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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 3

J >> Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 3

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Wilhelm Meisters Wanderjahre--Buch 3
oder die Entsagenden






Drittes Buch



Erstes Kapitel

Nach allem diesem, und was daraus erfolgen mochte, war nun Wilhelms
erstes Anliegen, sich den Verbuendeten wieder zu naehern und mit
irgendeiner Abteilung derselben irgendwo zusammenzutreffen. Er zog
daher sein Taefelchen zu Rat und begab sich auf den Weg, der ihn vor
andern ans Ziel zu fuehren versprach. Weil er aber, den guenstigsten
Punkt zu erreichen, quer durchs Land gehen musste, so sah er sich
genoetigt, die Reise zu Fusse zu machen und das Gepaeck hinter sich her
tragen zu lassen. Fuer seinen Gang aber ward er auf jedem Schritte
reichlich belohnt, indem er unerwartet ganz allerliebste Gegenden
antraf; es waren solche, wie sie das letzte Gebirg gegen die Flaeche
zu bildet, bebuschte Huegel, die sanften Abhaenge haushaelterisch
benutzt, alle Flaechen gruen, nirgends etwas Steiles, Unfruchtbares und
Ungepfluegtes zu sehen. Nun gelangte er zum Haupttale, worein die
Seitenwasser sich ergossen; auch dieses war sorgfaeltig bebaut, anmutig
uebersehbar, schlanke Baeume bezeichneten die Kruemmung des
durchziehenden Flusses und einstroemender Baeche, und als er die Karte,
seinen Wegweiser, vornahm, sah er zu seiner Verwunderung, dass die
gezogene Linie dieses Tal gerade durchschnitt und er sich also vorerst
wenigstens auf rechtem Weg befinde.

Ein altes, wohlerhaltenes, zu verschiedenen Zeiten erneuertes Schloss
zeigte sich auf einem bebuschten Huegel; am Fusse desselben zog ein
heiterer Flecken sich hin mit vorstehendem, in die Augen fallendem
Wirtshaus; auf letzteres ging er zu und ward zwar freundlich von dem
Wirt empfangen, jedoch mit Entschuldigung, dass man ihn ohne Erlaubnis
einer Gesellschaft nicht aufnehmen koenne, die den ganzen Gasthof auf
einige Zeit gemietet habe; deswegen er alle Gaeste in die aeltere,
weiter hinauf liegende Herberge verweisen muesse. Nach einer kurzen
Unterredung schien der Mann sich zu bedenken und sagte: "Zwar findet
sich jetzt niemand im Hause, doch es ist eben Sonnabend, und der Vogt
kann nicht lange ausbleiben, der woechentlich alle Rechnungen
berichtigt und seine Bestellungen fuer das Naechste macht. Wahrlich, es
ist eine schickliche Ordnung unter diesen Maennern und eine Lust, mit
ihnen zu verkehren, ob sie gleich genau sind, denn man hat zwar
keinen grossen, aber einen sichern Gewinn." Er hiess darauf den neuen
Gast in dem obern grossen Vorsaal sich gedulden und, was ferner sich
ereignen moechte, abwarten.

Hier fand nun der Herantretende einen weiten, saubern Raum, ausser
Baenken und Tischen voellig leer; desto mehr verwunderte er sich, eine
grosse Tafel ueber einer Tuer angebracht zu sehen, worauf die Worte in
goldnen Buchstaben zu lesen waren: "Ubi homines sunt modi sunt";
welches wir deutsch erklaeren, dass da, wo Menschen in Gesellschaft
zusammentreten, sogleich die Art und Weise, wie sie zusammen sein und
bleiben moegen, sich ausbilde. Dieser Spruch gab unserm Wanderer zu
denken, er nahm ihn als gute Vorbedeutung, indem er das hier
bekraeftigt fand, was er mehrmals in seinem Leben als vernuenftig und
foerdersam erkannt hatte. Es dauerte nicht lange, so erschien der Vogt,
welcher, von dem Wirte vorbereitet, nach einer kurzen Unterredung
und keinem sonderlichen Ausforschen ihn unter folgenden Bedingungen
aufnahm: drei Tage zu bleiben, an allem, was vorgehen moechte, ruhig
teilzunehmen und, es geschehe, was wolle, nicht nach der Ursache zu
fragen, so wenig als beim Abschied nach der Zeche. Das alles musste
der Reisende sich gefallen lassen, weil der Beauftragte in keinem
Punkte nachgeben konnte.

Eben wollte der Vogt sich entfernen, als ein Gesang die Treppe
herauf scholl; zwei huebsche junge Maenner kamen singend heran, denen
jener durch ein einfaches Zeichen zu verstehen gab, der Gast sei
aufgenommen. Ihren Gesang nicht unterbrechend, begruessten sie ihn
freundlich, duettierten gar anmutig, und man konnte sehr leicht
bemerken, dass sie voellig eingeuebt und ihrer Kunst Meister seien. Als
Wilhelm die aufmerksamste Teilnahme bewies, schlossen sie und fragten:
ob ihm nicht auch manchmal ein Lied bei seinen Fusswanderungen
einfalle und das er so vor sich hin singe? "Mir ist zwar von der
Natur", versetzte Wilhelm, "eine glueckliche Stimme versagt, aber
innerlich scheint mir oft ein geheimer Genius etwas Rhythmisches
vorzufluestern, so dass ich mich beim Wandern jedesmal im Takt bewege
und zugleich leise Toene zu vernehmen glaube, wodurch denn irgendein
Lied begleitet wird, das sich mir auf eine oder die andere Weise
gefaellig vergegenwaertigt."

"Erinnert Ihr Euch eines solchen, so schreibt es uns auf", sagten
jene; "wir wollen sehen, ob wir Euren singenden Daemon zu begleiten
wissen." Er nahm hierauf ein Blatt aus seiner Schreibtafel und
uebergab ihnen folgendes:



"Von dem Berge zu den Huegeln,
Niederab das Tal entlang,
Da erklingt es wie von Fluegeln,
Da bewegt sich's wie Gesang;
Und dem unbedingten Triebe
Folget Freude, folget Rat;
Und dein Streben, sei's in Liebe,
Und dein Leben sei die Tat."




Nach kurzem Bedenken ertoente sogleich ein freudiger, dem
Wanderschritt angemessener Zweigesang, der, bei Wiederholung und
Verschraenkung immer fortschreitend, den Hoerenden mit hinriss; er war
im Zweifel, ob dies seine eigne Melodie, sein frueheres Thema, oder ob
sie jetzt erst so angepasst sei, dass keine andere Bewegung denkbar waere.
Die Saenger hatten sich eine Zeitlang auf diese Weise vergnueglich
ergangen, als zwei tuechtige Burschen herantreten, die man an ihren
Attributen sogleich fuer Maurer anerkannte, zwei aber, die ihnen
folgten, fuer Zimmerleute halten musste. Diese viere, ihr
Handwerkszeug sachte niederlegend, horchten dem Gesang und fielen gar
bald sicher und entschieden in denselben mit ein, so dass eine
vollstaendige Wandergesellschaft ueber Berg und Tal dem Gefuehl
dahinzuschreiten schien und Wilhelm glaubte, nie etwas so Anmutiges,
Herz und Sinn Erhebendes vernommen zu haben. Dieser Genuss jedoch
sollte noch erhoeht und bis zum Letzten gesteigert werden, als eine
riesenhafte Figur, die Treppe heraufsteigend, einen starken, festen
Schritt mit dem besten Willen kaum zu maessigen imstande war. Ein
schwer bepacktes Reff setzte er sogleich in die Ecke, sich aber auf
eine Bank nieder, die zu krachen anfing, worueber die andern lachten,
ohne jedoch aus ihrem Gesang zu fallen. Sehr ueberrascht aber fand
sich Wilhelm, als mit einer ungeheuren Bassstimme dieses Enakskind
gleichfalls einzufallen begann. Der Saal schuetterte, und bedeutend
war es, dass er den Refrain an seinem Teile sogleich veraendert und
zwar dergestalt sang:



"Du im Leben nichts verschiebe;
Sei dein Leben Tat um Tat!"




Ferner konnte man denn auch gar bald bemerken, dass er das Tempo zu
einem langsameren Schritt herniederziehe und die uebrigen noetige, sich
ihm zu fuegen. Als man zuletzt geschlossen und sich genugsam
befriedigt hatte, warfen ihm die andern vor, als wenn er getrachtet
habe, sie irrezumachen. "Keineswegs", rief er aus, "ihr seid es, die
ihr mich irrezumachen gedenkt; aus meinem Schritt wollt ihr mich
bringen, der gemaessigt und sicher sein muss, wenn ich mit meiner Buerde
bergauf, bergab schreite und doch zuletzt zur bestimmten Stunde
eintreffen und euch befriedigen soll."

Einer nach dem andern ging nunmehr zu dem Vogt hinein, und Wilhelm
konnte wohl bemerken, dass es auf eine Abrechnung angesehen sei,
wornach er sich nun nicht weiter erkundigen durfte. In der
Zwischenzeit kamen ein Paar muntere, schoene Knaben, eine Tafel in der
Geschwindigkeit zu bereiten, maessig mit Speise und Wein zu besetzen,
worauf der heraustretende Vogt sie nunmehr alle sich mit ihm
niederzulassen einlud. Die Knaben warteten auf, vergassen sich aber
auch nicht und nahmen stehend ihren Anteil dahin. Wilhelm erinnerte
sich aehnlicher Szenen, da er noch unter den Schauspielern hauste,
doch schien ihm die gegenwaertige Gesellschaft viel ernster, nicht zum
Scherz auf Schein, sondern auf bedeutende Lebenszwecke gerichtet.

Das Gespraech der Handwerker mit dem Vogt belehrte den Gast hierueber
aufs klarste. Die vier tuechtigen jungen Leute waren in der Naehe
taetig, wo ein gewaltsamer Brand die anmutigste Landstadt in Asche
gelegt hatte; nicht weniger hoerte man, dass der wackere Vogt mit
Anschaffung des Holzes und sonstiger Baumaterialien beschaeftigt sei,
welches dem Gast um so raetselhafter vorkam, als saemtliche Maenner hier
nicht wie Einheimische, sondern wie Vorueberwandernde sich in allem
uebrigen ankuendigten. Zum Schlusse der Tafel holte St. Christoph, so
nannten sie den Riesen, ein beseitigtes gutes Glas Wein zum
Schlaftrunk, und ein heiterer Gesang hielt noch einige Zeit die
Gesellschaft fuer das Ohr zusammen, die dem Blick bereits
auseinandergegangen war; worauf denn Wilhelm in ein Zimmer gefuehrt
wurde von der anmutigsten Lage. Der Vollmond, eine reiche Flur
beleuchtend, war schon herauf und weckte aehnliche und gleiche
Erinnerungen in dem Busen unseres Wanderers. Die Geister aller lieben
Freunde zogen bei ihm vorueber, besonders aber war ihm Lenardos Bild
so lebendig, dass er ihn unmittelbar vor sich zu sehen glaubte. Dies
alles gab ihm ein inniges Behagen zur naechtlichen Ruhe, als er durch
den wunderlichsten Laut beinahe erschreckt worden waere. Es klang aus
der Ferne her, und doch schien es im Hause selbst zu sein, denn das
Haus zitterte manchmal, und die Balken droehnten, wenn der Ton zu
seiner groessten Kraft stieg. Wilhelm, der sonst ein zartes Ohr hatte,
alle Toene zu unterscheiden, konnte doch sich fuer nichts bestimmen; er
verglich es dem Schnarren einer grossen Orgelpfeife, die vor lauter
Umfang keinen entschiedenen Ton von sich gibt. Ob dieses
Nachtschrecken gegen Morgen nachliess, oder ob Wilhelm, nach und nach
daran gewoehnt, nicht mehr dafuer empfindlich war, ist schwer
auszumitteln; genug, er schlief ein und ward von der aufgehenden Sonne
anmutig erweckt.

Kaum hatte ihm einer der dienenden Knaben das Fruehstueck gebracht,
als eine Figur hereintrat, die er am Abendtische bemerkt hatte, ohne
ueber deren Eigenschaften klar zu werden. Es war ein wohlgebauter,
breitschultriger, auch behender Mann, der sich durch ausgekramtes
Geraet als Barbier ankuendigte und sich bereitete, Wilhelmen diesen so
erwuenschten Dienst zu leisten. uebrigens schwieg er still, und das
Geschaeft war mit sehr leichter Hand vollbracht, ohne dass er
irgendeinen Laut von sich gegeben haette. Wilhelm begann daher und
sprach: "Eure Kunst versteht Ihr meisterlich, und ich wuesste nicht, dass
ich ein zarteres Messer jemals an meinen Wangen gefuehlt haette,
zugleich scheint Ihr aber die Gesetze der Gesellschaft genau zu
beobachten."

Schalkhaft laechelnd, den Finger auf den Mund legend, schlich der
Schweigsame zur Tuere hinaus. "Wahrlich!" rief ihm Wilhelm nach: "Ihr
seid jener Rotmantel, wo nicht selbst, doch wenigstens gewiss ein
Abkoemmling; es ist Euer Glueck, dass Ihr den Gegendienst von mir nicht
verlangen wollt, Ihr wuerdet Euch dabei schlecht befunden haben."

Kaum hatte dieser wunderliche Mann sich entfernt, als der bekannte
Vogt hereintrat, zur Tafel fuer diesen Mittag eine Einladung
ausrichtend, welche gleichfalls ziemlich seltsam klang: das Band, so
sagte der Einladende ausdruecklich, heisse den Fremden willkommen,
berufe denselben zum Mittagsmahle und freue sich der Hoffnung, mit
ihm in ein naeheres Verhaeltnis zu treten. Man erkundigte sich ferner
nach dem Befinden des Gastes, und wie er mit der Bewirtung zufrieden
sei; der denn von allem, was ihm begegnet war, nur mit Lob sprechen
konnte. Freilich haette er sich gern bei diesem Manne, wie vorher bei
dem schweigsamen Barbier, nach dem entsetzlichen Ton erkundigt, der
ihn diese Nacht, wo nicht geaengstigt, doch beunruhigt hatte; seines
Angeloebnisses jedoch eingedenk, enthielt er sich jeder Frage und
hoffte, ohne zudringlich zu sein, aus Neigung der Gesellschaft oder
zufaellig nach seinen Wuenschen belehrt zu werden.

Als der Freund sich allein befand, dachte er ueber die wunderliche
Person erst nach, die ihn hatte einladen lassen, und wusste nicht
recht, was er daraus machen sollte. Einen oder mehrere Vorgesetzte
durch ein Neutrum anzukuendigen, kam ihm allzu bedenklich vor. uebrigens
war es so still um ihn her, dass er nie einen stilleren Sonntag erlebt
zu haben glaubte; er verliess das Haus, vernahm aber ein
Glockengelaeute und ging nach dem Staedtchen zu. Die Messe war eben
geendigt, und unter den sich herausdraengenden Einwohnern und
Landleuten erblickte er drei Bekannte von gestern, einen
Zimmergesellen, einen Maurer und einen Knaben. Spaeter bemerkte er
unter den protestantischen Gottesverehrern gerade die drei andern.
Wie die uebrigen ihrer Andacht pflegen mochten, ward nicht bekannt, so
viel aber getraute er sich zu schliessen, dass in dieser Gesellschaft
eine entschiedene Religionsfreiheit obwalte.

Zu Mittag kam demselben am Schlosstore der Vogt entgegen, ihn durch
mancherlei Hallen in einen grossen Vorsaal zu fuehren, wo er ihn
niedersetzen hiess. Viele Personen gingen vorbei, in einen
anstossenden Saalraum hinein. Die schon bekannten waren darunter zu
sehen, selbst St. Christoph schritt vorueber; alle gruessten den Vogt
und den Ankoemmling. Was dem Freund dabei am meisten auffiel, war,
dass er nur Handwerker zu sehen glaubte, alle nach gewohnter Weise,
aber hoechst reinlich gekleidet; wenige, die er allenfalls fuer
Kanzleiverwandte gehalten haette.

Als nun keine neuen Gaeste weiter zudrangen, fuehrte der Vogt unsern
Freund durch die stattliche Pforte in einen weitlaeufigen Saal; dort
war eine unuebersehbare Tafel gedeckt, an deren unterem Ende er
vorbeigefuehrt wurde, nach oben zu, wo er drei Personen quer vorstehen
sah. Aber von welchem Erstaunen ward er ergriffen, als er in die Naehe
trat und Lenardo, kaum noch erkannt, ihm um den Hals fiel. Von
dieser ueberraschung hatte man sich noch nicht erholt, als ein Zweiter
Wilhelmen gleichfalls feurig und lebhaft umarmte und sich als den
wunderlichen Friedrich, Nataliens Bruder, zu erkennen gab. Das
Entzuecken der Freunde verbreitete sich ueber alle Gegenwaertigen; ein
Freud--und Segensruf erscholl die ganze Tafel her. Auf einmal aber,
als man sich gesetzt, ward alles still und das Gastmahl mit einer
gewissen Feierlichkeit aufgetragen und eingenommen.

Gegen Ende der Tafel gab Lenardo ein Zeichen, zwei Saenger standen
auf, und Wilhelm verwunderte sich sehr, sein gestriges Lied
wiederholt zu hoeren, das wir, der naechsten Folge wegen, hier wieder
einzuruecken fuer noetig finden.



"Von dem Berge zu den Huegeln,
Niederab das Tal entlang,
Da erklingt es wie von Fluegeln,
Da bewegt sich's wie Gesang;
Und dem unbedingten Triebe
Folget Freude, folget Rat;
Und dein Streben, sei's in Liebe,
Und dein Leben sei die Tat."




Kaum hatte dieser Zwiegesang, von einem gefaellig maessigen Chor
begleitet, sich zum Ende geneigt, als gegenueber sich zwei andere
Saenger ungestuem erhuben, welche mit ernster Heftigkeit das Lied mehr
umkehrten als fortsetzten, zur Verwunderung des Ankoemmlings aber sich
also vernehmen liessen:



"Denn die Bande sind zerrissen,
Das Vertrauen ist verletzt;
Kann ich sagen, kann ich wissen,
Welchem Zufall ausgesetzt
Ich nun scheiden, ich nun wandern,
Wie die Witwe trauervoll,
Statt dem einen mit dem andern
Fort und fort mich wenden soll!"




Der Chor, in diese Strophe einfallend, ward immer zahlreicher, immer
maechtiger, und doch konnte man die Stimme des heiligen Christoph, vom
untern Ende der Tafel her, gar bald unterscheiden. Beinahe furchtbar
schwoll zuletzt die Trauer; ein unmutiger Mut brachte, bei
Gewandtheit der Saenger, etwas Fugenhaftes in das Ganze, dass es unserm
Freunde wie schauderhaft auffiel. Wirklich schienen alle voellig
gleichen Sinnes zu sein und ihr eignes Schicksal eben kurz vor dem
Aufbruche zu betrauern. Die wundersamsten Wiederholungen, das oeftere
Wiederaufleben eines beinahe ermattenden Gesanges schien zuletzt dem
Bande selbst gefaehrlich; Lenardo stand auf, und alle setzten sich
sogleich nieder, den Hymnus unterbrechend. Jener begann mit
freundlichen Worten: "Zwar kann ich euch nicht tadeln, dass ihr euch
das Schicksal, das uns allen bevorsteht, immer vergegenwaertigt, um zu
demselben jede Stunde bereit zu sein. Haben doch lebensmuede, bejahrte
Maenner den Ihrigen zugerufen: "Gedenke zu sterben!", so duerfen wir
lebenslustige juengere wohl uns immerfort ermuntern und ermahnen mit
den heitern Worten: "Gedenke zu wandern!"; dabei ist aber wohlgetan,
mit Mass und Heiterkeit dessen zu erwaehnen, was man entweder willig
unternimmt, oder wozu man sich genoetigt glaubt. Ihr wisst am besten,
was unter uns fest steht und was beweglich ist; gebt uns dies auch in
erfreulichen, aufmunternden Toenen zu geniessen, worauf denn dieses
Abschiedsglas fuer diesmal gebracht sei!" Er leerte sodann seinen
Becher und setzte sich nieder; die vier Saenger standen sogleich auf
und begannen in abgeleiteten, sich anschliessenden Toenen:



"Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Kraeften,
ueberall sind sie zu Haus;
Wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los:
Dass wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so gross."




Bei dem wiederholenden Chorgesange stand Lenardo auf und mit ihm
alle; sein Wink setzte die ganze Tischgesellschaft in singende
Bewegung; die unteren zogen, St. Christoph voran, paarweis zum Saale
hinaus, und der angestimmte Wandergesang ward immer heiterer und
freier; besonders aber nahm er sich sehr gut aus, als die
Gesellschaft, in den terrassierten Schlossgaerten versammelt, von hier
aus das geraeumige Tal uebersah, in dessen Fuelle und Anmut man sich
wohl gern verloren haette. Indessen die Menge sich nach Belieben
hier--und dorthin zerstreute, machte man Wilhelmen mit dem dritten
Vorsitzenden bekannt. Es war der Amtmann, der das graefliche,
zwischen mehreren Standesherrschaften liegende Schloss dieser
Gesellschaft, so lange sie hier zu verweilen fuer gut faende,
einzuraeumen und ihr vielfache Vorteile zu verschaffen gewusst, dagegen
aber auch, als ein kluger Mann, die Anwesenheit so seltener Gaeste zu
nutzen verstand. Denn indem er fuer billige Preise seine Fruchtboeden
auftat und, was sonst noch zu Nahrung und Notdurft erforderlich waere,
zu verschaffen wusste, so wurden bei solcher Gelegenheit laengst
vernachlaessigte Dachreihen umgelegt, Dachstuehle hergestellt, Mauern
unterfahren, Planken gerichtet und andere Maengel auf den Grad gehoben,
dass ein laengst vernachlaessigtes, in Verfall geratenes Besitztum
verbluehender Familien den frohen Anblick einer lebendig benutzten
Wohnlichkeit gewaehrte und das Zeugnis gab: Leben schaffe Leben, und,
wer andern nuetzlich sei, auch sie ihm zu nutzen in die Notwendigkeit
versetze.





Zweites Kapitel


Hersilie an Wilhelm

Mein Zustand kommt mir vor wie ein Trauerspiel des Alfieri; da die
Vertrauten voellig ermangeln, so muss zuletzt alles in Monologen
verhandelt werden, und fuerwahr, eine Korrespondenz mit Ihnen ist
einem Monolog vollkommen gleich; denn Ihre Antworten nehmen eigentlich
wie ein Echo unsre Silben nur oberflaechlich auf, um sie verhallen zu
lassen. Haben Sie auch nur ein einzigmal etwas erwidert, worauf man
wieder haette erwidern koennen? Parierend, ablehnend sind Ihre Briefe!
Indem ich aufstehe, Ihnen entgegenzutreten, so weisen Sie mich wieder
auf den Sessel zurueck.





Vorstehendes war schon einige Tage geschrieben; nun findet sich ein
neuer Drang und Gelegenheit, Gegenwaertiges an Lenardo zu bringen;
dort findet Sie's, oder man weiss Sie zu finden. Wo es Sie aber auch
antreffen mag, lautet meine Rede dahin, dass, wenn Sie, nach gelesenem
diesem Blatt, nicht gleich vom Sitze aufspringen und als frommer
Wanderer sich eilig bei mir einstellen, so erklaer' ich Sie fuer den
maennlichsten aller Maenner, d. h dem die liebenswuerdigste aller
Eigenschaften unsers Geschlechts voellig abgeht; ich verstehe darunter
die Neugierde, die mich eben in dem Augenblick auf das entschiedenste
quaelt.

Kurz und gut! Zu Ihrem Prachtkaestchen ist das Schluesselchen
gefunden; das darf aber niemand wissen als ich und Sie. Wie es in
meine Haende gekommen, vernehmen Sie nun.

Vor einigen Tagen empfaengt unser Gerichtshalter eine Ausfertigung
von fremder Behoerde, worin gefragt wird, ob nicht ein Knabe sich zu
der und der Zeit in der Nachbarschaft aufgehalten, allerlei Streiche
veruebt und endlich bei einem verwegenen Unternehmen seine Jacke
eingebuesst habe.

Wie dieser Schelm nun bezeichnet war, blieb kein Zweifel uebrig, es
sei jener Fitz, von dem Felix so viel zu erzaehlen wusste und den er
sich oft als Spielkameraden zurueckwuenschte.

Nun erbat sich jene Stelle die benannte Kleidung, wenn sie noch
vorhanden waere, weil der in Untersuchung geratene Knabe sich darauf
berufe. Von dieser Zumutung spricht nun unser Gerichtshalter
gelegentlich und zeigt das Kittelchen vor, eh' er es absendet.

Mich treibt ein guter oder boeser Geist, in die Brusttasche zu
greifen; ein winzig kleines, stachlichtes Etwas kommt mir in die Hand;
ich, die ich sonst so apprehensiv, kitzlich und schreckhaft bin,
schliesse die Hand, schliesse sie, schweige, und das Kleid wird
fortgeschickt. Sogleich ergreift mich von allen Empfindungen die
wunderlichste. Beim ersten verstohlenen Blick seh' ich, errat' ich,
zu Ihrem Kaestchen sei es der Schluessel. Nun gab es wunderliche
Gewissenszweifel, mancherlei Skrupel stiegen bei mir auf. Den Fund zu
offenbaren, herzugeben, war mir unmoeglich: was soll es jenen
Gerichten, da es dem Freunde so nuetzlich sein kann! Dann wollte sich
mancherlei von Recht und Pflicht wieder auftun, welche mich aber nicht
ueberstimmen konnten.

Da sehen Sie nun, in was fuer einen Zustand mich die Freundschaft
versetzt; ein famoses Organ entwickelt sich ploetzlich, Ihnen zuliebe;
welch ein wunderlich Ereignis! Moechte das nicht mehr als
Freundschaft sein, was meinem Gewissen dergestalt die Waage haelt!
Wundersam bin ich beunruhigt, zwischen Schuld und Neugier; ich mache
mir hundert Grillen und Maerchen, was alles daraus erfolgen koennte:
mit Recht und Gericht ist nicht zu spassen. Hersilie, das unbefangene,
gelegentlich uebermuetige Wesen, in einen Kriminalprozess verwickelt,
denn darauf geht's doch hinaus, und was bleibt mir da uebrig, als an
den Freund zu denken, um dessentwillen ich das alles leide! Ich habe
sonst auch an Sie gedacht, aber mit Pausen, jetzt aber unaufhoerlich;
jetzt, wenn mir das Herz schlaegt und ich ans siebente Gebot denke, so
muss ich mich an Sie wenden als den Heiligen, der das Verbrechen
veranlasst und mich auch wohl wieder entbinden kann; und so wird
allein die Eroeffnung des Kaestchens mich beruhigen. Die Neugierde
wird doppelt maechtig. Kommen Sie eiligst und bringen das Kaestchen
mit. Fuer welchen Richterstuhl eigentlich das Geheimnis gehoere, das
wollen wir unter uns ausmachen; bis dahin bleibt es unter uns;
niemand wisse darum, es sei auch, wer es sei.





Hier aber, mein Freund, nun schliesslich zu dieser Abbildung des
Raetsels was sagen Sie? Erinnert es nicht an Pfeile mit Widerhaken?
Gott sei uns gnaedig! Aber das Kaestchen muss zwischen mir und Ihnen
erst uneroeffnet stehen und dann eroeffnet das Weitere selbst befehlen.
Ich wollte, es faende sich gar nichts drinnen, und was ich sonst noch
wollte und was ich sonst noch alles erzaehlen koennte doch sei Ihnen
das vorenthalten, damit Sie desto eiliger sich auf den Weg machen.

Und nun maedchenhaft genug noch eine Nachschrift! Was geht aber mich
und Sie eigentlich das Kaestchen an? Es gehoert Felix, der hat's
entdeckt, hat sich's zugeeignet, den muessen wir herbeiholen, ohne
seine Gegenwart sollen wir's nicht oeffnen.

Und was das wieder fuer Umstaende sind! das schiebt sich und
verschiebt sich.

Was ziehen Sie so in der Welt herum? Kommen Sie! bringen Sie den
holden Knaben mit, den ich auch einmal wieder sehen moechte.

Und nun geht's da wieder an, der Vater und der Sohn! tun Sie, was
Sie koennen, aber kommen Sie beide.





Drittes Kapitel

Vorstehender wunderliche Brief war freilich schon lange geschrieben
und hin und wider getragen worden, bis er endlich, der Aufschrift
gemaess, diesmal abgegeben werden konnte. Wilhelm nahm sich vor, mit
dem ersten Boten, dessen Absendung bevorstand, freundlich, aber
ablehnend zu antworten. Hersilie schien die Entfernung nicht zu
berechnen, und er war gegenwaertig zu ernstlich beschaeftigt, als dass
ihn auch nur die mindeste Neugierde, was in jenem Kaestchen befindlich
sein moechte, haette reizen duerfen.

Auch gaben ihm einige Unfaelle, die den derbsten Gliedern dieser
tuechtigen Gesellschaft begegneten, Gelegenheit, sich meisterhaft in
der von ihm ergriffenen Kunst zu beweisen. Und wie ein Wort das
andere gibt, so folgt noch gluecklicher eine Tat aus der andern, und
wenn dadurch zuletzt auch wieder Worte veranlasst werden, so sind
diese um so fruchtbarer und geisterhebender. Die Unterhaltungen
waren daher so belehrend als ergoetzlich, denn die Freunde gaben sich
wechselseitig Rechenschaft vom Gange des bisherigen Lernens und Tuns,
woraus eine Bildung entstanden war, die sie wechselseitig erstaunen
machte, dergestalt, dass sie sich untereinander erst selbst wieder
mussten kennen lernen.

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