Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 3
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Johann Wolfgang von Goethe >> Wilhelm Meisters Wanderjahre Buch 3
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Und in eben diesem Sinne haelt der Sammler und Ordner dieser Papiere
mit andern Anordnungen zurueck, welche unter der Gesellschaft selbst
noch als Probleme zirkulieren und welche zu versuchen man vielleicht
an Ort und Stelle nicht raetlich findet; um desto weniger Beifall
duerfte man sich versprechen, wenn man derselben hier umstaendlich
erwaehnen wollte.
Zwoelftes Kapitel
Die zu Odoardos Vortrag angesetzte Frist war gekommen, welcher,
nachdem alles versammelt und beruhigt war, folgendermassen zu reden
begann: "Das bedeutende Werk, an welchem teilzunehmen ich diese Masse
wackerer Maenner einzuladen habe, ist Ihnen nicht ganz unbekannt, denn
ich habe ja schon im allgemeinen mit Ihnen davon gesprochen. Aus
meinen Eroeffnungen geht hervor, dass in der alten Welt so gut wie in
der neuen Raeume sind, welche einen bessern Anbau beduerfen, als ihnen
bisher zuteil ward. Dort hat die Natur grosse, weite Strecken
ausgebreitet, wo sie unberuehrt und eingewildert liegt, dass man sich
kaum getraut, auf sie loszugehen und ihr einen Kampf anzubieten. Und
doch ist es leicht fuer den Entschlossenen, ihr nach und nach die
Wuesteneien abzugewinnen und sich eines teilweisen Besitzes zu
versichern. In der alten Welt ist es das Umgekehrte. Hier ist
ueberall ein teilweiser Besitz schon ergriffen, mehr oder weniger
durch undenkliche Zeit das Recht dazu geheiligt; und wenn dort das
Grenzenlose als unueberwindliches Hindernis erscheint, so setzt hier
das Einfachbegrenzte beinahe noch schwerer zu ueberwindende
Hindernisse entgegen. Die Natur ist durch Emsigkeit, der Mensch
durch Gewalt oder ueberredung zu noetigen.
Wird der einzelne Besitz von der ganzen Gesellschaft fuer heilig
geachtet, so ist er es dem Besitzer noch mehr. Gewohnheit,
jugendliche Eindruecke, Achtung fuer Vorfahren, Abneigung gegen den
Nachbar und hunderterlei Dinge sind es, die den Besitzer starr und
gegen jede Veraenderung widerwillig machen. Je aelter dergleichen
Zustaende sind, je verflochtener, je geteilter, desto schwieriger wird
es, das Allgemeine durchzufuehren, das, indem es dem Einzelnen etwas
naehme, dem Ganzen und durch Rueck--und Mitwirkung auch jenem wieder
unerwartet zugute kaeme.
Schon mehrere Jahre steh' ich im Namen meines Fuersten einer Provinz
vor, die, von seinen Staaten getrennt, lange nicht so, wie es moeglich
waere, benutzt wird. Eben diese Abgeschlossenheit oder
Eingeschlossenheit, wenn man will, hindert, dass bisher keine Anstalt
sich treffen liess, die den Bewohnern Gelegenheit gegeben haette, das,
was sie vermoegen, nach aussen zu verbreiten, und von aussen zu
empfangen, was sie beduerfen.
Mit unumschraenkter Vollmacht gebot ich in diesem Lande. Manches
Gute war zu tun, aber doch immer nur ein beschraenktes; dem Bessern
waren ueberall Riegel vorgeschoben, und das Wuenschenswerteste schien
in einer andern Welt zu liegen.
Ich hatte keine andere Verpflichtung, als gut hauszuhalten. Was ist
leichter als das! Ebenso leicht ist es, Missbraeuche zu beseitigen,
menschlicher Faehigkeiten sich zu bedienen, den Bestrebsamen
nachzuhelfen. Dies alles liess sich mit Verstand und Gewalt recht
bequem leisten, dies alles tat sich gewissermassen von selbst. Aber
wohin besonders meine Aufmerksamkeit, meine Sorge sich richtete, dies
waren die Nachbarn, die nicht mit gleichen Gesinnungen, am wenigsten
mit gleicher ueberzeugung ihre Landesteile regierten und regieren
liessen.
Beinahe haette ich mich resigniert und mich innerhalb meiner Lage am
besten gehalten und das Herkoemmliche, so gut als es sich tun liess,
benutzt, aber ich bemerkte auf einmal, das Jahrhundert komme mir zu
Huelfe. Juengere Beamte wurden in der Nachbarschaft angestellt, sie
hegten gleiche Gesinnungen, aber freilich nur im allgemeinen
wohlwollend, und pflichteten nach und nach meinen Planen zu
allseitiger Verbindung um so eher bei, als mich das Los traf, die
groesseren Aufopferungen zuzugestehen, ohne dass gerade jemand merkte,
auch der groessere Vorteil neige sich auf meine Seite.
So sind nun unser drei ueber ansehnliche Landesstrecken zu gebieten
befugt, unsre Fuersten und Minister sind von der Redlichkeit und
Nuetzlichkeit unsrer Vorschlaege ueberzeugt; denn es gehoert freilich
mehr dazu, seinen Vorteil im Grossen als im Kleinen zu uebersehen.
Hier zeigt uns immer die Notwendigkeit, was wir zu tun und zu lassen
haben, und da ist denn schon genug, wenn wir diesen Massstab ans
Gegenwaertige legen; dort aber sollen wir eine Zukunft erschaffen, und
wenn auch ein durchdringender Geist den Plan dazu faende, wie kann er
hoffen, andere darin einstimmen zu sehen?
Noch wuerde dies dem einzelnen nicht gelingen; die Zeit, welche die
Geister frei macht, oeffnet zugleich ihren Blick ins Weitere, und im
Weiteren laesst sich das Groessere leicht erkennen, und eins der
staerksten Hindernisse menschlicher Handlungen wird leichter zu
entfernen. Dieses besteht naemlich darin, dass die Menschen wohl ueber
die Zwecke einig werden, viel seltener aber ueber die Mittel, dahin zu
gelangen. Denn das wahre Grosse hebt uns ueber uns selbst hinaus und
leuchtet uns vor wie ein Stern; die Wahl der Mittel aber ruft uns in
uns selbst zurueck, und da wird der einzelne gerade, wie er war, und
fuehlt sich ebenso isoliert, als haett' er vorher nicht ins Ganze
gestimmt.
Hier also haben wir zu wiederholen: Das Jahrhundert muss uns zu Huelfe
kommen, die Zeit an die Stelle der Vernunft treten und in einem
erweiterten Herzen der hoehere Vorteil den niedern verdraengen.
Hiermit sei es genug, und waer' es zu viel fuer den Augenblick, in der
Folge werd' ich einen jeden Teilnehmer daran erinnern. Genaue
Vermessungen sind geschehen, die Strassen bezeichnet, die Punkte
bestimmt, wo man die Gasthoefe und in der Folge vielleicht die Doerfer
heranrueckt. Zu aller Art von Baulichkeiten ist Gelegenheit, ja
Notwendigkeit vorhanden. Treffliche Baumeister und Techniker
bereiten alles vor; Risse und Anschlaege sind gefertigt; die Absicht
ist, groessere und kleinere Akkorde abzuschliessen und so mit genauer
Kontrolle die bereitliegenden Geldsummen, zur Verwunderung des
Mutterlandes, zu verwenden: da wir denn der schoensten Hoffnung leben,
es werde sich eine vereinte Taetigkeit nach allen Seiten von nun an
entwickeln.
Worauf ich nun aber die saemtlichen Teilnehmer aufmerksam zu machen
habe, weil es vielleicht auf ihre Entschliessung Einfluss haben koennte,
ist die Einrichtung, die Gestalt, in welche wir alle Mitwirkenden
vereinigen und ihnen eine wuerdige Stellung unter sich und gegen die
uebrige buergerliche Welt zu schaffen gedenken.
Sobald wir jenen bezeichneten Boden betreten, werden die Handwerke
sogleich fuer Kuenste erklaert und durch die Bezeichnung "strenge
Kuenste" von den "freien" entschieden getrennt und abgesondert.
Diesmal kann hier nur von solchen Beschaeftigungen die Rede sein,
welche den Aufbau sich zur Angelegenheit machen; die saemtlichen hier
anwesenden Maenner, jung und alt, bekennen sich zu dieser Klasse.
Zaehlen wir sie her in der Folge, wie sie den Bau in die Hoehe richten
und nach und nach zur Wohnbarkeit befoerdern.
Die Steinmetzen nenn' ich voraus, welche den Grund--und Eckstein
vollkommen bearbeiten, den sie mit Beihuelfe der Maurer am rechten Ort
in der genauesten Bezeichnung niedersenken. Die Maurer folgen
hierauf, die auf den streng untersuchten Grund das Gegenwaertige und
Zukuenftige wohl befestigen. Frueher oder spaeter bringt der Zimmermann
seine vorbereiteten Kontignationen herbei, und so steigt nach und
nach das Beabsichtigte in die Hoehe. Den Dachdecker rufen wir eiligst
herbei; im Innern beduerfen wir des Tischers, Glasers, Schlossers, und
wenn ich den Tuencher zuletzt nenne, so geschieht es, weil er mit
seiner Arbeit zur verschiedensten Zeit eintreten kann, um zuletzt dem
Ganzen in--und auswendig einen gefaelligen Schein zu geben. Mancher
Huelfsarbeiten gedenk' ich nicht, nur die Hauptsache verfolgend.
Die Stufen von Lehrling, Gesell und Meister muessen aufs strengste
beobachtet werden; auch koennen in diesen viele Abstufungen gelten,
aber Pruefungen koennen nicht sorgfaeltig genug sein. Wer herantritt,
weiss, dass er sich einer strengen Kunst ergibt, und er darf keine
laesslichen Forderungen von ihr erwarten; ein einziges Glied, das in
einer grossen Kette bricht, vernichtet das Ganze. Bei grossen
Unternehmungen wie bei grossen Gefahren muss der Leichtsinn verbannt
sein.
Gerade hier muss die strenge Kunst der freien zum Muster dienen und
sie zu beschaemen trachten. Sehen wir die sogenannten freien Kuenste
an, die doch eigentlich in einem hoehern Sinne zu nehmen und zu nennen
sind, so findet man, dass es ganz gleichgueltig ist, ob sie gut oder
schlecht betrieben werden. Die schlechteste Statue steht auf ihren
Fuessen wie die beste, eine gemalte Figur schreitet mit verzeichneten
Fuessen gar munter vorwaerts, ihre missgestalteten Arme greifen gar
kraeftig zu, die Figuren stehen nicht auf dem richtigen Plan, und der
Boden faellt deswegen nicht zusammen. Bei der Musik ist es noch
auffallender; die gellende Fiedel einer Dorfschenke erregt die wackern
Glieder aufs kraeftigste, und wir haben die unschicklichsten
Kirchenmusiken gehoert, bei denen der Glaeubige sich erbaute. Wollt
ihr nun gar auch die Poesie zu den freien Kuensten rechnen, so werdet
ihr freilich sehen, dass diese kaum weiss, wo sie eine Grenze finden
soll. Und doch hat jede Kunst ihre innern Gesetze, deren
Nichtbeobachtung aber der Menschheit keinen Schaden bringt; dagegen
die strengen Kuenste duerfen sich nichts erlauben. Den freien Kuenstler
darf man loben, man kann an seinen Vorzuegen Gefallen finden,
wenngleich seine Arbeit bei naeherer Untersuchung nicht Stich haelt.
Betrachten wir aber die beiden, sowohl die freien als strengen
Kuenste, in ihren vollkommensten Zustaenden, so hat sich diese vor
Pedanterei und Bocksbeutelei, jene vor Gedankenlosigkeit und
Pfuscherei zu hueten. Wer sie zu leiten hat, wird hierauf aufmerksam
machen, Missbraeuche und Maengel werden dadurch verhuetet werden.
Ich wiederhole mich nicht, denn unser ganzes Leben wird eine
Wiederholung des Gesagten sein; ich bemerke nur noch folgendes: Wer
sich einer strengen Kunst ergibt, muss sich ihr fuers Leben widmen.
Bisher nannte man sie Handwerk, ganz angemessen und richtig; die
Bekenner sollten mit der Hand wirken, und die Hand, soll sie das, so
muss ein eigenes Leben sie beseelen, sie muss eine Natur fuer sich sein,
ihre eignen Gedanken, ihren eignen Willen haben, und das kann sie
nicht auf vielerlei Weise."
Nachdem der Redende mit noch einigen hinzugefuegten guten Worten
geschlossen hatte, richteten die saemtlichen Anwesenden sich auf, und
die Gewerke, anstatt abzuziehen, bildeten einen regelmaessigen Kreis
vor der Tafel der anerkannten Oberen. Odoard reichte den saemtlichen
ein gedrucktes Blatt umher, wovon sie, nach einer bekannten Melodie,
maessig munter ein zutrauliches Lied sangen:
"Bleiben, Gehen, Gehen, Bleiben
Sei fortan dem Tuecht'gen gleich.
Wo wir Nuetzliches betreiben,
Ist der werteste Bereich.
Dir zu folgen, wird ein Leichtes,
Wer gehorchet, der erreicht es,
Zeig' ein festes Vaterland.
Heil dem Fuehrer! Heil dem Band!
Du verteilest Kraft und Buerde
Und erwaegst es ganz genau,
Gibst dem Alten Ruh' und Wuerde,
Juenglingen Geschaeft und Frau.
Wechselseitiges Vertrauen
Wird ein reinlich Haeuschen bauen,
Schliessen Hof und Gartenzaun,
Auch der Nachbarschaft vertraun.
Wo an wohlgebahnten Strassen
Man in neuer Schenke weilt,
Wo dem Fremdling reicher Massen
Ackerfeld ist zugeteilt,
Siedeln wir uns an mit andern.
Eilet, eilet, einzuwandern
In das feste Vaterland.
Heil dir Fuehrer! Heil dir Band!"
Dreizehntes Kapitel
Eine vollkommene Stille schloss sich an diese lebhafte Bewegung der
vergangenen Tage. Die drei Freunde blieben allein gegen einander
ueber stehen, und es ward gar bald merkbar, dass zwei von ihnen,
Lenardo und Friedrich, von einer sonderbaren Unruhe bewegt wurden; sie
verbargen nicht, dass sie beide ungeduldig seien, fuer ihren Teil in
der Abreise von diesem Ort sich gehindert zu sehen. Sie erwarteten
einen Boten, hiess es, und es kam indessen nichts Vernuenftiges, nichts
Entscheidendes zur Sprache.
Endlich kommt der Bote, ein bedeutendes Paket ueberbringend, worueber
sich Friedrich sogleich herwirft, um es zu eroeffnen. Lenardo haelt
ihn ab und spricht: "Lass es unberuehrt, leg' es vor uns nieder auf den
Tisch; wir wollen es ansehen, denken und vermuten, was es enthalten
moege. Denn unser Schicksal ist seiner Bestimmung naeher, und wenn wir
nicht selbst Herren darueber sind, wenn es von dem Verstande, von den
Empfindungen anderer abhaengt, ein Ja oder Nein, ein So oder So zu
erwarten ist, dann ziemt es, ruhig zu stehen, sich zu fassen, sich zu
fragen, ob man es erdulden wuerde als wenn es ein sogenanntes
Gottesurteil waere, wo uns auferlegt ist, die Vernunft gefangenzunehmen."
"Du bist nicht so gefasst, als du scheinen willst", versetzte
Friedrich, "bleibe deswegen allein mit deinen Geheimnissen und
schalte darueber nach Belieben, mich beruehren sie auf alle Faelle nicht;
aber lass mich indes diesem alten, geprueften Freunde den Inhalt
offenbaren und die zweifelhaften Zustaende vorlegen, die wir ihm schon
so lange verheimlicht haben." Mit diesen Worten riss er unsern Freund
mit sich weg, und schon unterwegs rief er aus: "Sie ist gefunden,
laengst gefunden! und es ist nur die Frage, wie es mit ihr werden soll."
"Das wusst' ich schon", sagte Wilhelm, "denn Freunde offenbaren
einander gerade das am deutlichsten, was sie einander verschweigen;
die letzte Stelle des Tagebuchs, wo sich Lenardo gerade mitten im
Gebirg des Briefes erinnert, den ich ihm schrieb, rief mir in der
Einbildungskraft im ganzen Umgange des Geistes und Gefuehls jenes gute
Wesen hervor; ich sah ihn schon mit dem naechsten Morgen sich ihr
naehern, sie anerkennen und was daraus mochte gefolgt sein. Da will
ich denn aber aufrichtig gestehen, dass nicht Neugierde, sondern ein
redlicher Anteil, den ich ihr gewidmet habe, mich ueber euer Schweigen
und Zurueckhalten beunruhigte."
"Und in diesem Sinne", rief Friedrich, "bist du gerade bei diesem
angekommenen Paket hauptsaechlich mit interessiert; der Verfolg des
Tagebuchs war an Makarien gesandt, und man wollte dir durch Erzaehlung
das ernst-anmutige Ereignis nicht verkuemmern. Nun sollst du's auch
gleich haben; Lenardo hat gewiss indessen ausgepackt, und das braucht
er nicht zu seiner Aufklaerung."
Friedrich sprang hiermit nach alter Art hinweg, sprang wieder herbei
und brachte das versprochene Heft. "Nun muss ich aber auch erfahren",
rief er, "was aus uns werden wird." Hiemit war er wieder entsprungen,
und Wilhelm las: Lenardos Tagebuch Fortsetzung
Freitag, den 19ten.
Da man heute nicht saeumen durfte, um zeitig zu Frau Susanne zu
gelangen, so fruehstueckte man eilig mit der ganzen Familie, dankte mit
versteckten Glueckwuenschen und hinterliess dem Geschirrfasser, welcher
zurueckblieb, die den Jungfrauen zugedachten Geschenke, etwas
reichlicher und braeutlicher als die vorgestrigen, sie ihm heimlich
zuschiebend, worueber der gute Mann sich sehr erfreut zeigte.
Diesmal war der Weg fruehe zurueckgelegt; nach einigen Stunden
erblickten wir in einem ruhigen, nicht allzu weiten, flachen Tale,
dessen eine, felsige Seite von Wellen des klarsten Sees leicht
bespuelt sich widerspiegelte, wohl und anstaendig gebaute Haeuser, um
welche ein besserer, sorgfaeltig gepflegter Boden, bei sonniger Lage,
einiges Gartenwesen beguenstigte. In das Haupthaus durch den
Garnboten eingefuehrt und Frau Susannen vorgestellt, fuehlte ich etwas
ganz Eigenes, als sie uns freundlich ansprach und versicherte: es sei
ihr sehr angenehm, dass wir Freitags kaemen, als dem ruhigsten Tage der
Woche, da Donnerstags abends die gefertigte Ware zum See und in die
Stadt gefuehrt werde. Dem einfallenden Garnboten, welcher sagte: "Die
bringt wohl Daniel jederzeit hinunter!", versetzte sie: "Gewiss, er
versieht das Geschaeft so loeblich und treu, als wenn es sein eigenes
waere."--"Ist doch auch der Unterschied nicht gross", versetzte jener;
uebernahm einige Auftraege von der freundlichen Wirtin und eilte, seine
Geschaefte in den Seitentaelern zu vollbringen, versprach in einigen
Tagen wiederzukommen und mich abzuholen.
Mir war indessen ganz wunderlich zumute; mich hatte gleich beim
Eintritt eine Ahnung befallen, dass es die Ersehnte sei; beim laengeren
Hinblick war sie es wieder nicht, konnte es nicht sein, und doch beim
Wegblicken, oder wenn sie sich umkehrte, war sie es wieder; eben wie
im Traum Erinnerung und Phantasie ihr Wesen gegeneinander treiben.
Einige Spinnerinnen, die mit ihrer Wochenarbeit gezoegert hatten,
brachten sie nach; die Herrin, mit freundlichster Ermahnung zum
Fleisse, marktete mit ihnen, ueberliess aber, um sich mit dem Gast zu
unterhalten, das Geschaeft an zwei Maedchen, welche sie Gretchen und
Lieschen nannte und welche ich um desto aufmerksamer betrachtete, als
ich ausforschen wollte, wie sie mit der Schilderung des
Geschirrfassers allenfalls zusammentraefen. Diese beiden Figuren
machten mich ganz irre und zerstoerten alle aehnlichkeit zwischen der
Gesuchten und der Hausfrau.
Aber ich beobachtete diese nur desto genauer, und sie schien mir
allerdings das wuerdigste, liebenswuerdigste Wesen von allen, die ich
auf meiner Gebirgsreise erblickte. Schon war ich von dem Gewerbe
unterrichtet genug, um mit ihr ueber das Geschaeft, welches sie gut
verstand, mit Kenntnis sprechen zu koennen; meine einsichtige
Teilnahme erfreute sie sehr, und als ich fragte: woher sie ihre
Baumwolle beziehe, deren grossen Transport uebers Gebirg ich vor
einigen Tagen gesehen, so erwiderte sie, dass eben dieser Transport ihr
einen ansehnlichen Vorrat mitgebracht. Die Lage ihres Wohnorts sei
auch deshalb so gluecklich, weil die nach dem See hinunterfuehrende
Hauptstrasse etwa nur eine Viertelstunde ihres Tals hinabwaerts
vorbeigehe, wo sie denn entweder in Person oder durch einen Faktor die
ihr von Triest bestimmten und adressierten Ballen in Empfang nehme,
wie denn das vorgestern auch geschehen.
Sie liess nun den neuen Freund in einen grossen, lueftigen Keller
hineingehen, wo der Vorrat aufgehoben wird, damit die Baumwolle nicht
zu sehr austrockne, am Gewicht verliere und weniger geschmeidig werde.
Dann fand ich auch, was ich schon im einzelnen kannte, meistenteils
hier versammelt; sie deutete nach und nach auf dies und jenes, und
ich nahm verstaendigen Anteil. Indessen wurde sie stiller, aus ihren
Fragen konnt' ich erraten, sie vermute, dass ich vom Handwerk sei.
Denn sie sagte, da die Baumwolle soeben angekommen, so erwarte sie nun
bald einen Kommis oder Teilnehmer der Triester Handlung, der nach
einer bescheidenen Ansicht ihres Zustandes die schuldige Geldpost
abholen werde; diese liege bereit fuer einen jeden, welcher sich
legitimieren koenne.
Einigermassen verlegen suchte ich auszuweichen und blickte ihr nach,
als sie eben einiges anzuordnen durchs Zimmer ging; sie erschien mir
wie Penelope unter den Maegden.
Sie kehrt zurueck, und mich duenkt, es sei was Eigenes in ihr
vorgegangen. "Sie sind denn nicht vom Kaufmannsstande?" sagte sie,
"ich weiss nicht, woher mir das Vertrauen kommt und wie ich mich
unterfangen mag, das Ihrige zu verlangen; erdringen will ich's nicht,
aber goennen Sie mir's, wie es Ihnen ums Herz ist." Dabei sah mich ein
fremdes Gesicht mit so ganz bekannten erkennenden Augen an, dass ich
mich ganz durchdrungen fuehlte und mich kaum zu fassen wusste. Meine
Kniee, mein Verstand wollten mir versagen, als man sie
gluecklicherweise sehr eilig abrief. Ich konnte mich erholen, meinen
Vorsatz staerken, so lang als moeglich an mich zu halten; denn es
schwebte mir vor, als wenn abermals ein unseliges Verhaeltnis mich
bedrohe.
Gretchen, ein gesetztes, freundliches Kind, fuehrte mich ab, mir die
kuenstlichen Gewebe vorzuzeigen; sie tat es verstaendig und ruhig, ich
schrieb, um ihr Aufmerksamkeit zu beweisen, was sie mir vorsagte, in
meine Schreibtafel, wo es noch steht zum Zeugnis eines bloss
mechanischen Verfahrens, denn ich hatte ganz anderes im Sinne; es
lautet folgendermassen:
"Der Eintrag von getretener sowohl als gezogener Weberei geschieht,
je nachdem das Muster es erfordert, mit weissem, lose gedrehtem
sogenannten Muggengarn, mitunter auch mit tuerkischrot gefaerbten,
desgleichen mit blauen Garnen, welche ebenfalls zu Streifen und
Blumen verbraucht werden.
Beim Scheren ist das Gewebe auf Walzen gewunden, die einen
tischfoermigen Rahmen bilden, um welchen her mehrere arbeitende
Personen sitzen."
Lieschen, die unter den Scherenden gesessen, steht auf, gesellt sich
zu uns, ist geschaeftig, dreinzureden, und zwar auf eine Weise, um
jene durch Widerspruch nur irrezumachen; und als ich Gretchen
dessenungeachtet mehr Aufmerksamkeit bewies, so fuhr Lieschen umher,
um etwas zu holen, zu bringen, und streifte dabei, ohne durch die
Enge des Raums genoetigt zu sein, mit ihrem zarten Ellebogen zweimal
merklich bedeutend an meinem Arm hin, welches mir nicht sonderlich
gefallen wollte.
Die Gute-Schoene (sie verdient ueberhaupt, besonders aber alsdann so
zu heissen, wenn man sie mit den uebrigen vergleicht) holte mich in den
Garten ab, wo wir der Abendsonne geniessen sollten, eh' sie sich
hinter das hohe Gebirg versteckte. Ein Laecheln schwebte um ihre
Lippen, wie es wohl erscheint, wenn man etwas Erfreuliches zu sagen
zaudert; auch mir war es in dieser Verlegenheit gar lieblich zumute.
Wir gingen nebeneinander her, ich getraute mir nicht, ihr die Hand zu
reichen, so gern ich's getan haette; wir schienen uns beide vor Worten
und Zeichen zu fuerchten, wodurch der glueckliche Fund nur allzubald ins
Gemeine offenbar werden koennte. Sie zeigte mir einige Blumentoepfe,
worin ich aufgekeimte Baumwollenstauden erkannte.--"So naehren und
pflegen wir die fuer unser Geschaefte unnuetzen, ja widerwaertigen
Samenkoerner, die mit der Baumwolle einen so weiten Weg zu uns machen.
Es geschieht aus Dankbarkeit, und es ist ein eigen Vergnuegen,
dasjenige lebendig zu sehen, dessen abgestorbene Reste unser Dasein
beleben. Sie sehen hier den Anfang, die Mitte ist Ihnen bekannt, und
heute abend, wenn's Glueck gut ist, einen erfreulichen Abschluss.
Wir als Fabrikanten selbst oder ein Faktor bringen unsre die Woche
ueber eingegangene Ware Donnerstag abends in das Marktschiff und
langen so, in Gesellschaft von andern, die gleiches Geschaeft treiben,
mit dem fruehesten Morgen am Freitag in der Stadt an. Hier traegt nun
ein jeder seine Ware zu den Kaufleuten, die im grossen handeln, und
sucht sie so gut als moeglich abzusetzen, nimmt auch wohl den Bedarf
von roher Baumwolle allenfalls an Zahlungs Statt.
Aber nicht allein den Bedarf an rohen Stoffen fuer die Fabrikation
nebst dem baren Verdienst holen die Marktleute in der Stadt, sondern
sie versehen sich auch daselbst mit allerlei andern Dingen zum
Beduerfnis und Vergnuegen. Wo einer aus der Familie in die Stadt zu
Markte gefahren, da sind Erwartungen, Hoffnungen und Wuensche, ja
sogar oft Angst und Furcht rege. Es entsteht Sturm und Gewitter, und
man ist besorgt, das Schiff nehme Schaden! Die Gewinnsuechtigen
harren und moechten erfahren, wie der Verkauf der Waren ausgefallen,
und berechnen schon im voraus die Summe des reinen Erwerbs; die
Neugierigen warten auf die Neuigkeiten aus der Stadt, die
Putzliebenden auf die Kleidungsstuecke oder Modesachen, die der
Reisende etwa mitzubringen Auftrag hatte; die Leckern endlich und
besonders die Kinder auf die Esswaren, und wenn es auch nur Semmeln
waeren.
Die Abfahrt aus der Stadt verzieht sich gewoehnlich bis gegen Abend,
dann belebt sich der See allmaehlich und die Schiffe gleiten segelnd,
oder durch die Kraft der Ruder getrieben, ueber seine Flaeche hin;
jedes bemueht sich, dem andern vorzukommen; und die, denen es gelingt,
verhoehnen wohl scherzend die, welche zurueckzubleiben sich genoetigt
sehen.
Es ist ein erfreuliches, schoenes Schauspiel um die Fahrt auf dem See,
wenn der Spiegel desselben mit den anliegenden Gebirgen vom Abendrot
erleuchtet sich warm und allmaehlich tiefer und tiefer schattiert, die
Sterne sichtbar werden, die Abendbetglocken sich hoeren lassen, in den
Doerfern am Ufer sich Lichter entzuenden, im Wasser widerscheinend, dann
der Mond aufgeht und seinen Schimmer ueber die kaum bewegte Flaeche
streut. Das reiche Gelaende flieht vorueber, Dorf um Dorf, Gehoeft um
Gehoeft bleiben zurueck, endlich in die Naehe der Heimat gekommen, wird
in ein Horn gestossen, und sogleich sieht man im Berg hier und dort
Lichter erscheinen, die sich nach dem Ufer herab bewegen, ein jedes
Haus, das einen Angehoerigen im Schiffe hat, sendet jemanden, um das
Gepaeck tragen zu helfen.
Wir liegen hoeher hinauf, aber jedes von uns hat oft genug diese
Fahrt mitbestanden, und was das Geschaeft betrifft, so sind wir alle
von gleichem Interesse."
Ich hatte ihr mit Verwunderung zugehoert, wie gut und schoen sie das
alles sprach, und konnte mich der offenen Bemerkung nicht enthalten:
wie sie in dieser rauhen Gegend, bei einem so mechanischen Geschaeft,
zu solcher Bildung habe gelangen koennen? Sie versetzte, mit einem
allerliebsten, beinahe schalkhaften Laecheln vor sich hingehend: "Ich
bin in einer schoenern und freundlichem Gegend geboren, wo vorzuegliche
Menschen herrschen und hausen, und ob ich gleich als Kind mich wild
und unbaendig erwies, so war doch der Einfluss geistreicher Besitzer
auf ihre Umgebung unverkennbar. Die groesste Wirkung jedoch auf ein
junges Wesen tat eine fromme Erziehung, die ein gewisses Gefuehl des
Rechtlichen und Schicklichen, als von Allgegenwart goettlicher Liebe
getragen, in mir entwickelte. Wir wanderten aus", fuhr sie fort--das
feine Laecheln verliess ihren Mund, eine unterdrueckte Traene fuellte das
Auge--, "wir wanderten weit, weit, von einer Gegend zur andern, durch
fromme Fingerzeige und Empfehlungen geleitet; endlich gelangten wir
hierher, in diese hoechst taetige Gegend; das Haus, worin Sie mich
finden, war von gleichgesinnten Menschen bewohnt, man nahm uns
treulich auf, mein Vater sprach dieselbe Sprache, in demselben Sinn,
wir schienen bald zur Familie zu gehoeren.
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