Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge
R >>
Rainer Maria Rilke >> Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge
Pages:
1 | 2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15
Alle meine Verse aber sind anders entstanden, also sind es keine.--Und
als ich mein Drama schrieb, wie irrte ich da. War ich ein Nachahmer
und Narr, dass ich eines Dritten bedurfte, um von dem Schicksal zweier
Menschen zu erzaehlen, die es einander schwer machten? Wie leicht ich
in die Falle fiel. Und ich haette doch wissen muessen, dass dieser
Dritte, der durch alle Leben und Literaturen geht, dieses Gespenst
eines Dritten, der nie gewesen ist, keine Bedeutung hat, dass man ihn
leugnen muss. Er gehoert zu den Vorwaenden der Natur, welche immer
bemueht ist, von ihren tiefsten Geheimnissen die Aufmerksamkeit der
Menschen abzulenken. Er ist der Wandschirm, hinter dem ein Drama sich
abspielt. Er ist der Laerm am Eingang zu der stimmlosen Stille eines
wirklichen Konfliktes. Man moechte meinen, es waere allen bisher zu
schwer gewesen, von den Zweien zu reden, um die es sich handelt; der
Dritte, gerade weil er so unwirklich ist, ist das Leichte der Aufgabe,
ihn konnten sie alle. Gleich am Anfang ihrer Dramen merkt man die
Ungeduld, zu dem Dritten zu kommen, sie koennten ihn kaum erwarten.
Sowie er da ist, ist alles gut. Aber wie langweilig, wenn er sich
verspaetet, es kann rein nichts geschehen ohne ihn, alles steht, stockt,
wartet. Ja und wie, wenn es bei diesem Stauen und Anstehn bliebe?
Wie, Herr Dramatiker, und du, Publikum, welches das Leben kennt, wie,
wenn er verschollen waere, dieser beliebte Lebemann oder dieser
anmassende junge Mensch, der in allen Ehen schliesst wie ein
Nachschluessel? Wie, wenn ihn, zum Beispiel, der Teufel geholt haette?
Nehmen wirs an. Man merkt auf einmal die kuenstliche Leere der Theater,
sie werden vermauert wie gefaehrliche Loecher, nur die Motten aus den
Logenraendern taumeln durch den haltlosen Hohlraum. Die Dramatiker
geniessen nicht mehr ihre Villenviertel. Alle oeffentlichen
Aufpassereien suchen fuer sie in entlegenen Weltteilen nach dem
Unersetzlichen, der die Handlung selbst war.
Und dabei leben sie unter den Menschen, nicht diese 'Dritten', aber
die Zwei, von denen so unglaublich viel zu sagen waere, von denen noch
nie etwas gesagt worden ist, obwohl sie leiden und handeln und sich
nicht zu helfen wissen.
Es ist laecherlich. Ich sitze hier in meiner kleinen Stube, ich,
Brigge, der achtundzwanzig Jahre alt geworden ist und von dem niemand
weiss. Ich sitze hier und bin nichts. Und dennoch, dieses Nichts
faengt an zu denken und denkt, fuenf Treppen hoch, an einem grauen
Pariser Nachmittag diesen Gedanken:
Ist es moeglich, denkt es, dass man noch nichts Wirkliches und Wichtiges
gesehen, erkannt und gesagt hat? Ist es moeglich, dass man Jahrtausende
Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und dass
man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der
man sein Butterbrot isst und einen Apfel?
Ja, es ist moeglich.
Ist es moeglich, dass man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz
Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberflaeche des Lebens
geblieben ist? Ist es moeglich, dass man sogar diese Oberflaeche, die
doch immerhin etwas gewesen waere, mit einem unglaublich langweiligen
Stoff ueberzogen hat, so dass sie aussieht, wie die Salonmoebel in den
Sommerferien?
Ja, es ist moeglich.
Ist es moeglich, dass die ganze Weltgeschichte missverstanden worden ist?
Ist es moeglich, dass die Vergangenheit falsch ist, weil man immer von
ihren Massen gesprochen hat, gerade, als ob man von einem Zusammenlauf
vieler Menschen erzaehlte, statt von dem Einen zu sagen, um den sie
herumstanden, weil er fremd war und starb?
Ja, es ist moeglich.
Ist es moeglich, dass man glaubte, nachholen zu muessen, was sich
ereignet hat, ehe man geboren war? Ist es moeglich, dass man jeden
einzelnen erinnern muesste, er sei ja aus allen Frueheren entstanden,
wuesste es also und sollte sich nichts einreden lassen von den anderen,
die anderes wuessten?
Ja, es ist moeglich.
Ist es moeglich, dass alle diese Menschen eine Vergangenheit, die nie
gewesen ist, ganz genau kennen? Ist es moeglich, dass alle
Wirklichkeiten nichts sind fuer sie; dass ihr Leben ablaeuft, mit nichts
verknuepft, wie eine Uhr in einem leeren Zimmer--?
Ja, es ist moeglich.
Ist es moeglich, dass man von den Maedchen nichts weiss, die doch leben?
Ist es moeglich, dass man 'die Frauen' sagt, 'die Kinder', 'die Knaben'
und nicht ahnt (bei aller Bildung nicht ahnt), dass diese Worte laengst
keine Mehrzahl mehr haben, sondern nur unzaehlige Einzahlen?
Ja, es ist moeglich.
Ist es moeglich, dass es Leute giebt, welche 'Gott' sagen und meinen,
das waere etwas Gemeinsames?--Und sieh nur zwei Schulkinder: Es kauft
sich der eine ein Messer, und sein Nachbar kauft sich ein ganz
gleiches am selben Tag. Und sie zeigen einander nach einer Woche die
beiden Messer, und es ergiebt sich, dass sie sich nur noch ganz
entfernt aehnlich sehen,--so verschieden haben sie sich in
verschiedenen Haenden entwickelt. (Ja, sagt des einen Mutter dazu:
wenn ihr auch gleich immer alles abnutzen muesst.--) Ach so: Ist es
moeglich, zu glauben, man koenne einen Gott haben, ohne ihn zu
gebrauchen?
Ja, es ist moeglich.
Wenn aber dieses alles moeglich ist, auch nur einen Schein von
Moeglichkeit hat,--dann muss ja, um alles in der Welt, etwas geschehen.
Der Naechstbeste, der, welcher diesen beunruhigenden Gedanken gehabt
hat, muss anfangen, etwas von dem Versaeumten zu tun; wenn es auch nur
irgend einer ist, durchaus nicht der Geeignetste: es ist eben kein
anderer da. Dieser junge, belanglose Auslaender, Brigge, wird sich
fuenf Treppen hoch hinsetzen muessen und schreiben, Tag und Nacht. Ja
er wird schreiben muessen, das wird das Ende sein.
Zwoelf Jahre oder hoechstens dreizehn muss ich damals gewesen sein. Mein
Vater hatte mich nach Urnekloster mitgenommen. Ich weiss nicht, was
ihn veranlasste, seinen Schwiegervater aufzusuchen. Die beiden Maenner
hatten sich jahrelang, seit dem Tode meiner Mutter, nicht gesehen, und
mein Vater selbst war noch nie in dem alten Schlosse gewesen, in
welches der Graf Brahe sich erst spaet zurueckgezogen hatte. Ich habe
das merkwuerdige Haus spaeter nie wiedergesehen, das, als mein Grossvater
starb, in fremde Haende kam. So wie ich es in meiner kindlich
gearbeiteten Erinnerung wiederfinde, ist es kein Gebaeude; es ist ganz
aufgeteilt in mir; da ein Raum, dort ein Raum und hier ein Stueck Gang,
das diese beiden Raeume nicht verbindet, sondern fuer sich, als Fragment,
aufbewahrt ist. In dieser Weise ist alles in mir verstreut,--die
Zimmer, die Treppen, die mit so grosser Umstaendlichkeit sich
niederliessen, und andere enge, rundgebaute Stiegen, in deren Dunkel
man ging wie das Blut in den Adern; die Turmzimmer, die hoch
aufgehaengten Balkone, die unerwarteten Altane, auf die man von einer
kleinen Tuer hinausgedraengt wurde:--alles das ist noch in mir und wird
nie aufhoeren, in mir zu sein. Es ist, als waere das Bild dieses Hauses
aus unendlicher Hoehe in mich hineingestuerzt und auf meinem Grunde
zerschlagen.
Ganz erhalten ist in meinem Herzen, so scheint es mir, nur jener Saal,
in dem wir uns zum Mittagessen zu versammeln pflegten, jeden Abend um
sieben Uhr. Ich habe diesen Raum niemals bei Tage gesehen, ich
erinnere mich nicht einmal, ob er Fenster hatte und wohin sie aussahen;
jedes mal, so oft die Familie eintrat, brannten die Kerzen in den
schweren Armleuchtern, und man vergass in einigen Minuten die Tageszeit
und alles, was man draussen gesehen hatte. Dieser hohe, wie ich
vermute, gewoelbte Raum war staerker als alles; er saugte mit seiner
dunkelnden Hoehe, mit seinen niemals ganz aufgeklaerten Ecken alle
Bilder aus einem heraus, ohne einem einen bestimmten Ersatz dafuer zu
geben. Man sass da wie aufgeloest; voellig ohne Willen, ohne Besinnung,
ohne Lust, ohne Abwehr. Man war wie eine leere Stelle. Ich erinnere
mich, dass dieser vernichtende Zustand mir zuerst fast UEbelkeit
verursachte, eine Art Seekrankheit, die ich nur dadurch ueberwand, dass
ich mein Bein ausstreckte, bis ich mit dem Fuss das Knie meines Vaters
beruehrte, der mir gegenuebersass. Erst spaeter fiel es mir auf, dass er
dieses merkwuerdige Benehmen zu begreifen oder doch zu dulden schien,
obwohl zwischen uns ein fast kuehles Verhaeltnis bestand, aus dem ein
solches Gebaren nicht erklaerlich war. Es war indessen jene leise
Beruehrung, welche mir die Kraft gab, die langen Mahlzeiten auszuhalten.
Und nach einigen Wochen krampfhaften Ertragens hatte ich, mit der
fast unbegrenzten Anpasssung des Kindes, mich so sehr an das
Unheimliche jener Zusammenkuenfte gewoehnt, dass es mich keine
Anstrengung mehr kostete, zwei Stunden bei Tische zu sitzen; jetzt
vergingen sie sogar verhaeltnismaessig schnell, weil ich mich damit
beschaeftigte, die Anwesenden zu beobachten.
Mein Grossvater nannte es die Familie, und ich hoerte auch die andern
diese Bezeichnung gebrauchen, die ganz willkuerlich war. Denn obwohl
diese vier Menschen miteinander in entfernten verwandtschaftlichen
Beziehungen standen, so gehoerten sie doch in keiner Weise zusammen.
Der Oheim, welcher neben mir sass, war ein alter Mann, dessen hartes
und verbranntes Gesicht einige schwarze Flecke zeigte, wie ich erfuhr,
die Folgen einer explodierten Pulverladung; muerrisch und malkontent
wie er war, hatte er als Major seinen Abschied genommen, und nun
machte er in einem mir unbekannten Raum des Schlosses alchymistische
Versuche, war auch, wie ich die Diener sagen hoerte, mit einem
Stockhause in Verbindung, von wo man ihm ein- oder zweimal jaehrlich
Leichen zusandte, mit denen er sich Tage und Naechte einschloss und die
er zerschnitt und auf eine geheimnisvolle Art zubereitete, so dass sie
der Verwesung widerstanden. Ihm gegenueber war der Platz des Fraeuleins
Mathilde Brahe. Es war das eine Person von unbestimmtem Alter, eine
entfernte Cousine meiner Mutter, von der nichts bekannt war, als dass
sie eine sehr rege Korrespondenz mit einem oesterreichischen
Spiritisten unterhielt, der sich Baron Nolde nannte und dem sie
vollkommen ergeben war, so dass sie nicht das geringste unternahm, ohne
vorher seine Zustimmung oder vielmehr etwas wie seinen Segen
einzuholen. Sie war zu jener Zeit ausserordentlich stark, von einer
weichen, traegen Fuelle, die gleichsam achtlos in ihre losen, hellen
Kleider hineingegossen war; ihre Bewegungen waren muede und unbestimmt,
und ihre Augen flossen bestaendig ueber. Und trotzdem war etwas in ihr,
das mich an meine zarte und schlanke Mutter erinnerte.
Ich fand, je laenger ich sie betrachtete, alle die feinen und leisen
Zuege in ihrem Gesichte, an die ich mich seit meiner Mutter Tode nie
mehr recht hatte erinnern koennen; nun erst, seit ich Mathilde Brahe
taeglich sah, wusste ich wieder, wie die Verstorbene ausgesehen hatte;
ja, ich wusste es vielleicht zum erstenmal. Nun erst setzte sich aus
hundert und hundert Einzelheiten ein Bild der Toten in mir zusammen,
jenes Bild, das mich ueberall begleitet. Spaeter ist es mir klar
geworden, dass in dem Gesicht des Fraeuleins Brahe wirklich alle
Einzelheiten vorhanden waren, die die Zuege meiner Mutter bestimmten,
--sie waren nur, als ob ein fremdes Gesicht sich dazwischen geschoben
haette, auseinandergedraengt, verbogen und nicht mehr in Verbindung
miteinander.
Neben dieser Dame sass der kleine Sohn einer Cousine, ein Knabe, etwa
gleichaltrig mit mir, aber kleiner und schwaechlicher. Aus einer
gefaeltelten Krause stieg sein duenner, blasser Hals und verschwand
unter einem langen Kinn. Seine Lippen waren schmal und fest
geschlossen, seine Nasenfluegel zitterten leise, und von seinen schoenen
dunkelbraunen Augen war nur das eine beweglich. Es blickte manchmal
ruhig und traurig zu mir herueber, waehrend das andere immer in dieselbe
Ecke gerichtet blieb, als waere es verkauft und kaeme nicht mehr in
Betracht.
Am oberen Ende der Tafel stand der ungeheure Lehnsessel meines
Grossvaters, den ein Diener, der nichts anderes zu tun hatte, ihm
unterschob und in dem der Greis nur einen geringen Raum einnahm. Es
gab Leute, die diesen schwerhoerigen und herrischen alten Herrn
Exzellenz und Hofmarschall nannten, andere gaben ihm den Titel General.
Und er besass gewiss auch alle diese Wuerden, aber es war so lange her,
seit er AEmter bekleidet hatte, dass diese Benennungen kaum mehr
verstaendlich waren. Mir schien es ueberhaupt, als ob an seiner in
gewissen Momenten so scharfen und doch immer wieder aufgeloesten
Persoenlichkeit kein bestimmter Name haften koenne. Ich konnte mich nie
entschliessen, ihn Grossvater zu nennen, obwohl er bisweilen freundlich
zu mir war, ja mich sogar zu sich rief, wobei er meinem Namen eine
scherzhafte Betonung zu geben versuchte. UEbrigens zeigte die ganze
Familie ein aus Ehrfurcht und Scheu gemischtes Benehmen dem Grafen
gegenueber, nur der kleine Erik lebte in einer gewissen Vertraulichkeit
mit dem greisen Hausherrn; sein bewegliches Auge hatte zuzeiten rasche
Blicke des Einverstaendnisses mit ihm, die ebensorasch von dem
Grossvater erwidert wurden; auch konnte man sie zuweilen in den langen
Nachmittagen am Ende der tiefen Galerie auftauchen sehen und
beobachten, wie sie, Hand in Hand, die dunklen alten Bildnisse entlang
gingen, ohne zu sprechen, offenbar auf eine andere Weise sich
verstaendigend.
Ich befand mich fast den ganzen Tag im Parke und draussen in den
Buchenwaeldern oder auf der Heide; und es gab zum Glueck Hunde auf
Urnekloster, die mich begleiteten; es gab da und dort ein Paechterhaus
oder einen Meierhof, wo ich Milch und Brot und Fruechte bekommen konnte,
und ich glaube, dass ich meine Freiheit ziemlich sorglos genoss, ohne
mich, wenigstens in den folgenden Wochen, von dem Gedanken an die
abendlichen Zusammenkuenfte aengstigen zu lassen. Ich sprach fast mit
niemandem, denn es war meine Freude, einsam zu sein; nur mit den
Hunden hatte ich kurze Gespraeche dann und wann: mit ihnen verstand ich
mich ausgezeichnet. Schweigsamkeit war uebrigens eine Art
Familieneigenschaft; ich kannte sie von meinem Vater her, und es
wunderte mich nicht, dass waehrend der Abendtafel fast nichts gesprochen
wurde.
In den ersten Tagen nach unserer Ankunft allerdings benahm sich
Mathilde Brahe aeusserst gespraechig. Sie fragte den Vater nach frueheren
Bekannten in auslaendischen Staedten, sie erinnerte sich entlegener
Eindruecke, sie ruehrte sich selbst bis zu Traenen, indem sie
verstorbener Freundinnen und eines gewissen jungen Mannes gedachte,
von dem sie andeutete, dass er sie geliebt habe, ohne dass sie seine
instaendige und hoffnungslose Neigung haette erwidern moegen. Mein Vater
hoerte hoeflich zu, neigte dann und wann zustimmend sein Haupt und
antwortete nur das Noetigste. Der Graf, oben am Tisch, laechelte
bestaendig mit herabgezogenen Lippen, sein Gesicht erschien groesser als
sonst, es war, als truege er eine Maske. Er ergriff uebrigens selbst
manchmal das Wort, wobei seine Stimme sich auf niemanden bezog, aber,
obwohl sie sehr leise war, doch im ganzen Saal gehoert werden konnte;
sie hatte etwas von dem gleichmaessigen unbeteiligten Gang einer Uhr;
die Stille um sie schien eine eigene leere Resonanz zu haben, fuer jede
Silbe die gleiche.
Graf Brahe hielt es fuer eine besondere Artigkeit meinem Vater
gegenueber, von dessen verstorbener Gemahlin, meiner Mutter, zu
sprechen. Er nannte sie Graefin Sibylle, und alle seine Saetze
schlossen, als fragte er nach ihr. Ja es kam mir, ich weiss nicht
weshalb, vor, als handle es sich um ein ganz junges Maedchen in Weiss,
das jeden Augenblick bei uns eintreten koenne. In demselben Tone hoerte
ich ihn auch von 'unserer kleinen Anna Sophie' reden. Und als ich
eines Tages nach diesem Fraeulein fragte, das dem Grossvater besonders
lieb zu sein schien, erfuhr ich, dass er des Grosskanzlers Conrad
Reventlow Tochter meinte, weiland Friedrichs des Vierten Gemahlin zur
linken Hand, die seit nahezu anderthalb hundert Jahren zu Roskilde
ruhte. Die Zeitfolgen spielten durchaus keine Rolle fuer ihn, der Tod
war ein kleiner Zwischenfall, den er vollkommen ignorierte, Personen,
die er einmal in seine Erinnerung aufgenommen hatte, existierten, und
daran konnte ihr Absterben nicht das geringste aendern. Mehrere Jahre
spaeter, nach dem Tode des alten Herrn, erzaehlte man sich, wie er auch
das Zukuenftige mit demselben Eigensinn als gegenwaertig empfand. Er
soll einmal einer gewissen jungen Frau von ihren Soehnen gesprochen
haben, von den Reisen eines dieser Soehne insbesondere, waehrend die
junge Dame, eben im dritten Monate ihrer ersten Schwangerschaft, fast
besinnungslos vor Entsetzen und Furcht neben dem unablaessig redenden
Alten sass.
Aber es begann damit, dass ich lachte. Ja ich lachte laut und ich
konnte mich nicht beruhigen. Eines Abends fehlte naemlich Mathilde
Brahe. Der alte, fast ganz erblindete Bediente hielt, als er zu ihrem
Platze kam, dennoch die Schuessel anbietend hin. Eine Weile verharrte
er so; dann ging er befriedigt und wuerdig und als ob alles in Ordnung
waere weiter. Ich hatte diese Szene beobachtet, und sie kam mir, im
Augenblick da ich sie sah, durchaus nicht komisch vor. Aber eine
Weile spaeter, als ich eben einen Bissen in den Mund steckte, stieg mir
das Gelaechter mit solcher Schnelligkeit in den Kopf, dass ich mich
verschluckte und grossen Laerm verursachte. Und trotzdem diese
Situation mir selber laestig war, trotzdem ich mich auf alle moegliche
Weise anstrengte, ernst zu sein, kam das Lachen stossweise immer wieder
und behielt voellig die Herrschaft ueber mich.
Mein Vater, gleichsam um mein Benehmen zu verdecken, fragte mit seiner
breiten gedaempften Stimme: "Ist Mathilde krank?" Der Grossvater
laechelte in seiner Art und antwortete dann mit einem Satze, auf den
ich, mit mir selber beschaeftigt, nicht achtgab und der etwa lautete:
Nein, sie wuenscht nur, Christinen nicht zu begegnen. Ich sah es also
auch nicht als Wirkung dieser Worte an, dass mein Nachbar, der braune
Major, sich erhob und, mit einer undeutlich gemurmelten Entschuldigung
und einer Verbeugung gegen den Grafen hin, den Saal verliess. Es fiel
mir nur auf, dass er sich hinter dem Ruecken des Hausherrn in der Tuer
nochmals umdrehte und dem kleinen Erik und zu meinem groessten Erstaunen
ploetzlich auch mir winkende und nickende Zeichen machte, als forderte
er uns auf, ihm zu folgen. Ich war so ueberrascht, dass mein Lachen
aufhoerte, mich zu bedraengen. Im uebrigen schenkte ich dem Major weiter
keine Aufmerksamkeit; er war mir unangenehm, und ich bemerkte auch,
dass der kleine Erik ihn nicht beachtete.
Die Mahlzeit schleppte sich weiter wie immer, und man war gerade beim
Nachtisch angelangt, als meine Blicke von einer Bewegung ergriffen und
mitgenommen wurden, die im Hintergrund des Saales, im Halbdunkel, vor
sich ging. Dort war nach und nach eine, wie ich meinte, stets
verschlossene Tuere, von welcher man mir gesagt hatte, dass sie in das
Zwischengeschoss fuehre, aufgegangen, und jetzt, waehrend ich mit einem
mir ganz neuen Gefuehl von Neugier und Bestuerzung hinsah, trat in das
Dunkel der Tueroeffnung eine schlanke, hellgekleidete Dame und kam
langsam auf uns zu. Ich weiss nicht, ob ich eine Bewegung machte oder
einen Laut von mir gab, der Laerm eines umstuerzenden Stuhles zwang mich,
meine Blicke von der merkwuerdigen Gestalt abzureissen, und ich sah
meinen Vater, der aufgesprungen war und nun, totenbleich im Gesicht,
mit herabhaengenden geballten Haenden, auf die Dame zuging. Sie bewegte
sich indessen, von dieser Szene ganz unberuehrt, auf uns zu, Schritt
fuer Schritt, und sie war schon nicht mehr weit von dem Platze des
Grafen, als dieser sich mit einem Ruck erhob, meinen Vater beim Arme
fasste, ihn an den Tisch zurueckzog und festhielt, waehrend die fremde
Dame, langsam und teilnahmlos, durch den nun freigewordenen Raum
vorueberging, Schritt fuer Schritt, durch unbeschreibliche Stille, in
der nur irgendwo ein Glas zitternd klirrte, und in einer Tuer der
gegenueberliegenden Wand des Saales verschwand.
In diesem Augenblick bemerkte ich, dass es der kleine Erik war, der mit
einer tiefen Verbeugung diese Tuere hinter der Fremden schloss.
Ich war der einzige, der am Tische sitzengeblieben war; ich hatte mich
so schwer gemacht in meinem Sessel, mir schien, ich koennte allein nie
wieder auf. Eine Weile sah ich, ohne zu sehen. Dann fiel mir mein
Vater ein, und ich gewahrte, dass der Alte ihn noch immer am Arme
festhielt. Das Gesicht meines Vaters war jetzt zornig, voller Blut,
aber der Grossvater, dessen Finger wie eine weisse Kralle meines Vaters
Arm umklammerten, laechelte sein maskenhaftes Laecheln. Ich hoerte dann,
wie er etwas sagte, Silbe fuer Silbe, ohne dass ich den Sinn seiner
Worte verstehen konnte. Dennoch fielen sie mir tief ins Gehoer, denn
vor etwa zwei Jahren fand ich sie eines Tages unten in meiner
Erinnerung, und seither weiss ich sie. Er sagte: "Du bist heftig,
Kammerherr, und unhoeflich. Was laesst du die Leute nicht an ihre
Beschaeftigungen gehn?" "Wer ist das?" schrie mein Vater dazwischen.
"Jemand, der wohl das Recht hat, hier zu sein. Keine Fremde.
Christine Brahe."--Da entstand wieder jene merkwuerdig duenne Stille,
und wieder fing das Glas an zu zittern. Dann aber riss sich mein Vater
mit einer Bewegung los und stuerzte aus dem Saale.
Ich hoerte ihn die ganze Nacht in seinem Zimmer auf und ab gehen; denn
auch ich konnte nicht schlafen. Aber ploetzlich gegen Morgen erwachte
ich doch aus irgend etwas Schlafaehnlichem und sah mit einem Entsetzen,
dass mich bis ins Herz hinein laehmte, etwas Weisses, das an meinem Bette
sass. Meine Verzweiflung gab mir schliesslich die Kraft, den Kopf unter
die Decke zu stecken, und dort begann ich aus Angst und Huelflosigkeit
zu weinen. Ploetzlich wurde es kuehl und hell ueber meinen weinenden
Augen; ich drueckte sie, um nichts sehen zu muessen, ueber den Traenen zu.
Aber die Stimme, die nun von ganz nahe auf mich einsprach, kam lau
und suesslich an mein Gesicht, und ich erkannte sie: es war Fraeulein
Mathildes Stimme. Ich beruhigte mich sofort und liess mich trotzdem,
auch als ich schon ganz ruhig war, immer noch weiter troesten; ich
fuehlte zwar, dass diese Guete zu weichlich sei, aber ich genoss sie
dennoch und meinte sie irgendwie verdient zu haben. "Tante", sagte
ich schliesslich und versuchte in ihrem zerflossenen Gesicht die Zuege
meiner Mutter zusammenzufassen: "Tante, wer war die Dame?"
"Ach", antwortete das Fraeulein Brahe mit einem Seufzer, der mir
komisch vorkam, "eine Unglueckliche, mein Kind, eine Unglueckliche."
Am Morgen dieses Tages bemerkte ich in einem Zimmer einige Bediente,
die mit Packen beschaeftigt waren. Ich dachte, dass wir reisen wuerden,
ich fand es ganz natuerlich, dass wir nun reisten. Vielleicht war das
auch meines Vaters Absicht. Ich habe nie erfahren, was ihn bewog,
nach jenem Abend noch auf Urnekloster zu bleiben. Aber wir reisten
nicht. Wir hielten uns noch acht Wochen oder neun in diesem Hause auf,
wir ertrugen den Druck seiner Seltsamkeiten, und wir sahen noch
dreimal Christine Brahe.
Ich wusste damals nichts von ihrer Geschichte. Ich wusste nicht, dass
sie vor langer, langer Zeit in ihrem zweiten Kindbett gestorben war,
einen Knaben gebaehrend, der zu einem bangen und grausamen Schicksal
heranwuchs,--ich wusste nicht, dass sie eine Gestorbene war. Aber mein
Vater wusste es. Hatte er, der leidenschaftlich war und auf Konsequenz
und Klarheit angelegt, sich zwingen wollen, in Fassung und ohne zu
fragen, dieses Abenteuer auszuhalten? Ich sah, ohne zu begreifen, wie
er mit sich kaempfte, ich erlebte es, ohne zu verstehen, wie er sich
endlich bezwang.
Das war, als wir Christine Brahe zum letztenmal sahen. Dieses Mal war
auch Fraeulein Mathilde zu Tische erschienen; aber sie war anders als
sonst. Wie in den ersten Tagen nach unserer Ankunft sprach sie
unaufhoerlich ohne bestimmten Zusammenhang und fortwaehrend sich
verwirrend, und dabei war eine koerperliche Unruhe in ihr, die sie
noetigte, sich bestaendig etwas am Haar oder am Kleide zu richten,--bis
sie unvermutet mit einem hohen klagenden Schrei aufsprang und
verschwand.
In demselben Augenblick wandten sich meine Blicke unwillkuerlich nach
der gewissen Tuere, und wirklich: Christine Brahe trat ein. Mein
Nachbar, der Major, machte eine heftige, kurze Bewegung, die sich in
meinen Koerper fortpflanzte, aber er hatte offenbar keine Kraft mehr,
sich zu erheben. Sein braunes, altes, fleckiges Gesicht wendete sich
von einem zum andern, sein Mund stand offen, und die Zunge wand sich
hinter den verdorbenen Zaehnen; dann auf einmal war dieses Gesicht fort,
und sein grauer Kopf lag auf dem Tische, und seine Arme lagen wie in
Stuecken darueber und darunter, und irgendwo kam eine welke, fleckige
Hand hervor und bebte.
Und nun ging Christine Brahe vorbei, Schritt fuer Schritt, langsam wie
eine Kranke, durch unbeschreibliche Stille, in die nur ein einziger
wimmernder Laut hineinklang wie eines alten Hundes. Aber da schob
sich links von dem grossen silbernen Schwan, der mit Narzissen gefuellt
war, die grosse Maske des Alten hervor mit ihrem grauen Laecheln. Er
hob sein Weinglas meinem Vater zu. Und nun sah ich, wie mein Vater,
gerade als Christine Brahe hinter seinem Sessel vorueberkam, nach
seinem Glase griff und es wie etwas sehr Schweres eine Handbreit ueber
den Tisch hob. Und noch in dieser Nacht reisten wir.
Pages:
1 | 2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15