Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2
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Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2
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Jede Absonderung, jede Bedingung, die unsern aufkeimenden
Leidenschaften in den Weg tritt, schaerft sie, anstatt sie zu daempfen;
und auch diesmal laesst sich vermuten, dass die kurze Abwesenheit beiden
Teilen gleiche Sehnsucht erregt habe. Allerdings! man sah die Damen
in ihrer blendend-muntern Gondel gar bald wieder heranfahren.
Das Wort Gondel nehme man aber nicht im traurigen venezianischen
Sinne; hier bezeichnet es ein lustig-bequem-gefaelliges Schiff, das,
haette sich unser kleiner Kreis verdoppelt, immer noch geraeumig genug
gewesen waere.
Einige Tage wurden so auf diese eigene Weise zwischen Begegnen und
Scheiden, zwischen Trennen und Zusammensein hingebracht; im Genuss
vergnueglichster Geselligkeit schwebte immer Entfernen und Entbehren
vor der bewegten Seele. In Gegenwart der neuen Freunde rief man sich
die aeltern zurueck; vermisste man die neuen, so musste man bekennen, dass
auch diese schon starken Anspruch an Erinnerung zu erwerben gewusst.
Nur ein gefasster, gepruefter Geist wie unsere schoene Witwe konnte sich
zu solcher Stunde voellig im Gleichgewicht erhalten.
Hilariens Herz war zu sehr verwundet, als dass es einen neuen, reinen
Eindruck zu empfangen faehig gewesen waere; aber wenn die Anmut einer
herrlichen Gegend uns lindernd umgibt, wenn die Milde gefuehlvoller
Freunde auf uns einwirkt, so kommt etwas Eigenes ueber Geist und Sinn,
das uns Vergangenes, Abwesendes traumartig zurueckruft und das
Gegenwaertige, als waere es nur Erscheinung, geistermaessig entfernt. So
abwechselnd hin und wider geschaukelt, angezogen und abgelehnt,
genaehert und entfernt, wallten und wogten sie verschiedene Tage.
Ohne diese Verhaeltnisse naeher zu beurteilen, glaubte doch der
gewandte, wohlerfahrene Reisefuehrer einige Veraenderung in dem ruhigen
Betragen seiner Heldinnen gegen das bisherige zu bemerken, und als
das Grillenhafte dieser Zustaende sich ihm endlich aufgeklaert hatte,
wusste er auch hier das Erfreulichste zu vermitteln. Denn als man eben
die Damen abermals zu dem Orte, wo ihre Tafel bereitet waere, bringen
wollte, begegnete ihnen ein anderes geschmuecktes Schiff, das, an das
ihrige sich anlegend, einen gut gedeckten Tisch mit allen
Heiterkeiten einer festlichen Tafel einladend vorwies; man konnte nun
den Verlauf mehrerer Stunden zusammen abwarten, und erst die Nacht
entschied die herkoemmliche Trennung.
Gluecklicherweise hatten die maennlichen Freunde auf ihren frueheren
Fahrten gerade die geschmueckteste der Inseln aus einer gewissen
Naturgrille zu betreten vernachlaessigt und auch jetzt nicht gedacht,
die dortigen, keineswegs im besten Stand erhaltenen Kuensteleien den
Freundinnen vorzuzeigen, ehe die herrlichen Weltszenen voellig
erschoepft waeren. Doch zuletzt ging ihnen ein ander Licht auf! Man
zog den Fuehrer ins Vertrauen, dieser wusste jene Fahrt sogleich zu
beschleunigen, und sie hielten solche fuer die seligste. Nun durften
sie hoffen und erwarten, nach so manchen unterbrochenen Freuden drei
volle himmlische Tage, in einem abgeschlossenen Bezirk versammelt,
zuzubringen.
Hier muessen wir nun den Reisefuehrer besonders ruehmen; er gehoerte zu
jenen beweglichen, taetig gewandten, welche, mehrere Herrschaften
geleitend, dieselben Routen oft zuruecklegen; mit Bequemlichkeiten und
Unbequemlichkeiten genau bekannt, die einen zu vermeiden, die andern
zu benutzen und, ohne Hintansetzung eignen Vorteils, ihre Patrone doch
immer wohlfeiler und vergnueglicher durchs Land zu fuehren verstehen,
als diesen auf eigene Hand wuerde gelungen sein.
Zu gleicher Zeit tat sich eine lebhafte weibliche Bedienung der
Frauenzimmer zum erstenmal entschieden taetig hervor, so dass die
schoene Witwe zur Bedingung machen konnte, die beiden Freunde moechten
bei ihr als Gaeste einkehren und mit maessiger Bewirtung vorliebnehmen.
Auch hier gelang alles zum guenstigsten: denn der kluge
Geschaeftstraeger hatte, bei dieser Gelegenheit wie frueher, von den
Empfehlungs--und Kreditbriefen der Damen so klugen Gebrauch zu machen
gewusst, dass, in Abwesenheit der Besitzer, Schloss und Garten, nicht
weniger die Kueche zu beliebigem Gebrauch eroeffnet wurden, ja sogar
einige Aussicht auf den Keller blieb. Alles stimmte nun so zusammen,
dass man sich gleich vom ersten Augenblick an als einheimisch, als
eingeborne Herrschaft solcher Paradiese fuehlen musste.
Das saemtliche Gepaeck aller unserer Reisenden ward sogleich auf die
Insel gebracht, wodurch fuer die Gesellschaft grosse Bequemlichkeit
entstand, der groesste Vorteil aber dabei erzielt ward, indem die
saemtlichen Portefeuilles des trefflichen Kuenstlers, zum erstenmal
alle beisammen, ihm Gelegenheit gaben, den Weg, den er genommen, in
stetiger Folge den Schoenen zu vergegenwaertigen. Man nahm die Arbeit
mit Entzuecken auf. Nicht etwa wie Liebhaber und Kuenstler sich
wechselweise praekonisieren, hier ward einem vorzueglichen Manne das
gefuehlteste und einsichtigste Lob erteilt. Damit wir aber nicht in
Verdacht geraten, als wollten wir mit allgemeinen Phrasen dasjenige,
was wir nicht vorzeigen koennen, glaeubigen Lesern nur unterschieben,
so stehe hier das Urteil eines Kenners, der bei jenen fraglichen
sowohl als gleichen und aehnlichen Arbeiten mehrere Jahre nachher
bewundernd verweilte.
"Ihm gelingt, die heitere Ruhe stiller Seeaussichten darzustellen,
wo anliegend-freundliche Wohnungen, sich in der klaren Flut spiegelnd,
gleichsam zu baden scheinen; Ufer, mit begruenten Huegeln umgeben,
hinter denen Waldgebirge sind eisige Gletscherfirnen aufsteigen. Der
Farbenton solcher Szenen ist heiter, froehlich-klar; die Fernen mit
milderndem Duft wie uebergossen, der, nebelgrauer und einhuellender,
aus durchstroemenden Gruenden und Taelern hervorsteigt und ihre
Windungen andeutet. Nicht minder ist des Meisters Kunst zu loben in
Ansichten aus Taelern, naeher am Hochgebirg gelegen, wo ueppig
bewachsene Bergeshaenge niedersteigen, frische Stroeme sich am Fuss der
Felsen eilig fortwaelzen.
Trefflich weiss er in maechtig schattenden Baeumen des Vordergrundes
den unterscheidenden Charakter verschiedener Arten so in Gestalt des
Ganzen wie in dem Gang der Zweige, den einzelnen Partien der Blaetter
befriedigend anzudeuten; nicht weniger in dem auf mancherlei Weise
nuancierten frischen Gruen, worin sanfte Luefte mit gelindem Hauch zu
faecheln und die Lichter daher gleichsam bewegt erscheinen.
Im Mittelgrund ermattet allmaehlich der lebhafte gruene Ton und
vermaehlt sich auf entferntern Berghoehen schwach violett mit dem Blau
des Himmels. Doch unserm Kuenstler gluecken ueber alles Darstellungen
hoeherer Alpgegenden; das einfach Grosse und Stille ihres Charakters,
die ausgedehnten Weiden am Bergeshang, mit dem frischesten Gruen
ueberkleidet, wo dunkel einzeln stehende Tannen aus dem Rasenteppich
ragen und von hohen Felswaenden sich schaeumende Baeche stuerzen. Mag er
die Weiden mit grasendem Rindvieh staffieren oder den engen, um
Felsen sich windenden Bergpfad mit beladenen Saumpferden und
Maultieren, er zeichnet alle gleich gut und geistreich; immer am
schicklichen Ort und nicht in zu grosser Fuelle angebracht, zieren und
beleben sie diese Bilder, ohne ihre ruhige Einsamkeit zu stoeren oder
auch nur zu mindern. Die Ausfuehrung zeugt von der kuehnsten
Meisterhand, leicht mit wenigen sichern Strichen und doch vollendet.
Er bediente sich spaeter englischer glaenzender Permanentfarben auf
Papier, daher sind diese Gemaelde von vorzueglich bluehendem Farbenton,
heiter, aber zugleich kraeftig und gesaettigt.
Seine Abbildungen tiefster Felsschluchten, wo um und um nur totes
Gestein starrt, im Abgrund, von kuehner Bruecke uebersprungen, der wilde
Strom tobt, gefallen zwar nicht wie die vorigen, doch ergreift uns
ihre Wahrheit; wir bewundern die grosse Wirkung des Ganzen, durch
wenige bedeutende Striche und Massen von Lokalfarben mit dem
geringsten Aufwand hervorgebracht.
Ebenso charakteristisch weiss er die Gegenden des Hochgebirges
darzustellen, wo weder Baum noch Gestraeuch mehr fortkommt, sondern
nur zwischen Felszacken und Schneegipfeln sonnige Flaechen mit zartem
Rasen sich bedecken. So schoen und gruenduftig und einladend er
dergleichen Stellen auch koloriert, so sinnig hat er doch unterlassen,
hier mit weidenden Herden zu staffieren, denn diese Gegenden geben
nur Futter den Gemsen, und Wildheuern einen gefahrvollen Erwerb."
Wir entfernen uns nicht von der Absicht, unsern Lesern den Zustand
solcher wilden Gegenden so nah als moeglich zu bringen, wenn wir das
eben gebrauchte Wort Wildheuer mit wenigem erklaeren. Man bezeichnet
damit aermere Bewohner der Hochgebirge, welche sich unterfangen, auf
Grasplaetzen, die fuer das Vieh schlechterdings unzugaenglich sind, Heu
zu machen. Sie ersteigen deswegen, mit Steigehaken an den Fuessen, die
steilsten, gefaehrlichsten Klippen, oder lassen sich, wo es noetig ist,
von hohen Felswaenden an Stricken auf die besagten Grasplaetze herab.
Ist nun das Gras von ihnen geschlagen und zu Heu getrocknet, so
werfen sie solches von den Hoehen in tiefere Talgruende herab, wo
dasselbe, wieder gesammelt, an Viehbesitzer verkauft wird, die es der
vorzueglichen Beschaffenheit wegen gern erhandeln.
Jene Bilder, die zwar einen jeden erfreuen und anziehen muessten,
betrachtete Hilarie besonders mit grosser Aufmerksamkeit; ihre
Bemerkungen gaben zu erkennen, dass sie selbst diesem Fache nicht
fremd sei; am wenigsten blieb dies dem Kuenstler verborgen, der sich
von niemand lieber erkannt gesehen haette als gerade von dieser
anmutigsten aller Personen. Die aeltere Freundin schwieg daher nicht
laenger, sondern tadelte Hilarien, dass sie mit ihrer eigenen
Geschicklichkeit hervorzutreten auch diesmal, wie immer, zaudere; hier
sei die Frage nicht, gelobt oder getadelt zu werden, sondern zu
lernen. Eine schoenere Gelegenheit finde sich vielleicht nicht wieder.
Nun zeigte sich erst, als sie genoetigt war, ihre Blaetter vorzuweisen,
welch ein Talent hinter diesem stillen, zierlichsten Wesen verborgen
liege; die Faehigkeit war eingeboren, fleissig geuebt. Sie besass ein
treues Auge, eine reinliche Hand, wie sie Frauen bei ihren sonstigen
Schmuck--und Putzarbeiten zu hoeherer Kunst befaehigt. Man bemerkte
freilich Unsicherheit in den Strichen und deshalb nicht hinlaenglich
ausgesprochenen Charakter der Gegenstaende, aber man bewunderte
genugsam die fleissigste Ausfuehrung; dabei jedoch das Ganze nicht aufs
vorteilhafteste gefasst, nicht kuenstlerisch zurechtgerueckt. Sie
fuerchtet, so scheint es, den Gegenstand zu entweihen, bliebe sie ihm
nicht vollkommen getreu, deshalb ist sie aengstlich und verliert sich
im Detail.
Nun aber fuehlt sie sich durch das grosse, freie Talent, die dreiste
Hand des Kuenstlers aufgeregt, erweckt, was von Sinn und Geschmack in
ihr treulich schlummerte; es geht ihr auf, dass sie nur Mut fassen,
einige Hauptmaximen, die ihr der Kuenstler gruendlich,
freundlich-dringend, wiederholt ueberlieferte, ernst und straecklich
befolgen muesse. Die Sicherheit des Striches findet sich ein, sie haelt
sich allmaehlich weniger an die Teile als ans Ganze, und so schliesst
sich die schoenste Faehigkeit unvermutet zur Fertigkeit auf: wie eine
Rosenknospe, an der wir noch abends unbeachtend voruebergingen,
morgens mit Sonnenaufgang vor unsern Augen hervorbricht, so dass wir
das lebende Zittern, das die herrliche Erscheinung dem Lichte
entgegenregt, mit Augen zu schauen glauben.
Auch nicht ohne sittliche Nachwirkung war eine solche aesthetische
Ausbildung geblieben: denn einen magischen Eindruck auf ein reines
Gemuet bewirkt das Gewahrwerden der innigsten Dankbarkeit gegen irgend
jemand, dem wir entscheidende Belehrung schuldig sind. Diesmal war es
das erste frohe Gefuehl, das in Hilariens Seele nach geraumer Zeit
hervortrat. Die herrliche Welt erst tagelang vor sich zu sehen und
nun die auf einmal verliehene vollkommenere Darstellungsgabe zu
empfinden! Welche Wonne, in Zuegen und Farben dem Unaussprechlichen
naeher zu treten! Sie fuehlte sich mit einer neuen Jugend ueberrascht
und konnte sich eine besondere Anneigung zu jenem, dem sie dies Glueck
schuldig geworden, nicht versagen.
So sassen sie nebeneinander; man haette nicht unterscheiden koennen,
wer hastiger, Kunstvorteile zu ueberliefern oder sie zu ergreifen und
auszuueben, gewesen waere. Der gluecklichste Wettstreit, wie er sich
selten zwischen Schueler und Meister entzuendet, tat sich hervor.
Manchmal schien der Freund auf ihr Blatt mit einem entscheidenden Zuge
einwirken zu wollen, sie aber, sanft ablehnend, eilte, gleich das
Gewuenschte, das Notwendige zu tun, und immer zu seinem Erstaunen.
Der letzte Abend war nun herangekommen, und ein hervorleuchtender,
klarster Vollmond liess den uebergang von Tag zu Nacht nicht empfinden.
Die Gesellschaft hatte sich zusammen auf einer der hoechsten
Terrassen gelagert, den ruhigen, von allen Seiten her erleuchteten und
rings widerglaenzenden See, dessen Laenge sich zum Teil verbarg, seiner
Breite nach ganz und klar zu ueberschauen.
Was man nun auch in solchen Zustaenden besprechen mochte, so war doch
nicht zu unterlassen, das hundertmal Besprochene, die Vorzuege dieses
Himmels, dieses Wassers, dieser Erde, unter dem Einfluss einer
gewaltigern Sonne, eines mildern Mondes nochmals zu bereden, ja sie
ausschliesslich und lyrisch anzuerkennen.
Was man sich aber nicht gestand, was man sich kaum selbst bekennen
mochte, war das tiefe, schmerzliche Gefuehl, das in jedem Busen
staerker oder schwaecher, durchaus aber gleich wahr und zart sich
bewegte. Das Vorgefuehl des Scheidens verbreitete sich ueber die
Gesamtheit; ein allmaehliches Verstummen wollte fast aengstlich werden.
Da ermannte, da entschloss sich der Saenger, auf seinem Instrumente
kraeftig praeludierend, uneingedenk jener frueheren wohlbedachten
Schonung. Ihm schwebte Mignons Bild mit dem ersten Zartgesang des
holden Kindes vor. Leidenschaftlich ueber die Grenze gerissen, mit
sehnsuechtigem Griff die wohlklingenden Saiten aufregend, begann er
anzustimmen:
"Kennst du das Land, wo die Zitronen bluehn,
Im dunklen Laub---"
Hilarie stand erschuettert auf und entfernte sich, die Stirne
verschleiernd; unsere schoene Witwe bewegte ablehnend eine Hand gegen
den Saenger, indem sie mit der andern Wilhelms Arm ergriff. Hilarien
folgte der wirklich verworrene Juengling, Wilhelmen zog die mehr
besonnene Freundin hinter beiden drein. Und als sie nun alle viere
im hohen Mondschein sich gegenueberstanden, war die allgemeine Ruehrung
nicht mehr zu verhehlen. Die Frauen warfen sich einander in die Arme,
die Maenner umhalsten sich, und Luna ward Zeuge der edelsten,
keuschesten Traenen. Einige Besinnung kehrte langsam erst zurueck, man
zog sich auseinander, schweigend, unter seltsamen Gefuehlen und
Wuenschen, denen doch die Hoffnung schon abgeschnitten war. Nun
fuehlte sich unser Kuenstler, welchen der Freund mit sich riss, unter
dem hehren Himmel, in der ernst-lieblichen Nachtstunde, eingeweiht in
alle Schmerzen des ersten Grades der Entsagenden, welchen jene
Freunde schon ueberstanden hatten, nun aber sich in Gefahr sahen,
abermals schmerzlich geprueft zu werden.
Spaet hatten sich die Juenglinge zur Ruhe begeben, und am fruehen
Morgen zeitig erwachend, fassten sie ein Herz und glaubten sich stark
zu einem Abschied aus diesem Paradiese, ersannen mancherlei Plane,
wie sie ohne Pflichtverletzung in der angenehmen Naehe zu verharren
allenfalls moeglich machten.
Ihre Vorschlaege deshalb gedachten sie anzubringen, als die Nachricht
sie ueberraschte, schon beim fruehsten Scheine des Tages seien die
Damen abgefahren. Ein Brief von der Hand unserer Herzenskoenigin
belehrte sie des Weitern. Man konnte zweifelhaft sein, ob mehr
Verstand oder Guete, mehr Neigung oder Freundschaft, mehr Anerkennung
des Verdienstes oder leises, verschaemtes Vorurteil darin
ausgesprochen sei. Leider enthielt der Schluss die harte Forderung,
dass man den Freundinnen weder folgen noch sie irgendwo aufsuchen, ja,
wenn man sich zufaellig begegnete, einander treulich ausweichen wolle.
Nun war das Paradies wie durch einen Zauberschlag fuer die Freunde
zur voelligen Wueste gewandelt; und gewiss haetten sie selbst gelaechelt,
waere ihnen in dem Augenblick klar geworden, wie ungerecht-undankbar
sie sich auf einmal gegen eine so schoene, so merkwuerdige Umgebung
verhielten. Kein selbstsuechtiger Hypochondrist wuerde so scharf und
scheelsuechtig den Verfall der Gebaeude, die Vernachlaessigung der Mauern,
das Verwittern der Tuerme, den Grasueberzug der Gaenge, das Aussterben
der Baeume, das vermoosende Vermodern der Kunstgrotten, und was noch
alles dergleichen zu bemerken waere, geruegt und gescholten haben. Sie
fassten sich indes, so gut es sich fuegen wollte; unser Kuenstler packte
sorgfaeltig seine Arbeit zusammen, sie schifften beide sich ein,
Wilhelm begleitete ihn bis in die obere Gegend des Sees, wo jener nach
frueherer Verabredung seinen Weg zu Natalien suchte, um sie durch die
schoenen landschaftlichen Bilder in Gegenden zu versetzen, die sie
vielleicht so bald nicht betreten sollte. Berechtigt ward er zugleich,
den unerwarteten Fall bekennend vorzutragen, wodurch er in die Lage
geraten, von den Bundesgliedern des Entsagens aufs freundlichste in
die Mitte genommen und durch liebevolle Behandlung, wo nicht geheilt,
doch getroestet zu werden. Lenardo an Wilhelm
Ihr Schreiben, mein Teuerster, traf mich in einer Taetigkeit, die ich
Verwirrung nennen koennte, wenn der Zweck nicht so gross, das Erlangen
nicht so sicher waere. Die Verbindung mit den Ihrigen ist wichtiger,
als beide Teile sich denken konnten. Darueber darf ich nicht anfangen
zu schreiben, weil sich gleich hervortut, wie unuebersehbar das Ganze,
wie unaussprechlich die Verknuepfung. Tun ohne Reden muss jetzt unsre
Losung sein. Tausend Dank, dass Sie mir auf ein so anmutiges
Geheimnis halb verschleiert in die Ferne hindeuten; ich goenne dem
guten Wesen einen so einfach gluecklichen Zustand, indessen mich ein
Wirbel von Verschlingungen, doch nicht ohne Leitstern, umhertreiben
wird. Der Abbé uebernimmt, das Weitere zu vermelden, ich darf nur
dessen gedenken, was foerdert; die Sehnsucht verschwindet im Tun und
Wirken. Sie haben mich--und hier nicht weiter; wo genug zu schaffen
ist, bleibt kein Raum fuer Betrachtung. Der Abbé an Wilhelm
Wenig haette gefehlt, so waere Ihr wohlgemeinter Brief, ganz Ihrer
Absicht entgegen, uns hoechst schaedlich geworden. Die Schilderung der
Gefundenen ist so gemuetlich und reizend, dass, um sie gleichfalls
aufzufinden, der wunderliche Freund vielleicht alles haette stehen und
liegen lassen, waeren unsre nunmehr verbuendeten Plane nicht so gross
und weitaussehend. Nun aber hat er die Probe bestanden, und es
bestaetigt sich, dass er von der wichtigen Angelegenheit voellig
durchdrungen ist und sich von allem andern ab--und allein dorthin
gezogen fuehlt.
In diesem unserm neuen Verhaeltnis, dessen Einleitung wir Ihnen
verdanken, ergaben sich bei naeherer Untersuchung fuer jene wie fuer uns
weit groessere Vorteile, als man gedacht haette.
Denn gerade durch eine von der Natur weniger beguenstigte Gegend, wo
ein Teil der Gueter gelegen ist, die ihm der Oheim abtritt, ward in
der neuern Zeit ein Kanal projektiert, der auch durch unsere
Besitzungen sich ziehen wird und wodurch, wenn wir uns aneinander
schliessen, sich der Wert derselben ins Unberechenbare erhoeht.
Hierbei kann er seine Hauptneigung, ganz von vorne anzufangen, sehr
bequem entwickeln. Zu beiden Seiten jener Wasserstrasse wird
unbebautes und unbewohntes Land genugsam zu finden sein; dort moegen
Spinnerinnen und Weberinnen sich ansiedeln, Maurer, Zimmerleute und
Schmiede sich und ihnen maessige Werkstaetten bestellen; alles mag durch
die erste Hand verrichtet werden, indessen wir andern die
verwickelten Aufgaben zu loesen unternehmen und den Umschwung der
Taetigkeit zu befoerdern wissen.
Dieses ist also die naechste Aufgabe unsers Freundes. Aus den
Gebirgen vernimmt man Klagen ueber Klagen, wie dort Nahrungslosigkeit
ueberhandnehme; auch sollen jene Strecken im uebermass bevoelkert sein.
Dort wird er sich umsehen, Menschen und Zustaende beurteilen und die
wahrhaft Taetigen, sich selbst und andern Nuetzlichen in unsern Zug mit
aufnehmen.
Ferner hab' ich von Lothario zu berichten, er bereitet den voelligen
Abschluss vor. Eine Reise zu den Paedagogen hat er unternommen, um
sich tuechtige Kuenstler, nur sehr wenige, zu erbitten. Die Kuenste
sind das Salz der Erde; wie dieses zu den Speisen, so verhalten sich
jene zu der Technik. Wir nehmen von der Kunst nicht mehr auf als nur,
dass das Handwerk nicht abgeschmackt werde.
Im ganzen wird zu jener paedagogischen Anstalt uns eine dauernde
Verbindung hoechst nuetzlich und noetig werden. Wir muessen tun und
duerfen ans Bilden nicht denken; aber Gebildete heranzuziehen ist
unsre hoechste Pflicht.
Tausend und aber tausend Betrachtungen schliessen sich hier an;
erlauben Sie mir nach unsrer alten Weise nur noch ein allgemeines
Wort, veranlasst durch eine Stelle Ihres Briefes an Lenardo. Wir
wollen der Hausfroemmigkeit das gebuehrende Lob nicht entziehen: auf ihr
gruendet sich die Sicherheit des Einzelnen, worauf zuletzt denn auch
die Festigkeit und Wuerde des Ganzen beruhen mag; aber sie reicht
nicht mehr hin, wir muessen den Begriff einer Weltfroemmigkeit fassen,
unsre redlich menschlichen Gesinnungen in einen praktischen Bezug ins
Weite setzen und nicht nur unsre Naechsten foerdern, sondern zugleich
die ganze Menschheit mitnehmen.
Um nun zuletzt Ihres Gesuches zu erwaehnen, sag' ich so viel: Montan
hat es zu rechter Zeit bei uns angebracht. Der wunderliche Mann
wollte durchaus nicht erklaeren, was Sie eigentlich vorhaetten, doch er
gab sein Freundeswort, dass es verstaendig und, wenn es gelaenge, der
Gesellschaft hoechst nuetzlich sein wuerde. Und so ist Ihnen verziehen,
dass Sie in Ihrem Schreiben gleichfalls ein Geheimnis davon machen.
Genug, Sie sind von aller Beschraenktheit entbunden, wie es Ihnen
schon zugekommen sein sollte, waere uns Ihr Aufenthalt bekannt gewesen.
Deshalb wiederhol' ich im Namen aller: Ihr Zweck, obschon
unausgesprochen, wird im Zutrauen auf Montan und Sie gebilligt.
Reisen Sie, halten Sie sich auf, bewegen Sie sich, verharren Sie! was
Ihnen gelingt, wird recht sein; moechten Sie sich zum notwendigsten
Glied unsrer Kette bilden.
Ich lege zum Schluss ein Taefelchen bei, woraus Sie den beweglichen
Mittelpunkt unsrer Kommunikationen erkennen werden. Sie finden darin
vor Augen gestellt, wohin Sie zu jeder Jahrszeit Ihre Briefe zu
senden haben; am liebsten sehen wir's durch sichere Boten, deren Ihnen
genugsame an mehreren Orten angedeutet sind. Ebenso finden Sie durch
Zeichen bemerkt, wo Sie einen oder den andern der Unsrigen
aufzusuchen haben.
Zwischenrede
Hier aber finden wir uns in dem Falle, dem Leser eine Pause und zwar
von einigen Jahren anzukuendigen, weshalb wir gern, waere es mit der
typographischen Einrichtung zu verknuepfen gewesen, an dieser Stelle
einen Band abgeschlossen haetten.
Doch wird ja wohl auch der Raum zwischen zwei Kapiteln genuegen, um
sich ueber das Mass gedachter Zeit hinwegzusetzen, da wir laengst
gewohnt sind, zwischen dem Sinken und Steigen des Vorhangs in unserer
persoenlichen Gegenwart dergleichen geschehen zu lassen.
Wir haben in diesem zweiten Buche die Verhaeltnisse unsrer alten
Freunde bedeutend steigern sehen und zugleich frische Bekanntschaften
gewonnen; die Aussichten sind derart, dass zu hoffen steht, es werde
allen und jeden, wenn sie sich ins Leben zu finden wissen, ganz
erwuenscht geraten. Erwarten wir also zunaechst, einen nach dem andern,
sich verflechtend und entwindend, auf gebahnten und ungebahnten Wegen
wiederzufinden.
Achtes Kapitel
Suchen wir nun unsern seit einiger Zeit sich selbst ueberlassenen
Freund wieder auf, so finden wir ihn, wie er von seiten des flachen
Landes her in die paedagogische Provinz hineintritt. Er kommt ueber
Auen und Wiesen, umgeht auf trocknem Anger manchen kleinen See,
erblickt mehr bebuschte als waldige Huegel, ueberall freie Umsicht ueber
einen wenig bewegten Boden. Auf solchen Pfaden blieb ihm nicht lange
zweifelhaft, er befinde sich in der pferdenaehrenden Region, auch
gewahrte er hie und da kleinere und groessere Herden dieses edlen Tiers,
verschiedenen Geschlechts und Alters. Auf einmal aber bedeckt sich
der Horizont mit einer furchtbaren Staubwolke, die, eiligst naeher und
naeher anschwellend, alle Breite des Raums voellig ueberdeckt, endlich
aber, durch frischen Seitenwind enthuellt, ihren innern Tumult zu
offenbaren genoetigt ist.
In vollem Galopp stuerzt eine grosse Masse solcher edlen Tiere heran,
sie werden durch reitende Hueter gelenkt und zusammengehalten. An dem
Wanderer sprengt das ungeheure Gewimmel vorbei, ein schoener Knabe
unter den begleitenden Huetern blickt ihn verwundert an, pariert,
springt ab und umarmt den Vater.
Nun geht es an ein Fragen und Erzaehlen; der Sohn berichtet, dass er
in der ersten Pruefungszeit viel ausgestanden, sein Pferd vermisst und
auf aeckern und Wiesen sich zu Fuss herumgetrieben; da er sich denn
auch an dem stillen, muehseligen Landleben, wie er voraus protestiert,
nicht sonderlich erwiesen; das Erntefest habe ihm zwar ganz wohl, das
Bestellen hintendrein, Pfluegen, Graben und Abwarten keineswegs
gefallen, mit den notwendigen und nutzbaren Haustieren habe er sich
zwar, doch immer laessig und unzufrieden beschaeftigt, bis er denn zur
lebhafteren Reiterei endlich befoerdert worden. Das Geschaeft, die
Stuten und Fohlen zu hueten, sei mitunter zwar langweilig genug,
indessen wenn man ein muntres Tierchen vor sich sehe, das einen
vielleicht in drei, vier Jahren lustig davontruege, so sei es doch ein
ganz anderes Wesen, als sich mit Kaelbern und Ferkeln abzugeben, deren
Lebenszweck dahinaus gehe, wohl gefuettert und angefettet
fortgeschafft zu werden.
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