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Der Gwissenswurm

L >> Ludwig Anzengruber >> Der Gwissenswurm

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This Etext prepared by
Michael Pullen
globaltraveler5565@yahoo.com





Der Gwissenswurm

Ludwig Anzengruber




Bauernkomoedie mit Gesang in drei Akten




Personen:

Grillhofer, ein reicher Bauer

Nikodemi Dusterer, sein Schwager

Wastl, Michl, Rosl und Annemirl, Dienstleute bei Grillhofer

Die Horlacher-Lies

Leonhardt, Fuhrknecht

Poltner, der Bauer an der "Kahlen Lehnten"

Sein Weib

Natzl und Hans, deren Soehne

Knechte und Maegde im Grillhoferschen Hause



Urauffuehrung am 19. September 1874 im Theater an der Wien




Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 1. Szene




Erster Akt


Wohlhaebige Bauernstube. Hintergrund links ein Doppelfenster, rechts der
Haupteingang. Rechte Seite Fenster, links eine Seitentuer. Vorne gegen
links ein Tisch mit mehreren Stuehlen, gegen die Wand ein mit Leder
ueberzogener Sorgenstuhl, an dessen Rueckenlehne ein Bettpolster. Wie der
Vorhang aufgeht, ist die Buehne leer. Auf dem Tische steht eine dampfende
Schuessel. Vor dem Fenster sieht man Knechte und Maegde mit Rechen und
Heugabeln vorbeiziehen.



Erste Szene


Knechte und Maegde.

Chor. Knechte.

Glei is die Sunn am Platz,
Musst dich halt schlaun,
Sunsten, mein lieber Schatz,
Brennt's dich ganz braun.



Maegde.

Mei Bub, geh, sag ma no,
Was kuemmert's dich?
Die Sunn, die brennt dich do
Schwaerzer als mich!



Beide (Jodler).

Jujujuheh! (Ausklingend.)




Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 2. Szene




Zweite Szene


Von links: Rosl (aeltere Magd) fuehrt Grillhofer, der sich leicht auf sie
stuetzt, herein.

Grillhofer. Au weh! Au weh! Hebt schon wieder so a sakrischer Tag an.

Rosl. No, kimm nur, Bauer. Da steht schon dein Suppen; lass s'nit kalt
werdn.

Grillhofer. Ah was--meintswegn. Mir schlagt eh nix mehr an. (Hat sich
mit Beschwer niedergelassen, schneidet bebend sich Brot in die Schuessel
und loeffelt es mit Gier aus.)

Rosl. Wer weiss, Bauer. Wann dich der liebe Gott wieder gsund machen will.
..

Grillhofer. Er will aber net!

Rosl. Ah freilich! Er wird schon wolln.

Grillhofer (schreit). Er will aber net, ich weiss's!

Rosl (erschrocken). No ja, nachher is's was anders.

Grillhofer. Weisst, Rosl, du musst's nit so aufnehmen, wonn ich dich
anschrei! Es is nit so boes gemeint. Aber weisst, wonn man in Erkenntnus
der Suendhaftigkeit schon so weit kaemma is, dass man sich frei in alles
schicket, wenn ein'm glei in Gottesnam der Teufel holet, so lasst man sich
selbn Zustand der Gnad von neamad mehr gern abreden.

Rosl. No jo, freilich, freilich, wohl, wohl, Bauer, wann's a so is, so
bleib holt in dein Zustand.




Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 3. Szene




Dritte Szene


Vorige. Wastl (durch den Haupteingang).

Wastl. Gutn Morgn, Bauer.

Grillhofer. Gutn Morgn Wastl. Na, na, lass nur dein Pfeif in Maul, geht
dir sunst aus.

Wastl. Kann's wohl derwarten. Es is fuer dich net zutraglich, kunnt dich
reizen, hust ehnder z'viel.--No werdn wir heunt schaun, dass wir's Heu
hereinkriegn, 's Wetter wird neama lang so sauber aushalten. Gestern
schon um Mittag hot's in der Luft so g'flirretst, als waer die a in der
Hitz verbroeselt und tat durcheinanderwoiseln, wann die Sunn durchscheint.
's is hoechste Zeit zum Dazuschaun! Und a Heu is does, Bauer, so schoen und
viel, und es riecht frei, dass eins umfalln koennt vor Gutheit.

Grillhofer. Noja,noia.

Wastl (schupft die Achsel). "No ja--no ja." Aber, Bauer, wann ich dir sag,
a Heu--'s aelteste Rindvieh da herum kann sich auf so oans nit besinna.
Gfreut dich denn gar nix mehr? Nachhert gfreut ein'm a nix. Wem gang's
denn was an, wann dich net?

Rosl. Hast recht, Wastl, hast recht, sag ihm's nur h'nein!

Grillhofer. Lassts es gut sein. Wann ich so bin, is's doch eng nit
abtraglich. Ich vergunn schon mein Nebenmenschen 's gute Heu. Jo, jo,
gwiss. Aber ich taug halt nix mehr auf derer Welt--na--na--mich bekuemmert
nimmer 's irdische, mich bekuemmert nur 's himmlische Heu, wovon gschriebn
steht: "Der Mensch welkt dahin wie Heu!", und da is mir nur um die Einfuhr
in den himmlischen Heuschober!

Wastl. Jesses und Joseph, Bauer, mir kennt sich frei neama mit dir aus.
Wann ich dir frueher gredt haett von so ein Heu, wie does a Heu is...! Aber
seit dich nur allweil bekuemmerst, was gschrieben steht, gibst auf kein
vernuenftig Reden mehr was.

Rosl. Hast recht, Wastl, hast schon recht, sag ihm's nur h'nein.

Wastl. Seit dich vor ein halbn Jahrl der Schlag gstreift hat, bist neama
der alte.

Grillhofer. Selb tat sich a net schicken! Does war a Deuter vom lieben
Gott, sider der Zeit halt ich still und wart auf'n zweiten. Mei lieber
Wastl, du bist a guter Bub--a du, Rosl, ja, ja, du bist a a ehrlichs
Mensch--muessts halt a Einsehn mit mir habn, noch does kleine Neichtel Zeit,
so mir bschiedn is; leicht moch ich noch fruher a End und zieh mich zruck
von alln weltlichen Wesen. Ja, ja, konn leicht moeglich sein, ich bin no
lang net so, wie ich sein moecht, hat sich doch vorhin, wie du kaemma bist,
Wastl, der Gwinst- und Spekalierteufl in mir a weng noch gruehrt. Na, na,
does daerf net sein, dass sich 's Heu zwischen mich und mein Schoepfer draengt.
Na, na, ich hab eh gnug auf mir, dazukaemma derf nix mehr, abwendig derf
mich nix mehr machen von die gottseligen Gedanken.

Rosl. Tust doch, als waerst der suendhaftigste Mon. Hast leicht eins
umbracht?

Grillhofer. Does net, Gott sei Dank, Rosl, does net; aber 's Gegenteil auf
unerlaubte Art kunnt leicht moeglich sein.--Geh, lang mir das dicke Buch
dort her. (Rosl holt die Postille von einem Schrank und legt sie vor
Grillhofer hin.)

Grillhofer. So, und hiazt gehts all zwei in Gottsnam an enger Tagwerk und
ich geh an meins. Is der Schwager noch net da?

Rosl. Na.

Grillhofer. Wann er kimmt, Rosl, so bring ein Wein und a weng a
Rauchfleisch eine. Hizt gehts. (Schlaegt das Buch auf und beginnt zu
lesen.)

Rosl. Bhuet Gott! (Ab durch den Haupteingang.)




Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 4. Szene




Vierte Szene


Grillhofer und Wastl.

Grillhofer. Bhuet dich Gott, Rosl! (Kleine Pause, ohne aufzusehen.) Bhuet
dich Gott, Wastl!

Wastl. Ich hob jo no nix gsagt.

Grillhofer (aufblickend). Willst no was?

Wastl. Es liegt mir schon lang auf. ueber dein Schwagern, uebern Dusterer,
moecht ich mich amal ausreden.

Grillhofer. No, nur kein unbschaffens Wort!

Wastl. Bewahr waer mir a z' gring dazu, dass ich a unbschaffens Wort ueber
eahm verlier--der elendige Kerl.

Grillhofer. Wastl!--Er is mein einziger Verwandter, der einzige Mensch,
der ein trostreichen Zuspruch fuer mich hat, dem was glegn is an mir in
Zeit und Ewigkeit.

Wastl. Ich weiss's eh, er is, der dich zu dem bussfertigen Wesen hinzerrt,
wie 's Kalbl zur Kuh, wenn's es Saufen derlernen soll.

Grillhofer. Hehe! Sixt, Wastl, wie d' trotz deiner Boshaftigkeit nix
dagegen fuerbringa kannst! 's Kalbl muss ja saufen, sunst wurd's hin!

Wastl. Schon recht, Bauer, aber fuer a Kalbl warst mer doch schon z'viel
ausgwachsen.--Sag do selber, Bauer, wie d' no riegelsam warst, hat der
Dusterer kein Fuss ueber dein Staffel gsetzt--was findt er's denn hizt
vonnoeten, dass er dir alle Tag uebern Hals rennt? Zwegn der Zeit und
Ewigkeit leicht? Ka Red, meinst net selber, dass er sich zutatig macht,
weil er glaubt, es koennt die ganz Hinterlassenschaft an ihm falln? Und
hat er dich erst da, nachher kunnst freili--von ihm aus--Gott
verhuet's--nit frueh gnug selig werdn.

Grillhofer. So mein ich ja eh selber!

Wastl. Na alsdann, na sixt, is doch amal a gscheite Red von dir! Oder
wie d' frueher hast a Wartl davon falln lassen, dass d' dich moechtst in die
Ruh setzen, meinst nit a selber, er wurd dir einredn, dass dein ganz
Bussfertigkeit um a gut Truemmerl z' kurz war, wann du nit ihm 'n Hof
verschreibst und noet bei seiner Sippschaft als Ausnehmer bliebst? Han?

Grillhofer. Na jo, so mein ich ja ehnder selber!

Wastl. No, so sag ich, scheinheilig is er.

Grillhofer, Und ich sag, er is's net.

Wastl. Wohl is er's!

Grillhofer. Na, sog i! Wastl, du bist a dummer Bua, du verstehst does net,
der Dusterer, der is so, der is so, wie er is. Und zwegn dem, was mer
gredt habn, so tut das der Busshaftigkeit kein Eintrag und werd i ihm's
doch net in uebel aufnehma, dass er auf sich schaut, wo sein Vorteil und der
meine Hand in Hand gehn.

Wastl. Na, hoerst, da moecht eins doch glei narrisch werdn! Wann sein
Vorteil is, meinst nit, es kunnt wohl a a kleine Spitzbueberei mit
unterlaufen?

Grillhofer. Na, Wastl, does net, does net! Alls, was er fuerbringt, does is
nur zu wahr--nur zu wahr is's!

Wastl. No, ich konn da nix sagn, ich weiss nit, wie er dich h'rumkriegt
hat, so hilft a kein Redn.

Grillhofer. Host a recht, Wastl. Redn is do von unnoetn! Der Dusterer ist
ueber ein Feldpater! Alles kurz und eindringlich und hizt: glaub's oder
glaub's nit! A Teuxelskerl sag ich dir, mit sein gottgfaelligen Wesen.
Dran glauben muss man. Does hat er heraust, ja, ja, does hat er heraust!
Zwegn, dass er sein Vorteil sucht, selb is richtig, aber does tut nix, mag's
selber gern sehn, wann einer was treibt, er treibt's recht, aber ehrlich
muss's dabei zugehn! Wann ich ihm dahinter kam, dass does kein Schickung is,
doe ihn in mein Haus fuehrt, dass net so sein muesst, wie er sagt, dass er auf
'n Herrgottn sein Rechnung lugt--Kreuzsakra, WastI, da kriegest a Arbeit.

Wastl. Jesses, Bauer, schaff an, schaff nur glei an!

Grillhofer (laesst den Kopf haengen). Lass gut sein, Wastl, lass's gut sein.
's kimmt noet a so.--Er hat mich schon bei der richtigen Faltn. Er hat
mich an oans erinnert, hon's schon lang vergessen ghabt--hizt aber hat sa
sich aufgriegelt, hizt sitzt's da und gibt kein Ruh mehr, der Gwissenswurm
is's--und da hilft kein Aufdammen. Schoen, schoen unterdrucken heisst's und
reuig sein.

Wastl. Grillhofer, wann's wahr is, dass eins, das sein Art auf einmal
aendert, bald verstirbt, so machst es neama lang, der Dusterer braucht net
lang mehr ernste Gsichter z'schneiden, der konn bald lachen. Kreuzteufi!
Frueher habn mer g'arbeit und sein dann lustig gwest all Tag und du warst
der Fleissigst und Lustigste, und wann ich denk, dass der alte Halunk dran
Schuld tragt, dass mir hizt dasitzen wie auf einer Kartausen--Sikra h'nein,
ich wollt, er kam hizt h'rein, dass i ihm's h'neinsagn kunnt: Dusterer, du
bist a Haderlump!




Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 5. Szene




Fuenfte Szene


Vorige. Dusterer.

Dusterer (kleine, hagere, schwaechliche Gestalt, von der Zipfelmuetze bis zu
den Stiefeln hinunter ganz schwarz gekleidet. Spricht alles auf trockene,
gewichtige Bauernmanier, stossweise). Gelobt sei Jesus Christus!

Wastl (schreit, wie in seiner Rede fortfahrend). In Ewigkeit!

Grillhofer. In Ewigkeit!

Dusterer (behaelt seine Pfeife im Munde und geht rasch auf Grillhofer zu).
Gruess Gott, Schwager, gruess Gott, no, wie is dir denn wordn aufs letzte
Beten?

Grillhofer. Hm, besser, ja, ich mein schon a bissel besser!

Dusterer (setzt sich). Verlaubst schon. Na, sollt mich freun. Ja, ja.
(Beobachtet Grillhofer scharf.) Sollt mich rechtschaffen gfreun! Tats nur
wieder weisen, dass ma die Krankheiten abbeten kann, is a alte Gschicht!
Freilich ghoert die rechte Frummheit und Bussfertigkeit dazu! Wer nur
unserm Herrgott 's Maul machen moecht, der richt nix. Nur an die Leut und
an der eingrissnen Gottlosigkeit liegt's--an sonst nix--an sonst nix!
(Pafft Rauchwolken von sich.) Ja, ja.

Wastl (tritt zu ihm). Musst nit rauchen, Dusterer! Ich bin vom Haus und
rauch a noet! (Nimmt ihm die Pfeife aus dem Mund.)

Grillhofer. Wastl--du Sikra h'nein!

Wastl (klopft die Pfeife auf dem Fensterbrett aus und setzt den Fuss auf
die glimmende Asche). Verlaubst schon. Um die Gselchtigkeit is 'm
Bauern ja do net z' tun!

Grillhofer. Na, aber der aerger, den d' ein'm machst, schlagt mir leicht
an?

Wastl. Is dir gwiss gsuender! (Gibt dem Dusterer die Pfeife zurueck.) Da,
Dusterer.

Grillhofer. Wastl, du Sakra, du nimmst dir viel heraus. (Erhebt sich
muehsam.) Mach mich nit schichti, am End kunnt ich dich doch no meistern.

Wastl. Recht is's, does steht dir an--kimm nur her, Bauer, ich wehr mich
nicht viel--und dir is's leicht gsund!

Grillhofer (setzt sich erschoepft). Du narrischer Hoellteufl, du!--Geh zu,
sag ich, geh zu!-Dusterer (beguetigend). Lass gut sein, Schwager, lass's gut
sein--ja--ja! (Mit Emphase.) I verzeih ihm--ich verzeih ihm--does tu ich.

Wastl (mit unsaeglicher Verachtung). Er verzeigt mir! (Ist bis zur Tuere
gegangen.) Der! Verzeigt mir! Bhuet dich Gott, Bauer! (Ab.)




Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 6. Szene




Sechste Szene


Grillhofer. Dusterer, dann Rosl.

Dusterer. Is a kecker Ding, der Wastl! Ja, ja! Mein allweil, Hochmut
kommt vorm Fall. Kunnt doch gschehn, wer weiss, wie bald, dass er entbehrli
wurd.--Ja.

Grillhofer. No, no, nur vertraglich! Was sagst, du verzeigst ihm, wann
d' ihm was nachtragn willst?

Dusterer. Hat er s' angnommen, doe Verzeihung--hat er s'angnommen? Han?

Grillhofer. Ah was, auf 'm Stubenbodn wird er s' nit liegen lassen habn!
--Solang ich die Augen offen hab, will ich net sehn, wie mein Anwesen
zruckgeht, der Wastl is wie a Pfleger drauf. Tat keiner gut, der ihn
weggab. Du verstehst dich a mehr aufs Himmelreich als auf d' Wirtschaft!

Dusterer. Wohl, wohl. Z' wirtschaften hat's wenig gebn, da muss oans auf
'n himmlischen Vater vertraun. Dass ich sag, ja, dass ich sag, es war mir
vorhin nur um die Pfeifen, weil a Anfeuchtung is beim Reden--weisst, mir
redt sich trocken so schwer.

Grillhofer. D'Rosl muss eh glei ein Wein bringen.

Dusterer. No nochert is schon recht, nochert is schon recht. Dann woelln
mer weiterredn. Mein Seel, ich bin so austrueckert da h'rum als haett mich
die gluetende Hoelluft anblasen.

Grillhofer. Warst leicht unt auf ein klein Bsuch?

Dusterer. Does net, Schwager, does net, aber glesen hab ich davon.

Grillhofer. In ein Buch stund's aufzeichnet?

Dusterer. In ein grossen, dicken Buch--wie does, so dick--sein auch Bilder
dabei, alles, wie's zugeht; es ist grausam anzschaun, sag ich dir.

Grillhofer. So, so, ja freilich wann's bschriebn is, ja freilich nachher!
--Musst mir's lesen lassen!

Dusterer. Gwiss Schwoger, gwiss! Sobald so weit bist, dass dir einwendig
denken kannst: "Dich trifft's neama, du bist draust!", dann is aber a
rechte Herzfreud, wann ma so davon lest und denkt sich all seine Feind und
Unfriedmacher in die Qual hinein. Does is dir a so a Vergnueglichkeit, wie
beispielmaessig, wann's dir dein Anrainer die ganze Feldfrucht vernagelt,
dir biegt's kein Halmerl um.

Grillhofer. Jo, aber wo bleibt denn da die christlich Naechstenlieb?

Dusterer. Richtig, richtig, die hon ich beispielmaessig ganz vergessen.
Aber wo bleibt denn der Wein?




Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 7. Szene




Siebente Szene


Vorige. Rosl.

Rosl (bringt eine Flasche mit Wein, dazu ein Glas und einen Teller, worauf
ein Stueck Rauchfleisch und ein Brot, und stellt es vor Dusterer auf den
Tisch). Gsegn's Gott!

Dusterer. Vergelt's Gott! Schau, die Rosl--die Rosel no, du bist ja no
allweil so sauber beinander, wie's juengste Dirndl! (Schenkt rasch ein.)
Verlaubst schon, Schwoger, dass sie mir Bescheid tut! (Noetigt ihr das Glas
auf, indem er sie um die Huefte fasst.)

Rosl. Wann's erlaubt ist? Dein Wohlsein!

Dusterer (taetschelt sie im Ruecken). No, bleibst wohl huebsch ledig--huebsch
ledig--und brav?

Rosl (macht sich los und schlaegt ihn auf die Hand). Was is denn does?
(Ab.)




Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 8. Szene




Achte Szene


Vorige, ohne Rosl.

Dusterer. No, no--is a dalkets Ding, die Rosl.--Grillhofer, am
Schuerzenbandl bin ich ihr haengenbliebn, ja, ja, am Schuerzenbandl, sunst
nix! (Trinkt.) Ah, das is a Tropfen! (Stellt das Glas vor sich hin.) Ja,
dass ich also sag, Schwoger, weil ich mich hizt leichter mit dir red und
weil wir allein sind.--Grillhofer (erhebt sich feierlich), Grillhofer, mir
machst nix weis! (Schenkt im Stehen wieder ein.)

Grillhofer. Wie meinst doe Red?

Dusterer (setzt sich, indem er den Wein austrinkt). Schwoger, ich weiss,
warum ich dir gsagt hab, dass ich dir das Hoellbuechl erst spater bring.--Ich
hab dich fruher betracht--du hast gsagt, besser waer dir.--Laugn's net--wir
sein hizt unter vier Augen--dir is uebler als gestern.

Grillhofer. No, werd ich's leicht laugnen unter uns? Nur vorm Wastl, dass
er sein vorlauten Wesen Einhalt tut, hab ich's gsagt. Aber ich muss's
wissen, dass mir einwendig wohler ist, die Seel is mir gsuender wie jemal.

Dusterer. Does gab der liebe Herrgott, aber leicht is does Ganze nur a
hoffartig Einbildung von dir. (Erhebt sich wie oben.) Grillhofer, weisst,
warum dir net besser is? (Schenkt ein.)

Grillhofer. Wusst's net.

Dusterer. Weil dir die Busshaftigkeit fehlt. (Setzt sich und trinkt aus.)
Weil dir die Busshaftigkeit fehlt.

Grillhofer. Does wusst ich a net.

Dusterer. Grillhofer, glaub mir, wann i dir was sag! Dir fehlt die
Busshaftigkeit!

Grillhofer. Moecht wissen, warum!

Dusterer. So, so--beispielmaessig lass dir sagn, es is a Unterschied
zwischen Frummheit und Frummheit und Reuhaftigkeit und Reuhaftigkeit, wie
zwischen 'm Rosolie und 'm Wacholder, der eine is zur Hochfahrt, der
andere warmt ein'm 's Einwendige. (Erhebt sich wie oben.) Grillhofer, es
steht geschrieben: "Wer mir nachfolgen will -"

Grillhofer. "Der nehme sein Kreuz auf sich!"

Dusterer. Nein.

Grillhofer. Was na? Nachher noet.

Dusterer. Das heisst, so steht wohl a gschriebn, aber so mein ich net, 's
Kreuz hast schon auf dir. Aber es steht ferner geschrieben: "Wenn du mir
willst nachfolgen, so wirf dein Gut ins Meer!"

Grillhofer. Tragst du mein Hof auf 'm Buckel hin bis zum Meer?

Dusterer. "Ins Meer und teile es mit den Armen." (Setzt sich und trinkt
aus.)

Grillhofer. So kann net gschrieben stehn!

Dusterer. Warum?

Grillhofer. Wann ich's ins Meer wirf, kriegn's ja die Fisch und net doe
Armen.

Dusterer (erhebt sich wieder). Aber es steht doch so geschrieben.

Grillhofer. Wird doch kein Unsinn gschriebn stehn?!

Dusterer. Und warum net, Grillhofer? Glaub mir, wann ich dir was sag.
Es steht geschrieben!

Grillhofer. Na, da mach du a Nutzanwendung drauf, ich bin mir z' dumm
dazu.

Dusterer (setzt sich und trinkt aus). Is kein Kunst, denn es is
beispielmaessig zu verstehn. Wann du willst mit'm Himmel auf gleich kaemma,
dann musst du alles Weltwesen, um was dich noch sorgen und bekuemmern
koenntst, von dir tun, du musst das Deine verschenken, musst es an die Armen
verteilen.

Grillhofer. Da sein eahner doch z'viel, kam ja auf kein was, waer schad um
das schoene Anwesen!

Dusterer. Kannst es ja beinandlassen; wann d' ein einzigen Armen a Guttat
derweist, gilt's fuer alle! Schau dich halt um, vielleicht findst unter
der Hand in einer einzigen Familie a ganz Traeuperl Arme beinander, die
leicht noch z' neben der christlich Naechstenlieb no a verwandtschaeftliche
Zuneigung fuer dich haetten--ja -ja--brauchst etwa gar net weit herumzsuchen,
Schwoger--ja--hm--ja, dass ich sag, beispielmaessig, ich und mein Weib und
meine fuenf Kinder, wir moechten dich schon rechtschaffen pflegen, moechten
dir's im Gebet gedenken, a nach dein'n seligen End--ja--ja beispielmaessig!

Grillhofer. Schneid net so h'rum, 's hat ja alls a christlich Absehn und
hab ich schon selber dran denkt. Aber in d' Ausnahm gehn, wo andere mit
ihnere leiblich Kinder aften nix Guts derlebn, zu Fremde auf Gnoden und
Ungnoden!? Net beklagn koennt i mich, heisset's doch gleich: der Narr, was
hat er 's unnoetig tan? Und von fruher her hot's mir nie taugt, dein
Sippschaft zwegn engerer Duckmauserei--na, es is nur, dass ma sich
ausdischkariert--ja--ja--daerf dich net beleidingen! Jetzt steht's mer ja
an, verwahrt war ich schon, wie in ein Kloster, selb weiss ich. Wohl, wohl.
Aber ich denk nur so, koan andrer da h'rum tat a so.

Dusterer. Grillhofer--Schwoger--lass dir sagn, tu's oder tu's net. Mir is
net um mich. Aber nach die andern musst net fragn, na, na, nach doe musst
net fragn. Musst es der Sippschaft net antun, dass ma's derlebt, wir
fahreten am juengsten Tag allzsamm in Himmel und mussten dich zrucklassen
und fuer alle Ewigkeit voneinander. Sorg di um di, lass du nur doe andern in
d' Hoell abipurzeln. Hihi, lass nur doe abipurzeln!

Grillhofer. Na jo--selb war schon recht, wann's nur net ein oder der
andere etwa doch billiger richtet und rumpelt a da obn eine und hernzet
mich d' halb Ewigkeit: dass mei Himmel z' teuer war. I moecht nur fragn, ob
sich's a auszahlt? Wann no die andern braever warn -! Bin ich denn so
suendig?

Dusterer (faehrt empor). Fragst no--fragst no, Grillhofer, ob d' suendig
bist?! Solltst nit fragn, Grillhofer, du net, du vor alle andern
net--sollst darnach fragn; du bist's--Grillhofer, und schon wie!
Beispielmaessig lass dir sagn, auf der Alm im Fruhjahr, wann sich der Schnee
ballt, fliegt so a Malefizvogel--meint selber nix Args--vom Astl oba und
nimmt sich a Maul voll Schnee--und denkt bloss, er tut sein Schnabel a
Guttat, paar Broeckeln rutschen weiter, es wird a Kuegerl draus, aus der
Kugel a Knoedel, aus'm Knoedel a Buenkel wie a Fuder Heu, does torkelt allweil
Tal obi, immer groesser und groesser und raumt 'n Wald mit, haut abi ins Tal
und die Lawin is fertig. So a Ungluecksvogel bist a du, Grillhofer!
(Schenkt ein.) Bist auch du! Frag net, ob d' suendig bist! Denk an die
Riesler-Magdalen, was vor fuenfundzwanzg Jahr in dein Dienst war, wie mein
Schwester, dein Weib, Gott hab s' selig, noch glebt hat, denk an die
Riesler-Magdalen, sag ich, doe hast du a ins Kugeln bracht, dass ins Rollen
kaemma und in die siedige Hoell h'neingfalln is und, wer weiss, wieviel Seeln
mitgrissen hat! Neamand hat mehr was von ihr derfahrn, die fufzgimal ist
s' vom Gricht zwegn einer Erbschaft aufgfordert wordn, verschollen is s'
bliebn! Grillhofer, aber am Tag des Gerichts, da wird alles ans Licht
zogn, da wird sich herausstellen, was du alles angstellt hast in
suendhafter Begehrlichkeit! Grillhofer, wann da Sachen ans ewige Licht
kommen, was uns gar net traeumt?! Wann's gfragt wird: wer is schuld an
deiner armen Seelverderbnus? Grillhofer, Schwoger, noet um a Million moecht
ich da an deiner Stell unbussfertiger vor Gottes Thron stehn, noet um a
Million!

Grillhofer. Haett ihr doch nachfragn solln!

Dusterer. No wohl--no wohl! Aber hizt is's z' spat, gschehn is gschehn.
Ich wollt dir's ehnder net sagn, aber heunt nacht hat mir wieder von ihr
traumt, wie s' da gsessen is in ewign Feuer, rundum es hoellische Glast! O
Jesses, es war schreckbar! Heunt fruh hab ich glei zu meiner Alten gsagt:
fuer doe zwei armen Seelen muss was gschehn.

Grillhofer. Hast recht, dumm is schon, aber hast recht. No hilft nix
als fleissig fuerbitten. Am End hast doch schlecht gsehn--na ja--na ja--im
Feuer und Rauchen verlassen ein'm ja leider die Augen, wird am End gar net
doe Hoell gwesen sein, sundren nur 's Fegfeuer, wo die Magdalen hast sitzen
gsehn?

Dusterer. Beschwoern kunnt ich's net, dass's die Hoell war!

Grillhofer. No, so gehn wir's halt an, waer mir lieb, wann's derer armen
Seel a z'guten kam! Wann mer wieder a bissel besser is, fahrn mer nach
der Kreisstadt, und da mach mir's halt richtig--ja--ja--du ziehst auf'n
Hof samt deine Leut, a kleine Probzeit, und ich verschreib dir'n, aber,
dass nichts verabsaumt wird!

Dusterer. No nix, gar nix, kannst dich verlassen. No schau, selb gfreut
mich, deintwegn, Schwoger, deintwegn! Meiner Seel! Abgsehn, dass 's gute
Werk a a Staffel in Himmel is. Aber deintwegn schon gar. Hizt wirst
schon Herr werdn ueber den sakrischen Gwissenswurm, verlass dich drauf, es
is net der erste, den ich aus'm Nest nimm!--Ja--ja, kannst dich verlassen!
Was ich sagen wollt: wann geht's nach der Kreisstadt--wann dir leichter
is? Sixt, Grillhofer, sixt, schau, Schwoger, hizt lass' ich dir a 'n
Bader holn, ja, ja, man derf nix ausser acht lassen und die Kraeuter habn ja
ihnere Heilsamkeit a vom lieben Gott. ja, ja, weisst, hizt is was
anderscht, frueher waer der Bader zu nix net nutz gwesen, aber hizten habn
wir zum Anfang 'n Wurm 's Zappeln glegt, does is 's erste. Wann does vorbei
is, kann a der Bader wieder was richten. Mein Seel, heunt gfreut mich
mein Lebn! (Ist aufgestanden und taetschelt den Grillhofer zaertlich in den
Ruecken.) Weil ich so ein Schwagern hab! Ja ja. Na, die Freud, so a
bussfertige Seel z' finden bei derer schlechten Zeit! Beispielmaessig war
der Saul im Alten Testament a schlechter Sucher gegen meiner, hat ein Esel
gsucht und a Kron gfunden, mir aber war kein Kron so lieb, als dass ich 's
Gsuchte a find--(umarmt Grillhofer) mein lieben Schwagern!

Grillhofer. No, no, lass's nur gut sein, und wann d' meinst, so schick
halt nach'm Bader! Wann amal was sein soll, so hab ich's gern bald in
Richtigkeit.

Dusterer (sitzt wieder auf seinem frueheren Platz). Ich weiss, ich weiss,
mer kennt dich dafuer, du haltst auf die Ordnung: Ja, ja, und no war's ja
recht! (Hat das Gesangbucb aus der Rocktasche gezogen und vor sich
aufgeschlagen.) Und dass wir net draus kaemman, so lass uns unser Busslied
singen! (Dusterer setzt ein, Grillhofer singt mit.)

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