Die Aufzeichnungen des Malte Laurid Brigge
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Das war nun wirklich grossartig, ueber alle Erwartung. Der Spiegel gab
es auch augenblicklich wieder, es war zu ueberzeugend. Es waere gar
nicht noetig gewesen, sich viel zu bewegen; diese Erscheinung war
vollkommen, auch wenn sie nichts tat. Aber es galt zu erfahren, was
ich eigentlich sei, und so drehte ich mich ein wenig und erhob
schliesslich die beiden Arme: grosse, gleichsam beschwoerende Bewegungen,
das war, wie ich schon merkte, das einzig Richtige. Doch gerade in
diesem feierlichen Moment vernahm ich, gedaempft durch meine Vermummung,
ganz in meiner Naehe einen vielfach zusammengesetzten Laerm; sehr
erschreckt, verlor ich das Wesen da drueben aus den Augen und war arg
verstimmt, zu gewahren, dass ich einen kleinen, runden Tisch umgeworfen
hatte mit weiss der Himmel was fuer, wahrscheinlich sehr zerbrechlichen
Gegenstaenden. Ich bueckte mich so gut ich konnte und fand meine
schlimmste Erwartung bestaetigt: es sah aus, als sei alles entzwei.
Die beiden ueberfluessigen, gruen-violetten Porzellanpapageien waren
natuerlich, jeder auf eine andere boshafte Art, zerschlagen. Eine Dose,
aus der Bonbons rollten, die aussahen wie seidig eingepuppte Insekten,
hatte ihren Deckel weit von sich geworfen, man sah nur seine eine
Haelfte, die andere war ueberhaupt fort. Das AErgerlichste aber war ein
in tausend winzige Scherben zerschellter Flacon, aus dem der Rest
irgendeiner alten Essenz herausgespritzt war, der nun einen Fleck von
sehr widerlicher Physiognomie auf dem klaren Parkett bildete. Ich
trocknete ihn schnell mit irgendwas auf, das an mir herunterhing, aber
er wurde nur schwaerzer und unangenehmer. Ich war recht verzweifelt.
Ich erhob mich und suchte nach irgendeinem Gegenstand, mit dem ich das
alles gutmachen konnte. Aber es fand sich keiner. Auch war ich so
behindert im Sehen und in jeder Bewegung, dass die Wut in mir aufstieg
gegen meinen unsinnigen Zustand, den ich nicht mehr begriff. Ich
zerrte an allem, aber es schloss sich nur noch enger an. Die Schnuere
des Mantels wuergten mich, und das Zeug auf meinem Kopfe drueckte, als
kaeme immer noch mehr hinzu. Dabei war die Luft truebe geworden und wie
beschlagen mit dem aeltlichen Dunst der verschuetteten Fluessigkeit.
Heiss und zornig stuerzte ich vor den Spiegel und sah muehsam durch die
Maske durch, wie meine Haende arbeiteten. Aber darauf hatte er nur
gewartet. Der Augenblick der Vergeltung war fuer ihn gekommen.
Waehrend ich in masslos zunehmender Beklemmung mich anstrengte, mich
irgendwie aus meiner Vermummung hinauszuzwaengen, noetigte er mich, ich
weiss nicht womit, aufzusehen und diktierte mir ein Bild, nein, eine
Wirklichkeit, eine fremde, unbegreifliche monstroese Wirklichkeit, mit
der ich durchtraenkt wurde gegen meinen Willen: denn jetzt war er der
Staerkere, und ich war der Spiegel. Ich starrte diesen grossen,
schrecklichen Unbekannten vor mir an, und es schien mir ungeheuerlich,
mit ihm allein zu sein. Aber in demselben Moment, da ich dies dachte,
geschah das AEusserste: ich verlor allen Sinn, ich fiel einfach aus.
Eine Sekunde lang hatte ich eine unbeschreibliche, wehe und
vergebliche Sehnsucht nach mir, dann war nur noch er: es war nichts
ausser ihm.
Ich rannte davon, aber nun war er es, der rannte. Er stiess ueberall an,
er kannte das Haus nicht, er wusste nicht wohin; er geriet eine Treppe
hinunter, er fiel auf dem Gange ueber eine Person her, die sich
schreiend freimachte. Eine Tuer ging auf, es traten mehrere Menschen
heraus: Ach, ach, was war das gut, sie zu kennen. Das war Sieversen,
die gute Sieversen, und das Hausmaedchen und der Silberdiener: nun
musste es sich entscheiden. Aber sie sprangen nicht herzu und retteten;
ihre Grausamkeit war ohne Grenzen. Sie standen da und lachten, mein
Gott, sie konnten dastehn und lachen. Ich weinte, aber die Maske liess
die Traenen nicht hinaus, sie rannen innen ueber mein Gesicht und
trockneten gleich und rannen wieder und trockneten. Und endlich
kniete ich hin vor ihnen, wie nie ein Mensch gekniet hat; ich kniete
und hob meine Haende zu ihnen auf und flehte: "Herausnehmen, wenn es
noch geht, und behalten", aber sie hoerten es nicht; ich hatte keine
Stimme mehr.
Sieversen erzaehlte bis an ihr Ende, wie ich umgesunken waere und wie
sie immer noch weitergelacht haetten in der Meinung, das gehoere dazu.
Sie waren es so gewoehnt bei mir. Aber dann waere ich doch immerzu
liegengeblieben und haette nicht geantwortet. Und der Schrecken, als
sie endlich entdeckten, dass ich ohne Besinnung sei und dalag wie ein
Stueck in allen den Tuechern, rein wie ein Stueck.
Die Zeit ging unberechenbar schnell, und auf einmal war es schon
wieder so weit, dass der Prediger Dr. Jespersen geladen werden musste.
Das war dann fuer alle Teile ein muehsames und langwieriges Fruehstueck.
Gewohnt an die sehr fromme Nachbarschaft, die sich jedesmal ganz
aufloeste um seinetwillen, war er bei uns durchaus nicht an seinem
Platz; er lag sozusagen auf dem Land und schnappte. Die Kiemenatmung,
die er an sich ausgebildet hatte, ging beschwerlich vor sich, es
bildeten sich Blasen, und das Ganze war nicht ohne Gefahr.
Gespraechsstoff war, wenn man genau sein will, ueberhaupt keiner da; es
wurden Reste veraeussert zu unglaublichen Preisen, es war eine
Liquidation aller Bestaende. Dr. Jespersen musste sich bei uns darauf
beschraenken, eine Art von Privatmann zu sein; das gerade aber war er
nie gewesen. Er war, soweit er denken konnte, im Seelenfach
angestellt. Die Seele war eine oeffentliche Institution fuer ihn, die
er vertrat, und er brachte es zuwege, niemals ausser Dienst zu sein,
selbst nicht im Umgang mit seiner Frau, "seiner bescheidenen, treuen,
durch Kindergebaeren seligwerdenden Rebekka", wie Lavater sich in einem
anderen Fall ausdrueckte.
(Was uebrigens meinen Vater betraf, so war seine Haltung Gott gegenueber
vollkommen korrekt und von tadelloser Hoeflichkeit. In der Kirche
schien es mir manchmal, als waere er geradezu Jaegermeister bei Gott,
wenn er dastand und abwartete und sich verneigte. Maman dagegen
erschien es fast verletzend, dass jemand zu Gott in einem hoeflichen
Verhaeltnis stehen konnte. Waere sie in eine Religion mit deutlichen
und ausfuehrlichen Gebraeuchen geraten, es waere eine Seligkeit fuer sie
gewesen, stundenlang zu knien und sich hinzuwerfen und sich recht mit
dem grossen Kreuz zu gebaerden vor der Brust und um die Schultern herum.
Sie lehrte mich nicht eigentlich beten, aber es war ihr eine
Beruhigung, dass ich gerne kniete und die Haende bald gekruemmt und bald
aufrecht faltete, wie es mir gerade ausdrucksvoller schien. Ziemlich
in Ruhe gelassen, machte ich fruehzeitig eine Reihe von Entwicklungen
durch, die ich erst viel spaeter in einer Zeit der Verzweiflung auf
Gott bezog, und zwar mit solcher Heftigkeit, dass er sich bildete und
zersprang, fast in demselben Augenblick. Es ist klar, dass ich ganz
von vorn anfangen musste hernach. Und bei diesem Anfang meinte ich
manchmal, Maman noetig zu haben, obwohl es ja natuerlich richtiger war,
ihn allein durchzumachen. Und da war sie ja auch schon lange tot.)
Dr. Jespersen gegenueber konnte Maman beinah ausgelassen sein. Sie
liess sich in Gespraeche mit ihm ein, die er ernst nahm, und wenn er
dann sich reden hoerte, meinte sie, das genuege, und vergass ihn
ploetzlich, als waere er schon fort. "Wie kann er nur", sagte sie
manchmal von ihm, "herumfahren und hineingehen zu den Leuten, wenn sie
gerade sterben."
Er kam auch zu ihr bei dieser Gelegenheit, aber sie hat ihn sicher
nicht mehr gesehen. Ihre Sinne gingen ein, einer nach dem andern,
zuerst das Gesicht. Es war im Herbst, man sollte schon in die Stadt
ziehen, aber da erkrankte sie gerade, oder vielmehr, sie fing gleich
an zu sterben, langsam und trostlos abzusterben an der ganzen
Oberflaeche. Die AErzte kamen, und an einem bestimmten Tag waren sie
alle zusammen da und beherrschten das ganze Haus. Es war ein paar
Stunden lang, als gehoerte es nun dem Geheimrat und seinen Assistenten
und als haetten wir nichts mehr zu sagen. Aber gleich danach verloren
sie alles Interesse, kamen nur noch einzeln, wie aus purer Hoeflichkeit,
um eine Zigarre anzunehmen und ein Glas Portwein. Und Maman starb
indessen.
Man wartete nur noch auf Mamans einzigen Bruder, den Grafen Christian
Brahe, der, wie man sich noch erinnern wird, eine Zeitlang in
tuerkischen Diensten gestanden hatte, wo er, wie es immer hiess, sehr
ausgezeichnet worden war. Er kam eines Morgens an in Begleitung eines
fremdartigen Dieners, und es ueberraschte mich, zu sehen, dass er groesser
war als Vater und scheinbar auch aelter. Die beiden Herren wechselten
sofort einige Worte, die sich, wie ich vermutete, auf Maman bezogen.
Es entstand eine Pause. Dann sagte mein Vater: "Sie ist sehr
entstellt." Ich begriff diesen Ausdruck nicht, aber es froestelte mich,
da ich ihn hoerte. Ich hatte den Eindruck, als ob auch mein Vater
sich haette ueberwinden muessen, ehe er ihn aussprach. Aber es war wohl
vor allem sein Stolz, der litt, indem er dies zugab.
Mehrere Jahre spaeter erst hoerte ich wieder von dem Grafen Christian
reden. Es war auf Urnekloster, und Mathilde Brahe war es, die mit
Vorliebe von ihm sprach. Ich bin indessen sicher, dass sie die
einzelnen Episoden ziemlich eigenmaechtig ausgestaltete, denn das Leben
meines Onkels, von dem immer nur Geruechte in die OEffentlichkeit und
selbst in die Familie drangen, Geruechte, die er nie widerlegte, war
geradezu grenzenlos auslegbar. Urnekloster ist jetzt in seinem Besitz.
Aber niemand weiss, ob er es bewohnt. Vielleicht reist er immer noch,
wie es seine Gewohnheit war; vielleicht ist die Nachricht seines
Todes aus irgendeinem aeussersten Erdteil unterwegs, von der Hand des
fremden Dieners geschrieben in schlechtem Englisch oder in irgendeiner
unbekannten Sprache. Vielleicht auch giebt dieser Mensch kein Zeichen
von sich, wenn er eines Tages allein zurueckbleibt. Vielleicht sind
sie beide laengst verschwunden und stehen nur noch auf der Schiffsliste
eines verschollenen Schiffes unter Namen, die nicht die ihren waren.
Freilich, wenn damals auf Urnekloster ein Wagen einfuhr, so erwartete
ich immer, ihn eintreten zu sehen, und mein Herz klopfte auf eine
besondere Art. Mathilde Brahe behauptete: so kaeme er, das waere so
seine Eigenheit, ploetzlich da zu sein, wenn man es am wenigsten fuer
moeglich hielte. Er kam nie, aber meine Einbildungskraft beschaeftigte
sich wochenlang mit ihm, ich hatte das Gefuehl, als waeren wir einander
eine Beziehung schuldig, und ich haette gern etwas Wirkliches von ihm
gewusst.
Als indessen bald darauf mein Interesse umschlug und infolge gewisser
Begebenheiten ganz auf Christine Brahe ueberging, bemuehte ich mich
eigentuemlicherweise nicht, etwas von ihren Lebensumstaenden zu erfahren.
Dagegen beunruhigte mich der Gedanke, ob ihr Bildnis wohl in der
Galerie vorhanden sei. Und der Wunsch, das festzustellen, nahm so
einseitig und quaelend zu, dass ich mehrere Naechte nicht schlief, bis,
ganz unvermutet, diejenige da war, in der ich, weiss Gott, aufstand und
hinaufging mit meinem Licht, das sich zu fuerchten schien.
Was mich angeht, so dachte ich nicht an Furcht. Ich dachte ueberhaupt
nicht; ich ging. Die hohen Tueren gaben so spielend nach vor mir und
ueber mir, die Zimmer, durch die ich kam, hielten sich ruhig. Und
endlich merkte ich an der Tiefe, die mich anwehte, dass ich in die
Galerie getreten sei. Ich fuehlte auf der rechten Seite die Fenster
mit der Nacht, und links mussten die Bilder sein. Ich hob mein Licht
so hoch ich konnte. Ja: da waren die Bilder.
Erst nahm ich mir vor, nur nach den Frauen zu sehen, aber dann
erkannte ich eines und ein anderes, das aehnlich in Ulsgaard hing, und
wenn ich sie so von unten beschien, so ruehrten sie sich und wollten
ans Licht, und es schien mir herzlos, das nicht wenigstens abzuwarten.
Da war immer wieder Christian der Vierte mit der schoen geflochtenen
Cadenette neben der breiten, langsam gewoelbten Wange. Da waren
vermutlich seine Frauen, von denen ich nur Kirstine Munk kannte; und
ploetzlich sah mich Frau Ellen Marsvin an, argwoehnisch in ihrer
Witwentracht und mit derselben Perlenschnur auf der Krempe des hohen
Huts. Da waren Koenig Christians Kinder: immer wieder frische aus
neuen Frauen, die 'unvergleichliche' Eleonore auf einem weissen
Passgaenger in ihrer glaenzendsten Zeit, vor der Heimsuchung. Die
Gyldenloeves: Hans Ulrik, von dem die Frauen in Spanien meinten, dass er
sich das Antlitz male, so voller Blut war er, und Ulrik Christian, den
man nicht wieder vergass. Und beinahe alle Ulfelds. Und dieser da,
mit dem einen schwarzuebermalten Auge, konnte wohl Henrik Holck sein,
der mit dreiunddreissig Jahren Reichsgraf war und Feldmarschall, und
das kam so: ihm traeumte auf dem Wege zu Jungfrau Hilleborg Krafse, es
wuerde ihm statt der Braut ein blosses Schwert gegeben: und er nahm
sichs zu Herzen und kehrte um und begann sein kurzes, verwegenes Leben,
das mit der Pest endete. Die kannte ich alle. Auch die Gesandten
vom Kongress zu Nimwegen hatten wir auf Ulsgaard, die einander ein
wenig glichen, weil sie alle auf einmal gemalt worden waren, jeder mit
der schmalen, gestutzten Bartbraue ueber dem sinnlichen, fast
schauenden Munde. Dass ich Herzog Ulrich erkannte, ist
selbstverstaendlich, und Otte Brahe und Claus Daa und Sten Rosensparre,
den Letzten seines Geschlechts; denn von ihnen allen hatte ich Bilder
im Saal zu Ulsgaard gesehen, oder ich hatte in alten Mappen
Kupferstiche gefunden, die sie darstellten.
Aber dann waren viele da, die ich nie gesehen hatte; wenige Frauen,
aber es waren Kinder da. Mein Arm war laengst muede geworden und
zitterte, aber ich hob doch immer wieder das Licht, um die Kinder zu
sehen. Ich begriff sie, diese kleinen Maedchen, die einen Vogel auf
der Hand trugen und ihn vergassen. Manchmal sass ein kleiner Hund bei
ihnen unten, ein Ball lag da, und auf dem Tisch nebenan gab es Fruechte
und Blumen; und dahinter an der Saeule hing, klein und vorlaeufig, das
Wappen der Grubbe oder der Bille oder der Rosenkrantz. So viel hatte
man um sie zusammengetragen, als ob eine Menge gutzumachen waere. Sie
aber standen einfach in ihren Kleidern und warteten; man sah, dass sie
warteten. Und da musste ich wieder an die Frauen denken und an
Christine Brahe, und ob ich sie erkennen wuerde.
Ich wollte rasch bis ganz ans Ende laufen und von dort zurueckgehen und
suchen, aber da stiess ich an etwas. Ich drehte mich so jaeh herum, dass
der kleine Erik zuruecksprang und fluesterte: "Gieb acht mit deinem
Licht."
"Du bist da?" sagte ich atemlos, und ich war nicht im klaren, ob das
gut sei oder ganz und gar schlimm. Er lachte nur, und ich wusste nicht,
was weiter. Mein Licht flackerte, und ich konnte den Ausdruck seines
Gesichts nicht recht erkennen. Es war doch wohl schlimm, dass er da
war. Aber da sagte er, indem er naeher kam: "Ihr Bild ist nicht da,
wir suchen es immer noch oben." Mit seiner halben Stimme und dem
einen beweglichen Auge wies er irgendwie hinauf. Und ich begriff, dass
er den Boden meinte. Aber auf einmal kam mir ein merkwuerdiger Gedanke.
"Wir?" fragte ich, "ist sie denn oben?"
"Ja", nickte er und stand dicht neben mir.
"Sie sucht selber mit?" "Ja, wir suchen."
"Man hat es also fortgestellt, das Bild?"
"Ja, denk nur", sagte er empoert. Aber ich begriff nicht recht, was
sie damit wollte.
"Sie will sich sehen", fluesterte er ganz nah.
"Ja so", machte ich, als ob ich verstuende. Da blies er mir das Licht
aus. Ich sah, wie er sich vorstreckte, ins Helle hinein, mit ganz
hochgezogenen Augenbrauen. Dann wars dunkel. Ich trat unwillkuerlich
zurueck.
"Was machst du denn?" rief ich unterdrueckt und war ganz trocken im
Halse. Er sprang mir nach und haengte sich an meinen Arm und kicherte.
"Was denn?" fuhr ich ihn an und wollte ihn abschuetteln, aber er hing
fest. Ich konnte es nicht hindern, dass er den Arm um meinen Hals
legte.
"Soll ich es sagen?" zischte er, und ein wenig Speichel spritzte mir
ins Ohr.
"Ja, ja, schnell."
Ich wusste nicht, was ich redete. Er umarmte mich nun voellig und
streckte sich dabei.
"Ich hab ihr einen Spiegel gebracht", sagte er und kicherte wieder.
"Einen Spiegel?"
"Ja, weil doch das Bild nicht da ist."
"Nein, nein", machte ich.
Er zog mich auf einmal etwas weiter nach dem Fenster hin und kniff
mich so scharf in den Oberarm, dass ich schrie.
"Sie ist nicht drin", blies er mir ins Ohr.
Ich stiess ihn unwillkuerlich von mir weg, etwas knackte an ihm, mir war,
als haette ich ihn zerbrochen.
"Geh, geh", und jetzt musste ich selber lachen, "nicht drin, wieso denn
nicht drin?"
"Du bist dumm", gab er boese zurueck und fluesterte nicht mehr. Seine
Stimme war umgeschlagen, als begaenne er nun ein neues, noch
ungebrauchtes Stueck. "Man ist entweder drin", diktierte er altklug
und streng, "dann ist man nicht hier; oder wenn man hier ist, kann man
nicht drin sein."
"Natuerlich", antwortete ich schnell, ohne nachzudenken. Ich hatte
Angst, er koennte sonst fortgehen und mich allein lassen. Ich griff
sogar nach ihm.
"Wollen wir Freunde sein?" schlug ich vor. Er liess sich bitten. "Mir
ists gleich", sagte er keck.
Ich versuchte unsere Freundschaft zu beginnen, aber ich wagte nicht,
ihn zu umarmen. "Lieber Erik", brachte ich nur heraus und ruehrte ihn
irgendwo ein bisschen an. Ich war auf einmal sehr muede. Ich sah mich
um; ich verstand nicht mehr, wie ich hierher gekommen war und dass ich
mich nicht gefuerchtet hatte. Ich wusste nicht recht, wo die Fenster
waren und wo die Bilder. Und als wir gingen, musste er mich fuehren.
"Sie tun dir nichts", versicherte er grossmuetig und kicherte wieder.
Lieber, lieber Erik; vielleicht bist du doch mein einziger Freund
gewesen. Denn ich habe nie einen gehabt. Es ist schade, dass du auf
Freundschaft nichts gabst. Ich haette dir manches erzaehlen moegen.
Vielleicht haetten wir uns vertragen. Man kann nicht wissen. Ich
erinnere mich, dass damals dein Bild gemalt wurde. Der Grossvater hatte
jemanden kommen lassen, der dich malte. Jeden Morgen eine Stunde.
Ich kann mich nicht besinnen, wie der Maler aussah, sein Name ist mir
entfallen, obwohl Mathilde Brahe ihn jeden Augenblick wiederholte.
Ob er dich gesehen hat, wie ich dich seh? Du trugst einen Anzug von
heliotropfarbenem Samt. Mathilde Brahe schwaermte fuer diesen Anzug.
Aber das ist nun gleichgueltig. Nur ob er dich gesehen hat, moechte ich
wissen. Nehmen wir an, dass es ein wirklicher Maler war.Nehmen wir an,
dass er nicht daran dachte, dass du sterben koenntest, ehe er fertig
wuerde; dass er die Sache gar nicht sentimental ansah; dass er einfach
arbeitete. Dass die Ungleichheit deiner beiden braunen Augen ihn
entzueckte; dass er keinen Moment sich schaemte fuer das unbewegliche; dass
er den Takt hatte, nichts hinzuzulegen auf den Tisch zu deiner Hand,
die sich vielleicht ein wenig stuetzte--. Nehmen wir sonst noch alles
Noetige an und lassen es gelten: so ist ein Bild da, dein Bild, in der
Galerie auf Urnekloster das letzte.
(Und wenn man geht, und man hat sie alle gesehen, so ist da noch ein
Knabe. Einen Augenblick: wer ist das? Ein Brahe. Siehst du den
silbernen Pfahl im schwarzen Feld und die Pfauenfedern? Da steht auch
der Name: Erik Brahe. War das nicht ein Erik Brahe, der hingerichtet
worden ist? Natuerlich, das ist bekannt genug. Aber um den kann es
sich nicht handeln. Dieser Knabe ist als Knabe gestorben, gleichviel
wann. Kannst du das nicht sehen?)
Wenn Besuch da war und Erik wurde gerufen, so versicherte das Fraeulein
Mathilde Brahe jedesmal, es sei geradezu unglaublich, wie sehr er der
alten Graefin Brahe gliche, meiner Grossmutter. Sie soll eine sehr
grosse Dame gewesen sein. Ich habe sie nicht gekannt. Dagegen
erinnere ich mich sehr gut an die Mutter meines Vaters, die
eigentliche Herrin auf Ulsgaard. Das war sie wohl immer geblieben,
wie sehr sie es auch Maman uebelnahm, dass sie als des Jaegermeisters
Frau ins Haus gekommen war. Seither tat sie bestaendig, als zoege sie
sich zurueck, und schickte die Dienstleute mit jeder Kleinigkeit weiter
zu Maman hinein, waehrend sie in wichtigen Angelegenheiten ruhig
entschied und verfuegte, ohne irgend jemandem Rechenschaft abzulegen.
Maman, glaube ich, wuenschte es gar nicht anders. Sie war so wenig
gemacht, ein grosses Haus zu uebersehen, ihr fehlte voellig die
Einteilung der Dinge in nebensaechliche und wichtige. Alles, wovon man
ihr sprach, schien ihr immer das Ganze zu sein, und sie vergass darueber
das andere, das doch auch noch da war. Sie beklagte sich nie ueber
ihre Schwiegermutter. Und bei wem haette sie sich auch beklagen
sollen? Vater war ein aeusserst respektvoller Sohn, und Grossvater hatte
wenig zu sagen.
Frau Margarete Brigge war immer schon, soweit ich denken kann, eine
hochgewachsene, unzugaengliche Greisin. Ich kann mir nicht anders
vorstellen, als dass sie viel aelter gewesen sei, als der Kammerherr.
Sie lebte mitten unter uns ihr Leben, ohne auf jemanden Ruecksicht zu
nehmen. Sie war auf keinen von uns angewiesen und hatte immer eine
Art Gesellschafterin, eine alternde Komtesse Oxe, um sich, die sie
sich durch ihrgendeine Wohltat unbegrenzt verpflichtet hatte. Dies
musste eine einzelne Ausnahme gewesen sein, denn wohltun war sonst
nicht ihre Art. Sie liebte keine Kinder, und Tiere durften nicht in
ihre Naehe. Ich weiss nicht, ob sie sonst etwas liebte. Es wurde
erzaehlt, dass sie als ganz junges Maedchen dem schoenen Felix Lichnowski
verlobt gewesen sei, der dann in Frankfurt so grausam ums Leben kam.
Und in der Tat war nach ihrem Tode ein Bildnis des Fuersten da, das,
wenn ich nicht irre, an die Familie zurueckgegeben worden ist.
Vielleicht, denke ich mir jetzt, versaeumte sie ueber diesem
eingezogenen laendlichen Leben, das das Leben auf Ulsgaard von Jahr zu
Jahr mehr geworden war, ein anderes, glaenzendes: ihr natuerliches. Es
ist schwer zu sagen, ob sie es betrauerte. Vielleicht verachtete sie
es dafuer, dass es nicht gekommen war, dass es die Gelegenheit verfehlt
hatte, mit Geschick und Talent gelebt worden zu sein. Sie hatte alles
dies so weit in sich hineingenommen und hatte darueber Schalen
angesetzt, viele, sproede, ein wenig metallisch glaenzende Schalen,
deren jeweilig oberste sich neu und kuehl ausnahm. Bisweilen freilich
verriet sie sich doch durch eine naive Ungeduld, nicht genuegend
beachtet zu sein; zu meiner Zeit konnte sie sich dann bei Tische
ploetzlich verschlucken auf irgendeine deutliche und komplizierte Art,
die ihr die Teilnahme aller sicherte und sie, fuer einen Augenblick
wenigstens, so sensationell und spannend erscheinen liess, wie sie es
im Grossen haette sein moegen. Indessen vermute ich, dass mein Vater der
einzige war, der diese viel zu haeufigen Zufaelle ernst nahm. Er sah
ihr, hoeflich voruebergeneigt, zu, man konnte merken, wie er ihr in
Gedanken seine eigene, ordentliche Luftroehre gleichsam anbot und ganz
zur Verfuegung stellte. Der Kammerherr hatte natuerlich gleichfalls zu
essen aufgehoert; er nahm einen kleinen Schluck Wein und enthielt sich
jeder Meinung.
Er hatte bei Tische ein einziges Mal die seinige seiner Gemahlin
gegenueber aufrechterhalten. Das war lange her; aber die Geschichte
wurde doch noch boshaft und heimlich weitergegeben; es gab fast
ueberall jemanden, der sie noch nicht gehoert hatte. Es hiess, dass die
Kammerherrin zu einer gewissen Zeit sich sehr ueber Weinfieckeereifern
konnte, die durch Ungeschicklichkeit ins Tischzeug gerieten; dass ein
solcher Fleck, bei welchem Anlass er auch passieren mochte, von ihr
bemerkt und unter dem heftigsten Tadel sozusagen blossgestellt wurde.
Dazu waere es auch einmal gekommen, als man mehrere und namhafte Gaeste
hatte. Ein paar unschuldige Flecke, die sie uebertrieb, wurden der
Gegenstand ihrer hoehnischen Anschuldigungen, und wie sehr der
Grossvater sich auch bemuehte, sie durch kleine Zeichen und scherzhafte
Zurufe zu ermahnen, so waere sie doch eigensinnig bei ihren Vorwuerfen
geblieben, die sie dann allerdings mitten im Satze stehen lassen musste.
Es geschah naemlich etwas nie Dagewesenes und voellig Unbegreifliches.
Der Kammerherr hatte sich den Rotwein geben lassen, der gerade
herumgereicht worden war, und war nun in aller Aufmerksamkeit dabei,
sein Glas selber zu fuellen. Nur dass er, wunderbarerweise, einzugiessen
nicht aufhoerte, als es laengst voll war, sondern unter zunehmender
Stille langsam und vorsichtig weitergoss, bis Maman, die nie an sich
halten konnte, auflachte und damit die ganze Angelegenheit nach dem
Lachen hin in Ordnung brachte. Denn nun stimmten alle erleichtert ein,
und der Kammerherr sah auf und reichte dem Diener die Flasche.
Spaeter gewann eine andere Eigenheit die Oberhand bei meiner Grossmutter.
Sie konnte es nicht ertragen, dass jemand im Hause erkrankte. Einmal,
als die Koechin sich verletzt hatte und sie sah sie zufaellig mit der
eingebundenen Hand, behauptete sie, das Jodoform im ganzen Hause zu
riechen, und war schwer zu ueberzeugen, dass man die Person daraufhin
nicht entlassen koenne. Sie wollte nicht an das Kranksein erinnert
werden. Hatte jemand die Unvorsichtigkeit, vor ihr irgendein kleines
Unbehagen zu aeussern, so war das nichts anderes als eine persoenliche
Kraenkung fuer sie, und sie trug sie ihm lange nach.
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