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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge

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Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge

Rainer Maria Rilke



Ich sehe seit einer Weile ein, dass ich Menschen, die in der
Entwicklung ihres Wesens zart und suchend sind, streng davor warnen
muss, in den Aufzeichnungen Analogien fuer das zu finden, was sie
durchmachen; wer der Verlockung nachgibt und diesem Buch parallel geht,
muss notwendig abwaerts kommen; erfreulich wird es wesentlich nur denen
werden, die es gewissermassen gegen den Strom zu lesen unternehmen.

Diese Aufzeichnungen indem sie ein Mass an sehr angewachsene Leiden
legen, deuten an, bis zu welcher Hoehe die Seligkeit steigen koennte,
die mit der Fuelle dieser selben Kraefte zu leisten waere.

R.M.R (Aus den Briefen vom Februar 1912) II. September, rue Toallier.




So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich wuerde eher meinen,
es stuerbe sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen:
Hospitaeler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und
umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest.
Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an
einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie
um sich zu ueberzeugen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da.
Dahinter? Ich suchte auf meinem Plan: Maison d'Accouchement. Gut.
Man wird sie entbinden--man kann das. Weiter, rue Saint-Jacques, ein
grosses Gebaeude mit einer Kuppel. Der Plan gab an Val-de-grace,
Hospital militaire. Das brauchte ich eigentlich nicht zu wissen, aber
es schadet nicht. Die Gasse begann von allen Seiten zu riechen. Es
roch, soviel sich unterscheiden liess, nach Jodoform, nach dem Fett von
pommes frites, nach Angst. Alle Staedte riechen im Sommer. Dann habe
ich ein eigentuemlich starblindes Haus gesehen, es war im Plan nicht zu
finden, aber ueber der Tuer stand noch ziemlich leserlich: Asyle de nuit.
Neben dem Eingang waren die Preise. Ich habe sie gelesen. Es war
nicht teuer.

Und sonst? ein Kind in einem stehenden Kinderwagen: es war dick,
gruenlich und hatte einen deutlichen Ausschlag auf der Stirn. Er
heilte offenbar ab und tat nicht weh. Das Kind schlief, der Mund war
offen, atmete Jodoform, pommes frites, Angst. Das war nun mal so.
Die Hauptsache war, dass man lebte. Das war die Hauptsache.

Dass ich es nicht lassen kann, bei offenen Fenster zu schlafen.
Elektrische Bahnen rasen laeutend durch meine Stube. Automobile gehen
ueber mich hin. Eine Tuer faellt zu. Irgendwo klirrt eine Scheibe
herunter, ich hoere ihre grossen Scherben lachen, die kleinen Splitter
kichern. Dann ploetzlich dumpfer, eingeschlossener Laerm von der
anderen Seite, innen im Hause. Jemand steigt die Treppe. Kommt,
kommt unaufhoerlich. Ist da, ist lange da, geht vorbei. Und wieder
die Strasse. Ein Maedchen kreischt: Ah tais-toi, je ne veux plus. Die
Elektrische rennt ganz erregt heran, darueber fort, fort ueber alles.
Jemand ruft. Leute laufen, ueberholen sich. Ein Hund bellt. Was fuer
eine Erleichterung: ein Hund. Gegen Morgen kraeht sogar ein Hahn, und
das ist Wohltun ohne Grenzen. Dann schlafe ich ploetzlich ein.

Das sind die Geraeusche. Aber es giebt hier etwas, was furchtbarer ist:
die Stille. Ich glaube, bei grossen Braenden tritt manchmal so ein
Augenblick aeusserster Spannung ein, die Wasserstrahlen fallen ab, die
Feuerwehrleute klettern nicht mehr, niemand ruehrt sich. Lautlos
schiebt sich ein schwarzes Gesimse voroben, und eine hohe Mauer,
hinter welcher das Feuer auffaehrt, neigt sich, lautlos. Alles steht
und wartet mit hochgeschobenen Schultern, die Gesichter ueber die Augen
zusammengezogen, auf den schrecklichen Schlag. So ist hier die Stille.


Ich lerne sehen. Ich weiss nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer
in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer
zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles
geht jetzt dorthin. Ich weiss nicht, was dort geschieht.

Ich habe heute einen Brief geschrieben, dabei ist es mir aufgefallen,
dass ich erst drei Wochen hier bin. Drei Wochen anderswo, auf dem Lande zum
Beispiel, das konnte sein wie ein Tag, hier sind es Jahre. Ich will auch
keinen Brief mehr schreiben. Wozu soll ich jemandem sagen, dass ich mich
veraendere, bleibe ich ja doch nicht der, der ich war, und bin ich etwas
anderes als bisher, so ist klar, dass ich keine Bekannten habe. Und an
fremde Leute, an Leute, die mich nicht kennen, kann ich unmoeglich schreiben.


Habe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen--ja, ich fange an. Es geht
noch schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen.

Dass es mir zum Beispiel niemals zum Bewusstsein gekommen ist, wieviel
Gesichter es giebt. Es giebt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr
Gesichter, denn jeder hat mehrere. Da sind Leute, die tragen ein
Gesicht jahrelang, natuerlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es
bricht in den Falten, es weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf
der Reise getragen hat. Das sind sparsame, einfache Leute; sie
wechseln es nicht, sie lassen es nicht einmal reinigen. Es sei gut
genug, behaupten sie, und wer kann ihnen das Gegenteil nachweisen?
Nun fragt es sich freilich, da sie mehrere Gesichter haben, was tun
sie mit den andern? Sie heben sie auf. Ihre Kinder sollen sie tragen.
Aber es kommt auch vor, dass ihre Hunde damit ausgehen. Weshalb auch
nicht? Gesicht ist Gesicht.

Andere Leute setzen unheimlich schnell ihre Gesichter auf, eins nach
dem andern, und tragen sie ab. Es scheint ihnen zuerst, sie haetten
fuer immer, aber sie sind kaum vierzig; da ist schon das letzte. Das
hat natuerlich seine Tragik. Sie sind nicht gewohnt, Gesichter zu
schonen, ihr letztes ist in acht Tagen durch, hat Loecher, ist an
vielen Stellen duenn wie Papier, und da kommt dann nach und nach die
Unterlage heraus, das Nichtgesicht, und sie gehen damit herum.

Aber die Frau, die Frau: sie war ganz in sich hineingefallen, vornueber
in ihre Haende. Es war an der Ecke rue Notre-Dame-des-Champs. Ich
fing an, leise zu gehen, sowie ich sie gesehen hatte. Wenn arme Leute
nachdenken, soll man sie nicht stoeren. Vielleicht faellt es ihnen doch
ein.

Die Strasse war zu leer, ihre Leere langweilte sich und zog mir den
Schritt unter den Fuessen weg und klappte mit ihm herum, drueben und da,
wie mit einem Holzschuh. Die Frau erschrak und hob sich aus sich ab,
zu schnell, zu heftig, so dass das Gesicht in den zwei Haenden blieb.
Ich konnte es darin liegen sehen, seine hohle Form. Es kostete mich
unbeschreibliche Anstrengung, bei diesen Haenden zu bleiben und nicht
zu schauen, was sich aus ihnen abgerissen hatte. Mir graute, ein
Gesicht von innen zu sehen, aber ich fuerchtete mich doch noch viel
mehr vor dem blossen wunden Kopf ohne Gesicht.

Ich fuerchte mich. Gegen die Furcht muss man etwas tun, wenn man sie
einmal hat. Es waere sehr haesslich, hier krank zu werden, und fiele es
jemandem ein, mich ins Hotel-Dieu zu schaffen, so wuerde ich dort gewiss
sterben. Dieses Hotel ist ein angenehmes Hotel, ungeheuer besucht.
Man kann kaum die Fassade der Kathedrale von Paris betrachten ohne
Gefahr, von einem der vielen Wagen, die so schnell wie moeglich ueber
den freien Plan dort hinein muessen, ueberfahren zu werden. Das sind
kleine Omnibusse, die fortwaehrend laeuten, und selbst der Herzog von
Sagan muesste sein Gespann halten lassen, wenn so ein kleiner Sterbender
es sich in den Kopf gesetzt hat, geradenwegs in Gottes Hotel zu wollen.
Sterbende sind starrkoepfig, und ganz Paris stockt, wenn Madame
Legrand, brocanteuse aus der rue des Martyrs, nach einem gewissen
Platz der Cite gefahren kommt. Es ist zu bemerken, dass diese
verteufelten kleinen Wagen ungemein anregende Milchglasfenster haben,
hinter denen man sich die herrlichsten Agonien vor stellen kann; dafuer
genuegt die Phantasie einer Concierge. Hat man noch mehr
Einbildungskraft und schlaegt sie nach anderen Richtungen hin, so sind
die Vermutungen geradezu unbegrenzt. Aber ich habe auch offene
Droschken ankommen sehen, Zeitdroschken mit aufgeklapptem Verdeck, die
nach der ueblichen Taxe fuhren: Zwei Francs fuer die Sterbestunde.

Dieses ausgezeichnete Hotel ist sehr alt, schon zu Koenig Chlodwigs
Zeiten starb man darin in einigen Betten. Jetzt wird in 559 Betten
gestorben. Natuerlich fabrikmaessig. Bei so enormer Produktion ist der
einzelne Tod nicht so gut ausgefuehrt, aber darauf kommt es auch nicht
an. Die Masse macht es. Wer giebt heute noch etwas fuer einen gut
ausgearbeiteten Tod? Niemand. Sogar die Reichen, die es sich doch
leisten koennten, ausfuehrlich zu sterben, fangen an, nachlaessig und
gleichgueltig zu werden; der Wunsch, einen eigenen Tod zu haben, wird
immer seltener. Eine Weile noch, und er wird ebenso selten sein wie
ein eigenes Leben. Gott; das ist alles da. Man kommt, man findet ein
Leben, fertig, man hat es nur anzuziehen. Man will gehen oder man ist
dazu gezwungen: nun, keine Anstrengung: Voila votre mort, monsieur.
Man stirbt, wie es gerade kommt; man stirbt den Tod, der zu der
Krankheit gehoert, die man hat (denn seit man alle Krankheiten kennt,
weiss man auch, dass die verschiedenen letalen Abschluesse zu den
Krankheiten gehoeren und nicht zu den Menschen; und der Kranke hat
sozusagen nichts zu tun).

In den Sanatorien, wo ja so gern und mit so viel Dankbarkeit gegen
AErzte und Schwestern gestorben wird, stirbt man einen von den an der
Anstalt angestellten Toden; das wird gerne gesehen. Wenn man aber zu
Hause stirbt, ist es natuerlich, jenen hoeflichen Tod der guten Kreise
zu waehlen, mit dem gleichsam das Begraebnis erster Klasse schon anfaengt
und die ganze Folge seiner wunderschoenen Gebraeuche. Da stehen dann
die Armen vor so einem Haus und sehen sich satt. Ihr Tod ist
natuerlich banal, ohne alle Umstaende. Sie sind froh, wenn sie einen
finden, der ungefaehr passt. Zu weit darf er sein: man waechst immer
noch ein bisschen. Nur wenn er nicht zugeht ueber der Brust oder wuergt,
dann hat es seine Not.

Wenn ich nach Hause denke, wo nun niemand mehr ist, dann glaube ich,
das muss frueher anders gewesen sein. Frueher wusste man (oder vielleicht
man ahnte es), dass man den Tod in sich hatte wie die Frucht den Kern.
Die Kinder hatten einen kleinen in sich und die Erwachsenen einen
grossen. Die Frauen hatten ihn im Schooss und die Maenner in der Brust.
Den hatte man, und das gab einem eine eigentuemliche Wuerde und einen
stillen Stolz.

Meinem Grossvater noch, dem alten Kammerherrn Brigge, sah man es an,
dass er einen Tod in sich trug. Und was war das fuer einer: zwei Monate
lang und so laut, dass man ihn hoerte bis aufs Vorwerk hinaus.

Das lange, alte Herrenhaus war zu klein fuer diesen Tod, es schien, als
muesste man Fluegel anbauen, denn der Koerper des Kammerherrn wurde immer
groesser, und er wollte fortwaehrend aus einem Raum in den anderen
getragen sein und geriet in fuerchterlichen Zorn, wenn der Tag noch
nicht zu Ende war und es gab kein Zimmer mehr, in dem er nicht schon
gelegen hatte. Dann ging es mit dem ganzen Zuge von Dienern, Jungfern
und Hunden, die er immer um sich hatte, die Treppe hinauf und, unter
Vorantritt des Haushofmeisters, in seiner hochseligen Mutter
Sterbezimmer, das ganz in dem Zustande, in dem sie es vor
dreiundzwanzig Jahren verlassen hatte, erhalten worden war und das
sonst nie jemand betreten durfte. Jetzt brach die ganze Meute dort
ein. Die Vorhaenge wurden zurueckgezogen, und das robuste Licht eines
Sommernachmittags untersuchte alle die scheuen, erschrockenen
Gegenstaende und drehte sich ungeschickt um in den aufgerissenen
Spiegeln. Und die Leute machten es ebenso. Es gab da Zofen, die vor
Neugierde nicht wussten, wo ihre Haende sich gerade aufhielten, junge
Bediente, die alles anglotzten, und aeltere Dienstleute, die
herumgingen und sich zu erinnern suchten, was man ihnen von diesem
verschlossenen Zimmer, in dem sie sich nun gluecklich befanden, alles
erzaehlt hatte.

Vor allem aber schien den Hunden der Aufenthalt in einem Raum, wo alle
Dinge rochen, ungemein anregend. Die grossen, schmalen russischen
Windhunde liefen beschaeftigt hinter den Lehnstuehlen hin und her,
durchquerten in langem Tanzschritt mit wiegender Bewegung das Gemach,
hoben sich wie Wappenhunde auf und schauten, die schmalen Pfoten auf
das weissgoldene Fensterbrett gestuetzt, mit spitzem, gespanntem Gesicht
und zurueckgezogener Stirn nach rechts und nach links in den Hof.
Kleine, handschuhgelbe Dachshunde sassen, mit Gesichtern, als waere
alles ganz in der Ordnung, in dem breiten, seidenen Polstersessel am
Fenster, und ein stichelhaariger, muerrisch aussehender Huehnerhund rieb
seinen Ruecken an der Kante eines goldbeinigen Tisches, auf dessen
gemalter Platte die Sevrestassen zitterten.

Ja, es war fuer diese geistesabwesenden, verschlafenen Dinge eine
schreckliche Zeit. Es passierte, dass aus Buechern, die irgendeine
hastige Hand ungeschickt geoeffnet hatte, Rosenblaetter heraustaumelten,
die zertreten wurden; kleine, schwaechliche Gegenstaende wurden
ergriffen und, nachdem sie sofort zerbrochen waren, schnell wieder
hingelegt, manches Verbogene auch unter Vorhaenge gesteckt oder gar
hinter das goldene Netz des Kamingitters geworfen. Und von Zeit zu
Zeit fiel etwas, fiel verhuellt auf Teppich, fiel hell auf das harte
Parkett, aber es zerschlug da und dort, zersprang scharf oder brach
fast lautlos auf, denn diese Dinge, verwoehnt wie sie waren, vertrugen
keinerlei Fall.

Und waere es jemandem eingefallen zu fragen, was die Ursache von
alledem sei, was ueber dieses aengstlich gehuetete Zimmer alles
Untergangs Fuelle herabgerufen habe,--so haette es nur eine Antwort
gegeben: der Tod.

Der Tod des Kammerherrn Christoph Detlev Brigge auf Ulsgaard. Denn
dieser lag, gross ueber seine dunkelblaue Uniform hinausquellend, mitten
auf dem Fussboden und ruehrte sich nicht. In seinem grossen, fremden,
niemandem mehr bekannten Gesicht waren die Augen zugefallen: er sah
nicht, was geschah. Man hatte zuerst versucht, ihn auf das Bett zu
legen, aber er hatte sich dagegen gewehrt, denn er hasste Betten seit
jenen ersten Naechten, in denen seine Krankheit gewachsen war. Auch
hatte sich das Bett da oben als zu klein erwiesen, und da war nichts
anderes uebrig geblieben, als ihn so auf den Teppich zu legen; denn
hinunter hatte er nicht gewollt.

Da lag er nun, und man konnte denken, dass er gestorben sei. Die Hunde
hatten sich, da es langsam zu daemmern begann, einer nach dem anderen
durch die Tuerspalte gezogen, nur der Harthaarige mit dem muerrischen
Gesicht sass bei seinem Herrn, und eine von seinen breiten, zottigen
Vorderpfoten lag auf Christoph Detlevs grosser, grauer Hand. Auch von
der Dienerschaft standen jetzt die meisten draussen in dem weissen Gang,
der heller war als das Zimmer; die aber, welche noch drinnen geblieben
waren, sahen manchmal heimlich nach dem grossen, dunkelnden Haufen in
der Mitte, und sie wuenschten, dass das nichts mehr waere als ein grosser
Anzug ueber einem verdorbenen Ding.

Aber es war noch etwas. Es war eine Stimme, die Stimme, die noch vor
sieben Wochen niemand gekannt hatte: denn es war nicht die Stimme des
Kammerherrn. Nicht Christoph Detlev war es, welchem diese Stimme
gehoerte, es war Christoph Detlevs Tod.

Christoph Detlevs Tod lebte nun schon seit vielen, vielen Tagen auf
Ulsgaard und redete mit allen und verlangte. Verlangte, getragen zu
werden, verlangte das blaue Zimmer, verlangte den kleinen Salon,
verlangte den Saal. Verlangte die Hunde, verlangte, dass man lache,
spreche, spiele und still sei und alles zugleich. Verlangte Freunde
zu sehen, Frauen und Verstorbene, und verlangte selber zu sterben:
verlangte. Verlangte und schrie.

Denn, wenn die Nacht gekommen war und die von den uebermueden
Dienstleuten, welche nicht Wache hatten, einzuschlafen versuchten,
dann schrie Christoph Detlevs Tod, schrie und stoehnte, bruellte so
lange und anhaltend, dass die Hunde, die zuerst mitheulten, verstummten
und nicht wagten sich hinzulegen und, auf ihren langen, schlanken,
zitternden Beinen stehend, sich fuerchteten. Und wenn sie es durch die
weite, silberne, daenische Sommernacht im Dorfe hoerten, dass er bruellte,
so standen sie auf wie beim Gewitter, kleideten sich an und blieben
ohne ein Wort um die Lampe sitzen, bis es vorueber war. Und die Frauen,
welche nahe vor dem Niederkommen waren, wurden in die entlegensten
Stuben gelegt und in die dichtesten Bettverschlaege; aber sie hoerten es,
sie hoerten es, als ob es in ihrem eigenen Leibe waere, und sie flehten,
auch aufstehen zu duerfen, und kamen, weiss und weit, und setzten sich
zu den andern mit ihren verwischten Gesichtern. Und die Kuehe, welche
kalbten in dieser Zeit, waren huelflos und verschlossen, und einer riss
man die tote Frucht mit allen Eingeweiden aus dem Leibe, als sie gar
nicht kommen wollte. Und alle taten ihr Tagwerk schlecht und vergassen
das Heu hereinzubringen, weil sie sich bei Tage aengstigten vor der
Nacht und weil sie vom vielen Wachsein und vom erschreckten Aufstehen
so er mattet waren, dass sie sich auf nichts besinnen konnten. Und
wenn sie am Sonntag in die weisse, friedliche Kirche gingen, so beteten
sie, es moege keinen Herrn mehr auf Ulsgaard geben: denn dieser war ein
schrecklicher Herr. Und was sie alle dachten und beteten, das sagte
der Pfarrer laut von der Kanzel herab, denn auch er hatte keine Naechte
mehr und konnte Gott nicht begreifen. Und die Glocke sagte es, die
einen furchtbaren Rivalen bekommen hatte, der die ganze Nacht droehnte
und gegen den sie, selbst wenn sie aus allem Metall zu laeuten begann,
nichts vermochte. Ja, alle sagten es, und es gab einen unter den
jungen Leuten, der getraeumt hatte, er waere ins Schloss gegangen und
haette den gnaedigen Herrn erschlagen mit seiner Mistforke, und so
aufgebracht war man, so zu Ende, so ueberreizt, dass alle zuhoerten, als
er seinen Traum erzaehlte, und ihn, ganz ohne es zu wissen, daraufhin
ansahen, ob er solcher Tat wohl gewachsen sei. So fuehlte und sprach
man in der ganzen Gegend, in der man den Kammerherrn noch vor einigen
Wochen geliebt und bedauert hatte. Aber obwohl man so sprach,
veraenderte sich nichts. Christoph Detlevs Tod, der auf Ulsgaard
wohnte, liess sich nicht draengen. Er war fuer zehn Wochen gekommen, und
die blieb er. Und waehrend dieser Zeit war er mehr Herr, als Christoph
Detlev Brigge es je gewesen war, er war wie ein Koenig, den man den
Schrecklichen nennt, spaeter und immer.

Das war nicht der Tod irgendeines Wassersuechtigen, das war der boese,
fuerstliche Tod, den der Kammerherr sein ganzes Leben lang in sich
getragen und aus sich genaehrt hatte. Alles UEbermass an Stolz, Willen
und Herrenkraft, das er selbst in seinen ruhigen Tagen nicht hatte
verbrauchen koennen, war in seinen Tod eingegangen, in den Tod, der nun
auf Ulsgaard sass und vergeudete.

Wie haette der Kammerherr Brigge den angesehen, der von ihm verlangt
haette, er solle einen anderen Tod sterben als diesen. Er starb seinen
schweren Tod.

Und wenn ich an die andern denke, die ich gesehen oder von denen ich
gehoert habe: es ist immer dasselbe. Sie alle haben einen eigenen Tod
gehabt. Diese Maenner, die ihn in der Ruestung trugen, innen, wie einen
Gefangenen, diese Frauen, die sehr alt und klein wurden und dann auf
einem ungeheueren Bett, wie auf einer Schaubuehne, vor der ganzen
Familie, dem Gesinde und den Hunden diskret und herrschaftlich
hinuebergingen. Ja die Kinder, sogar die ganz kleinen, hatten nicht
irgendeinen Kindertod, sie nahmen sich zusammen und starben das, was
sie schon waren, und das, was sie geworden waeren.

Und was gab das den Frauen fuer eine wehmuetige Schoenheit, wenn sie
schwanger waren und standen, und in ihrem grossen Leib, auf welchem die
schmalen Haende unwillkuerlich liegen blieben, waren zwei Fruechte: ein
Kind und ein Tod. Kam das dichte, beinah nahrhafte Laecheln in ihrem
ganz ausgeraeumten Gesicht nicht davon her, dass sie manchmal meinten,
es wuechsen beide?

Ich habe etwas getan gegen die Furcht. Ich habe die ganze Nacht
gesessen und geschrieben, und jetzt bin ich so gut muede wie nach einem
weiten Weg ueber die Felder von Ulsgaard. Es ist doch schwer zu denken,
dass alles das nicht mehr ist, dass fremde Leute wohnen in dem alten
langen Herrenhaus. Es kann sein, dass in dem weissen Zimmer oben im
Giebel jetzt die Maegde schlafen, ihren schweren, feuchten Schlaf
schlafen von Abend bis Morgen.

Und man hat niemand und nichts und faehrt in der Welt herum mit einem
Koffer und mit einer Buecherkiste und eigentlich ohne Neugierde. Was
fuer ein Leben ist das eigentlich: ohne Haus, ohne ererbte Dinge, ohne
Hunde. Haette man doch wenigstens seine Erinnerungen. Aber wer hat
die? Waere die Kindheit da, sie ist wie vergraben. Vielleicht muss man
alt sein, um an das alles heranreichen zu koennen. Ich denke es mir
gut, alt zu sein.

Heute war ein schoener, herbstlicher Morgen. Ich ging durch die
Tuilerien. Alles, was gegen Osten lag, vor der Sonne, blendete. Das
Angeschienene war vom Nebel verhangen wie von einem lichtgrauen
Vorhang. Grau im Grauen sonnten sich die Statuen in den noch nicht
enthuellten Gaerten. Einzelne Blumen in den langen Beeten standen auf
und sagten: Rot, mit einer erschrockenen Stimme. Dann kam ein sehr
grosser, schlanker Mann um die Ecke, von den Champs-Elysees her; er
trug eine Kruecke, aber nicht mehr unter die Schulter geschoben,--er
hielt sie vor sich her, leicht, und von Zeit zu Zeit stellte er sie
fest und laut auf wie einen Heroldstab. Er konnte ein Laecheln der
Freude nicht unterdruecken und laechelte, an allem vorbei, der Sonne,
den Baeumen zu. Sein Schritt war schuechtern wie der eines Kindes, aber
ungewoehnlich leicht, voll von Erinnerung an frueheres Gehen.

Was so ein kleiner Mond alles vermag. Da sind Tage, wo alles um einen
licht ist, leicht, kaum angegeben in der hellen Luft und doch deutlich.
Das Naechste schon hat Toene der Ferne, ist weggenommen und nur
gezeigt, nicht hergereicht; und was Beziehung zur Weite hat: der Fluss,
die Bruecken, die langen Strassen und die Plaetze, die sich verschwenden,
das hat diese Weite eingenommen hinter sich, ist auf ihr gemalt wie
auf Seide. Es ist nicht zu sagen, was dann ein lichtgruener Wagen sein
kann auf dem Pont-neuf oder irgendein Rot, das nicht zu halten ist,
oder auch nur ein Plakat an der Feuermauer einer perlgrauen
Haeusergruppe. Alles ist vereinfacht, auf einige richtige, helle plans
gebracht wie das Gesicht in einem Manetschen Bildnis. Und nichts ist
gering und ueberfluessig. Die Bouquinisten am Quai tun ihre Kaesten auf,
und das frische oder vernutzte Gelb der Buecher, das violette Braun der
Baende, das groessere Gruen einer Mappe: alles stimmt, gilt, nimmt teil
und bildet eine Vollzaehligkeit, in der nichts fehlt.

Unten ist folgende Zusammenstellung: ein kleiner Handwagen, von einer
Frau geschoben; vorn darauf ein Leierkasten, der Laenge nach. Dahinter
quer ein Kinderkorb, in dem ein ganz Kleines auf festen Beinen steht,
vergnuegt in seiner Haube, und sich nicht mag setzen lassen. Von Zeit
zu Zeit dreht die Frau am Orgelkasten. Das ganz Kleine stellt sich
dann sofort stampfend in seinem Korbe wieder auf, und ein kleines
Maedchen in einem gruenen Sonntagskleid tanzt und schlaegt Tamburin zu
den Fenstern hinauf.

Ich glaube, ich muesste anfangen, etwas zu arbeiten, jetzt, da ich sehen
lerne. Ich bin achtundzwanzig, und es ist so gut wie nichts geschehen.
Wiederholen wir: ich habe eine Studie ueber Carpaccio geschrieben,
die schlecht ist, ein Drama, das 'Ehe' heisst und etwas Falsches mit
zweideutigen Mitteln beweisen will, und Verse. Ach, aber mit Versen
ist so wenig getan, wenn man sie frueh schreibt. Man sollte warten
damit und Sinn und Suessigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein
langes womoeglich, und dann, ganz zum Schluss, vielleicht koennte man
dann zehn Zeilen schreiben, die gut sind. Denn Verse sind nicht, wie
die Leute meinen, Gefuehle (die hat man frueh genug),--es sind
Erfahrungen. Um eines Verses willen muss man viele Staedte sehen,
Menschen und Dinge, man muss die Tiere kennen, man muss fuehlen, wie die
Voegel fliegen, und die Gebaerde wissen, mit welcher die kleinen Blumen
sich auftun am Morgen. Man muss zurueckdenken koennen an Wege in
unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und an Abschiede, die
man lange kommen sah,--an Kindheitstage, die noch unaufgeklaert sind,
an die Eltern, die man kraenken musste, wenn sie einem eine Freude
brachten und man begriff sie nicht (es war eine Freude fuer einen
anderen--), an Kinderkrankheiten, die so seltsam anheben mit so vielen
tiefen und schweren Verwandlungen, an Tage in stillen, verhaltenen
Stuben und an Morgen am Meer, an das Meer ueberhaupt, an Meere, an
Reisenaechte, die hoch dahinrauschten und mit allen Sternen flogen,
--und es ist noch nicht genug, wenn man an alles das denken darf. Man
muss Erinnerungen haben an viele Liebesnaechte, von denen keine der
andern glich, an Schreie von Kreissenden und an leichte, weisse,
schlafende Woechnerinnen, die sich schliessen. Aber auch bei Sterbenden
muss man gewesen sein, muss bei Toten gesessen haben in der Stube mit
dem offenen Fenster und den stossweisen Geraeuschen. Und es genuegt auch
noch nicht, dass man Erinnerungen hat. Man muss sie vergessen koennen,
wenn es viele sind, und man muss die grosse Geduld haben, zu warten, dass
sie wiederkommen. Denn die Erinnerungen selbstes noch nicht. Erst
wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebaerde, namenlos und nicht
mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, dass
in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in
ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht.

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