Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge
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Rainer Maria Rilke >> Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge
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Auf einmal blieb der Vorderste stehen und sah um sich. Dann wandte er
sich kurz zu Lupi, dem portugiesischen Arzt des Herzogs, und zeigte
nach vorn. Ein paar Schritte weiterhin war eine Eisflaeche, eine Art
Tuempel oder Teich, und da lagen, halb eingebrochen, zehn oder zwoelf
Leichen. Sie waren fast ganz entbloesst und ausgeraubt. Lupi ging
gebueckt und aufmerksam von einem zum andern. Und nun erkannte man
Olivier de la Marche und den Geistlichen, wie sie so einzeln
herumgingen. Die Alte aber kniete schon im Schnee und winselte und
bueckte sich ueber eine grosse Hand, deren Finger ihr gespreizt
entgegenstarrten. Alle eilten herbei. Lupi mit einigen Dienern
versuchte den Leichnam zu wenden, denn er lag vornueber. Aber das
Gesicht war eingefroren, und da man es aus dem Eis herauszerrte,
schaelte sich die eine Wange duenn und sproede ab, und es zeigte sich,
dass die andere von Hunden oder Woelfen herausgerissen war; und das
Ganze war von einer grossen Wunde gespalten, die am Ohr begann, so dass
von einem Gesicht keine Rede sein konnte.
Einer nach dem anderen blickte sich um; jeder meinte den Roemer hinter
sich zu finden. Aber sie sahen nur den Narren, der herbeigelaufen kam,
boese und blutig. Er hielt einen Mantel von sich ab und schuettelte
ihn, als sollte etwas herausfallen; aber der Mantel war leer. So ging
man daran, nach Kennzeichen zu suchen, und es fanden sich einige. Man
hatte ein Feuer gemacht und wusch den Koerper mit warmem Wasser und
Wein. Die Narbe am Halse kam zum Vorschein und die Stellen der beiden
grossen Abszesse. Der Arzt zweifelte nicht mehr. Aber man verglich
noch anderes. Louis-Onze hatte ein paar Schritte weiter den Kadaver
des grossen schwarzen Pferdes Moreau gefunden, das der Herzog am Tage
von Nancy geritten hatte. Er sass darauf und liess die kurzen Beine
haengen. Das Blut rann ihm noch immer aus der Nase in den Mund, und
man sah ihm an, dass er es schmeckte. Einer der Diener drueben
erinnerte, dass ein Nagel an des Herzogs linkem Fuss eingewachsen
gewesen waere; nun suchten alle den Nagel. Der Narr aber zappelte, als
wuerde er gekitzelt, und schrie: "Ach, Monseigneur, verzeih ihnen, dass
sie deine groben Fehler aufdecken, die Dummkoepfe, und dich nicht
erkennen an meinem langen Gesicht, in dem deine Tugenden stehn."
(Des Herzogs Narr war auch der erste, der eintrat, als die Leiche
gebettet war. Es war im Hause eines gewissen Georg Marquis, niemand
konnte sagen, wieso. Das Bahrtuch war noch nicht uebergelegt, und so
hatte er den ganzen Eindruck. Das Weiss des Kamisols und das Karmesin
vom Mantel sonderten sich schroff und unfreundlich voneinander ab
zwischen den beiden Schwarz von Baldachin und Lager. Vorne standen
scharlachne Schaftstiefel ihm entgegen mit grossen, vergoldeten Sporen.
Und dass das dort oben ein Kopf war, darueber konnte kein Streit
entstehen, sobald man die Krone sah. Es war eine grosse Herzogs-Krone
mit irgendwelchen Steinen. Louis-Onze ging umher und besah alles
genau. Er befuehlte sogar den Atlas, obwohl er wenig davon verstand.
Es mochte guter Atlas sein, vielleicht ein bisschen billig fuer das Haus
Burgund. Er trat noch einmal zurueck um des UEberblicks willen. Die
Farben waren merkwuerdig unzusammenhaengend im Schneelicht. Er praegte
sich jede einzeln ein. "Gut angekleidet", sagte er schliesslich
anerkennend, "vielleicht eine Spur zu deutlich." Der Tod kam ihm vor
wie ein Puppenspieler, der rasch einen Herzog braucht.)
Man tut gut, gewisse Dinge, die sich nicht mehr aendern werden, einfach
festzustellen, ohne die Tatsachen zu bedauern oder auch nur zu
beurteilen. So ist mir klar geworden, dass ich nie ein richtiger Leser
war. In der Kindheit kam mir das Lesen vor wie ein Beruf, den man auf
sich nehmen wuerde, spaeter einmal, wenn alle die Berufe kamen, einer
nach dem andern. Ich hatte, aufrichtig gesagt, keine bestimmte
Vorstellung, wann das sein koennte. Ich verliess mich darauf, dass man
es merken wuerde, wenn das Leben gewissermassen umschlug und nur noch
von aussen kam, so wie frueher von innen. Ich bildete mir ein, es wuerde
dann deutlich und eindeutig sein und gar nicht misszuverstehn.
Durchaus nicht einfach, im Gegenteil recht anspruchsvoll, verwickelt
und schwer meinetwegen, aber immerhin sichtbar. Das eigentuemlich
Unbegrenzte der Kindheit, das Unverhaeltnismaessige, das
Nie-recht-Absehbare, das wuerde dann ueberstanden sein. Es war freilich
nicht einzusehen, wieso. Im Grunde nahm es immer noch zu und schloss
sich auf allen Seiten, und je mehr man hinaussah, desto mehr Inneres
ruehrte man in sich auf: Gott weiss, wo es herkam. Aber wahrscheinlich
wuchs es zu einem AEussersten an und brach dann mit einem Schlage ab.
Es war leicht zu beobachten, dass die Erwachsenen sehr wenig davon
beunruhigt wurden; sie gingen herum und urteilten und handelten, und
wenn sie je in Schwierigkeiten waren, so lag das an aeusseren
Verhaeltnissen.
An den Anfang solcher Veraenderungen verlegte ich auch das Lesen. Dann
wuerde man mit Buechern umgehen wie mit Bekannten, es wuerde Zeit dafuer
da sein, eine bestimmte, gleichmaessig und gefaellig vergehende Zeit,
gerade so viel, als einem eben passte. Natuerlich wuerden einzelne einem
naeher stehen, und es ist nicht gesagt, dass man davor sicher sein wuerde,
ab und zu eine halbe Stunde ueber ihnen zu versaeumen: einen
Spaziergang, eine Verabredung, den Anfang im Theater oder einen
dringenden Brief. Dass sich einem aber das Haar verbog und verwirrte,
als ob man darauf gelegen haette, dass man gluehende Ohren bekam und
Haende kalt wie Metall, dass eine lange Kerze neben einem
herunterbrannte und in den Leuchter hinein, das wuerde dann, Gott sei
Dank, voellig ausgeschlossen sein.
Ich fuehre diese Erscheinungen an, weil ich sie ziemlich auffaellig an
mir erfuhr, damals in jenen Ferien auf Ulsgaard, als ich so ploetzlich
ins Lesen geriet. Da zeigte es sich gleich, dass ich es nicht konnte.
Ich hatte es freilich vor der Zeit begonnen, die ich mir dafuer in
Aussicht gestellt hatte. Aber dieses Jahr in Soroe unter lauter andern
ungefaehr Altersgleichen hatte mich misstrauisch gemacht gegen solche
Berechnungen. Dort waren rasche, unerwartete Erfahrungen an mich
herangekommen, und es war deutlich zu sehen, dass sie mich wie einen
Erwachsenen behandelten. Es waren lebensgrosse Erfahrungen, die sich
so schwer machten, wie sie waren. In demselben Masse aber, als ich
ihre Wirklichkeit begriff, gingen mir auch fuer die unendliche Realitaet
meines Kindseins die Augen auf. Ich wusste, dass es nicht aufhoeren
wuerde, so wenig wie das andere erst begann. Ich sagte mir, dass es
natuerlich jedem freistand, Abschnitte zu machen, aber sie waren
erfunden. Und es erwies sich, dass ich zu ungeschickt war, mir welche
auszudenken. Sooft ich es versuchte, gab mir das Leben zu verstehen,
dass es nichts von ihnen wusste. Bestand ich aber darauf, dass meine
Kindheit vorueber sei, so war in demselben Augenblick auch alles
Kommende fort, und mir blieb nur genau so viel, wie ein Bleisoldat
unter sich hat, um stehen zu koennen.
Diese Entdeckung sonderte mich begreiflicherweise noch mehr ab. Sie
beschaeftigte mich in mir und erfuellte mich mit einer Art endgueltiger
Frohheit, die ich fuer Kuemmernis nahm, weil sie weit ueber mein Alter
hinausging. Es beunruhigte mich auch, wie ich mich entsinne, dass man
nun, da nichts fuer eine bestimmte Frist vorgesehen war, manches
ueberhaupt versaeumen koenne. Und als ich so nach Ulsgaard zurueckkehrte
und alle die Buecher sah, machte ich mich darueber her; recht in Eile,
mit fast schlechtem Gewissen. Was ich spaeter so oft empfunden habe,
das ahnte ich damals irgendwie voraus: dass man nicht das Recht hatte,
ein Buch aufzuschlagen, wenn man sich nicht verpflichtete, alle zu
lesen. Mit jeder Zeile brach man die Welt an. Von den Buechern war
sie heil und vielleicht wieder ganz dahinter. Wie aber sollte ich,
der nicht lesen konnte, es mit allen aufnehmen? Da standen sie,
selbst in diesem bescheidenen Buecherzimmer, in so aussichtsloser
UEberzahl und hielten zusammen. Ich stuerzte mich trotzig und
verzweifelt von Buch zu Buch und schlug mich durch die Seiten durch
wie einer, der etwas Unverhaeltnismaessiges zu leisten hat. Damals las
ich Schiller und Baggesen, OEhlenschlaeger und Schack-Staffeldt, was von
Walter Scott da war und Calderon. Manches kam mir in die Haende, was
gleichsam schon haette gelesen sein muessen, fuer anderes war es viel zu
frueh; faellig war fast nichts fuer meine damalige Gegenwart. Und
trotzdem las ich.
In spaeteren Jahren geschah es mir zuweilen nachts, dass ich aufwachte,
und die Sterne standen so wirklich da und gingen so bedeutend vor, und
ich konnte nicht begreifen, wie man es ueber sich brachte, so viel Welt
zu versaeumen. So aehnlich war mir, glaub ich, zumut, sooft ich von den
Buechern aufsah und hinaus, wo der Sommer war, wo Abelone rief. Es kam
uns sehr unerwartet, dass sie rufen musste und dass ich nicht einmal
antwortete. Es fiel mitten in unsere seligste Zeit. Aber da es mich
nun einmal erfasst hatte, hielt ich mich krampfhaft ans Lesen und
verbarg mich, wichtig und eigensinnig, vor unseren taeglichen
Feiertagen. Ungeschickt wie ich war, die vielen, oft unscheinbaren
Gelegenheiten eines natuerlichen Gluecks auszunutzen, liess ich mir nicht
ungern von dem anwachsenden Zerwuerfnis kuenftige Versoehnungen
versprechen, die desto reizender wurden, je weiter man sie hinausschob.
UEbrigens war mein Leseschlaf eines Tages so ploetzlich zu Ende, wie er
begonnen hatte; und da erzuernten wir einander gruendlich. Denn Abelone
ersparte mir nun keinerlei Spott und UEberlegenheit, und wenn ich sie
in der Laube traf, behauptete sie zu lesen. An dem einen
Sonntagmorgen lag das Buch zwar geschlossen neben ihr, aber sie schien
mehr als genug mit den Johannisbeeren beschaeftigt, die sie vorsichtig
mittels einer Gabel aus ihren kleinen Trauben streifte.
Es muss dies eine von jenen Tagesfruehen gewesen sein, wie es solche im
Juli giebt, neue, ausgeruhte Stunden, in denen ueberall etwas frohes
Unueberlegtes geschieht. Aus Millionen kleinen ununterdrueckbaren
Bewegungen setzt sich ein Mosaik ueberzeugtesten Daseins zusammen; die
Dinge schwingen ineinander hinueber und hinaus in die Luft, und ihre
Kuehle macht den Schatten klar und die Sonne zu einem leichten,
geistigen Schein. Da giebt es im Garten keine Hauptsache; alles ist
ueberall, und man muesste in allem sein, um nichts zu versaeumen.
In Abelonens kleiner Handlung aber war das Ganze nochmal. Es war so
gluecklich erfunden, gerade dies zu tun und genau so, wie sie es tat.
Ihre im Schattigen hellen Haende arbeiteten einander so leicht und
einig zu, und vor der Gabel sprangen mutwillig die runden Beeren her,
in die mit tauduffem Weinblatt ausgelegte Schale hinein, wo schon
andere sich haeuften, rote und blonde, glanzlichternd, mit gesunden
Kernen im herben Innern. Ich wuenschte unter diesen Umstaenden nichts
als zuzusehen, aber, da es wahrscheinlich war, dass man mirs verwies,
ergriff ich, auch um mich unbefangen zu geben, das Buch, setzte mich
an die andere Seite des Tisches und liess mich, ohne lange zu blaettern,
irgendwo damit ein.
"Wenn du doch wenigstens laut laesest, Leserich", sagte Abelone nach
einer Weile. Das klang lange nicht mehr so streitsuechtig, und da es,
meiner Meinung nach, ernstlich Zeit war, sich auszugleichen, las ich
sofort laut, immerzu bis zu einem Abschnitt und weiter, die naechste
UEberschrift: An Bettine.
"Nein, nicht die Antworten", unterbrach mich Abelone und legte auf
einmal wie erschoepft die kleine Gabel nieder. Gleich darauf lachte
sie ueber das Gesicht, mit dem ich sie ansah.
"Mein Gott, was hast du schlecht gelesen, Malte."
Da musste ich nun zugeben, dass ich keinen Augenblick bei der Sache
gewesen sei. "Ich las nur, damit du mich unterbrichst", gestand ich
und wurde heiss und blaetterte zurueck nach dem Titel des Buches. Nun
wusste ich erst, was es war. "Warum denn nicht die Antworten?" fragte
ich neugierig.
Es war, als haette Abelone mich nicht gehoert. Sie sass da in ihrem
lichten Kleid, als ob sie ueberall innen ganz dunkel wuerde, wie ihre
Augen wurden.
"Gieb her", sagte sie ploetzlich wie im Zorn und nahm mir das Buch aus
der Hand und schlug es richtig dort auf, wo sie es wollte. Und dann
las sie einen von Bettinens Briefen.
Ich weiss nicht, was ich davon verstand, aber es war, als wuerde mir
feierlich versprochen, dieses alles einmal einzusehen. Und waehrend
ihre Stimme zunahm und endlich fast jener glich, die ich vom Gesang
her kannte, schaemte ich mich, dass ich mir unsere Versoehnung so gering
vorgestellt hatte. Denn ich begriff wohl, dass sie das war. Aber nun
geschah sie irgendwo ganz im Grossen, weit ueber mir, wo ich nicht
hinreichte.
Das Versprechen erfuellt sich noch immer, irgendwann ist dasselbe Buch
unter meine Buecher geraten, unter die paar Buecher, von denen ich mich
nicht trenne. Nun schlaegt es sich auch mir an den Stellen auf, die
ich gerade meine, und wenn ich sie lese, so bleibt es unentschieden,
ob ich an Bettine denke oder an Abelone. Nein, Bettine ist wirklicher
in mir geworden, Abelone, die ich gekannt habe, war wie eine
Vorbereitung auf sie, und nun ist sie mir in Bettine aufgegangen wie
in ihrem eigenen, unwillkuerlichen Wesen. Denn diese wunderliche
Bettine hat mit allen ihren Briefen Raum gegeben, geraeumigste Gestalt.
Sie hat von Anfang an sich im Ganzen so ausgebreitet, als waer sie
nach ihrem Tod. UEberall hat sie sich ganz weit ins Sein hineingelegt,
zugehoerig dazu, und was ihr geschah, das war ewig in der Natur; dort
erkannte sie sich und loeste sich beinah schmerzhaft heraus; erriet
sich muehsam zurueck wie aus UEberlieferungen, beschwor sich wie einen
Geist und hielt sich aus.
Eben warst du noch, Bettine; ich seh dich ein. Ist nicht die Erde
noch warm von dir, und die Voegel lassen noch Raum fuer deine Stimme.
Der Tau ist ein anderer, aber die Sterne sind noch die Sterne deiner
Naechte. Oder ist nicht die Welt ueberhaupt von dir? Denn wie oft hast
du sie in Brand gesteckt mit deiner Liebe und hast sie lodern sehen
und aufbrennen und hast sie heimlich durch eine andere ersetzt, wenn
alle schliefen. Du fuehltest dich so recht im Einklang mit Gott, wenn
du jeden Morgen eine neue Erde von ihm verlangtest, damit doch alle
drankaemen, die er gemacht hatte. Es kam dir armsaelig vor, sie zu
schonen und auszubessern, du verbrauchtest sie und hieltest die Haende
hin um immer noch Welt. Denn deine Liebe war allem gewachsen.
Wie ist es moeglich, dass nicht noch alle erzaehlen von deiner Liebe?
Was ist denn seither geschehen, was merkwuerdiger war? Was beschaeftigt
sie denn? Du selber wusstest um deiner Liebe Wert, du sagtest sie laut
deinem groessesten Dichter vor, dass er sie menschlich mache; denn sie
war noch Element. Er aber hat sie den Leuten ausgeredet, da er dir
schrieb. Alle haben diese Antworten gelesen und glauben ihnen mehr,
weil der Dichter ihnen deutlicher ist als die Natur. Aber vielleicht
wird es sich einmal zeigen, dass hier die Grenze seiner Groesse war.
Diese Liebende ward ihm auferlegt, und er hat sie nicht bestanden.
Was heisst es, dass er nicht hat erwidern koennen? Solche Liebe bedarf
keiner Erwiderung, sie hat Lockruf und Antwort in sich; sie erhoert
sich selbst. Aber demuetigen haette er sich muessen vor ihr in seinem
ganzen Staat und schreiben was sie diktiert, mit beiden Haenden, wie
Johannes auf Patmos, knieend. Es gab keine Wahl dieser Stimme
gegenueber, die "das Amt der Engel verrichtete"; die gekommen war, ihn
einzuhuellen und zu entziehen ins Ewige hinein. Da war der Wagen
seiner feurigen Himmelfahrt. Da war seinem Tod der dunkle Mythos
bereitet, den er leer liess.
Das Schicksal liebt es, Muster und Figuren zu erfinden. Seine
Schwierigkeit beruht im Komplizierten. Das Leben selbst aber ist
schwer aus Einfachheit. Es hat nur ein paar Dinge von uns nicht
angemessener Groesse. Der Heilige, indem er das Schicksal ablehnt,
waehlt diese, Gott gegenueber. Dass aber die Frau, ihrer Natur nach, in
Bezug auf den Mann die gleiche Wahl treffen muss, ruft das Verhaengnis
aller Liebesbeziehungen herauf: entschlossen und schicksalslos, wie
eine Ewige, steht sie neben ihm, der sich verwandelt. Immer
uebertrifft die Liebende den Geliebten, weil das Leben groesser ist als
das Schicksal. Ihre Hingabe will unermesslich sein: dies ist ihr Glueck.
Das namenlose Leid ihrer Liebe aber ist immer dieses gewesen: dass
von ihr verlangt wird, diese Hingabe zu beschraenken.
Es ist keine andere Klage je von Frauen geklagt worden: die beiden
ersten Briefe Heloisens enthalten nur sie, und fuenfhundert Jahre
spaeter erhebt sie sich aus den Briefen der Portugiesin; man erkennt
sie wieder wie einen Vogelruf. Und ploetzlich geht durch den hellen
Raum dieser Einsicht der Sappho fernste Gestalt, die die Jahrhunderte
nicht fanden, da sie sie im Schicksal suchten.
Ich habe niemals gewagt, von ihm eine Zeitung zu kaufen. Ich bin
nicht sicher, dass er wirklich immer einige Nummern bei sich hat, wenn
er sich aussen am Luxembourg-Garten langsam hin und zurueck schiebt den
ganzen Abend lang. Er kehrt dem Gitter den Ruecken, und seine Hand
streift den Steinrand, auf dem die Staebe aufstehen. Er macht sich so
flach, dass taeglich viele voruebergehen, die ihn nie gesehen haben.
Zwar hat er noch einen Rest von Stimme in sich und mahnt; aber das ist
nicht anders als ein Geraeusch in einer Lampe oder im Ofen oder wenn es
in eigentuemlichen Abstaenden in einer Grotte tropft. Und die Welt ist
so eingerichtet, dass es Menschen giebt, die ihr ganzes Leben lang in
der Pause vorbeikommen, wenn er, lautloser als alles was sich bewegt,
weiter rueckt wie ein Zeiger, wie eines Zeigers Schatten, wie die Zeit.
Wie unrecht hatte ich, ungern hinzusehen. Ich schaeme mich
aufzuschreiben, dass ich oft in seiner Naehe den Schritt der andern
annahm, als wuesste ich nicht um ihn. Dann hoerte ich es in ihm "La
Presse" sagen und gleich darauf noch einmal und ein drittes Mal in
raschen Zwischenraeumen. Und die Leute neben mir sahen sich um und
suchten die Stimme. Nur ich tat eiliger als alle, als waere mir nichts
aufgefallen, als waere ich innen ueberaus beschaeftigt.
Und ich war es in der Tat. Ich war beschaeftigt, ihn mir vorzustellen,
ich unternahm die Arbeit, ihn einzubilden, und der Schweiss trat mir
aus vor Anstrengung. Denn ich musste ihn machen wie man einen Toten
macht, fuer den keine Beweise mehr da sind, keine Bestandteile; der
ganz und gar innen zu leisten ist. Ich weiss jetzt, dass es mir ein
wenig half, an die vielen abgenommenen Christusse aus streifigem
Elfenbein zu denken, die bei allen Althaendlern herumliegen. Der
Gedanke an irgendeine Pieta trat vor und ab--: dies alles
wahrscheinlich nur, um eine gewisse Neigung hervorzurufen, in der sein
langes Gesicht sich hielt, und den trostlosen Bartnachwuchs im
Wangenschatten und die endgueltig schmerzvolle Blindheit seines
verschlossenen Ausdrucks, der schraeg aufwaerts gehalten war. Aber es
war ausserdem so vieles, was zu ihm gehoerte; denn dies begriff ich
schon damals, dass nichts an ihm nebensaechlich sei: nicht die Art, wie
der Rock oder der Mantel, hinten abstehend, ueberall den Kragen sehen
liess, diesen niedrigen Kragen, der in einem grossen Bogen um den
gestreckten, nischigen Hals stand, ohne ihn zu beruehren; nicht die
gruenlich schwarze Krawatte, die weit um das Ganze herumgeschnallt war;
und ganz besonders nicht der Hut, ein alter, hochgewoelbter, steifer
Filzhut, den er trug wie alle Blinden ihre Huete tragen: ohne Bezug zu
den Zeilen des Gesichts, ohne die Moeglichkeit, aus diesem
Hinzukommenden und sich selbst eine neue aeussere Einheit zu bilden;
nicht anders als irgendeinen verabredeten fremden Gegenstand. In
meiner Feigheit, nicht hinzusehen, brachte ich es so weit, dass das
Bild dieses Mannes sich schliesslich oft auch ohne Anlass stark und
schmerzhaft in mir zusammenzog zu so hartem Elend, dass ich mich, davon
bedraengt, entschloss, die zunehmende Fertigkeit meiner Einbildung durch
die auswaertige Tatsache einzuschuechtern und aufzuheben. Es war gegen
Abend. Ich nahm mir vor, sofort aufmerksam an ihm vorbeizugehen.
Nun muss man wissen: es ging auf den Fruehling zu. Der Tagwind hatte
sich gelegt, die Gassen waren lang und befriedigt; an ihrem Ausgang
schimmerten Haeuser, neu wie frische Bruchstellen eines weissen Metalls.
Aber es war ein Metall, das einen ueberraschte durch seine
Leichtigkeit. In den breiten, fortlaufenden Strassen zogen viele Leute
durcheinander, fast ohne die Wagen zu fuerchten, die selten waren. Es
musste ein Sonntag sein. Die Turmaufsaetze von Saint-Sulpice zeigten
sich heiter und unerwartet hoch in der Windstille, und durch die
schmalen, beinah roemischen Gassen sah man unwillkuerlich hinaus in die
Jahreszeit. Im Garten und davor war so viel Bewegung von Menschen,
dass ich ihn nicht gleich sah. Oder erkannte ich ihn zuerst nicht
zwischen der Menge durch?
Ich wusste sofort, dass meine Vorstellung wertlos war. Die durch keine
Vorsicht oder Verstellung eingeschraenkte Hingegebenheit seines Elends
uebertraf meine Mittel. Ich hatte weder den Neigungswinkel seiner
Haltung begriffen gehabt noch das Entsetzen, mit dem die Innenseite
seiner Lider ihn fortwaehrend zu erfuellen schien. Ich hatte nie an
seinen Mund gedacht, der eingezogen war wie die OEffnung eines Ablaufs.
Moeglicherweise hatte er Erinnerungen; jetzt aber kam nie mehr etwas
zu seiner Seele hinzu als taeglich das amorphe Gefuehl des Steinrands
hinter ihm, an dem seine Hand sich abnutzte. Ich war stehngeblieben,
und waehrend ich das alles fast gleichzeitig sah, fuehlte ich, dass er
einen anderen Hut hatte und eine ohne Zweifel sonntaegliche Halsbinde;
sie war schraeg in gelben und violetten Vierecken gemustert, und was
den Hut angeht, so war es ein billiger neuer Strohhut mit einem gruenen
Band. Es liegt natuerlich nichts an diesen Farben, und es ist
kleinlich, dass ich sie behalten habe. Ich will nur sagen, dass sie an
ihm waren wie das Weicheste auf eines Vogels Unterseite. Er selbst
hatte keine Lust daran, und wer von allen (ich sah mich um) durfte
meinen, dieser Staat waere um seinetwillen?
Mein Gott, fiel es mir mit Ungestuem ein, so bist du also. Es giebt
Beweise fuer deine Existenz. Ich habe sie alle vergessen und habe
keinen je verlangt, denn welche unge heuere Verpflichtung laege in
deiner Gewissheit. Und doch, nun wird mirs gezeigt. Dieses ist dein
Geschmack, hier hast du Wohlgefallen. Dass wir doch lernten, vor allem
aushalten und nicht urteilen. Welche sind die schweren Dinge? Welche
die gnaedigen? Du allein weisst es.
Wenn es wieder Winter wird und ich muss einen neuen Mantel haben,--gieb
mir, dass ich ihn so trage, solang er neu ist.
Es ist nicht, dass ich mich von ihnen unterscheiden will, wenn ich in
besseren, von Anfang an meinigen Kleidern herumgehe und darauf halte,
irgendwo zu wohnen. Ich bin nicht so weit. Ich habe nicht das Herz
zu ihrem Leben. Wenn mir der Arm einginge, ich glaube, ich versteckte
ihn. Sie aber (ich weiss nicht, wer sie sonst war), sie erschien jeden
Tag vor den Terrassen der Cafehaeuser, und obwohl es sehr schwer war
fuer sie, den Mantel abzutun und sich aus dem unklaren Zeug und
Unterzeug herauszuziehen, sie scheute der Muehe nicht und tat ab und
zog aus so lange, dass mans kaum mehr erwarten konnte. Und dann stand
sie vor uns, bescheiden, mit ihrem duerren, verkuemmerten Stueck, und man
sah, dass es rar war.
Nein, es ist nicht, dass ich mich von ihnen unterscheiden will; aber
ich ueberhuebe mich, wollte ich ihnen gleich sein. Ich bin es nicht.
Ich haette weder ihre Staerke noch ihr Mass. Ich ernaehre mich, und so
bin ich von Mahlzeit zu Mahlzeit, voellig geheimnislos; sie aber
erhalten sich fast wie Ewige. Sie stehen an ihren taeglichen Ecken,
auch im November, und schreien nicht vor Winter. Der Nebel kommt und
macht sie undeutlich und ungewiss: sie sind gleichwohl. Ich war
verreist, ich war krank, vieles ist mir vergangen: sie aber sind nicht
gestorben.
(Ich weiss ja nicht einmal, wie es moeglich ist, dass die Schulkinder
aufstehn in den Kammern voll grauriechender Kaelte; wer sie bestaerkt,
die ueberstuerzten Skelettchen, dass sie hinauslaufen in die erwachsene
Stadt, in die truebe Neige der Nacht, in den ewigen Schultag, immer
noch klein, immer voll Vorgefuehl, immer verspaetet. Ich habe keine
Vorstellung von der Menge Beistand, die fortwaehrend verbraucht wird.)
Diese Stadt ist voll von solchen, die langsam zu ihnen hinabgleiten.
Die meisten straeuben sich erst; aber dann giebt es diese verblichenen,
alternden Maedchen, die sich fortwaehrend ohne Widerstand hinueberlassen,
starke, im Innersten ungebrauchte, die nie geliebt worden sind.
Vielleicht meinst du, mein Gott, dass ich alles lassen soll und sie
lieben. Oder warum wird es mir so schwer, ihnen nicht nachzugehen,
wenn sie mich ueberholen? Warum erfind ich auf einmal die suessesten,
naechtlichsten Worte, und meine Stimme steht sanft in mir zwischen
Kehle und Herz. Warum stell ich mir vor, wie ich sie unsaeglich
vorsichtig an meinen Atem halten wuerde, diese Puppen, mit denen das
Leben gespielt hat, ihnen Fruehling um Fruehling fuer nichts und wieder
nichts die Arme auseinanderschlagend bis sie locker wurden in den
Schultern. Sie sind nie sehr hoch von einer Hoffnung gefallen, so
sind sie nicht zerbrochen; aber abgeschlagen sind sie und schon dem
Leben zu schlecht. Nur verlorene Katzen kommen abends zu ihnen in die
Kammer und zerkratzen sie heimlich und schlafen auf ihnen. Manchmal
folge ich einer zwei Gassen weit. Sie gehen an den Haeusern hin,
fortwaehrend kommen Menschen, die sie verdecken, sie schwinden hinter
ihnen weiter wie nichts.
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