Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge
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Rainer Maria Rilke >> Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge
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Ich glaube, dass er es genommen hat; was konnte ich dafuer, dass es nicht
mehr war.
Auf der Place St-Michel waren viele Fahrzeuge und hin und her eilende
Leute, wir waren oft zwischen zwei Wagen und dann holte er Atem und
liess sich ein wenig gehen, wie um auszuruhen, und ein wenig huepfte es
und nickte ein wenig. Vielleicht war das die List, mit der die
gefangene Krankheit ihn ueberwinden wollte. Der Wille war an zwei
Stellen durchbrochen, und das Nachgeben hatte in den besessenen
Muskeln einen leisen, lockenden Reiz zurueckgelassen und den zwingenden
Zweitakt. Aber der Stock war noch an seinem Platz, und die Haende
sahen boese und zornig aus; so betraten wir die Bruecke, und es ging.
Es ging. Nun kam etwas Unsicheres in den Gang, nun lief er zwei
Schritte, und nun stand er. Stand. Die linke Hand loeste sich leise
vom Stock ab und hob sich so langsam empor, dass ich sie vor der Luft
zittern sah; er schob den Hut ein wenig zurueck und strich sich ueber
die Stirn. Er wandte ein wenig den Kopf, und sein Blick schwankte
ueber Himmel, Haeuser und Wasser hin, ohne zu fassen, und dann gab er
nach. Der Stock war fort, er spannte die Arme aus, als ob er
auffliegen wollte, und es brach aus ihm aus wie eine Naturkraft und
bog ihn vor und riss ihn zurueck und liess ihn nicken und neigen und
schleuderte Tanzkraft aus ihm heraus unter die Menge. Denn schon
waren viele Leute um ihn, und ich sah ihn nicht mehr.
Was haette es fuer einen Sinn gehabt, noch irgendwohin zu gehen, ich war
leer. Wie ein leeres Papier trieb ich an den Haeusern entlang, den
Boulevard wieder hinauf.
Ein Briefentwurf.
Ich versuche es, Dir zu schreiben, obwohl es eigentlich nichts giebt
nach einem notwendigen Abschied. Ich versuche es dennoch, ich glaube,
ich muss es tun, weil ich die Heilige gesehen habe im Pantheon, die
einsame, heilige Frau und das Dach und die Tuer und drin die Lampe mit
dem bescheidnen Lichtkreis und drueben die schlafende Stadt und den
Fluss und die Ferne im Mondschein. Die Heilige wacht ueber der
schlafenden Stadt. Ich habe geweint. Ich habe geweint, weil das
alles auf einmal so unerwartet da war. Ich habe davor geweint, ich
wusste mir nicht zu helfen.
Ich bin in Paris, die es hoeren freuen sich, die meisten beneiden mich.
Sie haben recht. Es ist eine grosse Stadt, gross, voll merkwuerdiger
Versuchungen. Was mich betrifft, ich muss zugeben, dass ich ihnen in
gewisser Beziehung erlegen bin. Ich glaube, es laesst sich nicht anders
sagen. Ich bin diesen Versuchungen erlegen, und das hat gewisse
Veraenderungen zur Folge gehabt, wenn nicht in meinem Charakter, so
doch in meiner Weltanschauung, jedenfalls in meinem Leben. Eine
vollkommen andere Auffassung aller Dinge hat sich unter diesen
Einfluessen in mir herausgebildet, und es sind gewisse Unterschiede da,
die mich von den Menschen mehr als alles Bisherige abtrennen. Eine
veraenderte Welt. Ein neues Leben voll neuer Bedeutungen. Ich habe es
augenblicklich etwas schwer, weil alles zu neu ist. Ich bin ein
Anfaenger in meinen eigenen Verhaeltnissen.
Ob es nicht moeglich waere, einmal das Meer zu sehen?
Ja, aber denke nur, ich bildete mir ein, Du koenntest kommen. Haettest
Du mir vielleicht sagen koennen, ob es einen Arzt giebt? Ich habe
vergessen, mich danach zu erkundigen. UEbrigens brauche ich es jetzt
nicht mehr.
Erinnerst Du Dich an Baudelaires unglaubliches Gedicht 'Une Charogne'?
Es kann sein, dass ich es jetzt verstehe. Abgesehen von der letzten
Strophe war er im Recht. Was sollte er tun, da ihm das widerfuhr? Es
war seine Aufgabe, in diesem Schrecklichen, scheinbar nur
Widerwaertigen das Seiende zu sehen, das unter allem Seienden gilt.
Auswahl und Ablehnung giebt es nicht. Haeltst Du es fuer einen Zufall,
dass Flaubert seinen Saint-Julien-l'Hospitalier geschrieben hat? Es
kommt mir vor, als waere das das Entscheidende: ob einer es ueber sich
bringt, sich zu dem Aussaetzigen zu legen und ihn zu erwaermen mit der
Herzwaerme der Liebesnaechte, das kann nicht anders als gut ausgehen.
Glaube nur nicht, dass ich hier an Enttaeuschungen leide, im Gegenteil.
Es wundert mich manchmal, wie bereit ich alles Erwartete aufgebe fuer
das Wirkliche, selbst wenn es arg ist.
Mein Gott, wenn etwas davon sich teilen liesse. Aber waere es dann,
waere es dann? Nein, es ist nur um den Preis des Alleinseins.
Die Existenz des Entsetzlichen in jedem Bestandteil der Luft. Du
atmest es ein mit Durchsichtigem; in dir aber schlaegt es sich nieder,
wird hart, nimmt spitze, geometrische Formen an zwischen den Organen;
denn alles, was sich an Qual und Grauen begeben hat auf den Richt
plaetzen, in den Folterstuben, den Tollhaeusern, den Operationssaelen,
unter den Brueckenboegen im Nachherbst: alles das ist von einer zaehen
Unvergaenglichkeit, alles das besteht auf sich und haengt, eifersuechtig
auf alles Seiende, an seiner schrecklichen Wirklichkeit. Die Menschen
moechten vieles davon vergessen duerfen; ihr Schlaf feilt sanft ueber
solche Furchen im Gehirn, aber Traeume draengen ihn ab und ziehen die
Zeichnungen nach. Und sie wachen auf und keuchen und lassen einer
Kerze Schein sich aufloesen in der Finsternis und trinken, wie
gezuckertes Wasser, die halbhelle Beruhigung. Aber, ach, auf welcher
Kante haelt sich diese Sicherheit. Nur eine geringste Wendung, und
schon wieder steht der Blick ueber Bekanntes und Freundliches hinaus,
und der eben noch so troestliche Kontur wird deutlicher als ein Rand
von Grauen. Huete dich vor dem Licht, das den Raum hohler macht; sieh
dich nicht um, ob nicht vielleicht ein Schatten hinter deinem
Aufsitzen aufsteht wie dein Herr. Besser vielleicht, du waerest in der
Dunkelheit geblieben und dein unabgegrenztes Herz haette versucht, all
des Ununterscheidbaren schweres Herz zu sein. Nun hast du dich
zusammengenommen in dich, siehst dich vor dir aufhoeren in deinen
Haenden, ziehst von Zeit zu Zeit mit einer ungenauen Bewegung dein
Gesicht nach. Und in dir ist beinah kein Raum; und fast stillt es
dich, dass in dieser Engheit in dir unmoeglich sehr Grosses sich
aufhalten kann; dass auch das Unerhoerte binnen werden muss und sich
beschraenken den Verhaeltnissen nach. Aber draussen, draussen ist es ohne
Absehen; und wenn es da draussen steigt, so fuellt es sich auch in dir,
nicht in den Gefaessen, die teilweise in deiner Macht sind, oder im
Phlegma deiner gleichmuetigen Organe: im Kapillaren nimmt es zu, roehrig
aufwaerts gesaugt in die aeussersten Veraestelungen deines
zahlloszweigigen Daseins. Dort hebt es sich, dort uebersteigt es dich,
kommt hoeher als dein Atem, auf den du dich hinauffluechtest wie auf
deine letzte Stelle. Ach, und wohin dann, wohin dann? Dein Herz
treibt dich aus dir hinaus, dein Herz ist hinter dir her, und du
stehst fast schon ausser dir und kannst nicht mehr zurueck. Wie ein
Kaefer, auf den man tritt, so quillst du aus dir hinaus, und dein
bisschen obere Haerte und Anpassung ist ohne Sinn.
O Nacht ohne Gegenstaende. O stumpfes Fenster hinaus, O sorgsam
verschlossene Tueren; Einrichtungen von alters her, uebernommen,
beglaubigt, nie ganz verstanden. O Stille im Stiegenhaus. Stille aus
den Nebenzimmern, Stille hoch oben an der Decke. O Mutter: o du
Einzige, die alle diese Stille verstellt hat, einst in der Kindheit.
Die sie auf sich nimmt, sagt: erschrick nicht, ich bin es. Die den
Mut hat, ganz in der Nacht diese Stille zu sein fuer das, was sich
fuerchtet, was verkommt vor Furcht. Du zuendest ein Licht an, und schon
das Geraeusch bist du. Und du haelst es vor dich und sagst: ich bin es,
erschrick nicht. Und du stellst es hin, langsam, und es ist kein
Zweifel: du bist es, du bist das Licht um die gewohnten herzlichen
Dinge, die ohne Hintersinn da sind, gut, einfaeltig, eindeutig. Und
wenn es unruhigt in der Wand irgendwo, oder einen Schritt macht in den
Dielen: so laechelst du nur, laechelst, laechelst durchsichtig auf hellem
Grund in das bangsame Gesicht, das an dir forscht, als waerst du eins
und unterm Geheimnis mit jedem Halblaut, abgeredet mit ihm und
einverstanden. Gleicht eine Macht deiner Macht in der irdischen
Herrschaft? Sieh, Koenige liegen und starren, und der
Geschichtenerzaehler kann sie nicht ablenken. An den seligen Bruesten
ihrer Lieblingin ueberkriecht sie das Grauen und macht sie schlottrig
und lustlos. Du aber kommst und haeltst das Ungeheuere hinter dir und
bist ganz und gar vor ihm; nicht wie ein Vorhang, den es da oder da
aufschlagen kann. Nein, als haettest du es ueberholt auf den Ruf hin,
der dich bedurfte. Als waerest du weit allem zuvorgekommen, was kommen
kann, und haettest im Ruecken nur dein Hereilen, deinen ewigen Weg, den
Flug deiner Liebe.
Der Mouleur, an dem ich jeden Tag vorueberkomme, hat zwei Masken neben
seiner Tuer ausgehaengt. Das Gesicht der jungen Ertraenkten, das man in
der Morgue abnahm, weil es schoen war, weil es laechelte, weil es so
taeuschend laechelte, als wuesste es. Und darunter sein wissendes Gesicht.
Diesen harten Knoten aus fest zusammengezogenen Sinnen. Diese
unerbittliche Selbstverdichtung fortwaehrend ausdampfen wollender Musik.
Das Antlitz dessen, dem ein Gott das Gehoer verschlossen hat, damit
es keine Klaenge gaebe, ausser seinen. Damit er nicht beirrt wuerde durch
das Truebe und Hinfaellige der Geraeusche. Er, in dem ihre Klarheit und
Dauer war; damit nur die tonlosen Sinne ihm Welt eintruegen, lautlos,
eine gespannte, wartende Welt, unfertig, vor der Erschaffung des
Klanges.
Weltvollendender: wie, was als Regen faellt ueber die Erde und an die
Gewaesser, nachlaessig niederfaellt, zufaellig fallend,--unsichtbarer und
froh von Gesetz wieder aufstehend aus allem und steigt und schwebt und
die Himmel bildet: so erhob sich aus dir der Aufstieg unserer
Niederschlaege und umwoelbte die Welt mit Musik.
Deine Musik: dass sie haette um die Welt sein duerfen; nicht um uns. Dass
man dir ein Hammerklavier erbaut haette in der Thebais; und ein Engel
haette dich hingefuehrt vor das einsame Instrument, durch die Reihen der
Wuestengebirge, in denen Koenige ruhen und Hetaeren und Anachoreten. Und
er haette sich hoch geworfen und fort, aengstlich, dass du begaennest.
Und dann haettest du ausgestroemt, Stroemender, ungehoert; an das All
zurueckgebend, was nur das All ertraegt. Die Beduinen waeren in der
Ferne vorbeigejagt, aberglaeubisch; die Kaufleute aber haetten sich
hingeworfen am Rande deiner Musik, als waerst du der Sturm. Einzelne
Loewen nur haetten dich weit bei Nacht umkreist, erschrocken vor sich
selbst, von ihrem bewegten Blute bedroht.
Denn wer holt dich jetzt aus den Ohren zurueck, die luestern sind? Wer
treibt sie aus den Musiksaelen, die Kaeuflichen mit dem unfruchtbaren
Gehoer, das hurt und niemals empfaengt? Da strahlt Samen aus, und sie
halten sich unter wie Dirnen und spielen damit, oder er faellt, waehrend
sie daliegen in ihren ungetanen Befriedigungen, wie Samen Onans
zwischen sie alle.
Wo aber, Herr, ein Jungfraeulicher unbeschlafenen Ohrs laege bei deinem
Klang: er stuerbe an Seligkeit oder er truege Unendliches aus und sein
befruchtetes Hirn muesste bersten an lauter Geburt.
Ich unterschaetze es nicht. Ich weiss, es gehoert Mut dazu. Aber nehmen
wir fuer einen Augenblick an, es haette ihn einer, diesen Courage de
luxe, ihnen nachzugehen, um dann fuer immer (denn wer koennte das wieder
vergessen oder verwechseln?) zu wissen, wo sie hernach hineinkriechen
und was sie den vielen uebrigen Tag beginnen und ob sie schlafen bei
Nacht. Dies ganz besonders waere festzustellen: ob sie schlafen. Aber
mit dem Mut ist es noch nicht getan. Denn sie kommen und gehen nicht
wie die uebrigen Leute, denen zu folgen eine Kleinigkeit waere. Sie
sind da und wieder fort, hingestellt und weggenommen wie Bleisoldaten.
Es sind ein wenig abgelegene Stellen, wo man sie findet, aber
durchaus nicht versteckte. Die Buesche treten zurueck, der Weg wendet
sich ein wenig um den Rasenplatz herum: da stehen sie und haben eine
Menge durchsichtigen Raumes um sich, als ob sie unter einem Glassturz
stuenden. Du koenntest sie fuer nachdenkliche Spaziergaenger halten,
diese unscheinbaren Maenner von kleiner, in jeder Beziehung
bescheidener Gestalt. Aber du irrst. Siehst du die linke Hand, wie
sie nach etwas greift in der schiefen Tasche des alten UEberziehers;
wie sie es findet und herausholt und den kleinen Gegenstand linkisch
und auffaellig in die Luft haelt? Es dauert keine Minute, so sind zwei,
drei Voegel da, Spatzen, die neugierig heranhuepfen. Und wenn es dem
Manne gelingt, ihrer sehr genauen Auffassung von Unbeweglichkeit zu
entsprechen, so ist kein Grund, warum sie nicht noch naeher kommen
sollen. Und schliesslich steigt der erste und schwirrt eine Weile
nervoes in der Hoehe jener Hand, die (weiss Gott) ein kleines Stueck
abgenutzten suessen Brotes mit anspruchslosen, ausdruecklich
verzichtenden Fingern hinbietet. Und je mehr Menschen sich um ihn
sammeln, in entsprechendem Abstand natuerlich, desto weniger hat er mit
ihnen gemein. Wie ein Leuchter steht er da, der ausbrennt, und
leuchtet mit dem Rest von Docht und ist ganz warm davon und hat sich
nie geruehrt. Und wie er lockt, wie er anlockt, das koennen die vielen,
kleinen, dummen Voegel gar nicht beurteilen. Wenn die Zuschauer nicht
waeren und man liesse ihn lange genug dastehen, ich bin sicher, dass auf
einmal ein Engel kaeme und ueberwaende sich und aesse den alten, suesslichen
Bissen aus der verkuemmerten Hand. Dem sind nun, wie immer, die Leute
im Wege. Sie sorgen dafuer, dass nur Voegel kommen; sie finden das
reichlich, und sie behaupten, er erwarte sich nichts anderes. Was
sollte sie auch erwarten, diese alte, verregnete Puppe, die ein wenig
schraeg in der Erde steckt wie die Schiffsfiguren in den kleinen Gaerten
zuhause; kommt auch bei ihr diese Haltung davon her, dass sie einmal
irgendwo vorne gestanden hat auf ihrem Leben, wo die Bewegung am
groessten ist? Ist sie nun so verwaschen, weil sie einmal bunt war?
Willst du sie fragen?
Nur die Frauen frag nichts, wenn du eine fuettern siehst. Denen koennte
man sogar folgen; sie tun es so im Vorbeigehen; es waere ein Leichtes.
Aber lass sie. Sie wissen nicht, wie es kam. Sie haben auf einmal
eine Menge Brot in ihrem Handsack, und sie halten grosse Stuecke hinaus
aus ihrer duennen Mantille, Stuecke, die ein bisschen gekaut sind und
feucht. Das tut ihnen wohl, dass ihr Speichel ein wenig in die Welt
kommt, dass die kleinen Voegel mit diesem Beigeschmack herumfliegen,
wenn sie ihn natuerlich auch gleich wieder vergessen.
Da sass ich an deinen Buechern, Eigensinniger, und versuchte sie zu
meinen wie die andern, die dich nicht beisammen lassen und sich ihren
Anteil genommen haben, befriedigt. Denn da begriff ich noch nicht den
Ruhm, diesen oeffentlichen Abbruch eines Werdenden, in dessen Bauplatz
die Menge einbricht, ihm die Steine verschiebend.
Junger Mensch irgendwo, in dem etwas aufsteigt, was ihn erschauern
macht, nuetz es, dass dich keiner kennt. Und wenn sie dir widersprechen,
die dich fuer nichts nehmen, und wenn sie dich ganz aufgeben, die, mit
denen du umgehst, und wenn sie dich ausrotten wollen, um deiner lieben
Gedanken willen, was ist diese deutliche Gefahr, die dich zusammenhaelt
in dir, gegen die listige Feindschaft spaeter des Ruhms, die dich
unschaedlich macht, indem sie dich ausstreut.
Bitte keinen, dass er von dir spraeche, nicht einmal veraechtlich. Und
wenn die Zeit geht und du merkst, wie dein Name herumkommt unter den
Leuten, nimm ihn nicht ernster als alles, was du in ihrem Munde
findest. Denk: er ist schlecht geworden, und tu ihn ab. Nimm einen
andern an, irgendeinen, damit Gott dich rufen kann in der Nacht. Und
verbirg ihn vor allen.
Du Einsamster, Abseitiger, wie haben sie dich eingeholt auf deinem
Ruhm. Wie lang ist es her, da waren sie wider dich von Grund aus, und
jetzt gehen sie mit dir um, wie mit ihresgleichen. Und deine Worte
fuehren sie mit sich in den Kaefigen ihres Duenkels und zeigen sie auf
den Plaetzen und reizen sie ein wenig von ihrer Sicherheit aus. Alle
deine schrecklichen Raubtiere.
Da las ich dich erst, da sie mir ausbrachen und mich anfielen in
meiner Wueste, die Verzweifelten. Verzweifelt, wie du selber warst am
Schluss, du, dessen Bahn falsch eingezeichnet steht in allen Karten.
Wie ein Sprung geht sie durch die Himmel, diese hoffnungslose Hyperbel
deines Weges, die sich nur einmal heranbiegt an uns und sich entfernt
voll Entsetzen. Was lag dir daran, ob eine Frau bleibt oder fortgeht
und ob einen der Schwindel ergreift und einen der Wahnsinn und ob Tote
lebendig sind und Lebendige scheintot: was lag dir daran? Dies alles
war so natuerlich fuer dich; da gingst du durch, wie man durch einen
Vorraum geht, und hieltst dich nicht auf. Aber dort weiltest du und
warst gebueckt, wo unser Geschehen kocht und sich niederschlaegt und die
Farbe veraendert, innen. Innerer als dort, wo je einer war; eine Tuer
war dir aufgesprungen, und nun warst du bei den Kolben im Feuerschein.
Dort, wohin du nie einen mitnahmst, Misstrauischer, dort sassest du und
unterschiedest UEbergaenge. Und dort, weil das Aufzeigen dir im Blute
war und nicht das Bilden oder das Sagen, dort fasstest du den
ungeheuren Entschluss, dieses Winzige, das du selber zuerst nur durch
Glaeser gewahrtest, ganz allein gleich so zu vergroessern, dass es vor
Tausenden sei, riesig, vor allen. Dein Theater entstand. Du konntest
nicht warten, dass dieses fast raumlose von den Jahrhunderten zu
Tropfen zusammengepresste Leben von den anderen Kuensten gefunden und
allmaehlich versichtbart werde fuer einzelne, die sich nach und nach
zusammenfinden zur Einsicht und die endlich verlangen, gemeinsam die
erlauchten Geruechte bestaetigt zu sehen im Gleichnis der vor ihnen
aufgeschlagenen Szene. Dies konntest du nicht abwarten, du warst da,
du musstest das kaum Messbare: ein Gefuehl, das um einen halben Grad
stieg, den Ausschlagswinkel eines von fast nichts beschwerten Willens,
den du ablasest von ganz nah, die leichte Truebung in einem Tropfen
Sehnsucht und dieses Nichts von Farbenwechsel in einem Atom von
Zutrauen: dieses musstest du feststellen und aufbehalten; denn in
solchen Vorgaengen war jetzt das Leben, unser Leben, das in uns
hineingeglitten war, das sich nach innen zurueckgezogen hatte, so tief,
dass es kaum noch Vermutungen darueber gab.
So wie du warst, auf das Zeigen angelegt, ein zeitlos tragischer
Dichter, musstest du dieses Kapillare mit einem Schlag umsetzen in die
ueberzeugendsten Gebaerden, in die vorhandensten Dinge. Da gingst du an
die beispiellose Gewalttat deines Werkes, das immer ungeduldiger,
immer verzweifelter unter dem Sichtbaren nach den AEquivalenten suchte
fuer das innen Gesehene. Da war ein Kaninchen, ein Bodenraum, ein Saal,
in dem einer auf und nieder geht: da war ein Glasklirren im
Nebenzimmer, ein Brand vor den Fenstern, da war die Sonne. Da war
eine Kirche und ein Felsental, das einer Kirche glich. Aber das
reichte nicht aus; schliesslich mussten die Tuerme herein und die ganzen
Gebirge; und die Lawinen, die die Landschaften begraben, verschuetteten
die mit Greifbarem ueberladene Buehne um des Unfasslichen willen. Da
konntst du nicht mehr. Die beiden Enden, die du zusammengebogen
hattest, schnellten aus einander; deine wahnsinnige Kraft entsprang
aus dem elastischen Stab, und dein Werk war wie nicht.
Wer begriffe es sonst, dass du zum Schluss nicht vom Fenster
fortwolltest, eigensinnig wie du immer warst. Die Voruebergehenden
wolltest du sehen; denn es war dir der Gedanke gekommen, ob man nicht
eines Tages etwas machen koennte aus ihnen, wenn man sich entschloesse
anzufangen.
Damals zuerst fiel es mir auf, dass man von einer Frau nichts sagen
koenne; ich merkte, wenn sie von ihr erzaehlten, wie sie sie aussparten,
wie sie die anderen nannten und beschrieben, die Umgebungen, die
OErtlichkeiten, die Gegenstaende bis an eine bestimmte Stelle heran, wo
das alles aufhoerte, sanft und gleichsam vorsichtig aufhoerte mit dem
leichten, niemals nachgezogenen Kontur, der sie einschloss. Wie war
sie? fragte ich dann. "Blond, ungefaehr wie du", sagten sie und
zaehlten allerhand auf, was sie sonst noch wussten; aber darueber wurde
sie wieder ganz ungenau, und ich konnte mir nichts mehr vorstellen.
Sehen eigentlich konnte ich sie nur, wenn Maman mir die Geschichte
erzaehlte, die ich immer wieder verlangte--.--Dann pflegte sie
jedesmal, wenn sie zu der Szene mit dem Hunde kam, die Augen zu
schliessen und das ganz verschlossene, aber ueberall durchscheinende
Gesicht irgendwie instaendig zwischen ihre beiden Haende zu halten, die
es kalt an den Schlaefen beruehrten. "Ich hab es gesehen, Malte",
beschwor sie: "Ich hab es gesehen." Das war schon in ihren letzten
Jahren, da ich dies von ihr gehoert habe. In der Zeit, wo sie
niemanden mehr sehen wollte und wo sie immer, auch auf Reisen, das
kleine, dichte, silberne Sieb bei sich hatte, durch das sie alle
Getraenke seihte. Speisen von fester Form nahm sie nie mehr zu sich,
es sei denn etwas Biskuit oder Brot, das sie, wenn sie allein war,
zerbroeckelte und Kruemel fuer Kruemel ass, wie Kinder Kruemel essen. Ihre
Angst vor Nadeln beherrschte sie damals schon voellig. Zu den anderen
sagte sie nur, um sich zu entschuldigen: "Ich vertrage rein nichts
mehr, aber es muss euch nicht stoeren, ich befinde mich ausgezeichnet
dabei." Zu mir aber konnte sie sich ploetzlich hinwenden (denn ich war
schon ein bisschen erwachsen) und mit einem Laecheln, das sie sehr
anstrengte, sagen: "Was es doch fuer viele Nadeln giebt, Malte, und wo
sie ueberall herumliegen, und wenn man bedenkt, wie leicht sie
herausfallen..." Sie hielt darauf, es recht scherzend zu sagen; aber
das Entsetzen schuettelte sie bei dem Gedanken an alle die schlecht
befestigten Nadeln, die jeden Augenblick irgendwo hineinfallen konnten.
Wenn sie aber von Ingeborg erzaehlte, dann konnte ihr nichts geschehen;
dann schonte sie sich nicht; dann sprach sie lauter, dann lachte sie
in der Erinnerung an Ingeborgs Lachen, dann sollte man sehen, wie
schoen Ingeborg gewesen war. "Sie machte uns alle froh", sagte sie,
"deinen Vater auch, Malte, buchstaeblich froh. Aber dann, als es hiess,
dass sie sterben wuerde, obwohl sie doch nur ein wenig krank schien, und
wir gingen alle herum und verbargen es, da setzte sie sich einmal im
Bette auf und sagte so vor sich hin, wie einer, der hoeren will, wie
etwas klingt: 'Ihr muesst euch nicht so zusammennehmen; wir wissen es
alle, und ich kann euch beruhigen, es ist gut so wie es kommt, ich mag
nicht mehr.' Stell dir vor, sie sagte: 'Ich mag nicht mehr'; sie, die
uns alle froh machte. Ob du das einmal verstehen wirst, wenn du gross
bist, Malte? Denk daran spaeter, vielleicht faellt es dir ein. Es waere
ganz gut, wenn es jemanden gaebe, der solche Sachen versteht."
'Solche Sachen' beschaeftigten Maman, wenn sie allein war, und sie war
immer allein diese letzten Jahre.
"Ich werde ja nie darauf kommen, Malte", sagte sie manchmal mit ihrem
eigentuemlich kuehnen Laecheln, das von niemandem gesehen sein wollte und
seinen Zweck ganz erfuellte, indem es gelaechelt ward. "Aber dass es
keinen reizt, das herauszufinden; wenn ich ein Mann waere, ja gerade
wenn ich ein Mann waere, wuerde ich darueber nachdenken, richtig der
Reihe und Ordnung nach und von Anfang an. Denn einen Anfang muss es
doch geben, und wenn man ihn zu fassen bekaeme, das waere immer schon
etwas. Ach Malte, wir gehen so hin, und mir kommt vor, dass alle
zerstreut sind und beschaeftigt und nicht recht achtgeben, wenn wir
hingehen. Als ob eine Sternschnuppe fiele und es sieht sie keiner und
keiner hat sich etwas gewuenscht. Vergiss nie, dir etwas zu wuenschen,
Malte. Wuenschen, das soll man nicht aufgeben. Ich glaube, es giebt
keine Erfuellung, aber es giebt Wuensche, die lange vorhalten, das ganze
Leben lang, so dass man die Erfuellung doch gar nicht abwarten koennte."
Maman hatte Ingeborgs kleinen Sekretaer hinauf in ihr Zimmer stellen
lassen, davor fand ich sie oft, denn ich durfte ohne weiteres bei ihr
eintreten. Mein Schritt verging voellig in dem Teppich, aber sie
fuehlte mich und hielt mir eine ihrer Haende ueber die andere Schulter
hin. Diese Hand war ganz ohne Gewicht, und sie kuesste sich fast wie
das elfenbeinerne Kruzifix, das man mir abends vor dem Einschlafen
reichte. An diesem niederen Schreibschrank, der mit einer Platte sich
vor ihr aufschlug, sass sie wie an einem Instrument. "Es ist so viel
Sonne drin", sagte sie, und wirklich, das Innere war merkwuerdig hell,
von altem, gelbem Lack, auf dem Blumen gemalt waren, immer eine rote
und eine blaue. Und wo drei nebeneinanderstanden, gab es eine
violette zwischen ihnen, die die beiden anderen trennte. Diese Farben
und das Gruen des schmalen, waagerechten Rankenwerks waren ebenso
verdunkelt in sich, wie der Grund strahlend war, ohne eigentlich klar
zu sein. Das ergab ein seltsam gedaempftes Verhaeltnis von Toenen, die
in innerlichen gegenseitigen Beziehungen standen, ohne sich ueber sie
auszusprechen.
Maman zog die kleinen Laden heraus, die alle leer waren.
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