Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2
J >>
Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 2
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 | 9 |
10 |
11 |
12 |
13
Mit dem Wachstum des Knaben, der sich wirklich zum Juengling
heranstreckte, seiner gesunden Haltung, einem gewissen frei-heitern,
um nicht zu sagen geistreichen Gespraeche konnte der Vater wohl
zufrieden sein. Beide folgten reitend nunmehr eilig der eilenden
Herde, bei einsam gelegenen weitlaeufigen Gehoeften vorueber, zu dem Ort
oder Flecken, wo das grosse Marktfest gehalten ward. Dort wuehlt ein
unglaubliches Getuemmel durcheinander, und man wuesste nicht zu
unterscheiden, ob Ware oder Kaeufer mehr Staub erregten. Aus allen
Landen treffen hier Kauflustige zusammen, um Geschoepfe edler Abkunft,
sorgfaeltiger Zucht sich zuzueignen. Alle Sprachen der Welt glaubt
man zu hoeren. Dazwischen toent auch der lebhafte Schall wirksamster
Blasinstrumente, und alles deutet auf Bewegung, Kraft und Leben.
Unser Wanderer trifft nun den vorigen, schon bekannten Aufseher
wieder an, gesellt zu andern tuechtigen Maennern, welche still und
gleichsam unbemerkt Zucht und Ordnung zu erhalten wissen. Wilhelm,
der hier abermals ein Beispiel ausschliesslicher Beschaeftigung und, wie
ihm bei aller Breite scheint, beschraenkter Lebensleitung zu bemerken
glaubt, wuenscht zu erfahren, worin man die Zoeglinge sonst noch zu
ueben pflege, um zu verhindern, dass bei so wilder, gewissermassen roher
Beschaeftigung, Tiere naehrend und erziehend, der Juengling nicht selbst
zum Tiere verwildere. Und so war ihm denn sehr lieb zu vernehmen,
dass gerade mit dieser gewaltsam und rauh scheinenden Bestimmung die
zarteste von der Welt verknuepft sei: Sprachuebung und Sprachbildung.
In dem Augenblick vermisste der Vater den Sohn an seiner Seite, er
sah ihn zwischen den Luecken der Menge durch mit einem jungen
Tabulettkraemer ueber Kleinigkeiten eifrig handeln und feilschen. In
kurzer Zeit sah er ihn gar nicht mehr. Als nun der Aufseher nach der
Ursache einer gewissen Verlegenheit und Zerstreuung fragte und dagegen
vernahm, dass es den Sohn gelte: "Lassen Sie es nur", sagte er zur
Beruhigung des Vaters, "er ist unverloren; damit Sie aber sehen, wie
wir die Unsrigen zusammenhalten", stiess er mit Gewalt in ein
Pfeifchen, das an seinem Busen hing, in dem Augenblick antwortete es
dutzendweise von allen Seiten. Der Mann fuhr fort: "jetzt lass' ich
es dabei bewenden, es ist nur ein Zeichen, dass der Aufseher in der
Naehe ist und ungefaehr wissen will, wie viel ihn hoeren. Auf ein
zweites Zeichen sind sie still, aber bereiten sich, auf das dritte
antworten sie und stuerzen herbei. uebrigens sind diese Zeichen auf gar
mannigfaltige Weise vervielfaeltigt und von besonderem Nutzen."
Auf einmal hatte sich um sie her ein freierer Raum gebildet, man
konnte freier sprechen, indem man gegen die benachbarten Hoehen
spazierte. "Zu jenen Sprachuebungen", fuhr der Aufsehende fort,
"wurden wir dadurch bestimmt, dass aus allen Weltgegenden Juenglinge
sich hier befinden. Um nun zu verhueten, dass sich nicht, wie in der
Fremde zu geschehen pflegt, die Landsleute vereinigen und, von den
uebrigen Nationen abgesondert, Parteien bilden, so suchen wir durch
freie Sprachmitteilung sie einander zu naehern.
Am notwendigsten aber wird eine allgemeine Sprachuebung, weil bei
diesem Festmarkte jeder Fremde in seinen eigenen Toenen und Ausdruecken
genugsame Unterhaltung, beim Feilschen und Markten aber alle
Bequemlichkeit gerne finden mag. Damit jedoch keine babylonische
Verwirrung, keine Verderbnis entstehe, so wird das Jahr ueber
monatweise nur eine Sprache im allgemeinen gesprochen, nach dem
Grundsatz, dass man nichts lerne ausserhalb des Elements, welches
bezwungen werden soll.
Wir sehen unsere Schueler", sagte der Aufseher, "saemtlich als
Schwimmer an, welche mit Verwunderung im Elemente, das sie zu
verschlingen droht, sich leichter fuehlen, von ihm gehoben und
getragen sind; und so ist es mit allem, dessen sich der Mensch
unterfaengt.
Zeigt jedoch einer der Unsrigen zu dieser oder jener Sprache
besondere Neigung, so ist auch mitten in diesem tumultvoll
scheinenden Leben, das zugleich sehr viel ruhige, muessig-einsame, ja
langweilige Stunden bietet, fuer treuen und gruendlichen Unterricht
gesorgt. Ihr wuerdet unsere reitenden Grammatiker, unter welchen
sogar einige Pedanten sind, aus diesen baertigen und unbaertigen
Centauren wohl schwerlich herausfinden. Euer Felix hat sich zum
Italienischen bestimmt, und da, wie Ihr schon wisst, melodischer Gesang
bei unsern Anstalten durch alles durchgreift, so solltet Ihr ihn in
der Langweile des Hueterlebens gar manches Lied zierlich und
gefuehlvoll vortragen hoeren. Lebenstaetigkeit und Tuechtigkeit ist mit
auslangendem Unterricht weit vertraeglicher, als man denkt."
Da eine jede Region ihr eigenes Fest feiert, so fuehrte man den Gast
zum Bezirk der Instrumentalmusik. Dieser, an die Ebene grenzend,
zeigte schon freundlich und zierlich abwechselnde Taeler, kleine
schlanke Waelder, sanfte Baeche, an deren Seite hie und da ein bemooster
Fels hervortrat. Zerstreute, umbuschte Wohnungen erblickte man auf
den Huegeln, in sanften Gruenden draengten sich die Haeuser naeher
aneinander. Jene anmutig vereinzelten Huetten lagen so weit
auseinander, dass weder Toene noch Misstoene sich wechselseitig erreichen
konnten.
Sie naeherten sich sodann einem weiten, rings umbauten und
umschatteten Raume, wo Mann an Mann gedraengt mit grosser
Aufmerksamkeit und Erwartung gespannt schienen. Eben als der Gast
herantrat, ward eine maechtige Symphonie aller Instrumente aufgefuehrt,
deren vollstaendige Kraft und Zartheit er bewundern musste. Dem
geraeumig erbauten Orchester gegenueber stand ein kleineres, welches zu
besonderer Betrachtung Anlass gab; auf demselben befanden sich juengere
und aeltere Schueler, jeder hielt sein Instrument bereit, ohne zu
spielen; es waren diejenigen, die noch nicht vermochten oder nicht
wagten, mit ins Ganze zu greifen. Mit Anteil bemerkte man, wie sie
gleichsam auf dem Sprunge standen, und hoerte ruehmen: ein solches Fest
gehe selten vorueber, ohne dass ein oder das andere Talent sich
ploetzlich entwickele.
Da nun auch Gesang zwischen den Instrumenten sich hervortat, konnte
kein Zweifel uebrigbleiben, dass auch dieser beguenstigt werde. Auf
eine Frage sodann, was noch sonst fuer eine Bildung sich hier
freundlich anschliesse, vernahm der Wanderer: die Dichtkunst sei es,
und zwar von der lyrischen Seite. Hier komme alles darauf an, dass
beide Kuenste, jede fuer sich und aus sich selbst, dann aber gegen--und
miteinander entwickelt werde. Die Schueler lernen eine wie die andre
in ihrer Bedingtheit kennen; sodann wird gelehrt, wie sie sich
wechselsweise bedingen und sich sodann wieder wechselseitig befreien.
Der poetischen Rhythmik stellt der Tonkuenstler Takteinteilung und
Taktbewegung entgegen. Hier zeigt sich aber bald die Herrschaft der
Musik ueber die Poesie; denn wenn diese, wie billig und notwendig,
ihre Quantitaeten immer so rein als moeglich im Sinne hat, so sind fuer
den Musiker wenig Silben entschieden lang oder kurz; nach Belieben
zerstoert dieser das gewissenhafteste Verfahren des Rhythmikers, ja
verwandelt sogar Prosa in Gesang, wo dann die wunderbarsten
Moeglichkeiten hervortreten, und der Poet wuerde sich gar bald
vernichtet fuehlen, wuesste er nicht von seiner Seite durch lyrische
Zartheit und Kuehnheit dem Musiker Ehrfurcht einzufloessen und neue
Gefuehle, bald in sanftester Folge, bald durch die raschesten
uebergaenge, hervorzurufen.
Die Saenger, die man hier findet, sind meist selbst Poeten. Auch der
Tanz wird in seinen Grundzuegen gelehrt, damit sich alle diese
Fertigkeiten ueber saemtliche Regionen regelmaessig verbreiten koennen.
Als man den Gast ueber die naechste Grenze fuehrte, sah er auf einmal
eine ganz andere Bauart. Nicht mehr zerstreut waren die Haeuser,
nicht mehr huettenartig; sie zeigten sich vielmehr regelmaessig, bequem
und zierlich von innen; man ward hier einer unbeengten, wohlgebauten,
der Gegend angemessenen Stadt gewahr. Hier sind bildende Kunst und
die ihr verwandten Handwerke zu Hause, und eine ganz eigene Stille
herrscht ueber diesen Raeumen.
Der bildende Kuenstler denkt sich zwar immer in Bezug auf alles, was
unter den Menschen lebt und webt, aber sein Geschaeft ist einsam, und
durch den sonderbarsten Widerspruch verlangt vielleicht kein anderes
so entschieden lebendige Umgebung. Hier nun bildet jeder im stillen,
was bald fuer immer die Augen der Menschen beschaeftigen soll; eine
Feiertagsruhe waltet ueber dem ganzen Ort, und haette man nicht hie und
da das Picken der Steinhauer oder abgemessene Schlaege der Zimmerleute
vernommen, die soeben emsig beschaeftigt waren, ein herrliches Gebaeude
zu vollenden, so waere die Luft von keinem Ton bewegt gewesen.
Unserm Wanderer fiel der Ernst auf, die wunderbare Strenge, mit
welcher sowohl Anfaenger als Fortschreitende behandelt wurden; es
schien, als wenn keiner aus eigner Macht und Gewalt etwas leistete,
sondern als wenn ein geheimer Geist sie alle durch und durch belebte,
nach einem einzigen grossen Ziele hinleitend. Nirgends erblickte man
Entwurf und Skizze, jeder Strich war mit Bedacht gezogen, und als
sich der Wanderer von dem Fuehrer eine Erklaerung des ganzen Verfahrens
erbat, aeusserte dieser: die Einbildungskraft sei ohnehin ein vages,
unstaetes Vermoegen, waehrend das ganze Verdienst des bildenden Kuenstlers
darin bestehe, dass er sie immer mehr bestimmen, festhalten, ja
endlich bis zur Gegenwart erhoehen lerne.
Man erinnerte an die Notwendigkeit sicherer Grundsaetze in andern
Kuensten. "Wuerde der Musiker einem Schueler vergoennen, wild auf den
Saiten herumzugreifen oder sich gar Intervalle nach eigner Lust und
Belieben zu erfinden? Hier wird auffallend, dass nichts der Willkuer
des Lernenden zu ueberlassen sei; das Element, worin er wirken soll,
ist entschieden gegeben, das Werkzeug, das er zu handhaben hat, ist
ihm eingehaendigt, sogar die Art und Weise, wie er sich dessen
bedienen soll, ich meine den Fingerwechsel, findet er vorgeschrieben,
damit ein Glied dem andern aus dem Wege gehe und seinem Nachfolger den
rechten Weg bereite; durch welches gesetzliche Zusammenwirken denn
zuletzt allein das Unmoegliche moeglich wird.
Was uns aber zu strengen Forderungen, zu entschiedenen Gesetzen am
meisten berechtigt, ist: dass gerade das Genie, das angeborne Talent
sie am ersten begreift, ihnen den willigsten Gehorsam leistet. Nur
das Halbvermoegen wuenschte gern seine beschraenkte Besonderheit an die
Stelle des unbedingten Ganzen zu setzen und seine falschen Griffe,
unter Vorwand einer unbezwinglichen Originalitaet und
Selbststaendigkeit zu beschoenigen. Das lassen wir aber nicht gelten,
sondern hueten unsere Schueler vor allen Misstritten, wodurch ein grosser
Teil des Lebens, ja manchmal das ganze Leben verwirrt und zerpflueckt
wird.
Mit dem Genie haben wir am liebsten zu tun, denn dieses wird eben
von dem guten Geiste beseelt, bald zu erkennen, was ihm nutz ist. Es
begreift, dass Kunst eben darum Kunst heisse, weil sie nicht Natur ist.
Es bequemt sich zum Respekt, sogar vor dem, was man konventionell
nennen koennte: denn was ist dieses anders, als dass die vorzueglichsten
Menschen uebereinkamen, das Notwendige, das Unerlaessliche fuer das Beste
zu halten; und gereicht es nicht ueberall zum Glueck?
Zur grossen Erleichterung fuer die Lehrer sind auch hier, wie ueberall
bei uns, die drei Ehrfurchten und ihre Zeichen mit einiger Abaenderung,
der Natur des obwaltenden Geschaefts gemaess, eingefuehrt und eingepraegt."
Den ferner umhergeleiteten Wanderer musste nunmehr in Verwunderung
setzen, dass die Stadt sich immer zu erweitern, Strasse aus Strasse sich
zu entwickeln schien, mannigfaltige Ansichten gewaehrend. Das aeussere
der Gebaeude sprach ihre Bestimmung unzweideutig aus, sie waren wuerdig
und stattlich, weniger praechtig als schoen. Den edlern und ernsteren
in Mitte der Stadt schlossen sich die heitern gefaellig an, bis zuletzt
zierliche Vorstaedte anmutigen Stils gegen das Feld sich hinzogen und
endlich als Gartenwohnungen zerstreuten.
Der Wanderer konnte nicht unterlassen, hier zu bemerken, dass die
Wohnungen der Musiker in der vorigen Region keineswegs an Schoenheit
und Raum den gegenwaertigen zu vergleichen seien, welche Maler,
Bildhauer und Baumeister bewohnen. Man erwiderte ihm, dies liege in
der Natur der Sache. Der Musikus muesse immer in sich selbst gekehrt
sein, sein Innerstes ausbilden, um es nach aussen zu wenden. "Dem
Sinne des Auges hat er nicht zu schmeicheln. Das Auge bevorteilt gar
leicht das Ohr und lockt den Geist von innen nach aussen. Umgekehrt
muss der bildende Kuenstler in der Aussenwelt leben und sein Inneres
gleichsam unbewusst an und in dem Auswendigen manifestieren. Bildende
Kuenstler muessen wohnen wie Koenige und Goetter, wie wollten sie denn
sonst fuer Koenige und Goetter bauen und verzieren? Sie muessen sich
zuletzt dergestalt ueber das Gemeine erheben, dass die ganze
Volksgemeinde in und an ihren Werken sich veredelt fuehle."
Sodann liess unser Freund sich ein anderes Paradoxon erklaeren: warum
gerade in diesen festlichen, andere Regionen so belebenden,
tumultuarisch erregten Tagen hier die groesste Stille herrsche und das
Arbeiten nicht auch ausgesetzt werde?
"Ein bildender Kuenstler", hiess es, "bedarf keines Festes, ihm ist
das ganze Jahr ein Fest. Wenn er etwas Treffliches geleistet hat, es
steht nach wie vor seinem Aug' entgegen, dem Auge der ganzen Welt.
Da bedarf es keiner Wiederholung, keiner neuen Anstrengung, keines
frischen Gelingens, woran sich der Musiker immerfort abplagt, dem
daher das splendideste Fest innerhalb des vollzaehligsten Kreises zu
goennen ist."
"Man sollte aber doch", versetzte Wilhelm, "in diesen Tagen eine
Ausstellung belieben, wo die dreijaehrigen Fortschritte der bravesten
Zoeglinge mit Vergnuegen zu beschauen und zu beurteilen waeren."
"An anderen Orten", versetzte man, "mag eine Ausstellung sich noetig
machen, bei uns ist sie es nicht. Unser ganzes Wesen und Sein ist
Ausstellung. Sehen Sie hier die Gebaeude aller Art, alle von
Zoeglingen aufgefuehrt; freilich nach hundertmal besprochenen und
durchdachten Rissen: denn der Bauende soll nicht herumtasten und
versuchen; was stehenbleiben soll, muss recht stehen und, wo nicht fuer
die Ewigkeit, doch fuer geraume Zeit genuegen. Mag man doch immer
Fehler begehen, bauen darf man keine.
Mit Bildhauern verfahren wir schon laesslicher, am laesslichsten mit
Malern, sie duerfen dies und jenes versuchen, beide in ihrer Art.
Ihnen steht frei, in den innern, an den aeussern Raeumen der Gebaeude,
auf Plaetzen sich eine Stelle zu waehlen, die sie verzieren wollen.
Sie machen ihren Gedanken kund, und wenn er einigermassen zu billigen
ist, so wird die Ausfuehrung zugestanden, und zwar auf zweierlei Weise,
entweder mit Verguenstigung, frueher oder spaeter die Arbeit wegnehmen
zu duerfen, wenn sie dem Kuenstler selbst missfiele, oder mit Bedingung,
das einmal Aufgestellte unabaenderlich am Orte zu lassen. Die meisten
erwaehlen das erste und behalten sich jene Erlaubnis vor, wobei sie
immer am besten beraten sind. Der zweite Fall tritt seltner ein, und
man bemerkt, dass alsdann die Kuenstler sich weniger vertrauen, mit
Gesellen und Kennern lange Konferenzen halten und dadurch wirklich
schaetzenswerte dauerwuerdige Arbeiten hervorzubringen wissen."
Nach allem diesem versaeumte Wilhelm nicht, sich zu erkundigen, was
fuer ein anderer Unterricht sich sonst noch anschliesse, und man
gestand ihm, dass es die Dichtkunst, und zwar die epische sei.
Doch musste dem Freunde dies sonderbar scheinen, als man hinzufuegte:
es werde den Schuelern nicht vergoennt, schon ausgearbeitete Gedichte
aelterer und neuerer Dichter zu lesen oder vorzutragen; ihnen wird nur
eine Reihe von Mythen, ueberlieferungen und Legenden lakonisch
mitgeteilt. Nun erkennt man gar bald an malerischer oder poetischer
Ausfuehrung das eigene Produktive des einer oder der andern Kunst
gewidmeten Talents. Dichter und Bildner, beide beschaeftigen sich an
einer Quelle, und jeder sucht das Wasser nach seiner Seite, zu seinem
Vorteil hinzulenken, um nach Erfordernis eigne Zwecke zu erreichen;
welches ihm viel besser gelingt, als wenn er das schon Verarbeitete
nochmals umarbeiten wollte.
Der Reisende selbst hatte Gelegenheit, zu sehen, wie das vorging.
Mehrere Maler waren in einem Zimmer beschaeftigt, ein munterer junger
Freund erzaehlte sehr ausfuehrlich eine ganz einfache Geschichte, so
dass er fast ebenso viele Worte als jene Pinselstriche anwendete,
seinen Vortrag ebenfalls aufs rundeste zu vollenden.
Man versicherte, dass beim Zusammenarbeiten die Freunde sich gar
anmutig unterhielten und dass sich auf diesem Wege oefters
Improvisatoren entwickelten, welche grossen Enthusiasmus fuer die
zwiefache Darstellung zu erregen wuessten.
Der Freund wendete nun seine Erkundigungen zur bildenden Kunst
zurueck. "Ihr habt", so sprach er, "keine Ausstellung, also auch wohl
keine Preisaufgabe?"-- "Eigentlich nicht", versetzte jener, "hier
aber ganz in der Naehe koennen wir Euch sehen lassen, was wir fuer
nuetzlicher halten."
Sie traten in einen grossen, von oben gluecklich erleuchteten Saal;
ein weiter Kreis beschaeftigter Kuenstler zeigte sich zuerst, aus
dessen Mitte sich eine kolossale Gruppe guenstig aufgestellt erhob.
Maennliche und weibliche Kraftgestalten in gewaltsamen Stellungen
erinnerten an jenes herrliche Gefecht zwischen Heldenjuenglingen und
Amazonen, wo Hass und Feindseligkeit zuletzt sich in
wechselseitig-traulichen Beistand aufloest. Dieses merkwuerdig
verschlungene Kunstwerk war von jedem Punkte ringsum gleich guenstig
anzusehen. In einem weiten Umfang sassen und standen bildende Kuenstler,
jeder nach seiner Weise beschaeftigt: der Maler an seiner Staffelei,
der Zeichner am Reissbrett; einige modellierten rund, einige flach
erhoben; ja sogar Baumeister entwarfen den Untersatz, worauf kuenftig
ein solches Kunstwerk gestellt werden sollte. Jeder Teilnehmende
verfuhr nach seiner Weise bei der Nachbildung, Maler und Zeichner
entwickelten die Gruppe zur Flaeche, sorgfaeltig jedoch, sie nicht zu
zerstoeren, sondern so viel wie moeglich beizubehalten. Ebenso wurden
die flacherhobenen Arbeiten behandelt. Nur ein einziger hatte die
ganze Gruppe in kleinerem Massstabe wiederholt, und er schien das
Modell wirklich in gewissen Bewegungen und Gliederbezug uebertroffen
zu haben.
Nun offenbarte sich, dies sei der Meister des Modells, der dasselbe
vor der Ausfuehrung in Marmor hier einer nicht beurteilenden, sondern
praktischen Pruefung unterwarf und so alles, was jeder seiner
Mitarbeiter nach eigner Weise und Denkart daran gesehen, beibehalten
oder veraendert, genau beobachtend bei nochmaligem Durchdenken zu
eignem Vorteil anzuwenden wusste; dergestalt, dass zuletzt, wenn das
hohe Werk in Marmor gearbeitet dastehen wird, obgleich nur von einem
unternommen, angelegt und ausgefuehrt, doch allen anzugehoeren scheinen
moege.
Die groesste Stille beherrschte auch diesen Raum, aber der Vorsteher
erhob seine Stimme und rief: "Wer waere denn hier, der uns in
Gegenwart dieses stationaeren Werkes mit trefflichen Worten die
Einbildungskraft dergestalt erregte, dass alles, was wir hier fixiert
sehen, wieder fluessig wuerde, ohne seinen Charakter zu verlieren, damit
wir uns ueberzeugen, dass, was der Kuenstler hier festgehalten, sei auch
das Wuerdigste?"
Namentlich aufgefordert von allen, verliess ein schoener Juengling
seine Arbeit und begann heraustretend einen ruhigen Vortrag, worin er
das gegenwaertige Kunstwerk nur zu beschreiben schien, bald aber warf
er sich in die eigentliche Region der Dichtkunst, tauchte sich in die
Mitte der Handlung und beherrschte dies Element zur Bewunderung; nach
und nach steigerte sich seine Darstellung durch herrliche Deklamation
auf einen solchen Grad, dass wirklich die starre Gruppe sich um ihre
Achse zu bewegen und die Zahl der Figuren daran verdoppelt und
verdreifacht schien. Wilhelm stand entzueckt und rief zuletzt: "Wer
will sich hier noch enthalten, zum eigentlichen Gesang und zum
rhythmischen Lied ueberzugehen!"
"Dies moecht' ich verbitten", versetzte der Aufseher; "denn wenn
unser trefflicher Bildhauer aufrichtig sein will, so wird er bekennen,
dass ihm unser Dichter eben darum beschwerlich gefallen, weil beide
Kuenstler am weitesten auseinander stehen; dagegen wollt' ich wetten,
ein und der andere Maler hat sich gewisse lebendige Zuege daraus
angeeignet.
Ein sanftes, gemuetliches Lied jedoch moecht' ich unserm Freunde zu
hoeren geben, eines, das ihr so ernst-lieblich vortragt; es bewegt
sich ueber das Ganze der Kunst und ist mir selbst, wenn ich es hoere,
stets erbaulich."
Nach einer Pause, in der sie einander zuwinkten und sich durch
Zeichen beredeten, erscholl von allen Seiten nachfolgender Herz und
Geist erhebende, wuerdige Gesang:
"Zu erfinden, zu beschliessen,
Bleibe, Kuenstler, oft allein;
Deines Wirkens zu geniessen,
Eile freudig zum Verein!
Hier im Ganzen schau', erfahre
Deinen eignen Lebenslauf,
Und die Taten mancher Jahre
Gehn dir in dem Nachbar auf.
Der Gedanke, das Entwerfen,
Die Gestalten, ihr Bezug,
Eines wird das andre schaerfen,
Und am Ende sei's genug!
Wohl erfunden, klug ersonnen,
Schoen gebildet, zart vollbracht--
So von jeher hat gewonnen
Kuenstler kunstreich seine Macht.
Wie Natur im Vielgebilde
Einen Gott nur offenbart,
So im weiten Kunstgefilde
Webt ein Sinn der ew'gen Art;
Dieses ist der Sinn der Wahrheit,
Der sich nur mit Schoenem schmueckt
Und getrost der hoechsten Klarheit
Hellsten Tags entgegenblickt.
Wie beherzt in Reim und Prose
Redner, Dichter sich ergehn,
Soll des Lebens heitre Rose
Frisch auf Malertafel stehn,
Mit Geschwistern reich umgeben,
Mit des Herbstes Frucht umlegt,
Dass sie von geheimem Leben
Offenbaren Sinn erregt.
Tausendfach und schoen entfliesse
Form aus Formen deiner Hand,
Und im Menschenbild geniesse,
Dass ein Gott sich hergewandt.
Welch ein Werkzeug ihr gebrauchet
Stellet euch als Brueder dar;
Und gesangweis flammt und rauchet
Opfersaeule vom Altar."
Alles dieses mochte Wilhelm gar wohl gelten lassen, ob es ihm gleich
sehr paradox und, haette er es nicht mit Augen gesehen, gar unmoeglich
scheinen musste. Da man es ihm nun aber offen und frei, in schoener
Folge vorwies und bekannt machte, so bedurfte es kaum einer Frage, um
das Weitere zu erfahren; doch enthielt er sich nicht, den Fuehrenden
zuletzt folgendermassen anzureden: "Ich sehe, hier ist gar klueglich
fuer alles gesorgt, was im Leben wuenschenswert sein mag; entdeckt mir
aber auch: welche Region kann eine gleiche Sorgfalt fuer dramatische
Poesie aufweisen, und wo koennte ich mich darueber belehren? Ich sah
mich unter allen euren Gebaeuden um und finde keines, das zu einem
solchen Zweck bestimmt sein koennte."
"Verhehlen duerfen wir nicht auf diese Anfrage, dass in unserer ganzen
Provinz dergleichen nicht anzutreffen sei: denn das Drama setzt eine
muessige Menge, vielleicht gar einen Poebel voraus, dergleichen sich bei
uns nicht findet; denn solches Gelichter wird, wenn es nicht selbst
sich unwillig entfernt, ueber die Grenze gebracht. Seid jedoch gewiss,
dass bei unserer allgemein wirkenden Anstalt auch ein so wichtiger
Punkt wohl ueberlegt worden; keine Region aber wollte sich finden,
ueberall trat ein bedeutendes Bedenken ein. Wer unter unsern
Zoeglingen sollte sich leicht entschliessen, mit erlogener Heiterkeit
oder geheucheltem Schmerz ein unwahres, dem Augenblick nicht
angehoeriges Gefuehl in der Masse zu erregen, um dadurch ein immer
missliches Gefallen abwechselnd hervorzubringen? Solche Gaukeleien
fanden wir durchaus gefaehrlich und konnten sie mit unserm ernsten
Zweck nicht vereinen."
"Man sagt aber doch", versetzte Wilhelm, "diese weit um sich
greifende Kunst befoerdere die uebrigen saemtlich."
"Keineswegs", erwiderte man, "sie bedient sich der uebrigen, aber
verdirbt sie. Ich verdenke dem Schauspieler nicht, wenn er sich zu
dem Maler gesellt; der Maler jedoch ist in solcher Gesellschaft
verloren.
Gewissenlos wird der Schauspieler, was ihm Kunst und Leben darbietet,
zu seinen fluechtigen Zwecken verbrauchen und mit nicht geringem
Gewinn; der Maler hingegen, der vom Theater auch wieder seinen
Vorteil ziehen moechte, wird sich immer im Nachteil finden und der
Musikus im gleichen Falle sein. Die saemtlichen Kuenste kommen mir vor
wie Geschwister, deren die meisten zu guter Wirtschaft geneigt waeren,
eins aber, leicht gesinnt, Hab und Gut der ganzen Familie sich
zuzueignen und zu verzehren Lust haette. Das Theater ist in diesem
Falle, es hat einen zweideutigen Ursprung, den es nie ganz, weder als
Kunst noch Handwerk, noch als Liebhaberei verleugnen kann."
Wilhelm sah mit einem tiefen Seufzer vor sich nieder, denn alles auf
einmal vergegenwaertigte sich ihm, was er auf und an den Brettern
genossen und gelitten hatte; er segnete die frommen Maenner, welche
ihren Zoeglingen solche Pein zu ersparen gewusst und aus ueberzeugung
und Grundsatz jene Gefahren aus ihrem Kreise gebannt.
Sein Begleiter jedoch liess ihn nicht lange in diesen Betrachtungen,
sondern fuhr fort: "Da es unser hoechster und heiligster Grundsatz ist,
keine Anlage, kein Talent zu missleiten, so duerfen wir uns nicht
verbergen, dass unter so grosser Anzahl sich eine mimische Naturgabe
auch wohl entschieden hervortue; diese zeigt sich aber in
unwiderstehlicher Lust des Nachaeffens fremder Charaktere, Gestalten,
Bewegung, Sprache. Dies foerdern wir zwar nicht, beobachten aber den
Zoegling genau, und bleibt er seiner Natur durchaus getreu, so haben
wir uns mit grossen Theatern aller Nationen in Verbindung gesetzt und
senden einen bewaehrt Faehigen sogleich dorthin, damit er, wie die Ente
auf dem Teiche, so auf den Brettern seinem kuenftigen Lebensgewackel
und -geschnatter eiligst entgegengeleitet werde."
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 | 9 |
10 |
11 |
12 |
13