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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
Book and Publishing News from Publishers Newswire(tm)

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PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).

Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge

R >> Rainer Maria Rilke >> Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge

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"Ach, Rosen", sagte sie und hielt sich ein wenig vor in den trueben
Geruch hinein, der nicht alle wurde. Sie hatte dabei immer die
Vorstellung, es koennte sich ploetzlich noch etwas finden in einem
geheimen Fach, an das niemand gedacht hatte und das nur dem Druck
irgendeiner versteckten Feder nachgab. "Auf einmal springt es vor, du
sollst sehen", sagte sie ernst und aengstlich und zog eilig an allen
Laden. Was aber wirklich an Papieren in den Faechern zurueckgeblieben
war, das hatte sie sorgfaeltig zusammengelegt und eingeschlossen, ohne
es zu lesen. "Ich verstuende es doch nicht, Malte, es waere sicher zu
schwer fuer mich." Sie hatte die UEberzeugung, dass alles zu kompliziert
fuer sie sei. "Es giebt keine Klassen im Leben fuer Anfaenger, es ist
immer gleich das Schwierigste, was von einem verlangt wird." Man
versicherte mir, dass sie erst seit dem schrecklichen Tode ihrer
Schwester so geworden sei, der Graefin OEllegaard Skeel, die verbrannte,
da sie sich vor einem Balle am Leuchterspiegel die Blumen im Haar
anders anstecken wollte. Aber in letzter Zeit schien ihr doch
Ingeborg das, was am schwersten zu begreifen war.

Und nun will ich die Geschichte aufschreiben, so wie Maman sie erzaehlte,
wenn ich darum bat.

Es war mitten im Sommer, am Donnerstag nach Ingeborgs Beisetzung. Von
dem Platze auf der Terrasse, wo der Tee genommen wurde, konnte man den
Giebel des Erbbegraebnisses sehen zwischen den riesigen Ulmen hin. Es
war so gedeckt worden, als ob nie eine Person mehr an diesem Tisch
gesessen haette, und wir sassen auch alle recht ausgebreitet herum. Und
jeder hatte etwas mitgebracht, ein Buch oder einen Arbeitskorb, so dass
wir sogar ein wenig beengt waren. Abelone (Mamans juengste Schwester)
verteilte den Tee, und alle waren beschaeftigt, etwas herumzureichen,
nur dein Grossvater sah von seinem Sessel aus nach dem Hause hin. Es
war die Stunde, da man die Post erwartete, und es fuegte sich meistens
so, dass Ingeborg sie brachte, die mit den Anordnungen fuer das Essen
laenger drin zurueckgehalten war. In den Wochen ihrer Krankheit hatten
wir nun reichlich Zeit gehabt, uns ihres Kommens zu entwoehnen; denn
wir wussten ja, dass sie nicht kommen koenne. Aber an diesem Nachmittag,
Malte, da sie wirklich nicht mehr kommen konnte--: da kam sie.
Vielleicht war es unsere Schuld; vielleicht haben wir sie gerufen.
Denn ich erinnere mich, dass ich auf einmal dasass und angestrengt war,
mich zu besinnen, was denn eigentlich nun anders sei. Es war mir
ploetzlich nicht moeglich zu sagen, was; ich hatte es voellig vergessen.
Ich blickte auf und sah alle andern dem Hause zugewendet, nicht etwa
auf eine besondere, auffaellige Weise, sondern so recht ruhig und
alltaeglich in ihrer Erwartung. Und da war ich daran--(mir wird ganz
kalt, Malte, wenn ich es denke) aber, Gott behuet mich, ich war daran
zu sagen: "Wo bleibt nur--" Da schoss schon Cavalier, wie er immer tat,
unter dem Tisch hervor und lief ihr entgegen. Ich hab es gesehen,
Malte, ich hab es gesehen. Er lief ihr entgegen, obwohl sie nicht kam;
fuer ihn kam sie. Wir begriffen, dass er ihr entgegenlief. Zweimal
sah er sich nach uns um, als ob er fragte. Dann raste er auf sie zu,
wie immer, Malte, genau wie immer, und erreichte sie; denn er begann
rund herum zu springen, Malte, um etwas, was nicht da war, und dann
hinauf an ihr, um sie zu lecken, gerade hinauf. Wir hoerten ihn
winseln vor Freude, und wie er so in die Hoehe schnellte, mehrmals
rasch hintereinander, haette man wirklich meinen koennen, er verdecke
sie uns mit seinen Spruengen. Aber da heulte es auf einmal, und er
drehte sich von seinem eigenen Schwunge in der Luft um und stuerzte
zurueck, merkwuerdig ungeschickt, und lag ganz eigentuemlich flach da und
ruehrte sich nicht. Von der andern Seite trat der Diener aus dem Hause
mit den Briefen. Er zoegerte eine Weile; offenbar war es nicht ganz
leicht, auf unsere Gesichter zuzugehen. Und dein Vater winkte ihm
auch schon, zu bleiben. Dein Vater, Malte, liebte keine Tiere; aber
nun ging er doch hin, langsam wie mir schien, und bueckte sich ueber den
Hund. Er sagte etwas zu dem Diener, irgend etwas Kurzes, Einsilbiges.
Ich sah, wie der Diener hinzusprang, um Cavalier aufzuheben. Aber da
nahm dein Vater selbst das Tier und ging damit, als wuesste er genau
wohin, ins Haus hinein.

Einmal, als es ueber dieser Erzaehlung fast dunkel geworden war, war ich
nahe daran, Maman von der 'Hand' zu erzaehlen: in diesem Augenblick
haette ich es gekonnt. Ich atmete schon auf, um anzufangen, aber da
fiel mir ein, wie gut ich den Diener begriffen hatte, dass er nicht
hatte kommen koennen auf ihre Gesichter zu. Und ich fuerchtete mich
trotz der Dunkelheit vor Mamans Gesicht, wenn es sehen wuerde, was ich
gesehen habe. Ich holte rasch noch einmal Atem, damit es den Anschein
habe, als haette ich nichts anderes gewollt. Ein paar Jahre hernach,
nach der merkwuerdigen Nacht in der Galerie auf Urnekloster, ging ich
tagelang damit um, mich dem kleinen Erik anzuvertrauen. Aber er hatte
sich nach unserem naechtlichen Gespraech wieder ganz vor mir
zugeschlossen, er vermied mich; ich glaube, dass er mich verachtete.
Und gerade deshalb wollte ich ihm von der 'Hand' erzaehlen. Ich
bildete mir ein, ich wuerde in seiner Meinung gewinnen (und das
wuenschte ich dringend aus irgendeinem Grunde), wenn ich ihm
begreiflich machen koennte, dass ich das wirklich erlebt hatte. Erik
aber war so geschickt im Ausweichen, dass es nicht dazu kam. Und dann
reisten wir ja auch gleich. So ist es, wunderlich genug, das erstemal,
dass ich (und schliesslich auch nur mir selber) eine Begebenheit
erzaehle, die nun weit zurueckliegt in meiner Kindheit.

Wie klein ich damals noch gewesen sein muss, sehe ich daran, dass ich
auf dem Sessel kniete, um bequem auf den Tisch hinaufzureichen, auf
dem ich zeichnete. Es war am Abend, im Winter, wenn ich nicht irre,
in der Stadtwohnung. Der Tisch stand in meinem Zimmer, zwischen den
Fenstern, und es war keine Lampe im Zimmer, als die, die auf meine
Blaetter schien und auf Mademoiselles Buch; denn Mademoiselle sass neben
mir, etwas zurueckgerueckt, und las. Sie war weit weg, wenn sie las,
ich weiss nicht, ob sie im Buche war; sie konnte lesen, stundenlang,
sie blaetterte selten um, und ich hatte den Eindruck, als wuerden die
Seiten immer voller unter ihr, als schaute sie Worte hinzu, bestimmte
Worte, die sie noetig hatte und die nicht da waren. Das kam mir so vor,
waehrend ich zeichnete. Ich zeichnete langsam, ohne sehr entschiedene
Absicht, und sah alles, wenn ich nicht weiter wusste, mit ein wenig
nach rechts geneigtem Kopfe an; so fiel mir immer am raschesten ein,
was noch fehlte. Es waren Offiziere zu Pferd, die in die Schlacht
ritten, oder sie waren mitten drin, und das war viel einfacher, weil
dann fast nur der Rauch zu machen war, der alles einhuellte. Maman
freilich behauptet nun immer, dass es Inseln gewesen waren, was ich
malte; Inseln mit grossen Baeumen und einem Schloss und einer Treppe und
Blumen am Rand, die sich spiegeln sollten im Wasser. Aber ich glaube,
das erfindet sie, oder es muss spaeter gewesen sein.

Es ist ausgemacht, dass ich an jenem Abend einen Ritter zeichnete,
einen einzelnen, sehr deutlichen Ritter auf einem merkwuerdig
bekleideten Pferd. Er wurde so bunt, dass ich oft die Stifte wechseln
musste, aber vor allem kam doch der rote in Betracht, nach dem ich
immer wieder griff. Nun hatte ich ihn noch einmal noetig; da rollte er
(ich sehe ihn noch) quer ueber das beschienene Blatt an den Rand und
fiel, ehe ichs verhindern konnte, an mir vorbei hinunter und war fort.
Ich brauchte ihn wirklich dringend, und es war recht aergerlich, ihm
nun nachzuklettern. Ungeschickt, wie ich war, kostete es mich
allerhand Veranstaltungen, hinunterzukommen; meine Beine schienen mir
viel zu lang, ich konnte sie nicht unter mir hervorziehen; die zu
lange ein gehaltene knieende Stellung hatte meine Glieder dumpf
gemacht; ich wusste nicht, was zu mir und was zum Sessel gehoerte.
Endlich kam ich doch, etwas konfus, unten an und befand mich auf einem
Fell, das sich unter dem Tisch bis gegen die Wand hinzog. Aber da
ergab sich eine neue Schwierigkeit. Eingestellt auf die Helligkeit da
oben und noch ganz begeistert fuer die Farben auf dem weissen Papier,
vermochten meine Augen nicht das geringste unter dem Tisch zu erkennen,
wo mir das Schwarze so zugeschlossen schien, dass ich bange war, daran
zu stossen. Ich verliess mich also auf mein Gefuehl und kaemmte, knieend
und auf die linke gestuetzt, mit der andern Hand in dem kuehlen,
langhaarigen Teppich herum, der sich recht vertraulich anfuehlte; nur
dass kein Bleistift zu spueren war. Ich bildete mir ein, eine Menge
Zeit zu verlieren, und wollte eben schon Mademoiselle anrufen und sie
bitten, mir die Lampe zu halten, als ich merkte, dass fuer meine
unwillkuerlich angestrengten Augen das Dunkel nach und nach
durchsichtiger wurde. Ich konnte schon hinten die Wand unterscheiden,
die mit einer hellen Leiste abschloss; ich orientierte mich ueber die
Beine des Tisches; ich erkannte vor allem meine eigene, ausgespreizte
Hand, die sich ganz allein, ein bisschen wie ein Wassertier, da unten
bewegte und den Grund untersuchte. Ich sah ihr, weiss ich noch, fast
neugierig zu; es kam mir vor, als koennte sie Dinge, die ich sie nicht
gelehrt hatte, wie sie da unten so eigenmaechtig herumtastete mit
Bewegungen, die ich nie an ihr beobachtet hatte. Ich verfolgte sie,
wie sie vordrang, es interessierte mich, ich war auf allerhand
vorbereitet. Aber wie haette ich darauf gefasst sein sollen, dass ihr
mit einem Male aus der Wand eine andere Hand entgegenkam, eine groessere,
ungewoehnlich magere Hand, wie ich noch nie eine gesehen hatte. Sie
suchte in aehnlicher Weise von der anderen Seite her, und die beiden
gespreizten Haende bewegten sich blind aufeinander zu. Meine Neugierde
war noch nicht aufgebraucht, aber ploetzlich war sie zu Ende, und es
war nur Grauen da. Ich fuehlte, dass die eine von den Haenden mir
gehoerte und dass sie sich da in etwas einliess, was nicht wieder
gutzumachen war. Mit allem Recht, das ich auf sie hatte, hielt ich
sie an und zog sie flach und langsam zurueck, indem ich die andere
nicht aus den Augen liess, die weitersuchte. Ich begriff, dass sie es
nicht aufgeben wuerde, ich kann nicht sagen, wie ich wieder hinaufkam.
Ich sass ganz tief im Sessel, die Zaehne schlugen mir aufeinander, und
ich hatte so wenig Blut im Gesicht, dass mir schien, es waere kein Blau
mehr in meinen Augen. Mademoiselle--, wollte ich sagen und konnte es
nicht, aber da erschrak sie von selbst, sie warf ihr Buch hin und
kniete sich neben den Sessel und rief meinen Namen; ich glaube, dass
sie mich ruettelte. Aber ich war ganz bei Bewusstsein. Ich schluckte
ein paarmal; denn nun wollte ich es erzaehlen.

Aber wie? Ich nahm mich unbeschreiblich zusammen, aber es war nicht
auszudruecken, so dass es einer begriff. Gab es Worte fuer dieses
Ereignis, so war ich zu klein, welche zu finden. Und ploetzlich
ergriff mich die Angst, sie koennten doch, ueber mein Alter hinaus, auf
einmal da sein, diese Worte, und es schien mir fuerchterlicher als
alles, sie dann sagen zu muessen. Das Wirkliche da unten noch einmal
durchzumachen, anders, abgewandelt, von Anfang an; zu hoeren, wie ich
es zugebe, dazu hatte ich keine Kraft mehr.

Es ist natuerlich Einbildung, wenn ich nun behaupte, ich haette in jener
Zeit schon gefuehlt, dass da etwas in mein Leben gekommen sei, geradeaus
in meines, womit ich allein wuerde herumgehen muessen, immer und immer.
Ich sehe mich in meinem kleinen Gitterbett liegen und nicht schlafen
und irgendwie ungenau voraussehen, dass so das Leben sein wuerde: voll
lauter besonderer Dinge, die nur fuer Einen gemeint sind und die sich
nicht sagen lassen. Sicher ist, dass sich nach und nach ein trauriger
und schwerer Stolz in mir erhob. Ich stellte mir vor, wie man
herumgehen wuerde, voll von Innerem und schweigsam. Ich empfand eine
ungestueme Sympathie fuer die Erwachsenen; ich bewunderte sie, und ich
nahm mir vor, ihnen zu sagen, dass ich sie bewunderte. Ich nahm mir
vor, es Mademoiselle zu sagen bei der naechsten Gelegenheit.

Und dann kam eine von diesen Krankheiten, die darauf ausgingen, mir zu
beweisen, dass dies nicht das erste eigene Erlebnis war. Das Fieber
wuehlte in mir und holte von ganz unten Erfahrungen, Bilder, Tatsachen
heraus, von denen ich nicht gewusst hatte; ich lag da, ueberhaeuft mit
mir, und wartete auf den Augenblick, da mir befohlen wuerde, dies alles
wieder in mich hineinzuschichten, ordentlich, der Reihe nach. Ich
begann, aber es wuchs mir unter den Haenden, es straeubte sich, es war
viel zu viel. Dann packte mich die Wut, und ich warf alles in Haufen
in mich hinein und presste es zusammen; aber ich ging nicht wieder
darueber zu. Und da schrie ich, halb offen wie ich war, schrie ich und
schrie. Und wenn ich anfing hinauszusehen aus mir, so standen sie
seit lange um mein Bett und hielten mir die Haende, und eine Kerze war
da, und ihre grossen Schatten ruehrten sich hinter ihnen. Und mein
Vater befahl mir, zu sagen, was es gaebe. Es war ein freundlicher,
gedaempfter Befehl, aber ein Befehl war es immerhin. Und er wurde
ungeduldig, wenn ich nicht antwortete.

Maman kam nie in der Nacht--, oder doch, einmal kam sie. Ich hatte
geschrieen und geschrieen, und Mademoiselle war gekommen und Sieversen,
die Haushaelterin, und Georg, der Kutscher; aber das hatte nichts
genutzt. Und da hatten sie endlich den Wagen nach den Eltern
geschickt, die auf einem grossen Balle waren, ich glaube beim
Kronprinzen. Und auf einmal hoerte ich ihn hereinfahren in den Hof,
und ich wurde still, sass und sah nach der Tuer. Und da rauschte es ein
wenig in den anderen Zimmern, und Maman kam herein in der grossen
Hofrobe, die sie gar nicht in acht nahm, und lief beinah und liess
ihren weissen Pelz hinter sich fallen und nahm mich in die blossen Arme.
Und ich befuehlte, erstaunt und entzueckt wie nie, ihr Haar und ihr
kleines, gepflegtes Gesicht und die kalten Steine an ihren Ohren und
die Seide am Rand ihrer Schultern, die nach Blumen dufteten. Und wir
blieben so und weinten zaertlich und kuessten uns, bis wir fuehlten, dass
der Vater da war und dass wir uns trennen mussten. "Er hat hohes
Fieber", hoerte ich Maman schuechtern sagen, und der Vater griff nach
meiner Hand und zaehlte den Puls. Er war in der Jaegermeisteruniform
mit dem schoenen, breiten, gewaesserten blauen Band des Elefanten. "Was
fuer ein Unsinn, uns zu rufen", sagte er ins Zimmer hinein, ohne mich
anzusehen. Sie hatten versprochen, zurueckzukehren, wenn es nichts
Ernstliches waere. Und Ernstliches war es ja nichts. Auf meiner Decke
aber fand ich Mamans Tanzkarte und weisse Kamelien, die ich noch nie
gesehen hatte und die ich mir auf die Augen legte, als ich merkte, wie
kuehl sie waren.

Aber was lang war, das waren die Nachmittage in solchen Krankheiten.
Am Morgen nach der schlechten Nacht kam man immer in Schlaf, und wenn
man erwachte und meinte, nun waere es wieder frueh, so war es Nachmittag
und blieb Nachmittag und hoerte nicht auf Nachtmittag zu sein. Da lag
man so in dem aufgeraeumten Bett und wuchs vielleicht ein wenig in den
Gelenken und war viel zu muede, um sich irgend etwas vorzustellen. Der
Geschmack vom Apfelmus hielt lange vor, und das war schon alles
moegliche, wenn man ihn irgendwie auslegte, unwillkuerlich, und die
reinliche Saeure an Stelle von Gedanken in sich herumgehen liess.
Spaeter, wenn die Kraefte wiederkamen, wurden die Kissen hinter einem
aufgebaut, und man konnte aufsitzen und mit Soldaten spielen; aber sie
fielen so leicht um auf dem schiefen Bett-Tisch und dann immer gleich
die ganze Reihe; und man war doch noch nicht so ganz im Leben drin, um
immer wieder von vorn anzufangen. Ploetzlich war es zuviel, und man
bat, alles recht rasch fortzunehmen, und es tat wohl, wieder nur die
zwei Haende zu sehen, ein bisschen weiter hin auf der leeren Decke.

Wenn Maman mal eine halbe Stunde kam und Maerchen vorlas (zum richtigen,
langen Vorlesen war Sieversen da), so war das nicht um der Maerchen
willen. Denn wir waren einig darueber, dass wir Maerchen nicht liebten.
Wir hatten einen anderen Begriff vom Wunderbaren. Wir fanden, wenn
alles mit natuerlichen Dingen zuginge, so waere das immer am
wunderbarsten. Wir gaben nicht viel darauf, durch die Luft zu fliegen,
die Feen enttaeuschten uns, und von den Verwandlungen in etwas anderes
erwarteten wir uns nur eine sehr oberflaechliche Abwechslung. Aber wir
lasen doch ein bisschen, um beschaeftigt auszusehen; es war uns nicht
angenehm, wenn irgend jemand eintrat, erst erklaeren zu muessen, was wir
gerade taten; besonders Vater gegenueber waren wir von einer
uebertriebenen Deutlichkeit.

Nur wenn wir ganz sicher waren, nicht gestoert zu sein, und es daemmerte
draussen, konnte es geschehen, dass wir uns Erinnerungen hingaben,
gemeinsamen Erinnerungen, die uns beiden alt schienen und ueber die wir
laechelten; denn wir waren beide gross geworden seither. Es fiel uns
ein, dass es eine Zeit gab, wo Maman wuenschte, dass ich ein kleines
Maedchen waere und nicht dieser Junge, der ich nun einmal war. Ich
hatte das irgendwie erraten, und ich war auf den Gedanken gekommen,
manchmal nachmittags an Mamans Tuere zu klopfen. Wenn sie dann fragte,
wer da waere, so war ich gluecklich, draussen "Sophie" zu rufen, wobei
ich meine kleine Stimme so zierlich machte, dass sie mich in der Kehle
kitzelte. Und wenn ich dann eintrat (in dem kleinen, maedchenhaften
Hauskleid, das ich ohnehin trug, mit ganz hinaufgerollten Armeln), so
war ich einfach Sophie, Mamans kleine Sophie, die sich haeuslich
beschaeftigte und der Maman einen Zopf flechten musste, damit keine
Verwechslung stattfinde mit dem boesen Malte, wenn er je wiederkaeme.
Erwuenscht war dies durchaus nicht; es war sowohl Maman wie Sophie
angenehm, dass er fort war, und ihre Unterhaltungen (die Sophie immerzu
mit der gleichen, hohen Stimme fortsetzte) bestanden meistens darin,
dass sie Maltes Unarten aufzaehlten und sich ueber ihn beklagten. "Ach
ja, dieser Malte", seufzte Maman. Und Sophie wusste eine Menge ueber
die Schlechtigkeiten der Jungen im allgemeinen, als kennte sie einen
ganzen Haufen.

"Ich moechte wohl wissen, was aus Sophie geworden ist", sagte Maman
dann ploetzlich bei solchen Erinnerungen. Darueber konnte nun Malte
freilich keine Auskunft geben. Aber wenn Maman vorschlug, dass sie
gewiss gestorben sei, dann widersprach er eigensinnig und beschwor sie,
dies nicht zu glauben, so wenig sich sonst auch beweisen liesse.

Mich das jetzt ueberdenke, kann ich mich wundern, dass ich aus der Welt
dieser Fieber doch immer wieder ganz zurueckkam und mich hineinfand in
das ueberaus gemeinsame Leben, wo jeder im Gefuehl unterstuetzt sein
wollte, bei Bekanntem zu sein, und wo man sich so vorsichtig im
Verstaendlichen vertrug. Da wurde etwas erwartet, und es kam oder es
kam nicht, ein Drittes war ausgeschlossen. Da gab es Dinge, die
traurig waren, ein--fuer allemal, es gab angenehme Dinge und eine ganze
Menge nebensaechlicher. Wurde aber einem eine Freude bereitet, so war
es eine Freude, und er hatte sich danach zu benehmen. Im Grunde war
das alles sehr einfach, und wenn man es erst heraus hatte, so machte
es sich wie von selbst. In diese verabredeten Grenzen ging denn auch
alles hinein; die langen, gleichmaessigen Schulstunden, wenn draussen der
Sommer war; die Spaziergaenge, von denen man franzoesisch erzaehlen musste;
die Besuche, fuer die man hereingerufen wurde und die einen drollig
fanden, wenn man gerade traurig war, und sich an einem belustigten wie
an dem betruebten Gesicht gewisser Voegel, die kein anderes haben. Und
die Geburtstage natuerlich, zu denen man Kinder eingeladen bekam, die
man kaum kannte, verlegene Kinder, die einen verlegen machten, oder
dreiste, die einem das Gesicht zerkratzten, und zerbrachen, was man
gerade bekommen hatte, und die dann ploetzlich fortfuhren, wenn alles
aus Kaesten und Laden herausgerissen war und zu Haufen lag. Wenn man
aber allein spielte, wie immer,so konnte es doch geschehen, dass man
diese vereinbarte, im ganzen harmlose Welt unversehens ueberschritt und
unter Verhaeltnisse geriet, die voellig verschieden waren und gar nicht
abzusehen.

Mademoiselle hatte zuzeiten ihre Migraene, die ungemein heftig auftrat,
und das waren die Tage, an denen ich schwer zu finden war. Ich weiss,
der Kutscher wurde dann in den Park geschickt, wenn es Vater einfiel,
nach mir zu fragen, und ich war nicht da. Ich konnte oben von einem
der Gastzimmer aus sehen, wie er hinauslief und am Anfang der langen
Allee nach mir rief. Diese Gastzimmer befanden sich, eines neben dem
anderen, im Giebel von Ulsgaard und standen, da wir in dieser Zeit
sehr selten Hausbesuch hatten, fast immer leer. Anschliessend an sie
aber war jener grosse Eckraum, der eine so starke Verlockung fuer mich
hatte. Es war nichts darin zu finden als eine alte Bueste, die, ich
glaube, den Admiral Juel darstellte, aber die Waende waren ringsum mit
tiefen grauen Wandschraenken verschalt, derart, dass sogar das Fenster
erst ueber den Schraenken angebracht war in der leeren, geweissten Wand.
Den Schluessel hatte ich an einer der Schranktueren entdeckt, und er
schloss alle anderen. So hatte ich in kurzem alles untersucht: die
Kammerherrenfraecke aus dem achtzehnten Jahrhundert, die ganz kalt
waren von den eingewebten Silberfaeden, und die schoen gestickten Westen
dazu; die Trachten des Dannebrog--und des Elefantenordens, die man
erst fuer Frauenkleider hielt, so reich und umstaendlich waren sie und
so sanft im Futter anzufuehlen. Dann wirkliche Roben, die, von ihren
Unterlagen auseinander gehalten, steif dahingen wie die Marionetten
eines zu grossen Stueckes, das so endgueltig aus der Mode war, dass man
ihre Koepfe anders verwendet hatte. Daneben aber waren Schraenke, in
denen es dunkel war, wenn man sie aufmachte, dunkel von
hochgeschlossenen Uniformen, die viel gebrauchter aussahen als alles
das andere und die eigentlich wuenschten, nicht erhalten zu sein.

Niemand wird es verwunderlich finden, dass ich das alles herauszog und
ins Licht neigte; dass ich das und jenes an mich hielt oder umnahm; dass
ich ein Kostuem, welches etwa passen konnte, hastig anzog und darin,
neugierig und aufgeregt, in das naechste Fremdenzimmer lief, vor den
schmalen Pfeilerspiegel, der aus einzelnen ungleich gruenen Glasstuecken
zusammengesetzt war. Ach, wie man zitterte, drin zu sein, und wie
hinreissend war es, wenn man es war. Wenn da etwas aus dem Trueben
heraus sich naeherte, langsamer als man selbst, denn der Spiegel
glaubte es gleichsam nicht und wollte, schlaefrig wie er war, nicht
gleich nachsprechen, was man ihm vorsagte. Aber schliesslich musste er
natuerlich. Und nun war es etwas sehr UEberraschendes, Fremdes, ganz
anders, als man es sich gedacht hatte, etwas Ploetzliches,
Selbstaendiges, das man rasch ueberblickte, um sich im naechsten
Augenblick doch zu erkennen, nicht ohne eine gewisse Ironie, die um
ein Haar das ganze Vergnuegen zerstoeren konnte. Wenn man aber sofort
zu reden begann, sich zu verbeugen, wenn man sich zuwinkte, sich,
fortwaehrend zurueckblickend, entfernte und dann entschlossen und
angeregt wiederkam, so hatte man die Einbildung auf seiner Seite,
solang es einem gefiel.

Ich lernte damals den Einfluss kennen, der unmittelbar von einer
bestimmten Tracht ausgehen kann. Kaum hatte ich einen dieser Anzuege
angelegt, musste ich mir eingestehen, dass er mich in seine Macht bekam;
dass er mir meine Bewegungen, meinen Gesichtsausdruck, ja sogar meine
Einfaelle vorschrieb; meine Hand, ueber die die Spitzenmanschette fiel
und wieder fiel, war durchaus nicht meine gewoehnliche Hand; sie
bewegte sich wie ein Akteur, ja, ich moechte sagen, sie sah sich selber
zu, so uebertrieben das auch klingt. Diese Verstellungen gingen
indessen nie so weit, dass ich mich mir selber entfremdet fuehlte; im
Gegenteil, je vielfaeltiger ich mich abwandelte, desto ueberzeugter
wurde ich von mir selbst. Ich wurde kuehner und kuehner; ich warf mich
immer hoeher; denn meine Geschicklichkeit im Auffangen war ueber allen
Zweifel. Ich merkte nicht die Versuchung in dieser rasch wachsenden
Sicherheit. Zu meinem Verhaengnis fehlte nur noch, dass der letzte
Schrank, den ich bisher meinte nicht oeffnen zu koennen, eines Tages
nachgab, um mir, statt bestimmter Trachten, allerhand vages Maskenzeug
auszuliefern, dessen phantastisches Ungefaehr mir das Blut in die
Wangen trieb. Es laesst sich nicht aufzaehlen, was da alles war. Ausser
einer Bautta, deren ich mich entsinne, gab es Dominos in verschiedenen
Farben, es gab Frauenroecke, die hell laeuteten von den Muenzen, mit
denen sie benaeht waren; es gab Pierrots, die mir albern vorkamen, und
faltige, tuerkische Hosen und persische Muetzen, aus denen kleine
Kampfersaeckchen herausglitten, und Kronreifen mit dummen,
ausdruckslosen Steinen. Dies alles verachtete ich ein wenig; es war
von so duerftiger Unwirklichkeit und hing so abgebalgt und armsaelig da
und schlappte willenlos zusammen, wenn man es herauszerrte ans Licht.
Was mich aber in eine Art von Rausch versetzte, das waren die
geraeumigen Maentel, die Tuecher, die Schals, die Schleier, alle diese
nachgiebigen, grossen, unverwendeten Stoffe, die weich und schmeichelnd
waren oder so gleitend, dass man sie kaum zu fassen bekam, oder so
leicht, dass sie wie ein Wind an einem vorbeiflogen, oder einfach
schwer mit ihrer ganzen Last. In ihnen erst sah ich wirklich freie
und unendlich bewegliche Moeglichkeiten: eine Sklavin zu sein, die
verkauft wird, oder Jeanne d'Arc zu sein oder ein alter Koenig oder ein
Zauberer; das alles hatte man jetzt in der Hand, besonders da auch
Masken da waren, grosse drohende oder erstaunte Gesichter mit echten
Baerten und vollen oder hochgezogenen Augenbrauen. Ich hatte nie
Masken gesehen vorher, aber ich sah sofort ein, dass es Masken geben
muesse. Ich musste lachen, als mir einfiel, dass wir einen Hund hatten,
der sich ausnahm, als truege er eine. Ich stellte mir seine herzlichen
Augen vor, die immer wie von hinten hineinsahen in das behaarte
Gesicht. Ich lachte noch, waehrend ich mich verkleidete, und ich
vergass darueber voellig, was ich eigentlich vorstellen wollte. Nun, es
war neu und spannend, das erst nachtraeglich vor dem Spiegel zu
entscheiden. Das Gesicht, das ich vorband, roch eigentuemlich hohl, es
legte sich fest ueber meines, aber ich konnte bequem durchsehen, und
ich waehlte erst, als die Maske schon sass, allerhand Tuecher, die ich in
der Art eines Turbans um den Kopf wand, so dass der Rand der Maske, der
unten in einen riesigen gelben Mantel hineinreichte, auch oben und
seitlich fast ganz verdeckt war. Schliesslich, als ich nicht mehr
konnte, hielt ich mich fuer hinreichend vermummt. Ich ergriff noch
einen grossen Stab, den ich, soweit der Arm reichte, neben mir hergehen
liess, und schleppte so, nicht ohne Muehe, aber, wie mir vorkam, voller
Wuerde, in das Fremdenzimmer hinein auf den Spiegel zu.

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