungswert und wert einer
ewigen treuen Anhaenglichkeit.

"Und nun, mein Freund, fassen wir uns kurz: hier sind die Briefe!
sie zu lesen und wieder zu lesen, sich zu bedenken, sich zu bereiten,
beduerften Sie allenfalls einer Stunde, mehr, wenn Sie wollen; alsdann
werden mit wenigen Worten unsere Zustaende sich entscheiden lassen."

Sie verliess ihn, um in dem Garten auf und ab zu gehen; er entfaltete
nun einen Briefwechsel der Baronin mit Makarien, dessen Inhalt wir
summarisch andeuten. Jene beklagt sich ueber die schoene Witwe. Wie
eine Frau die andere ansieht und scharf beurteilt, geht hervor.
Eigentlich ist nur vom aeussern und von aeusserungen die Rede, nach dem
Innern wird nicht gefragt.

Hierauf von seiten Makariens eine mildere Beurteilung. Schilderung
eines solchen Wesens von innen heraus. Das aeussere erscheint als
Folge von Zufaelligkeiten, kaum zu tadeln, vielleicht zu entschuldigen.
Nun berichtet die Baronin von der Raserei und Tollheit des Sohns,
der wachsenden Neigung des jungen Paars, von der Ankunft des Vaters,
der entschiedenen Weigerung Hilariens. ueberall finden sich
Erwiderungen Makariens von reiner Billigkeit, die aus der gruendlichen
ueberzeugung stammt, dass hieraus eine sittliche Besserung entstehen
muesse. Sie uebersendet zuletzt den ganzen Briefwechsel der schoenen
Frau, deren himmelschoenes Innere nun hervortritt und das aeussere zu
verherrlichen beginnt. Das Ganze schliesst mit einer dankbaren
Erwiderung an Makarien.









Sechstes Kapitel



Wilhelm an Lenardo

Endlich, teuerster Freund, kann ich sagen, sie ist gefunden, und zu
Ihrer Beruhigung darf ich hinzusetzen, in einer Lage, wo fuer das gute
Wesen nichts weiter zu wuenschen uebrigbleibt. Lassen Sie mich im
allgemeinen reden; ich schreibe noch hier an Ort und Stelle, wo ich
alles vor Augen habe, wovon ich Rechenschaft geben soll.

Haeuslicher Zustand, auf Froemmigkeit gegruendet, durch Fleiss und
Ordnung belebt und erhalten, nicht zu eng, nicht zu weit, im
gluecklichsten Verhaeltnis der Pflichten zu den Faehigkeiten und Kraeften.
Um sie her bewegt sich ein Kreislauf von Handarbeitenden im
reinsten, anfaenglichsten Sinne; hier ist Beschraenktheit und Wirkung in
die Ferne, Umsicht und Maessigung, Unschuld und Taetigkeit. Nicht
leicht habe ich mich in einer angenehmeren Gegenwart gesehen, ueber
welche eine heitere Aussicht auf die naechste Zeit und die Zukunft
waltet. Dieses, zusammen betrachtet, moechte wohl hinreichend sein,
einen jeden Teilnehmenden zu beruhigen.

Ich darf daher in Erinnerung alles dessen, was unter uns besprochen
worden, auf das dringendste bitten: der Freund moege es bei dieser
allgemeinen Schilderung belassen, solche allenfalls in Gedanken
ausmalen, dagegen aber aller weitern Nachforschung entsagen, und sich
dem grossen Lebensgeschaefte, in das er nun wahrscheinlich vollkommen
eingeweiht sein wird, auf die lebhafteste Weise widmen.

Ein Duplikat dieses Briefes sende an Hersilien, das andere an den
Abbé, der, wie ich vermute, am sichersten weiss, wo Sie zu finden sind.
An diesen geprueften, im Geheimen und Offenbaren immer gleich
zuverlaessigen Freund schreibe noch einiges, welches er mitteilen wird;
besonders bitte, was mich selbst betrifft, mit Anteil zu betrachten
und mit frommen, treuen Wuenschen mein Vorhaben zu foerdern. Wilhelm
an den Abbé

Wenn mich nicht alles triegt, so ist Lenardo, der hoechst
wertzuschaetzende, gegenwaertig in eurer Mitte, und ich sende deshalb
das Duplikat eines Schreibens, damit es ihm sicher zugestellt werde.
Moege dieser vorzuegliche junge Mann in euren Kreis zu ununterbrochenem
bedeutendem Wirken verschlungen werden, da, wie ich hoffe, sein
Inneres beruhigt ist.

Was mich betrifft, so kann ich, nach fortdauernder taetiger
Selbstpruefung, mein durch Montan vorlaengst angebrachtes Gesuch
nunmehr nur noch ernstlicher wiederholen; der Wunsch, meine
Wanderjahre mit mehr Fassung und Stetigkeit zu vollenden, wird immer
dringender. In sicherer Hoffnung, man wuerde meinen Vorstellungen
Raum geben, habe ich mich durchaus vorbereitet und meine Einrichtung
getroffen. Nach Vollendung des Geschaefts zugunsten meines edlen
Freundes werde ich nun wohl meinen fernern Lebensgang unter den schon
ausgesprochenen Bedingungen getrost antreten duerfen. Sobald ich auch
noch eine fromme Wallfahrt zurueckgelegt, gedenke ich in ***
einzutreffen. An diesem Ort hoff ich eure Briefe zu finden und meinem
innern Triebe gemaess von neuem zu beginnen.









Siebentes Kapitel

Nachdem unser Freund vorstehende Briefe abgelassen, schritt er,
durch manchen benachbarten Gebirgszug fortwandernd, immer weiter, bis
die herrliche Talgegend sich ihm eroeffnete, wo er, vor Beginn eines
neuen Lebensganges, so manches abzuschliessen gedachte. Unerwartet
traf er hier auf einen jungen, lebhaften Reisegefaehrten, durch
welchen seinem Bestreben und seinem Genuss manches zu Gunsten
gereichen sollte. Er findet sich mit einem Maler zusammen, welcher,
wie dergleichen viele in der offnen Welt, mehrere noch in Romanen und
Dramen umherwandeln und spuken, sich diesmal als ein ausgezeichneter
Kuenstler darstellte. Beide schicken sich gar bald ineinander,
vertrauen sich wechselseitig Neigungen, Absichten, Vorsaetze, und nun
wird offenbar, dass der treffliche Kuenstler, der aquarellierte
Landschaften mit geistreicher, wohl gezeichneter und ausgefuehrter
Staffage zu schmuecken weiss, leidenschaftlich eingenommen sei von
Mignons Schicksalen, Gestalt und Wesen. Er hatte sie gar oft schon
vorgestellt und begab sich nun auf die Reise, die Umgebungen, worin
sie gelebt, der Natur nachzubilden; hier das liebliche Kind in
gluecklichen und ungluecklichen Umgebungen und Augenblicken
darzustellen und so ihr Bild, das in allen zarten Herzen lebt, auch
dem Sinne des Auges hervorzurufen.

Die Freunde gelangen bald zum grossen See, Wilhelm trachtet, die
angedeuteten Stellen nach und nach aufzufinden. Laendliche
Prachthaeuser, weitlaeufige Kloester, ueberfahrten und Buchten, Erdzungen
und Landungsplaetze wurden gesucht und die Wohnungen kuehner und
gutmuetiger Fischer so wenig als die heiter gebauten Staedtchen am Ufer
und Schloesschen auf benachbarten Hoehen vergessen. Dies alles weiss der
Kuenstler zu ergreifen, durch Beleuchten und Faerben der jedesmal
geschichtlich erregten Stimmung anzueignen, so dass Wilhelm seine Tage
und Stunden in durchgreifender Ruehrung zubrachte.

Auf mehreren Blaettern war Mignon im Vordergrunde, wie sie leibte und
lebte, vorgestellt, indem Wilhelm der gluecklichen Einbildungskraft
des Freundes durch genaue Beschreibung nachzuhelfen und das
allgemeiner Gedachte ins Engere der Persoenlichkeit einzufassen wusste.

Und so sah man denn das Knaben-Maedchen in mannigfaltiger Stellung
und Bedeutung aufgefuehrt. Unter dem hohen Saeulenportale des
herrlichen Landhauses stand sie, nachdenklich die Statuen der
Vorhalle betrachtend. Hier schaukelte sie sich plaetschernd auf dem
angebundenen Kahn, dort erkletterte sie den Mast und erzeigte sich als
ein kuehner Matrose.

Ein Bild aber tat sich vor allen hervor, welches der Kuenstler auf
der Herreise, noch eh' er Wilhelmen begegnet, mit allen
Charakterzuegen sich angeeignet hatte. Mitten im rauhen Gebirge
glaenzt der anmutige Scheinknabe, von Sturzfelsen umgeben, von
Wasserfaellen besprueht, mitten in einer schwer zu beschreibenden Horde.
Vielleicht ist eine grauerliche, steile Urgebirg-Schlucht nie
anmutiger und bedeutender staffiert worden. Die bunte, zigeunerhafte
Gesellschaft, roh zugleich und phantastisch, seltsam und gemein, zu
locker, um Furcht einzufloessen, zu wunderlich, um Vertrauen zu
erwecken. Kraeftige Saumrosse schleppen, bald ueber Knueppelwege, bald
eingehauene Stufen hinab, ein buntverworrenes Gepaeck, an welchem
herum die saemtlichen Instrumente einer betaeubenden Musik, schlotternd
aufgehaengt, das Ohr mit rauhen Toenen von Zeit zu Zeit belaestigen.
Zwischen allem dem das liebenswuerdige Kind, in sich gekehrt ohne
Trutz, unwillig ohne Widerstreben, gefuehrt, aber nicht geschleppt.
Wer haette sich nicht des merkwuerdigen, ausgefuehrten Bildes gefreut?
Kraeftig charakterisiert war die grimmige Enge dieser Felsmassen; die
alles durchschneidenden schwarzen Schluchten, zusammengetuermt, allen
Ausgang zu hindern drohend, haette nicht eine kuehne Bruecke auf die
Moeglichkeit, mit der uebrigen Welt in Verbindung zu gelangen,
hingedeutet. Auch liess der Kuenstler mit klugdichtendem
Wahrheitssinne eine Hoehle merklich werden, die man als Naturwerkstatt
maechtiger Kristalle oder als Aufenthalt einer fabelhaft-furchtbaren
Drachenbrut ansprechen konnte.

Nicht ohne heilige Scheu besuchten die Freunde den Palast des
Marchese; der Greis war von seiner Reise noch nicht zurueck; sie
wurden aber auch in diesem Bezirk, weil sie sich mit geistlichen und
weltlichen Behoerden wohl zu benehmen wussten, freundlich empfangen und
behandelt.

Die Abwesenheit des Hausherrn jedoch empfand Wilhelm sehr angenehm;
denn ob er gleich den wuerdigen Mann gerne wieder gesehen und herzlich
begruesst haette, so fuerchtete er sich doch vor dessen dankbarer
Freigebigkeit und vor irgendeiner aufgedrungenen Belohnung jenes
treuen, liebevollen Handelns, wofuer er schon den zartesten Lohn
dahingenommen hatte.

Und so schwammen die Freunde auf zierlichem Nachen von Ufer zu Ufer,
den See in jeder Richtung durchkreuzend. In der schoensten Jahrszeit
entging ihnen weder Sonnenaufgang noch -untergang und keine der
tausend Schattierungen, mit denen das Himmelslicht sein Firmament und
von da See und Erde freigebigst ueberspendet und sich im Abglanz erst
vollkommen verherrlicht.

Eine ueppige Pflanzenwelt, ausgesaeet von Natur, durch Kunst gepflegt
und gefoerdert, umgab sie ueberall. Schon die ersten Kastanienwaelder
hatten sie willkommen geheissen, und nun konnten sie sich eines
traurigen Laechelns nicht enthalten, wenn sie, unter Zypressen
gelagert, den Lorbeer aufsteigen, den Granatapfel sich roeten, Orangen
und Zitronen in Bluete sich entfalten und Fruechte zugleich aus dem
dunklen Laube hervorgluehend erblickten.

Durch den frischen Gesellen entstand jedoch fuer Wilhelm ein neuer
Genuss. Unserm alten Freund hatte die Natur kein malerisches Auge
gegeben. Empfaenglich fuer sichtbare Schoenheit nur an menschlicher
Gestalt, ward er auf einmal gewahr: ihm sei durch einen
gleichgestimmten, aber zu ganz andern Genuessen und Taetigkeiten
gebildeten Freund die Umwelt aufgeschlossen.

In gespraechiger Hindeutung auf die wechselnden Herrlichkeiten der
Gegend, mehr aber noch durch konzentrierte Nachahmung wurden ihm die
Augen aufgetan und er von allen sonst hartnaeckig gehegten Zweifeln
befreit. Verdaechtig waren ihm von jeher Nachbildungen italienischer
Gegenden gewesen; der Himmel schien ihm zu blau, der violette Ton
reizender Fernen zwar hoechst lieblich, doch unwahr und das mancherlei
frische Gruen doch gar zu bunt; nun verschmolz er aber mit seinem
neuen Freunde aufs innigste und lernte, empfaenglich wie er war, mit
dessen Augen die Welt sehen, und indem die Natur das offenbare
Geheimnis ihrer Schoenheit entfaltete, musste man nach Kunst als der
wuerdigsten Auslegerin unbezwingliche Sehnsucht empfinden.

Aber ganz unerwartet kam der malerische Freund ihm von einer andern
Seite entgegen; dieser hatte manchmal einen heitern Gesang angestimmt
und dadurch ruhige Stunden auf weit--und breiter Wellenfahrt gar
innig belebt und begleitet. Nun aber traf sich's, dass er in einem der
Palaeste ein ganz eigenes Saitenspiel fand, eine Laute in kleinem
Format, kraeftig, vollklingend, bequem und tragbar; er wusste das
Instrument alsbald zu stimmen, so gluecklich und angenehm zu behandeln
und die Gegenwaertigen so freundlich zu unterhalten, dass er, als neuer
Orpheus, den sonst strengen und trocknen Kastellan erweichend bezwang
und ihn freundlich noetigte, das Instrument dem Saenger auf eine
Zeitlang zu ueberlassen, mit der Bedingung, solches vor der Abreise
treulich wiederzugeben, auch in der Zwischenzeit an irgendeinem
Sonn--oder Feiertage zu erscheinen und die Familie zu erfreuen.

Ganz anders war nunmehr See und Ufer belebt, Boot und Kahn buhlten
um ihre Nachbarschaft, selbst Fracht--und Marktschiffe verweilten in
ihrer Naehe, Reihen von Menschen zogen am Strande nach, und die
Landenden sahen sich sogleich von einer frohsinnigen Menge umgeben;
die Scheidenden segnete jedermann, zufrieden, doch sehnsuchtsvoll.

Nun haette zuletzt ein Dritter, die Freunde beobachtend, gar wohl
bemerken koennen, dass die Sendung beider eigentlich geendigt sei: alle
die auf Mignon sich beziehenden Gegenden und Lokalitaeten waren
saemtlich umrissen, teils in Licht, Schatten und Farbe gesetzt, teils
in heissen Tagesstunden treulich ausgefuehrt. Dies zu leiten, hatten
sie sich auf eine eigne Weise von Ort zu Ort bewegt, weil ihnen
Wilhelms Geluebde gar oft hinderlich war; doch wussten sie solches
gelegentlich zu umgehen durch die Auslegung: es gelte nur fuer das
Land, auf dem Wasser sei es nicht anwendbar.

Auch fuehlte Wilhelm selbst, dass ihre eigentliche Absicht erreicht
sei, aber leugnen konnte er sich nicht, dass der Wunsch, Hilarien und
die schoene Witwe zu sehen, auch noch befriedigt werden muesse, wenn
man mit freiem Sinne diese Gegend verlassen wollte. Der Freund, dem
er die Geschichte vertraut, war nicht weniger neugierig und freute
sich schon, einen herrlichen Platz in einer seiner Zeichnungen leer
und ledig zu wissen, den er mit den Gestalten so holder Personen
kuenstlerisch zu verzieren gedachte.

Nun stellten sie Kreuz-und-Quer-Fahrten an, die Punkte, wo der
Fremde in dieses Paradies einzutreten pflegt, beobachtend. Ihre
Schiffer hatten sie mit der Hoffnung, Freunde hier zu sehen, bekannt
gemacht, und nun dauerte es nicht lange, so sahen sie ein
wohlverziertes Prachtschiff herangleiten, worauf sie Jagd machten und
sich nicht enthielten, sogleich leidenschaftlich zu entern. Die
Frauenzimmer, einigermassen betroffen, fassten sich sogleich, als
Wilhelm das Blaettchen vorwies und beide den von ihnen selbst
vorgezeichneten Pfeil ohne Bedenken anerkannten. Die Freunde wurden
alsbald zutraulich eingeladen, das Schiff der Damen zu besteigen,
welches eilig geschah.

Und nun vergegenwaertige man sich die viere, wie sie, im zierlichsten
Raum beisammen, gegen einander ueber sitzen in der seligsten Welt, von
lindem Lufthauch angeweht, auf glaenzenden Wellen geschaukelt. Man
denke das weibliche Paar, wie wir sie vor kurzem geschildert gesehen,
das maennliche, mit dem wir schon seit Wochen ein gemeinsames
Reiseleben fuehren, und wir sehen sie nach einiger Betrachtung
saemtlich in der anmutigsten, obgleich gefaehrlichsten Lage.

Fuer die drei, welche sich schon, willig oder unwillig, zu den
Entsagenden gezaehlt, ist nicht das Schwerste zu besorgen, der Vierte
jedoch duerfte sich nur allzubald in jenen Orden aufgenommen sehen.

Nachdem man einigemal den See durchkreuzt und auf die
interessantesten Lokalitaeten sowohl des Ufers als der Inseln
hingedeutet hatte, brachte man die Damen gegen den Ort, wo sie
uebernachten sollten und wo ein gewandter, fuer diese Reise angenommener
Fuehrer alle wuenschenswerten Bequemlichkeiten zu besorgen wusste. Hier
war nun Wilhelms Geluebde ein schicklicher, aber unbequemer
Zeremonienmeister; denn gerade an dieser Station hatten die Freunde
vor kurzem drei Tage zugebracht und alles Merkwuerdige der Umgebung
erschoepft. Der Kuenstler, welchen kein Geluebde zurueckhielt, wollte
die Erlaubnis erbitten, die Damen ans Land zu geleiten, die es aber
ablehnten, weswegen man sich in einiger Entfernung vom Hafen trennte.

Kaum war der Saenger in sein Schiff gesprungen, das sich eiligst vom
Ufer entfernte, als er nach der Laute griff und jenen
wundersam-klagenden Gesang, den die venezianischen Schiffer von Land
zu See, von See zu Land erschallen lassen, lieblich anzustimmen begann.
Geuebt genug zu solchem Vortrag, der ihm diesmal eigens zart und
ausdrucksvoll gelang, verstaerkte er, verhaeltnismaessig zur wachsenden
Entfernung, den Ton, so dass man am Ufer immer die gleiche Naehe des
Scheidenden zu hoeren glaubte. Er liess zuletzt die Laute schweigen,
seiner Stimme allein vertrauend, und hatte das Vergnuegen, zu bemerken,
dass die Damen, anstatt sich ins Haus zurueckzuziehen, am Ufer zu
verweilen beliebten. Er fuehlte sich so begeistert, dass er nicht
endigen konnte, auch selbst als zuletzt Nacht und Entfernung das
Anschauen aller Gegenstaende entzogen; bis ihm endlich der mehr
beruhigte Freund bemerklich machte, dass, wenn auch Finsternis den Ton
beguenstigte, das Schiff den Kreis doch laengst verlassen habe, in
welchem derselbe wirken koenne.

Der Verabredung gemaess traf man sich des andern Tags abermals auf
offener See. Vorueberfliegend befreundete man sich mit der schoenen
Reihe merkwuerdig hingelagerter, bald reihenweis uebersehbarer, bald
sich verschiebender Ansichten, die, im Wasser sich gleichmaessig
verdoppelnd, bei Uferfahrten das mannigfaltigste Vergnuegen gewaehren.
Dabei liessen denn die kuenstlerischen Nachbildungen auf dem Papier
dasjenige vermuten und ahnen, was man auf dem heutigen Zug nicht
unmittelbar gewahrte. Fuer alles dieses schien die stille Hilarie
freien und schoenen Sinn zu besitzen.

Aber nun gegen Mittag erschien abermals das Wunderbare: die Damen
landeten allein, die Maenner kreuzten vor dem Hafen. Nun suchte der
Saenger seinen Vortrag einer solchen Annaeherung zu bequemen, wo nicht
bloss von einem zart und lebhaft jodelnden allgemeinen Sehnsuchtston,
sondern von heiterer, zierlicher Andringlichkeit irgendeine glueckliche
Wirkung zu hoffen waere. Da wollte denn manchmal ein und das andere
der Lieder, die wir geliebten Personen der "Lehrjahre" schuldig sind,
ueber den Saiten, ueber den Lippen schweben; doch enthielt er sich, aus
wohlmeinender Schonung, deren er selbst bedurfte, und schwaermte
vielmehr in fremden Bildern und Gefuehlen umher, zum Gewinn seines
Vortrags, der sich nur um desto einschmeichelnder vernehmen liess.
Beide Freunde haetten, auf diese Weise den Hafen blockierend, nicht an
Essen und Trinken gedacht, wenn die vorsichtigen Freundinnen nicht
gute Bissen heruebergesendet haetten, wozu ein begleitender Trunk
ausgesuchten Weins zum allerbesten schmeckte.

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