Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge
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Rainer Maria Rilke >> Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge
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An mein Herz dachte ich nicht. Und als es mir spaeter einfiel, wusste
ich zum erstenmal ganz gewiss, dass es hierfuer nicht in Betracht kam.
Es war ein einzelnes Herz. Es war schon dabei, von Anfang anzufangen.
Ich weiss, dass ich mir einbildete, nicht sofort wieder abreisen zu
koennen. Erst muss alles geordnet sein, wiederholte ich mir. Was
geordnet sein wollte, war mir nicht klar. Es war so gut wie nichts zu
tun. Ich ging in der Stadt umher und konstatierte, dass sie sich
veraendert hatte. Es war mir angenehm, aus dem Hotel hinauszutreten,
in dem ich abgestiegen war, und zu sehen, dass es nun eine Stadt fuer
Erwachsene war, die sich fuer einen zusammennahm, fast wie fuer einen
Fremden. Ein bisschen klein war alles geworden, und ich promenierte
die Langelinie hinaus bis an den Leuchtturm und wieder zurueck. Wenn
ich in die Gegend der Amaliengade kam, so konnte es freilich geschehen,
dass von irgendwo etwas ausging, was man jahrelang anerkannt hatte und
was seine Macht noch einmal versuchte. Es gab da gewisse Eckfenster
oder Torbogen oder Laternen, die viel von einem wussten und damit
drohten. Ich sah ihnen ins Gesicht und liess sie fuehlen, dass ich im
Hotel 'Phoenix' wohnte und jeden Augenblick wieder reisen konnte. Aber
mein Gewissen war nicht ruhig dabei. Der Verdacht stieg in mir auf,
dass noch keiner dieser Einfluesse und Zusammenhaenge wirklich bewaeltigt
worden war. Man hatte sie eines Tages heimlich verlassen, unfertig
wie sie waren. Auch die Kindheit wuerde also gewissermassen noch zu
leisten sein, wenn man sie nicht fuer immer verloren geben wollte. Und
waehrend ich begriff, wie ich sie verlor, empfand ich zugleich, dass ich
nie etwas anderes haben wuerde, mich darauf zu berufen.
Ein paar Stunden taeglich brachte ich in Dronningens Tvaergade zu, in
den engen Zimmern, die beleidigt aussahen wie alle Mietswohnungen, in
denen jemand gestorben ist. Ich ging zwischen dem Schreibtisch und
dem grossen weissen Kachelofen hin und her und verbrannte die Papiere
des Jaegermeisters. Ich hatte begonnen, die Briefschaften, so wie sie
zusammengebunden waren, ins Feuer zu werfen, aber die kleinen Pakete
waren zu fest verschnuert und verkohlten nur an den Raendern. Es
kostete mich UEberwindung, sie zu lockern. Die meisten hatten einen
starken, ueberzeugenden Duft, der auf mich eindrang, als wollte er auch
in mir Erinnerungen aufregen. Ich hatte keine. Dann konnte es
geschehen, dass Photographien herausglitten, die schwerer waren als das
andere; diese Photographien verbrannten unglaublich langsam. Ich weiss
nicht, wie es kam, ploetzlich bildete ich mir ein, es koennte Ingeborgs
Bild darunter sein. Aber sooft ich hinsah, waren es reife, grossartige,
deutlich schoene Frauen, die mich auf andere Gedanken brachten. Es
erwies sich naemlich, dass ich doch nicht ganz ohne Erinnerungen war.
Genau solche Augen waren es, in denen ich mich manchmal fand, wenn ich,
zur Zeit da ich heranwuchs, mit meinem Vater ueber die Strasse ging.
Dann konnten sie von einem Wageninnern aus mich mit einem Blick
umgeben, aus dem kaum hinauszukommen war. Nun wusste ich, dass sie mich
damals mit ihm verglichen und dass der Vergleich nicht zu meinen
Gunsten ausfiel. Gewiss nicht, Vergleiche hatte der Jaegermeister nicht
zu fuerchten.
Es kann sein, dass ich nun etwas weiss, was er gefuerchtet hat. Ich will
sagen, wie ich zu dieser Annahme komme. Ganz innen in seiner
Brieftasche befand sich ein Papier, seit lange gefaltet, muerbe,
gebrochen in den Buegen. Ich habe es gelesen, bevor ich es verbrannte.
Es war von seiner besten Hand, sicher und gleichmaessig geschrieben,
aber ich merkte gleich, dass es nur eine Abschrift war.
"Drei Stunden vor seinem Tod", so begann es und handelte von Christian
dem Vierten. Ich kann den Inhalt natuerlich nicht woertlich wiederholen.
Drei Stunden vor seinem Tod begehrte er aufzustehen. Der Arzt und
der Kammerdiener Wormius halfen ihm auf die Fuesse. Er stand ein wenig
unsicher, aber er stand, und sie zogen ihm das gesteppte Nachtkleid an.
Dann setzte er sich ploetzlich vorn an das Bettende und sagte etwas.
Es war nicht zu verstehen. Der Arzt behielt immerzu seine linke Hand,
damit der Koenig nicht auf das Bett zuruecksinke. So sassen sie, und der
Koenig sagte von Zeit zu Zeit muehsam und truebe das Unverstaendliche.
Schliesslich begann der Arzt ihm zuzusprechen; er hoffte allmaehlich zu
erraten, was der Koenig meinte. Nach einer Weile unterbrach ihn der
Koenig und sagte auf einmal ganz klar: "O, Doktor, Doktor, wie heisst
er?" Der Arzt hatte Muehe, sich zu besinnen.
"Sperling, Allergnaedigster Koenig."
Aber darauf kam es nun wirklich nicht an. Der Koenig, sobald er hoerte,
dass man ihn verstand, riss das rechte Auge, das ihm geblieben war, weit
auf und sagte mit dem ganzen Gesicht das eine Wort, das seine Zunge
seit Stunden formte, das einzige, das es noch gab: "Doeden", sagte er,
"Doeden." (Der Tod, der Tod)
Mehr stand nicht auf dem Blatt. Ich las es mehrere Male, ehe ich es
verbrannte. Und es fiel mir ein, dass mein Vater viel gelitten hatte
zuletzt. So hatte man mir erzaehlt.
Seitdem habe ich viel ueber die Todesfurcht nachgedacht, nicht ohne
gewisse eigene Erfahrungen dabei zu beruecksichtigen. Ich glaube, ich
kann wohl sagen, ich habe sie gefuehlt. Sie ueberfiel mich in der
vollen Stadt, mitten unter den Leuten, oft ganz ohne Grund. Oft
allerdings haeuften sich die Ursachen; wenn zum Beispiel jemand auf
einer Bank verging und alle standen herum und sahen ihm zu, und er war
schon ueber das Fuerchten hinaus: dann hatte ich seine Furcht. Oder in
Neapel damals: da sass diese junge Person mir gegenueber in der
Elektrischen Bahn und starb. Erst sah es wie eine Ohnmacht aus, wir
fuhren sogar noch eine Weile. Aber dann war kein Zweifel, dass wir
stehenbleiben mussten. Und hinter uns standen die Wagen und stauten
sich, als ginge es in dieser Richtung nie mehr weiter. Das blasse,
dicke Maedchen haette so, angelehnt an ihre Nachbarin, ruhig sterben
koennen. Aber ihre Mutter gab das nicht zu. Sie bereitete ihr alle
moeglichen Schwierigkeiten. Sie brachte ihre Kleider in Unordnung und
goss ihr etwas in den Mund, der nichts mehr behielt. Sie verrieb auf
ihrer Stirn eine Fluessigkeit, die jemand gebracht hatte, und wenn die
Augen dann ein wenig verrollten, so begann sie an ihr zu ruetteln,
damit der Blick wieder nach vorne kaeme. Sie schrie in diese Augen
hinein, die nicht hoerten, sie zerrte und zog das Ganze wie eine Puppe
hin und her, und schliesslich holte sie aus und schlug mit aller Kraft
in das dicke Gesicht, damit es nicht stuerbe. Damals fuerchtete ich
mich.
Aber ich fuerchtete mich auch schon frueher. Zum Beispiel, als mein
Hund starb. Derselbe, der mich ein- fuer allemal beschuldigte. Er war
sehr krank. Ich kniete bei ihm schon den ganzen Tag, da ploetzlich
bellte er auf, ruckweise und kurz, wie er zu tun pflegte, wenn ein
Fremder ins Zimmer trat. Ein solches Bellen war fuer diesen Fall
zwischen uns gleichsam verabredet worden, und ich sah unwillkuerlich
nach der Tuer. Aber es war schon in ihm. Beunruhigt suchte ich seinen
Blick, und auch er suchte den meinen; aber nicht um Abschied zu nehmen.
Er sah mich hart und befremdet an. Er warf mir vor, dass ich es
hereingelassen hatte. Er war ueberzeugt, ich haette es hindern koennen.
Nun zeigte es sich, dass er mich immer ueberschaetzt hatte. Und es war
keine Zeit mehr, ihn aufzuklaeren. Er sah mich befremdet und einsam an,
bis es zu Ende war.
Oder ich fuerchtete mich, wenn im Herbst nach den ersten Nachtfroesten
die Fliegen in die Stuben kamen und sich noch einmal in der Waerme
erholten. Sie waren merkwuerdig vertrocknet und erschraken bei ihrem
eigenen Summen; man konnte sehen, dass sie nicht mehr recht wussten, was
sie taten. Sie sassen stundenlang da und liessen sich gehen, bis es
ihnen einfiel, dass sie noch lebten; dann warfen sie sich blindlings
irgendwohin und begriffen nicht, was sie dort sollten, und man hoerte
sie weiterhin niederfallen und drueben und anderswo. Und endlich
krochen sie ueberall und bestarben langsam das ganze Zimmer.
Aber sogar wenn ich allein war, konnte ich mich fuerchten. Warum soll
ich tun, als waeren jene Naechte nicht gewesen, da ich aufsass vor
Todesangst und mich daran klammerte, dass das Sitzen wenigstens noch
etwas Lebendiges sei: dass Tote nicht sassen. Das war immer in einem
von diesen zufaelligen Zimmern, die mich sofort im Stich liessen, wenn
es mir schlecht ging, als fuerchteten sie, verhoert und in meine argen
Sachen verwickelt zu werden. Da sass ich, und wahrscheinlich sah ich
so schrecklich aus, dass nichts den Mut hatte, sich zu mir zu bekennen.
Nicht einmal das Licht, dem ich doch eben den Dienst erwiesen hatte,
es anzuzuenden, wollte von mir wissen. Es brannte so vor sich hin, wie
in einem leeren Zimmer. Meine letzte Hoffnung war dann immer das
Fenster. Ich bildete mir ein, dort draussen koennte noch etwas sein,
was zu mir gehoerte, auch jetzt, auch in dieser ploetzlichen Armut des
Sterbens. Aber kaum hatte ich hingesehen, so wuenschte ich, das
Fenster waere verrammelt gewesen, zu, wie die Wand. Denn nun wusste ich,
dass es dort hinaus immer gleich teilnahmslos weiterging, dass auch
draussen nichts als meine Einsamkeit war. Die Einsamkeit, die ich ueber
mich gebracht hatte und zu deren Groesse mein Herz in keinem Verhaeltnis
mehr stand. Menschen fielen mir ein, von denen ich einmal
fortgegangen war, und ich begriff nicht, wie man Menschen verlassen
konnte.
Mein Gott, mein Gott, wenn mir noch solche Naechte bevorstehen, lass mir
doch wenigstens einen von den Gedanken, die ich zuweilen denken konnte.
Es ist nicht so unvernuenftig, was ich da verlange; denn ich weiss,
dass sie gerade aus der Furcht gekommen sind, weil meine Furcht so gross
war. Da ich ein Knabe war, schlugen sie mich ins Gesicht und sagten
mir, dass ich feige sei. Das war, weil ich mich noch schlecht
fuerchtete. Aber seitdem habe ich mich fuerchten gelernt mit der
wirklichen Furcht, die nur zunimmt, wenn die Kraft zunimmt, die sie
erzeugt. Wir haben keine Vorstellung von dieser Kraft, ausser in
unserer Furcht. Denn so ganz unbegreiflich ist sie, so voellig gegen
uns, dass unser Gehirn sich zersetzt an der Stelle, wo wir uns
anstrengen, sie zu denken. Und dennoch, seit einer Weile glaube ich,
dass es unsere Kraft ist, alle unsere Kraft, die noch zu stark ist fuer
uns. Es ist wahr, wir kennen sie nicht, aber ist es nicht gerade
unser Eigenstes, wovon wir am wenigsten wissen? Manchmal denke ich
mir, wie der Himmel entstanden ist und der Tod: dadurch, dass wir unser
Kostbarstes von uns fortgerueckt haben, weil noch so viel anderes zu
tun war vorher und weil es bei uns Beschaeftigten nicht in Sicherheit
war. Nun sind Zeiten darueber vergangen, und wir haben uns an
Geringeres gewoehnt. Wir erkennen unser Eigentum nicht mehr und
entsetzen uns vor seiner aeussersten Grossheit. Kann das nicht sein?
Ich begreife uebrigens jetzt gut, dass man ganz innen in der Brieftasche
die Beschreibung einer Sterbestunde bei sich traegt durch alle die
Jahre. Es muesste nicht einmal eine besonders gesuchte sein; sie haben
alle etwas fast Seltenes. Kann man sich zum Beispiel nicht jemanden
vorstellen, der sich abschreibt, wie Felix Arvers gestorben ist. Es
war im Hospital. Er starb auf eine sanfte und gelassene Weise, und
die Nonne meinte vielleicht, dass er damit schon weiter sei, als er in
Wirklichkeit war. Sie rief ganz laut irgend eine Weisung hinaus, wo
das und das zu finden waere. Es war eine ziemlich ungebildete Nonne;
sie hatte das Wort Korridor, das im Augenblick nicht zu vermeiden war,
nie geschrieben gesehen; so konnte es geschehen, dass sie 'Kollidor'
sagte in der Meinung, es hiesse so. Da schob Arvers das Sterben hinaus.
Es schien ihm noetig, dieses erst aufzuklaeren. Er wurde ganz klar
und setzte ihr auseinander, dass es 'Korridor' hiesse. Dann starb er.
Er war ein Dichter und hasste das Ungefaehre; oder vielleicht war es ihm
nur um die Wahrheit zu tun; oder es stoerte ihn, als letzten Eindruck
mitzunehmen, dass die Welt so nachlaessig weiterginge. Das wird nicht
mehr zu entscheiden sein. Nur soll man nicht glauben, dass es
Pedanterie war. Sonst traefe derselbe Vorwurf den heiligen Jean de
Dieu, der in seinem Sterben aufsprang und gerade noch zurechtkam, im
Garten den eben Erhaengten abzuschneiden, von dem auf wunderbare Art
Kunde in die verschlossene Spannung seiner Agonie gedrungen war. Auch
ihm war es nur um die Wahrheit zu tun.
Es giebt ein Wesen, das vollkommen unschaedlich ist, wenn es dir in die
Augen kommt, du merkst es kaum und hast es gleich wieder vergessen.
Sobald es dir aber unsichtbar auf irgendeine Weise ins Gehoer geraet, so
entwickelt es sich dort, es kriecht gleichsam aus, und man hat Faelle
gesehen, wo es bis ins Gehirn vordrang und in diesem Organ verheerend
gedieh, aehnlich den Pneumokokken des Hundes, die durch die Nase
eindringen.
Dieses Wesen ist der Nachbar.
Nun, ich habe, seit ich so vereinzelt herumkomme, unzaehlige Nachbaren
gehabt; obere und untere, rechte und linke, manchmal alle vier Arten
zugleich. Ich koennte einfach die Geschichte meiner Nachbaren
schreiben; das waere ein Lebenswerk. Es waere freilich mehr die
Geschichte der Krankheitserscheinungen, die sie in mir erzeugt haben;
aber das teilen sie mit allen derartigen Wesen, dass sie nur in den
Stoerungen nachzuweisen sind, die sie in gewissen Geweben hervorrufen.
Ich habe unberechenbare Nachbaren gehabt und sehr regelmaessige. Ich
habe gesessen und das Gesetz der ersten herauszufinden versucht; denn
es war klar, dass auch sie eines hatten. Und wenn die puenktlichen
einmal am Abend ausblieben, so hab ich mir ausgemalt, was ihnen koennte
zugestossen sein, und habe mein Licht brennen lassen und mich
geaengstigt wie eine junge Frau. Ich habe Nachbaren gehabt, die gerade
hassten, und Nachbaren, die in eine heftige Liebe verwickelt waren;
oder ich erlebte es, dass bei ihnen eines in das andere umsprang mitten
in der Nacht, und dann war natuerlich an Schlafen nicht zu denken. Da
konnte man ueberhaupt beobachten, dass der Schlaf durchaus nicht so
haeufig ist, wie man meint. Meine beiden Petersburger Nachbaren zum
Beispiel gaben nicht viel auf Schlaf. Der eine stand und spielte die
Geige, und ich bin sicher, dass er dabei hinuebersah in die ueberwachen
Haeuser, die nicht aufhoerten hell zu sein in den unwahrscheinlichen
Augustnaechten. Von dem anderen zur Rechten weiss ich allerdings, dass
er lag; er stand zu meiner Zeit ueberhaupt nicht mehr auf. Er hatte
sogar die Augen geschlossen; aber man konnte nicht sagen, dass er
schlief. Er lag und sagte lange Gedichte her, Gedichte von Puschkin
und Nekrassow, in dem Tonfall, in dem Kinder Gedichte hersagen, wenn
man es von ihnen verlangt. Und trotz der Musik meines linken Nachbars,
war es dieser mit seinen Gedichten, der sich in meinem Kopfe
einpuppte, und Gott weiss, was da ausgekrochen waere, wenn nicht der
Student, der ihn zuweilen besuchte, sich eines Tages in der Tuer geirrt
haette. Er erzaehlte mir die Geschichte seines Bekannten, und es ergab
sich, dass sie gewissermassen beruhigend war. Jedenfalls war es eine
woertliche, eindeutige Geschichte, an der die vielen Wuermer meiner
Vermutungen zugrunde gingen.
Dieser kleine Beamte da nebenan war eines Sonntags auf die Idee
gekommen, eine merkwuerdige Aufgabe zu loesen. Er nahm an, dass er recht
lange leben wuerde, sagen wir noch fuenfzig Jahre. Die Grossmuetigkeit,
die er sich damit erwies, versetzte ihn in eine glaenzende Stimmung.
Aber nun wollte er sich selber uebertreffen. Er ueberlegte, dass man
diese Jahre in Tage, in Stunden, in Minuten, ja, wenn man es aushielt,
in Sekunden umwechseln koenne, und er rechnete und rechnete, und es kam
eine Summe heraus, wie er noch nie eine gesehen hatte. Ihn
schwindelte. Er musste sich ein wenig erholen. Zeit war kostbar,
hatte er immer sagen hoeren, und es wunderte ihn, dass man einen
Menschen, der eine solche Menge Zeit besass, nicht geradezu bewachte.
Wie leicht konnte er bestohlen werden. Dann aber kam seine gute,
beinah ausgelassene Laune wieder, er zog seinen Pelz an, um etwas
breiter und stattlicher auszusehen, und machte sich das ganze
fabelhafte Kapital zum Geschenk, indem er sich ein bisschen
herablassend anredete:
"Nikolaj Kusmitsch", sagte er wohlwollend und stellte sich vor, dass er
ausserdem noch, ohne Pelz, duenn und duerftig auf dem Rosshaarsofa saesse,
"ich hoffe, Nikolaj Kusmitsch", sagte er, "Sie werden sich nichts auf
Ihren Reichtum einbilden. Bedenken Sie immer, dass das nicht die
Hauptsache ist, es giebt arme Leute, die durchaus respektabel sind; es
giebt sogar verarmte Edelleute und Generalstoechter, die auf der Strasse
herumgehen und etwas verkaufen." Und der Wohltaeter fuehrte noch
allerlei in der ganzen Stadt bekannte Beispiele an.
Der andere Nikolaj Kusmitsch, der auf dem Rosshaarsofa, der Beschenkte,
sah durchaus noch nicht uebermuetig aus, man durfte annehmen, dass er
vernuenftig sein wuerde. Er aenderte in der Tat nichts an seiner
bescheidenen, regelmaessigen Lebensfuehrung, und die Sonntage brachte er
nun damit zu, seine Rechnung in Ordnung zu bringen. Aber schon nach
ein paar Wochen fiel es ihm auf, dass er unglaublich viel ausgaebe. Ich
werde mich einschraenken, dachte er. Er stand frueher auf, er wusch
sich weniger ausfuehrlich, er trank stehend seinen Tee, er lief ins
Bureau und kam viel zu frueh. Er ersparte ueberall ein bisschen Zeit.
Aber am Sonntag war nichts Erspartes da. Da begriff er, dass er
betrogen sei. Ich haette nicht wechseln duerfen, sagte er sich. Wie
lange hat man an so einem Jahr. Aber da, dieses infame Kleingeld, das
geht hin, man weiss nicht wie. Und es wurde ein haesslicher Nachmittag,
als er in der Sofaecke sass und auf den Herrn im Pelz wartete, von dem
er seine Zeit zurueckverlangen wollte. Er wollte die Tuer verriegeln
und ihn nicht fortlassen, bevor er nicht damit herausgerueckt war. "In
Scheinen", wollte er sagen, "meinetwegen zu zehn Jahren." Vier
Scheine zu zehn und einer zu fuenf, und den Rest sollte er behalten, in
des Teufels Namen. Ja, er war bereit, ihm den Rest zu schenken, nur
damit keine Schwierigkeiten entstuenden. Gereizt sass er im Rosshaarsofa
und wartete, aber der Herr kam nicht. Und er, Nikolaj Kusmitsch, der
sich vor ein paar Wochen mit Leichtigkeit so hatte dasitzen sehen, er
konnte sich jetzt, da er wirklich sass, den andern Nikolaj Kusmitsch,
den im Pelz, den Grossmuetigen, nicht vorstellen. Weiss der Himmel, was
aus ihm geworden war, wahrscheinlich war man seinen Betruegereien auf
die Spur gekommen, und er sass nun schon irgendwo fest. Sicher hatte
er nicht ihn allein ins Unglueck gebracht. Solche Hochstapler arbeiten
immer im grossen.
Es fiel ihm ein, dass es eine staatliche Behoerde geben muesse, eine Art
Zeitbank, wo er wenigstens einen Teil seiner lumpigen Sekunden
umwechseln koenne. Echt waren sie doch schliesslich. Er hatte nie von
einer solchen Anstalt gehoert, aber im Adressbuch wuerde gewiss etwas
Derartiges zu finden sein, unter Z, oder vielleicht auch hiess es 'Bank
fuer Zeit'; man konnte leicht unter B nachsehen. Eventuell war auch
der Buchstabe K zu beruecksichtigen, denn es war anzunehmen, dass es ein
kaiserliches Institut war; das entsprach seiner Wichtigkeit.
Spaeter versicherte Nikolaj Kusmitsch immer, dass er an jenem Sonntag
Abend, obwohl er sich begreiflicherweise in recht gedrueckter Stimmung
befand, nichts getrunken habe. Er war also voellig nuechtern, als das
Folgende passierte, soweit man ueberhaupt sagen kann, was da geschah.
Vielleicht, dass er ein bisschen in seiner Ecke eingeschlummert war, das
liesse sich immerhin denken. Dieser kleine Schlaf verschaffte ihm
zunaechst lauter Erleichterung. Ich habe mich mit den Zahlen
eingelassen, redete er sich zu. Nun, ich verstehe nichts von Zahlen.
Aber es ist klar, dass man ihnen keine zu grosse Bedeutung einraeumen
darf; sie sind doch sozusagen nur eine Einrichtung von Staats wegen,
um der Ordnung willen. Niemand hatte doch je anderswo als auf dem
Papier eine gesehen. Es war ausgeschlossen, dass einem zum Beispiel in
einer Gesellschaft eine Sieben oder eine Fuenfundzwanzig begegnete. Da
gab es die einfach nicht. Und dann war da diese kleine Verwechslung
vorgefallen, aus purer Zerstreutheit: Zeit und Geld, als ob sich das
nicht auseinanderhalten liesse. Nikolaj Kusmitsch lachte beinah. Es
war doch gut, wenn man sich so auf die Schliche kam, und rechtzeitig,
das war das Wichtige, rechtzeitig. Nun sollte es anders werden. Die
Zeit, ja, das war eine peinliche Sache. Aber betraf es etwa ihn
allein, ging sie nicht auch den andern so, wie er es herausgefunden
hatte, in Sekunden, auch wenn sie es nicht wussten?
Nikolaj Kusmitsch war nicht ganz frei von Schadenfreude: Mag sie
immerhin--, wollte er eben denken, aber da geschah etwas
Eigentuemliches. Es wehte ploetzlich an seinem Gesicht, es zog ihm an
den Ohren vorbei, er fuehlte es an den Haenden. Er riss die Augen auf.
Das Fenster war fest verschlossen. Und wie er da so mit weiten Augen
im dunkeln Zimmer sass, da begann er zu verstehen, dass das, was er nun
verspuerte, die wirkliche Zeit sei, die vorueberzog. Er erkannte sie
foermlich, alle diese Sekuendchen, gleich lau, eine wie die andere, aber
schnell, aber schnell. Weiss der Himmel, was sie noch vorhatten. Dass
gerade ihm das widerfahren musste, der jede Art von Wind als
Beleidigung empfand. Nun wuerde man dasitzen, und es wuerde immer so
weiterziehen, das ganze Leben lang. Er sah alle die Neuralgien voraus,
die man sich dabei holen wuerde, er war ausser sich vor Wut. Er sprang
auf, aber die Uberraschungen waren noch nicht zu Ende. Auch unter
seinen Fuessen war etwas wie eine Bewegung, nicht nur eine, mehrere,
merkwuerdig durcheinanderschwankende Bewegungen. Er erstarrte vor
Entsetzen: konnte das die Erde sein? Gewiss, das war die Erde. Sie
bewegte sich ja doch. In der Schule war davon gesprochen worden, man
war etwas eilig darueber weggegangen, und spaeter wurde es gern
vertuscht; es galt nicht fuer passend, davon zu sprechen. Aber nun, da
er einmal empfindlich geworden war, bekam er auch das zu fuehlen. Ob
die anderen es fuehlten? Vielleicht, aber sie zeigten es nicht.
Wahrscheinlich machte es ihnen nichts aus, diesen Seeleuten. Nikolaj
Kusmitsch aber war ausgerechnet in diesem Punkt etwas delikat, er
vermied sogar die Strassenbahnen. Er taumelte im Zimmer umher wie auf
Deck und musste sich rechts und links halten. Zum Unglueck fiel ihm
noch etwas von der schiefen Stellung der Erdachse ein. Nein, er
konnte alle diese Bewegungen nicht vertragen. Er fuehlte sich elend.
Liegen und ruhig halten, hatte er einmal irgendwo gelesen. Und
seither lag Nikolaj Kusmitsch.
Er lag und hatte die Augen geschlossen. Und es gab Zeiten, weniger
bewegte Tage sozusagen, wo es ganz ertraeglich war. Und dann hatte er
sich das ausgedacht mit den Gedichten. Man sollte nicht glauben, wie
das half. Wenn man so ein Gedicht langsam hersagte, mit gleichmaessiger
Betonung der Endreime, dann war gewissermassen etwas Stabiles da,
worauf man sehen konnte, innerlich versteht sich. Ein Glueck, dass er
alle diese Gedichte wusste. Aber er hatte sich immer ganz besonders
fuer Literatur interessiert. Er beklagte sich nicht ueber seinen
Zustand, versicherte mir der Student, der ihn lange kannte. Nur hatte
sich mit der Zeit eine uebertriebene Bewunderung fuer die in ihm
herausgebildet, die, wie der Student, herumgingen und die Bewegung der
Erde vertrugen.
Ich erinnere mich dieser Geschichte so genau, weil sie mich ungemein
beruhigte. Ich kann wohl sagen, ich habe nie wieder einen so
angenehmen Nachbar gehabt, wie diesen Nikolaj Kusmitsch, der sicher
auch mich bewundert haette.
Ich nahm mir nach dieser Erfahrung vor, in aehnlichen Faellen immer
gleich auf die Tatsachen loszugehen. Ich merkte, wie einfach und
erleichternd sie waren, den Vermutungen gegenueber. Als ob ich nicht
gewusst haette, dass alle unsere Einsichten nachtraeglich sind, Abschluesse,
nichts weiter. Gleich dahinter faengt eine neue Seite an mit etwas
ganz anderem, ohne UEbertrag. Was halfen mir jetzt im gegenwaertigen
Falle die paar Tatsachen, die sich spielend feststellen liessen. Ich
will sie gleich aufzaehlen, wenn ich gesagt haben werde, was mich
augenblicklich beschaeftigt: dass sie eher dazu beigetragen haben, meine
Lage, die (wie ich jetzt eingestehe) recht schwierig war, noch
laestiger zu gestalten.
Es sei zu meiner Ehre gesagt, dass ich viel geschrieben habe in diesen
Tagen; ich habe krampfhaft geschrieben. Allerdings, wenn ich
ausgegangen war, so dachte ich nicht gerne an das Nachhausekommen.
Ich machte sogar kleine Umwege und verlor auf diese Art eine halbe
Stunde, waehrend welcher ich haette schreiben koennen. Ich gebe zu, dass
dies eine Schwaeche war. War ich aber einmal in meinem Zimmer, so
hatte ich mir nichts vorzuwerfen. Ich schrieb, ich hatte mein Leben,
und das da nebenan war ein ganz anderes Leben, mit dem ich nichts
teilte: das Leben eines Studenten der Medizin, der fuer sein Examen
studierte. Ich hatte nichts AEhnliches vor mir, schon das war ein
entscheidender Unterschied. Und auch sonst waren unsere Umstaende so
verschieden wie moeglich. Das alles leuchtete mir ein. Bis zu dem
Moment, da ich wusste, dass es kommen wuerde; da vergass ich, dass es
zwischen uns keine Gemeinsamkeit gab. Ich horchte so, dass mein Herz
ganz laut wurde. Ich liess alles und horchte. Und dann kam es: ich
habe mich nie geirrt.
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