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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge

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Beinah jeder kennt den Laerm, den irgendein blechernes, rundes Ding,
nehmen wir an, der Deckel einer Blechbuechse, verursacht, wenn er einem
entglitten ist. Gewoehnlich kommt er gar nicht einmal sehr laut unten
an, er faellt kurz auf, rollt auf dem Rande weiter und wird eigentlich
erst unangenehm, wenn der Schwung zu Ende geht und er nach allen
Seiten taumelnd aufschlaegt, eh er ins Liegen kommt. Nun also: das ist
das Ganze; so ein blecherner Gegenstand fiel nebenan, rollte, blieb
liegen, und dazwischen, in gewissen Abstaenden, stampfte es. Wie alle
Geraeusche, die sich wiederholt durchsetzen, hatte auch dieses sich
innerlich organisiert; es wandelte sich ab, es war niemals genau
dasselbe. Aber gerade das sprach fuer seine Gesetzmaessigkeit. Es
konnte heftig sein oder milde oder melancholisch; es konnte gleichsam
ueberstuerzt voruebergehen oder unendlich lange hingleiten, eh es zur
Ruhe kam. Und das letzte Schwanken war immer ueberraschend. Dagegen
hatte das Aufstampfen, das hinzukam, etwas fast Mechanisches. Aber es
teilte den Laerm immer anders ab, das schien seine Aufgabe zu sein.
Ich kann diese Einzelheiten jetzt viel besser uebersehen; das Zimmer
neben mir ist leer. Er ist nach Hause gereist, in die Provinz. Er
sollte sich erholen. Ich wohne im obersten Stockwerk. Rechts ist ein
anderes Haus, unter mir ist noch niemand eingezogen: ich bin ohne
Nachbar.

In dieser Verfassung wundert es mich beinah, dass ich die Sache nicht
leichter nahm. Obwohl ich doch jedesmal im voraus gewarnt war durch
mein Gefuehl. Das waere auszunutzen gewesen. Erschrick nicht, haette
ich mir sagen muessen, jetzt kommt es; ich wusste ja, dass ich mich
niemals taeuschte. Aber das lag vielleicht gerade an den Tatsachen,
die ich mir hatte sagen lassen; seit ich sie wusste, war ich noch
schreckhafter geworden. Es beruehrte mich fast gespenstisch, dass das,
was diesen Laerm ausloeste, jene kleine, langsame, lautlose Bewegung war,
mit der sein Augenlid sich eigenmaechtig ueber sein rechtes Auge senkte
und schloss, waehrend er las. Dies war das Wesentliche an seiner
Geschichte, eine Kleinigkeit. Er hatte schon ein paar Mal die Examen
vorbeigehen lassen muessen, sein Ehrgeiz war empfindlich geworden, und
die Leute daheim draengten wahrscheinlich, sooft sie schrieben. Was
blieb also uebrig, als sich zusammenzunehmen. Aber da hatte sich, ein
paar Monate vor der Entscheidung, diese Schwaeche eingestellt; diese
kleine, unmoegliche Ermuedung, die so laecherlich war, wie wenn ein
Fenstervorhang nicht oben bleiben will. Ich bin sicher, dass er
wochenlang der Meinung war, man muesste das beherrschen koennen. Sonst
waere ich nicht auf die Idee verfallen, ihm meinen Willen anzubieten.
Eines Tages begriff ich naemlich, dass der seine zu Ende sei. Und
seither, wenn ich es kommen fuehlte, stand ich da auf meiner Seite der
Wand und bat ihn, sich zu bedienen. Und mit der Zeit wurde mir klar,
dass er darauf einging. Vielleicht haette er das nicht tun duerfen,
besonders wenn man bedenkt, dass es eigentlich nichts half. Angenommen
sogar, dass wir die Sache ein wenig hinhielten, so bleibt es doch
fraglich, ob er wirklich imstande war, die Augenblicke, die wir so
gewannen, auszunutzen. Und was meine Ausgaben betrifft, so begann ich
sie zu fuehlen. Ich weiss, ich fragte mich, ob das so weitergehen duerfe,
gerade an dem Nachmittag, als jemand in unserer Etage ankam. Dies
ergab bei dem engen Aufgang immer viel Unruhe in dem kleinen Hotel.
Eine Weile spaeter schien es mir, als trete man bei meinem Nachbar ein.
Unsere Tueren waren die letzten im Gang, die seine quer und dicht
neben der meinen. Ich wusste indessen, dass er zuweilen Freunde bei
sich sah, und, wie gesagt, ich interessierte mich durchaus nicht fuer
seine Verhaeltnisse. Es ist moeglich, dass seine Tuer noch mehrmals
geoeffnet wurde, dass man draussen kam und ging. Dafuer war ich wirklich
nicht verantwortlich.

Nun an diesem selben Abend war es aerger denn je. Es war noch nicht
sehr spaet, aber ich war aus Muedigkeit schon zu Bett gegangen; ich
hielt es fuer wahrscheinlich, dass ich schlafen wuerde. Da fuhr ich auf,
als haette man mich beruehrt. Gleich darauf brach es los. Es sprang
und rollte und rannte irgendwo an und schwankte und klappte. Das
Stampfen war fuerchterlich. Dazwischen klopfte man unten, einen Stock
tiefer, deutlich und boese gegen die Decke. Auch der neue Mieter war
natuerlich gestoert. Jetzt: das musste seine Tuere sein. Ich war so wach,
dass ich seine Tuere zu hoeren meinte, obwohl er erstaunlich vorsichtig
damit umging. Es kam mir vor, als naehere er sich. Sicher wollte er
wissen, in welchem Zimmer es sei. Was mich befremdete, war seine
wirklich uebertriebene Ruecksicht. Er hatte doch eben bemerken koennen,
dass es auf Ruhe nicht ankam in diesem Hause. Warum in aller Welt
unterdrueckte er seinen Schritt? Eine Weile glaubte ich ihn an meiner
Tuer; und dann vernahm ich, darueber war kein Zweifel, dass er nebenan
eintrat. Er trat ohne weiteres nebenan ein.

Und nun (ja, wie soll ich das beschreiben?), nun wurde es still.
Still, wie wenn ein Schmerz aufhoert. Eine eigentuemlich fuehlbare,
prickelnde Stille, als ob eine Wunde heilte. Ich haette sofort
schlafen koennen; ich haette Atem holen koennen und einschlafen. Nur
mein Erstaunen hielt mich wach. Jemand sprach nebenan, aber auch das
gehoerte mit in die Stille. Das muss man erlebt haben, wie diese Stille
war, wiedergeben laesst es sich nicht. Auch draussen war alles wie
ausgeglichen. Ich sass auf, ich horchte, es war wie auf dem Lande.
Lieber Gott, dachte ich, seine Mutter ist da. Sie sass neben dem Licht,
sie redete ihm zu, vielleicht hatte er den Kopf ein wenig gegen ihre
Schulter gelegt. Gleich wuerde sie ihn zu Bett bringen. Nun begriff
ich das leise Gehen draussen auf dem Gang. Ach, dass es das gab. So
ein Wesen, vor dem die Tueren ganz anders nachgeben als vor uns. Ja,
nun konnten wir schlafen.

Ich habe meinen Nachbar fast schon vergessen. Ich sehe wohl, dass es
keine richtige Teilnahme war, was ich fuer ihn hatte. Unten frage ich
zwar zuweilen im Voruebergehen, ob Nachrichten von ihm da sind und
welche. Und ich freue mich, wenn sie gut sind. Aber ich uebertreibe.
Ich habe eigentlich nicht noetig, das zu wissen. Das haengt gar nicht
mehr mit ihm zusammen, dass ich manchmal einen ploetzlichen Reiz
verspuere, nebenan einzutreten. Es ist nur ein Schritt von meiner Tuer
zu der anderen, und das Zimmer ist nicht verschlossen. Es wuerde mich
interessieren, wie dieses Zimmer eigentlich beschaffen ist. Man kann
sich mit Leichtigkeit ein beliebiges Zimmer vorstellen, und oft stimmt
es dann ungefaehr. Nur das Zimmer, das man neben sich hat, ist immer
ganz anders, als man es sich denkt.

Ich sage mir, dass es dieser Umstand ist, der mich reizt. Aber ich
weiss ganz gut, dass es ein gewisser blecherner Gegenstand ist, der auf
mich wartet. Ich habe angenommen, dass es sich wirklich um einen
Buechsendeckel handelt, obwohl ich mich natuerlich irren kann. Das
beunruhigt mich nicht. Es entspricht nun einmal meiner Anlage, die
Sache auf einen Buechsendeckel zu schieben. Man kann denken, dass er
ihn nicht mitgenommen hat. Wahrscheinlich hat man aufgeraeumt, man hat
den Deckel auf seine Buechse gesetzt, wie es sich gehoert. Und nun
bilden die beiden zusammen den Begriff Buechse, runde Buechse, genau
ausgedrueckt, einen einfachen, sehr bekannten Begriff. Mir ist, als
entsaenne ich mich, dass sie auf dem Kamin stehn, die beiden, die die
Buechse ausmachen. Ja, sie stehn sogar vor dem Spiegel, so dass
dahinter noch eine Buechse entsteht, eine taeuschend aehnliche, imaginaere.
Eine Buechse, auf die wir gar keinen Wert legen, nach der aber zum
Beispiel ein Affe greifen wuerde. Richtig, es wuerden sogar zwei Affen
danach greifen, denn auch der Affe waere doppelt, sobald er auf dem
Kaminrand ankaeme. Nun also, es ist der Deckel dieser Buechse, der es
auf mich abgesehen hat.

Einigen wir uns darueber: der Deckel einer Buechse, einer gesunden
Buechse, deren Rand nicht anders gebogen ist, als sein eigener, so ein
Deckel muesste kein anderes Verlangen kennen, als sich auf seiner Buechse
zu befinden; dies muesste das aeusserste sein, was er sich vorzustellen
vermag; eine nicht zu uebertreffende Befriedigung, die Erfuellung aller
seiner Wuensche. Es ist ja auch etwas geradezu Ideales, geduldig und
sanft eingedreht auf der kleinen Gegenwulst gleichmaessig aufzuruhen und
die eingreifende Kante in sich zu fuehlen, elastisch und gerade so
scharf, wie man selber am Rande ist, wenn man einzeln daliegt. Ach,
aber wie wenige Deckel giebt es, die das noch zu schaetzen wissen.
Hier zeigt es sich so recht, wie verwirrend der Umgang mit den
Menschen auf die Dinge gewirkt hat. Die Menschen naemlich, wenn es
angeht, sie ganz voruebergehend mit solchen Deckeln zu vergleichen,
sitzen hoechst ungern und schlecht auf ihren Beschaeftigungen. Teils
weil sie nicht auf die richtigen gekommen sind in der Eile, teils weil
man sie schief und zornig aufgesetzt hat, teils weil die Raender, die
aufeinander gehoeren, verbogen sind, jeder auf eine andere Art. Sagen
wir es nur ganz aufrichtig: sie denken im Grunde nur daran, sobald es
sich irgend tun laesst, hinunterzuspringen, zu rollen und zu blechern.
Wo kaemen sonst alle diese sogenannten Zerstreuungen her und der Laerm,
den sie verursachen?

Die Dinge sehen das nun schon seit Jahrhunderten an. Es ist kein
Wunder, wenn sie verdorben sind, wenn sie den Geschmack verlieren an
ihrem natuerlichen, stillen Zweck und das Dasein so ausnutzen moechten,
wie sie es rings um sich ausgenutzt sehen. Sie machen Versuche, sich
ihren Anwendungen zu entziehen, sie werden unlustig und nachlaessig,
und die Leute sind gar nicht erstaunt, wenn sie sie auf einer
Ausschweifung ertappen. Sie kennen das so gut von sich selbst. Sie
aergern sich, weil sie die Staerkeren sind, weil sie mehr Recht auf
Abwechslung zu haben meinen, weil sie sich nachgeaefft fuehlen; aber sie
lassen die Sache gehen, wie sie sich selber gehen lassen. Wo aber
einer ist, der sich zusammennimmt, ein Einsamer etwa, der so recht
rund auf sich beruhen wollte Tag und Nacht, da fordert er geradezu den
Widerspruch, den Hohn, den Hass der entarteten Geraete heraus, die, in
ihrem argen Gewissen, nicht mehr vertragen koennen, dass etwas sich
zusammenhaelt und nach seinem Sinne strebt. Da verbinden sie sich, um
ihn zu stoeren, zu schrecken, zu beirren, und wissen, dass sie es koennen.
Da fangen sie, einander zuzwinkernd, die Verfuehrung an, die dann ins
Unermessene weiter waechst und alle Wesen und Gott selber hinreisst
gegen den Einen, der vielleicht uebersteht: den Heiligen.

Wie begreif ich jetzt die wunderlichen Bilder, darinnen Dinge von
beschraenkten und regelmaessigen Gebrauchen sich ausspannen und sich
luestern und neugierig aneinander versuchen, zuckend in der ungefaehren
Unzucht der Zerstreuung. Diese Kessel, die kochend herumgehen, diese
Kolben, die auf Gedanken kommen, und die muessigen Trichter, die sich in
ein Loch draengen zu ihrem Vergnuegen. Und da sind auch schon, vom
eifersuechtigen Nichts heraufgeworfen, Gliedmassen und Glieder unter
ihnen und Gesichter, die warm in sie hineinvomieren, und blasende
Gesaesse, die ihnen den Gefallen tun.

Und der Heilige kruemmt sich und zieht sich zusammen; aber in seinen
Augen war noch ein Blick, der dies fuer moeglich hielt: er hat
hingesehen. Und schon schlagen sich seine Sinne nieder aus der hellen
Loesung seiner Seele. Schon entblaettert sein Gebet und steht ihm aus
dem Mund wie ein eingegangener Strauch. Sein Herz ist umgefallen und
ausgeflossen ins Truebe hinein. Seine Geissel trifft ihn schwach wie
ein Schwanz, der Fliegen verjagt. Sein Geschlecht ist wieder nur an
einer Stelle, und wenn eine Frau aufrecht durch das Gehudel kommt, den
offenen Busen voll Brueste, so zeigt es auf sie wie ein Finger.

Es gab Zeiten, da ich diese Bilder fuer veraltet hielt. Nicht, als ob
ich an ihnen zweifelte. Ich konnte mir denken, dass dies den Heiligen
geschah, damals, den eifernden Voreiligen, die gleich mit Gott
anfangen wollten um jeden Preis. Wir muten uns dies nicht mehr zu.
Wir ahnen, dass er zu schwer ist fuer uns, dass wir ihn hinausschieben
muessen, um langsam die lange Arbeit zu tun, die uns von ihm trennt.
Nun aber weiss ich, dass diese Arbeit genau so bestritten ist wie das
Heiligsein; dass dies da um jeden entsteht, der um ihretwillen einsam
ist, wie es sich bildete um die Einsamen Gottes in ihren Hoehlen und
leeren Herbergen, einst.

Wenn man von den Einsamen spricht, setzt man immer zuviel voraus. Man
meint, die Leute wuessten, um was es sich handelt. Nein, sie wissen es
nicht. Sie haben nie einen Einsamen gesehen, sie haben ihn nur gehasst,
ohne ihn zu kennen. Sie sind seine Nachbaren gewesen, die ihn
aufbrauchten, und die Stimmen im Nebenzimmer, die ihn versuchten. Sie
haben die Dinge aufgereizt gegen ihn, dass sie laermten und ihn
uebertoenten. Die Kinder verbanden sich wider ihn, da er zart und ein
Kind war, und mit jedem Wachsen wuchs er gegen die Erwachsenen an.
Sie spuerten ihn auf in seinem Versteck wie ein jagdbares Tier, und
seine lange Jugend war ohne Schonzeit. Und wenn er sich nicht
erschoepfen liess und davonkam, so schrieen sie ueber das, was von ihm
ausging, und nannten es haesslich und verdaechtigten es. Und hoerte er
nicht darauf, so wurden sie deutlicher und assen ihm sein Essen weg und
atmeten ihm seine Luft aus und spieen in seine Armut, dass sie ihm
widerwaertig wuerde. Sie brachten Verruf ueber ihn wie ueber einen
Ansteckenden und warfen ihm Steine nach, damit er sich rascher
entfernte. Und sie hatten recht in ihrem alten Instinkt: denn er war
wirklich ihr Feind.

Aber dann, wenn er nicht aufsah, besannen sie sich. Sie ahnten, dass
sie ihm mit alledem seinen Willen taten; dass sie ihn in seinem
Alleinsein bestaerkten und ihm halfen, sich abzuscheiden von ihnen fuer
immer. Und nun schlugen sie um und wandten das Letzte an, das
AEusserste, den anderen Widerstand: den Ruhm. Und bei diesem Laermen
blickte fast jeder auf und wurde zerstreut.

Diese Nacht ist mir das kleine gruene Buch wieder eingefallen, das ich
als Knabe einmal besessen haben muss; und ich weiss nicht, warum ich mir
einbilde, dass es von Mathilde Brahe stammte. Es interessierte mich
nicht, da ich es bekam, und ich las es erst mehrere Jahre spaeter, ich
glaube in der Ferienzeit auf Ulsgaard. Aber wichtig war es mir vom
ersten Augenblick an. Es war durch und durch voller Bezug, auch
aeusserlich betrachtet. Das Gruen des Einbandes bedeutete etwas, und man
sah sofort ein, dass es innen so sein musste, wie es war. Als ob das
verabredet worden waere, kam zuerst dieses glatte, weiss in weiss
gewaesserte Vorsatzblatt und dann die Titelseite, die man fuer
geheimnisvoll hielt. Es haetten wohl Bilder drin sein koennen, so sah
es aus; aber es waren keine, und man musste, fast wider Willen, zugeben,
dass auch das in der Ordnung sei. Es entschaedigte einen irgendwie, an
einer bestimmten Stelle das schmale Leseband zu finden, das, muerbe und
ein wenig schraeg, ruehrend in seinem Vertrauen, noch rosa zu sein, seit
Gott weiss wann immer zwischen den gleichen Seiten lag. Vielleicht war
es nie benutzt worden, und der Buchbinder hatte es rasch und fleissig
da hineingebogen, ohne recht hinzusehen. Moeglicherweise aber war es
kein Zufall. Es konnte sein, dass jemand dort zu lesen aufgehoert hatte,
der nie wieder las; dass das Schicksal in diesem Moment an seiner Tuere
klopfte, um ihn zu beschaeftigen, dass er weit von allen Buechern
weggeriet, die doch schliesslich nicht das Leben sind. Das war nicht
zu erkennen, ob das Buch weitergelesen worden war. Man konnte sich
auch denken, dass es sich einfach darum handelte, diese Stelle
aufzuschlagen wieder und wieder, und dass es dazu gekommen war, wenn
auch manchmal erst spaet in der Nacht. Jedenfalls hatte ich eine Scheu
vor den beiden Seiten, wie vor einem Spiegel, vor dem jemand steht.
Ich habe sie nie gelesen. Ich weiss ueberhaupt nicht, ob ich das ganze
Buch gelesen habe. Es war nicht sehr stark, aber es standen eine
Menge Geschichten drin, besonders am Nachmittag; dann war immer eine
da, die man noch nicht kannte.

Ich erinnere nur noch zwei. Ich will sagen, welche: Das Ende des
Grischa Otrepjow und Karls des Kuehnen Untergang.

Gott weiss, ob es mir damals Eindruck machte. Aber jetzt, nach so viel
Jahren, entsinne ich mich der Beschreibung, wie der Leichnam des
falschen Zaren unter die Menge geworfen worden war und dalag drei Tage,
zerfetzt und zerstochen und eine Maske vor dem Gesicht. Es ist
natuerlich gar keine Aussicht, dass mir das kleine Buch je wieder in die
Haende kommt. Aber diese Stelle muss merkwuerdig gewesen sein. Ich
haette auch Lust, nachzulesen, wie die Begegnung mit der Mutter verlief.
Er mag sich sehr sicher gefuehlt haben, da er sie nach Moskau kommen
liess; ich bin sogar ueberzeugt, dass er zu jener Zeit so stark an sich
glaubte, dass er in der Tat seine Mutter zu berufen meinte. Und diese
Marie Nagoi, die in schnellen Tagreisen aus ihrem duerftigen Kloster
kam, gewann ja auch alles, wenn sie zustimmte. Ob aber seine
Unsicherheit nicht gerade damit begann, dass sie ihn anerkannte? Ich
bin nicht abgeneigt zu glauben, die Kraft seiner Verwandlung haette
darin beruht, niemandes Sohn mehr zu sein.

(Das ist schliesslich die Kraft aller jungen Leute, die fortgegangen
sind.)

Das Volk, das sich ihn erwuenschte, ohne sich einen vorzustellen,
machte ihn nur noch freier und unbegrenzter in seinen Moeglichkeiten.
Aber die Erklaerung der Mutter hatte, selbst als bewusster Betrug, noch
die Macht, ihn zu verringern; sie hob ihn aus der Fuelle seiner
Erfindung; sie beschraenkte ihn auf ein muedes Nachahmen; sie setzte ihn
auf den Einzelnen herab, der er nicht war: sie machte ihn zum Betrueger.
Und nun kam, leiser aufloesend, diese Marina Mniczek hinzu, die ihn
auf ihre Art leugnete, indem sie, wie sich spaeter erwies, nicht an ihn
glaubte, sondern an jeden. Ich kann natuerlich nicht dafuer einstehen,
wie weit das alles in jener Geschichte beruecksichtigt war. Dies,
scheint mir, waere zu erzaehlen gewesen.

Aber auch abgesehen davon, ist diese Begebenheit durchaus nicht
veraltet. Es waere jetzt ein Erzaehler denkbar, der viel Sorgfalt an
die letzten Augenblicke wendete; er haette nicht unrecht. Es geht eine
Menge in ihnen vor: Wie er aus dem innersten Schlaf ans Fenster
springt und ueber das Fenster hinaus in den Hof zwischen die Wachen.
Er kann allein nicht auf; sie muessen ihm helfen. Wahrscheinlich ist
der Fuss gebrochen. An zwei von den Maennern gelehnt, fuehlt er, dass sie
an ihn glauben. Er sieht sich um: auch die andern glauben an ihn.
Sie dauern ihn fast, diese riesigen Strelitzen, es muss weit gekommen
sein: sie haben Iwan Grosnij gekannt in all seiner Wirklichkeit, und
glauben an ihn. Er haette Lust, sie aufzuklaeren, aber den Mund oeffnen,
hiesse einfach schreien. Der Schmerz im Fuss ist rasend, und er haelt so
wenig von sich in diesem Moment, dass er nichts weiss als den Schmerz.
Und dann ist keine Zeit. Sie draengen heran, er sieht den Schuiskij
und hinter ihm alle. Gleich wird es vorueber sein. Aber da schliessen
sich seine Wachen. Sie geben ihn nicht auf. Und ein Wunder geschieht.
Der Glauben dieser alten Maenner pflanzt sich fort, auf einmal will
niemand mehr vor. Schuiskij, dicht vor ihm, ruft verzweifelt nach
einem Fenster hinauf. Er sieht sich nicht um. Er weiss, wer dort
steht; er begreift, dass es still wird, ganz ohne UEbergang still.
Jetzt wird die Stimme kommen, die er von damals her kennt; die hohe,
falsche Stimme, die sich ueberanstrengt. Und da hoert er die
Zarinmutter, die ihn verleugnet.

Bis hierher geht die Sache von selbst, aber nun, bitte, einen Erzaehler,
einen Erzaehler: denn von den paar Zeilen, die noch bleiben, muss
Gewalt ausgehen ueber jeden Widerspruch hinaus. Ob es gesagt wird oder
nicht, man muss darauf schwoeren, dass zwischen Stimme und Pistolenschuss,
unendlich zusammengedraengt, noch einmal Wille und Macht in ihm war,
alles zu sein. Sonst versteht man nicht, wie glaenzend konsequent es
ist, dass sie sein Nachtkleid durchbohrten und in ihm herumstachen, ob
sie auf das Harte einer Person stossen wuerden. Und dass er im Tode doch
noch die Maske trug, drei Tage lang, auf die er fast schon verzichtet
hatte.

Wenn ichs nun bedenke, so scheint es mir seltsam, dass in demselben
Buche der Ausgang dessen erzaehlt wurde, der sein ganzes Leben lang
Einer war, der Gleiche, hart und nicht zu aendern wie ein Granit und
immer schwerer auf allen, die ihn ertrugen. Es giebt ein Bild von ihm
in Dijon. Aber man weiss es auch so, dass er kurz, quer, trotzig war
und verzweifelt. Nur an die Haende haette man vielleicht nicht gedacht.
Es sind arg warme Haende, die sich immerfort kuehlen moechten und sich
unwillkuerlich auf Kaltes legen, gespreizt, mit Luft zwischen allen
Fingern. In diese Haende konnte das Blut hineinschiessen, wie es einem
zu Kopf steigt, und geballt waren sie wirklich wie die Koepfe von
Tollen, tobend von Einfaellen.

Es gehoerte unglaubliche Vorsicht dazu, mit diesem Blute zu leben. Der
Herzog war damit eingeschlossen in sich selbst, und zuzeiten fuerchtete
ers, wenn es um ihn herumging, geduckt und dunkel. Es konnte ihm
selber grauenhaft fremd sein, dieses behende, halbportugiesische Blut,
das er kaum kannte. Oft aengstigte es ihn, dass es ihn im Schlafe
anfallen koennte und zerreissen. Er tat, als baendigte ers, aber er
stand immer in seiner Furcht. Er wagte nie eine Frau zu lieben, damit
es nicht eifersuechtig wuerde, und so reissend war es, dass Wein nie ueber
seine Lippen kam; statt zu trinken, saenftigte ers mit Rosenmus. Doch,
einmal trank er, im Lager vor Lausanne, als Granson verloren war; da
war er krank und abgeschieden und trank viel puren Wein. Aber damals
schlief sein Blut. In seinen sinnlosen letzten Jahren verfiel es
manchmal in diesen schweren, tierischen Schlaf. Dann zeigte es sich,
wie sehr er in seiner Gewalt war; denn wenn es schlief, war er nichts.
Dann durfte keiner von seiner Umgebung herein; er begriff nicht, was
sie redeten. Den fremden Gesandten konnte er sich nicht zeigen, oed
wie er war. Dann sass er und wartete, dass es aufwachte. Und meistens
fuhr es mit einem Sprunge auf und brach aus dem Herzen aus und bruellte.


Fuer dieses Blut schleppte er alle die Dinge mit, auf die er nichts gab.
Die drei grossen Diamanten und alle die Steine; die flandrischen
Spitzen und die Teppiche von Arros, haufenweis. Sein seidenes Gezelt
mit den aus Gold gedrehten Schnueren und vierhundert Zelte fuer sein
Gefolg. Und Bilder, auf Holz gemalt, und die zwoelf Apostel aus vollem
Silber. Und den Prinzen von Tarent und den Herzog von Cleve und
Philipp von Baden und den Herrn von Chateau-Guyon. Denn er wollte
seinem Blut einreden, dass er Kaiser sei und nichts ueber ihm: damit es
ihn fuerchte. Aber sein Blut glaubte ihm nicht, trotz solcher Beweise,
es war ein misstrauisches Blut. Vielleicht erhielt er es noch eine
Weile im Zweifel. Aber die Hoerner von Uri verrieten ihn. Seither
wusste sein Blut, dass es in einem Verlorenen war: und wollte heraus.

So seh ich es jetzt, damals aber machte es mir vor allem Eindruck, von
dem Dreikoenigstag zu lesen, da man ihn suchte.

Der junge lothringische Fuerst, der tags vorher, gleich nach der
merkwuerdig hastigen Schlacht in seiner elenden Stadt Nancy eingeritten
war, hatte ganz frueh seine Umgebung geweckt und nach dem Herzog
gefragt. Bote um Bote wurde ausgesandt, und er selbst erschien von
Zeit zu Zeit am Fenster, unruhig und besorgt. Er erkannte nicht immer,
wen sie da brachten auf ihren Wagen und Tragbahren, er sah nur, dass
es nicht der Herzog war. Und auch unter den Verwundeten war er nicht,
und von den Gefangenen, die man fortwaehrend noch einbrachte, hatte ihn
keiner gesehen. Die Fluechtlinge aber trugen nach allen Seiten
verschiedene Nachrichten und waren wirr und schreckhaft, als
fuerchteten sie, auf ihn zuzulaufen. Es dunkelte schon, und man hatte
nichts von ihm gehoert. Die Kunde, dass er verschwunden sei, hatte Zeit
herumzukommen an dem langen Winterabend. Und wohin sie kam, da
erzeugte sie in allen eine jaehe, uebertriebene Sicherheit, dass er lebte.
Nie vielleicht war der Herzog so wirklich in jeder Einbildung wie in
dieser Nacht. Es gab kein Haus, wo man nicht wachte und auf ihn
wartete und sich sein Klopfen vorstellte. Und wenn er nicht kam, so
wars, weil er schon vorueber war.

Es fror diese Nacht, und es war, als froere auch die Idee, dass er sei;
so hart wurde sie. Und Jahre und Jahre vergingen, eh sie sich
aufloeste. Alle diese Menschen, ohne es recht zu wissen, bestanden
jetzt auf ihm. Das Schicksal, das er ueber sie gebracht hatte, war nur
ertraeglich durch seine Gestalt. Sie hatten so schwer erlernt, dass er
war; nun aber, da sie ihn konnten, fanden sie, dass er gut zu merken
sei und nicht zu vergessen.

Aber am naechsten Morgen, dem siebenten Januar, einem Dienstag, fing
das Suchen doch wieder an. Und diesmal war ein Fuehrer da. Es war ein
Page des Herzogs, und es hiess, er habe seinen Herrn von ferne stuerzen
sehen; nun sollte er die Stelle zeigen. Er selbst hatte nichts
erzaehlt, der Graf von Campobasso hatte ihn gebracht und hatte fuer ihn
gesprochen. Nun ging er voran, und die anderen hielten sich dicht
hinter ihm. Wer ihn so sah, vermummt und eigentuemlich unsicher, der
hatte Muehe zu glauben, dass es wirklich Gian-Battista Colonna sei, der
schoen wie ein Maedchen war und schmal in den Gelenken. Er zitterte vor
Kaelte; die Luft war steif vom Nachtfrost, es klang wie Zaehneknirschen
unter den Schritten. UEbrigens froren sie alle. Nur des Herzogs Narr,
Louis-Onze zubenannt, machte sich Bewegung. Er spielte den Hund, lief
voraus, kam wieder und trollte eine Weile auf allen Vieren neben dem
Knaben her; wo er aber von fern eine Leiche sah, da sprang er hin und
verbeugte sich und redete ihr zu, sie moechte sich zusammennehmen und
der sein, den man suchte. Er liess ihr ein wenig Bedenkzeit, aber dann
kam er muerrisch zu den andern zurueck und drohte und fluchte und
beklagte sich uber den Eigensinn und die Traegheit der Toten. Und man
ging immerzu, und es nahm kein Ende. Die Stadt war kaum mehr zu sehen;
denn das Wetter hatte sich inzwischen geschlossen, trotz der Kaelte,
und war grau und undurchsichtig geworden. Das Land lag flach und
gleichgueltig da, und die kleine, dichte Gruppe sah immer verirrter aus,
je weiter sie sich bewegte. Niemand sprach, nur ein altes Weib, das
mitgelaufen war, malmte etwas und schuettelte den Kopf dabei;
vielleicht betete sie.

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